12. Die Orientierungsarchitektur der Moderne
12.1 Umwelt, Subjekt, Objekt, innen und außen als Hilfsordnungen
Die Moderne arbeitet mit einer Reihe von Begriffen, die zunächst als Hilfsordnungen der Orientierung verständlich und in vielen Zusammenhängen auch brauchbar sind. Dazu gehören Umwelt, Subjekt, Objekt, innen und außen. Solche Begriffe helfen, Wahrnehmung zu ordnen, Handlungsräume zu unterscheiden, Verantwortlichkeiten zuzuweisen und komplexe Verhältnisse begrifflich handhabbar zu machen. In dieser ersten Funktion sind sie nicht notwendig falsch. Sie gehören zur symbolischen Ebene des Menschen und damit zu jener dritten Ebene, auf der Sprache, Deutung, Rolle und institutionelle Ordnung überhaupt erst möglich werden.
Das Problem beginnt dort, wo diese Begriffe ihre Hilfsfunktion überschreiten und als Wirklichkeitsbeschreibungen im strengen Sinn auftreten. Dann wird aus einer Orientierungshilfe eine Grundontologie. Der Mensch erscheint nun als Subjekt, dem Objekte gegenüberstehen; er erlebt sich als Innenraum, der sich gegen ein Außen abgrenzt; er versteht Welt als Umwelt, also als etwas, das ihn umgibt, aber nicht wesentlich mit ihm identisch ist. Genau an diesem Punkt verliert die symbolische Orientierung ihre Maßbindung. Was zunächst eine praktische Unterscheidung war, wird zur grundlegenden Bestimmung dessen, was der Mensch sei und wie Welt beschaffen sei.
Für den Werkzusammenhang ist daher entscheidend, dass diese Begriffe nicht vorschnell als Tatsachen des Lebens akzeptiert werden. Sie sind sekundäre symbolische Formen, keine primären Wirklichkeitsgrundlagen. Die primäre Wirklichkeit liegt in Naturgrammatik, Mitwelt, Stoffwechsel, Einssein, Zusammengehörigkeit, Grenze und Rückkopplung. Erst von dort aus lässt sich entscheiden, in welchem begrenzten Sinn Orientierungsbegriffe sinnvoll bleiben und an welchem Punkt sie beginnen, die Wirklichkeit zu verfälschen.
12.2 Der Übergang von Orientierungsbegriffen zu ontologischen Tatsachen
Die eigentliche Gefahr der Moderne liegt nicht im bloßen Gebrauch von Orientierungsbegriffen, sondern in ihrem Übergang zu ontologischen Tatsachen. Dieser Übergang geschieht meist unbemerkt. Ein Begriff, der ursprünglich dazu diente, Erfahrung zu strukturieren, wird allmählich so verwendet, als beschriebe er die Wirklichkeit selbst. Das Subjekt wird dann nicht mehr als begriffliche Perspektive verstanden, sondern als reale Mitte der Welt. Das Objekt erscheint nicht mehr als funktionale Gegenstandsbestimmung, sondern als das grundsätzlich Verfügbare. Innen und außen werden nicht mehr als praktische Unterscheidung verwendet, sondern als tiefe Struktur des Seins. Umwelt erscheint nicht mehr als eine mögliche Redeweise, sondern als ontologische Außenwelt eines im Kern getrennten Wesens.
Genau dieser Übergang erzeugt jene Scheinwirklichkeit, die im Werkzusammenhang immer wieder kritisiert wird. Denn sobald Orientierungsbegriffe ontologisch aufgeladen werden, verschwindet die stoffwechselhafte und relationale Grundverfassung des Lebens aus dem Blick. Der Mensch tritt sich dann selbst gegenüber, als hätte er einen Innenkern, dem sein Körper, seine Mitwelt und seine Bedingungen äußerlich wären. Er sieht sich nicht mehr als Teil eines Wirklichkeitszusammenhangs, sondern als Instanz vor diesem Zusammenhang. Damit beginnt die Verkennung des Innewohnens.
Der Übergang von der Orientierung zur Ontologie ist deshalb einer der Grundmechanismen moderner Entkopplung. Er verleiht symbolischen Setzungen den Anschein von Natürlichkeit. Was in Wahrheit konstruiert, historisch geworden oder kulturell stabilisiert ist, erscheint als selbstverständlich, ursprünglich und unhintergehbar. Gerade hier setzt der Prüfmechanismus an. Er fragt nicht nur, welche Begriffe verwendet werden, sondern ob diese Begriffe noch als Hilfsordnungen erkennbar bleiben oder bereits zu falschen Wirklichkeitsträgern geworden sind.
12.3 Individuum, Selbstbesitz und Verfügung
Aus dieser ontologischen Aufladung der Orientierungsbegriffe entsteht das moderne Individuumsverständnis. Das Individuum erscheint dann als abgegrenzte, in sich selbst ruhende Einheit, die sich selbst gehört, über sich verfügen kann und der Welt als Zentrum eigener Ansprüche gegenübertritt. Damit verbindet sich fast zwangsläufig die Idee des Selbstbesitzes. Das Ich betrachtet den eigenen Körper, die eigenen Fähigkeiten, die eigene Zeit und das eigene Leben als Eigentum, über das es legitim verfügen dürfe. Genau hier verdichtet sich die Formel: Ich gehöre mir.
Für den Werkzusammenhang ist dies ein entscheidender Punkt. Denn der Mensch ist seinem Körper, seinem Stoffwechsel und seinen Lebensbedingungen gerade nicht äußerlich. Er kann den Atem nicht selbst herstellen, den Stoffwechsel nicht souverän erzeugen, Regeneration nicht unbegrenzt erzwingen und Abhängigkeiten nicht per Willensakt suspendieren. Wenn er sich dennoch als Besitzer seiner selbst versteht, dann beruht dieses Selbstverständnis nicht auf Wirklichkeit, sondern auf einer symbolischen Konstruktion. Selbstbesitz ist daher keine elementare anthropologische Tatsache, sondern eine Folge der modernen Orientierungsarchitektur.
Verfügung ist die praktische Konsequenz dieses Selbstbesitzmodells. Wer sich selbst als Eigentum versteht, wird dazu neigen, auch mit sich selbst wie mit Besitz umzugehen: optimierend, verwertend, verfügbar machend, ausbeutend oder symbolisch aufwertend. Das Selbst wird dann zur Ressource, der Körper zum Objekt, das Können zum Bestand, die Intelligenz zum Marktwert. So entsteht die Linie vom Individuum über den Selbstbesitz bis zur Selbstverwertung. Der Mensch erscheint nicht mehr als plastisches Verhältniswesen, sondern als Geschäftsprodukt seiner selbst.
12.4 Eigentumslogik und die Verdeckung von Einssein und Zusammengehörigkeit
Die Eigentumslogik verstärkt diesen Prozess noch einmal. Eigentum kann als juristische Ordnungsform in bestimmten Bereichen sinnvoll sein. Es wird jedoch zerstörerisch, sobald es vom rechtlichen Feld auf die anthropologische Grundstruktur des Menschen übertragen wird. Dann erscheint nicht nur ein Haus, ein Werkzeug oder ein Grundstück als Eigentum, sondern der Mensch deutet auch sich selbst, seinen Körper, seine Fähigkeiten und seine Lebenszeit in der Sprache des Besitzes. Genau dadurch wird Einssein verdeckt. Was real nur in Zusammengehörigkeit, Stoffwechsel und Mitwelt existiert, erscheint nun als verfügbares Eigentum eines inneren Ichs.
Diese Eigentumslogik arbeitet direkt gegen die ersten beiden Ebenen des Modells. Denn dort gilt, dass Leben gerade nicht aus Selbstbesitz, sondern aus Eingebundenheit hervorgeht. Atem, Nahrung, Regeneration, Umweltbedingungen im Sinn von Mitweltbedingungen, organische Austauschprozesse und Verletzbarkeit zeigen, dass der Mensch sich niemals selbst genügt. Eigentumslogik dagegen schafft die symbolische Illusion, man könne sich selbst gehören und deshalb mit sich und der Welt verfahren, als seien beide verfügbares Material. So wird das Wirkliche nicht aufgehoben, aber überblendet.
In dieser Überblendung liegt eine der Wurzeln des Herrschafts-Ichs. Eigentum wird zur stillen Matrix des Selbstverständnisses. Daraus folgen Verfügungsanspruch, Entkopplung von Konsequenzen und die Verkennung von Mitwelt. Die Eigentumslogik ist deshalb nicht bloß ökonomische Ideologie, sondern eine anthropologische Fehlfigur. Sie verwandelt das Verhältniswesen in einen scheinbaren Eigentümer, der gerade dadurch die Bedingungen seines eigenen Bestehens verdunkelt. Der Prüfmechanismus hat an dieser Stelle die Aufgabe, Eigentumsbehauptungen wieder an Naturgrammatik, Stoffwechselwirklichkeit und Zusammengehörigkeit zurückzubinden.
12.5 Symbolische Umwelt und wirkliche Mitwelt
Aus all dem ergibt sich die Notwendigkeit, symbolische Umwelt und wirkliche Mitwelt strikt zu unterscheiden. Symbolische Umwelt bezeichnet die vom Menschen begrifflich, institutionell und kulturell erzeugte Umgebungswelt. Sie besteht aus Rollen, Zeichen, Erwartungen, Rechten, Eigentumsformen, Geltungen, Medienbildern und institutionellen Rahmen. Diese symbolische Umwelt ist nicht unwirklich, aber sie ist sekundär. Sie ist eine vom Menschen hervorgebrachte Ordnungswelt, in der er sich orientiert und stabilisiert. Wirkliche Mitwelt dagegen bezeichnet den realen Zusammenhang des Lebens, in dem der Mensch selbst enthalten ist: Stoffwechsel, Luft, Wasser, Nahrung, Mikroorganismen, Pflanzen, Tiere, Böden, Klima, Zeit, Regeneration, Verletzbarkeit und Rückkopplung.
Die moderne Entkopplung entsteht dort, wo die symbolische Umwelt an die Stelle der wirklichen Mitwelt tritt. Dann erscheint das kulturell, juristisch oder institutionell Geordnete als eigentliche Wirklichkeit, während die stoffwechselhafte Einbindung nur noch als Hintergrund oder Ressource behandelt wird. Genau hier verliert der Mensch das Maß. Er beginnt, in einer Welt zu leben, die er symbolisch geordnet hat, und verwechselt diese Ordnung mit dem tragenden Zusammenhang seines Lebens. In Wahrheit bleibt er auch dann vollständig von der Mitwelt abhängig, wenn seine Symbolwelt diese Abhängigkeit überdeckt.
Für den Werkzusammenhang ist diese Unterscheidung grundlegend. Nur wenn symbolische Umwelt und wirkliche Mitwelt auseinandergehalten werden, lässt sich der moderne Grundfehler präzise fassen. Die Plastische Anthropologie 51:49 greift deshalb nicht die Symbolwelt als solche an, sondern ihre Verabsolutierung. Sie verlangt, dass die symbolische Umwelt wieder auf ihre Tragschichten hin durchsichtig wird. Erst dann kann der Mensch sich nicht mehr als souveränes Zentrum einer äußeren Umwelt missverstehen, sondern als Teil einer wirklichen Mitwelt, in der Einssein, Zusammengehörigkeit und Rückkopplung keine Metaphern, sondern Lebensbedingungen sind.
