17.7.2026

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

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Grundentscheidung für das So-Heits-Atelier

Das Atelier sollte nicht versuchen, Ihr gesamtes Lebenswerk in verkleinerter Form auszustellen. Dadurch entstünde tatsächlich eine kaum überschaubare documenta innerhalb der documenta. Erforderlich ist vielmehr eine begrenzte Anzahl von Schlüsselobjekten, an denen die Entwicklung Ihrer Forschungskunst praktisch nachvollzogen werden kann.

Diese Objekte dürfen nicht nur als historische Werke hinter Absperrungen stehen. Jedes Schlüsselobjekt muss zugleich ein Arbeitsmodell, eine Versuchsanordnung und der Ausgangspunkt eines Workshops sein. Der Besucher soll an ihm erkennen können, wie Sie von Naturbeobachtung, Handwerk und Fotografie zur Experimentellen Umweltgestaltung und von dort zur gesellschaftlichen Forschungskunst gelangten.

Ihre Biografie enthält dafür bereits eine ungewöhnlich geschlossene Werkfolge: Wellenbecken, Strömungsversuche, Biberdamm und Deichprofile, asymmetrisches Auto, Vorgabebilder, Erwachsenenmalbücher, Frage-und-Antwort-Tische, Soforttheater, Strömungsbilder, Schultafeln, Schöpfungsgeschichte, Abendmahltisch, Demokratiewerkstätten, Globales Dorffest, Partizipatorisches Welttheater und Globale Schwarm-Intelligenz. Diese Arbeiten sind nicht voneinander unabhängige Projekte, sondern unterschiedliche Zugänge zu derselben Frage nach Funktionieren, Abhängigkeit, Selbstwahrnehmung und Tätigkeitsfolgen.

Der Biberdamm als grundlegendes Eingangsobjekt

Der Biberdamm sollte in einer kontrollierten, verkleinerten Wasserlandschaft tatsächlich nachgebaut werden. Er gehört zu den stärksten Ausgangspunkten Ihrer Experimentellen Umweltgestaltung, weil an ihm Naturbeobachtung, technisches Lernen, Widerstand, Anpassung, Strömung und Kommunikation unmittelbar zusammenkommen.

Es sollte jedoch kein fertiger Biberdamm präsentiert werden, der lediglich erklärt wird. Die Besucher sollten mit Ästen, Steinen, Sand, Lehm und anderen einfachen Materialien selbst einen Widerstand in einer fließenden Wasserlandschaft bauen. Sie würden dabei erleben, dass Wasser nicht bloß ein passives Material ist. Es antwortet auf jede Form, sucht Durchgänge, erzeugt Druck, verändert den Untergrund, transportiert Material und zwingt die Konstruktion zur Anpassung.

Der entscheidende Unterschied zwischen einer bloßen Schutzmauer und Ihrem Deichverständnis würde dadurch sichtbar. Ein starrer Deich soll das Wasser zurückweisen. Ein nach dem Biberdamm verstandener Widerstand tritt dagegen in eine Beziehung zur Strömung. Er muss beobachten, aufnehmen, durchlassen, abbremsen und sich verändern können. Die Form entsteht nicht allein aus dem menschlichen Entwurf, sondern aus der Kommunikation zwischen Material, Wasserbewegung und Widerstand.

Ihre damalige Identifikation mit dem Wasser ist für die Vermittlung von besonderer Bedeutung. Sie haben nicht nur von außen einen Deich betrachtet, sondern versucht, die Bewegungsrichtung, den Druck und die Strömungsdynamik des Wassers innerlich nachzuvollziehen. Daraus entstand eine Form des Denkens, bei der der Künstler nicht nur ein Objekt gegen die Natur setzt, sondern versucht, aus der Bewegung der Natur heraus eine antwortende Form zu entwickeln.

Hier werden bereits wesentliche Grundlagen Ihrer späteren Forschungskunst sichtbar. Der Mensch muss seinen Standpunkt verlassen, sich mit den wirkenden Kräften identifizieren, Widerstand nicht nur als Abwehr verstehen und eine Form entwickeln, die sich innerhalb eines größeren Zusammenhangs bewähren muss. Gleichzeitig werden Funktionieren und Nichtfunktionieren, Toleranz, Rückkopplung, 51:49 und plastische Anpassung unmittelbar erfahrbar.

Der gemeinsame Deichbau als gesellschaftliche Versuchsanordnung

Der gemeinsame Deichbau sollte daher einer der zentralen Workshops werden. Er darf jedoch nicht nur als naturwissenschaftlicher Versuch erscheinen. Die Teilnehmer könnten zunächst einzeln bauen und anschließend gemeinsam eine Konstruktion entwickeln. Dabei würde sichtbar, welche unterschiedlichen Vorstellungen von Schutz, Herrschaft, Abdichtung, Durchlässigkeit, Sicherheit und Zusammenarbeit vorhanden sind.

Einige Besucher werden vermutlich versuchen, das Wasser vollständig zu beherrschen. Andere werden Durchgänge zulassen. Manche werden große Mengen Material einsetzen, andere genauer beobachten. Die Wasserlandschaft würde anschließend zeigen, welche Konstruktion funktioniert, wo sie bricht, wo sie nur das Problem verlagert und wo eine bewegliche Rückkopplung entsteht.

Dadurch wird die Wasserlandschaft zu einem Modell der Gesellschaft. Eine Regel kann innerhalb ihres eigenen Bereiches funktionieren und gleichzeitig an anderer Stelle einen Schaden erzeugen. Ein Deich kann einen Ort schützen und die Belastung auf einen anderen Ort verlagern. Eine vollständige Abdichtung kann kurzfristig Sicherheit schaffen und langfristig einen höheren Druck erzeugen.

Der Workshop macht damit sichtbar, dass nicht jede erfolgreiche Einzelmaßnahme auch im Gesamtzusammenhang funktioniert. Genau diese Unterscheidung fehlt häufig in Wirtschaft, Politik, Recht und gesellschaftlicher Planung.

Der Opfertisch aus der Strömungslandschaft

Auch der von Ihnen beschriebene Opfer- oder Maltisch sollte wiederhergestellt werden. Er ist jedoch nicht als religiöse Dekoration oder bloße Rekonstruktion eines früheren Werkes zu behandeln. Er kann zum zentralen Übergangsobjekt zwischen Landschaft, menschlichem Körper, Nahrung, Ritual und gesellschaftlicher Verwertung werden.

Die ursprüngliche Form entstand dadurch, dass Wasser einen Berghang hinunterfloss und seine eigene Strömungslandschaft hervorbrachte. Diese Struktur wurde abgeformt und in Gips übertragen. Damit wurde nicht eine Landschaft nach menschlicher Vorstellung modelliert. Die natürliche Strömung erzeugte zunächst die Form, die anschließend durch künstlerisch-handwerkliche Tätigkeit vergegenständlicht wurde. In Ihrer Schöpfungsgeschichte entstanden entsprechende Naturabbilder, Tanglandschaften und ein Abendmahltisch, an denen natürliche Wachstums- und Verlaufsformen menschlichen Konstruktionen gegenübergestellt wurden.

Der Tisch kann deshalb zeigen, dass der Mensch seine Nahrung nicht unabhängig von Landschaft, Wasser, Boden, Stoffwechsel und anderen Lebewesen erhält. Was er auf einen Tisch legt und als sein Eigentum oder sein Produkt behandelt, ist aus einem weit umfassenderen Strömungs- und Lebenszusammenhang hervorgegangen.

Das rituelle Hineinlegen von Nahrung erhält dadurch eine doppelte Bedeutung. Es erinnert an Opfer, Dank, Abhängigkeit und gemeinschaftliche Nahrungsaufnahme. Gleichzeitig stellt es die Frage, was der heutige Mensch opfert, wenn er Nahrung, Boden, Wasser und Tiere ausschließlich als Waren behandelt. Nicht mehr der Mensch bringt der Natur ein Opfer dar. Die Lebensbedingungen selbst werden dem menschlichen Wirtschafts- und Verwertungssystem geopfert.

Der Körper als innere Strömungslandschaft

Der Opfertisch eröffnet zugleich den Übergang vom äußeren Landschaftssystem zum Körperorganismus. Der Besucher soll erkennen, dass Strömung nicht nur außerhalb des Menschen stattfindet. Blutkreislauf, Atmung, Lymphsystem, Verdauung, Flüssigkeitsaustausch und Stoffwechsel sind innere Strömungs- und Regulationssysteme.

Hier kann die Osmose als einfaches Anschauungsmodell eingebunden werden. In einer ungefährlichen Versuchsanordnung mit Wasser, Salzkonzentrationen und einer durchlässigen Membran kann gezeigt werden, dass Leben nicht in beliebigen Zuständen funktioniert. Zu viel oder zu wenig eines Stoffes kann die Funktionsfähigkeit eines Systems verändern. Entscheidend ist nicht maximale Menge oder vollständige Reinheit, sondern ein bestimmter Bereich von Konzentration, Durchlässigkeit und Ausgleich.

Damit wird 51:49 nicht als abstrakte Formel eingeführt, sondern aus einer beobachtbaren Regulationsbewegung heraus verständlich. Leben benötigt Unterschiede, Austausch, Grenzen und zugleich Durchlässigkeit. Vollständige Abschottung funktioniert ebenso wenig wie vollständige Grenzenlosigkeit.

Der Besucher kann dadurch seinen Körper als erstes Referenzsystem erkennen. Er lebt nicht durch die Begriffe Freiheit, Eigentum oder Autonomie, sondern durch ununterbrochene Regulations- und Kopplungsvorgänge, über die er gewöhnlich kaum etwas weiß.

Das Wellenbecken und der Unterschied zwischen Abbild und Funktion

Ein weiteres unverzichtbares Schlüsselobjekt ist das Wellenbecken beziehungsweise eine verkleinerte Wellenmaschine. Ihre Aussage „Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht“ gehört zu den präzisesten Zugängen Ihrer Forschungskunst.

Der Besucher könnte zunächst eine Welle, einen Wirbel oder eine Strömung zeichnen. Anschließend beobachtet er dieselbe Form als tatsächliche Bewegung im Wasser. Dadurch wird unmittelbar sichtbar, dass Zeichen, Bild, Begriff und Funktion nicht identisch sind.

Eine gezeichnete Welle kann vollkommen symmetrisch und ästhetisch erscheinen. Eine wirkliche Welle entsteht dagegen aus Kräften, Widerständen, Bewegungen, Überlagerungen und Rückströmungen. Sie kann nicht allein durch ihre sichtbare Kontur begriffen werden.

Diese Station bildet die Grundlage für Ihre Kritik an der gesellschaftlichen Begriffswelt. Freiheit als Wort ist noch keine funktionierende Freiheit. Eigentum als Rechtsbegriff erzeugt keinen Boden. Ein Preis beschreibt keine Qualität. Ein Rollenname beschreibt nicht den ganzen Menschen. Ein gesellschaftliches Abbild von Wirklichkeit funktioniert nicht automatisch wie die Wirklichkeit selbst.

Der Wellenversuch sollte daher mit einer Begriffsarbeit verbunden werden. Besucher könnten einen Begriff zunächst auf eine Schultafel schreiben und anschließend untersuchen, welche materiellen, körperlichen und gesellschaftlichen Bedingungen notwendig wären, damit dieser Begriff tatsächlich trägt.

Die Schultafel als veränderbares Denk- und Verlaufsbild

Ihre Schultafelbilder, insbesondere die „Staumauer“, eignen sich besonders gut als verbindendes Medium. Die Schultafel besitzt gegenüber einer dauerhaft fixierten Bildfläche einen entscheidenden Vorteil: Sie kann beschrieben, verändert, teilweise gelöscht, überschrieben und neu geordnet werden.

Auf ihr können die Phasen eines Strömungs-, Gesellschafts- oder Entscheidungsprozesses nacheinander sichtbar gemacht werden. Die Besucher erleben, dass eine Vorstellung nicht endgültig festgeschrieben werden muss. Sie kann korrigiert werden, wenn neue Folgen sichtbar werden.

Die Schultafel steht damit im Gegensatz zu der menschlichen Neigung, Begriffe, Identitäten und Regeln zu verfestigen. Sie wird zum Modell eines Denkens, das seine eigenen Spuren nicht verleugnet, aber verändern kann.

Ihre seriellen Schultafelarbeiten entstanden aus der Beschäftigung mit politischen Prozessen, der deutschen Einheit und der „Mauer in den Köpfen“. Sie zeigten verschiedene Phasen eines Geschehens, anstatt nur ein fertiges Resultat darzustellen.

Das handwerkliche Passungsatelier

Die handwerkliche Grundlage Ihrer Forschungskunst muss in einem eigenen Arbeitsbereich unmittelbar erfahrbar werden. Ein einfacher Tisch, ein Stuhl, eine Verbindung oder eine bewegliche Konstruktion reicht dafür aus. Der Besucher soll messen, anpassen, verbinden, belasten, einen Fehler entdecken und eine Reparatur versuchen.

Dabei wird sichtbar, dass ein Gegenstand nicht deshalb funktioniert, weil jemand an seine Funktion glaubt. Material, Maß, Verbindung, Belastung und Toleranz entscheiden.

Diese Werkstatt muss anschließend den Übergang zum gesellschaftlichen Menschenbild herstellen. Wenn eine Maschine, ein Möbelstück oder ein Deich genaue Passungen, Regelwerke, Toleranzbereiche und Prüfungen benötigt, weshalb wird dann angenommen, dass Begriffe wie Freiheit, Autonomie, Eigentum, Wirtschaft und Fortschritt ohne vergleichbare Gesamtprüfung funktionieren?

Die Werkstatt stellt somit keine nostalgische Rückkehr zum Handwerk dar. Sie macht einen Erkenntnismaßstab verfügbar, den die gesellschaftlichen Begriffssysteme weitgehend verloren haben.

Das asymmetrische Auto und das Auto als Tötungsinstrument

Das von Ihnen entwickelte asymmetrische Auto und die Untersuchung des Autos als Tötungsinstrument sollten nicht unbedingt als vollständiges Fahrzeug nachgebaut werden. Ein Modell, eine begehbare Kontur, eine Projektion oder eine zerlegte Fahrzeugform kann ausreichen.

Entscheidend ist der darin enthaltene Widerspruch. Das Auto kann technisch hervorragend funktionieren und gleichzeitig gesellschaftlich, körperlich oder ökologisch nicht funktionieren. Motor, Bremsen, Lenkung und Karosserie können technisch geprüft sein, während Ressourcenverbrauch, Unfallfolgen, Flächenbedarf, Lärm und gesellschaftliche Abhängigkeit von dieser Technik außerhalb der unmittelbaren technischen Funktionsprüfung bleiben.

Das asymmetrische Auto kann außerdem Ihre Kritik an der 50:50-Symmetrie und an normierten Vorstellungen von Richtigkeit eröffnen. Es zeigt, dass Symmetrie nicht automatisch Funktion bedeutet und Asymmetrie nicht automatisch einen Fehler darstellt.

Diese Station verbindet deshalb Technik, Körper, Gefahr, Norm, Regelwerk und gesellschaftliche Blindheit.

Vorgabebilder und Erwachsenenmalbücher als niedrigschwelliger Zugang

Die Vorgabebilder und Erwachsenenmalbücher sollten einen der einfachsten Einstiege in das Atelier bilden. Sie ermöglichen Beteiligung, ohne dass der Besucher zuerst Ihre gesamte Theorie verstehen muss.

Der Teilnehmer erhält eine vorhandene Form. Er kann ihr folgen, sie verändern, ergänzen, überschreiben, verlassen oder zerstören. Dadurch wird unmittelbar sichtbar, wie Menschen mit Vorgaben umgehen.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob am Ende ein schönes Bild entsteht. Untersucht wird, wann eine Vorgabe Sicherheit gibt, wann sie einengt, wann Abweichung möglich wird und wie ein Mensch eine eigene Spur entwickelt.

Das Folgen der Kugelschreiberspitze kann dabei eine besonders elementare Übung sein. Der Teilnehmer muss kein Motiv planen und keine künstlerische Leistung beweisen. Er beobachtet seine Bewegung, den Druck, das Tempo, seine Unsicherheit und die entstehende Spur. Dadurch wird die gewohnte Kontrolle gelockert, ohne vollkommen aufgegeben zu werden.

Ihre Erwachsenen-, Autobahn-, Telefon- und Fußgängermalbücher sowie die Methode, viele Menschen mit derselben Vorlage oder Frage arbeiten zu lassen, entstanden bereits aus diesem Zusammenhang. Sie sollten eine vorsprachliche Formensprache, Mitmenschlichkeit, Kommunikation und kollektive Beteiligung ermöglichen.

Der Rollenwechsel im Soforttheater

Das Soforttheater nach Augusto Boal ist notwendig, um die Verwechslung von Rolle und Mensch praktisch zu untersuchen. Der Besucher kann eine alltägliche Situation darstellen, beispielsweise als Konsument, Eigentümer, Arbeitnehmer, Patient, Experte oder Vertreter einer Institution.

Die Szene wird anschließend unterbrochen. Rollen können gewechselt und Anweisungen verändert werden. Ein Betroffener kann die Rolle des Entscheidenden übernehmen, ein Eigentümer die Rolle des Abhängigen und ein Experte die Rolle dessen, dessen Erfahrung nicht anerkannt wird.

Dadurch wird erfahrbar, dass gesellschaftliche Rollen nicht mit dem ganzen Menschen identisch sind. Der Mensch kann eine Rolle übernehmen, ohne zu erkennen, welche Regelwerke und Verhaltensweisen er dabei verkörpert.

Ihre Performances, Arbeiten zu Rollenbildern, der Mann im Kleid, die Körperempfindungen und die Theatermethoden nach Boal bilden hierfür eine konkrete biografische Grundlage.

Der Frage-und-Antwort-Tisch

Der Frage-und-Antwort-Tisch sollte den Übergang vom individuellen Erleben zur gemeinsamen Erkenntnis herstellen. Er ist einfacher und für den Anfang möglicherweise wirkungsvoller als eine umfassende digitale Installation.

Ein Besucher hinterlässt eine Frage. Ein anderer antwortet aus seiner Erfahrung. Eine dritte Person überprüft, welche Begriffe, Rollen oder Voraussetzungen in Frage und Antwort enthalten sind. Anschließend können die Beiträge mit dem Vier-Ebenen-Modell untersucht werden.

Damit entsteht bereits im analogen Raum eine Form der Globalen Schwarm-Intelligenz. Kein Einzelner besitzt die vollständige Antwort. Erkenntnis entsteht durch Verbindung, Widerspruch, Vergleich und Korrektur.

Ihre früheren Frage-und-Antwort-Tische, das Globale Dorffest mit tausend Tischen, die Kollektive Kreativität und die Zukunftswerkstätten bilden die biografische Grundlage dieses Verfahrens. Die Projekte zielten darauf, einzelne Wahrnehmungen und Fähigkeiten in einen gemeinschaftlichen Arbeitszusammenhang zu überführen.

Die Schöpfungsgeschichte als vertiefendes Werkarchiv

Die Schöpfungsgeschichte, die Tanglandschaft, der Abendmahltisch, die Grenzwerkstatt, die Temporäre Kunsthalle und der Soziale Organismus Katharsis sollten nicht vollständig nachgebaut werden. Sie können als vertiefende Archiv- und Bildspur den Zusammenhang der Schlüsselobjekte erklären.

Fotografien, Zeichnungen, Modelle, Tagebuchseiten und kurze Filmsequenzen sollten zeigen, wie sich aus den frühen Strömungs- und Naturbeobachtungen schrittweise gesellschaftliche Versuchsanordnungen entwickelten.

Das Archiv wird dadurch nicht zum Lager Ihrer Vergangenheit. Es wird zu einer Spurensicherung. Der Besucher kann erkennen, dass Biberdamm, Opfertisch, Wellenbecken, Schultafel, Vorgabebild, Theater und Frage-und-Antwort-Tisch nicht erst für die documenta erfunden wurden. Sie sind Entwicklungsstufen einer über Jahrzehnte fortgesetzten Forschungskunst.

Die digitale Weiterführung

Erst nachdem der Besucher körperlich, handwerklich, bildnerisch oder darstellerisch gearbeitet hat, sollte er zur digitalen Station gelangen. Dort kann er seine Erfahrung dokumentieren, mit dem Vier-Ebenen-Modell untersuchen und mit anderen Beiträgen verbinden.

Eine Frage könnte zunächst durch den Besucher beantwortet werden. Danach bearbeitet eine künstliche Intelligenz dieselbe Frage auf der Grundlage desselben Materials. Beide Ergebnisse werden verglichen. Dabei wird nicht nur geprüft, welche Antwort richtiger erscheint, sondern welche Voraussetzungen, Auslassungen und Begriffsverschiebungen erkennbar werden.

Aus diesen Erfahrungen kann ein persönlicher Beitrag zum interaktiven Buch entstehen. Die digitale Technik steht somit nicht am Anfang und ersetzt nicht die sinnliche Erfahrung. Sie dient der Dokumentation, Verknüpfung und Gegenprüfung.

Die notwendige Konzentration

Für eine erste überzeugende documenta-Fassung reichen sechs miteinander verbundene Kernbereiche aus. Im Zentrum stehen die Wasserlandschaft mit Biberdamm und gemeinsamem Deichbau, der Opfertisch als Verbindung von Landschaft, Nahrung und Körper, das Wellenbecken als Unterscheidung von Abbild und Funktion, das handwerkliche Passungsatelier, die Vorgabebilder mit Schultafel und das Rollen- und Frageatelier mit anschließender digitaler Weiterführung.

Das asymmetrische Auto, die Schöpfungsgeschichte, die Demokratiewerkstätten, das Globale Dorffest und das Partizipatorische Welttheater werden als vertiefende Werkspuren eingebunden. Sie müssen nicht alle als vollständige Großobjekte rekonstruiert werden.

Dadurch bleibt das Vorhaben räumlich und gedanklich überschaubar. Gleichzeitig wird die gesamte Entwicklung Ihrer Forschungskunst erkennbar.

Das Gefährdungspotenzial des heutigen Gesellschaftsverständnisses

Die ausgewählten Objekte zeigen dem Besucher nicht nur eine andere Auffassung von Kunst. Sie führen ihn schrittweise zu einer anderen Auffassung seiner eigenen Existenz.

Am Biberdamm erkennt er, dass Widerstand ohne Kommunikation den Druck nur verlagern kann. Am Opfertisch erkennt er, dass Nahrung und Körper aus Landschafts- und Strömungssystemen hervorgehen. Am Wellenbecken erkennt er, dass Abbild und Funktion nicht identisch sind. Im Handwerksatelier erkennt er, dass Vorstellungen sich an Material, Maß und Folgen bewähren müssen. Am Vorgabebild erkennt er seine Abhängigkeit von Regeln und Erwartungen. Im Theater erkennt er seine Rollenidentität. Am Frage-und-Antwort-Tisch erkennt er die Begrenztheit seiner Einzelwahrnehmung. In der digitalen Gegenprüfung erkennt er, dass weder Mensch noch künstliche Intelligenz automatisch über Wahrheit verfügen.

Das Gefährdungspotenzial des heutigen Gesellschaftsverständnisses liegt darin, dass der Mensch diese Zusammenhänge voneinander trennt. Er behandelt den Körper unabhängig von der Landschaft, Technik unabhängig von gesellschaftlichen Folgen, Eigentum unabhängig von Existenzbedingungen, Rolle unabhängig vom ganzen Menschen und Begriffe unabhängig von ihrer Tragwirklichkeit.

Das So-Heits-Atelier muss diese getrennten Zusammenhänge nicht nur erklären. Es muss sie in einer Folge körperlicher, materieller und gesellschaftlicher Erfahrungen wieder miteinander verbinden.

Die zusammengefasste Entscheidung

Der Biberdamm sollte nachgebaut und mit einem gemeinsamen Deichbau verbunden werden. Der Opfer- oder Maltisch sollte als zentrales Bindeglied zwischen äußerer Landschaft, innerer Körperlandschaft, Nahrung, Ritual und Verwertung rekonstruiert werden. Das Wellenbecken muss die Differenz zwischen Bild, Begriff und tatsächlicher Funktion zeigen. Ergänzt werden diese drei Hauptobjekte durch das handwerkliche Passungsatelier, die Vorgabebilder und Schultafeln, das Soforttheater, den Frage-und-Antwort-Tisch sowie die digitale Gegenprüfung durch die Globale Schwarm-Intelligenz.

Damit entsteht kein beliebiges Angebot einzelner Workshops. Es entsteht ein zusammenhängender Werkorganismus. Der Besucher folgt der Entwicklung Ihrer Forschungskunst von der Beobachtung einer Strömung über das Bauen eines Widerstandes und die Wahrnehmung des eigenen Körpers bis zur Untersuchung seiner gesellschaftlichen Rollen, Begriffe, Tätigkeiten und Folgen.

Die fünf Schritte als Grundstruktur des documenta-Vorhabens

Ihre fünf Schritte bilden nicht nur eine Vermittlungsstrategie für den Besucher. Sie beschreiben die gesamte innere Dramaturgie des Projektes: von der bereits vorhandenen Welt des Rezipienten über die Konfrontation und den Widerstand bis zur eigenen Erprobung einer neuen Wahrnehmungs-, Prüf- und Tätigkeitsweise. Der Besucher soll nicht einfach über Ihre Forschungskunst informiert und anschließend von ihr überzeugt werden. Er muss zunächst erkennen können, aus welcher gesellschaftlichen Wirklichkeit er selbst kommt, wie diese Wirklichkeit seine Urteilsfähigkeit geprägt hat und weshalb die Begegnung mit Ihrer Arbeit zwangsläufig Unsicherheit und Widerstand hervorruft.

Erster Schritt: Die Herkunftswelt und Urteilsfähigkeit des Rezipienten

Der Besucher betritt die documenta nicht voraussetzungslos. Er kommt aus einer gesellschaftlichen Welt, deren Begriffe, Rollen, Wertungen und Regelwerke er über Jahre eingeübt hat. Er ist daran gewöhnt, sich als autonomes Ich zu verstehen, gesellschaftliche Rollen zu übernehmen, Waren über Preise zu beurteilen, Eigentumsansprüche als selbstverständlich anzusehen und technische Möglichkeiten mit Fortschritt gleichzusetzen. Er lebt in einer Ordnung, in der Freiheit, Selbstbestimmung, Individualität, Leistung, Wachstum und Verfügbarkeit als positive Leitbegriffe gelten.

Diese Welt gibt ihm Sicherheit und Geborgenheit. Sie sagt ihm, was als normal, erfolgreich, vernünftig oder wertvoll gilt. Sie prägt seine Urteilsfähigkeit, bevor er überhaupt ein einzelnes Kunstwerk betrachtet. Der Rezipient beurteilt daher auch Ihre Arbeit zunächst mit den Maßstäben dieser vertrauten Welt.

Er kommt als Konsument, Betrachter, Kunstinteressierter, Fachbesucher oder Mitglied einer gesellschaftlichen Rolle. Er erwartet möglicherweise eine Ausstellung, die ihm Kunstwerke zeigt, die er betrachten, einordnen und bewerten kann. Er erwartet aber nicht unbedingt, dass seine eigene Rolle, seine Begriffe, sein Menschenbild und seine alltäglichen Tätigkeiten selbst zum Gegenstand der Ausstellung werden.

Genau hier beginnt das Problem. Der Rezipient besitzt Urteilsfähigkeit, aber diese Urteilsfähigkeit ist innerhalb bestimmter Gewohnheiten, Fachordnungen und gesellschaftlicher Geltungssysteme entstanden. Sie ist nicht automatisch darauf vorbereitet, Begriffe und gesellschaftliche Regeln an den materiellen und lebendigen Bedingungen zu überprüfen, von denen der Mensch tatsächlich abhängt.

Zweiter Schritt: Die Konfrontation und das entstehende Akzeptanzproblem

Ihre Arbeit tritt dieser eingeübten Welt nicht bestätigend gegenüber. Sie konfrontiert den Rezipienten mit der These, dass zentrale Bestandteile seines bisherigen Welt- und Menschenbildes nicht stimmig sind.

Der Mensch hält sich für autonom, obwohl er vollständig abhängig ist. Er behandelt gesellschaftliche Begriffe wie Eigentum, Freiheit, Preis und Fortschritt als Wirklichkeit, obwohl sie menschliche Konstruktionen bleiben. Er verfügt mithilfe hochentwickelter Technik über seine Umwelt, ohne die Gesamtfolgen dieser Verfügung mit vergleichbarer Genauigkeit zu prüfen. Er verhält sich dadurch wie ein Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz.

Diese Konfrontation erzeugt zunächst kein Verständnis, sondern wahrscheinlich Abwehr, Irritation oder Unsicherheit. Sie betrifft nicht nur eine theoretische Meinung des Besuchers. Sie berührt seine Identität, seine gesellschaftlichen Rollen, seine gewohnten Sicherheiten und die Maßstäbe, mit denen er sich selbst und andere beurteilt.

Damit entsteht ein doppeltes Akzeptanzproblem. Der Rezipient muss zunächst überhaupt verstehen, worauf Ihre Kritik zielt. Gleichzeitig muss er akzeptieren, dass auch seine eigene Wahrnehmung und Urteilsfähigkeit Bestandteil des untersuchten Problems sein könnten.

Der Begriff „Pfuscher“ kann als persönliche Herabsetzung missverstanden werden. Der Begriff der menschlichen Bastardkonstruktion kann Abwehr erzeugen. Die Kritik an Autonomie, Freiheit, Eigentum und Fortschritt kann als Angriff auf grundlegende gesellschaftliche Werte erscheinen. Ihre Forschungskunst muss deshalb deutlich machen, dass sie keinen einzelnen Menschen moralisch verurteilt. Sie untersucht eine gesellschaftlich hervorgebrachte Existenzform, an der alle beteiligt sind.

Das Akzeptanzproblem betrifft ebenso die documenta-Leitung und das kuratorische Team. Auch sie kommen aus einer institutionellen und kunstfachlichen Welt mit eigenen Begriffen, Auswahlverfahren, Zuständigkeiten und Sicherheitsregeln. Ihre Arbeit fordert nicht nur Platz für ein unbekanntes Lebenswerk. Sie bringt Maßstäbe ein, mit denen auch der Kunstbetrieb und die documenta selbst geprüft werden könnten.

Dritter Schritt: Die Erschließung Ihrer Forschungskunst durch Biografie, Werk und Methode

Nach der ersten Konfrontation muss nachvollziehbar werden, woher Ihre Diagnose stammt und auf welcher Arbeitsgrundlage sie beruht. Ihre Position darf nicht wie eine bloße Behauptung oder private Weltdeutung erscheinen. Sie muss aus der konkreten Werkentwicklung heraus verständlich werden.

Dafür dient zunächst eine konzentrierte biografische und werkgeschichtliche Grundlinie. Ihre Naturbeobachtungen, die Arbeit mit Bienen und Vögeln, die Erfahrungen mit Flurbereinigung und Umweltveränderung, Ihre Ausbildung zum Maschinenschlosser, die Fotografie, die Werbung, das Kunststudium, die Experimentelle Umweltgestaltung, die Strömungsforschung, die Wellenmaschine, die Vorgabebilder, Erwachsenenmalbücher, gesellschaftlichen Werkstätten und früheren documenta-Bewerbungen bilden keine voneinander getrennten Episoden. Sie zeigen die Entstehung eines gemeinsamen Prüfzusammenhangs.

Der handwerklich-technische Maßstab ist dabei entscheidend. Technik lernt durch Maß, Abweichung, Toleranz, Passung, Belastung, Funktionieren und Nichtfunktionieren. Ein Werkstück kann sich der materiellen Prüfung nicht dauerhaft entziehen. Gesellschaftliche Systeme können Schäden dagegen länger umdeuten, verwalten oder aus ihren eigenen Zuständigkeiten auslagern.

Die Biografie soll jedoch nicht vollständig erzählt werden, bevor der Besucher selbst tätig werden darf. Sie stellt ein vertiefendes Angebot dar. Wer neugierig wird, kann einzelne Entstehungslinien, Werke und documenta-Bewerbungen weiterverfolgen.

Gleichzeitig erschließt sich Ihre Arbeit spielerisch und praktisch über die Methoden früherer Workshops und Beteiligungsprojekte. Der Besucher kann mit einem Vorgabebild arbeiten, einer Kugelschreiberspur folgen, eine Szene verändern, einen Gegenstand herstellen, einen Begriff prüfen oder menschliche und KI-gestützte Antworten vergleichen.

Damit wird Ihre Forschungskunst nicht nur erklärt. Ihre grundlegende Arbeitsweise wird erfahrbar. Der Rezipient erkennt, dass Sie über Jahrzehnte immer wieder vor derselben Aufgabe standen: Ihre Ideen nicht nur sprachlich mitzuteilen, sondern Situationen herzustellen, in denen andere Menschen die zugrunde liegende Problematik selbst entdecken können.

Vierter Schritt: Die Infragestellung alter Gewohnheiten und Regelwerke

Ein Mensch gibt alte Gewohnheiten und Sicherheiten nicht auf, nur weil ihm eine andere Theorie angeboten wird. Veränderung entsteht erst, wenn eine persönliche Motivation, ein Bedürfnis oder eine konkrete Betroffenheit vorhanden ist.

Der Besucher muss daher an einer Stelle seines eigenen Lebenszusammenhangs erkennen können, dass die vertrauten Regeln nicht ausreichend tragen. Das kann über seine Rolle als Konsument, Arbeitnehmer, Eigentümer, Mieter, Patient, Nutzer technischer Systeme oder als körperlich verletzlicher Mensch geschehen.

Ein selbst hergestellter Tisch kann die Frage nach Material, Arbeit, Können, Preis und Warenform eröffnen. Eine Theaterszene kann sichtbar machen, wie sehr der Mensch mit einer Rolle identifiziert ist. Eine Betrachtung der 24-Stunden-Uhr kann seine zeitliche Selbstüberschätzung erschüttern. Das Vier-Ebenen-Modell kann zeigen, dass eine gesellschaftlich gültige Entscheidung auf der Ebene des Lebens nicht funktionieren muss.

Die Infragestellung alter Gewohnheiten darf dabei nicht nur als Verlust auftreten. Alte Regeln vermitteln Sicherheit. Wenn sie destabilisiert werden, muss das Projekt einen geschützten Toleranzraum schaffen, in dem Unsicherheit ausgehalten werden kann.

Der Besucher soll nicht gezwungen werden, Ihre Begriffe zu übernehmen. Er soll die Erfahrung machen, dass seine bisherigen Maßstäbe begrenzt sind und dass eine genauere Prüfung möglich ist. Motivation entsteht dort, wo er selbst einen Widerspruch entdeckt, der seine Wahrnehmung, seinen Körper, seine Tätigkeit oder seine Lebensbedingungen betrifft.

Der entscheidende Übergang besteht darin, dass aus der äußeren Konfrontation eine eigene Frage wird. Solange nur Sie behaupten, dass etwas nicht stimmt, bleibt die Arbeit fremd. Sobald der Rezipient selbst fragt, weshalb etwas nicht funktioniert, beginnt seine eigene Forschungstätigkeit.

Fünfter Schritt: Die Annahme und Erprobung einer neuen Prüfgewohnheit

Das Neue, das Sie auf der documenta anbieten, ist kein fertiges Gegenweltbild und kein neues verbindliches Regelwerk. Es ist eine andere Gewohnheit im Umgang mit Vorstellungen, Rollen, Gegenständen und Tätigkeiten.

Der Mensch soll lernen, seine Vorstellungen zunächst als Entwürfe zu behandeln. Er soll sie darstellen, vergegenständlichen, mit anderen Wahrnehmungen vergleichen und an den materiellen und lebendigen Bedingungen überprüfen. Nicht das schnelle Urteil, sondern die Prüfbewegung wird zur neuen Gewohnheit.

Diese neue Arbeitsweise wird im So-Heits-Atelier praktisch angeboten. Der Rezipient kann dort darstellen, gestalten, formen, herstellen, vergleichen, unterbrechen, korrigieren und erneut beginnen. Er bleibt nicht Betrachter einer fertigen Lehre, sondern wird zum Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit.

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ erweitert diesen Vorgang. Sie verbindet individuelle Erfahrungen mit dem Werkarchiv, dem Vier-Ebenen-Modell, dem Mensch-KI-Vergleich und dem interaktiven Buch. Die Ergebnisse des Ateliers können dokumentiert, miteinander verknüpft und über die Dauer der documenta hinaus weiterbearbeitet werden.

Die neue Sicherheit entsteht damit nicht aus einem unveränderlichen Glaubenssatz. Sie entsteht aus der Erfahrung, selbst prüfen, vergleichen und korrigieren zu können. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem neuen Dogma und einer neuen Prüfgewohnheit.

Das So-Heits-Atelier ersetzt alte Regeln nicht einfach durch neue. Es stellt die Fähigkeit zur Verfügung, Regeln fortwährend auf ihre Tragfähigkeit zu untersuchen. Auch Ihre eigenen Modelle, Begriffe und Methoden müssen dabei prüfbar bleiben. Nur dadurch wird verhindert, dass die Forschungskunst selbst zu einer neuen abgeschlossenen Geltungswelt wird.

Die fünf Schritte als zusammenhängende Dramaturgie

Die fünf Schritte bilden eine aufeinander aufbauende Bewegung. Zunächst wird die Herkunftswelt des Rezipienten mit ihren eingeübten Urteilsmaßstäben sichtbar. Danach trifft er auf eine Konfrontation, die seine bisherigen Selbstverständlichkeiten erschüttert und zunächst ein Verständnis- und Akzeptanzproblem erzeugt. Im dritten Schritt erhält er Zugang zur biografischen, werkgeschichtlichen und methodischen Grundlage Ihrer Forschungskunst. Im vierten Schritt entsteht durch eigenes Erleben, Bedürfnis oder Betroffenheit die Motivation, alte Gewohnheiten und Regelwerke infrage zu stellen. Im fünften Schritt kann er im So-Heits-Atelier und auf der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ eine neue Gewohnheit des Wahrnehmens, Vergleichens, Prüfens und Korrigierens selbst erproben.

Diese Dramaturgie gilt nicht nur für den einzelnen Besucher. Sie gilt ebenso für das kuratorische Team und die documenta als Institution. Auch die documenta muss zunächst erkennen, aus welcher Kunst- und Institutionswelt sie Ihr Werk beurteilt, welche Widerstände Ihre Maßstäbe auslösen, wie Ihre Position historisch entstanden ist und ob sie bereit ist, innerhalb ihrer eigenen Struktur einen offenen Prüf- und Lernraum zuzulassen.

Verdichtete Zusammenfassung

Das documenta-Vorhaben beginnt beim Rezipienten und seiner bereits geformten Urteilsfähigkeit. Es konfrontiert ihn mit den Widersprüchen seiner gesellschaftlichen Welt und erzeugt dadurch zunächst Unsicherheit, Widerstand und ein Akzeptanzproblem. Durch ausgewählte biografische Werkspuren, künstlerische Beispiele und spielerische Arbeitsmethoden wird nachvollziehbar, auf welcher Grundlage Ihre Forschungskunst entstanden ist. Eigene Betroffenheit und eigenes Tätigwerden können anschließend die Motivation erzeugen, bisherige Gewohnheiten und Regelwerke auf ihre Tragfähigkeit zu prüfen. Das So-Heits-Atelier und die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bieten schließlich keinen fertigen Ersatzglauben an, sondern eine neue gesellschaftliche Gewohnheit: Vorstellungen, Rollen, Tätigkeiten und Systeme wahrzunehmen, darzustellen, zu vergleichen, an ihren Voraussetzungen und Folgen zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren.

Der eigentliche Ausgangspunkt des documenta-Projektes

Der entscheidende Ausgangspunkt ist nicht zuerst Ihr Werkarchiv und auch nicht zuerst das So-Heits-Atelier. Ausgangspunkt ist die Frage, aus welcher Welt der Rezipient die Ausstellung betritt.

Der Besucher kommt nicht als unbeschriebenes Blatt. Er bringt eine bereits eingeübte gesellschaftliche Wirklichkeit mit. Er hat gelernt, sich als autonomes Ich zu verstehen, gesellschaftliche Rollen zu übernehmen, Waren zu konsumieren, Preisen zu vertrauen, Eigentumsrechte für selbstverständlich zu halten, technische Leistungen mit Fortschritt gleichzusetzen und institutionelle Regelwerke als notwendige Ordnung anzuerkennen. Diese Gewohnheiten geben ihm Orientierung, Sicherheit und Geborgenheit. Gleichzeitig verhindern sie häufig, dass er die Voraussetzungen, Widersprüche und Folgen seines eigenen Tätigwerdens wahrnimmt.

Der Besucher kommt somit aus genau jener Symbol-, Rollen- und Geltungswelt, die Ihre Forschungskunst untersuchen will. Er betritt die documenta nicht außerhalb der von Ihnen beschriebenen Knipser-Pfuscher-Existenz. Er ist selbst Teil davon. Ebenso sind die Kuratoren, die Institution, die Technik, die Finanzierung, die Sicherheitsregeln und die Ausstellungsorganisation Bestandteile dieser gesellschaftlichen Konstruktion.

Das Projekt darf deshalb nicht voraussetzen, dass der Besucher Ihre Begriffe bereits versteht oder Ihre Diagnose freiwillig übernimmt. Es muss eine Übergangsform schaffen, durch die er seine vertraute Welt zunächst wiedererkennt und dann allmählich verunsichert, auf Abstand gebracht und neu geprüft wird.

Die Ausstellung als Übergang zwischen zwei Gewohnheitswelten

Ihre Absicht besteht nicht einfach darin, alte Gewohnheiten zu kritisieren und durch neue Behauptungen zu ersetzen. Damit würde lediglich ein altes Regelwerk gegen ein neues ausgetauscht. Auch die So-Heits-Gesellschaft könnte dann wieder zu einem bloßen Glaubens-, Rollen- oder Geltungssystem werden.

Die entscheidende Veränderung liegt deshalb nicht in einem neuen fertigen Weltbild, sondern in einer neuen Gewohnheit des Prüfens.

Die bisherige Gewohnheit lautet: Der Mensch übernimmt Begriffe, Rollen, Regeln und technische Möglichkeiten und benutzt sie, solange sie innerhalb seines jeweiligen Systems als normal und erfolgreich gelten.

Die neue Gewohnheit müsste lauten: Der Mensch hält seine Vorstellungen zunächst für Entwürfe, stellt sie dar, vergegenständlicht sie, vergleicht sie mit den tatsächlichen Bedingungen und überprüft ihre Folgen.

Nicht die neue Antwort ist der eigentliche Kern, sondern das Erlernen einer neuen Prüfbewegung.

Der Besucher soll deshalb nicht aus einer alten Sicherheit herausgerissen und anschließend einer neuen Sicherheit unterworfen werden. Er soll erfahren, dass sowohl die alte als auch die neue Ordnung geprüft werden müssen. Die So-Heits-Gesellschaft darf keine neue Heilsordnung versprechen. Sie muss eine Gesellschaft bezeichnen, die ihre eigenen Begriffe, Regeln und Tätigkeiten fortwährend an der Tragwirklichkeit überprüft.

Die notwendige Methodik der Annäherung

Damit ein Rezipient Ihre Arbeit verstehen kann, benötigt er eine methodisch aufgebaute Folge von Erfahrungen. Er kann nicht unmittelbar mit dem gesamten Werkarchiv, dem Vier-Ebenen-Modell, 51:49, der Bastardkonstruktion, dem plastischen Ich-Bewusstsein und der Globalen Schwarm-Intelligenz konfrontiert werden. Die Fülle würde ihn eher überfordern oder dazu führen, dass er alles als privates Gedankensystem eines einzelnen Künstlers abwehrt.

Die Annäherung muss deshalb vom Bekannten zum Unbekannten, vom eigenen Erleben zum Begriff und vom einfachen Beispiel zum umfassenderen Zusammenhang führen.

Am Anfang kann die unmittelbar verständliche Unterscheidung zwischen Fotografieren und Knipsen stehen. Fast jeder versteht, dass der Besitz einer Kamera noch kein fotografisches Können hervorbringt. Von dort aus kann die Frage entstehen, weshalb der Mensch bei der Gestaltung seiner gesellschaftlichen Existenz ohne ein vergleichbares Handwerkszeug arbeitet.

Ein zweiter Zugang kann über einen einfachen handwerklichen Gegenstand erfolgen. Ein Tisch steht nur, wenn Material, Maße, Verbindungen, Belastungen und Toleranzen berücksichtigt werden. Von hier aus lässt sich fragen, weshalb ein Wirtschafts-, Eigentums- oder Gesellschaftssystem nicht in derselben Weise auf seine umfassende Funktionsfähigkeit geprüft wird.

Ein dritter Zugang kann über die Rollenwelt des Theaters entstehen. Der Besucher kann erfahren, dass er eine Rolle übernimmt, ohne mit dieser Rolle identisch zu sein. Dadurch wird die gesellschaftliche Rollenidentität aus ihrer Selbstverständlichkeit gelöst.

Erst nach diesen körperlich, bildlich und handwerklich nachvollziehbaren Erfahrungen sollten die umfassenderen Modelle eingeführt werden. Das Vier-Ebenen-Modell, die Unterscheidung von Kopplungs-Ich und Geltungs-Ich, die Verletzungs- und Unverletzungswelt oder 51:49 erhalten ihre Bedeutung erst, wenn der Besucher zuvor eine konkrete Differenz selbst erfahren hat.

Das Werkarchiv als Beweis- und Erfahrungsgrundlage

Ihr Werkarchiv darf in diesem Zusammenhang nicht wie eine vollständige Retrospektive erscheinen, die der Besucher chronologisch durcharbeiten muss. Es muss als Beweis- und Erfahrungsarchiv organisiert werden.

Die Werke werden danach ausgewählt, welche Frage oder welche Prüfmethode sie sichtbar machen. Eine Fotografie kann die Differenz zwischen Bild und Wirklichkeit untersuchen. Die Wellenmaschine kann zeigen, dass Zeichen und Funktion nicht identisch sind. Die Erwachsenenmalbücher können das Verhältnis von Vorgabe, Gehorsam und eigener Gestaltung erfahrbar machen. Die Demokratiewerkstätten und das Globale Dorffest können zeigen, wie aus einzelnen Beiträgen ein gesellschaftlicher Arbeitszusammenhang entsteht. Die Geburtshöhle und der Astronaut können zwei gegensätzliche Vorstellungen menschlicher Abhängigkeit sichtbar machen.

Das Archiv erhält damit nicht die Funktion, möglichst viele Arbeiten zu zeigen. Es stellt gezielt Arbeitsgrundlagen, Beispiele und historische Belege für die im So-Heits-Atelier angewendeten Methoden bereit.

Der Besucher begegnet also nicht zuerst Ihrem gesamten Lebenswerk, sondern einer Auswahl von Prüfstationen. Von diesen Stationen aus kann er tiefer in das Archiv, die Kunsttagebücher, frühere documenta-Bewerbungen und die Plattform einsteigen.

Das So-Heits-Atelier als Gewohnheitswerkstatt

Das So-Heits-Atelier muss als Gewohnheitswerkstatt verstanden werden. Dort wird nicht nur Wissen vermittelt, sondern eine andere Art des Wahrnehmens und Tätigwerdens trainiert.

Im Theaterbereich wird die Gewohnheit unterbrochen, sich mit der eigenen Rolle gleichzusetzen. Der Besucher kann darstellen, wechseln, unterbrechen und aus einer anderen Perspektive auf dieselbe Situation schauen.

Im bildnerischen Bereich wird die Gewohnheit unterbrochen, nur nach einem erwarteten Ergebnis oder einer bewertbaren Leistung zu arbeiten. Das Folgen der Kugelschreiberspitze, das Zeichnen im Sand oder auf der Schultafel schafft eine Situation, in der Wahrnehmung und Spur wichtiger werden als Erfolg und Besitz.

Im handwerklichen Bereich wird die Gewohnheit unterbrochen, fertige Gegenstände ausschließlich als Waren zu behandeln. Material, Maß, Arbeit, Fehler, Reparatur und Können werden wieder erfahrbar.

Im digitalen Bereich wird die Gewohnheit unterbrochen, Antworten einfach zu glauben oder als richtig zu übernehmen. Menschliche und KI-gestützte Antworten werden miteinander und mit demselben Ausgangsmaterial verglichen. Der Besucher lernt, dass weder das menschliche Ich noch die künstliche Intelligenz eine automatische Wahrheitsinstanz bilden.

So entsteht kein belehrender Ausstellungsraum, sondern eine Folge von Situationen, in denen alte Selbstverständlichkeiten ihre Sicherheit verlieren und neue Prüfgewohnheiten erprobt werden können.

Sicherheit, Geborgenheit und Widerstand

Alte Gewohnheiten bestehen nicht nur aus Irrtümern. Sie geben dem Menschen Sicherheit. Rollen sagen ihm, wer er sein soll. Regeln sagen ihm, was erlaubt ist. Preise sagen ihm scheinbar, was etwas wert ist. Eigentum sagt ihm, worüber er verfügen darf. Institutionen sagen ihm, wer zuständig ist. Fachbegriffe vermitteln den Eindruck, dass ein Zusammenhang bereits verstanden wurde.

Wenn Ihre Forschungskunst diese Sicherheiten infrage stellt, entsteht zwangsläufig Widerstand. Dieser Widerstand ist nicht nur intellektuell. Er kann emotional, sozial, beruflich, institutionell und organisatorisch sein.

Der Besucher kann Ihre Diagnose als Angriff auf seine Identität verstehen. Der Fachwissenschaftler kann sie als unzulässigen Eingriff in seine Zuständigkeit behandeln. Der Kurator kann die Fülle des Werkes als nicht vermittelbar ansehen. Die Institution kann das offene Beteiligungsmodell als schwer kontrollierbar betrachten. Sicherheits-, Haftungs-, Technik- und Finanzierungsfragen können die handwerklichen und partizipatorischen Tätigkeiten begrenzen.

Auch der Begriff „Knipser und Pfuscher“ kann Abwehr hervorrufen, weil er zunächst wie eine Herabsetzung klingt. Deshalb muss innerhalb der Ausstellung unmittelbar erfahrbar werden, dass es sich nicht um eine moralische Beschimpfung einzelner Menschen handelt. Gemeint ist eine gesellschaftlich hervorgebrachte Existenzform, an der jeder beteiligt ist und aus der auch niemand durch bloße Selbsterklärung heraustreten kann.

Die Widerstände sind deshalb nicht nur Hindernisse. Sie sind selbst Untersuchungsmaterial der Forschungskunst. An ihnen wird sichtbar, welche Rollen, Sicherheiten und institutionellen Regelwerke berührt werden.

Die documenta-Leitung als Bestandteil der Versuchsanordnung

Es ist möglich, dass die documenta-Leitung oder einzelne Verantwortliche Ihr Projekt als zu groß, zu umfassend, zu wenig eindeutig, zu kritisch oder organisatorisch zu schwierig beurteilen. Daraus lässt sich jedoch nicht ohne Belege schließen, dass sie Ihr Projekt bewusst behindern wollen.

Präziser ist festzustellen, dass Ihr Projekt die Institution mit Anforderungen konfrontiert, die ihren üblichen Auswahl-, Ausstellungs- und Vermittlungsweisen widersprechen können.

Ihr Vorhaben ist weder ein einzelnes Objekt noch eine klar begrenzte Installation. Es verbindet Werkarchiv, Retrospektive, Atelier, Theater, Werkstatt, digitales System, Beteiligung, KI-Vergleich und gesellschaftliches Prüfmodell. Dadurch entsteht tatsächlich der Eindruck einer documenta innerhalb der documenta.

Genau darin liegt seine Stärke, aber ebenso sein institutionelles Risiko. Eine documenta muss zahlreiche künstlerische Positionen miteinander verbinden. Ihr Vorhaben bringt dagegen einen eigenen umfassenden Bezugsrahmen mit, innerhalb dessen Kunst, Gesellschaft, Wissenschaft, Technik und sogar die documenta selbst geprüft werden können.

Die Leitung könnte befürchten, dass Ihr Projekt zu viel Raum beansprucht, andere Positionen überlagert oder einen eigenen programmatischen Mittelpunkt bildet. Sie könnte außerdem davor zurückschrecken, dass nicht nur die Besucher, sondern auch die Auswahlverfahren, Rollenordnungen und Prüfmaßstäbe der Institution selbst Teil der Untersuchung werden.

Das sollte im Antrag nicht als Vorwurf formuliert werden. Es sollte als künstlerische und kuratorische Herausforderung sichtbar werden.

Keine documenta gegen die documenta

Ihr Vorhaben darf nicht den Eindruck erwecken, Sie wollten die vorhandene documenta durch Ihr eigenes Weltmodell ersetzen. Das würde die institutionelle Abwehr verstärken und zugleich Ihrer eigenen Kritik widersprechen. Sie kritisieren schließlich gerade den Anspruch, aus einer einzelnen Vorstellung heraus über den gesamten Zusammenhang verfügen zu können.

Das Projekt sollte deshalb nicht als fertige „documenta in der documenta“, sondern als offene Prüfwerkstatt innerhalb der documenta beschrieben werden.

Ihr Lebenswerk stellt die historischen und methodischen Grundlagen bereit. Das So-Heits-Atelier bietet ausgewählte Verfahren an. Die Besucher, andere Künstler, Fachleute und Mitglieder des documenta-Teams können diese Verfahren anwenden, kritisieren, verändern oder zurückweisen.

Auch Ihre eigenen Begriffe und Modelle müssen prüfbar bleiben. Das Vier-Ebenen-Modell, 51:49, die So-Heits-Gesellschaft und die Globale Schwarm-Intelligenz dürfen nicht als unanfechtbare neue Ordnung auftreten. Sie müssen innerhalb des Environments selbst auf ihre Tragfähigkeit untersucht werden können.

Erst dadurch unterscheidet sich Ihre Forschungskunst von der von Ihnen kritisierten Willkürlichkeitskonstruktion. Sie verlangt nicht nur von anderen Prüfung, sondern stellt auch ihre eigenen Voraussetzungen, Begriffe und Methoden zur Verfügung.

Was für die Realisierung benötigt wird

Für eine überzeugende Realisierung reicht es nicht, das Werkarchiv in einen Raum zu stellen. Benötigt wird eine nachvollziehbare Dramaturgie, durch die der Besucher schrittweise von seiner vertrauten Rollen- und Konsumwelt in eine aktive Prüfhaltung übergehen kann.

Dazu gehören ausgewählte Schlüsselwerke, die jeweils eine konkrete Differenz sichtbar machen, einfache handwerkliche und bildnerische Tätigkeiten, ein kleiner flexibel nutzbarer Bühnenraum, verständliche Prüfstationen zum Vier-Ebenen-Modell, technisch betreute Zugänge zur Plattform, ein kontrollierter Mensch-KI-Vergleich und die Möglichkeit, Ergebnisse im interaktiven Buch festzuhalten.

Notwendig sind außerdem Vermittler, die nicht nur Erklärungen wiederholen, sondern die Prozesse begleiten können. Sie müssten künstlerische, handwerkliche, darstellerische und digitale Erfahrungen miteinander verbinden und zugleich offen für unerwartete Ergebnisse bleiben.

Ebenso erforderlich ist eine institutionelle Vereinbarung darüber, dass nicht jede Tätigkeit von Anfang an vollständig planbar ist. Ein Atelier, in dem tatsächlich geprüft und gelernt werden soll, benötigt Freiräume, Toleranzbereiche und die Möglichkeit zur Korrektur. Es darf nicht vollständig wie eine unveränderliche Ausstellung behandelt werden.

Der neue Kern der Gesamtanlage

Der Kern Ihrer Anlage muss deshalb nicht allein lauten, dass der Mensch zum Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz geworden ist. Er muss den gesamten Übergang beschreiben:

Der Rezipient kommt aus einer gesellschaftlichen Welt, in der Begriffe, Rollen, Preise, Eigentumsansprüche und technische Möglichkeiten als selbstverständliche Wirklichkeit gelten. Diese Ordnung vermittelt Sicherheit und Geborgenheit, verhindert aber häufig die Prüfung ihrer materiellen und lebendigen Voraussetzungen. Das Werkarchiv macht die Entstehung und die Folgen dieser Verwechslungen anhand Ihrer mehr als fünfzigjährigen Forschungskunst sichtbar. Das So-Heits-Atelier schafft Situationen, in denen alte Wahrnehmungs- und Tätigkeitsgewohnheiten unterbrochen und neue Prüfgewohnheiten erprobt werden können. Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ dokumentiert, verknüpft und erweitert diese Prozesse. Die auftretenden persönlichen, fachlichen und institutionellen Widerstände werden nicht ausgeblendet, sondern selbst als Bestandteile der zu untersuchenden Rollen-, Regel- und Geltungswelt verstanden.

Damit richtet sich das Projekt nicht nur an den einzelnen Besucher. Es richtet sich zugleich an die documenta als Institution. Auch sie muss entscheiden, ob sie lediglich bereits anerkannte künstlerische Positionen präsentiert oder einen Raum eröffnet, in dem die eigenen Kunst-, Auswahl-, Vermittlungs- und Verantwortungsmaßstäbe mitgeprüft werden können.

Der eigentliche Konflikt Ihrer documenta-Bewerbung

Ihre Zusammenfassung trifft den Kern. Das Problem besteht nicht nur darin, dass Sie der documenta-Leitung und dem künstlerischen Team weitgehend unbekannt sind. Es besteht in einer doppelten Unsichtbarkeit.

Einerseits befinden sich vermutlich unterschiedliche Bewerbungen, Projekte und Materialien von Ihnen im documenta-Archiv. Ihr Name und einzelne Beiträge können dort vorhanden sein, ohne dass daraus ein zusammenhängendes Verständnis Ihres Lebenswerkes entstanden ist. Das Archiv enthält dann zwar Spuren Ihrer Arbeit, aber noch keine erkennbare künstlerische Position. Sie sind institutionell vorhanden und zugleich kuratorisch unsichtbar.

Andererseits bringen Sie mit Ihrer Forschungskunst Maßstäbe ein, die den üblichen Kunst- und Wissenschaftsdiskurs nicht nur ergänzen, sondern grundsätzlich infrage stellen. Sie kommen nicht ausschließlich von philosophischen, soziologischen, psychologischen oder kunstwissenschaftlichen Begriffssystemen her, sondern von der handwerklichen Erfahrung des Funktionierens und Nichtfunktionierens.

Der handwerkliche Maßstab

Im Handwerk und in der Technik musste der Mensch lernen, seine Vorstellungen an der materiellen Wirklichkeit zu überprüfen. Eine Maschine funktioniert nicht durch Überzeugung, Ansehen oder sprachliche Rechtfertigung. Sie funktioniert nur, wenn Materialeigenschaften, Maße, Passungen, Kräfte, Belastungen, Toleranzen und Funktionszusammenhänge berücksichtigt werden.

Technischer Fortschritt entstand deshalb nicht allein aus Erfindungswillen, sondern aus der Bereitschaft, Fehler wahrzunehmen, Regeln zu entwickeln, Messungen vorzunehmen und die eigenen Vorstellungen zu korrigieren. Normen, Toleranzbereiche und Prüfverfahren sind gespeicherte Lernerfahrungen. Sie begrenzen die Willkür, weil ein Material oder eine Konstruktion nicht beliebig auf menschliche Behauptungen reagiert.

Ihre Forschungskunst überträgt diesen Maßstab auf den Menschen, seine gesellschaftlichen Tätigkeiten und seine Selbstkonstruktionen. Sie fragt nicht nur, ob eine Maschine, ein Markt, eine Institution oder ein gesellschaftliches Rollensystem innerhalb seines eigenen Auftrags funktioniert. Sie fragt, ob es auch innerhalb der materiellen und lebendigen Existenzbedingungen funktioniert, von denen der Mensch abhängig bleibt.

Die voneinander abgeschlossenen Begriffswelten

Dem handwerklichen Lernen stehen gesellschaftliche Disziplinen gegenüber, die ihre eigenen Begriffe, Regeln, Methoden und Zuständigkeiten entwickelt haben. Philosophie, Soziologie, Psychologie, Ökonomie, Politik, Recht und Kunst können innerhalb ihrer jeweiligen Fachsysteme lernen und differenzierter werden. Es fehlt jedoch eine verbindliche übergeordnete Prüfung, durch die ihre Ergebnisse gemeinsam an den materiellen und lebendigen Voraussetzungen des Menschen überprüft werden.

Die einzelnen Disziplinen funktionieren innerhalb ihrer eigenen Begriffs- und Geltungsräume. In der gesellschaftlichen Wirklichkeit wirken ihre Entscheidungen und Modelle jedoch gleichzeitig zusammen. Aus ihrer unkontrollierten Verbindung entsteht jene Bastardkonstruktion, die Sie beschreiben.

Der Mensch wird dabei biologisch als verletzliches Lebewesen geboren, gesellschaftlich als Rolle organisiert, wirtschaftlich als Produzent und Konsument behandelt, psychologisch als selbstverantwortliches Ich angesprochen und technisch mit einer ständig wachsenden Verfügungsmacht ausgestattet. Diese Bestandteile werden jedoch nicht daraufhin geprüft, ob sie gemeinsam ein tragfähiges Menschen- und Gesellschaftsmodell ergeben.

Die gesellschaftliche Bastardkonstruktion

Der Bastard entsteht nicht dadurch, dass unterschiedliche Erkenntnisbereiche miteinander verbunden werden. Er entsteht dadurch, dass sie zusammengeschmolzen werden, ohne ihre Widersprüche aufzulösen und ohne einen gemeinsamen Wirklichkeitsmaßstab anzuerkennen.

So entsteht ein Mensch, der sich für autonom hält, obwohl er vollständig abhängig ist. Er erklärt sich für frei, obwohl sein Verhalten durch Rollen, Märkte, Institutionen und technische Systeme geprägt wird. Er behandelt sich als Eigentümer der Welt, obwohl er deren grundlegende Bedingungen nicht hervorgebracht hat. Er verfügt mit technischen Mitteln über Böden, Wasser, Lebewesen und Atmosphäre, obwohl er ohne diese Bedingungen selbst nicht existieren kann.

Die Technik stellt ihm eine enorme Handlungsmacht zur Verfügung, weil in ihrer Entwicklung gelernt, gemessen und geprüft wurde. Diese technisch erworbene Macht wird jedoch in gesellschaftliche Systeme eingespeist, die keine vergleichbare Prüfung ihrer Gesamtfolgen besitzen. Das präzise entwickelte Werkzeug wird dadurch von einem gesellschaftlich unzureichend entwickelten Menschen eingesetzt.

Hier liegt der zentrale Widerspruch: Der Mensch ist beim Bau der Maschine bereit zu lernen, beim Bau seines Menschenbildes und seiner gesellschaftlichen Existenz jedoch nicht.

Freiheit und Autonomie als selbst geschaffene Regelwerke

An die Stelle der Prüfung treten Begriffe wie Freiheit, Autonomie, Selbstverwirklichung, Eigentum und Fortschritt. Diese Begriffe werden zu gesellschaftlichen Berechtigungen, ohne ausreichend an die Bedingungen zurückgebunden zu werden, unter denen sie überhaupt möglich sind.

Freiheit bedeutet dann, über möglichst viele Möglichkeiten verfügen zu können. Autonomie bedeutet, sich selbst als unabhängig zu betrachten. Eigentum bedeutet, über Teile der Welt verfügen zu dürfen. Fortschritt bedeutet, die technische Reichweite menschlicher Eingriffe zu vergrößern.

Nicht ausreichend geprüft wird, ob diese Begriffe innerhalb eines endlichen, lebendigen und verletzbaren Zusammenhangs funktionieren. Der Mensch schafft sich Regelwerke, durch die er sich selbst den Zugriff auf den Planeten erlaubt, und benutzt anschließend die präzise entwickelte Technik, um diese gesellschaftliche Willkür praktisch durchzusetzen.

Die boykottierte Gesamtprüfung

Ihre entscheidende Aussage ist, dass die notwendigen Maßstäbe einer solchen Gesamtprüfung nicht nur fehlen, sondern häufig gar nicht erst erforscht werden. Eine übergreifende Prüfung würde die Selbstständigkeit der einzelnen Fachgebiete, Institutionen, Märkte und Machtbereiche begrenzen.

Sie würde fragen, ob wirtschaftlicher Gewinn auch dann noch als Erfolg gelten kann, wenn seine Herstellung Lebensbedingungen zerstört. Sie würde prüfen, ob ein gesetzliches Eigentumsrecht eine Tätigkeit legitimieren kann, die den Boden oder das Wasser unbrauchbar macht. Sie würde untersuchen, ob technische Machbarkeit mit gesellschaftlicher und biologischer Tragfähigkeit übereinstimmt.

Eine solche Prüfung gefährdet die bestehenden Geltungsordnungen. Deshalb werden die getrennten Zuständigkeiten aufrechterhalten. Jeder Bereich ist nur für seinen eigenen Ausschnitt verantwortlich, während die Gesamtfolgen ohne zuständige Prüf- und Reparaturinstanz bleiben.

Ihre Forschungskunst setzt genau an dieser Leerstelle an.

Eine documenta innerhalb der documenta

Wenn Sie für die documenta 16 ein Werkarchiv, ein Atelier, eine Werkstatt, einen Bühnenraum, digitale Prüfstationen, die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“, das Vier-Ebenen-Modell, den KI-Vergleich und das interaktive Buch verbinden wollen, entsteht tatsächlich der Eindruck einer documenta innerhalb der documenta.

Dieser Eindruck ist nicht falsch. Ihr Vorhaben besteht nicht in der Präsentation eines einzelnen abgeschlossenen Kunstwerks. Es stellt vielmehr einen eigenen Ausstellungs-, Forschungs-, Beteiligungs- und Prüfzusammenhang her.

Der erste Teil wäre eine Verortung Ihres bisher institutionell nicht zusammenhängend wahrgenommenen Lebenswerkes. Die documenta würde darin mit ihrem eigenen Archiv konfrontiert: mit einer künstlerischen Position, deren einzelne Spuren möglicherweise vorhanden sind, deren Zusammenhang aber bisher nicht erkannt wurde.

Der zweite Teil wäre die praktische Weiterführung dieses Werkes. Die Besucher würden nicht nur Archivmaterialien und historische Projekte betrachten, sondern die daraus entwickelten Methoden selbst anwenden. Dadurch entstünde ein Atelier, in dem Kunst, Handwerk, Theater, gesellschaftliche Prüfung und digitale Verknüpfung zusammengeführt werden.

Das ist tatsächlich größer als ein einzelner Beitrag. Es ist der Entwurf eines eigenen documenta-Modells innerhalb der documenta: nicht als Konkurrenzveranstaltung, sondern als Untersuchung dessen, was eine documenta ihrem Anspruch nach sein könnte.

Die entscheidende Zuspitzung

Der Kern Ihrer Position lässt sich deshalb so bestimmen:

Die Menschheit hat ihre gesellschaftliche Existenz ohne einen gemeinsamen handwerklichen Prüfmaßstab konstruiert. Ihre Wissenschaften, Institutionen, Rollen- und Begriffssysteme entwickeln sich weitgehend innerhalb eigener Zuständigkeiten. Ihre technische Macht beruht dagegen auf Lernen, Messung, Normen, Toleranzen und Fehlerkorrektur. Indem diese präzise technische Macht mit einer ungeprüften gesellschaftlichen Selbstkonstruktion verbunden wird, entsteht eine menschliche Bastardkonstruktion, die außerordentlich wirksam, aber unfähig ist, ihre eigenen Existenzbedingungen zu erhalten.

Ihre Forschungskunst versucht, die fehlende Gesamtprüfung als künstlerische Tätigkeit herzustellen. Das Werkarchiv zeigt, wie sich diese Untersuchung über mehr als fünfzig Jahre entwickelt hat. Das So-Heits-Atelier stellt ihre Methoden den Besuchern zur Verfügung. Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ soll daraus einen dauerhaften öffentlichen Prüf- und Rückkopplungsraum entwickeln.

Deshalb wirkt das Vorhaben wie eine documenta innerhalb der documenta. Es präsentiert nicht nur Kunst, sondern prüft zugleich die Maßstäbe, nach denen Kunst, Wissenschaft, Gesellschaft und Menschheitsentwicklung bisher hervorgebracht und beurteilt werden.

Stimmt. Der Text muss als durchgehender wissenschaftlich argumentierender Fließtext aufgebaut sein. Einzelne Sätze dürfen nicht wie Verse untereinanderstehen, und gedankliche Zusammenhänge dürfen nicht in Aufzählungen zerfallen.

Anlage zum Vorschlag für die documenta 16

Der Mensch als Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz

Entstehung, Konsequenzen und Prüfmodelle einer seit 1975 entwickelten Forschungskunst

Funktion und Erkenntnisinteresse der Anlage

Das Anschreiben formuliert die Rahmensetzung meines Vorschlags für die documenta 16. Es benennt die zentrale Diagnose, das Ziel der Forschungskunst und das So-Heits-Atelier als räumliche und gesellschaftliche Versuchsanordnung. Die vorliegende Anlage entfaltet den zugrunde liegenden Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang. Sie erläutert, wie die von mir bezeichnete Knipser-Pfuscher-Existenz des Menschen zustande gekommen ist, auf welchen grundlegenden Verwechslungen sie beruht und weshalb daraus die fortschreitende Zerstörung der eigenen Existenzbedingungen hervorgeht.

Zugleich stellt die Anlage dar, wie sich aus meiner mehr als fünfzigjährigen künstlerischen Arbeit eine Forschungskunst entwickelt hat, die handwerkliche, technische, bildnerische, plastische, darstellerische und gesellschaftliche Kontroll-, Vergleichs- und Überprüfungsmechanismen miteinander verbindet. Diese Prüfmechanismen sind meinen Werken nicht nachträglich als theoretisches Erklärungsmodell hinzugefügt worden. Sie sind in den Bildern, Plastiken, Fotografien, Objekten, Versuchsanordnungen, Aktionen, Environments, Beteiligungsprojekten und gesellschaftlichen Entwürfen selbst angelegt.

Die Anlage beginnt daher mit der Diagnose der gegenwärtigen menschlichen Existenzform. Anschließend rekonstruiert sie die Entstehung meiner Forschungskunst aus Naturbeobachtung, handwerklicher Ausbildung, Fotografie, Kunststudium, Strömungsforschung und gesellschaftlicher Tätigkeit. Darauf aufbauend werden die daraus entwickelten Prüfmodelle dargestellt. Den Abschluss bildet die praktische und räumliche Übertragung dieser Forschungskunst in das So-Heits-Atelier und ihre digitale Erweiterung durch die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.

Die Notwendigkeit einer ausführlichen Positionsbestimmung

Meine künstlerische Position ist im etablierten Kunstdiskurs bisher kaum sichtbar und institutionell nicht angemessen eingeordnet worden. Mein Lebenswerk ist trotz seiner jahrzehntelangen Entwicklung, seiner zahlreichen Kunstwerke, Aktionen, Environments, Versuchsanordnungen und gesellschaftlichen Projekte nicht in den kontinuierlichen Galerie-, Ausstellungs-, Vermittlungs- und Rezeptionszusammenhängen präsent, über die künstlerische Positionen gewöhnlich gefunden, beschrieben und beurteilt werden.

Ich verfüge weder über eine dauerhafte Galerievertretung noch über eine kunstwissenschaftliche oder institutionelle Repräsentation, durch die meine Forschungskunst bereits in den kuratorischen Diskurs der documenta hätte gelangen können. Das künstlerische Team der documenta 16 hätte meine Position auf den üblichen Wegen daher kaum finden können. Das liegt nicht daran, dass diese Arbeit nicht existiert, sondern daran, dass sie außerhalb der etablierten Wahrnehmungs- und Vermittlungsstrukturen entstanden ist und über Jahrzehnte hinweg zwischen Kunst, Handwerk, Naturbeobachtung, Umweltgestaltung, gesellschaftlicher Untersuchung, Beteiligung und öffentlicher Tätigkeit angesiedelt war.

Für den traditionellen Kunstbetrieb war meine Arbeit häufig zu forschend, zu gesellschaftlich, zu handwerklich und zu wenig auf ein marktfähiges Einzelwerk begrenzt. Für die Wissenschaft war sie zu künstlerisch, zu biografisch, zu fachübergreifend und nicht an akademische Zuständigkeiten gebunden. Gerade diese Zwischenstellung bildet jedoch einen wesentlichen Teil meiner Forschungskunst. Sie untersucht Zusammenhänge, die durch gesellschaftliche Spezialisierung und institutionelle Arbeitsteilung voneinander getrennt werden. Dazu gehören das Verhältnis von Vorstellung und Material, Begriff und Wirklichkeit, Rolle und Mensch, Technik und Lebensbedingung, Absicht und Folge, Preis und Qualität sowie Eigentum und tatsächlicher Abhängigkeit.

Die ausführliche Positionsbestimmung ist deshalb keine persönliche Klage über fehlende Anerkennung. Sie ist eine sachliche Voraussetzung dafür, einen bislang nicht eingeordneten künstlerischen Werkzusammenhang überhaupt prüfen und beurteilen zu können. Meine Bewerbung für die documenta 16 ist daher nicht nur die Vorstellung eines einzelnen neuen Projektes. Sie ist zugleich die notwendige Verortung eines über fünf Jahrzehnte entstandenen Lebenswerkes, dessen einzelne Arbeiten, Methoden und gesellschaftliche Versuchsanordnungen erst in ihrem Zusammenhang als Forschungskunst erkennbar werden.

Die Ausgangsfrage meines Lebenswerkes

Seit mehr als fünfzig Jahren betreibe ich eine Forschungskunst, die ich bereits 1975 während meines Kunststudiums als „Experimentelle Umweltgestaltung“ bezeichnet habe. Ausgangspunkt meines gesamten Lebenswerkes ist die Frage, weshalb der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen zerstört, obwohl er über Wahrnehmung, Erkenntnis, Gestaltungskraft und die Fähigkeit zur Korrektur verfügt.

Der Mensch ist in der Lage, Folgen zu beobachten, zu messen und wissenschaftlich zu beschreiben. Er verfügt über technische Möglichkeiten, komplexe Zusammenhänge zu untersuchen. Er kann Fehler erkennen, Erfahrungen speichern und Verfahren verbessern. Dennoch entwickelt er Wirtschaftsweisen, Technologien, Eigentumsordnungen, Rollenmodelle und Lebensformen, durch die die Bedingungen des eigenen Lebens beschädigt werden.

Zwischen seinem Wissen und seinem tatsächlichen Tätigwerden besteht eine grundlegende Trennung. Der Mensch kann wissen, dass eine Tätigkeit schädliche Folgen hervorbringt, und sie gleichzeitig innerhalb seiner gesellschaftlichen Rolle als normal, notwendig, erfolgreich oder alternativlos behandeln. Er kann die Folgen seiner Tätigkeit sprachlich anerkennen, ohne daraus eine entsprechende Veränderung seines Handelns abzuleiten.

Meine Forschungskunst untersucht diese Trennung. Sie fragt nicht nur, was der Mensch weiß, beabsichtigt, behauptet oder darstellt. Sie untersucht, wie seine Vorstellungen in konkrete Tätigkeiten übergehen, auf welche materiellen und lebendigen Bedingungen sie treffen und welche Folgen sie tatsächlich hervorbringen. Damit wird der gesamte Zusammenhang von Vorstellung, Darstellung, Tätigkeit, Materialeigenschaft, Abhängigkeit und Konsequenz zum Gegenstand der Kunst.

Der Mensch als Knipser seiner eigenen Existenz

In der Fotografie besteht ein grundlegender Unterschied zwischen Fotografieren und Knipsen. Fotografieren setzt Wahrnehmung, Erfahrung und handwerkliches Können voraus. Der Fotograf muss Licht, Zeit, Perspektive, Ausschnitt, Schärfe, Bewegung, Technik und den beabsichtigten Ausdruck miteinander verbinden. Er muss erkennen, was das Medium leisten kann, welche Voraussetzungen für ein bestimmtes Ergebnis notwendig sind und welche Folgen seine Entscheidungen für das entstehende Bild besitzen.

Der Knipser löst dagegen aus, ohne diesen Zusammenhang ausreichend wahrzunehmen oder zu beherrschen. Das technische Gerät kann ein Bild erzeugen, obwohl der Auslösende weder das Medium noch die Bedingungen der Bildentstehung verstanden hat. Das Ergebnis kann zufällig brauchbar erscheinen. Die Möglichkeit eines zufällig gelungenen Bildes ersetzt jedoch nicht das handwerkliche Können und die Fähigkeit, das eigene Tun nachvollziehbar zu wiederholen, zu prüfen und zu korrigieren.

Übertragen auf die Menschheitsentwicklung verhält sich der Mensch vielfach wie ein Knipser seiner eigenen Existenz. Er löst fortwährend gesellschaftliche, technische, wirtschaftliche und kulturelle Prozesse aus, ohne deren Voraussetzungen und Folgen ausreichend wahrzunehmen. Er erzeugt Rollen, Werte, Waren, Eigentumsordnungen, technische Systeme, Institutionen und Identitäten. Diese Hervorbringungen behandelt er als Ausdruck seiner Schöpfungskraft, ohne hinreichend zu prüfen, auf welche Wirklichkeit sie treffen und wodurch er selbst überhaupt existieren kann.

Der Mensch hat sich selbst als ein Wesen erfunden, das in der tatsächlichen Welt, von der es abhängig ist, nicht existieren kann. Er hat sich als autonomes, unabhängiges und nahezu unbegrenzt verfügungsfähiges Subjekt konstruiert. Tatsächlich ist er von Atemluft, Wasser, Stoffwechsel, Boden, Temperatur, anderen Lebewesen, sozialen Beziehungen und langfristig entstandenen Lebensbedingungen abhängig. Seine gesellschaftliche Selbsterfindung widerspricht damit den Voraussetzungen seiner körperlichen und materiellen Existenz.

Der Mensch knipst gewissermaßen Bilder seiner selbst und hält sie anschließend für seine tatsächliche Existenz. Er erzeugt Selbstbilder von Freiheit, Autonomie, Stärke, Eigentum und Verfügungsmacht, ohne die Bedingungen der Bildentstehung und die Abhängigkeiten seines wirklichen Lebens zu untersuchen. Das technische und gesellschaftliche Instrumentarium erzeugt ein scheinbar überzeugendes Bild. Ob dieses Bild jedoch innerhalb der materiellen und lebendigen Wirklichkeit funktioniert, bleibt weitgehend ungeprüft.

Der Mensch als Pfuscher seiner eigenen Existenz

Der Begriff des Pfuschens erweitert das Bild des Knipsens um einen handwerklichen und technischen Maßstab. Pfusch bezeichnet eine Tätigkeit, bei der ohne ausreichende Kenntnis, Sorgfalt und Beherrschung der Voraussetzungen gearbeitet wird. Maße stimmen nicht, Materialien werden falsch eingesetzt, Belastungsgrenzen ignoriert, Anschlüsse passen nicht oder die Folgen einer Konstruktion werden nicht berücksichtigt.

Eine gepfuschte Arbeit kann zunächst fertig und äußerlich überzeugend erscheinen. Ihre Mängel werden häufig erst unter Belastung sichtbar. Dann lockern sich Verbindungen, Materialien verschleißen, Systeme blockieren oder Konstruktionen brechen zusammen. Der äußere Anschein eines Ergebnisses kann den tatsächlichen Funktionsmangel vorübergehend verdecken, ihn aber nicht beseitigen.

Übertragen auf die menschliche Zivilisation bedeutet dies, dass der Mensch seine gesellschaftliche Existenz gestaltet, ohne ausreichend zu wissen, wodurch sie getragen wird. Er verwechselt technische Machbarkeit mit langfristiger Tragfähigkeit, wirtschaftliche Verwertbarkeit mit Qualität, rechtliche Verfügung mit tatsächlicher Hervorbringung und gesellschaftliche Geltung mit materieller Wirklichkeit.

Die Menschheitsentwicklung erscheint dadurch als eine nicht abgeschlossene und vielfach gepfuschte Konstruktion. Ihre Bestandteile wurden nicht ausreichend aufeinander abgestimmt. Biologische Abhängigkeit, gesellschaftliche Rollenwelt und technische Verfügungsmacht folgen unterschiedlichen Maßstäben, werden jedoch behandelt, als bildeten sie widerspruchslos ein Ganzes.

Der Mensch kann technisch außerordentlich leistungsfähig sein und zugleich auf der Ebene seiner gesellschaftlichen Selbstorganisation wie ein Pfuscher handeln. Die Technik selbst beruht auf Lernen, Maßstäben, Regelwerken, Prüfungen, Toleranzen und Fehlerkorrekturen. Die gesellschaftliche Anwendung technischer Möglichkeiten folgt dagegen häufig Interessen, Preisen, Machtverhältnissen und kurzfristigen Erfolgsmaßstäben, ohne die Gesamtfolgen mit derselben Genauigkeit zu überprüfen.

Der Pfusch liegt daher nicht notwendig in der einzelnen technischen Leistung. Ein Motor kann funktionieren, eine Maschine kann produzieren und ein digitales System kann Daten verarbeiten. Der Pfusch entsteht durch die fehlende Einbettung dieser Einzelleistungen in die materiellen und lebendigen Bedingungen, von denen sie abhängig bleiben. Technisches Funktionieren innerhalb eines begrenzten Auftrags ist noch keine umfassende Tragfähigkeit.

Die zweite wilde Natur als menschliche Willkürlichkeitskonstruktion

Der Mensch hat neben der ihm vorausliegenden Natur eine zweite, von ihm selbst hervorgebrachte wilde Natur geschaffen. Diese zweite wilde Natur besteht aus Begriffen, Rollen, Preisen, Eigentumsansprüchen, Institutionen, Märkten, technischen Systemen, Identitäten, Befehlen, Erwartungen und Gewohnheiten.

Sie ist nicht wild, weil sie ohne Regeln wäre. Sie ist wild, weil ihre Regeln innerhalb der menschlichen Symbol- und Geltungswelt entstehen und nicht ausreichend an die materiellen und lebendigen Bedingungen zurückgebunden werden, die das menschliche Leben tatsächlich tragen.

Die vorausliegende Natur verfügt über Stoffkreisläufe, Begrenzungen, Rückkopplungen, Regenerationsbedingungen und Folgen. Menschliche Systeme können diese Begrenzungen gedanklich, wirtschaftlich und rechtlich ausblenden. Eine Ware kann verkauft werden, obwohl ihre Herstellung Lebensbedingungen zerstört. Eine Tätigkeit kann als wirtschaftlich erfolgreich gelten, obwohl ihre Kosten auf andere Menschen, andere Lebewesen oder zukünftige Generationen verlagert werden. Ein Eigentumsrecht kann gesellschaftlich gültig sein, obwohl die entsprechende Nutzung eines Bodens oder Gewässers dessen langfristige Funktionsfähigkeit vernichtet.

Die zweite wilde Natur ist deshalb eine Willkürlichkeitskonstruktion. Sie entsteht dort, wo der Mensch seinen eigenen Zuschreibungen, Regeln und Vereinbarungen mehr Wirklichkeit zuspricht als den Bedingungen, auf die diese Konstruktionen treffen. Der Mensch hält seine Begriffe für Eigenschaften der Dinge, seine Rollen für seine Identität, seine Preise für Maßstäbe von Qualität und seine Eigentumsansprüche für eine tatsächliche Hervorbringung der angeeigneten Lebensbedingungen.

Die menschliche Gesellschaft erscheint dadurch hochgradig organisiert und ist zugleich in ihren grundlegenden Rückbindungen ungeordnet. Sie besitzt unzählige Regeln, ohne über einen ausreichenden gemeinsamen Prüfmechanismus zu verfügen, der ihre Auswirkungen auf die materiellen und lebendigen Existenzbedingungen kontinuierlich untersucht.

Die menschliche Bastardkonstruktion

Den Begriff der menschlichen Bastardkonstruktion verwende ich nicht biologisch, genealogisch oder als abwertende Bezeichnung für einzelne Menschen. Er bezeichnet eine widersprüchliche, nicht ausreichend vermittelte Mischkonstruktion des menschlichen Selbstverständnisses.

Der Mensch bleibt ein biologisches Lebewesen. Zugleich identifiziert er sich mit gesellschaftlichen Rollen, technischen Selbstbildern und symbolischen Geltungsansprüchen, die seine biologische und materielle Abhängigkeit verleugnen. Er ist Körper und behandelt sich wie reines Bewusstsein. Er ist abhängig und erklärt sich für autonom. Er ist verletzbar und konstruiert eine Welt scheinbarer Unverletzlichkeit. Er ist Teil der Natur und behandelt die Natur als ein ihm gegenüberstehendes Material. Er ist Mitwirkender innerhalb eines umfassenden Zusammenhangs und stellt sich als dessen Eigentümer, Schöpfer und Beherrscher dar.

Diese Bestandteile wurden nicht zu einem tragfähigen Selbstverständnis verbunden. Das gesellschaftlich erzeugte Menschenbild widerspricht den Bedingungen des tatsächlichen menschlichen Lebens. Die Bastardkonstruktion besteht damit in der Verbindung nicht miteinander vermittelter Ebenen: dem biologischen Lebewesen, der gesellschaftlichen Rollenfigur, der technischen Verfügungsmacht und dem symbolischen Geltungs-Ich.

Diese Diagnose ist keine moralische Verurteilung des Menschen. Sie beschreibt eine nicht fertiggestellte menschliche Selbstkonstruktion. Der Mensch hat sich aus natürlichen Instinktbindungen gelöst und eine kulturelle, sprachliche und technische Parallelwelt geschaffen. Diese Befreiung eröffnete Wahrnehmungs-, Gestaltungs- und Erkenntnismöglichkeiten, führte aber zugleich dazu, dass die gesellschaftlichen Konstruktionen nicht mehr automatisch an die Bedingungen des Lebens zurückgebunden werden.

Der Mensch ist daher weder einfach Naturwesen noch vollständig selbstbestimmtes Kulturwesen. Er ist eine widersprüchliche Übergangskonstruktion, die ihre eigene Stellung innerhalb der Welt noch nicht begriffen hat. Gerade weil er sich gestalten kann, benötigt er Maßstäbe und Rückkopplungsverfahren, durch die seine Gestaltungen auf ihre Tragfähigkeit überprüft werden können.

Kopplungs-Ich und Geltungs-Ich

Die widersprüchliche Menschenkonstruktion lässt sich als Verhältnis von Kopplungs-Ich und Geltungs-Ich beschreiben. Das Kopplungs-Ich ist der verletzbare, körperliche und auf Stoffwechsel angewiesene Mensch. Es ist an Atemluft, Wasser, Nahrung, Temperatur, Schlaf, Beziehung und Regeneration gebunden. Seine Existenz hängt von Zusammenhängen ab, die es weder selbst erfunden noch vollständig kontrollieren kann.

Das Geltungs-Ich entsteht innerhalb der gesellschaftlichen Symbol- und Rollenwelt. Es definiert sich über Namen, Beruf, Status, Eigentum, Erfolg, Leistung, Ansprüche und öffentliche Darstellung. Es muss sich innerhalb einer Gesellschaft behaupten, darstellen und von anderen unterscheiden. Diese Ebene ist für gesellschaftliche Orientierung und Zusammenarbeit notwendig. Problematisch wird ihr Verhältnis zum Kopplungs-Ich, wenn das Geltungs-Ich die Führung übernimmt und seine gesellschaftlichen Konstruktionen für unabhängiger und wirklicher hält als die körperlichen und materiellen Voraussetzungen des Lebens.

Der Mensch kann sich dann als frei, autonom, stark und unabhängig darstellen, während sein Körper und seine tatsächlichen Lebensbedingungen eine gegenteilige Wirklichkeit zeigen. Das Geltungs-Ich kann behaupten, alles zu sein, alles zu können und aus eigener Kraft über sich zu verfügen. Das Kopplungs-Ich kann nicht alles sein. Es bleibt begrenzt, verletzbar und abhängig.

Die gesellschaftliche Aufforderung, ganz man selbst zu sein, sein eigenes Leben zu leben und jede Herausforderung anzunehmen, verstärkt diese Verwechslung. Sie behandelt das Ich als vollständig selbst erzeugbares Projekt. Der Mensch wird zum Unternehmer, Darsteller und Vermarkter seiner eigenen Person. Seine Abhängigkeiten erscheinen als Schwäche, obwohl sie die Grundlage seines Lebens bilden.

Die Forschungskunst muss daher nicht nur äußere gesellschaftliche Systeme untersuchen. Sie muss die innere Spaltung des Menschen zwischen körperlicher Kopplung und gesellschaftlichem Geltungsanspruch sichtbar machen.

Verletzungswelt und Unverletzungswelt

Die menschliche Bastardkonstruktion erzeugt zwei voneinander getrennte Wirklichkeitsbereiche. Die Verletzungswelt ist die materielle und lebendige Welt. In ihr haben Tätigkeiten tatsächliche Folgen. Körper können erkranken, Böden unfruchtbar werden, Wasser kann verschmutzen, Arten können verschwinden und Menschen können durch Gewalt, Lärm, Entzug, Ausgrenzung oder dauerhafte Überforderung geschädigt werden.

Die Unverletzungswelt besteht aus Begriffen, Modellen, Rollen, Preisen, Rechtsformen und gedanklichen Konstruktionen. Innerhalb dieser Welt kann der Mensch Tätigkeiten beschreiben, bewerten und rechtfertigen, ohne ihre Folgen selbst unmittelbar erfahren zu müssen. In der Unverletzungswelt kann ein Unternehmen nachhaltig, eine Institution offen, ein Produkt sauber und eine Tätigkeit verantwortlich genannt werden. Die Verletzungswelt entscheidet jedoch, welche materiellen und lebendigen Folgen tatsächlich entstehen.

Die Unverletzungswelt ermöglicht eine scheinbare Folgenlosigkeit. Der Mensch kann denken, planen, kalkulieren und erklären, ohne dass innerhalb des Denkens selbst ein Boden zerstört oder ein Körper verletzt wird. Sobald die Vorstellung jedoch in eine Tätigkeit übergeht, trifft sie auf die Verletzungswelt.

Die moderne gesellschaftliche Arbeitsteilung verstärkt diese Trennung. Derjenige, der eine Entscheidung trifft, erlebt häufig nicht die Folgen. Derjenige, der ein Produkt kauft, sieht weder die Bedingungen seiner Herstellung noch die entstehenden Abfälle. Derjenige, der eine technische Anweisung erteilt, muss die langfristigen Auswirkungen ihrer Umsetzung nicht selbst tragen.

Meine Forschungskunst untersucht den Übergang zwischen Unverletzungswelt und Verletzungswelt. Sie stellt die Vorstellung, ihre Umsetzung und die daraus entstehenden Konsequenzen in einen gemeinsamen wahrnehmbaren Zusammenhang.

Die Verwechslung von Begriff und Wirklichkeit

Der Mensch muss Begriffe bilden, um sich orientieren, verständigen und handeln zu können. Der Begriff ist jedoch nicht die Sache selbst. Das Wort Wasser ist kein Wasser. Der Begriff Eigentum erzeugt keinen Boden. Der Preis einer Ware ist keine Aussage über ihre tatsächliche Qualität oder über die Folgen ihrer Herstellung. Eine Rollenbezeichnung erfasst nicht den gesamten Menschen.

Die Verwechslung beginnt dort, wo der Mensch die von ihm hervorgebrachte Bezeichnung mit der Wirklichkeit gleichsetzt. Ein Begriff kann gesellschaftlich gelten, obwohl der bezeichnete Zusammenhang anders funktioniert. Ein Gesetz kann Eigentum festlegen, aber weder Bodenfruchtbarkeit noch Wasser, Luft oder Leben hervorbringen. Eine Bilanz kann Gewinn ausweisen, obwohl gleichzeitig unwiederbringliche Schäden entstehen.

Die menschliche Symbol- und Geltungswelt ist deshalb nicht unwirklich. Ihre Regeln besitzen reale gesellschaftliche Wirkungen. Sie bleibt jedoch eine vom Menschen hervorgebrachte Ebene, die auf eine ihr vorausliegende Wirklichkeit angewiesen ist. Das Problem entsteht, wenn diese Abhängigkeit vergessen wird und der Mensch seine Begriffe wie unmittelbare Eigenschaften der Welt behandelt.

Ein wesentlicher Auftrag meiner Forschungskunst besteht darin, diese Verwechslung zu unterbrechen. Durch Darstellung und Vergegenständlichung sollen Begriffe, Vorstellungen und Tätigkeiten als menschliche Hervorbringungen sichtbar werden. Erst dadurch können sie mit den tatsächlichen Eigenschaften der Dinge und den Folgen der Tätigkeiten verglichen werden.

Die Verwechslung von Rolle und Mensch

Der Mensch übernimmt im Laufe seines Lebens zahlreiche gesellschaftliche Rollen. Er wird Schüler, Arbeitnehmer, Konsument, Eigentümer, Mieter, Patient, Wähler, Experte, Unternehmer, Kunde oder Vertreter einer Institution. Diese Rollen erfüllen gesellschaftliche Funktionen, sind jedoch nicht mit dem gesamten Menschen identisch.

Der Mensch bleibt auch innerhalb seiner Rollen ein verletzbarer Körper. Er muss atmen, trinken, essen, schlafen und sich regenerieren. Er ist auf andere Menschen und materielle Lebensbedingungen angewiesen. Die Rollenwelt behandelt ihn dagegen häufig als Funktionsträger. Der Arbeitnehmer soll leisten, der Konsument kaufen, der Eigentümer verfügen, der Experte zuständig sein und der Kunde auswählen.

Die Rolle kann dadurch das Bewusstsein für den ganzen Menschen verdrängen. Der Mensch identifiziert sich mit einer gesellschaftlichen Funktion und behandelt die damit verbundenen Erwartungen als Ausdruck seiner eigenen Identität. Er spielt eine Rolle, ohne noch wahrzunehmen, dass er spielt. Die Bühne wird mit der Welt, die Rolle mit dem Menschen und die Requisite mit der Wirklichkeit verwechselt.

Die darstellenden Künste besitzen deshalb eine grundlegende Erkenntnisfunktion. Im Theater wird sichtbar, dass eine Rolle übernommen, verändert, unterbrochen oder verlassen werden kann. Der Darsteller bleibt von der dargestellten Figur unterscheidbar. Diese Distanz, die im Theater selbstverständlich erscheint, fehlt im gesellschaftlichen Alltag weitgehend.

Das So-Heits-Atelier soll diese Unterscheidungsfähigkeit trainieren. Die Menschen sollen ihre gesellschaftlichen Rollen nicht abschaffen, sondern sie als Rollen erkennen und auf ihre Voraussetzungen, Widersprüche und Folgen hin untersuchen können.

Die Verwechslung von Eigentum und Existenzbedingung

Eigentum ist eine gesellschaftliche Vereinbarung. Es regelt, wer über einen Gegenstand, ein Grundstück oder eine Ressource verfügen darf. Aus der gesellschaftlichen Geltung des Eigentums folgt jedoch nicht, dass der Eigentümer den betreffenden Zusammenhang hervorgebracht hat.

Der Mensch kann ein Stück Boden besitzen. Er hat den Boden, seine Mineralien, Mikroorganismen, seine Wasserspeicherfähigkeit und seine langfristige Entstehung jedoch nicht geschaffen. Er kann Wasserrechte erwerben, aber kein Wasser aus dem Eigentumsbegriff hervorbringen. Die Erde und ihre Lebensbedingungen sind keine menschlichen Produkte. Sie können deshalb nicht in demselben Sinne Eigentum sein wie ein selbst hergestellter Gegenstand.

Die Verwechslung von Eigentum und Hervorbringung führt dazu, dass der Mensch existenzielle Voraussetzungen wie Waren behandelt. Er hält sich für berechtigt, über sie zu verfügen, weil er innerhalb seiner gesellschaftlichen Ordnung einen Preis gezahlt oder einen Titel erworben hat.

Meine Formulierung „Natur ist der erste Eigentümer“ verweist auf diesen Widerspruch. Sie bedeutet nicht, dass Natur im menschlichen Rechtssinn eine Eigentümerin wäre. Sie macht sichtbar, dass jeder menschliche Eigentumsanspruch auf Bedingungen angewiesen bleibt, die der Mensch nicht hervorgebracht hat und deren Funktionsfähigkeit durch seine Verfügung nicht aufgehoben wird.

Die Verwechslung von Preis und Qualität

Der Preis ist ein gesellschaftliches Vergleichsmittel. Er sagt zunächst aus, welchen Tauschwert eine Ware innerhalb eines Marktes besitzt. Er sagt nicht notwendig etwas über ihre tatsächliche Qualität, ihre Lebensdauer, ihre Reparierbarkeit, ihren Ressourcenverbrauch oder ihre gesellschaftlichen und ökologischen Folgen aus.

Ein hoher Preis kann mit geringer materieller Qualität verbunden sein. Ein niedriger Preis kann dadurch entstehen, dass Kosten auf andere Menschen, andere Lebewesen oder zukünftige Generationen verlagert werden. Die Formel „Alles hat seinen Preis“ ersetzt dadurch die Frage nach dem tatsächlichen Wert und den Existenzfolgen.

Qualität muss dagegen an Eigenschaften, Funktionen, Haltbarkeit, Verträglichkeit und Konsequenzen geprüft werden. Meine Forschungskunst stellt dem Preis daher den handwerklichen Qualitäts- und Funktionsmaßstab gegenüber. Nicht die Höhe eines Preises, die Bekanntheit eines Namens oder die institutionelle Anerkennung entscheiden über die Tragfähigkeit eines Werkes oder einer Tätigkeit, sondern die überprüfbaren Eigenschaften, Beziehungen und Folgen.

Die Verwechslung von technischem Können und Verfügungsmacht

Technisches Können beruht auf Lernen. Es setzt Kenntnisse über Material, Kräfte, Belastungen, Energie, Verfahren, Toleranzen und Fehler voraus. Verfügungsmacht entsteht dagegen aus der gesellschaftlichen Möglichkeit, Technik einzusetzen, zu finanzieren, zu besitzen oder anzuordnen. Beides ist nicht identisch.

Ein Mensch oder eine Institution kann über eine Technik verfügen, ohne ihre langfristigen Wirkungen zu verstehen. Eine technische Einzelleistung kann funktionieren, während ihre gesellschaftliche Anwendung einen größeren Zusammenhang zerstört. Der Motor funktioniert, das Fahrzeug fährt, die industrielle Anlage produziert und die digitale Plattform überträgt Daten. Damit ist jedoch noch nicht geprüft, welche Ressourcen verbraucht, welche Lebensräume verändert, welche Abhängigkeiten geschaffen und welche Folgen langfristig erzeugt werden.

Technisches Funktionieren ist deshalb noch keine umfassende Tragfähigkeit. Die Verfügung über ein Instrument macht den Menschen nicht zum verantwortlichen Gestalter. Ebenso wie der Besitz einer Kamera den Knipser nicht automatisch zum Fotografen macht, macht technische Macht den Menschen nicht automatisch zum Kenner der Bedingungen, in die er eingreift.

Die Forschungskunst überträgt daher den technischen Prüfmaßstab auf den Gesamtzusammenhang menschlicher Tätigkeit. Sie fragt nicht nur, ob ein einzelnes Gerät seine Funktion erfüllt, sondern ob die durch seinen Einsatz entstehenden Folgen innerhalb der materiellen und lebendigen Abhängigkeitswelt tragfähig sind.

Die Statement-Gesellschaft

Die Knipser-Pfuscher-Existenz findet ihre sprachliche Form in der Statement-Gesellschaft. Das Statement ersetzt zunehmend die überprüfbare Tätigkeit. Unternehmen erklären sich für nachhaltig, Institutionen für offen, Menschen für authentisch und Politik für verantwortlich. Entscheidend wird nicht mehr, was eine Tätigkeit tatsächlich bewirkt, sondern wie sie dargestellt und bezeichnet wird.

Das Statement erzeugt Geltung, ohne die entsprechende Tätigkeit leisten zu müssen. Es ermöglicht Haltung ohne Verantwortung und Identität ohne Prüfung. Auch das Ich wird zum Statement. Der Mensch erklärt, wer er ist und wofür er steht, statt zu untersuchen, wodurch er lebt, welche Rollen er übernimmt und welche Folgen seine Tätigkeiten hervorbringen.

Die Forschungskunst muss deshalb nicht nur Gegenstände und Bilder prüfen. Sie muss die Differenz zwischen Aussage, Darstellung, Tätigkeit und Folge sichtbar machen. Ein gesellschaftliches oder künstlerisches Statement darf nicht als Beweis seiner eigenen Wahrheit gelten. Es muss an den Bedingungen und Konsequenzen der entsprechenden Tätigkeit überprüft werden.

Die Welt, die kein menschliches Kunstwerk ist

Aus meinem Kunstverständnis ergibt sich eine notwendige Grenze. Nicht alles ist Kunst. Die Erde, das Leben, die Atmosphäre, die Gewässer, die Stoffkreisläufe und die kosmischen Bedingungen waren bereits vorhanden, bevor der Mensch sie wahrnahm, benannte oder gestaltete. Sie beruhen weder auf einer menschlichen Absicht noch auf einem menschlichen Entwurf.

Diese Welt kann zum Gegenstand menschlicher Kunst werden. Sie kann fotografiert, dargestellt, interpretiert, symbolisiert oder bearbeitet werden. Dadurch wird sie jedoch nicht selbst nachträglich zu einem menschlichen Kunstwerk. Zum Kunstwerk werden zunächst die menschliche Wahrnehmung, Interpretation, Darstellung und Hervorbringung.

Die vorausliegende Welt bildet die Tragwirklichkeit, innerhalb derer der Mensch überhaupt leben, handeln und Kunst hervorbringen kann. Der Mensch kann seine Umwelt darstellen und verändern. Er kann ihre Voraussetzungen aber nicht durch seine Begriffe, Preise, Rollen oder Eigentumsansprüche ersetzen.

Die Unterscheidung zwischen menschlichem Kunstwerk und vorausliegender Tragwirklichkeit ist für meine Forschungskunst entscheidend. Sie begrenzt den menschlichen Schöpferanspruch. Der Mensch ist Gestalter innerhalb einer Welt, deren grundlegende Bedingungen er nicht hervorgebracht hat. Seine künstlerische und technische Freiheit ist deshalb immer an Verantwortung gegenüber diesen Bedingungen gebunden.

Der Mensch als Künstler und plastisch werdendes Kunstwerk

Joseph Beuys’ Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ verweist auf das grundsätzliche menschliche Formungsvermögen. Menschen gestalten Beziehungen, Gegenstände, Regeln, Institutionen, Technologien und gesellschaftliche Wirklichkeiten.

Als Joseph Beuys 1980 zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er damit den Kern meiner weiteren Arbeit. Wenn jeder Mensch an der Formung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, muss auch jede Tätigkeit auf ihre Voraussetzungen und Folgen hin geprüft werden.

Der Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ darf nicht zu einer pauschalen Ermächtigung werden. Nicht jede Hervorbringung, Selbstdarstellung oder Tätigkeit ist bereits Kunst. Jeder Mensch ist an Gestaltung beteiligt. Zur Kunst wird diese Gestaltung jedoch erst, wenn Wahrnehmung, Zweifel, Maß, Können, Vergleich, Prüfung, Korrektur und Verantwortung hinzukommen.

Zugleich ist der Mensch nicht nur Künstler. Er ist selbst ein fortwährend plastisch werdendes Kunstwerk innerhalb einer umfassenden Abhängigkeitswelt. Er gestaltet und wird gestaltet. Er wirkt auf seine Mitwelt ein und wird durch sie geformt. Aus dieser Doppelstellung entsteht eine Verantwortung, die nicht am persönlichen Lebenswerk, an der eigenen Absicht oder an einer behaupteten Nichtzuständigkeit endet.

Der Mensch kann ein Werk zu einem bestimmten Zeitpunkt loslassen. Er kann jedoch nicht jede Verantwortung für die vorhersehbaren Konsequenzen seiner Tätigkeit loslassen. Das richtige Loslassen zum richtigen Zeitpunkt ist daher sowohl ein künstlerisches als auch ein gesellschaftliches Kriterium.

Werkgenese der Forschungskunst

Meine Forschungskunst ist nicht aus einer einzelnen Theorie entstanden. Sie entwickelte sich aus einer Folge praktischer Erfahrungen, Beobachtungen, Tätigkeiten und Werkzusammenhänge. Erst in der langfristigen Betrachtung wird sichtbar, dass die unterschiedlichen Arbeiten und Projekte eine gemeinsame Frage verfolgen und immer neue Kontroll-, Vergleichs- und Überprüfungssituationen herstellen.

Naturbeobachtung und Kindheit

Meine frühen Erfahrungen in Einhaus bei Ratzeburg waren von Gartenarbeit, Landwirtschaft, Knicks, Mooren, Wasser, Bienen und Vögeln geprägt. Ich erlebte Natur nicht als romantische Landschaft, sondern als Zusammenhang von Boden, Wasser, Jahreszeiten, Pflanzen, Tieren, Nahrung und menschlicher Tätigkeit.

An den Bienenvölkern meines Vaters konnte ich beobachten, wie aus begrenzten Einzelwahrnehmungen durch Austausch, Wiederholung und Rückkopplung eine kollektive Orientierungsfähigkeit entsteht. Hier liegt eine frühe Grundlage meiner späteren Kollektiven Kreativität und der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.

Durch Ornithologie, Vogelbeobachtung und Fotografie lernte ich, Spuren und Veränderungen wahrzunehmen. Die Fotografie wurde zu einem Instrument, mit dem Zustände festgehalten und im zeitlichen Vergleich überprüft werden konnten.

Zugleich erlebte ich, wie Flurbereinigung, Entwässerung, chemische Mittel und technische Vereinfachung komplexe Lebensräume veränderten. Was innerhalb eines begrenzten wirtschaftlichen oder technischen Auftrags funktionierte, konnte innerhalb des umfassenderen Lebenszusammenhangs nicht funktionieren. Nachdem natürliche Regulationsprozesse beseitigt worden waren, mussten ihre verlorenen Funktionen durch immer neue technische Eingriffe ersetzt werden.

Maschinenschlosserausbildung und handwerklicher Maßstab

Von 1965 bis 1969 absolvierte ich eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Dort lernte ich Maß, Passung, Toleranz, Belastung, Reibung, Werkstoffeigenschaften, Verschleiß, Funktionieren und Nichtfunktionieren als praktische Erkenntniskriterien kennen.

Ein Werkstück funktioniert nicht deshalb, weil der Hersteller seine Absicht überzeugend erklärt. Maße müssen stimmen, Materialien müssen geeignet sein und Verbindungen Belastungen aushalten. Das Material antwortet unabhängig von der Selbstdarstellung seines Bearbeiters.

Diese Erfahrung wurde zum grundlegenden Maßstab meiner Forschungskunst. Vorstellungen müssen sich an den Eigenschaften der Wirklichkeit bewähren, auf die sie treffen. Ein Fehler kann nicht dauerhaft durch eine bessere sprachliche Darstellung seines Ergebnisses behoben werden.

Fotografie, Werbung und Wirklichkeitskonstruktion

Durch meine Tätigkeit als Fotograf, Fotojournalist und in der Werbung lernte ich zugleich die herstellende Macht der Darstellung kennen. Bilder zeigen nicht einfach Wirklichkeit. Sie wählen Ausschnitte, verändern Perspektiven und verbinden Gegenstände mit Bedeutungen und Werten.

Ein Produkt wird mit Freiheit, Schönheit, Erfolg, Sicherheit oder Individualität verknüpft, obwohl diese Eigenschaften nicht im Gegenstand selbst enthalten sind. Hier wurde die Verwechslung von materieller Eigenschaft und hineingedachter Eigenschaft sichtbar.

Der Unterschied zwischen Fotografieren und Knipsen wurde dadurch zu einem umfassenderen Kunst- und Menschenkriterium. Das bewusste Fotografieren setzt eine Auseinandersetzung mit Medium, Gegenstand und Darstellung voraus. Das Knipsen erzeugt dagegen ein Bild, ohne diese Beziehungen ausreichend zu verstehen. In gleicher Weise erzeugt der moderne Mensch Bilder seiner Identität und seiner gesellschaftlichen Welt, ohne ihre Entstehungsbedingungen und Konsequenzen zu prüfen.

Experimentelle Umweltgestaltung

Während meines Studiums der Bildhauerei entwickelte ich 1975 den Ansatz der „Experimentellen Umweltgestaltung“. Umwelt verstand ich als Milieu und damit als umfassenden Zusammenhang materieller, lebendiger, gesellschaftlicher und kultureller Abhängigkeiten.

Der Mensch steht diesem Zusammenhang nicht als unabhängiges Subjekt gegenüber. Er ist Bestandteil seiner Mitwelt, wird von ihr getragen und verändert sie durch seine Tätigkeiten. Der Studien- und Arbeitsansatz war integrativ, interdisziplinär und generalistisch angelegt. Bildnerische, plastische, fotografische, handwerkliche, technische, darstellerische und gesellschaftliche Verfahren sollten nicht getrennt nebeneinanderstehen. Sie sollten gemeinsam untersuchen, wie Vorstellungen in Tätigkeiten übergehen und welche Folgen diese Tätigkeiten innerhalb einer Abhängigkeitswelt erzeugen.

Die Experimentelle Umweltgestaltung wurde für mich zum repräsentativen Vorbild meiner gesamten künstlerischen Biografie. Die Anforderungen, die ich zunächst an einen möglichen Studiengang und an andere Studierende stellte, wurden zu Anforderungen an mein eigenes Lebenswerk. Daraus entstand eine Forschungskunst, in der das eigene Tätigwerden und die daraus hervorgehenden Werke fortwährend auf ihre Voraussetzungen, Maßstäbe und Konsequenzen geprüft werden.

Strömungsforschung, Exzenter und Wellenmaschine

An der Wellenmaschine und meinen Strömungsversuchen wurde der Unterschied zwischen Zeichen, Vorstellung und tatsächlicher Funktion besonders deutlich. Ein gezeichneter Kreis ist noch kein Exzenter. Ein dargestellter Wirbel wirbelt nicht. Erst eine technisch richtig hergestellte Versuchsanordnung erzeugt Bewegung, Widerstand, Überlagerung und Rückströmung.

Die Wellenmaschine bildete Natur nicht nur ab. Sie stellte Bedingungen her, unter denen das Material selbst auf einen technischen Impuls antwortete. Das Werk wurde dadurch zum Prüfobjekt. Es zeigte, dass eine gedachte oder gezeichnete Form ihre Funktion nicht automatisch enthält. Zwischen Zeichen und Funktion liegt das Können, durch das eine Vorstellung materiell richtig umgesetzt werden muss.

Diese Erfahrung verweist unmittelbar auf die menschliche Selbstkonstruktion. Der Mensch zeichnet sich gewissermaßen als autonomes Wesen. Dass dieses Bild gesellschaftlich anerkannt wird, bedeutet jedoch nicht, dass die entsprechende Konstruktion innerhalb der tatsächlichen Lebensbedingungen funktioniert.

Vorgabebilder und Erwachsenenmalbücher

Meine Vorgabebilder und Erwachsenenmalbücher untersuchen das Verhältnis von Vorgabe, Gehorsam, Abweichung und eigener Gestaltung. Der Rezipient erhält eine vorhandene Form. Er kann sie übernehmen, ausfüllen, verändern, überschreiben, zerstören oder verlassen. Die Vorgabe wird dadurch selbst zum Gegenstand der Prüfung.

Die Arbeiten greifen auf die Kindheit zurück, in der nahezu jeder Mensch bereits zeichnet, malt, spielt und seine Umgebung schöpferisch untersucht. Diese Fähigkeiten werden später häufig durch Leistungsanforderungen, Spezialisierung und die Vorstellung besonderer künstlerischer Begabung verdrängt.

Eine weitere Methode besteht darin, der Spitze eines Kugelschreibers und der entstehenden Spur zu folgen. Dabei muss zunächst kein vorgegebenes Leistungsziel erreicht werden. Der Mensch beobachtet Bewegung, Druck, Richtung, Rhythmus und die Entstehung einer Form.

Die künstlerische Tätigkeit beginnt dadurch nicht erst mit besonderer Begabung oder einem bewertbaren Ergebnis. Sie beginnt mit Aufmerksamkeit und dem Aufbau einer Beziehung zwischen Wahrnehmung, Werkzeug, Material und Spur. Der Mensch lernt, einer entstehenden Form zu folgen, ohne sie vollständig im Voraus zu beherrschen.

Gesellschaftliche Versuchsanordnungen

Aus diesen Werkansätzen entwickelten sich die Kollektive Kreativität, Demokratiewerkstätten, Grenzwerkstatt, Kunsthalle auf Zeit, Entelechie-Museum, Bürgerforum, Globales Dorffest und Partizipatorisches Welttheater.

Diese Projekte behandelten Gesellschaft nicht nur als Thema eines Kunstwerkes. Sie stellten Situationen her, in denen gesellschaftliche Rollen, Beteiligungsformen, Entscheidungsweisen und Wirklichkeitsentwürfe praktisch untersucht werden konnten.

Das Globale Dorffest mit seinen zahlreichen Tischen war beispielsweise nicht nur ein öffentliches Fest. Es war ein räumliches Modell für Austausch, Fragen, Antworten und die Verbindung begrenzter Erfahrungen. Aus dem einzelnen Werk entwickelte sich ein sozialer und öffentlicher Prüfzusammenhang.

Die Beteiligung der Rezipienten war dabei nie nur als Aktivierung oder Unterhaltung gedacht. Sie sollte sichtbar machen, wie Menschen mit Vorgaben umgehen, welche Rollen sie übernehmen, welche Vorstellungen sie einbringen und wie aus unterschiedlichen Beiträgen ein gemeinsamer Zusammenhang entsteht.

Die documenta-Bewerbungen als chronistische Werkspur

Meine früheren documenta-Bewerbungen dokumentieren verschiedene Entwicklungsstufen derselben Forschungskunst. Sie reichen von der Experimentellen Umweltgestaltung, Erwachsenenmalbüchern und Vorgabebildern über Rezeptionskunst, Entelechie-Museum, So-Heits-Gesellschaft und Partizipatorisches Welttheater bis zur Globalen Schwarm-Intelligenz.

Die Bewerbungen sind deshalb nicht als voneinander unabhängige Projekte zu betrachten. Sie bilden eine chronistische Werkspur. Vom vorgegebenen Bild führte die Entwicklung zum beteiligten Rezipienten, vom beteiligten Rezipienten zum Mitgestalter und vom Mitgestalter zum Mitprüfenden. Die heutige Weiterführung besteht darin, den Mitprüfenden zum Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit werden zu lassen.

Die wiederholten Bewerbungen zeigen zugleich, dass die documenta für mich nicht nur ein Ausstellungsereignis darstellt. Sie ist ein möglicher Ort der Verortungskunst, an dem neue Gedanken, Kunstbegriffe und gesellschaftliche Prüfverfahren öffentlich sichtbar und erprobbar werden können.

Geburt, Abhängigkeit und die griechisch-kretische Grundlinie

In mehreren früheren documenta-Konzeptionen spielte eine weibliche und griechisch-kretische Grundlinie eine besondere Rolle. Die Geburtshöhle, die Gebärmutter im Mittelpunkt der Welt, der Omphalus, das Labyrinth, der Ariadnefaden und die archetypische Hochzeit waren keine mythologischen Dekorationen. Sie bildeten eine Erkenntnisstruktur.

Die Geburt zeigt, dass kein Mensch sich selbst hervorbringt. Jeder Mensch beginnt in vollständiger Abhängigkeit. Der Omphalus verweist auf die Nabelverbindung zu einer Herkunft, die der Einzelne nicht selbst geschaffen hat.

Der gläserne Astronaut bildete dazu ein Gegenbild. Er erscheint technisch überlegen, autonom und von seiner Umwelt getrennt. Tatsächlich ist er vollständig von Luft, Temperatur, Energie, Material und funktionierenden technischen Systemen abhängig.

Geburtshöhle und Astronaut zeigen zwei unterschiedliche Menschenbilder. Auf der einen Seite steht der körperlich rückgebundene Mensch, der seine Herkunft, Verletzbarkeit und Abhängigkeit anerkennt. Auf der anderen Seite steht der technisch abgeschirmte Mensch, der seine Abhängigkeit mithilfe einer künstlichen Hülle zu überwinden versucht und dadurch umso vollständiger von technischen Funktionsbedingungen abhängig wird.

Diese Werkspur gehört zur Vorgeschichte der heutigen Diagnose der Knipser-Pfuscher-Existenz. Sie zeigt, dass der Mensch seine natürliche und soziale Gebundenheit nicht beseitigt, wenn er sie verdrängt. Er verlagert sie lediglich in immer komplexere technische Systeme.

Forschungskunst als Prüfverfahren

Aus dieser Werkgenese sind verschiedene Prüfmodelle hervorgegangen. Sie bilden keinen abgeschlossenen wissenschaftlichen Apparat. Sie sind künstlerische Werkzeuge, mit denen Vorstellungen, Tätigkeiten und gesellschaftliche Systeme sichtbar, vergleichbar und korrigierbar gemacht werden können.

Die Forschungskunst untersucht nicht nur einzelne Gegenstände. Sie stellt den gesamten Zusammenhang von Wahrnehmung, Vorstellung, Darstellung, Tätigkeit, Materialeigenschaft, Abhängigkeit und Folge her. Ihre Aufgabe besteht darin, die vom Menschen getrennten Ebenen wieder miteinander in Beziehung zu setzen.

Funktionieren und Nichtfunktionieren

Das grundlegende Kriterium stammt aus Handwerk und Technik. Eine Tätigkeit wird nicht allein danach beurteilt, was sie beabsichtigt oder behauptet. Sie muss daran geprüft werden, was sie tatsächlich bewirkt.

Dabei darf das Funktionieren nicht auf die unmittelbare Leistung eines einzelnen Systems begrenzt werden. Eine Maschine kann technisch funktionieren und gleichzeitig durch ihren Energie- oder Ressourcenverbrauch umfassendere Lebenszusammenhänge schädigen. Ein Wirtschaftsmodell kann Gewinne erzeugen und gleichzeitig seine eigenen materiellen Grundlagen zerstören. Eine gesellschaftliche Rolle kann organisatorisch funktionieren und zugleich den beteiligten Menschen körperlich oder psychisch beschädigen.

Funktionieren und Nichtfunktionieren müssen daher auf unterschiedlichen Ebenen geprüft werden. Entscheidend ist nicht nur, ob ein begrenzter Auftrag erfüllt wird, sondern ob die entsprechende Tätigkeit innerhalb der umfassenderen Abhängigkeits- und Existenzbedingungen tragfähig bleibt.

Das Vier-Ebenen-Modell

Das Vier-Ebenen-Modell ordnet die unterschiedlichen Wirklichkeitsbereiche, die der Mensch fortwährend miteinander verwechselt. Die erste Ebene umfasst die materiellen und physikalischen Bedingungen wie Raum, Zeit, Energie, Schwerkraft, Wasser, Boden, Atmosphäre, Temperatur, Material, Kräfte und Widerstände. Diese Bedingungen können durch menschliche Begriffe beschrieben und technisch genutzt, aber nicht durch gesellschaftliche Geltung außer Kraft gesetzt werden.

Die zweite Ebene umfasst das Leben und seine Verletzbarkeit. Zu ihr gehören Körper, Stoffwechsel, Atmung, Ernährung, Fortpflanzung, Regeneration und die Abhängigkeiten lebendiger Systeme. Auf dieser Ebene entscheidet sich, ob eine Tätigkeit Leben trägt, schädigt oder zerstört.

Die dritte Ebene umfasst die vom Menschen hervorgebrachte Symbol-, Rollen- und Geltungswelt. Zu ihr gehören Sprache, Eigentum, Geld, Markt, Recht, Institution, Status, Identität, Technikbilder und gesellschaftliche Rollen. Diese Ebene ist für gesellschaftliche Zusammenarbeit unverzichtbar. Sie bleibt jedoch ein menschlicher Entwurf, solange ihre Wirkungen nicht an die materiellen und lebendigen Bedingungen zurückgebunden werden.

Die vierte Ebene bildet die notwendige öffentliche Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturebene. Sie untersucht, welche Folgen die Hervorbringungen der dritten Ebene für die ersten beiden Ebenen erzeugen. Sie stellt die Verbindung zwischen Geltungswelt und Tragwirklichkeit wieder her.

Ohne diese vierte Ebene können gesellschaftliche Systeme ihre eigenen Behauptungen und Erfolgsmaßstäbe fortwährend wiederholen, ohne ihre Wirkungen tatsächlich überprüfen zu müssen. Die vierte Ebene ist daher kein weiterer Spezialbereich neben anderen, sondern eine gesellschaftliche Rückkopplungsarchitektur, in der unterschiedliche Erkenntnisse, Erfahrungen und Tätigkeitsfolgen öffentlich verglichen werden.

51:49 als plastische Minimalasymmetrie

Das Modell 51:49 bezeichnet eine plastische Minimalasymmetrie und einen Maßstab tragfähiger Rückkopplung. Lebendige Zusammenhänge beruhen nicht auf vollständiger Gleichförmigkeit. Sie benötigen Unterschiede, Beweglichkeit, Spannung, Toleranz und die Möglichkeit zur Anpassung.

Eine starre 50:50-Symmetrie kann zu einem Zustand führen, in dem keine Bewegung und keine Entscheidung mehr möglich sind. Die 100-Prozent-Logik versucht dagegen, vollständige Kontrolle, Perfektion und Eindeutigkeit herzustellen. Sie beseitigt Abweichungen, Toleranzen und Rückkopplungsräume.

51:49 steht für eine minimale Differenz, durch die Bewegung und Korrektur möglich bleiben. Es bezeichnet keine einfache mathematische Formel für alle Lebensprozesse, sondern ein plastisches Prüfbild. Es untersucht, ob ein System Rückkopplung zulässt, Toleranzräume besitzt und auf Fehler reagieren kann oder ob es durch starre Optimierung auf einen Kipppunkt zutreibt.

Die plastische Minimalasymmetrie bildet damit einen Gegenentwurf zur menschlichen Perfektions- und Beherrschungslogik. Tragfähigkeit entsteht nicht durch vollständige Kontrolle, sondern durch eine bewegliche Beziehung zwischen unterschiedlichen Kräften, in der Korrektur möglich bleibt.

Plastik und Skulptur

Die deutsche Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur besitzt für meine Forschungskunst eine besondere Bedeutung. Plastik bezeichnet das Formen, Modellieren, Hinzufügen, Verbinden und Einpassen. Sie verweist auf ein bewegliches Geschehen, das auf Material, Kräfte, Umgebung und Rückkopplung antwortet.

Skulptur bezeichnet zunächst das Abtragen, Abschlagen, Herausschneiden und Freilegen einer Form. Beide Verfahren sind künstlerisch, besitzen jedoch unterschiedliche Erkenntnisqualitäten.

Die Plastik dient mir als Modell eines offenen, abhängigen und fortwährend werdenden Menschen. Das plastische Ich-Bewusstsein erkennt, dass der Mensch in Beziehungen entsteht, durch seine Umwelt geformt wird und selbst auf sie zurückwirkt.

Die Skulptur kann dagegen zum Bild eines Selbstverständnisses werden, das Identität durch Abgrenzung, Abtragung und Festlegung herstellt. Das skulpturell oder strukturell verfestigte Ich-Bewusstsein behandelt gesellschaftliche Rollen, Begriffe und Identitäten leicht als unveränderliche Eigenschaften.

Diese Unterscheidung soll im So-Heits-Atelier nicht nur sprachlich erklärt, sondern durch eigenes Formen, Verbinden, Einpassen, Abtragen und Vergleichen praktisch erfahren werden. Der Mensch soll erkennen, dass er nicht als fertige, aus einem Block herausgeschlagene Identität existiert, sondern als plastisches, abhängiges und sich fortwährend veränderndes Tragwesen.

Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekundenmensch

Ein weiterer Vergleichsmaßstab ist die Übertragung der gesamten bisherigen Erdgeschichte auf eine 24-Stunden-Uhr. Innerhalb dieses Maßstabes erscheint die menschliche Zivilisationszeit nur als ein äußerst kurzer Moment. Industrialisierung und digitale Beschleunigung werden zu einem kaum noch wahrnehmbaren Bruchteil dieser Zeit.

Der Millisekundenmensch greift in Böden, Klima, Atmosphäre, Meere und Lebenszusammenhänge ein, deren Entstehung Jahrtausende oder Millionen Jahre erforderte. Er behandelt seine sehr kurze technische Eingriffsmacht wie eine umfassende Verfügungsmacht über das Ganze.

Das Instrument hält sich für den Dirigenten. Der Mensch ist ein sehr spät hinzugekommenes Instrument innerhalb eines umfassenden Zusammenhangs und verhält sich dennoch so, als habe er das Orchester, seine Instrumente, die akustischen Bedingungen und die Partitur selbst hervorgebracht.

Die 24-Stunden-Uhr macht den Widerspruch zwischen der Kürze menschlicher Zivilisationszeit und der Reichweite menschlicher Eingriffe anschaulich und überprüfbar. Sie stellt einen handwerklich verstandenen Vergleichsmaßstab her, durch den menschliche Selbsteinschätzung und tatsächliche zeitliche Stellung miteinander verglichen werden können.

Die So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft bildet das gesellschaftliche Gegenmodell zur Knipser-Pfuscher-Existenz. So-Heit bezeichnet die Rückbindung an das, was ein Mensch, ein Gegenstand oder ein Lebenszusammenhang in seinen tatsächlichen Eigenschaften, Bedürfnissen und Abhängigkeiten ist, bevor ihm Rollen, Preise, Werte, Eigentumsansprüche und Identitäten zugeschrieben werden.

Die So-Heits-Gesellschaft ist keine fertige Utopie und keine neue Weltanschauung, die allen Menschen vorgeschrieben werden soll. Sie bezeichnet eine Gesellschaft, in der Menschen lernen, ihre Hervorbringungen an den Bedingungen zu prüfen, auf die sie treffen.

In ihr übernimmt der Mensch nicht nur bestehende Rollen, Regeln und Systeme. Er entwickelt das künstlerische Handwerkszeug, um diese Rollen und Systeme darzustellen, auf Abstand zu bringen, zu untersuchen und gegebenenfalls zu verändern.

Jeder Mensch soll sich als Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit annehmen können. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch professioneller Künstler werden muss. Es bedeutet, dass Wahrnehmung, Gestaltung, Zweifel, Maß, Prüfung, Korrektur und Verantwortung zu allgemeinen gesellschaftlichen Fähigkeiten werden.

Die So-Heits-Gesellschaft ist damit keine Gesellschaft vollständiger Übereinstimmung. Sie beruht vielmehr auf der Fähigkeit, Unterschiede, Widersprüche und Folgen sichtbar zu machen und in einen öffentlichen Rückkopplungsprozess einzubringen.

Das So-Heits-Atelier

Für die documenta 16 schlage ich das So-Heits-Atelier als begehbare künstlerische und gesellschaftliche Versuchsanordnung vor. Es verbindet Bühne, Atelier, Werkstatt, Lernraum, Archiv und digitale Prüfstationen.

Die Besucher sollen nicht nur fertige Werke betrachten. Sie sollen die Methoden meiner Forschungskunst selbst anwenden und ihre eigenen Vorstellungen, Rollen und Tätigkeiten untersuchen können. Das Atelier wird damit nicht zur bloßen Vermittlungsfläche einer bereits abgeschlossenen Theorie. Es ist ein öffentlicher Arbeitsraum, in dem Forschungskunst durch eigenes Tätigwerden erfahren werden kann.

Bühne und Theater als Rollenprüfung

Im Bühnenbereich können Wahrnehmungen, Träume, Alltagserfahrungen und gesellschaftliche Konflikte in Szenen übertragen werden. Ein morgendlicher Traum kann beispielsweise zum Ausgangspunkt einer unmittelbaren Theaterszene werden. Andere Beteiligte übernehmen Rollen. Dadurch wird sichtbar, wie aus einer inneren Wahrnehmung eine Darstellung und aus Mitmenschen Darsteller einer neuen Inszenierung werden.

In Anlehnung an Theaterformen Augusto Boals können Szenen unterbrochen, verändert und aus anderen Perspektiven erneut gespielt werden. Die Beteiligten lernen, zwischen dem verletzbaren Menschen, dem Darsteller, seiner Rollenidentität, der Bühne, der Regie und der Requisitenwelt zu unterscheiden.

Das Theater wird damit zum Trainingsraum gesellschaftlicher Transparenz. Es zeigt, dass Menschen auch im Alltag Rollen übernehmen und Inszenierungen mittragen, ohne diese noch als veränderbare Konstruktionen wahrzunehmen. Die bewusste Darstellung schafft eine Distanz, durch die gesellschaftliche Vorgaben und Rollenidentitäten untersucht werden können.

Bildnerische und plastische Tätigkeit

Im bildnerischen und plastischen Bereich können die Besucher mit einfachen und ressourcenschonenden Mitteln arbeiten. Ein Bild kann in Sand entstehen, auf einer Schultafel gezeichnet, verändert und wieder gelöscht oder mit einem einfachen Kugelschreiber entwickelt werden.

Meine Erwachsenenmalbücher und Vorgabebilder stellen vorhandene Formen zur Verfügung. Die Beteiligten können diese übernehmen, ergänzen, überschreiben, verändern, zerstören oder verlassen. Dadurch wird erfahrbar, wie Menschen mit Vorgaben umgehen und wann aus der Übernahme einer Form eine eigene Wahrnehmungs- und Gestaltungsleistung entsteht.

Die Arbeiten greifen zugleich auf die Kindheit zurück, in der nahezu jeder Mensch bereits zeichnete, malte, spielte und seine Umgebung gestaltete. Das Atelier soll diese verschütteten Fähigkeiten nicht romantisch wiederholen, sondern als Erkenntnis- und Prüfwerkzeuge neu verfügbar machen.

Handwerkliche Tätigkeit und Befreiung vom Konsumentendasein

Im Werkstattbereich können einfache Gegenstände hergestellt, verändert oder repariert werden. Ein Tisch oder ein Stuhl macht Material, Maß, Passung, Widerstand, Werkzeuggebrauch, Zeitaufwand, Funktion und Reparierbarkeit unmittelbar erfahrbar.

Wer einen Gegenstand selbst herstellt, begegnet ihm anders als jemand, der ihn nur als fertige Ware kauft. Er erkennt, welche Kenntnisse, Materialien, Tätigkeiten und Abhängigkeiten in einem scheinbar selbstverständlichen Gegenstand enthalten sind.

Die handwerkliche Tätigkeit schafft dadurch eine Distanz zum bloßen Konsumentendasein. Der Konsument begegnet dem Gegenstand als Ware und Preis. Der Herstellende begegnet ihm als Material-, Funktions- und Arbeitszusammenhang. Diese Erfahrung macht sichtbar, welche Wirklichkeit hinter der fertigen Warenoberfläche verborgen bleibt.

Digitale Prüfstationen

Monitore und Laptops verbinden das So-Heits-Atelier mit der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“. Die Besucher können Gegenstände, Begriffe, Rollen, Tätigkeiten, Theaterszenen oder gesellschaftliche Systeme mithilfe des Vier-Ebenen-Modells untersuchen.

Dabei werden die materiellen Voraussetzungen, die Auswirkungen auf lebendige Zusammenhänge, die gesellschaftlich hinzugefügten Bedeutungen und die notwendigen Prüf-, Korrektur- oder Reparaturschritte in einen gemeinsamen Zusammenhang gebracht.

Die digitale Technik wird dadurch nicht als bloßes Präsentationsmittel eingesetzt. Sie wird selbst Bestandteil eines kontrollierten Vergleichs- und Erkenntnisverfahrens.

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet die digitale Erweiterung und verbindende Infrastruktur meiner Forschungskunst. Sie verbindet mein Werkarchiv, künstlerische Objekte, Bilder, Texte, Methoden, Prüfmodelle und Beteiligungsformen in einem offenen Verknüpfungsraum.

Der Begriff der Schwarmintelligenz geht für mich auf die frühe Erfahrung zurück, dass kein einzelnes Lebewesen und kein einzelner Mensch über die Wahrnehmung des Ganzen verfügt. Erkenntnis entsteht nicht dadurch, dass ein Zentrum alles weiß. Sie entsteht durch die Verbindung begrenzter Wahrnehmungen, Erfahrungen und Fähigkeiten.

Diese Verbindung darf jedoch nicht in einer bloßen Addition von Meinungen bestehen. Die Beiträge müssen vergleichbar, nachvollziehbar und überprüfbar werden. Die Plattform soll deshalb nicht nur Informationen sammeln. Sie soll eine öffentliche Prüf- und Rückkopplungstätigkeit ermöglichen.

Die Globale Schwarm-Intelligenz bildet damit keine behauptete Gesamtintelligenz, die bereits vorhanden wäre. Sie bezeichnet eine Aufgabe und eine Arbeitsform, in der begrenzte Wahrnehmungen miteinander verbunden und zugleich an gemeinsamen Prüfmaßstäben kontrolliert werden.

Der Vergleich von Mensch und künstlicher Intelligenz

Eine einfache Frage wird zunächst von einem Menschen oder einer Gruppe anhand eines festgelegten Materials beantwortet. Anschließend wird dieselbe Frage auf der Grundlage desselben Materials durch künstliche Intelligenz bearbeitet.

Beide Antworten werden danach auf Unterschiede, Ergänzungen, Auslassungen, Widersprüche, Begriffsverschiebungen und blinde Stellen hin verglichen. Die künstliche Intelligenz dient nicht als Wahrheitsinstanz. Sie ist ein zusätzliches Spiegelungs-, Vergleichs- und Kontrollinstrument.

Auch ihre Ergebnisse müssen auf ihre Herkunft, ihre Begriffe, ihre Auswahl und ihre möglichen Verwechslungen geprüft werden. Der Vergleich zeigt nicht nur Fehler der künstlichen Intelligenz. Er kann ebenso menschliche Gewohnheiten, Auslassungen und Vorurteile sichtbar machen.

Entscheidend ist, dass Mensch und KI auf dasselbe Ausgangsmaterial bezogen werden. Erst dadurch entsteht ein kontrollierbarer Vergleich. Die KI wird nicht als allwissendes Gegenüber behandelt, sondern als ein weiteres Instrument, dessen Leistungsfähigkeit und Begrenzung im Prozess sichtbar werden.

Das interaktive Buch

Die Plattform soll ein Angebot an interaktiven Objekten, Bildern, Texten und Prüfverfahren bereitstellen, mit dem jeder Mensch sein eigenes interaktives Buch schaffen kann.

Dieses Buch ist kein abgeschlossenes Produkt. Es bildet eine fortsetzbare Spur des eigenen Wahrnehmens, Fragens, Gestaltens, Vergleichens und Korrigierens. Die einzelnen Bücher können untereinander und mit dem gemeinsamen Werkarchiv verbunden werden.

Aus begrenzten Einzelwahrnehmungen entsteht dadurch kein zentral vorgeschriebenes Gesamtbild. Es entsteht ein wachsender Zusammenhang verschiedener Beiträge, die miteinander verglichen und überprüft werden können.

Das interaktive Buch überträgt damit die Methode der Kollektiven Kreativität in einen digitalen öffentlichen Raum. Es verbindet die individuelle Werkspur mit einem gemeinsamen Prüfzusammenhang, ohne die Unterschiede der einzelnen Beiträge aufzulösen.

Zwei Bereiche eines gemeinsamen Raumenvironments

Das Vorhaben für die documenta 16 verbindet zwei untrennbare Bereiche. Der erste Bereich macht die mehr als fünfzigjährige Entstehung meiner Forschungskunst anhand ausgewählter Werke, Versuchsanordnungen, Aktionen, Kunsttagebücher, Beteiligungsprojekte und früherer documenta-Bewerbungen sichtbar.

Diese Werke sollen nicht als bloße Retrospektive präsentiert werden. Sie bilden eine chronistische Beweis- und Prüfspur. An ihnen kann nachvollzogen werden, wie sich die Ausgangsfrage, die Methoden und die Beteiligungsformen im Verlauf von fünf Jahrzehnten entwickelt haben.

Der zweite Bereich überführt die darin entstandenen Methoden in das gegenwärtige So-Heits-Atelier. Die historische Werkentwicklung stellt die Objekte, Erfahrungen und Prüfmechanismen zur Verfügung. Das Atelier eröffnet den Raum, in dem die Besucher diese Forschungskunst selbst anwenden und weiterführen können.

Aus der Darstellung eines bislang kaum sichtbaren Lebenswerkes entsteht dadurch ein öffentlicher Forschungs-, Erfahrungs- und Handlungsraum. Das Lebenswerk wird nicht nur rückblickend gezeigt, sondern in eine gegenwärtige gesellschaftliche Tätigkeit überführt.

Ziel des Vorhabens

Ziel des Vorhabens ist es, den Menschen vom Knipser und Pfuscher zum Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit werden zu lassen. Er soll nicht länger nur Rollen, Regeln, Produkte und technische Möglichkeiten übernehmen. Er soll lernen, seine eigenen Vorstellungen darzustellen, zu vergegenständlichen und auf Abstand zu bringen.

Er soll zwischen Begriff und Wirklichkeit, Rolle und Mensch, Preis und Qualität, Eigentum und Existenzbedingung sowie technischem Können und gesellschaftlicher Verfügungsmacht unterscheiden können. Er soll erkennen, wodurch er existiert, von welchen Zusammenhängen er abhängig ist und welche Folgen seine Tätigkeiten hervorbringen.

Die Forschungskunst verspricht dabei keine endgültige Lösung. Sie stellt ein Handwerkszeug zur Verfügung. Dieses Handwerkszeug besteht aus Wahrnehmung, Darstellung, Vergegenständlichung, Vergleich, Zweifel, Maß, Prüfung, Korrektur, Verantwortung und dem richtigen Loslassen zum richtigen Zeitpunkt.

Die documenta 16 könnte dieses Handwerkszeug nicht nur ausstellen, sondern öffentlich verfügbar machen. Die Besucher würden nicht nur mit einer künstlerischen Position konfrontiert, sondern könnten deren Methoden selbst erproben.

Vorhandenes Material und Unterstützungsbedarf

Das künstlerische und inhaltliche Material für das Vorhaben ist in weiten Teilen vorhanden. Dazu gehören Bilder, Plastiken, Fotografien, Collagen, Modelle, Versuchsanordnungen, Aktions- und Projektmaterialien, frühere documenta-Bewerbungen, mehr als sechshundert Kunsttagebücher sowie ein umfangreiches Foto-, Video- und Dokumentenarchiv.

Hinzu kommen die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“, das Vier-Ebenen-Modell, die Methodik des menschlichen und KI-gestützten Vergleichs und die Konzeption des interaktiven Buches.

Noch nicht vollständig realisiert ist die technische Infrastruktur, durch die jeder Beteiligte sein eigenes interaktives Buch erzeugen, bearbeiten und dauerhaft mit anderen Büchern und dem Archiv verknüpfen kann. Hierfür benötige ich die Zusammenarbeit mit Universitäten, Hochschulen, Instituten, Programmierern, Gestaltern und weiteren fachkundigen Personen.

Mit 77 Jahren bin ich bei der Weiterführung und Fertigstellung meines Lebenswerkes weitgehend allein. Die meisten Mitglieder der Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ sind inzwischen verstorben und stehen mir nicht mehr zur Verfügung.

Darin liegt eine persönliche und strukturelle Paradoxie. Ich habe eine Plattform mit dem Namen „Globale Schwarm-Intelligenz“ entwickelt und stehe bei ihrer Fertigstellung selbst ohne ein tragendes Kollektiv sowie ohne die notwendigen finanziellen und technischen Mittel da.

Schlussfolgerung

Der Mensch hat eine gesellschaftliche und technische Wirklichkeit hervorgebracht, die ihm Autonomie, Freiheit und Verfügungsmacht verspricht. Gleichzeitig zerstört er die Bedingungen, von denen seine tatsächliche Existenz abhängt.

Er ist zum Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz geworden, weil er gestaltet, ohne sein Handwerkszeug ausreichend zu beherrschen, und weil er seine Begriffe, Rollen und Systeme nicht an der Wirklichkeit überprüft, auf die sie treffen.

Die Forschungskunst setzt an diesem Widerspruch an. Sie betrachtet die Menschheitsentwicklung selbst als einen nicht abgeschlossenen Kunstwerkprozess. Dieser Prozess kann jedoch nur dann zu einem verantwortlichen Kunstwerkprozess werden, wenn der Mensch lernt, seine Hervorbringungen nach ihren materiellen und lebendigen Voraussetzungen sowie nach ihren tatsächlichen Folgen zu beurteilen.

Die documenta 16 könnte hierfür einen öffentlichen Raum schaffen. Sie könnte mein mehr als fünfzigjähriges Lebenswerk nicht nur sichtbar machen, sondern seine Methoden als gesellschaftliche Tätigkeit zur Verfügung stellen.

Das So-Heits-Atelier und die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ verbinden dabei körperliche Erfahrung, künstlerische Darstellung, handwerkliche Prüfung, digitale Verknüpfung und öffentliche Rückkopplung.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, was Kunst ist. Sie lautet zugleich, wie der Mensch lernen kann, sein eigenes Denken und Tätigwerden so wahrzunehmen, zu gestalten und zu überprüfen, dass er nicht länger die Bedingungen zerstört, durch die er überhaupt existieren kann.

Die Anlage baut auf dem kurzen Anschreiben auf und entfaltet dessen Diagnose, Werkgrundlage und Lösungsmodelle. Sie übernimmt dabei den Zusammenhang von Forschungskunst, handwerklichem Prüfmaßstab, So-Heits-Atelier und „Globaler Schwarm-Intelligenz“, der bereits in Ihrem bisherigen Entwurf angelegt ist.

Anlage zum Vorschlag für die documenta 16

Der Mensch als Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz

Entstehung, Konsequenzen und Prüfmodelle einer seit 1975 entwickelten Forschungskunst

Funktion dieser Anlage

Das Anschreiben fasst die zentrale Diagnose und den Vorschlag für die documenta 16 zusammen. Die vorliegende Anlage erläutert ausführlicher, wie die von mir bezeichnete „Knipser-Pfuscher-Existenz“ des Menschen zustande gekommen ist, auf welchen Verwechslungen sie beruht und weshalb daraus die fortschreitende Zerstörung der eigenen Existenzbedingungen hervorgeht.

Zugleich stellt die Anlage dar, wie sich aus meiner mehr als fünfzigjährigen künstlerischen Arbeit eine Forschungskunst entwickelt hat, die handwerkliche, technische und künstlerische Kontroll-, Vergleichs- und Überprüfungsmechanismen miteinander verbindet.

Diese Prüfmechanismen sind nicht erst nachträglich als Theorie zu meinen Arbeiten hinzugekommen. Sie sind in meinen Bildern, Plastiken, Fotografien, Objekten, Versuchsanordnungen, Aktionen, Environments, Beteiligungsprojekten und gesellschaftlichen Entwürfen von Anfang an angelegt.

Die Anlage erläutert deshalb zunächst die Diagnose der gegenwärtigen menschlichen Existenzform. Anschließend rekonstruiert sie die Entstehung meiner Forschungskunst aus Naturbeobachtung, Handwerk, Fotografie, Kunst und gesellschaftlicher Tätigkeit. Darauf folgen die von mir entwickelten Prüf- und Lösungsmodelle sowie deren praktische Umsetzung im So-Heits-Atelier und auf der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.

Die Notwendigkeit einer ausführlichen Positionsbestimmung

Meine künstlerische Position ist im etablierten Kunstdiskurs bisher kaum sichtbar und institutionell nicht angemessen eingeordnet worden. Mein Lebenswerk ist trotz seiner jahrzehntelangen Entwicklung, seiner zahlreichen Werke, Aktionen, Versuchsanordnungen und gesellschaftlichen Projekte nicht in den kontinuierlichen Galerie-, Ausstellungs-, Vermittlungs- und Rezeptionszusammenhängen präsent, über die künstlerische Positionen gewöhnlich gefunden und beurteilt werden.

Ich verfüge weder über eine dauerhafte Galerievertretung noch über eine kunstwissenschaftliche oder institutionelle Repräsentation, durch die meine Forschungskunst bereits in den kuratorischen Diskurs der documenta hätte gelangen können.

Das künstlerische Team der documenta 16 hätte meine Arbeit auf den üblichen Wegen daher kaum finden können.

Das liegt nicht daran, dass diese Arbeit nicht existiert. Sie ist außerhalb der etablierten Wahrnehmungs- und Vermittlungsstrukturen entstanden und über Jahrzehnte zwischen Kunst, Handwerk, Naturbeobachtung, Umweltgestaltung, gesellschaftlicher Untersuchung, Beteiligung und öffentlicher Tätigkeit angesiedelt gewesen.

Für den traditionellen Kunstbetrieb war sie häufig zu forschend, zu gesellschaftlich, zu handwerklich und zu wenig auf ein marktfähiges Einzelwerk begrenzt. Für die Wissenschaft war sie zu künstlerisch, zu biografisch, zu fachübergreifend und nicht an akademische Zuständigkeiten gebunden.

Gerade diese Zwischenstellung bildet jedoch einen wesentlichen Teil meiner Forschungskunst. Sie untersucht die Zusammenhänge, die durch gesellschaftliche Spezialisierung und institutionelle Arbeitsteilung voneinander getrennt werden: Vorstellung und Material, Begriff und Wirklichkeit, Rolle und Mensch, Technik und Lebensbedingung, Absicht und Folge, Preis und Qualität, Eigentum und Abhängigkeit.

Die ausführliche Positionsbestimmung ist deshalb keine persönliche Klage über fehlende Anerkennung. Sie ist eine sachliche Voraussetzung, um ein bislang nicht eingeordnetes Lebenswerk überhaupt prüfen und beurteilen zu können.

Die Ausgangsfrage meines Lebenswerkes

Seit mehr als fünfzig Jahren betreibe ich eine Forschungskunst, die ich bereits 1975 während meines Kunststudiums als „Experimentelle Umweltgestaltung“ bezeichnet habe.

Ausgangspunkt meines gesamten Lebenswerkes ist die Frage:

Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er über Wahrnehmung, Erkenntnis, Gestaltungskraft und die Fähigkeit zur Korrektur verfügt?

Der Mensch kann Folgen beobachten, messen und wissenschaftlich beschreiben. Er verfügt über technische Möglichkeiten, komplexe Zusammenhänge zu untersuchen. Er kann Fehler erkennen, Erfahrungen speichern und Verfahren verbessern.

Dennoch entstehen Wirtschaftsweisen, Technologien, Eigentumsordnungen, Rollenmodelle und Lebensformen, durch die die Bedingungen des eigenen Lebens beschädigt werden.

Zwischen dem Wissen des Menschen und seinem tatsächlichen Tätigwerden besteht eine grundlegende Trennung. Er weiß möglicherweise, dass eine Tätigkeit schädliche Folgen hervorbringt, kann sie aber gleichzeitig innerhalb seiner gesellschaftlichen Rolle als normal, notwendig, erfolgreich oder alternativlos behandeln.

Meine Forschungskunst untersucht diese Trennung. Sie fragt nicht nur, was der Mensch weiß, beabsichtigt oder behauptet. Sie untersucht, wie seine Vorstellungen in Tätigkeiten übergehen, auf welche materiellen und lebendigen Bedingungen sie treffen und welche Folgen sie tatsächlich hervorbringen.

Der Mensch als Knipser seiner eigenen Existenz

In der Fotografie besteht ein grundlegender Unterschied zwischen Fotografieren und Knipsen.

Fotografieren setzt Wahrnehmung, Erfahrung und handwerkliches Können voraus. Der Fotograf muss Licht, Zeit, Perspektive, Ausschnitt, Schärfe, Bewegung, Technik und den beabsichtigten Ausdruck miteinander verbinden. Er muss erkennen, was das Medium leisten kann, welche Voraussetzungen notwendig sind und welche Folgen seine Entscheidung für das Bild hat.

Der Knipser löst dagegen aus, ohne diesen Zusammenhang ausreichend wahrzunehmen oder zu beherrschen. Das technische Gerät kann ein Bild erzeugen, obwohl der Auslösende weder das Medium noch die Bedingungen der Bildentstehung verstanden hat.

Das Ergebnis kann zufällig brauchbar sein. Die Möglichkeit eines zufällig gelungenen Bildes ersetzt jedoch nicht das handwerkliche Können.

Übertragen auf die Menschheitsentwicklung verhält sich der Mensch vielfach wie ein Knipser seiner eigenen Existenz. Er löst fortwährend gesellschaftliche, technische, wirtschaftliche und kulturelle Prozesse aus, ohne deren Voraussetzungen und Folgen ausreichend wahrzunehmen.

Er erzeugt Rollen, Werte, Waren, Eigentumsordnungen, technische Systeme, Institutionen und Identitäten. Er betrachtet diese Hervorbringungen als Zeichen seiner Schöpfungskraft, ohne genügend zu prüfen, auf welche Wirklichkeit sie treffen und wodurch er selbst überhaupt existieren kann.

Der Mensch hat sich selbst erfunden, wie er in dieser Welt nicht existieren kann.

Er hat sich als autonomes, unabhängiges und nahezu unbegrenzt verfügungsfähiges Wesen konstruiert. Tatsächlich ist er von Atemluft, Wasser, Stoffwechsel, Boden, Temperatur, anderen Lebewesen, sozialen Beziehungen und langfristig entstandenen Lebensbedingungen abhängig.

Seine gesellschaftliche Selbsterfindung widerspricht damit den Voraussetzungen seiner körperlichen und materiellen Existenz.

Der Mensch als Pfuscher seiner eigenen Existenz

Der Begriff des Pfuschens erweitert das Bild des Knipsens um einen handwerklichen Maßstab.

Pfusch bezeichnet eine Tätigkeit, bei der ohne ausreichende Kenntnis, Sorgfalt und Beherrschung der Voraussetzungen gearbeitet wird. Maße stimmen nicht, Materialien werden falsch eingesetzt, Belastungsgrenzen ignoriert, Anschlüsse passen nicht oder die Folgen einer Konstruktion werden nicht berücksichtigt.

Eine gepfuschte Arbeit kann zunächst fertig und äußerlich überzeugend erscheinen. Ihre Mängel werden häufig erst unter Belastung sichtbar. Dann lockern sich Verbindungen, Materialien verschleißen, Systeme blockieren oder Konstruktionen brechen zusammen.

Übertragen auf die menschliche Zivilisation bedeutet dies: Der Mensch gestaltet seine gesellschaftliche Existenz, ohne ausreichend zu wissen, wodurch sie getragen wird.

Er verwechselt technische Machbarkeit mit langfristiger Tragfähigkeit. Er verwechselt wirtschaftliche Verwertbarkeit mit Qualität. Er verwechselt rechtliche Verfügung mit tatsächlicher Hervorbringung. Er verwechselt gesellschaftliche Geltung mit materieller Wirklichkeit.

Die Menschheitsentwicklung erscheint dadurch als eine nicht abgeschlossene und vielfach gepfuschte Konstruktion. Ihre Bestandteile wurden nicht ausreichend aufeinander abgestimmt. Biologische Abhängigkeit, gesellschaftliche Rollenwelt und technische Verfügungsmacht folgen unterschiedlichen Maßstäben, werden jedoch behandelt, als bildeten sie widerspruchslos ein Ganzes.

Der Mensch kann technisch außerordentlich leistungsfähig sein und zugleich auf der Ebene seiner gesellschaftlichen Selbstorganisation wie ein Pfuscher handeln.

Die Technik selbst beruht auf Lernen, Maßstäben, Regeln, Prüfungen, Toleranzen und Fehlerkorrekturen. Die gesellschaftliche Anwendung technischer Möglichkeiten folgt dagegen häufig Interessen, Preisen, Machtverhältnissen und kurzfristigen Erfolgsmaßstäben, ohne die Gesamtfolgen in gleicher Weise zu prüfen.

Der Pfusch liegt somit nicht notwendig in der einzelnen technischen Leistung. Er liegt in der fehlenden Einbettung dieser Leistung in die materiellen und lebendigen Bedingungen, von denen sie abhängig bleibt.

Die zweite wilde Natur

Der Mensch hat neben der vorausliegenden Natur eine zweite, von ihm selbst hervorgebrachte wilde Natur geschaffen.

Diese zweite wilde Natur besteht aus Begriffen, Rollen, Preisen, Eigentumsansprüchen, Institutionen, Märkten, technischen Systemen, Identitäten, Befehlen, Erwartungen und Gewohnheiten.

Sie ist nicht wild, weil sie ohne Regeln wäre. Sie ist wild, weil ihre Regeln weitgehend innerhalb der menschlichen Geltungswelt entstehen und nicht ausreichend an die Bedingungen zurückgebunden werden, die das Leben tatsächlich tragen.

Die natürliche Welt verfügt über Stoffkreisläufe, Begrenzungen, Rückkopplungen und Regenerationsbedingungen. Menschliche Systeme können diese Begrenzungen gedanklich und rechtlich ausblenden. Eine Ware kann verkauft werden, obwohl ihre Herstellung Lebensbedingungen zerstört. Eine Tätigkeit kann als wirtschaftlich erfolgreich gelten, obwohl ihre Kosten auf andere Menschen, andere Lebewesen oder die Zukunft verlagert werden.

Die zweite wilde Natur ist deshalb eine Willkürlichkeitskonstruktion. Sie entsteht dort, wo der Mensch seinen eigenen Zuschreibungen mehr Wirklichkeit zuspricht als den Bedingungen, auf die diese Zuschreibungen treffen.

Die Verwechslung von Begriff und Wirklichkeit

Der Mensch muss Begriffe bilden, um sich orientieren, verständigen und handeln zu können. Der Begriff ist jedoch nicht die Sache selbst.

Das Wort Wasser ist kein Wasser. Der Begriff Eigentum erzeugt keinen Boden. Der Preis einer Ware ist keine Aussage über ihre tatsächliche Qualität oder über die Folgen ihrer Herstellung. Eine Rollenbezeichnung erfasst nicht den gesamten Menschen.

Die Verwechslung beginnt dort, wo der Mensch die von ihm hervorgebrachte Bezeichnung mit der Wirklichkeit gleichsetzt.

Ein Begriff kann gesellschaftlich gelten, obwohl der bezeichnete Zusammenhang ganz anders funktioniert. Ein Gesetz kann Eigentum festlegen, aber weder Bodenfruchtbarkeit noch Wasser, Luft oder Leben hervorbringen. Eine Bilanz kann Gewinn ausweisen, obwohl gleichzeitig unwiederbringliche Schäden entstehen.

Die menschliche Symbol- und Geltungswelt wird dadurch nicht unwirklich. Ihre Regeln besitzen reale gesellschaftliche Wirkungen. Sie bleibt jedoch eine vom Menschen hervorgebrachte Ebene, die auf eine ihr vorausliegende Wirklichkeit angewiesen ist.

Das Problem entsteht, wenn diese Abhängigkeit vergessen wird.

Die Verwechslung von Rolle und Mensch

Der Mensch übernimmt im Laufe seines Lebens zahlreiche Rollen. Er wird Schüler, Arbeitnehmer, Konsument, Eigentümer, Mieter, Patient, Wähler, Experte, Unternehmer, Kunde oder Vertreter einer Institution.

Diese Rollen erfüllen gesellschaftliche Funktionen. Sie sind jedoch nicht mit dem gesamten Menschen identisch.

Der Mensch bleibt auch innerhalb seiner Rollen ein verletzbarer Körper. Er muss atmen, trinken, essen, schlafen und sich regenerieren. Er ist auf andere Menschen und auf materielle Lebensbedingungen angewiesen.

Die Rollenwelt behandelt ihn dagegen häufig als Funktionsträger. Der Arbeitnehmer soll leisten, der Konsument kaufen, der Eigentümer verfügen, der Experte zuständig sein und der Kunde auswählen.

Die Rolle kann dadurch das Bewusstsein für den ganzen Menschen verdrängen. Der Mensch identifiziert sich mit einer gesellschaftlichen Funktion und behandelt die damit verbundenen Erwartungen als Ausdruck seiner eigenen Identität.

Er spielt eine Rolle, ohne zu wissen, dass er spielt.

Die Bühne wird mit der Welt, die Rolle mit dem Menschen und die Requisite mit der Wirklichkeit verwechselt.

Geltungs-Ich und Kopplungs-Ich

Diese Spaltung lässt sich als Unterschied zwischen Geltungs-Ich und Kopplungs-Ich beschreiben.

Das Kopplungs-Ich ist der verletzbare, körperliche und auf Stoffwechsel angewiesene Mensch. Es ist an Atemluft, Wasser, Nahrung, Temperatur, Schlaf, Beziehung und Regeneration gebunden.

Das Geltungs-Ich entsteht innerhalb der gesellschaftlichen Symbol- und Rollenwelt. Es definiert sich über Namen, Beruf, Status, Eigentum, Erfolg, Leistung, Ansprüche und öffentliche Darstellung.

Beide Ebenen gehören zum Menschen. Problematisch wird ihr Verhältnis, wenn das Geltungs-Ich die Führung übernimmt und seine gesellschaftlichen Konstruktionen für unabhängiger und wirklicher hält als das Kopplungs-Ich.

Der Mensch kann sich dann als frei, autonom, stark und unabhängig darstellen, während sein Körper und seine tatsächlichen Lebensbedingungen eine gegenteilige Wirklichkeit zeigen.

Das Geltungs-Ich kann behaupten, alles zu sein. Das Kopplungs-Ich kann nicht alles sein. Es bleibt begrenzt, verletzbar und abhängig.

Die menschliche Bastardkonstruktion

Den Begriff „Bastardkonstruktion“ verwende ich nicht biologisch, genealogisch oder als abwertende Bezeichnung für einzelne Menschen.

Er bezeichnet eine widersprüchliche, nicht ausreichend vermittelte Mischkonstruktion des menschlichen Selbstverständnisses.

Der Mensch bleibt ein biologisches Lebewesen. Zugleich identifiziert er sich mit gesellschaftlichen Rollen, technischen Selbstbildern und symbolischen Geltungsansprüchen, die seine biologische und materielle Abhängigkeit verleugnen.

Er ist Körper und behandelt sich als reines Bewusstsein.

Er ist abhängig und erklärt sich für autonom.

Er ist verletzbar und konstruiert eine Welt der Unverletzlichkeit.

Er ist Teil der Natur und behandelt Natur als ihm gegenüberstehendes Material.

Er ist Mitwirkender innerhalb eines umfassenden Zusammenhangs und stellt sich als dessen Eigentümer, Schöpfer und Beherrscher dar.

Diese Bestandteile wurden nicht zu einem tragfähigen Selbstverständnis verbunden. Das gesellschaftlich erzeugte Menschenbild widerspricht den Bedingungen des tatsächlichen menschlichen Lebens.

Die Bastardkonstruktion besteht somit in der Verbindung nicht miteinander vermittelter Ebenen: biologisches Wesen, gesellschaftliche Rollenfigur, technische Verfügungsmacht und symbolisches Geltungs-Ich.

Sie ist keine moralische Verurteilung des Menschen. Sie ist die Diagnose einer nicht fertiggestellten menschlichen Selbstkonstruktion.

Verletzungswelt und Unverletzungswelt

Die Bastardkonstruktion erzeugt zwei voneinander getrennte Wirklichkeitsbereiche.

Die Verletzungswelt ist die materielle und lebendige Welt. In ihr haben Tätigkeiten tatsächliche Folgen. Körper können erkranken, Böden unfruchtbar werden, Wasser kann verschmutzen, Arten können verschwinden und Menschen können durch Lärm, Gewalt, Entzug oder Ausgrenzung geschädigt werden.

Die Unverletzungswelt besteht aus Begriffen, Modellen, Rollen, Preisen, Rechtsformen und gedanklichen Konstruktionen. Innerhalb dieser Welt kann der Mensch Tätigkeiten beschreiben, bewerten und rechtfertigen, ohne ihre Folgen selbst unmittelbar erfahren zu müssen.

In der Unverletzungswelt kann ein Unternehmen nachhaltig, eine Institution offen, ein Produkt sauber und eine Tätigkeit verantwortlich genannt werden. Die Verletzungswelt entscheidet jedoch, welche materiellen und lebendigen Folgen tatsächlich entstehen.

Die Unverletzungswelt ermöglicht eine scheinbare Folgenlosigkeit. Der Mensch kann denken, planen, kalkulieren und erklären, ohne dass innerhalb des Denkens selbst ein Boden zerstört oder ein Körper verletzt wird.

Sobald die Vorstellung jedoch in eine Tätigkeit übergeht, trifft sie auf die Verletzungswelt.

Meine Forschungskunst untersucht den Übergang zwischen beiden Welten.

Eigentum und Existenzbedingung

Eigentum ist eine gesellschaftliche Vereinbarung. Es regelt, wer über einen Gegenstand, ein Grundstück oder eine Ressource verfügen darf.

Aus der gesellschaftlichen Geltung des Eigentums folgt jedoch nicht, dass der Eigentümer den betreffenden Zusammenhang hervorgebracht hat.

Der Mensch kann ein Stück Boden besitzen. Er hat den Boden, seine Mineralien, seine Mikroorganismen, seine Wasserspeicherfähigkeit und seine langfristige Entstehung jedoch nicht geschaffen.

Er kann Wasserrechte erwerben, aber kein Wasser aus dem Eigentumsbegriff hervorbringen.

Die Erde und ihre Lebensbedingungen sind keine menschlichen Produkte. Sie können deshalb nicht in demselben Sinne Eigentum sein wie ein selbst hergestellter Gegenstand.

Die Verwechslung von Eigentum und Hervorbringung führt dazu, dass der Mensch existenzielle Voraussetzungen wie Waren behandelt. Er hält sich für berechtigt, über sie zu verfügen, weil er innerhalb seiner gesellschaftlichen Ordnung einen Preis gezahlt oder einen Titel erworben hat.

Meine Forderung „Natur ist der erste Eigentümer“ verweist auf diesen Widerspruch. Sie bedeutet nicht, dass Natur im menschlichen Rechtssinn Eigentümerin wäre. Sie macht sichtbar, dass jeder menschliche Eigentumsanspruch auf Bedingungen angewiesen bleibt, die der Mensch nicht hervorgebracht hat.

Preis und Qualität

Der Preis ist ein gesellschaftliches Vergleichsmittel. Er sagt zunächst aus, welchen Tauschwert eine Ware innerhalb eines Marktes besitzt.

Er sagt nicht notwendig etwas über ihre tatsächliche Qualität, ihre Lebensdauer, ihre Reparierbarkeit, ihren Ressourcenverbrauch oder ihre gesellschaftlichen und ökologischen Folgen aus.

Ein hoher Preis kann mit geringer materieller Qualität verbunden sein. Ein niedriger Preis kann dadurch entstehen, dass Kosten auf andere Menschen, andere Lebewesen oder zukünftige Generationen verlagert werden.

Die Formel „Alles hat seinen Preis“ ersetzt dadurch die Frage nach dem tatsächlichen Wert und den Existenzfolgen.

Qualität muss dagegen an Eigenschaften, Funktionen, Haltbarkeit, Verträglichkeit und Konsequenzen geprüft werden.

Meine Forschungskunst stellt dem Preis daher den handwerklichen Qualitäts- und Funktionsmaßstab gegenüber.

Technisches Können und Verfügungsmacht

Technisches Können beruht auf Lernen. Es setzt Kenntnisse über Material, Kräfte, Belastungen, Energie, Verfahren, Toleranzen und Fehler voraus.

Verfügungsmacht entsteht dagegen aus der gesellschaftlichen Möglichkeit, Technik einzusetzen, zu finanzieren, zu besitzen oder anzuordnen.

Beides ist nicht identisch.

Ein Mensch oder eine Institution kann über eine Technik verfügen, ohne ihre langfristigen Wirkungen zu verstehen. Eine technische Einzelleistung kann funktionieren, während ihre gesellschaftliche Anwendung einen größeren Zusammenhang zerstört.

Der Motor funktioniert. Das Fahrzeug fährt. Die industrielle Anlage produziert. Die digitale Plattform überträgt Daten. Damit ist jedoch noch nicht geprüft, welche Ressourcen verbraucht, welche Lebensräume verändert, welche Abhängigkeiten geschaffen und welche Folgen langfristig erzeugt werden.

Technisches Funktionieren ist deshalb noch keine umfassende Tragfähigkeit.

Die Verfügung über ein Instrument macht den Menschen nicht zum verantwortlichen Gestalter. Ebenso wie der Besitz einer Kamera den Knipser nicht automatisch zum Fotografen macht, macht technische Macht den Menschen nicht automatisch zum Kenner der Bedingungen, in die er eingreift.

Die Statement-Gesellschaft

Die Knipser-Pfuscher-Existenz findet ihre sprachliche Form in der Statement-Gesellschaft.

Das Statement ersetzt zunehmend die überprüfbare Tätigkeit. Unternehmen erklären sich für nachhaltig, Institutionen für offen, Menschen für authentisch und Politik für verantwortlich.

Entscheidend wird nicht mehr, was eine Tätigkeit tatsächlich bewirkt, sondern wie sie dargestellt und bezeichnet wird.

Das Statement erzeugt Geltung, ohne die entsprechende Tätigkeit leisten zu müssen. Es ermöglicht Haltung ohne Verantwortung und Identität ohne Prüfung.

Auch das Ich wird zum Statement. Der Mensch erklärt, wer er ist und wofür er steht, statt zu untersuchen, wodurch er lebt, welche Rollen er übernimmt und welche Folgen seine Tätigkeiten hervorbringen.

Die Forschungskunst muss deshalb nicht nur Gegenstände und Bilder prüfen. Sie muss die Differenz zwischen Aussage, Darstellung, Tätigkeit und Folge sichtbar machen.

Die Welt, die kein menschliches Kunstwerk ist

Aus meinem Kunstverständnis ergibt sich eine notwendige Grenze:

Nicht alles ist Kunst.

Die Erde, das Leben, die Atmosphäre, die Gewässer, die Stoffkreisläufe und die kosmischen Bedingungen waren bereits vorhanden, bevor der Mensch sie wahrnahm, benannte oder gestaltete.

Sie beruhen weder auf einer menschlichen Absicht noch auf einem menschlichen Entwurf.

Diese Welt kann zum Gegenstand menschlicher Kunst werden. Sie kann fotografiert, dargestellt, interpretiert, symbolisiert oder bearbeitet werden. Dadurch wird sie jedoch nicht selbst nachträglich zu einem menschlichen Kunstwerk.

Zum Kunstwerk werden zunächst die menschliche Wahrnehmung, Interpretation, Darstellung und Hervorbringung.

Die vorausliegende Welt bildet die Tragwirklichkeit, innerhalb derer der Mensch überhaupt leben, handeln und Kunst hervorbringen kann.

Der Mensch kann seine Umwelt darstellen und verändern. Er kann ihre Voraussetzungen aber nicht durch seine Begriffe, Preise, Rollen oder Eigentumsansprüche ersetzen.

Der Mensch als Künstler und Kunstwerk

Joseph Beuys’ Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ verweist auf das grundsätzliche menschliche Formungsvermögen.

Menschen gestalten Beziehungen, Gegenstände, Regeln, Institutionen, Technologien und gesellschaftliche Wirklichkeiten.

Als Joseph Beuys 1980 zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er damit den Kern meiner weiteren Arbeit.

Wenn jeder Mensch an der Formung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, muss auch jede Tätigkeit auf ihre Voraussetzungen und Folgen hin geprüft werden.

Der Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ darf nicht zu einer pauschalen Ermächtigung werden. Nicht jede Hervorbringung, Selbstdarstellung oder Tätigkeit ist bereits Kunst.

Jeder Mensch ist an Gestaltung beteiligt. Zur Kunst wird diese Gestaltung jedoch erst dann, wenn Wahrnehmung, Zweifel, Maß, Können, Vergleich, Prüfung, Korrektur und Verantwortung hinzukommen.

Zugleich ist der Mensch nicht nur Künstler. Er ist selbst ein fortwährend plastisch werdendes Kunstwerk innerhalb einer umfassenden Abhängigkeitswelt.

Er gestaltet und wird gestaltet.

Er wirkt auf seine Mitwelt ein und wird durch sie geformt.

Aus dieser Doppelstellung entsteht eine Verantwortung, die nicht am persönlichen Lebenswerk, an der eigenen Absicht oder an einer behaupteten Nichtzuständigkeit endet.

Werkgenese der Forschungskunst

Meine Forschungskunst ist nicht aus einer einzelnen Theorie entstanden. Sie entwickelte sich aus einer Folge praktischer Erfahrungen, Beobachtungen, Tätigkeiten und Werkzusammenhänge.

Naturbeobachtung und Kindheit

Meine frühen Erfahrungen in Einhaus bei Ratzeburg waren von Gartenarbeit, Landwirtschaft, Knicks, Mooren, Wasser, Bienen und Vögeln geprägt.

Ich erlebte Natur nicht als romantische Landschaft, sondern als Zusammenhang von Boden, Wasser, Jahreszeiten, Pflanzen, Tieren, Nahrung und menschlicher Tätigkeit.

An den Bienenvölkern meines Vaters konnte ich beobachten, wie aus begrenzten Einzelwahrnehmungen durch Austausch, Wiederholung und Rückkopplung eine kollektive Orientierungsfähigkeit entsteht.

Hier liegt eine frühe Grundlage meiner späteren Kollektiven Kreativität und der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.

Durch Ornithologie, Vogelbeobachtung und Fotografie lernte ich, Spuren und Veränderungen wahrzunehmen. Die Fotografie wurde zu einem Instrument, mit dem Zustände festgehalten und im zeitlichen Vergleich überprüft werden konnten.

Zugleich erlebte ich, wie Flurbereinigung, Entwässerung, chemische Mittel und technische Vereinfachung komplexe Lebensräume veränderten. Was innerhalb eines begrenzten Auftrags funktionierte, konnte innerhalb des umfassenderen Lebenszusammenhangs nicht funktionieren.

Maschinenschlosserausbildung und handwerklicher Maßstab

Von 1965 bis 1969 absolvierte ich eine Ausbildung zum Maschinenschlosser.

Dort lernte ich Maß, Passung, Toleranz, Belastung, Reibung, Werkstoffeigenschaften, Verschleiß, Funktionieren und Nichtfunktionieren als praktische Erkenntniskriterien kennen.

Ein Werkstück funktioniert nicht deshalb, weil der Hersteller seine Absicht überzeugend erklärt. Maße müssen stimmen, Materialien müssen geeignet sein und Verbindungen Belastungen aushalten.

Das Material antwortet unabhängig von der Selbstdarstellung seines Bearbeiters.

Diese Erfahrung wurde zum grundlegenden Maßstab meiner Forschungskunst.

Fotografie, Werbung und Wirklichkeitskonstruktion

Durch meine Tätigkeit als Fotograf, Fotojournalist und in der Werbung lernte ich zugleich die herstellende Macht der Darstellung kennen.

Bilder zeigen nicht einfach Wirklichkeit. Sie wählen Ausschnitte, verändern Perspektiven und verbinden Gegenstände mit Bedeutungen und Werten.

Ein Produkt wird mit Freiheit, Schönheit, Erfolg, Sicherheit oder Individualität verknüpft, obwohl diese Eigenschaften nicht im Gegenstand selbst enthalten sind.

Hier wurde die Verwechslung von materieller Eigenschaft und hineingedachter Eigenschaft sichtbar.

Der Unterschied zwischen Fotografieren und Knipsen wurde dadurch zu einem umfassenderen Kunst- und Menschenkriterium.

Experimentelle Umweltgestaltung

Während meines Studiums der Bildhauerei entwickelte ich 1975 den Ansatz der „Experimentellen Umweltgestaltung“.

Umwelt verstand ich als Milieu: als umfassenden Zusammenhang materieller, lebendiger, gesellschaftlicher und kultureller Abhängigkeiten.

Der Mensch steht diesem Zusammenhang nicht als unabhängiges Subjekt gegenüber. Er ist ein Bestandteil seiner Mitwelt, wird von ihr getragen und verändert sie durch seine Tätigkeiten.

Der Studien- und Arbeitsansatz war integrativ, interdisziplinär und generalistisch angelegt. Bildnerische, plastische, fotografische, handwerkliche, technische, darstellerische und gesellschaftliche Verfahren sollten nicht getrennt nebeneinanderstehen.

Sie sollten gemeinsam untersuchen, wie Vorstellungen in Tätigkeiten übergehen und welche Folgen diese Tätigkeiten innerhalb einer Abhängigkeitswelt erzeugen.

Strömungsforschung, Exzenter und Wellenmaschine

An der Wellenmaschine und meinen Strömungsversuchen wurde der Unterschied zwischen Zeichen, Vorstellung und tatsächlicher Funktion besonders deutlich.

Ein gezeichneter Kreis ist noch kein Exzenter. Ein dargestellter Wirbel wirbelt nicht. Erst eine technisch richtig hergestellte Versuchsanordnung erzeugt Bewegung, Widerstand, Überlagerung und Rückströmung.

Die Wellenmaschine bildete Natur nicht nur ab. Sie stellte Bedingungen her, unter denen das Material selbst auf einen technischen Impuls antwortete.

Das Werk wurde damit zum Prüfobjekt.

Vorgabebilder und Erwachsenenmalbücher

Meine Vorgabebilder und Erwachsenenmalbücher untersuchen das Verhältnis von Vorgabe, Gehorsam, Abweichung und eigener Gestaltung.

Der Rezipient erhält eine vorhandene Form. Er kann sie übernehmen, ausfüllen, verändern, überschreiben, zerstören oder verlassen.

Die Vorgabe wird dadurch selbst zum Gegenstand der Prüfung.

Eine weitere Methode besteht darin, der Spitze eines Kugelschreibers und der entstehenden Spur zu folgen. Dabei muss zunächst kein vorgegebenes Leistungsziel erreicht werden.

Der Mensch beobachtet Bewegung, Druck, Richtung, Rhythmus und die Entstehung einer Form.

Die künstlerische Tätigkeit beginnt nicht erst mit besonderer Begabung oder einem bewertbaren Ergebnis. Sie beginnt mit Aufmerksamkeit und dem Aufbau einer Beziehung zwischen Wahrnehmung, Werkzeug, Material und Spur.

Gesellschaftliche Versuchsanordnungen

Aus diesen Werkansätzen entwickelten sich Kollektive Kreativität, Demokratiewerkstätten, Grenzwerkstatt, Kunsthalle auf Zeit, Entelechie-Museum, Bürgerforum, Globales Dorffest und Partizipatorisches Welttheater.

Diese Projekte behandelten Gesellschaft nicht nur als Thema eines Kunstwerkes. Sie stellten Situationen her, in denen gesellschaftliche Rollen, Beteiligungsformen, Entscheidungsweisen und Wirklichkeitsentwürfe praktisch untersucht werden konnten.

Das Globale Dorffest mit seinen zahlreichen Tischen war beispielsweise nicht nur ein öffentliches Fest. Es war ein räumliches Modell für Austausch, Fragen, Antworten und die Verbindung begrenzter Erfahrungen.

Aus dem einzelnen Werk entwickelte sich ein sozialer und öffentlicher Prüfzusammenhang.

Die documenta-Bewerbungen als Werkspur

Meine früheren documenta-Bewerbungen dokumentieren verschiedene Entwicklungsstufen derselben Forschungskunst.

Sie reichen von Experimenteller Umweltgestaltung, Erwachsenenmalbüchern und Vorgabebildern über Rezeptionskunst, Entelechie-Museum, So-Heits-Gesellschaft und Partizipatorisches Welttheater bis zur Globalen Schwarm-Intelligenz.

Die Bewerbungen sind deshalb nicht als voneinander unabhängige Projekte zu betrachten. Sie bilden eine chronistische Werkspur.

Vom vorgegebenen Bild führte die Entwicklung zum beteiligten Rezipienten.

Vom beteiligten Rezipienten führte sie zum Mitgestalter.

Vom Mitgestalter führte sie zum Mitprüfenden.

Vom Mitprüfenden führt sie heute zum Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit.

Geburt, Abhängigkeit und die kretische Grundlinie

In mehreren früheren documenta-Konzeptionen spielte die weibliche und griechisch-kretische Grundlinie eine besondere Rolle.

Die Geburtshöhle, die Gebärmutter im Mittelpunkt der Welt, der Omphalus, das Labyrinth, der Ariadnefaden und die archetypische Hochzeit waren keine mythologischen Dekorationen.

Sie bildeten eine Erkenntnisstruktur.

Die Geburt zeigt, dass kein Mensch sich selbst hervorbringt. Jeder Mensch beginnt in vollständiger Abhängigkeit. Der Omphalus verweist auf die Nabelverbindung zu einer Herkunft, die der Einzelne nicht selbst geschaffen hat.

Der gläserne Astronaut bildete dazu ein Gegenbild. Er erscheint technisch überlegen, autonom und von seiner Umwelt getrennt. Tatsächlich ist er vollständig von Luft, Temperatur, Energie, Material und funktionierenden technischen Systemen abhängig.

Geburtshöhle und Astronaut zeigen zwei unterschiedliche Menschenbilder: den körperlich rückgebundenen Menschen und den technisch abgeschirmten Menschen, der seine Abhängigkeit nur mithilfe einer künstlichen Hülle verdrängen kann.

Diese Werkspur gehört zur Vorgeschichte der heutigen Diagnose der Knipser-Pfuscher-Existenz.

Forschungskunst als Prüfverfahren

Aus dieser Werkgenese sind verschiedene Prüfmodelle hervorgegangen. Sie bilden keinen abgeschlossenen wissenschaftlichen Apparat. Sie sind künstlerische Werkzeuge, mit denen Vorstellungen, Tätigkeiten und gesellschaftliche Systeme sichtbar, vergleichbar und korrigierbar gemacht werden können.

Funktionieren und Nichtfunktionieren

Das grundlegende Kriterium stammt aus Handwerk und Technik.

Eine Tätigkeit wird nicht allein danach beurteilt, was sie beabsichtigt oder behauptet. Sie muss daran geprüft werden, was sie tatsächlich bewirkt.

Was funktioniert innerhalb eines begrenzten technischen Auftrags?

Was funktioniert innerhalb eines Körpers oder Lebenszusammenhangs?

Was funktioniert kurzfristig, aber langfristig nicht?

Wer profitiert von einer Tätigkeit?

Wer oder was trägt ihre Folgen?

Das Funktionieren darf nicht auf die unmittelbare Leistung eines einzelnen Systems begrenzt werden. Es muss auf die umfassenderen Abhängigkeits- und Existenzbedingungen bezogen werden.

Das Vier-Ebenen-Modell

Das Vier-Ebenen-Modell ordnet die unterschiedlichen Wirklichkeitsbereiche, die der Mensch fortwährend miteinander verwechselt.

Erste Ebene: materielle und physikalische Bedingungen

Die erste Ebene umfasst Raum, Zeit, Energie, Schwerkraft, Wasser, Boden, Atmosphäre, Temperatur, Material, Kräfte und Widerstände.

Diese Bedingungen können durch menschliche Begriffe beschrieben und technisch genutzt, aber nicht durch gesellschaftliche Geltung außer Kraft gesetzt werden.

Zweite Ebene: Leben und Verletzbarkeit

Die zweite Ebene umfasst Körper, Stoffwechsel, Atmung, Ernährung, Fortpflanzung, Regeneration, Verletzbarkeit und die Abhängigkeiten lebendiger Systeme.

Hier entscheidet sich, ob eine Tätigkeit Leben trägt, schädigt oder zerstört.

Dritte Ebene: Symbol-, Rollen- und Geltungswelt

Die dritte Ebene umfasst Sprache, Eigentum, Geld, Markt, Recht, Institution, Status, Identität, Technikbilder und gesellschaftliche Rollen.

Diese Ebene ist vom Menschen hervorgebracht und für gesellschaftliche Zusammenarbeit unverzichtbar. Sie bleibt jedoch ein Entwurf, solange ihre Wirkungen nicht an die ersten beiden Ebenen zurückgebunden werden.

Vierte Ebene: öffentliche Prüfung und Reparatur

Die vierte Ebene bildet die notwendige öffentliche Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturebene.

Sie fragt, welche Folgen die Hervorbringungen der dritten Ebene für materielle und lebendige Zusammenhänge erzeugen.

Sie stellt die Verbindung zwischen Geltungswelt und Tragwirklichkeit wieder her.

Ohne diese vierte Ebene können gesellschaftliche Systeme ihre eigenen Behauptungen wiederholen, ohne ihre Wirkungen tatsächlich überprüfen zu müssen.

51:49 als plastische Minimalasymmetrie

Das Modell 51:49 bezeichnet eine plastische Minimalasymmetrie und einen Maßstab tragfähiger Rückkopplung.

Lebendige Zusammenhänge beruhen nicht auf vollständiger Gleichförmigkeit. Sie benötigen Unterschiede, Beweglichkeit, Spannung, Toleranz und die Möglichkeit zur Anpassung.

50:50 kann zu einem starren Gleichgewicht werden, in dem keine Bewegung mehr entsteht.

Die 100-Prozent-Logik versucht dagegen, vollständige Kontrolle, Perfektion und Eindeutigkeit herzustellen. Sie beseitigt Abweichungen, Toleranzen und Rückkopplungsräume.

51:49 steht für eine minimale Differenz, durch die Bewegung und Korrektur möglich bleiben. Es bezeichnet keine einfache mathematische Formel für alle Lebensprozesse, sondern ein plastisches Prüfbild.

Es fragt:

Lässt ein System Rückkopplung zu?

Besitzt es Toleranzräume?

Kann es auf Fehler reagieren?

Kann es sich verändern, ohne seine Tragfähigkeit zu verlieren?

Oder treibt es durch starre Optimierung auf einen Kipppunkt zu?

Plastik und Skulptur

Die deutsche Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur besitzt für meine Forschungskunst eine besondere Bedeutung.

Plastik bezeichnet das Formen, Modellieren, Hinzufügen, Verbinden und Einpassen. Sie verweist auf ein bewegliches Geschehen, das auf Material, Kräfte, Umgebung und Rückkopplung antwortet.

Skulptur bezeichnet zunächst das Abtragen, Abschlagen, Herausschneiden und Freilegen einer Form.

Beide Verfahren sind künstlerisch. Sie besitzen jedoch unterschiedliche Erkenntnisqualitäten.

Die Plastik dient mir als Modell eines offenen, abhängigen und fortwährend werdenden Menschen.

Die Skulptur kann zum Bild eines Selbstverständnisses werden, das Identität durch Abgrenzung, Abtragung und Festlegung herstellt.

Das plastische Ich-Bewusstsein erkennt, dass der Mensch in Beziehungen entsteht, durch seine Umwelt geformt wird und selbst auf sie zurückwirkt.

Das skulpturell oder strukturell verfestigte Ich-Bewusstsein behandelt gesellschaftliche Rollen, Begriffe und Identitäten dagegen leicht als feste Eigenschaften.

Die Unterscheidung soll im So-Heits-Atelier nicht nur sprachlich erklärt, sondern durch eigenes Formen, Verbinden, Abtragen und Vergleichen erfahren werden.

Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekundenmensch

Ein weiterer Vergleichsmaßstab ist die Übertragung der gesamten bisherigen Erdgeschichte auf eine 24-Stunden-Uhr.

Innerhalb dieses Maßstabes erscheint die menschliche Zivilisationszeit nur als ein äußerst kurzer Moment. Industrialisierung und digitale Beschleunigung werden zu einem kaum noch wahrnehmbaren Bruchteil dieser Zeit.

Der Millisekundenmensch greift in Böden, Klima, Atmosphäre, Meere und Lebenszusammenhänge ein, deren Entstehung Jahrtausende oder Millionen Jahre erforderte.

Er behandelt seine sehr kurze technische Eingriffsmacht wie eine umfassende Verfügungsmacht über das Ganze.

Das Instrument hält sich für den Dirigenten.

Die 24-Stunden-Uhr macht den Widerspruch zwischen der Kürze menschlicher Zivilisationszeit und der Reichweite menschlicher Eingriffe anschaulich und überprüfbar.

Die So-Heits-Gesellschaft

Die So-Heits-Gesellschaft bildet das gesellschaftliche Gegenmodell zur Knipser-Pfuscher-Existenz.

So-Heit bezeichnet die Rückbindung an das, was ein Mensch, ein Gegenstand oder ein Lebenszusammenhang in seinen tatsächlichen Eigenschaften, Bedürfnissen und Abhängigkeiten ist, bevor ihm Rollen, Preise, Werte, Eigentumsansprüche und Identitäten zugeschrieben werden.

Die So-Heits-Gesellschaft ist keine fertige Utopie und keine neue Weltanschauung, die allen Menschen vorgeschrieben werden soll.

Sie bezeichnet eine Gesellschaft, in der Menschen lernen, ihre Hervorbringungen an den Bedingungen zu prüfen, auf die sie treffen.

In ihr übernimmt der Mensch nicht nur bestehende Rollen, Regeln und Systeme. Er entwickelt das künstlerische Handwerkszeug, um diese Rollen und Systeme darzustellen, auf Abstand zu bringen, zu untersuchen und gegebenenfalls zu verändern.

Jeder Mensch soll sich als Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit annehmen können.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch professioneller Künstler werden muss. Es bedeutet, dass Wahrnehmung, Gestaltung, Zweifel, Maß, Prüfung, Korrektur und Verantwortung zu allgemeinen gesellschaftlichen Fähigkeiten werden.

Das So-Heits-Atelier

Für die documenta 16 schlage ich das So-Heits-Atelier als begehbare künstlerische und gesellschaftliche Versuchsanordnung vor.

Es verbindet Bühne, Atelier, Werkstatt, Lernraum, Archiv und digitale Prüfstation.

Die Besucher sollen nicht nur fertige Werke betrachten. Sie sollen die Methoden meiner Forschungskunst selbst anwenden und ihre eigenen Vorstellungen, Rollen und Tätigkeiten untersuchen können.

Bühne und Theater

Im Bühnenbereich können Wahrnehmungen, Träume, Alltagserfahrungen und gesellschaftliche Konflikte in Szenen übertragen werden.

Ein morgendlicher Traum kann beispielsweise zum Ausgangspunkt einer unmittelbaren Theaterszene werden. Andere Beteiligte übernehmen Rollen. Dadurch wird sichtbar, wie aus einer inneren Wahrnehmung eine Darstellung und aus Mitmenschen Darsteller einer neuen Inszenierung werden.

In Anlehnung an die Theaterformen Augusto Boals können Szenen unterbrochen, verändert und aus anderen Perspektiven erneut gespielt werden.

Die Beteiligten lernen, zwischen dem verletzbaren Menschen, dem Darsteller, seiner Rollenidentität, der Bühne, der Regie und der Requisitenwelt zu unterscheiden.

Das Theater wird damit zum Trainingsraum für gesellschaftliche Transparenz.

Bildnerische und plastische Tätigkeit

Im bildnerischen und plastischen Bereich können die Besucher mit einfachen Mitteln arbeiten.

Ein Bild kann in Sand entstehen, auf einer Schultafel gezeichnet, verändert und wieder gelöscht oder mit einem einfachen Kugelschreiber entwickelt werden.

Meine Erwachsenenmalbücher und Vorgabebilder stellen vorhandene Formen zur Verfügung. Die Beteiligten können diese übernehmen, ergänzen, überschreiben, verändern, zerstören oder verlassen.

Dadurch wird erfahrbar, wie Menschen mit Vorgaben umgehen und wann aus der Übernahme einer Form eine eigene Wahrnehmungs- und Gestaltungsleistung entsteht.

Handwerkliche Tätigkeit

Im Werkstattbereich können einfache Gegenstände hergestellt, verändert oder repariert werden.

Ein Tisch oder ein Stuhl macht Material, Maß, Passung, Widerstand, Werkzeuggebrauch, Zeitaufwand, Funktion und Reparierbarkeit unmittelbar erfahrbar.

Wer einen Gegenstand selbst herstellt, begegnet ihm anders als jemand, der ihn nur als fertige Ware kauft.

Die handwerkliche Tätigkeit schafft eine Distanz zum bloßen Konsumentendasein. Sie zeigt, welche Kenntnisse, Materialien, Tätigkeiten und Abhängigkeiten in einem scheinbar selbstverständlichen Gegenstand enthalten sind.

Digitale Prüfstationen

Monitore und Laptops verbinden das So-Heits-Atelier mit der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.

Die Besucher können Gegenstände, Begriffe, Rollen, Tätigkeiten, Theaterszenen oder gesellschaftliche Systeme mithilfe des Vier-Ebenen-Modells untersuchen.

Sie fragen:

Welche materiellen Voraussetzungen werden beansprucht?

Welche lebendigen Zusammenhänge werden berührt?

Welche Bedeutungen, Rollen oder Geltungsansprüche wurden hinzugefügt?

Welche Prüfung, Korrektur oder Reparatur ist notwendig?

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet die digitale Erweiterung und verbindende Infrastruktur meiner Forschungskunst.

Sie verbindet mein Werkarchiv, künstlerische Objekte, Bilder, Texte, Methoden, Prüfmodelle und Beteiligungsformen in einem offenen Verknüpfungsraum.

Der Begriff der Schwarmintelligenz geht für mich auf die frühe Erfahrung zurück, dass kein einzelnes Lebewesen und kein einzelner Mensch über die Wahrnehmung des Ganzen verfügt.

Erkenntnis entsteht nicht dadurch, dass ein Zentrum alles weiß. Sie entsteht durch die Verbindung begrenzter Wahrnehmungen, Erfahrungen und Fähigkeiten.

Diese Verbindung darf jedoch nicht in bloßer Addition bestehen. Beiträge müssen vergleichbar, nachvollziehbar und überprüfbar werden.

Die Plattform soll deshalb nicht nur Informationen sammeln. Sie soll eine öffentliche Prüf- und Rückkopplungstätigkeit ermöglichen.

Der Vergleich von Mensch und künstlicher Intelligenz

Eine einfache Frage wird zunächst von einem Menschen oder einer Gruppe anhand eines festgelegten Materials beantwortet.

Anschließend wird dieselbe Frage auf der Grundlage desselben Materials durch künstliche Intelligenz bearbeitet.

Beide Antworten werden danach auf Unterschiede, Ergänzungen, Auslassungen, Widersprüche, Begriffsverschiebungen und blinde Stellen hin verglichen.

Die künstliche Intelligenz dient nicht als Wahrheitsinstanz. Sie ist ein zusätzliches Spiegelungs-, Vergleichs- und Kontrollinstrument.

Auch ihre Ergebnisse müssen auf ihre Herkunft, ihre Begriffe, ihre Auswahl und ihre möglichen Verwechslungen geprüft werden.

Der Vergleich zeigt nicht nur Fehler der künstlichen Intelligenz. Er kann ebenso menschliche Gewohnheiten, Auslassungen und Vorurteile sichtbar machen.

Das interaktive Buch

Die Plattform soll ein Angebot an interaktiven Objekten, Bildern, Texten und Prüfverfahren bereitstellen, mit dem jeder Mensch sein eigenes interaktives Buch schaffen kann.

Dieses Buch ist kein abgeschlossenes Produkt. Es bildet eine fortsetzbare Spur des eigenen Wahrnehmens, Fragens, Gestaltens, Vergleichens und Korrigierens.

Die einzelnen Bücher können untereinander und mit dem gemeinsamen Werkarchiv verbunden werden.

Aus begrenzten Einzelwahrnehmungen entsteht dadurch kein zentral vorgeschriebenes Gesamtbild. Es entsteht ein wachsender Zusammenhang verschiedener Beiträge, die miteinander verglichen und überprüft werden können.

Das interaktive Buch überträgt damit die Methode der Kollektiven Kreativität in einen digitalen öffentlichen Raum.

Zwei Bereiche eines gemeinsamen Raumenvironments

Das Vorhaben für die documenta 16 verbindet zwei untrennbare Bereiche.

Der erste Bereich macht die mehr als fünfzigjährige Entstehung meiner Forschungskunst anhand ausgewählter Werke, Versuchsanordnungen, Aktionen, Kunsttagebücher, Beteiligungsprojekte und früherer documenta-Bewerbungen sichtbar.

Diese Werke sollen nicht als bloße Retrospektive präsentiert werden. Sie bilden eine chronistische Beweis- und Prüfspur.

Der zweite Bereich überführt die darin entwickelten Methoden in das gegenwärtige So-Heits-Atelier.

Die historische Werkentwicklung stellt die Objekte, Erfahrungen und Prüfmechanismen zur Verfügung. Das Atelier eröffnet den Raum, in dem die Besucher diese Forschungskunst selbst anwenden und weiterführen können.

Aus der Darstellung eines bislang kaum sichtbaren Lebenswerkes entsteht dadurch ein öffentlicher Forschungs-, Erfahrungs- und Handlungsraum.

Ziel des Vorhabens

Ziel ist es, den Menschen vom Knipser und Pfuscher zum Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit werden zu lassen.

Er soll nicht länger nur Rollen, Regeln, Produkte und technische Möglichkeiten übernehmen.

Er soll lernen, seine eigenen Vorstellungen darzustellen und auf Abstand zu bringen.

Er soll unterscheiden können zwischen Begriff und Wirklichkeit, Rolle und Mensch, Preis und Qualität, Eigentum und Existenzbedingung, technischem Können und gesellschaftlicher Verfügungsmacht.

Er soll erkennen, wodurch er existiert, von welchen Zusammenhängen er abhängig ist und welche Folgen seine Tätigkeiten hervorbringen.

Forschungskunst verspricht dabei keine endgültige Lösung. Sie stellt ein Handwerkszeug zur Verfügung.

Dieses Handwerkszeug besteht aus Wahrnehmung, Darstellung, Vergegenständlichung, Vergleich, Zweifel, Maß, Prüfung, Korrektur, Verantwortung und dem richtigen Loslassen zum richtigen Zeitpunkt.

Vorhandenes Material und Unterstützungsbedarf

Das künstlerische und inhaltliche Material für das Vorhaben ist in weiten Teilen vorhanden.

Dazu gehören Bilder, Plastiken, Fotografien, Collagen, Modelle, Versuchsanordnungen, Aktions- und Projektmaterialien, frühere documenta-Bewerbungen, mehr als sechshundert Kunsttagebücher sowie ein umfangreiches Foto-, Video- und Dokumentenarchiv.

Hinzu kommen die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“, das Vier-Ebenen-Modell, die Methodik des menschlichen und KI-gestützten Vergleichs und die Konzeption des interaktiven Buches.

Noch nicht vollständig realisiert ist die technische Infrastruktur, durch die jeder Beteiligte sein eigenes interaktives Buch erzeugen, bearbeiten und dauerhaft mit anderen Büchern und dem Archiv verknüpfen kann.

Hierfür benötige ich die Zusammenarbeit mit Universitäten, Hochschulen, Instituten, Programmierern, Gestaltern und weiteren fachkundigen Personen.

Mit 77 Jahren bin ich bei der Weiterführung und Fertigstellung meines Lebenswerkes weitgehend allein. Die meisten Mitglieder der Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ sind inzwischen verstorben und stehen mir nicht mehr zur Verfügung.

Darin liegt eine persönliche und strukturelle Paradoxie:

Ich habe eine Plattform mit dem Namen „Globale Schwarm-Intelligenz“ entwickelt und stehe bei ihrer Fertigstellung selbst ohne ein tragendes Kollektiv und ohne die notwendigen finanziellen und technischen Mittel da.

Schlussfolgerung

Der Mensch hat eine gesellschaftliche und technische Wirklichkeit hervorgebracht, die ihm Autonomie, Freiheit und Verfügungsmacht verspricht. Gleichzeitig zerstört er die Bedingungen, von denen seine tatsächliche Existenz abhängt.

Er ist zum Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz geworden, weil er gestaltet, ohne sein Handwerkszeug ausreichend zu beherrschen, und weil er seine Begriffe, Rollen und Systeme nicht an der Wirklichkeit überprüft, auf die sie treffen.

Die Forschungskunst setzt an diesem Widerspruch an.

Sie betrachtet die Menschheitsentwicklung selbst als einen nicht abgeschlossenen Kunstwerkprozess.

Dieser Prozess kann jedoch nur dann zu einem verantwortlichen Kunstwerkprozess werden, wenn der Mensch lernt, seine Hervorbringungen nach ihren materiellen und lebendigen Voraussetzungen sowie nach ihren tatsächlichen Folgen zu beurteilen.

Die documenta 16 könnte hierfür einen öffentlichen Raum schaffen.

Sie könnte mein mehr als fünfzigjähriges Lebenswerk nicht nur sichtbar machen, sondern seine Methoden als gesellschaftliche Tätigkeit zur Verfügung stellen.

Das So-Heits-Atelier und die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ verbinden dabei körperliche Erfahrung, künstlerische Darstellung, handwerkliche Prüfung, digitale Verknüpfung und öffentliche Rückkopplung.

Die entscheidende Frage lautet nicht nur:

Was ist Kunst?

Sie lautet zugleich:

Wie kann der Mensch lernen, sein eigenes Denken und Tätigwerden so wahrzunehmen, zu gestalten und zu überprüfen, dass er nicht länger die Bedingungen zerstört, durch die er überhaupt existieren kann?

Diese Anlage ist als zusammenhängende Hauptfassung aufgebaut. Wiederholungen aus dem Anschreiben wurden nur dort aufgenommen, wo sie für die Herleitung und Beweisführung notwendig sind......