17. Dinge-Welt, Selektionsproblem und Eigenschaftsverwechslung

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

17.1 Die Dinge-Welt als Herauslösung von Ausschnitten

Die Dinge-Welt bezeichnet im vorliegenden Zusammenhang nicht einfach die Tatsache, dass es Dinge gibt, sondern eine bestimmte Weise, Wirklichkeit zu ordnen. Gemeint ist die folgenreiche Operation, aus lebendigen Verhältniszusammenhängen einzelne Ausschnitte herauszulösen, sie zu fixieren, zu benennen und dann so zu behandeln, als seien diese Ausschnitte die eigentliche Wirklichkeit selbst. Damit wird ein Moment aus einem Prozess herausgenommen und als für sich stehendes Ding stabilisiert. Die Beziehung, aus der es hervorgegangen ist, tritt in den Hintergrund. Was in Wahrheit ein Übergang, ein Gefüge, ein Stoffwechselzusammenhang oder eine prozessuale Verdichtung ist, erscheint nun als isolierbarer Gegenstand.

Diese Operation ist zunächst nicht völlig falsch. Ohne Herauslösung, Benennung und Gegenständlichmachung könnte der Mensch viele praktische und theoretische Unterscheidungen gar nicht vornehmen. Problematisch wird die Dinge-Welt dort, wo diese Orientierungsleistung zur Grundontologie erhoben wird. Dann erscheint die Welt nicht mehr primär als Verhältnis, Bewegung, Rückwirkung und Stoffwechsel, sondern als Summe fertiger Dinge. Das Lebendige wird aus seiner Prozesshaftigkeit herausgelöst und in ein Inventar von Einheiten überführt. Gerade dadurch verliert die Wahrnehmung den Zugang zu Einbettung, Übergang, Grenzverhältnis und Tragfähigkeit.

Im Werkzusammenhang ist die Dinge-Welt deshalb eine zentrale Fehlform moderner Wirklichkeitsordnung. Sie ersetzt den naturgrammatischen Zusammenhang durch eine Welt fixierter Gegenstände. Aus Mitwelt wird Objektbestand. Aus Prozess wird Zustand. Aus Hervorbringung wird Vorhandenheit. Die Dinge-Welt stabilisiert so jene Entkopplung, in der der Mensch glaubt, über eine Welt von Gegenständen zu verfügen, statt sich als Teil eines lebendigen Beziehungsgefüges zu verstehen.

17.2 Das Selektionsproblem

Mit der Dinge-Welt hängt unmittelbar das Selektionsproblem zusammen. Selektion meint hier die Auswahl eines Ausschnitts aus einem größeren Wirklichkeitszusammenhang. Jede Wahrnehmung, jede Beschreibung, jede wissenschaftliche Bestimmung, jede politische Entscheidung und jede institutionelle Ordnung selektiert. Das ist unvermeidlich. Die Gefahr liegt nicht in der Auswahl selbst, sondern darin, dass die Selektivität unsichtbar wird. Dann erscheint das Herausgegriffene nicht mehr als Ausschnitt, sondern als das Ganze. Genau an diesem Punkt beginnt die Verfälschung.

Das Selektionsproblem besteht also darin, dass der Mensch dazu neigt, die eigenen Auswahloperationen zu vergessen. Er nimmt einen Teil, eine Perspektive, ein Merkmal, einen Zustand, eine Funktion, eine Rolle oder eine symbolische Setzung und behandelt sie so, als erschöpfe sie die Wirklichkeit. Dadurch wird das, was außerhalb des gewählten Ausschnitts bleibt, nicht nur ausgeblendet, sondern in seiner Relevanz oft entwertet. Was nicht im Fokus liegt, erscheint dann als nebensächlich, obwohl es für die Tragfähigkeit des Ganzen entscheidend sein kann.

Im Kontext der Plastischen Anthropologie 51:49 ist dies von besonderer Bedeutung. Moderne Symbolwelten arbeiten häufig mit hochselektiven Wirklichkeitsausschnitten: der Markt selektiert Leistung und Verwertung, das Recht selektiert Zurechenbarkeit und Form, die Eigentumslogik selektiert Verfügung, die Freiheitswelt selektiert Wahlmöglichkeit, die Dinge-Welt selektiert Vorhandenheit. In jedem Fall wird ein bestimmter Aspekt hervorgehoben und als Wirklichkeitskern behandelt. Das Selektionsproblem ist daher kein bloßer Wahrnehmungsfehler, sondern ein strukturierender Mechanismus moderner Entkopplung.

17.3 Hineingedachte und wirkliche Eigenschaften

Eine weitere zentrale Unterscheidung des Werkzusammenhangs betrifft die Differenz zwischen hineingedachten und wirklichen Eigenschaften. Wirkliche Eigenschaften sind solche, die aus Material, Organismus, Stoffwechsel, Grenze, Belastbarkeit, Rückkopplung und realer Funktionsweise hervorgehen. Sie zeigen sich nicht bloß im Begriff, sondern im Verhalten, in der Widerständigkeit, in der Tragfähigkeit und in den Konsequenzen. Hineingedachte Eigenschaften dagegen entstehen dadurch, dass dem Wirklichen Merkmale, Bedeutungen oder Geltungen zugeschrieben werden, die nicht aus seiner eigenen Funktionsweise hervorgehen, sondern aus symbolischer Deutung, kultureller Überlagerung, rechtlicher Setzung oder psychischer Projektion.

Diese Unterscheidung ist für Ihr Denken entscheidend, weil moderne Gesellschaften beständig mit hineingedachten Eigenschaften operieren und diese dann wie reale Eigenschaften behandeln. Ein Stück Boden ist dann nicht nur Boden, sondern Eigentum. Eine Person ist nicht nur lebender Organismus, sondern Rechtsträger. Ein Körper ist nicht nur verletzliches Stoffwechselgefüge, sondern Besitz. Eine Grenze ist nicht nur Übergang und Spannungsverhältnis, sondern absolute Linie. Ein Werk ist nicht nur Hervorbringung aus Material und Handlung, sondern Statusobjekt. In all diesen Fällen wird eine symbolische Eigenschaft auf etwas gelegt und dann so behandelt, als sei sie von derselben Wirklichkeitsart wie Gewicht, Durchlässigkeit, Erschöpfung, Regenerationsfähigkeit oder Verletzbarkeit.

Gerade deshalb ist die Unterscheidung zwischen hineingedachten und wirklichen Eigenschaften kein beiläufiges Detail, sondern ein Prüfstein des gesamten Modells. Sie entscheidet darüber, ob der Mensch noch unterscheiden kann zwischen dem, was etwas real ist und kann, und dem, was ihm nur zugeschrieben, zugesprochen oder hineingedeutet wurde. Wo diese Unterscheidung verloren geht, wird der Weg frei für Scheinwirklichkeiten mit hoher kultureller und institutioneller Macht.

17.4 Eigenschaftsverwechslung als Grundfehler der Moderne

Aus der eben genannten Differenz ergibt sich der Grundfehler der Moderne: die Eigenschaftsverwechslung. Gemeint ist die systematische Verwechslung von symbolisch gesetzten, kulturell eingeübten, rechtlich stabilisierten oder psychisch projizierten Eigenschaften mit realen, physikalischen, biologischen oder stoffwechselhaften Eigenschaften. Diese Verwechslung ist nicht bloß ein Missverständnis im Einzelfall, sondern eine Grundstruktur moderner Weltdeutung. Sie erlaubt es, dass Begriffe, Rechte, Werte, Identitäten, Eigentumstitel oder institutionelle Positionen den Rang realer Tatsachen gewinnen, obwohl sie nur sekundäre Setzungen sind.

Gerade dadurch wird die Symbolwelt übermächtig. Denn was als bloße Zuschreibung begonnen hat, erscheint nun wie Natur. Das Eigentum wirkt wie eine reale Beschaffenheit der Sache. Die Person wirkt wie eine stoffwechselhafte Grundtatsache. Die Autonomie wirkt wie eine Eigenschaft des Organismus. Die Freiheit erscheint wie eine von Bedingungen ablösbare Qualität des Ich. In Wahrheit handelt es sich um verschiedene Wirklichkeitsarten, die nicht ineinander überführt werden dürfen. Wird diese Differenz verwischt, dann verliert der Mensch das Maß für die tatsächliche Tragfähigkeit seiner Begriffe und Ordnungen.

Die Eigenschaftsverwechslung ist deshalb im Werkzusammenhang einer der tiefsten Diagnosepunkte. Sie erklärt, warum moderne Gesellschaften so oft an ihren eigenen Symbolwelten scheitern. Sie verwechseln Zuschreibung mit Realität, Geltung mit Funktion, Projektionskraft mit Lebensfähigkeit. Der Prüfmechanismus muss daher immer wieder die Frage stellen: Handelt es sich hier um eine wirkliche Eigenschaft oder um eine hineingedachte Eigenschaft? Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob eine Ordnung noch referenzfähig ist oder bereits in der Scheinwirklichkeit lebt.

17.5 Scheinwirklichkeit durch begriffliche Fixierung

Die Dinge-Welt, das Selektionsproblem und die Eigenschaftsverwechslung laufen schließlich in einer gemeinsamen Folge zusammen: der Erzeugung von Scheinwirklichkeit durch begriffliche Fixierung. Begriffliche Fixierung bedeutet, dass ein ausgewählter Ausschnitt der Wirklichkeit in einem Begriff festgehalten und dann so behandelt wird, als sei mit dieser Fixierung das Wirkliche selbst bereits angemessen erfasst. Der Begriff gewinnt dadurch eine Härte und Geschlossenheit, die der Prozesshaftigkeit des Lebens nicht entspricht. Was beweglich, abhängig, verletzlich, mehrdeutig und rückkopplungsgebunden ist, erscheint nun als fest, abschließend bestimmt und begrifflich gesichert.

Genau hier entsteht Scheinwirklichkeit. Sie ist nicht einfach erfunden, sondern halb wirklich, halb überblendet. Sie lebt davon, dass reale Ausschnitte, wirkliche Eigenschaften und funktionale Unterschiede mit symbolischen Setzungen verschmolzen werden. Dadurch wird der Eindruck erzeugt, man habe es mit einer einzigen, einheitlichen Wirklichkeit zu tun, obwohl in Wahrheit sehr verschiedene Ebenen und Wirklichkeitsarten miteinander vermischt werden. Die begriffliche Fixierung erzeugt damit eine Oberfläche der Evidenz. Etwas scheint klar, selbstverständlich und entschieden, gerade weil der Prozess seines Zustandekommens, seine Selektivität und seine Bedingtheit ausgeblendet wurden.

Für die Plastische Anthropologie 51:49 ist dies einer der Hauptgründe, warum eine reine Begriffskritik nicht ausreicht. Begriffe müssen nicht nur logisch geprüft, sondern an Naturgrammatik, Stoffwechsel, Grenze, Tragfähigkeit und Rückkopplung zurückgebunden werden. Erst dadurch lässt sich unterscheiden, wo ein Begriff noch an lebendige Anschauung gebunden ist und wo er bereits Scheinwirklichkeit stabilisiert. Die begriffliche Fixierung ist also nicht bloß ein sprachliches Problem, sondern eine zivilisatorische Gefahr. Sie macht aus Ausschnitten Ganze, aus Zuschreibungen Tatsachen und aus Symbolwelten scheinbar reale Ordnungen. Genau deshalb gehört ihre Kritik in den Kern des Werk-Ankers.