Das 51:49-Prinzip – Lebendige Asymmetrie als Naturgesetz und die Illusion symmetrischer Weltbilder-Orginal.

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

1. Einleitung

In allen etablierten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Disziplinen lässt sich eine grundlegende Vernachlässigung eines einfachen Naturprinzips beobachten: der produktiven Ungleichheit. Diese Abhandlung argumentiert aus der Perspektive der Plastischen Anthropologie 51:49, dass ein minimaler asymmetrischer Überschuss – im Bild 51:49 – das „Betriebssystem“ der Natur und Grundlage lebendiger Rückkopplungsprozesse darstellt. Demgegenüber operieren viele klassische Konzepte der Philosophie, Gesellschaftstheorie, Anthropologie, Rechts- und Wirtschaftssysteme sowie der Wissenschaftstheorie implizit mit illusorischen Symmetrieannahmen (im Bild 50:50) und „tun so als ob“ – als ob absolute Ausgewogenheit, strikte Trennung oder perfekte Gegenseitigkeit möglich wäre. Diese Symmetrie-Fiktionen – etwa in Begriffen wie Eigentum, Autonomie, Subjekt, Unverletzlichkeit, wissenschaftliche Objektivität oder Systemrationalität – konstruieren eine scheinbar geordnete Wirklichkeit, bilden jedoch die reale Dynamik des Lebens nur selektiv-konstruktivistisch ab.

Die Zielsetzung dieser Abhandlung ist zweifach: Erstens soll aufgezeigt werden, wie diese Disziplinen das 51:49-Prinzip systematisch verweigern und dadurch ein verzerrtes Weltbild erzeugen. Zweitens soll dargelegt werden, dass dieses kollektive „So-tun-als-ob“ asymmetrische Schieflagen (bis hin zu 99:1-Machtverhältnissen) begünstigt und letztlich eine Form kollektiver Selbstzerstörung ermöglicht. Denn während wir an Symmetriefiktionen festhalten, entfernen wir uns von der tatsächlichen Funktionsweise lebendiger Organisation – der plastischen Selbstindividuation unter Widerstand (51:49). So entsteht ein gefährliches Missverhältnis: menschliche Systeme streben nach starrer Symmetrie, während die Natur in ihrer lebendigen Rückkopplungsidentität immer schon mit leichten Ungleichgewichten arbeitet.

Der Autor dieser Arbeit nähert sich dem Thema auch aus künstlerischer Erfahrung: In der bildhauerischen Praxis etwa erweist sich, dass das Formen von Material immer ein Dialog aus Aktion und Reaktion ist – ein plastischer Prozess, in dem der Künstler 51% Initiative einbringt, das Material aber mit 49% Eigengesetzlichkeit antwortet. Diese Perspektive einer Plastischen Anthropologie schärft den Blick für die Einseitigkeiten vieler philosophischer Lehren und gesellschaftlicher Dogmen. Sie fragt: Was bleibt vom Ich, vom Menschen, vom Denken und vom Erkennen, wenn alle symbolischen Abmachungen der Gesellschaft dekonstruiert werden? Die vorliegende Abhandlung unternimmt diese Dekonstruktion im interdisziplinären Rahmen. Begriffe aus der Plastischen Anthropologie 51:49 – etwa Selbstwerdung im Vollzug, Rückkopplungsidentität, Verletzungswelt oder asymmetrische Wirkkräfte – dienen als analytische Werkzeuge, um die verborgene Asymmetrie des Lebendigen freizulegen.

2. Das 51:49-Prinzip als Betriebssystem der Natur

Entgegen unserem ästhetischen Wunschdenken ist die Natur in ihren grundlegenden Prozessen niemals perfekt symmetrisch. Bereits in der Physik zeigt sich, dass minimale Ungleichgewichte die Voraussetzung dafür waren, dass es überhaupt eine persistierende materielle Welt gibt. Wären Materie und Antimaterie nach dem Urknall exakt zu gleichen Teilen (50:50) entstanden, hätten sie einander restlos vernichtet – übrig bliebe nur Strahlung, kein Stern, kein Planet, kein Leben. Tatsache aber ist, dass es einen winzigen Überschuss an Materie gab – nach Schätzungen etwa ein Teilchen auf eine Milliarde. Alles, was wir heute im Universum sehen, geht auf diese minimale Asymmetrie zurück. Mit anderen Worten: Nur die Verletzung der perfekten Symmetrie ermöglichte unsere Existenz. Selbst in der Teilchenphysik mussten Forscher erkennen, dass fundamentale Naturgesetze nicht für Materie und Antimaterie völlig gleich gelten; sogenannte C-Symmetrien werden verletzt, etwa in der schwachen Wechselwirkung (Neutrinos verhalten sich „linkshändig“ anders als ihre Antiteilchen).

Auch auf anderen Ebenen ist Asymmetrie ein Lebensprinzip. Viele biologische Strukturen brechen frühere Symmetrien auf: etwa die Links-Rechts-Seitenungleichheit bei Herz und Organen in der Embryonalentwicklung, gesteuert durch winzige anfängliche Fluktuationen. Entwicklungsbiologen sprechen vom Symmetriebruch als Voraussetzung für Differenzierung und komplexe Musterbildung. So entsteht aus der einheitlichen Eizelle ein polarer Embryo mit Kopf und Schwanz, aus homogener Zellmasse ein geordnetes, aber nie völlig symmetrisches Lebewesen. Kein lebender Organismus ist streng symmetrisch – absolute Bilateralität oder Radialsymmetrie sind in der Natur allenfalls idealisierte Grenzfälle, meist stören doch zumindest interne Unterschiede das perfekte Gleichmaß. Gerade diese leichten Ungleichheiten machen Lebewesen flexibler und anpassungsfähiger: Sie schaffen ein metastabiles System, das auf Veränderungen reagieren und neue Formen hervorbringen kann. Der Philosoph Gilbert Simondon beschreibt Individuation daher als fortdauernden Prozess in einem metastabilen System: Jedes Individuum trägt eine asymmetrische Unausgeglichenheit in sich, die Spannung erzeugt und nach neuen Gleichgewichtsformen verlangt. Metastabilität bedeutet, ein System befindet sich nie in starrem Gleichgewicht (50:50), sondern in einer elastischen Balance (51:49), die ständigen Wandel ermöglicht.

Das 51:49-Prinzip lässt sich metaphorisch als Betriebssystem der Natur verstehen: Ein minimaler Vorsprung eines Elements über ein anderes initiiert Dynamik und Feedback. Perfekte Statik (50:50) hingehen bedeutet Stillstand – im Extremfall den Wärmetod oder das Ausbleiben jeglicher Entwicklung. In einer solchen Perspektive erscheint das Leben selbst als Selbstorganisation durch Ungleichgewicht. In der Biologie der Selbstorganisation (Autopoiesis) betonen Maturana und Varela, dass Lebewesen und Umwelt nicht in starrer Objekt-Subjekt-Symmetrie interagieren, sondern der Organismus seine Welt aktiv hervorbringt, indem er bestimmte Reize verstärkt und andere ausblendetgoodreads.com. Es besteht keine 1:1-Entsprechung zwischen Außenwelt und Innenwelt; vielmehr „ist die Welt, die jeder sieht, nicht die Welt an sich, sondern eine Welt, die wir gemeinsam mit anderen hervorbringen“. Die scheinbare Passgenauigkeit zwischen Organismus und Umwelt ist das Ergebnis einer langen, asymmetrischen Rückkopplung: Organismen passen sich an Nischen an und prägen umgekehrt ihre Umgebung – jedoch nie vollkommen gegenseitig, sondern immer mit einem Überschuss auf einer Seite, der Änderungen antreibt.

Zusammengefasst ist Asymmetrie kein Fehler im System, sondern die Grundbedingung von Evolution und Leben. Das 51:49-Prinzip symbolisiert diese produktive Unwucht. Ob im Kosmos, in Ökosystemen oder in neuronalen Netzen des Gehirns – minimale Vorlieben, zufällige Schwankungen oder einseitige Verstärkungen führen dazu, dass Strukturen entstehen, anstatt in Symmetrie zu verharren. Schon ein „left-handed“ Übergewicht in Molekülen (Chiralität) hat beispielsweise enorme Folgen: Alle irdischen Aminosäuren sind linkshändig; eine 50:50-Mischung wäre biochemisch lebensfeindlich. Die Natur „entscheidet“ sich überall für 51:49 statt 50:50 und sichert so Dynamik und Anpassungsfähigkeit.

3. Symmetrische Illusionen in Philosophie, Recht, Wirtschaft und Wissenschaft

Trotz der offenkundigen Bedeutung asymmetrischer Prozesse für das Leben bauen zahlreiche Schlüsselkonzepte unserer Kultur auf einem impliziten Ideal der Symmetrie auf. Diese Konzepte unterstellen Verhältnisse perfekter Ausgeglichenheit oder klare dichotome Trennungen – gewissermaßen 50:50-Gleichstände – wo tatsächlich komplexe Ungleichgewichte herrschen. Im Folgenden werden einige dieser Symmetrie-Illusionen in verschiedenen Disziplinen beleuchtet:

3.1 Der autonome Subjekt-Begriff und die Illusion der Unabhängigkeit

In der Philosophie und Anthropologie der Moderne dominiert das Bild des autonomen Subjekts: der Mensch als souveränes Ich, das sich rational und unabhängig von äußerer Beeinflussung definiert. Diese Vorstellung trägt eine versteckte 50:50-Annahme in sich – nämlich die strikte Trennung von Subjekt und Objekt, von Selbst und Welt. Das Subjekt erscheint als geschlossene Einheit, die der Welt gegenübersteht wie ein Spiegelbild oder Vertragspartner auf gleicher Augenhöhe. Doch diese Symmetrie ist trügerisch. Tatsächlich ist das Ich kein unveränderlicher, isolierter Kern, sondern entsteht überhaupt erst in Relation zur Umwelt und zu Anderen. Moderne Sozialphilosophen wie Levinas und seine Interpreten weisen darauf hin, dass soziale Beziehungen immer von einer grundsätzlichen Asymmetrie geprägt sind: „Nicht wechselseitige Gleichheit, sondern wechselseitige Ungleichheit steht am Anfang des Sozialen.“. Jeder Mensch wird in Abhängigkeit von anderen zu dem, der er ist; Anerkennung, Sprache und Kultur gehen der autonomen Selbstbestimmung voraus und rahmen sie ein. Der Philosoph Hegel zeigte im berühmten Herr-Knecht-Dialektik auf, dass Selbstbewusstsein aus einem ungleichen Macht- und Abhängigkeitsverhältnis hervorgeht – eine Seite beherrscht, die andere dient, und erst durch diese ungleiche Beziehung entwickeln beide ein Bewusstsein ihrer selbst. Das Subjekt konstituiert sich also im Gegenüber, nicht im luftleeren Raum, und meist nicht unter ideal symmetrischen Bedingungen, sondern in Hierarchien, in Familie, Sprache, Erziehung – lauter einseitigen Prägungen. Die Annahme einer vollständig autonomen, unverwundbaren Person (Unverletzlichkeit des Subjekts) entpuppt sich als normative Fiktion: In Wirklichkeit leben wir in einer Verletzungswelt, sind durch andere berühr- und verletzbar, und genau diese Verwundbarkeit macht unsere ethische und soziale Existenz aus. Die Plastische Anthropologie betont hier die Rückkopplungsidentität: Das Ich entsteht im Vollzug der Beziehungen (im 51:49-Modus), ständig geformt durch Rückmeldungen seiner Umwelt. Ein autonomes Subjekt im strengen Sinn – 100% Herr seiner selbst – ist eine Illusion. Real ist ein plastisches Selbst, das sich in jeder Begegnung minimal verändert.

3.2 Eigentum und Rechtsordnung: Fiktion der klaren Grenze

Ein zentrales Fundament moderner Gesellschaften ist das Konzept des Eigentums. Eigentum behauptet eine scharfe symmetrische Trennlinie zwischen mein und dein, eine 100%ige Verfügungsmacht des Eigentümers über eine Sache und den vollständigen Ausschluss aller anderen. Auch hier wird “so getan, als ob” die Welt sich in solch absolute Binärzonen aufteilen ließe – ein Objekt gehört entweder mir oder nicht mir (50:50). Doch diese Vereinbarung ignoriert, dass Ressourcen in der Natur nicht wirklich isoliert existieren. Die Luft, das Wasser, sogar genetische Informationen machen nicht Halt vor juristischen Grenzziehungen. Eigentum ist eine symbolische Absprache, die Wirklichkeit selektiv einfriert. Anthropologisch betrachtet sind menschliche Kulturen lange mit gemeinschaftlichen Nutzungsrechten, fließenden Übergängen und geteilten Ressourcen ausgekommen; das strikt exklusive Privateigentum ist ein spätes Konstrukt, das auf der Fiktion beruht, Individuen seien völlig getrennte Einheiten mit symmetrischen Rechten. In Wahrheit aber bringt Eigentum asymmetrische Macht mit sich – und tendiert zur weiteren Asymmetrisierung von Besitz und Einfluss. So besitzt heute etwa das reichste 1% der Weltbevölkerung mehr Vermögen als die restlichen 99% zusammen. Die juristische Symmetrie vorm Gesetz („alle Eigentümer sind gleich“) verdeckt faktisch eine drastische Schieflage. Ähnliches gilt für die Idee der Vertragsfreiheit und Autonomie im Recht: Theoretisch begegnen sich zwei Parteien als Gleiche (50:50) und schließen freiwillig Verträge. Praktisch jedoch stehen dahinter oft ungleiche Verhandlungsmacht, Wissensvorsprünge oder ökonomischer Zwang – asymmetrische Wirkkräfte, die im vermeintlich neutralen Rechtsakt unsichtbar bleiben.

Das Konzept der Unverletzlichkeit (etwa der körperlichen Unversehrtheit oder der Souveränität von Staaten) zeugt ebenso von einem idealisierten Symmetriegedanken. Es suggeriert, Grenzen ließen sich absolut schützen und Individuen oder Kollektive könnten vollständig immun gegenüber Übergriffen existieren. Die Realität einer Verletzungswelt zeigt jedoch, dass absolute Sicherheit unerreichbar ist – sei es im physischen Sinne (kein Körper ist jemals 100% vor Krankheit oder Gewalt gefeit) oder im informationellen (kein System ist absolut „dicht“ gegen Einfluss von außen). Die symmetrische Vorstellung einer unverletzlichen Sphäre verkennt das Grundphänomen der Offenheit: Leben bedeutet Austausch und damit auch Verwundbarkeit. Die plastische Anthropologie hält dem entgegen, dass Widerfahrnisse – das Erleiden von Einwirkungen – konstitutiv für die Ausbildung von Identität sind. Nur ein Wesen, das verletzt werden kann, kann überhaupt Erfahrung und Erkenntnis gewinnen; völlige Unverletzlichkeit wäre statisch und leblos.

3.3 Systemrationalität und wissenschaftliche Objektivität: Die Fiktion des neutralen Beobachters

In der modernen Wissenschaftstheorie herrscht seit Descartes der Anspruch, durch methodische Objektivität eine von allen Subjektivitäten bereinigte, symmetrisch für jeden Betrachter gleiche Beschreibung der Welt zu erreichen. Die Naturwissenschaften streben nach universellen, schön symmetrischen Gesetzmäßigkeiten, die überall und jederzeit gelten. Tatsächlich konnten viele physikalische Theorien aus Symmetrieprinzipien abgeleitet werden – man denke an Paul Diracs Gleichung, die aus Schönheitsgründen eine Symmetrie annahm und damit sogar die Existenz von Antimaterie vorhersagte. Doch der Erfolg solcher Theorien hat eine Tendenz verstärkt, Symmetrie mit Wahrheit gleichzusetzenbigthink.com. Dabei wird oft übersehen, dass die Welt nicht deckungsgleich mit unseren Theorien ist. Jedes wissenschaftliche Modell konstruiert Ausschnitte der Wirklichkeit und abstrahiert andere Aspekte weg. Konstruktivistische Erkenntnistheoretiker wie Watzlawick mahnen daher: „Jede Wirklichkeit ist die Konstruktion derer, die zu glauben meinen, sie hätten sie entdeckt“. Mit anderen Worten: Was die Wissenschaft als „objektive Realität“ präsentiert, ist immer auch Ergebnis von Konventionen, Axiomen und Ausschlussverfahren – ein systematischer Selektionsprozess, der viele Faktoren (Kontext, Beobachtereffekte, Unschärfen) ausblendet, um ein klares symmetrisches Bild zu erzeugen.

Ähnliches gilt für die Systemrationalität etwa der Ökonomie oder Verwaltung: Sie operiert mit idealisierten Modellen (Homo oeconomicus, vollständige Information, Marktgleichgewicht), die alle Akteure und Optionen in ein formal symmetrisches Raster pressen. Die tatsächliche Ökonomie hingegen ist geprägt von Informationsasymmetrien, Machtgefällen und externen Effekten. So wurden in der Finanztheorie Risiken lange als statistisch symmetrisch verteilbar betrachtet – bis Krisen offenbarten, dass Verluste gesellschaftlich aufgefangen werden (Staat, Allgemeinheit), während Gewinne privat akkumuliert werden: eine asymmetrische Verteilung von Verantwortung und Nutzen (Moral Hazard). Instrumentelle Vernunft (Horkheimer/Adorno) in Bürokratien geht ähnlich vor, indem sie qualitative Unterschiede und Ungleichheiten in standardisierte, „faire“ Verfahren übersetzt. Doch die scheinbar neutrale Rationalität kann blind werden für systematische Verzerrungen. Beispielsweise vermitteln Algorithmen oder vermeintlich objektive Kriterien den Anschein gerechter Symmetrie, reproduzieren aber unbemerkt bestehende Diskriminierungen, weil sie auf Daten beruhen, die eine ungleiche Vergangenheit widerspiegeln.

Schließlich verdient der Begriff der Wissenschaftlichkeit selbst kritische Betrachtung: Er suggeriert, Forschung sei in idealer Weise selbstkorrigierend und neutral – jeder Forscher ein austauschbarer Beobachter (50:50 gegenüber der Natur). Doch die tatsächliche Praxis ist eingebettet in soziale Strukturen, Machtspiele (etwa wer Zugang zu Publikationsorganen hat) und Paradigmen. Thomas Kuhn zeigte, dass wissenschaftliche Gemeinschaften an bestimmten Weltbildern festhalten, bis Anomalien zu groß werden – Erkenntnis fortschritt erfolgt also diskontinuierlich, nicht linear-symmetrisch kumulativ. Der gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (Berger/Luckmann) zufolge sind sogar grundlegende Kategorien wie Zeit, Raum, Kausalität in gewissem Maße sozial mitkonstituiert. Es ist daher illusionär, anzunehmen, die Wissenschaft spiegele die Natur 1:1; vielmehr formt sie die Natur nach ihren Fragen und Methoden. Der Philosoph Hans Vaihinger beschrieb bereits 1911 in der Philosophie des Als Ob, dass wir in Wissenschaft und Alltag oft bewusst mit Fiktionen operieren, so tun als ob etwas absolut wäre, weil es nützlich ist – wohl wissend (oder ignorierend), dass die Wirklichkeit komplexer ist. Solche heuristischen Fiktionen (z. B. idealisierte Gase, perfekte Märkte, rationaler Agent) sind zwar hilfreich, dürfen aber nicht mit der vollen Wahrheit verwechselt werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen: In vielen Disziplinen existiert eine tiefe Kluft zwischen dem symmetrischen Anspruch und der asymmetrischen Wirklichkeit. Das verbreitete „So-tun-als-ob“ verleiht unseren Theorien und Systemen zwar Einfachheit und Eleganz, läuft aber Gefahr, lebenswichtige Rückkopplungen auszublenden. Die Plastische Anthropologie 51:49 möchte diese Rückkopplungen wieder sichtbar machen, indem sie auf das latente Ungleichgewicht hinweist, das allem Lebendigen innewohnt.

4. „Als-ob“-Welten und kollektive Selbstzerstörung

Die Weigerung, das 51:49-Prinzip anzuerkennen, bleibt nicht ohne Folgen. Wenn ganze Gesellschaften und Wissenssysteme auf Symmetrie-Fiktionen bauen, entsteht ein verzerrtes Verhältnis zur Realität, das auf lange Sicht destruktiv wirkt. Denn die verleugneten Asymmetrien kehren auf andere Weise verstärkt zurück – häufig in gefährlicher Schieflage.

Ein deutliches Beispiel ist die global wachsende Ungleichheit von Macht und Ressourcen. Während politische Ideale von Gleichheit und Chancengleichheit (50:50) sprechen, hat das „laisser-faire“-Paradigma in der Wirtschaft faktisch extreme Asymmetrien gefördert. Wie bereits erwähnt, kontrolliert ein winziger Bruchteil der Menschheit einen überwältigenden Anteil des Vermögens. Solch ein 99:1-Verhältnis sprengt jede Fiktion symmetrischer Verhältnisse. Dennoch halten die dominanten ökonomischen Narrative (neoklassische Theorie, Wachstumsideologie) an formalen Modellen fest, in denen Ungleichverteilung kaum vorkommt oder als vorübergehende Abweichung gilt. Die Kluft zwischen Rhetorik und Realität wird größer, und das System steuert auf Krisen zu: soziale Spannungen, Vertrauensverlust in Institutionen und Destabilisierung der Demokratien sind Symptome davon. Wenn Menschen langfristig die erfahrbare 90:10- oder 99:1-Welt mit dem 50:50-Versprechen vergleichen, entsteht Verbitterung und Radikalisierung – fruchtbarer Boden für Populismus und Feindseligkeit gegenüber dem „Establishment“. Die Weigerung, asymmetrische Macht ehrlich zu adressieren, führt so zur Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Noch alarmierender zeigt sich die Verdrängung der natürlichen Rückkopplungsprozesse beim Thema Ökologie und Klimawandel. Die neuzeitliche Denkfigur des Menschen als Beherrscher der Natur ging mit einem „als ob“ einher: als ob die Umwelt unendlich ausbeutbar und die Technik allmächtig symmetrisch kontrollierend wäre. Diese Illusion eines einseitigen Vorteils (100:0 – der Mensch nimmt, die Natur gibt) hat sich nun in eine drastische Rückwirkung verkehrt. Die Natur schlägt zurück, und zwar mit der Wucht kumulierter Asymmetrien: Klimakrise, Artensterben, Pandemien. Antonio Guterres, UN-Generalsekretär, formulierte es drastisch: „Die Menschheit führt Krieg gegen die Natur. Das ist selbstmörderisch. Die Natur schlägt immer zurück – und sie tut es bereits mit wachsender Macht.“. Wir haben uns eingeredet, wir könnten uns außerhalb der natürlichen Rückkopplungen stellen (etwa Treibhausgase ungestraft emittieren, Ressourcen entnehmen, ohne Kreisläufe zu schließen), doch nun erleben wir die Konsequenzen dieses Realitätsverlusts. Das Klima etwa reagiert nicht linear-symmetrisch, sondern oft mit Kipppunkten – Phänomene, die kleine Ungleichgewichte rasant verstärken. Jahrzehntelang „als ob nichts wäre“ zu wirtschaften, während die Emissionen stiegen, hat die Bedingungen für extreme asymmetrische Ereignisse geschaffen: etwa dass 1°C globale Erwärmung zu weit häufigeren und intensiveren Wetterextremen führt, die Schäden exponentiell wachsen lassen. So steht die Menschheit paradox vor dem selbst geschaffenen Scherbenhaufen einer falsch verstandenen Symmetrie: Man behandelte die Natur wie einen passiven Partner im Vertrag (50:50: wir nehmen Ressourcen, sie regeneriert sich automatisch), tatsächlich aber haben wir ein empfindliches Netz aus dem Gleichgewicht gebracht.

Auch in der Technologie zeigen sich Tendenzen kollektiver Selbstgefährdung durch „Als-ob“-Prämissen. In der digital vernetzten Welt glaubte man, globale Kommunikation schaffe symmetrische Teilnahme (jeder User gleich einflussreich). Stattdessen haben extreme Zentralisierungs- und Machtasymmetrien neue Abhängigkeiten erzeugt: Einige wenige Konzerne kontrollieren die Daten von Milliarden (wiederum ein 99:1-Verhältnis). Die anfängliche Illusion des egalitären Internets wich der Realität monopolartiger Strukturen. Hier zeigt sich, dass idealistische Annahmen (etwa „Information wants to be free“) den Blick auf die Notwendigkeit von Regulierung und Gegenmacht getrübt haben. Wenn asymmetrische Entwicklungen nicht früh erkannt und korrigiert werden, zementieren sie sich und unterminieren die anfänglichen Gleichheitsziele.

Die größte Gefahr der Symmetrieleugnung liegt jedoch darin, dass sie die Lernfähigkeit von Systemen untergräbt. Ein System, das „so tut als ob“ alles in Ordnung und im Gleichgewicht sei, ignoriert Warnsignale. In der Kybernetik gilt: Nur wer Feedback-Schleifen zulässt, kann sein Verhalten steuern. Unsere Gesellschaft aber neigt dazu, Feedback zu dämpfen oder zu verzerren – etwa ökologische Kosten nicht im Preis abzubilden, soziale Not durch Statistiktricks unsichtbar zu machen oder dissidente Stimmen zu marginalisieren. So entstehen Blasen scheinbarer Stabilität, die abrupt platzen können. Die kollektive Selbstzerstörung geschieht nicht unbedingt als spektakulärer Kollaps, sondern schleichend durch Selbstdesensibilisierung: Wir stumpfen gegenüber den eigenen Lebensgrundlagen ab. Das „Als-ob“ wirkt wie ein Betäubungsmittel, das Schmerzen überdeckt, bis der Organismus schwer erkrankt ist.

Die Diagnose dieser Abhandlung lautet: Ein Großteil unserer Krisen ist hausgemacht durch die Missachtung des 51:49-Prinzips. Indem wir die lebendigen Ungleichgewichte systematisch verleugnen, provozieren wir extreme Ungleichgewichte, die wir dann nicht mehr kontrollieren können. Unsere Symmetriefiktionen begünstigen letztlich asymmetrische Exzesse – sei es eine oligarchische Vermögensverteilung oder eine aus dem Lot geratene Erde. Das vermeintlich rationale „So tun als ob“ entpuppt sich als gefährliche Form kollektiver Unvernunft.

5. Plastische Selbstwerdung: Leben im 51:49-Modus

Angesichts dieser Problemlage plädiert die Plastische Anthropologie 51:49 dafür, das zugrundeliegende Paradigma zu wechseln. Statt weiter krampfhaft Symmetrien zu erzwingen, sollten wir die produktive Asymmetrie des Lebendigen verstehen und zum Vorbild nehmen. Die Natur zeigt uns, dass Selbstwerdung – ob eines Individuums oder eines Systems – durch Widerstand und Ungleichgewicht geschieht.

Der Begriff Selbstwerdung im Vollzug bringt zum Ausdruck, dass Identität kein statischer Zustand, sondern ein ständiger Vorgang ist. Ein Mensch ist nicht einfach ein fertiges Subjekt, sondern wird er selbst, indem er handelt, entscheidet, auf Widerstände stößt und sich daran entfaltet. Dieser Prozess vollzieht sich immer im Ungleichgewicht: neue Erfahrungen werfen uns aus der Bahn, Konflikte fordern uns heraus, innere Widersprüche treiben uns an. In der Psychologie spricht man von der Individuation (C. G. Jung) als lebenslanger Entwicklung, die oft über Krisen und Brüche verläuft. Jede Krise ist ein Ungleichgewicht – etwas in uns oder unserer Umwelt „stimmt nicht“ mit dem bisherigen Gleichgewicht –, doch gerade daraus erwächst die Chance zu Wachstum. Das Motto lautet gewissermaßen: 51:49 statt 50:50 – ein Überschuss an Herausforderung fördert die Selbstentwicklung. Zu große Überforderung (99:1) zerstört hingegen, und völliges Gleichmaß (50:50) lässt uns stagnieren.

Diesen Gedanken finden wir auch im Konzept der Antifragilität, das der Statistiker und Denker Nassim Taleb geprägt hat. Antifragil nennt er Systeme, die nicht nur robust gegenüber Stress sind, sondern durch Variabilität und Störungen sogar besser werden. Sein Beispiel: „Menschliche Knochen werden stärker, wenn sie Stress und Spannung ausgesetzt sind; viele Dinge im Leben profitieren von Unordnung.“. Ein antifragiles System braucht gewissermaßen kleine Schocks, um sich zu optimieren. Unser Immunsystem etwa lernt an kleinen Infektionen; Märkte ohne kontrollierte Schwankungen werden anfällig für große Crashs. Übertragen auf das Individuum heißt das: Widerstände formen den Charakter. Nur wer Verletzlichkeit zulässt und an Problemen arbeitet, kann über sich hinauswachsen. In einem völlig reibungslosen Leben (das utopische „Paradies“ völliger Symmetrie) verkümmert die Persönlichkeit. Nietzsche drückte es poetisch so aus: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“. Chaos steht hier für das lebendige Durcheinander, das uns herausfordert. Der Gegenentwurf, Nietzsches „letzter Mensch“, hat alles so sehr geordnet und abgesichert, dass keine Sterne (Ideale, Neuerungen) mehr geboren werden – ein Zustand tödlicher Langeweile. Mit anderen Worten: Ohne das 51:49-Prinzip der Unruhe, des kreativen Ungleichgewichts, erstarrt die Menschheit.

In der Plastischen Anthropologie werden hierzu mehrere Leitbegriffe eingeführt:

  • Rückkopplungsidentität: Damit ist gemeint, dass Identität immer aus Rückmeldungen (Feedback) entsteht. Das Selbst entwickelt sich durch die Wechselwirkung mit Anderem – sei es der physikalische Widerstand der Welt, soziale Resonanz oder innere psychische Rückkopplungen. Identität ist also kein Kern, sondern ein Schwingungsgeschehen: Das Ich ruft (51%) und die Welt antwortet (49%), oder manchmal umgekehrt. Wichtig ist: Es bleibt immer ein Delta, eine kleine Differenz zwischen dem, was man von sich sendet, und dem, was zurückkommt. Diese Differenz zwingt zur Anpassung oder Neuausrichtung – man lernt, wächst, verändert sich. Ein banales Beispiel: Ich halte mich für humorvoll, aber meine Witze stoßen auf betretenes Schweigen; in der Rückkopplung erkenne ich einen blinden Fleck und justiere mein Selbstbild. So entsteht Selbstkenntnis erst durch die asymmetrische Resonanz der Umwelt. In einer total symmetrischen Spiegelwelt (in der die Umwelt immer exakt bestätigt, was man von sich glaubt) wäre keine Entwicklung möglich – es wäre eine narzisstische Endlosschleife. Daher sollte man asymmetrische Feedbacks nicht als Fehler sehen, sondern als Antrieb der Selbstwerdung im Vollzug.
  • Verletzungswelt: Dieser Begriff hebt hervor, dass unser Dasein von Beginn an durch Verletzbarkeit und Abhängigkeit geprägt ist. Jeder Mensch kommt hilflos zur Welt und ist auf Fürsorge angewiesen – ein asymmetrisches Verhältnis der Stärke, das aber Wachstum ermöglicht. Später bleiben wir zeitlebens körperlich und seelisch verletzlich; keine noch so fortschrittliche Gesellschaft kann absolute Unversehrtheit garantieren. Verletzungswelt meint auch, dass wir einander unausweichlich verletzen (selbst in besten Absichten) – schon das Angesprochen-Werden im Dialog ist laut Levinas asymmetrisch: Einer ruft, der andere antwortet, keiner bleibt unverändert. Statt die Verletzlichkeit zu leugnen (Symmetrieillusion völliger Sicherheit), sollten wir sie als verbindendes Element anerkennen: Sie schafft Empathie und Moral. Nur weil wir einander verwunden können, gibt es so etwas wie Verantwortung und Fürsorge. In der Plastischen Anthropologie gilt Verletzlichkeit nicht als Makel, sondern als Bedingung von Tiefe: Ein Wesen, das wundfähig ist, kann auch Mitgefühl empfinden und sich selbst als Teil eines größeren Lebendigen begreifen.
  • Asymmetrische Wirkkräfte: Hiermit wird der Blick auf die aktiven Kräfte gelenkt, die in jedem Prozess ungleich verteilt walten. Anders gesagt: In jedem natürlichen oder sozialen Prozess gibt es Tendenzen oder Pole, die temporär überwiegen – sei es eine Meinung in einer Diskussion, eine ökologische Population im System, eine Emotion im Individuum. Diese Ungleichgewichte treiben Veränderungen voran. Wichtig ist jedoch, dass asymmetrische Wirkkräfte dynamisch bleiben: Ein Übergewicht kann umschlagen, oder der Minoritätsfaktor gewinnt an Einfluss. Ein statisches Dauerübergewicht (z.B. dauerhafte 99:1-Herrschaft ohne Wechsel) ist instabil oder zerstörerisch. Deshalb betont Plastische Anthropologie 51:49 das Prinzip der plastischen Balance: ungefähr 51% Wirkung hier, 49% dort, damit ein Bias vorhanden ist, aber kein Totalitarismus entsteht. Beispielsweise kann in einer kreativen Arbeit einmal die Intuition dominieren (51) und die Analyse nachordnen (49), ein andermal umgekehrt. Im sozialen Gefüge können asymmetrische Rollen (Lehrer–Schüler, Arzt–Patient) sinnvoll sein, solange Rückkopplungsschleifen existieren, die Übermacht begrenzen (z.B. indem der Schüler später zum Lehrenden wird oder der Patient Expertise über seine Krankheit erlangt). Diese Wechselbezüglichkeit im Ungleichgewicht sorgt für plastische Selbstregulierung.

Die Kunst liefert anschauliche Beispiele für plastische Selbstwerdung unter Widerstand. Beim Bildhauen zum Beispiel formt der Künstler den Stein und erfährt Widerstand: Der Marmor folgt nicht jedem beliebigen Willen; er hat Adern, Bruchrichtungen, Härten. Ein erfahrener Bildhauer lauscht dem Material, geht mit asymmetrischer Demut ans Werk. Michelangelo soll gesagt haben, die Skulptur sei bereits im Stein enthalten, er entferne nur das Überflüssige. Dieser dialogische Prozess entspricht genau dem 51:49-Prinzip: Der Künstler gibt den Impuls (51%), doch das Material „entscheidet“ mit (49%) über die letztendliche Form – etwa indem es an bestimmten Stellen mehr Kraft erfordert, Grenzen setzt oder unerwartete Texturen enthüllt. Das Resultat, das Kunstwerk, ist ein Drittes, das aus der lebendigen Spannung zwischen Absicht und Widerstand entsteht. Ähnliches gilt in der Musik: Ein Interpret hat eine innere Vision, aber im Konzert beeinflussen Akustik, Instrument und Publikum seine Ausführung; er reagiert spontan – ein leichtes Vor und Zurück, wodurch die Aufführung lebendig wird. Kunst als Erfahrung (John Dewey) ist daher paradigmatisch plastisch: Sie vollzieht sich im Zwischenraum, weder rein subjektiv (100) noch rein objektiv (0), sondern intersubjektiv (51:49), und genau daraus schöpft sie ihre kreative Kraft.

Für das Denken selbst gilt nichts anderes. Innovative Ideen entstehen selten durch rein deduktiv-symmetrisches Vorgehen allein, sondern durch das Oszillieren zwischen Ordnung und Chaos, zwischen planvollem Verstand und scheinbar zufälligen Einfällen. Das Gehirn arbeitet mit Differenzen, es verstärkt manche Signale und unterdrückt andere. Neurowissenschaftlich könnte man sagen: Kognition ist ein Feedback-Prozess, in dem Hypothesen (51) an Wahrnehmungen (49) gespiegelt und laufend angepasst werden. Der radikale Konstruktivismus fasst Erkenntnis als Störungssuche auf: Wir wissen, was „real“ ist, vor allem daran, dass es unseren Erwartungen widerstrebt und uns zur Korrektur zwingtgoodreads.com. Ein allwissendes Wesen (50:50, keine Abweichung zwischen Erwartung und Welt) könnte nichts Neues lernen. Wir hingegen lernen gerade aus dem Fehler, der Differenz zwischen unserem Modell und der Rückmeldung der Realität. Das entspricht der Faustregel der Plastischen Anthropologie: Identität und Wissen entstehen in einem Spiel elastischer Asymmetrien.

6. Dekonstruktion der symbolischen Ordnung – Was bleibt vom Ich, vom Menschen, vom Denken, vom Erkennen?

Stellen wir uns nun vor, wir würden tatsächlich alle symbolischen Abmachungen, all die „Als-ob“-Gerüste unserer Gesellschaft konsequent dekonstruieren. Was bliebe übrig, wenn Begriffe wie Eigentum, Nation, Geld, objektive Wahrheit, juristische Person usw. als bloße Konstrukte entlarvt und beiseitegelegt sind? Würden wir in ein Nichts stürzen – oder etwas Elementares freilegen?

Vom Ich bliebe, so die These, kein isolierter rationaler Kern, sondern eine prozessuale Instanz, ein Knoten im Netzwerk des Lebens. Ohne die Zuschreibungen von Rollen, Titeln, Eigenschaften, die uns die Gesellschaft bietet, erkennen wir das Ich als leeren Ort der Wahrnehmung und Handlung, der sich ständig füllt und wieder entleert. Es ist vergleichbar dem Bewusstsein im Buddhismus, das jenseits aller Anhaftungen einfach den Fluss der Erfahrungen erfährt. Doch dies ist kein Nihilismus: Das Ich ist leer nur im Sinne fester Inhalte, aber voll dynamischer Potentialität. Der Mensch würde sich selbst sehen als wesenhaft unvollständig, als ein Werden statt ein Sein. Helmut Plessner, ein Philosoph der Lebensphilosophie, prägte den Begriff der Exzentrischen Positionalität: Der Mensch hat keinen festen Mittelpunkt in sich, sondern steht immer ein Stück außerhalb seiner selbst, reflektiert sich, ist also ein offenes Projekt. Nimmt man alle konventionellen Selbstbeschreibungen weg („Ich bin dies und das“), bleibt genau diese Beweglichkeit: Ich bin der, der sich bildet in jedem Moment.

Vom Menschen als Gattungswesen bliebe entsprechend nicht die Krone der Schöpfung oder das animal rationale, sondern ein natürliches Wesen unter vielen, ausgezeichnet vor allem durch eines – seine Plastizität. In Abwesenheit kultureller Kategorien würde deutlich, dass der Mensch Teil der lebendigen Kontinua ist: biologisch ein Primat, eingebunden in Ökosysteme, existenziell gebunden an Nahrung, Luft, Sozialkontakte. Was ihn besonders macht, ist nicht eine Dualität von Körper und Geist (diese wäre eine kulturelle Setzung), sondern seine außerordentliche Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit. Homo sapiens kann Wüsten wie Eisregionen besiedeln, er kann Sprachen und Werkzeuge erfinden – all das, weil er keine starre, sondern eine „offene“ Form hat. Nimmt man ihm die Krücken der kulturellen Gewissheiten, ist er gezwungen, auf seine ureigenste Fähigkeit zurückzufallen: kreatives Improvisieren. So gesehen bleibt vom Menschen sein improvisatorisches Talent, sein Spieltrieb und Gestaltungswille. Zugleich aber auch seine Bedürftigkeit: Ohne symbolische Ordnung stünde der Mensch vor der rohen Tatsache seiner Bedürftigkeit nach Wärme, Schutz, Gemeinschaft. Es wäre ein klarer Blick auf den Mangel als Konstituens: Weil wir Mängelwesen sind (so formulierte es Arnold Gehlen), schaffen wir Kultur. Ohne die vorhandene Kultur vorweg bliebe diese grundlegende Unruhe spürbar, die nach neuem Sinn und neuer Ordnung strebt.

Vom Denken bliebe – wenn man alle konventionellen Konzepte dekonstruiert – zunächst eine Art schöpferischer Zweifel. Denken wäre nicht mehr das Anwenden erlernter Muster, sondern ein unmittelbares Reagieren auf das, was ist. Es würde sich zeigen, dass Denken an sich weniger ein logisches Schachspiel ist, sondern eher ein ständiges Frage-Stellen und Verknüpfen. Entfernt man alle „richtigen“ Antworten, bleibt die Neugier. Das rohes Denken stellt Fragen: Was ist dies? Was bedeutet jenes? – ohne sofort auf erlernte Begriffe zurückzugreifen. In dieser Haltung nähert sich das Denken wieder dem Staunen, von dem die antike Philosophie ausging. Vielleicht wäre dies der fruchtbarste Zustand: ein Denken, das nicht durch Dogmen oder Disziplingrenzen eingehegt ist, sondern freischwebend sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzt. In gewisser Weise käme man dem Ideal einer unschuldigen Intelligenz näher – wie ein Kind, das ohne Vorurteile Beobachtungen sammelt und Verbindungen knüpft. Das heißt nicht, dass solches Denken willkürlich oder beliebig wäre; es würde nur auf direkter Erfahrung fußen und sich seiner eigenen Konstruktionen bewusst bleiben. Ein solcher Verstand weiß, dass seine Begriffe nur temporäre Hilfsmittel sind, keine absoluten Wahrheiten. Er bleibt offen für Korrektur durch die Realität, also feedback-sensibel (im Sinne der Rückkopplungsidentität). Vielleicht würde unser Denken dadurch sogar an Kreativität gewinnen: Wo alte Begriffe entlarvt und abgelegt sind, entsteht Raum für neue Metaphern und Modelle.

Vom Erkennen schließlich bliebe die demütige Erkenntnis, dass wir immer nur eine Perspektive auf die Wirklichkeit haben. Entfernt man alle objektiven Siegel, würde deutlicher denn je, dass Erkennen ein aktiver Vorgang ist – ein „Kenntlich-Machen“. Wir würden spüren, dass wir die Welt immer interpretieren, nicht einfach abbilden. Doch auch dies ist kein Verlust, sondern ein Gewinn an Ehrlichkeit: Unsere Sicherheiten sind keine Beweise der Wahrheit, als ob die Welt, die jeder sieht, die Welt wäre und nicht nur eine Welt, die wir gemeinsam hervorbringen, mahnt Humberto Maturana. Was bleibt, ist Verantwortung im Erkennen: Wenn es kein von außen garantiertes Wissen gibt, liegt es an uns, wie wir unsere Wirklichkeiten gestalten. Erkennen wird dann transparent als Teil des Lebensvollzugs, mit ethischer Komponente. Wir können nicht mehr die Objektivität vorschieben, um uns von Folgen unseres Wissensgebrauchs zu dispensieren. Stattdessen erkennen wir uns selbst als Mit-Schöpfer der Wirklichkeit, die wir erleben.

All das klingt abstrakt, doch man stelle es sich konkret vor: Alle symbolischen Netze sind weg. Ein Mensch steht einem anderen gegenüber – kein Status trennt sie, keine Rolle. Was bleibt, ist Menschlichkeit an sich: zwei verletzliche, denkende, fühlende Wesen, die in einem Augenblick der Begegnung miteinander umgehen müssen. Hier zeigt sich, ob es einen Kern jenseits der Konstrukte gibt. Wahrscheinlich würde sich herausstellen, dass es universelle humane Qualitäten gibt: Mitgefühl, Sprache (als Fähigkeit, überhaupt Bedeutungen auszutauschen), vielleicht so etwas wie ein Sinn für das Schöne oder Heilige in der Existenz. Dinge also, die nicht gänzlich beliebig sind, sondern aus der gemeinsamen biologischen und existenziellen Verfassung stammen. Philosophen wie Kant oder Levinas suchten nach solch Letztgegebenem – Kant in der Vernunft (praktischer Imperativ), Levinas im Antlitz des Anderen, das zur Verantwortung ruft. Die Plastische Anthropologie würde dem hinzufügen: Was bleibt, ist die Bewegung des Lebens selbst, die uns durchströmt – ein Drang zur Form, zur Bedeutung, zu Gemeinschaft. Wenn alle Vereinbarungen dekonstruiert sind, bleibt Leben, das sich selbst erfährt und entfalten will.

In gewisser Weise käme man so an den Nullpunkt zurück, an dem die Plastische Anthropologie ansetzt: das 51:49-Betriebssystem unverstellt am Werk zu sehen. Ein solcher Nullpunkt ist kein Chaos, sondern der Beginn neuer Gestaltung. Aus dem, was bleibt – die formbare Natur des Menschen – könnten neue symbolische Ordnungen geschaffen werden, vielleicht gerechtere und wahrhaftigere, weil sie nun bewusst im Einklang mit dem 51:49-Prinzip gestaltet würden.

7. Fazit

Die interdisziplinäre Analyse hat offengelegt, dass unsere etablierten Denksysteme und Institutionen einem Symmetrie-Dogma anhängen, das an der lebendigen Wirklichkeit vorbeigeht. Indem Philosophie, Gesellschaftstheorie, Anthropologie, Recht, Wirtschaft und Wissenschaft implizit eine 50:50-Ordnung unterstellen – sei es in der Annahme unabhängiger Subjekte, absoluter Eigentumsrechte, perfekt rationaler Systeme oder objektiver Wahrheiten – erzeugen sie ein verkürztes Weltbild. Wirklichkeit erscheint darin häufig als das, was sie nach unseren Konstruktionen sein sollte, nicht was sie ist. Diese Diskrepanz zwischen dem konstruktivistisch Selektiven und dem Naturhaften Ganzen führt dazu, dass wir zentrale Rückmeldungen ignorieren. Die Natur mit ihrem 51:49-Betriebssystem lässt sich jedoch nicht auf Dauer zum Schweigen bringen: Ungesehene Asymmetrien kumulieren und entladen sich in sozialen und ökologischen Krisen. Unsere Gesellschaft droht so – überspitzt gesagt – Opfer der eigenen Illusionen zu werden, eine Form kollektiver Selbstzerstörung im „Als-ob“-Rausch.

Doch die Lösung liegt nicht in Pessimismus oder Kulturverwerfung, sondern in einer Neuorientierung an der lebendigen Asymmetrie. Die Plastische Anthropologie 51:49 zeigt Wege auf, wie wir unsere Denk- und Gesellschaftsformen im Einklang mit der Natur des Lebens umgestalten können. Wenn Ungleichgewicht und Rückkopplung als grundlegende Prinzipien anerkannt werden, lassen sich Systeme resilienter, gerechter und lernfähiger gestalten. Beispielsweise könnte in der Wirtschaftspolitik das 51:49-Prinzip bedeuten, dass leichte Umverteilungen immer stattfinden (Überschüsse werden zurückgeführt), um 99:1-Extreme zu vermeiden – eine dynamische Balance statt statischer Extremwerte. In der Wissenschaft könnte es heißen, Interdisziplinarität und Kritik stärker zu fördern (ein ständiges Feedback zwischen Disziplinen 51:49, statt hermetischer Objektivitätssilos). In der Anthropologie könnte man den Menschen nicht mehr als Ausnahme, sondern als Sonderfall allgemein-biologischer Gesetzmäßigkeiten betrachten – als Wesen, das ständig im Widerstreit seiner natürlichen Anlage und kulturellen Formung steht (Natur 51, Kultur 49 und umgekehrt je nach Kontext).

Nicht zuletzt für den Einzelnen bedeutet die Orientierung am 51:49-Prinzip einen Zugewinn an Authentizität und Lernbereitschaft. Wer akzeptiert, dass weder er selbst noch seine Mitmenschen perfekt symmetrisch-rational oder unverletzlich sind, entwickelt mehr Verständnis, Empathie und Flexibilität. Konflikte können anders betrachtet werden: nicht als Skandal, dass nicht Harmonie herrscht, sondern als Motor des Zusammenfindens. Machtgefälle in Beziehungen erkennt man frühzeitig und kann gegensteuern, bevor sie toxisch werden. Kurz: Eine Kultur, die Asymmetrien nicht verdrängt, sondern bewusst moderiert, hätte möglicherweise weniger zerstörerische Auswüchse und mehr kreative Potentiale.

Der Einbezug der künstlerischen Perspektive hat verdeutlicht, dass wir Menschen bereits intuitiv in manchen Bereichen nach dem 51:49-Prinzip agieren – eben immer dort, wo echtes Neues entsteht. Kunst, Liebe, persönliche Reifung: All das spielt im Spannungsfeld von Geben und Nehmen, von Versuch und Korrektur, von Führung und Geschehenlassen. Diese Erfahrungen des Autors – die dichte Arbeit am Material, die Sensibilität für Resonanzen – untermauern philosophisch, was rational oft verdrängt wird: Wahrheit ist ein lebendiger Vollzug, kein fixer Zustand. Sie liegt im Zwischen, im Austausch, in der plastischen Bewegung.

Wenn man nun alle symbolischen Abmachungen dekonstruiert hat und zum Ausgangspunkt zurückgekehrt ist, zeigt sich das Reduktionsresultat überraschend positiv: Es bleibt ein Mensch übrig, der zwar entkleidet ist von künstlichen Sicherheiten, aber dafür eins mit der Grunddynamik des Lebens. Dieser Mensch erkennt sich selbst und den anderen im gemeinsamen Streben nach Form und Sinn, im Wissen um Verwundbarkeit und Interdependenz. Er steht gewissermaßen nackt vor der Wirklichkeit, nur mit seinen kreativen Kräften und seinem Mitgefühl bewaffnet. Und vielleicht ist genau das die Voraussetzung für einen echten Neuanfang – sei es im persönlichen Werdegang oder im historischen Maßstab der Menschheit.

In einer Welt, die immer komplexer und unübersichtlicher wird, scheint der reflexhafte Griff nach vereinfachenden Symmetrien verständlich, aber er erweist sich als Sackgasse. Stattdessen könnten wir den Mut fassen, das plastische Prinzip zu unserem Leitbild zu machen: beweglich bleiben, Ungleichgewichte zulassen und ausbalancieren, Feedback ernst nehmen, Chaos in uns tragen, um Sterne gebären zu können. Wissenschaftlich fundiert und interdisziplinär belegt, plädiert diese Abhandlung dafür, das 51:49-Prinzip als Grundmuster des Lebens anzuerkennen – und unsere Systeme so umzugestalten, dass sie dieses Muster nicht länger unterdrücken, sondern kultivieren. Damit würde aus dem derzeit destruktiven „als ob“ ein konstruktives „**als wie“: Wir näherten uns der Wirklichkeit in ihrer lebendigen Asymmetrie an und handelten im Bewusstsein, dass jede Wahrheit nur eine Annäherung ist, aber diese Annäherung umso wahrer wird, je mehr sie das Leben selbst reflektiert.

Durch eine solche Neuausrichtung könnten wir möglicherweise einer kollektiven Selbstdestruktion entgegenwirken und statt dessen eine Kultur fördern, die sich durch kollektive Selbsttransformation auszeichnet – immer im Werden, immer lernend, immer die 51:49-Verhältnisse in schöpferischer Spannung haltend. Dies wäre eine Welt, in der Wirklichkeit nicht länger als statischer Zustand begriffen wird, sondern als lebendiger Prozess, an dem wir verantwortlich teilhaben. Oder, um es mit einem abschließenden Bild zu sagen: Wir würden lernen, mit der Natur zu tanzen, statt gegen sie marschieren – und in diesem Tanz läge vielleicht unsere nachhaltigste Selbstfindung.

Quellen (Auswahl):

  • Berger, Peter L. & Luckmann, Thomas: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Frankfurt/M. 1969 – (Schlüsselwerk des Sozialkonstruktivismus, betont die soziale Mit-Konstitution von Wirklichkeit).
  • Herrmann, Steffen: Symbolische Verletzbarkeit. Die doppelte Asymmetrie des Sozialen nach Hegel und Levinas. Bielefeld: transcript 2013 – (Sozialphilosophische Studie zur grundlegenden Ungleichheit in Anerkennungsverhältnissen).
  • Maturana, Humberto & Varela, Francisco: Der Baum der Erkenntnis. Bern: Scherz 1987 – (Biologie des Erkennens, Einführung des Autopoiesis-Begriffs; Zitat zur Versuchung der Gewissheit und gemeinsamen Welterzeugung).
  • Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. 1883-85 – (Dichtet die Idee, dass Chaos im Selbst Voraussetzung für Kreativität ist; Vorrede, §5).
  • Taleb, Nassim Nicholas: Antifragilität – Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. München: Hanser 2013 – (Entwickelt das Konzept antifragiler Systeme, die durch Stress stärker werden; sinngemäßes Zitat über Knochen und Disorder).
  • Oxfam: An Economy for the 99 Percent. Bericht, 2017 – (Dokumentiert extreme Vermögensungleichheit; Befund, dass 1% > 50% des Weltvermögens besitzt).
  • Guterres, António (UN Generalsekretär): Rede, Dez. 2020 – (Warnung vor „selbstmörderischem Krieg gegen die Natur“).
  • Gleiser, Marcelo: „Symmetry is beautiful, but asymmetry is why the Universe and life exist.“ Big Think, 2020 – (Populärwissenschaftlicher Artikel über die Notwendigkeit eines Materie-Antimaterie-Ungleichgewichts für die Existenz der Welt).
  • Simondon, Gilbert: L’individuation à la lumière des notions de forme et d’information. Paris 1964 – (Philosophie der Individuation; Konzept der Metastabilität: asymmetrische Ungleichgewichte treiben Individuationsprozesse).

(Weitere Quellen und Fußnoten im Text)