Schöpfungsgeschichte

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Die neue Schöpfungsgeschichte – Der Fußbreit Raum, das Maß, das Tun. „Man gebe mir einen festen Punkt (Fußbreit Raum), und ich werde die Welt bewegen.“

Archimedes.

Original (sinngemäß):

Δός μοι πᾶ στῶ καὶ τὰν γᾶν κινήσω

„Gib mir einen festen Standpunkt, und ich werde die Erde bewegen.“

Einordnung:

  • Archimedes: mechanisches Prinzip des Hebels (real-physikalische Wirkung).

Die neue Schöpfungsgeschichte – Der Fußbreit Raum, das Maß, das Tun.

Eine neue Schöpfungsgeschichte im Rahmen der Anthropologie der Berührung beginnt nicht mit einem Wort und nicht mit einer souveränen Setzung von Ordnung, sondern mit einem Eintritt in Welt, der zugleich Kontakt und Konsequenz ist. Ihr Ausgangspunkt ist nicht die metaphysische Idee einer Erschaffung „von außen“, sondern die physikalische Tatsache, dass Weltbeziehung nur dort entsteht, wo ein Körper in ein Widerstandsverhältnis tritt. Der erste Satz dieser Schöpfungsgeschichte lautet daher nicht „Es werde Licht“, sondern: Ein Fuß steht auf einem Boden. Damit ist keine Romantisierung des Ursprungs gemeint, sondern eine anthropologische Verschiebung des Erkenntnisansatzes: Welt wird nicht primär begriffen, indem sie beschrieben wird, sondern indem sie antwortet. Und sie antwortet nur, wenn sie berührt wird.

Der „Fußbreit Raum“ bezeichnet in diesem Zusammenhang ein minimales, aber hinreichendes Maß an Einlassung, das die gesamte Struktur des Menschseins eröffnet. Ein Fußbreit ist der Raum des Stehens, des Gleichgewichts, der Last, der Lage. Er ist klein genug, um nicht in Besitzlogik zu kippen, und groß genug, um Handlung real werden zu lassen. In diesem Maß steckt die Umformulierung der anthropologischen Grundfigur: Der Mensch ist nicht das Wesen, das die Welt beherrscht, sondern das Wesen, das im Stehen und im Tun in ein Verhältnis zur Welt tritt, das ihn bindet. Bindung ist hier nicht Einschränkung, sondern Wirklichkeitskriterium. Was nicht bindet, bleibt Darstellung; was bindet, erzeugt Spur.

In der bisherigen Folge von Denkobjekten wurde dieser Unterschied systematisch gezeigt: Der Spaten, der im nassen Sand keine Form halten kann oder auf gefrorenem Boden nur abgleitet, macht deutlich, dass Gestaltung nicht aus Vorstellung folgt, sondern aus dem Verhältnis zwischen Kraft, Material, Feuchte, Temperatur und Zeit. Die vergoldete Kartoffel zeigt, wie eine symbolische Aufladung das Objekt aus dem Kreislauf heraushebt und damit gerade jene Beziehung unterbricht, aus der es seine Wirklichkeit bezieht. Die Pfeife, die nicht qualmt, und der Wirbel, der nicht wirbelt, markieren den Punkt, an dem Funktion zum Zeichen wird und das Gehirn in einer Unverletzlichkeitswelt operiert, die Wirkung simulieren kann, ohne sie zu erzeugen. Das Schiff in der Flasche und der Astronaut im Anzug verdichten diese Logik in zwei Varianten der Entkopplung: das eine als eingeschlossene Perfektion ohne Bewährung, das andere als technisch aufrechterhaltene Existenz, die totale Abhängigkeit verwaltet, während sie Autonomie behauptet. Die vergoldete Eisfläche schließlich zeigt, wie ästhetische Wertsignale Tragfähigkeit überblenden können und damit Kipppunkte nicht verhindern, sondern unkenntlich machen.

Die neue Schöpfungsgeschichte setzt diesen Befund nicht als Klage, sondern als Arbeitsauftrag: Sie fragt nach dem Tun als Prüfverfahren. Tun ist in diesem Modell keine Produktion um ihrer selbst willen, sondern die Methode, durch die Weltbeziehung wahr wird. Eine Handlung wird nicht durch ihre Absicht legitimiert, sondern durch ihre Rückkopplung. Sie muss Widerstand aushalten, Konsequenzen tragen und in einem Maß bleiben, das die Beziehung nicht zerstört. Das ist der Punkt, an dem dein künstlerisch-handwerkliches Verständnis in eine Theorieform übergeht: Handwerk ist nicht Nebenbedingung der Kunst, sondern die elementare Grammatik des Weltbezugs. Es zwingt zur Anerkennung von Materialeigenschaften, von Grenzen, von Zeit, von Fehlern und von Loslassen im richtigen Augenblick. Das Loslassen ist dabei kein ästhetischer Trick, sondern ein Maßakt: die Fähigkeit, nicht in den Kipppunkt zu geraten, an dem Kontrolle in Überformung kippt und Beziehung in Entkopplung.

Diese Schöpfungsgeschichte ist zugleich eine Kritik an der historischen Tendenz, Welt primär als symbolisch formbares Gegenüber zu behandeln. Sie korrigiert nicht „die Symbolik“ als solche, sondern ihre Dominanz, wenn sie sich von Berührung abkoppelt. Die drei Ebenen, die in deinem Modell herausgearbeitet wurden, werden hier als Prozesskette verstanden: Die unterste Ebene – die physikalische Welt mit ihren Eigenschaften (Schwerkraft, Aggregatzustände, Energieflüsse, Stoffwechselbedingungen) – bildet das irreduzible Bezugssystem. Die mittlere Ebene – der Darsteller in der Verletzungswelt, das leibliche Ich-Bewusstsein – ist der Ort, an dem Tun, Wahrnehmung und Verantwortung real werden. Die oberste Ebene – die symbolische und darstellerische Unverletzlichkeitswelt (Rollen, Requisiten, Vergoldungen, Systeme) – ist als Orientierungs- und Kommunikationsraum notwendig, wird aber gefährlich, sobald sie sich als Ersatz für Rückkopplung ausgibt. In der neuen Schöpfungsgeschichte ist die Reihenfolge entscheidend: Symbolik darf entstehen, aber sie muss aus Berührung hervorgehen und zu Berührung zurückführen. Wenn sie stattdessen Berührung ersetzt, entsteht der Zivilisationsfehler der Selbstlegitimation ohne Weltprüfung.

Der Übergang von der Ethik der Spuren (Teil IV) zu dieser neuen Schöpfungsgeschichte liegt deshalb in einer präzisen Umformulierung von Verantwortung. Verantwortung ist hier keine moralische Zusatzforderung, sondern die logische Folge von Berührung. Jede Berührung erzeugt Spur; jede Spur ist eine fortgesetzte Wirkung; und jede fortgesetzte Wirkung bindet den Handelnden an ein Verhältnis, das nicht durch Interpretation aufgelöst werden kann. Genau deshalb ist der Fußbreit Raum nicht die Minimierung von Welt, sondern die Minimierung von Übergriff. Er ist das kleinste Feld, in dem Teilhabe möglich ist, ohne in Herrschaft zu kippen. Er ist die kleinste Einheit, in der das Maß trainierbar wird.

In dieser Perspektive wird auch die So-Heits-Gesellschaft als Konsequenz lesbar: Sie ist nicht „eine Utopie“, sondern eine methodische Gesellschaftsform, in der der Primat der Berührung vor dem Primat der Darstellung wiederhergestellt wird. Ihre Trainingsobjekte – Sandbild, Wasserpraxis, Kartoffelschälen, Deich/Widerstandsbau, szenisches Spiel – sind nicht dekorative Rituale, sondern Verfahren zur Schulung der Unterscheidungsfähigkeit zwischen dargestellter Wirklichkeit und wirklicher Berührung, zwischen Unverletzlichkeits- und Verletzungswelt, zwischen Wunsch- und Befehlslogik, zwischen Maximumsphantasie und Minimum/Maximum-Referenz. Damit wird die neue Schöpfungsgeschichte nicht als Erzählung abgeschlossen, sondern als Praxis geöffnet: Sie beginnt jedes Mal neu, wenn ein Mensch nicht zuerst entwirft, sondern steht; nicht zuerst erklärt, sondern berührt; nicht zuerst vergoldet, sondern Maß nimmt; und nicht Welt beherrschen will, sondern handlungsfähig teilhat.

Für die Ausführung stehen zur Verfügung: Zyklische/Kreislauf Bildersequenzen etwa 12.000 Bilder, Videos, Texte und viele Objekte. Darüber hinaus könnte mein Integrationsbuch/Katastrophentraining, deren Vorgaben von den Usern (gemeinsamer kollektiver Kreativität), durch eine symbolische Frage und eine reale Frage  sowie eine Möglichkeit durch einen Antwort Tisch im Internet fertig gestellt zu werden.

Wiese-Sandkasten

Falle

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