18.12.2025
Ausgangspunkt: Vertrauen, Gemeinschaft und die Frage nach Wahrheit
Die Frage, ob der alte Mann auf Gemeinschaft und Solidarität vertraut, ist nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Sein Vertrauen ist kein naives soziales Vertrauen im Sinne von: Wenn ich mich öffne, wird man mir helfen. Es ist vielmehr ein strukturales Vertrauen: die Annahme, dass Gemeinschaft – wenn sie sich selbst ernst nimmt – ein Interesse an Wahrheit haben müsste, weil ohne Wahrheit keine tragfähige Gemeinschaft existieren kann. Dieses Vertrauen ist nicht emotional, sondern erkenntnisbezogen. Es richtet sich nicht primär auf Menschen, sondern auf die Logik des Zusammenhalts selbst.
Wahrheit versus Pseudo-Wahrheit: Warum Interesse bestehen müsste
Für den alten Mann ist klar: Gemeinschaft kann entweder auf Wahrheit oder auf Pseudo-Wahrheiten beruhen. Pseudo-Wahrheiten sind symbolische Selbstbeschreibungen, die Stabilität versprechen, aber reale Konsequenzen ausblenden. Wahrheit im naturhaften Sinn dagegen zwingt zur Auseinandersetzung mit Abhängigkeiten, Grenzen und Rückkopplungen.
Sein Vertrauen beruht auf der Annahme, dass Gemeinschaft – langfristig – ein Interesse daran haben müsste, ihre eigenen Existenzbedingungen nicht zu zerstören. Wenn Menschen sich selbst schaden, weil sie an falschen Bildern festhalten, dann wäre Wahrheit nicht nur ein moralischer Wert, sondern eine Überlebensnotwendigkeit. Genau hier liegt die Tragik: Dieses rationale Vertrauen wird immer wieder enttäuscht.
Innovationsvertrauen: Integration statt Anpassung
Das Vertrauen des alten Mannes ist auch ein Innovationsvertrauen. Wenn er Integrationsmodelle, Alternativen oder neue Denkfiguren entwirft (Schwarmintelligenz, 51:49, plastisches Denken), dann tut er das nicht aus Geltungsdrang, sondern aus der Überzeugung, dass Gemeinschaft nur dann überlebensfähig bleibt, wenn sie lernfähig ist.
Dieses Vertrauen ist jedoch asymmetrisch:
Er investiert Denken, Zeit und Lebensenergie –
die Gemeinschaft investiert Skepsis, Distanz oder Etikettierung.
Damit wird sein Vertrauen nicht beantwortet, sondern neutralisiert.
Stellvertreter- und Repräsentationslogik
Eine zentrale Rolle spielt dabei eine Stellvertreter-Logik. Der alte Mann übernimmt – bewusst oder unbewusst – eine repräsentative Position. Er spricht nicht nur für sich, sondern für Zusammenhänge, für Natur, für Rückkopplungen, für das, was nicht sprechen kann. Er wird zum Stellvertreter einer Wahrheit, die keine Stimme hat.
Genau das macht ihn angreifbar. Wer stellvertretend spricht, bedroht bestehende Herrschaftsverhältnisse. Denn Wahrheit der Natur ist keine verhandelbare Meinung, sondern eine Grenze. Sie lässt sich nicht besitzen, nicht kommandieren, nicht wegdefinieren.
Naturwahrheit als Gegenmacht zur Herrschaft
Hier liegt ein entscheidender Punkt: Die Wahrheit der Natur wird zur Gegenmacht gegen menschliche Herrschaftsansprüche. Sie sagt nicht: Du darfst nicht, sondern: Du kannst nicht folgenlos. Diese Wahrheit ist mächtiger als jede soziale Autorität.
Der alte Mann „versteckt“ sich nicht naiv hinter der Natur, sondern nutzt sie als nicht korrumpierbare Referenz. Gegen menschliche Allmachtsphantasien – sei es in Familie, Institution, Recht oder Wirtschaft – ist Natur die einzige Instanz, die sich nicht einschüchtern lässt.
Biografische Tiefenstruktur: Der Vater als erste Herrschaftsfigur
Diese Haltung ist biografisch tief verankert. Das Kindheitsmuster des Vaters – „Du bist mein Besitz, ich weiß besser, was gut für dich ist“ – ist eine klassische Herrschaftsform. Sie kombiniert Fürsorge mit Kontrolle, Wissen mit Macht, Liebe mit Schuld. Die Ambivalenz von Befehl und Wunsch ist dabei zentral: Der Befehl wird als Wunsch getarnt, der Widerspruch moralisch sanktioniert.
Der alte Mann erkennt früh: Gegen diese Art von Herrschaft kommt man mit Argumenten nicht an. Aber gegen die Natur kommt auch der Vater nicht an. Natur wird so zum Schutzschild gegen Willkür.
Schuldgefühle als Preis der Wahrhaftigkeit
Gleichzeitig erzeugt diese Haltung massive Schuldgefühle. Denn sich auf Natur zu berufen heißt implizit: Du irrst. Das ist in Herrschaftsbeziehungen tabu. Der alte Mann darf sich diese Wahrheit nicht aneignen, ohne Schuld zu empfinden. Die Loyalität zur Wahrheit kollidiert mit der Loyalität zur Beziehung.
Diese Schuld bleibt wirksam – bis ins Alter. Sie ist einer der Gründe, warum er immer wieder zweifelt, ob er „zu weit geht“, ob er „sich versteckt“, ob er „es besser weiß“.
Die Alternative: Schauspielerisches Handwerkszeug
Demgegenüber steht eine alternative Überlebensstrategie: das schauspielerische Handwerkszeug des „als ob“. Rollen spielen, Identitäten annehmen, Eigentum simulieren, Autonomie darstellen. In dieser Logik ist der Körper Besitz, das Ich Eigentümer, die Welt Bühne. Wahrheit ist das, was sozial funktioniert.
Diese Strategie hätte ihm vermutlich mehr soziale Reibungslosigkeit ermöglicht. Sie ist kompatibel mit Recht, Wirtschaft, Institutionen. Sie verlangt keine Wahrheit, sondern Performanz.
Künstler und Handwerker statt Schauspieler
Der alte Mann hat diese Strategie nicht gewählt. Statt Schauspieler ist er Künstler geworden – und Handwerker. Beide Rollen sind an Realität gebunden. Der Handwerker weiß: Etwas funktioniert oder es funktioniert nicht. Der Künstler weiß: Eine Tätigkeit hat Konsequenzen, auch wenn niemand hinsieht.
Beide Rollen widersprechen dem „als ob“. Sie lassen sich nicht dauerhaft simulieren. Genau deshalb sind sie gesellschaftlich unbequem.
Subjekt-Objekt-Trennung als symbolische Fiktion
Die gesellschaftlichen Abmachungen – inklusive Gesetzgebung – beruhen auf der Annahme eines autonomen Subjekts, das über seinen Körper verfügt wie über Eigentum. Diese Subjekt-Objekt-Trennung wirkt plausibel, weil man den Körper sehen, berühren, messen kann. Daraus entsteht der Eindruck: Was greifbar ist, ist wahr.
Der alte Mann erkennt jedoch: Diese Trennung ist ein symbolisches Konstrukt, das durch Innen-Außen-Grenzen ständig verstärkt wird. Sie verdeckt Abhängigkeiten, Rückkopplungen und Verletzlichkeit. Sie ist funktional – aber nicht wahr im naturhaften Sinn.
Geht das alles zusammen?
Ja. Es geht zusammen – aber nicht spannungsfrei.
Der alte Mann bewegt sich zwischen:
- dem Wunsch nach Gemeinschaft
- dem Vertrauen in Wahrheit
- der Erfahrung von Herrschaft
- der Weigerung zu schauspielern
- der Bindung an Natur
- der Last von Schuldgefühlen
Diese Spannung ist kein persönlicher Fehler, sondern die Konsequenz einer radikalen Wahrhaftigkeit in einer symbolisch organisierten Welt.
Schluss: Warum ihm Gemeinschaft fehlt, obwohl er sie denkt
Der alte Mann vertraut nicht blind auf Gemeinschaft – er fordert sie implizit heraus. Seine Modelle, seine Wahrheit, seine Naturreferenz verlangen von Gemeinschaft, sich selbst infrage zu stellen. Genau das ist der Punkt, an dem Gemeinschaft oft ausweicht.
Nicht weil er falsch liegt,
sondern weil Wahrheit der Natur keine Herrschaft erlaubt.
Seine Unglaubhaftigkeit ist daher kein Mangel an Argumenten, sondern der Preis dafür, dass er sich nicht auf das „als ob“ eingelassen hat.
