15.0 Historische Plausibilitätslinien und philosophische Driftmaterialien
Dieses Kapitel bündelt jene Traditionslinien, die in der Imago-Sphäre als besonders plausible Selbstbeschreibungen wirken und dadurch Drift nicht „verursachen“, aber stabilisieren können.
Gemeint sind Denkformen, die Trennung, Idealität und formale Reinheit so attraktiv machen, dass Rückkopplungswelt-Bindung (Widerstand, Zeitspur, Kostenpfad, Verletzbarkeit) als nachgeordnet, störend oder delegierbar erscheint. In der Architektur E1–E4 sind diese Linien kein „Feindbild“, sondern Driftmaterial: Sie liefern Bildformen, in denen Geltung Tragfähigkeit behaupten kann, solange E4 den Rücklauf der Korrektur nicht erzwingt.
15.1 Spiegelbildlicher Symmetriedualismus 50:50 als Idealitätsmaschine; Drift zu 1:99 als Strukturfolge
Der spiegelbildliche 50:50-Symmetriedualismus beschreibt eine Plausibilitätsmaschine, in der Ordnung als prinzipiell perfektionierbar und Konflikt als prinzipiell auflösbar erscheint, wenn nur die „richtige Form“ gefunden wird.
Diese Maschine wirkt in der Imago-Sphäre deshalb so stark, weil sie die Unübersichtlichkeit der Rückkopplungswelt in klare Gegensätze übersetzt: richtig/falsch, rein/unrein, legitim/illegitim, innen/außen. Damit wird Korrektur leicht als Störung eines Idealbildes gelesen, nicht als Normalbetrieb eines verletzlichen Systems. Der kritische Punkt ist die Richtungsumkehr der Prüfung: Nicht mehr Tragfähigkeit über Zeit erzeugt Geltung, sondern Geltung behauptet Tragfähigkeit, weil das Idealbild als Maßstab an die Stelle des Toleranzfeldes tritt.
Die Drift zu 1:99 ist in dieser Logik keine moralische Entgleisung, sondern eine Strukturfolge: Sobald Geltung als Erfolgscode dominiert, werden Kostenpfade systematisch verschoben. Externalisierung wird möglich und attraktiv, Zeitverzug wird zum Schutzschirm, Zurechnungsflucht wird zur institutionellen Technik, und Immunisierung wird zur sozialen Normalform. 1:99 bezeichnet dann die Lage, in der Korrektur fast vollständig blockiert ist, weil die Kostenträger nicht revisionsmächtig sind, während die revisionsmächtigen Akteure die Kosten nicht tragen. In E1/E2 bleibt die Rechnung real, aber im Entscheidungsraum der Imago-Sphäre wird sie operativ unwirksam, bis Kipppunkte als letzte Instanz die Trennlinie wieder erzwingen.
15.2 Signaturen von Plausibilität: René Descartes, Immanuel Kant, Platon als Verdichtungen von Trennungs- und Idealitätslinien
Die genannten Namen fungieren hier nicht als monokausale „Ursachen“, sondern als Signaturen, an denen sich Verdichtungen ablesen lassen: die Stabilisierung einer Trennungssprache, in der ein ordnendes, urteilendes, begründendes Register vom Register der Bedingungen ablösbar erscheint. Für die Architektur ist dabei entscheidend, dass solche Trennungslinien nicht falsch sein müssen, um driftfähig zu werden. Drift entsteht, wenn die Trennung zur Entkopplung wird, also wenn das Geltungsregister die Trägerschichten nicht mehr als prüfende Instanz behandelt, sondern als bloßes Ausführungsmedium, dessen Kostenpfade man verwalten, verdecken oder auslagern könne.
In deiner Terminologie lässt sich diese Verdichtung so fassen: Die Imago-Sphäre gewinnt eine maximale innere Kohärenz und Selbstbezüglichkeit, während die Rückkopplungswelt als „Hintergrund“ erscheint. Dadurch wird die zentrale Verwechslung plausibel, die E4 eigentlich verhindern soll: Begründung ersetzt Bewährung, Rechtfertigung ersetzt Revision, und ideale Form ersetzt Toleranzfeld. Philosophische Idealitätslinien werden so zu Driftmaterialien, sobald sie als immunisierende Stabilitätsform genutzt werden: Kritik wird zur Identitätsfrage, nicht zur Abweichungsprüfung; Widerspruch wird zur Störung des Kanons, nicht zur Korrekturinformation; und die Korrekturkosten werden psychisch, sozial und institutionell so erhöht, dass Entkopplungsmodus attraktiver bleibt als Rückkopplungsbetrieb.
15.3 Moderne Medien- und Aufmerksamkeitsregime: Sichtbarkeit ersetzt Zeitspur; Interface als Selektionsapparat
Moderne Medien- und Aufmerksamkeitsregime wirken als Driftverstärker, weil sie die Imago-Sphäre technisch verdichten und ihre Selektionslogiken in Interfaces einschreiben. Der zentrale Effekt ist die Ablösung der Zeitspur durch Sichtbarkeit: Was im Interface präsent ist, zählt; was nur als verzögerter Kostenpfad existiert, verliert. Damit kippt die epistemische Gewichtung von „Tragen über Zeit“ zu „Wirken im Moment“. In der Rückkopplungswelt sind Verzögerung, Schwellen, Hysterese und Irreversibilität Standard; im Aufmerksamkeitsregime werden sie zu Randphänomenen, weil sie nicht in den Takt der Sichtbarkeit passen. Der Konsequenzpfad wird dadurch nicht widerlegt, sondern entwertet.
Das Interface fungiert in dieser Perspektive als Selektionsapparat der Imago-Sphäre: Es entscheidet, was als Ereignis erscheint, welche Kennzahlen als Realität gelten, welche Rollen plausibel werden und welche Revisionswege überhaupt auffindbar und durchsetzbar sind. Dadurch verschiebt sich Verantwortung strukturell: Nicht primär der einzelne Akteur „verdrängt“ Rückmeldung, sondern die Architektur macht Rückmeldung teuer, spät und sozial riskant, während sie Anerkennung schnell, billig und statuswirksam verteilt. Genau hier liegt die Notwendigkeit, E4 nicht als Zusatz, sondern als Gegenmittel zu begreifen: Ohne erzwungene Referenzrahmen, Zeitformat, Kostenträgerschaft, Versionierung und Revisionskanäle werden Interface-Plausibilitäten zur Ersatz-Tragfähigkeit, und Entkopplungsmodus wird zum Normalbetrieb.
