100 Tage der Wissenschaft im So-Heits-Atelier.
Das Entscheidende wäre, dass die Wissenschaften nicht als Lieferanten fertiger Wahrheiten auftreten. Sie werden selbst Bestandteil der Versuchsanordnung. Dadurch geht deine Methodik tatsächlich über Kunst hinaus: Das So-Heits-Atelier wäre eine öffentliche Forschungsarchitektur, in der Kunst, Wissenschaft, Alltagserfahrung und gesellschaftliche Entscheidung an denselben Tätigkeitskonsequenzen geprüft werden.
100 Tage der Wissenschaft im So-Heits-Atelier
Zivilisationsfähigkeit als Reparaturfähigkeit
Die 100 Tage der documenta können als hunderttägiges öffentliches Forschungslabor verstanden werden. Wissenschaft wird dabei nicht zusätzlich zur Kunst ausgestellt. Unterschiedliche Wissenschaften treten in eine gemeinsame Versuchsanordnung ein und werden mit derselben Grundfrage konfrontiert:
Wie weit ist der Mensch fähig, seine Vorstellungen, Erkenntnisse, Interessen, Institutionen und Tätigkeiten an ihren tatsächlichen Konsequenzen überprüfen und verändern zu lassen?
Das So-Heits-Atelier stellt dafür eine Methode bereit, die über den traditionellen Kunstbereich hinausreicht. Jede Behauptung wird nach ihrem Referenzsystem, ihren Voraussetzungen, ihren Tätigkeitsfolgen und ihrer Korrekturfähigkeit untersucht. Wissenschaftliche Erkenntnis, wirtschaftliche Entscheidung, politische Regel, gesellschaftliche Gewohnheit und persönliche Überzeugung werden dabei nicht gleichgesetzt, können aber gemeinsam auf ihre Beziehungen zur materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Wirklichkeit geprüft werden.
Programmstruktur der 100 Tage
| Tage | Forschungsfeld | Eingeladene Wissenschaften und zentrale Frage |
|---|---|---|
| 1–10 | Was trägt uns? | Erdsystemwissenschaften, Geologie, Klimaforschung, Physik, Chemie, Ökologie: Welche Bedingungen hat der Mensch nicht hergestellt, von denen sein Leben aber vollständig abhängig bleibt? |
| 11–20 | Was ist ein lebendiger Mensch? | Biologie, Evolutionsforschung, Medizin, Physiologie, Ernährungswissenschaft, Public Health: Was bedeutet es, ein atmender, stoffwechselnder, verletzlicher und regenerationsabhängiger Organismus zu sein? |
| 21–30 | Wie erzeugen wir Wirklichkeit? | Philosophie, Erkenntnistheorie, Sprachwissenschaft, Semiotik, Wissenschaftsgeschichte, Anthropologie: Wie entstehen Dinge, Begriffe, Eigenschaften, Selbstbilder und Wahrheitsansprüche aus notwendigen menschlichen Unterscheidungen? |
| 31–40 | „Ich gehöre mir selbst“ | Soziologie, Sozialpsychologie, Pädagogik, Kulturwissenschaft, Geschlechter- und Körpergeschichte: Wie entstehen Vorstellungen von Autonomie, Individualität, Selbstverantwortung, Erfolg und Eigentum am eigenen Leben? Welche Belohnungssysteme machen daraus Gewohnheiten und Identitäten? |
| 41–50 | Die Kaufwelt | Ökonomie, Wirtschaftsgeschichte, Finanzwissenschaft, Arbeitssoziologie, Unternehmensforschung: Wie wurden Geld, Eigentum, Markt, Konkurrenz, Rendite und Wachstum zu dominierenden gesellschaftlichen Erfolgsmaßstäben? Was geschieht, wenn wirtschaftlicher Erfolg und planetarische Tragfähigkeit auseinanderfallen? |
| 51–60 | Macht über die Rückkopplung | Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Demokratieforschung, Finanz- und Steuerwissenschaft, Forschung zu Lobbyismus und Vermögenskonzentration: Wer besitzt Handlungsmacht? Wer trägt die Folgen? Wann gewinnt das zu Prüfende Einfluss auf seine eigenen Prüfbedingungen? |
| 61–70 | Technik ohne Gesamtverstehen | Ingenieurwissenschaften, Informatik, KI-Forschung, Technikfolgenabschätzung, Medien- und Kommunikationswissenschaft: Wie weit kann eine Zivilisation immer wirkungsmächtiger werden, obwohl kein Einzelner mehr ihre technischen und gesellschaftlichen Gesamtsysteme überblickt? |
| 71–80 | Gewohnheit, Lernen und Reparatur | Lernforschung, Pädagogik, Verhaltenswissenschaften, Medizin, Soziologie und Organisationsforschung: Warum verändert Wissen Verhalten häufig nicht? Wie werden gesellschaftlich belohnte Gewohnheiten verlernt und neue Formen eingeübt? |
| 81–90 | Gemeingüter und Gemeinsinn | Geschichte, Rechtswissenschaft, politische Ökonomie, Commons-Forschung, Stadt- und Raumforschung, Entwicklungsforschung, Religions- und Kulturwissenschaften: Welche Formen gemeinschaftlicher Verantwortung und gemeinsamen Eigentums existierten und existieren? Was wurde durch Privatisierung und Individualisierung verloren, und welche neuen Formen sind denkbar? |
| 91–100 | Zivilisationsfähigkeit | Alle beteiligten Wissenschaften gemeinsam mit Künstlern, Bürgern, Jugendlichen, Institutionen und internationalen Teilnehmern: Was müsste eine Gesellschaft verändern, damit Rückmeldung tatsächlich zu Reparatur führt? Welche Institutionen, Belohnungssysteme und Formen des Gemeinsinns benötigen wir? |
Die Methode der hundert Tage
Jeder Forschungstag beginnt nicht mit einem Fachvortrag, sondern mit einer Frage oder einem Prüfobjekt aus dem So-Heits-Atelier: einer Schultafel, einem Stück Boden, einer Kartoffel, Gold, einem Werkzeug, einer Eigentumsgrenze, dem Astronauten, einer Folie, einem Geldschein, einer Unternehmensbilanz oder dem Satz „Ich gehöre mir selbst“.
Erst danach tritt wissenschaftliches Wissen hinzu.
Die Wissenschaftler sollen nicht nur erklären, was ihre Disziplin weiß. Sie werden aufgefordert, gemeinsam mit Besuchern zu untersuchen:
Was wissen wir? – Worauf beruht dieses Wissen? – Was wissen wir nicht? – Welche Ausschnitte erzeugt unsere Disziplin? – Welche Tätigkeiten werden durch ihre Erkenntnisse ermöglicht? – Welche Folgen entstehen? – Wer nimmt diese Folgen wahr? – Wo geht Rückmeldung verloren? – Was müsste aufgrund dieser Rückmeldung verändert werden?
Damit wird auch die wissenschaftliche Spezialisierung selbst zum Forschungsgegenstand. Nicht weil Fachwissenschaft falsch wäre, sondern weil hoch entwickeltes Spezialwissen allein noch keine gemeinsame Zivilisationsfähigkeit erzeugt.
Drei große Tagungen innerhalb der 100 Tage
Am Beginn steht eine internationale Eröffnungstagung unter der Frage:
„Was trägt? – Wissenschaften vor den Existenzbedingungen des Menschen.“
Um die Mitte der documenta folgt eine zweite Tagung:
„Wer kann wen korrigieren? – Eigentum, Macht, Demokratie und die Kontrolle der Rückkopplung.“
Die letzten Tage bilden schließlich ein internationales Abschlussforum:
„Zivilisationsfähigkeit ist Reparaturfähigkeit – Welche Formen des Gemeinsinns brauchen wir?“
Dieses Abschlussforum soll kein fertiges Manifest verabschieden. Es soll dokumentieren, wo Übereinstimmungen entstanden sind, wo unauflösbare Gegensätze bestehen, welche Fragen offenbleiben und welche Tätigkeiten tatsächlich verändert werden müssten.
Das Ergebnis
Während der 100 Tage entsteht im Atelier ein wachsender Atlas der menschlichen Reparaturfähigkeit. Aussagen, Gegenargumente, wissenschaftliche Befunde, Besucherbeiträge, Tätigkeitskonsequenzen, offene Fragen und mögliche Reparaturwege bleiben sichtbar und werden fortlaufend verändert.
Die Globale Schwarm-Intelligenz kann diesen Prozess über Kassel hinaus öffnen. Menschen verschiedener Länder können Fragen, Erfahrungen und Gegenbeispiele einbringen. KI kann beim Vergleich und bei der Sichtbarmachung von Widersprüchen helfen, bleibt jedoch selbst Gegenstand der Prüfung.
Damit wäre die documenta nicht nur für 100 Tage Ort der Kunst.
Sie würde für 100 Tage zu einer öffentlichen Werkstatt der Wissenschaften, der Kunst und der Gesellschaft, in der eine Frage gemeinsam bearbeitet wird, die keine einzelne Disziplin beantworten kann:
Besitzt der Millisekunden-Mensch nicht nur die Fähigkeit, die Welt immer stärker zu verändern, sondern auch die Fähigkeit, sich von den Folgen seiner eigenen Hervorbringungen verändern zu lassen?
Der entscheidende Unterschied zu einer üblichen Tagungsreihe wäre damit: Nicht 100 Tage Wissenschaft über die Welt, sondern 100 Tage gemeinsamer Prüfung dessen, was unser Wissen mit der Welt macht.
