12 Gesellschafts- und Wissenschaftskritik als Prüfpfad der Selbstlegitimation

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Die Gesellschafts- und Wissenschaftskritik ist im Werk-Anker kein äußerer Kommentar, sondern ein Prüfpfad, weil hier sichtbar wird, wie moderne Systeme ihre eigene Geltung stabilisieren, während sie zugleich die Rückbindung an Tragfähigkeit und Stoffwechsel schwächen.

Der zentrale Gegenstand ist Selbstlegitimation als E3/E4-Mechanismus: ein Bastelladen von Begriffen, Modellen und Verfahren, der die Anmutung von Klarheit erzeugt, indem er Zuständigkeiten verschiebt. In dieser Perspektive ist die entscheidende Frage nicht, ob ein Diskurs „wissenschaftlich“ oder „spirituell“ ist, sondern ob er Ebenentrennung ermöglicht oder verhindert. Sobald Ebenentrennung verhindert wird, kann nahezu jede Weltdeutung als Ganzheit erscheinen, weil die Kante, an der Rückkopplung widerspricht, nicht mehr zugelassen wird. Der Prüfpfad besteht daher darin, die typischen Tarnformen zu isolieren, in denen Entkopplung als Wahrheit, Fortschritt oder Sinn verkauft wird, und die Kriterien zu benennen, durch die echte Prüfsysteme von Pseudo-Prüfsystemen unterscheidbar bleiben.

12.1 Reduktionismus und Holismus als mögliche Tarnformen von Entkopplung, wenn Ebenentrennung verhindert wird

Reduktionismus und Holismus können im Projekt beide als Tarnformen auftreten, wenn sie Ebenentrennung ersetzen, statt sie zu präzisieren. Reduktionismus wird driftig, wenn er E3/E4 auf E1 reduziert, also Sinn, Norm und Verantwortung als bloße Nebenprodukte behandelt und dadurch die Frage nach Haftung durch eine Erklärung ersetzt. Holismus wird driftig, wenn er E1/E2 in ein umfassendes Sinnbild auflöst, in dem alles mit allem verschmilzt und dadurch die Trägerbedingungen als „nur eine Perspektive“ erscheinen. In beiden Fällen wird die gleiche Operation sichtbar: Die Kante der Zuständigkeiten wird entfernt, und gerade diese Entfernung erzeugt den Eindruck von Klarheit. Der Begriff „Ganzheit“ fungiert dann nicht als Rückbindung, sondern als Immunisierung, weil jede Störung als Teil des Ganzen umgedeutet werden kann. Die prüffeste Position ist nicht „mehr Teil“ oder „mehr Ganzes“, sondern die Fähigkeit, zu sagen, was in welcher Ebene entschieden werden darf und wo Trägerbedingungen ein Veto besitzen.

12.2 Wissenschaftliche Prüfsysteme versus Pseudo-Prüfsysteme, Fehlerkultur und Katastrophenlernen als Maßstab

Wissenschaftliche Prüfsysteme sind in deinem Rahmen dadurch bestimmt, dass sie Rückkopplung erzwingen, und zwar nicht nur theoretisch, sondern in Verfahren, die Fehler sichtbar machen und Korrektur ermöglichen. Entscheidend ist die Fehlerkultur, weil sie zeigt, ob ein System seine eigenen Irrtümer als Information verarbeitet oder als Angriff abwehrt. Katastrophenlernen in der Technikwelt ist hier ein maßstäbliches Gegenbild zu vielen Symbolsystemen: Nach einem Versagen wird der Ursachenpfad rekonstruiert, das Design geändert, die Norm angepasst, und das Ziel ist, die nächste Katastrophe zu verhindern. Dieser Habitus ist ein E4-Standard: Er bindet Setzung an Tragfähigkeit. Pseudo-Prüfsysteme imitieren dagegen die Form der Prüfung, ohne Rückkopplung zuzulassen. Sie produzieren Erklärungen, Zertifikate, Autoritäten oder Rituale, die den Anschein von Bewährung erzeugen, aber die Konsequenzspur nicht in die Revision zurückführen. Das Unterscheidungskriterium liegt daher nicht im Vokabular, sondern in der Frage, ob das System an Widerstand lernt oder Widerstand semantisch neutralisiert.

12.3 Eigentums- und Marktlogiken als Driftverstärker, Umverteilung als verdeckte E4-Architektur

Eigentums- und Marktlogiken erscheinen im Projekt als besonders wirksame Driftverstärker, weil sie E3-Titel mit E4-Durchsetzung koppeln und dadurch Zugänge, Ressourcen und Handlungsspielräume asymmetrisch verteilen können, ohne dass die Trägerseite diese Asymmetrie unmittelbar korrigiert. Umverteilung ist in diesem Sinne nicht nur ein ökonomischer Effekt, sondern eine verdeckte E4-Architektur: Verfahren, Verträge, Institutionen, Bewertungsmechanismen und Machtstrukturen lenken Ströme so, dass bestimmte Akteure Vorteile stabilisieren, während Kosten externalisiert werden. Genau hier greift dein Driftpfad: Wenn Geltung sich selbst priorisiert, wird das System in Richtung Entkopplung betrieben, weil kurzfristige Gewinne und symbolische Stabilität wichtiger werden als langfristige Tragfähigkeit. Die Trägerseite antwortet dann nicht als Argument, sondern als Krise. Der Prüfwert dieser Analyse liegt darin, dass Eigentum nicht als „Ding“ verstanden wird, sondern als Setzung, die Trägerbedingungen beansprucht und deshalb immer an Haftung gebunden werden müsste, wenn 51:49 als Prioritätsregel gelten soll.

12.4 Symbolische Perfektionssysteme als Unverletzlichkeitsangebote und als politische Legitimationstechniken

Symbolische Perfektionssysteme sind in deinem Werk-Anker der Oberbegriff für Ordnungen, die Reinheit, Ewigkeit, Vollständigkeit oder perfekte Gesetzmäßigkeit versprechen und dadurch Rückkopplung als Störung behandeln. Sie funktionieren als Unverletzlichkeitsangebote, weil sie dem Individuum und dem Kollektiv eine Zone in Aussicht stellen, in der Endlichkeit, Abhängigkeit und Schuld nicht mehr gelten sollen. Politisch werden solche Systeme zu Legitimationstechniken, weil sie Autorität nicht aus Bewährung am Widerstand beziehen, sondern aus der Behauptung eines höheren Maßstabs. In dieser Logik kann Macht sich als „Ordnung“ darstellen, während sie reale Abhängigkeiten verdeckt und Haftung umgeht. Für dein Prüfsystem ist deshalb entscheidend, dass Perfektion nicht als Ideal bekämpft wird, sondern als Betriebsmodus identifiziert wird, der Drift produziert: Je stärker Perfektion als Geltung verlangt wird, desto stärker entsteht der Druck, Rückkopplung zu verdrängen, und desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass Konsequenzen erst im Katastrophenmodus sichtbar werden.