11.0 Theater, Requisitenwelt und Als-ob

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Theater wird in der Architektur von Rückkopplungswelt und Imago-Sphäre nicht als „Kunstgattung“ im üblichen Sinn behandelt, sondern als präzises Modellinstrument.

Es stellt eine Requisitenwelt bereit, in der die Imago-Sphäre in Reinform sichtbar wird: Zeichen, Rollen, Sätze, Gesten, Bühnenräume und Konventionen erzeugen Wirksamkeit, obwohl sie die volle Trägerprüfung der Rückkopplungswelt absichtlich nicht durchlaufen. Genau darin liegt der Erkenntniswert. Theater demonstriert, dass Wirksamkeit durch Darstellung real ist, ohne deshalb Tragfähigkeit zu sein. Es zeigt gleichzeitig, wie leicht die Prüfungsrichtung kippt, wenn Darstellung als Trägerwelt genommen wird: Dann erscheinen Konsequenzpfad, Kostenträgerschaft, Zeitverhalten und Revision als „nachrangig“ gegenüber Geltung, Wirkung und Identitätsstabilisierung.

Die Requisitenwelt ist damit kein bloßer „Schein“, sondern eine kontrollierte Entkopplung, die den Driftmodus sichtbar macht, ohne ihn bereits als Normalbetrieb zu installieren. Sie erlaubt, die Mechanik der Imago-Sphäre zu untersuchen, weil sie die entscheidende Differenz ausstellt: In der Rückkopplungswelt entscheidet das Tragen über Zeit; im Als-ob entscheidet die Stimmigkeit der Inszenierung, die Anschlussfähigkeit der Zeichen und die Akzeptanz der Konvention. Theater ist deshalb ein Labor der Prüfungsrichtung, weil es beides zugleich zeigt: die Macht der Darstellung und die Notwendigkeit der Rückbindung.

11.1 Requisitenwelt als Modell der Imago-Sphäre: folgenarme Handlungssimulation und kontrollierte Entkopplung

Die Requisitenwelt simuliert Handlungen nicht folgenlos, sondern folgenarm im entscheidenden Sinn: Die Konsequenzen werden begrenzt, gerahmt und innerhalb eines geschützten Trägersystems gehalten. Natürlich kostet Theater Zeit, Arbeit, Material, Risiko, Disziplin, Misslingen, Reparatur. Aber diese Kosten bleiben in einem definierten Spielraum, der die existenzielle Wucht der Rückkopplungswelt nicht eskalieren lässt. Gerade diese Begrenzung macht die Requisitenwelt zum Modell der Imago-Sphäre. Denn auch in gesellschaftlichen Symbolordnungen entstehen Wirkungen häufig dadurch, dass Handlungen über Zeichen ausgelöst werden, während die eigentlichen Trägerkosten ausgelagert, verzögert, zerlegt oder sozial unsichtbar gemacht werden.

Der Unterschied ist: Theater markiert seine Entkopplung als Entkopplung. Es ist in seiner eigenen Logik revisionsfähig, weil Probe, Korrektur, Wiederholung, Rollenwechsel und Neuinszenierung strukturell vorgesehen sind. Damit besitzt Theater im Kleinen jene E4-Qualität, die im Großen oft fehlt: einen geregelten Rücklaufkanal, der Irrtum nicht moralisiert, sondern als Bearbeitungsinformation behandelt. Als Modell macht es sichtbar, was im Driftfall passiert, wenn diese Revisionsstruktur verschwindet: Dann wird die Requisitenlogik zum Kulturstandard, und die Imago-Sphäre beginnt, Tragfähigkeit zu behaupten, statt sie zu prüfen.

11.2 Darsteller, Darstellung, Darstellbarkeit: Rollentrennung als Prüfinstrument, Rollenfusion als Driftquelle

Die Trias Darsteller, Darstellung und Darstellbarkeit ist der harte Kern des Theatermodells. Der Darsteller ist der Träger einer Handlungsvollzugsform, die Darstellung ist das hergestellte Wirksamkeitsbild, und Darstellbarkeit bezeichnet den Rahmen dessen, was überhaupt als Rolle, Handlung und Sinnform erzeugt werden kann. Theater zwingt diese Unterscheidung in der Praxis durch: Ein Darsteller kann eine Darstellung tragen, ohne mit ihr identisch zu sein; eine Darstellung kann plausibel wirken, ohne wahr im Sinn von Tragfähigkeit zu sein; und die Darstellbarkeit begrenzt, was überhaupt sinnvoll ins Zeichen gebracht werden kann, ohne die Bedingungen der Rückkopplungswelt zu ersetzen.

Diese Rollentrennung ist ein Prüfinstrument, weil sie Immunisierung entzieht. Kritik kann sich auf die Darstellung beziehen, ohne den Darsteller als Person zu vernichten; Irrtum kann als Revision der Inszenierung erscheinen, nicht als Kränkung der Identität. Genau hier liegt die Driftquelle der Rollenfusion: Wenn Darsteller und Darstellung verschmelzen, wird Korrektur zum Angriff, Revision zur Demütigung und Abweichung zum Loyalitätsbruch. Rollenfusion ist damit nicht bloß ein psychologisches Problem, sondern eine betriebliche Störung der Prüfungsrichtung: Das Geltungs-Ich beansprucht Trägerstatus, und die Imago-Sphäre reagiert auf Rückmeldung mit Abwehr statt mit Korrektur. Im gesellschaftlichen Maßstab ist dies die Form, in der Unverletzlichkeitswelt entsteht: nicht als zweite Realität, sondern als Erlebnis- und Institutionenmodus, in dem Korrekturwege sozial teuer gemacht werden.

11.3 Leinwand- und Schnittstellenparadox: Grenzverletzung von Darstellung und Welt als Fallfigur

Das Leinwand- und Schnittstellenparadox wird dort sichtbar, wo Darstellung ihre eigene Rahmung verliert und als „Welt“ zu funktionieren beginnt. Als Fallfigur eignet sich The Purple Rose of Cairo, weil die Erzählung die Grenze zwischen Darstellung und Rückkopplungswelt nicht nur thematisiert, sondern performativ verletzt: Die Darstellung tritt aus ihrem Rahmen, die Imago-Sphäre wird nicht mehr als Imago erkannt, sondern gewinnt den Status eines realen Gegenübers. Genau diese Grenzverletzung ist die präzise Metapher für moderne Schnittstellenlagen: Interfaces erzeugen Wirksamkeit, die sich wie Welt verhält, obwohl sie weiterhin durch Design, Metrik, Zugriff und Selektionsregeln organisiert ist.

Der Punkt ist dabei nicht filmtheoretisch, sondern prüfarchitektonisch. Die Schnittstelle ist der Ort, an dem Imago-Wirksamkeit reale Tätigkeiten auslöst und damit Kostenpfade in der Rückkopplungswelt startet, ohne dass diese Kostenpfade im selben Raum sichtbar bleiben müssen. Wird diese Kopplung nicht durch E4 gesichert, entsteht der Entkopplungsmodus: Darstellung gewinnt Vorrang vor Trägerprüfung, Plausibilität vor Konsequenzspur, Anerkennung vor Kostenträgerschaft, Rechtfertigung vor Revision. In dieser Lage genügt es nicht, die Grenze „zu wissen“; sie muss betrieblich durchgesetzt werden. Genau deshalb ist die Fallfigur so zentral für deinen Übergang: Sie zeigt, dass die entscheidende Frage nicht lautet, ob Darstellung „real“ ist, sondern ob Rücklaufkanäle existieren, die Darstellung revisionspflichtig halten, sobald sie Trägerkosten auslöst.