„Drei Siebe des Sokrates“ zum historischen Fundament machen.

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Ja, es gibt eine deutliche Parallele – aber ich würde nicht die populären „drei Siebe des Sokrates“ zum historischen Fundament machen.

Die bekannte Erzählung mit den drei Sieben Wahrheit – Güte – Nützlichkeit ist weit verbreitet, aber ich finde dafür keine belastbare antike Quelle bei Platon oder Xenophon. Moderne Fassungen führen die Geschichte als Sokrates-Anekdote weiter, teils sogar ausdrücklich ohne gesicherten Autor. (universal.org) Man sollte sie deshalb höchstens als spätere didaktische Erzählung benutzen, nicht als authentische sokratische Methode.

Die viel stärkere Parallele liegt im sokratischen Prüfen selbst. In Platons Dialogen beginnt Sokrates häufig mit einer Behauptung seines Gegenübers und fragt so lange nach, bis sichtbar wird, was die verwendeten Begriffe voraussetzen, ob die einzelnen Aussagen zusammenpassen und ob der Sprecher seine Behauptung überhaupt tragen kann. Diese Form wird als elenchos bezeichnet. Sie kann dazu führen, dass am Ende gerade keine fertige Antwort vorhanden ist, sondern aporia: Man erkennt, dass die bisherige Antwort nicht trägt und die Frage neu geöffnet werden muss. (Stanford-Enzyklopädie der Philosophie)

Das liegt sehr nahe an deinem Begriffshandwerkzeug.

Bei Sokrates könnte jemand beispielsweise sagen: „Ich weiß, was Gerechtigkeit ist.“ Dann wird nicht sofort eine Gegenlehre geliefert. Die Aussage selbst wird zum Gegenstand einer Prüfung. Was meinst du mit „Gerechtigkeit“? Gilt deine Bestimmung auch in diesem Fall? Und in jenem? Widerspricht sie einer anderen Überzeugung, die du ebenfalls vertrittst? Gerade Definitionen von Frömmigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit, Freundschaft oder Gerechtigkeit werden in den Dialogen auf diese Weise geprüft. (Perseus)

Das entspricht deinem künstlerischen Dreieck ziemlich genau:

Vorstellung oder Behauptung – Gegenüberstellung – Rückmeldung.

Der Gesprächspartner stellt eine Vorstellung bereit. Sokrates stellt ihr Fragen, Beispiele und andere eigene Überzeugungen gegenüber. In der Differenz zeigt sich, ob die Vorstellung trägt. Das Ergebnis kann Korrektur sein – oder zunächst das Eingeständnis: „Ich weiß es noch nicht.“

Genau darin steckt der Zweifel.

Auch Platons Apologie ist dafür wichtig. Dort lässt Sokrates sich sagen, dass das Prüfen seiner selbst und anderer für ihn zum guten menschlichen Leben gehört; bekannt ist daraus die Aussage vom ungeprüften Leben. (Perseus) Für dein So-Heits-Atelier wäre die Parallele also weniger das dreifache Sieb als die öffentliche Überzeugungsprüfung.

Es gibt aber auch einen entscheidenden Unterschied.

Die sokratische Prüfung bleibt weitgehend im Gespräch und in der Konsistenz der Aussagen. Dein Begriffshandwerkzeug würde den Vorgang erheblich erweitern. Es fragt nicht nur:

„Passt diese Aussage zu deinen anderen Aussagen?“

Sondern zusätzlich:

Was hast du überhaupt unterschieden? Was stellst du gegenüber? Welche Eigenschaft hast du hineingedacht? Was wurde festgestellt, was zuerkannt? Welche Tätigkeit entsteht aus dieser Vorstellung? Wo landen ihre Folgen? Und können diese Folgen deine Vorstellung korrigieren?

Damit verlässt deine Prüfung den reinen Dialograum.

Beispiel Eigentum:

Eine sokratische Frage könnte lauten: „Was ist Eigentum?“ Dann würde eine Definition geprüft.

Im So-Heits-Atelier könnte daneben tatsächlich Erde auf dem Tisch liegen. Der Besucher sagt: „Dieser Boden gehört mir.“ Nun kann man das Begriffshandwerk anwenden. Was hat sich am Boden materiell verändert? Wo liegt die Eigentumsgrenze? Wissen Wasser, Wurzeln und Mikroorganismen davon? Wer erkennt die Grenze an? Welche Tätigkeiten ermöglicht die Zuerkennung? Welche Menschen oder Lebewesen erfahren deren Konsequenzen?

Die Behauptung wird also nicht nur einer anderen Behauptung gegenübergestellt, sondern einem Wirkungszusammenhang.

Das ist die Erweiterung von Sokrates zur Forschungskunst.

Ähnlich beim Satz „Ich bin frei“. Sokratisch könnte man die Bedeutung von Freiheit durch Fragen prüfen. Im Atelier kommen zusätzlich Körper, Nahrung, Sauerstoff, Geld, Wohnung, andere Menschen, Infrastruktur und Zeit als Gegenüber hinzu. Der Begriff muss sich seinen Abhängigkeiten stellen.

Oder „Ich bin erfolgreich“. Sokratisch: Was meinst du mit Erfolg? Gilt deine Definition widerspruchsfrei? Forschungskünstlerisch kommt hinzu: Welche Tätigkeiten erzeugen diesen Erfolg? Was wird verbraucht? Wer trägt Folgen? Was zeigt das Erfolgsmaß nicht?

Damit entsteht vielleicht eine sehr einfache Verbindung zwischen dem sokratischen Verfahren und deinem Begriffshandwerk:

Sokrates prüft die Behauptung am Widerspruch. Forschungskunst prüft die Behauptung zusätzlich an der Tätigkeitskonsequenz.

Das wäre eine wichtige methodische Differenz.

Auch die aporia ist für das So-Heits-Atelier sehr interessant. Denn dort wird ein Loch nicht sofort mit einer neuen Behauptung gefüllt. Mehrere sokratische Dialoge enden ausdrücklich ohne abschließende Definition; das Nichtwissen bleibt stehen und wird dadurch produktiv. (Stanford-Enzyklopädie der Philosophie) Genau das passt zu deiner Kritik, dass Menschen Erkenntnislöcher häufig mit Fantasie und Begriffen auffüllen und anschließend vergessen, dass die Füllung menschlich hergestellt wurde.

Man könnte deshalb für das Atelier spielerisch tatsächlich Siebe verwenden – aber nicht unter der Behauptung, dies seien historisch „die Siebe des Sokrates“.

Zum Beispiel ein Begriffswort auf eine Karte:

FREIHEIT

und dann nacheinander durch sechs transparente „Siebe“ oder Schablonen:

Was behaupte ich?

Was unterscheide oder stelle ich gegenüber?

Was schreibe ich zu?

Woher weiß ich es?

Was tue ich aufgrund dessen?

Welche Folgen könnten mich korrigieren?

Dann wird das Sieb nicht zum Wahrheitsautomaten. Es erzeugt Durchlässigkeit.

Und das ist wieder deine Membran: Was nicht trägt, fällt nicht einfach als „falsch“ durch und verschwindet. Es wird sichtbar, an welcher Stelle die Frage offenbleibt.

Die KI könnte dabei eine moderne sokratische Funktion übernehmen. Der Besucher schreibt beispielsweise:

„Geld ist Sicherheit.“

Die KI antwortet nicht mit einer Definition von Geld, sondern bearbeitet die Aussage:

„Was meinst du mit Sicherheit? Welche Abhängigkeiten kann Geld tatsächlich absichern? Welche nicht? Ist Sicherheit eine Eigenschaft des Geldes oder eine Wirkung bestimmter gesellschaftlicher Bedingungen? Was müsste geschehen, damit deine Aussage nicht mehr zutrifft? Welche Tätigkeiten folgen daraus, wenn du Geld als Sicherheit behandelst?“

Dann ist die KI kein Sokrates und kein Lehrer, sondern ein veränderliches Gegenüber innerhalb der Prüfung.

Für das So-Heits-Atelier ließe sich daraus vielleicht ein sehr einfacher Grundsatz ableiten:

Nicht drei fertige Siebe, sondern eine bewegliche Siebwerkstatt.

Sokrates liefert dafür eine historische Parallele: die eigene Überzeugung durch Fragen dem Widerspruch auszusetzen. Das Begriffshandwerkzeug erweitert dieses Verfahren um Gegenüberstellung, Material, Zuschreibung, Tätigkeit, Abhängigkeit, Konsequenz und Rückkopplung.

Der zentrale Unterschied wäre dann:

Sokratische Frage: „Kannst du begründen, was du sagst?“

Forschungskünstlerische Erweiterung: „Und was geschieht, wenn du danach handelst?“

Genau an dieser zweiten Frage beginnt das So-Heits-Atelier über die klassische sokratische Prüfung hinauszugehen.