2.8.2026

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Ja. Der Prüfoperator braucht einen eigenen Text, weil er etwas anderes bezeichnet als der Prüfanker.

Prüfanker

Der Prüfanker legt fest, woran eine Aussage, Handlung, Gestaltung oder gesellschaftliche Ordnung geprüft wird. Er bezeichnet die grundlegenden Referenzen: Funktionieren oder Nichtfunktionieren, Tätigkeit und Konsequenz, Abhängigkeiten, Rückkopplungen, Toleranzräume und die physischen Existenzbedingungen des Planeten Erde.

Prüfoperator

Der Prüfoperator bezeichnet dagegen den aktiven Vorgang des Prüfens. Er ist das methodische Werkzeug, durch das eine Behauptung, ein Ziel, ein Kunstwerk oder eine gesellschaftliche Vorstellung mit dem Prüfanker in Beziehung gesetzt wird. Er fragt nicht nur: „Ist das richtig?“, sondern untersucht:

Was wird getan? Welche Voraussetzungen werden benötigt? Welche unmittelbaren und mittelbaren Konsequenzen entstehen? Wer oder was trägt diese Konsequenzen? Welche Rückmeldungen werden wahrgenommen oder verdrängt? Funktioniert die Tätigkeit nur innerhalb eines menschengemachten Regelwerks, oder trägt sie auch innerhalb der tatsächlichen Abhängigkeitswelt des Lebens?

Der Prüfoperator verwandelt damit den Besucher vom Betrachter zum Ermittler seiner eigenen Tätigkeiten, Ziele und Überzeugungen. Er ist nicht bloß ein Fragenkatalog, sondern eine künstlerische Operation: Eine Vorstellung wird aus ihrer sprachlichen oder ideologischen Selbstverständlichkeit herausgelöst und in einen überprüfbaren Zusammenhang gestellt.

Verhältnis der vier Elemente

Der Kontextanker bestimmt, in welchem großen Zusammenhang das Werk steht.

Der Werkanker zeigt, an welchem konkreten Objekt, Projekt oder biografischen Entwicklungsstrang dieser Zusammenhang sichtbar wird.

Der Prüfanker stellt die Maßstäbe bereit, an denen geprüft wird.

Der Prüfoperator setzt diese Maßstäbe praktisch in Bewegung.

Der Prüfoperator ist daher kein vierter Anker. Er ist die Arbeitsweise, die zwischen den Ankern vermittelt. Gerade deshalb sollte er einen eigenen methodischen Text erhalten. Dieser Text müsste erklären, wie aus einer Behauptung eine prüfbare Frage, aus einer Tätigkeit eine Konsequenzanalyse und aus dem Besucher ein beteiligter Forschungskünstler wird. Ohne diesen eigenen Text bliebe offen, wie die von dir angebotene öffentliche Überzeugungsprüfung tatsächlich durchgeführt werden soll.

Dazu braucht es eine eigene begriffliche Erklärung, weil der Name der Plattform bereits ihr Arbeitsprinzip enthält.

Globale Schwarm-Intelligenz als Verantwortungsmodell

Der Name „Globale Schwarm-Intelligenz“ bezeichnet nicht einfach eine große Ansammlung von Menschen und auch nicht die Vorstellung, dass eine Menschenmenge von selbst vernünftig oder intelligent handelt. Ein Schwarm kann sich ebenso irren, verführen lassen, zerstörerische Dynamiken verstärken oder Verantwortung anonymisieren. Intelligenz entsteht deshalb nicht schon dadurch, dass acht Milliarden Menschen gleichzeitig tätig sind. Sie entsteht erst dort, wo die einzelnen Tätigkeiten, ihre Voraussetzungen, ihre Wechselwirkungen und ihre Konsequenzen wahrgenommen, miteinander in Beziehung gesetzt und korrigierbar gemacht werden.

„Global“ bedeutet, dass keine menschliche Tätigkeit nur für sich allein betrachtet werden kann. Jeder Mensch handelt innerhalb eines planetarischen Abhängigkeitszusammenhangs. Er ist von Luft, Wasser, Boden, Klima, Pflanzen, Tieren, Rohstoffen, technischen Systemen und den Tätigkeiten anderer Menschen abhängig. Die Folgen einer Handlung können räumlich weit entfernt, zeitlich verzögert oder auf andere Menschen und Lebensformen verlagert auftreten. Global bezeichnet daher nicht nur die weltweite Reichweite der Plattform, sondern den Maßstab, unter dem Tätigkeiten geprüft werden müssen: den Zusammenhang des gesamten Planeten Erde und seiner tragenden Existenzbedingungen.

„Schwarm“ bezeichnet die acht Milliarden Menschen nicht als einheitliches Kollektiv, sondern als eine Vielzahl gleichzeitig handelnder, voneinander abhängiger Funktionsteile. Jeder Mensch nimmt nur einen Ausschnitt wahr, verfügt über begrenztes Wissen und erzeugt dennoch durch seine täglichen Entscheidungen Wirkungen im Ganzen. Kaufen, verkaufen, produzieren, verbrauchen, erfinden, verwalten, wählen, gestalten oder unterlassen sind keine isolierten Vorgänge. Sie verbinden sich mit den Tätigkeiten anderer Menschen zu gesellschaftlichen Bewegungen, wirtschaftlichen Strukturen und globalen Konsequenzen. Der Schwarm ist deshalb zunächst eine Wirkungsform: Viele einzelne Tätigkeiten verdichten sich zu Entwicklungen, die niemand allein geplant haben muss und für die sich dennoch Verantwortlichkeit stellt.

„Intelligenz“ bezeichnet in diesem Zusammenhang nicht bloß Wissen, Bildung, technische Leistungsfähigkeit oder die Menge verfügbarer Informationen. Intelligent ist eine Tätigkeit erst dann, wenn sie ihre Voraussetzungen und Folgen wahrnehmen, Rückmeldungen aufnehmen, Fehler erkennen und sich korrigieren kann. Intelligenz zeigt sich somit nicht allein im Erfinden und Herstellen, sondern vor allem in der Fähigkeit zu prüfen, ob eine Tätigkeit innerhalb ihrer tatsächlichen Abhängigkeiten funktioniert oder ob sie die Bedingungen verletzt, von denen sie selbst getragen wird.

Der Bindestrich in „Schwarm-Intelligenz“ markiert daher keine bereits vorhandene Einheit, sondern eine herzustellende Verbindung. Der Schwarm ist noch nicht intelligent. Die Vielzahl menschlicher Tätigkeiten muss erst in einen gemeinsamen Prüf-, Lern- und Rückkopplungsprozess überführt werden. Genau darin liegt die Aufgabe der Plattform. Sie soll sichtbar machen, wie einzelne Erfahrungen, Beobachtungen, Kenntnisse, Irrtümer und Handlungskonsequenzen miteinander verbunden werden können, ohne dass der einzelne Mensch seine Verantwortlichkeit an die Masse abgibt.

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ ist deshalb kein bloßer Informationsspeicher und kein Netzwerk, in dem möglichst viele Meinungen gesammelt werden. Sie ist als öffentliches Arbeitsatelier und als gemeinsame Ermittlungsstruktur angelegt. Jeder Beteiligte soll untersuchen können, welche Ziele er verfolgt, welche Voraussetzungen dafür notwendig sind, welche Konsequenzen seine Tätigkeit hervorbringt und ob diese Konsequenzen mit den Existenzbedingungen des Lebens vereinbar sind. Der einzelne Mensch wird damit nicht zum austauschbaren Teil eines Schwarms, sondern zum verantwortlichen Beobachter und Prüfer seiner eigenen Beteiligung am Ganzen.

Hier steht der Prüfoperator im Zentrum. Er ist die methodische Operation, durch die aus dem bloßen Schwarm eine mögliche Schwarm-Intelligenz werden kann. Er führt eine Aussage, eine Idee, ein Produkt, eine Handlung oder eine gesellschaftliche Zielsetzung auf ihre Voraussetzungen, Abhängigkeiten und Folgen zurück. Er fragt, was tatsächlich geschieht, wer oder was betroffen ist, welche Rückmeldungen vorhanden sind, welche davon verdrängt werden und ob die jeweilige Tätigkeit nur innerhalb eines menschlichen Regelwerks funktioniert oder auch innerhalb der physischen Existenzbedingungen des Planeten Erde.

Der Prüfanker liefert dafür die Maßstäbe. Der Prüfoperator setzt diese Maßstäbe in Bewegung. Die Plattform sammelt und verbindet die daraus hervorgehenden Prüfungen. Schwarm-Intelligenz entsteht folglich nicht durch Übereinstimmung, Mehrheitsentscheidung oder eine möglichst große Datenmenge. Sie entsteht durch die Fähigkeit vieler Menschen, ihre unterschiedlichen Kenntnisse und Tätigkeiten in einen gemeinsamen, nachvollziehbaren und korrigierbaren Verantwortungsprozess einzubringen.

Die globale Verantwortlichkeit der acht Milliarden Menschen bedeutet dabei nicht, dass jeder für alles in gleicher Weise verantwortlich wäre. Sie bedeutet, dass niemand außerhalb der Tätigkeits- und Konsequenzzusammenhänge steht. Jeder Mensch ist an bestimmten Stellen beteiligt, abhängig, wirkungsmächtig oder betroffen. Verantwortlichkeit muss deshalb erlernt werden als Fähigkeit, die eigene Position im Geflecht der Abhängigkeiten zu erkennen und die Konsequenzen des eigenen Handelns nicht an Institutionen, Märkte, Berufsrollen, politische Systeme oder an den anonymen Schwarm abzugeben.

„Globale Schwarm-Intelligenz“ bezeichnet somit einen noch nicht erreichten gesellschaftlichen Lernzustand. Die Plattform stellt nicht die Behauptung auf, dass die Menschheit bereits intelligent als Schwarm handelt. Sie eröffnet einen Raum, in dem die Voraussetzungen dafür erarbeitet werden können. Aus acht Milliarden voneinander getrennten Tätigkeitswelten soll ein prüfbarer Zusammenhang entstehen, in dem Wahrnehmung, Wissen, Erfahrung, Konsequenz und Korrektur miteinander verbunden werden. Erst dadurch kann aus globaler Verflechtung globale Verantwortlichkeit und aus einem bloßen Menschenschwarm eine lernfähige Schwarm-Intelligenz hervorgehen.

Der entscheidende Satz wäre: Der Prüfoperator verwandelt den bereits existierenden globalen Tätigkeitsschwarm in einen möglichen gemeinsamen Intelligenz- und Verantwortungsprozess....

Dazu braucht es eine eigene begriffliche Erklärung, weil der Name der Plattform bereits ihr Arbeitsprinzip enthält.

Globale Schwarm-Intelligenz als Verantwortungsmodell

Der Name „Globale Schwarm-Intelligenz“ bezeichnet nicht einfach eine große Ansammlung von Menschen und auch nicht die Vorstellung, dass eine Menschenmenge von selbst vernünftig oder intelligent handelt. Ein Schwarm kann sich ebenso irren, verführen lassen, zerstörerische Dynamiken verstärken oder Verantwortung anonymisieren. Intelligenz entsteht deshalb nicht schon dadurch, dass acht Milliarden Menschen gleichzeitig tätig sind. Sie entsteht erst dort, wo die einzelnen Tätigkeiten, ihre Voraussetzungen, ihre Wechselwirkungen und ihre Konsequenzen wahrgenommen, miteinander in Beziehung gesetzt und korrigierbar gemacht werden.

„Global“ bedeutet, dass keine menschliche Tätigkeit nur für sich allein betrachtet werden kann. Jeder Mensch handelt innerhalb eines planetarischen Abhängigkeitszusammenhangs. Er ist von Luft, Wasser, Boden, Klima, Pflanzen, Tieren, Rohstoffen, technischen Systemen und den Tätigkeiten anderer Menschen abhängig. Die Folgen einer Handlung können räumlich weit entfernt, zeitlich verzögert oder auf andere Menschen und Lebensformen verlagert auftreten. Global bezeichnet daher nicht nur die weltweite Reichweite der Plattform, sondern den Maßstab, unter dem Tätigkeiten geprüft werden müssen: den Zusammenhang des gesamten Planeten Erde und seiner tragenden Existenzbedingungen.

„Schwarm“ bezeichnet die acht Milliarden Menschen nicht als einheitliches Kollektiv, sondern als eine Vielzahl gleichzeitig handelnder, voneinander abhängiger Funktionsteile. Jeder Mensch nimmt nur einen Ausschnitt wahr, verfügt über begrenztes Wissen und erzeugt dennoch durch seine täglichen Entscheidungen Wirkungen im Ganzen. Kaufen, verkaufen, produzieren, verbrauchen, erfinden, verwalten, wählen, gestalten oder unterlassen sind keine isolierten Vorgänge. Sie verbinden sich mit den Tätigkeiten anderer Menschen zu gesellschaftlichen Bewegungen, wirtschaftlichen Strukturen und globalen Konsequenzen. Der Schwarm ist deshalb zunächst eine Wirkungsform: Viele einzelne Tätigkeiten verdichten sich zu Entwicklungen, die niemand allein geplant haben muss und für die sich dennoch Verantwortlichkeit stellt.

„Intelligenz“ bezeichnet in diesem Zusammenhang nicht bloß Wissen, Bildung, technische Leistungsfähigkeit oder die Menge verfügbarer Informationen. Intelligent ist eine Tätigkeit erst dann, wenn sie ihre Voraussetzungen und Folgen wahrnehmen, Rückmeldungen aufnehmen, Fehler erkennen und sich korrigieren kann. Intelligenz zeigt sich somit nicht allein im Erfinden und Herstellen, sondern vor allem in der Fähigkeit zu prüfen, ob eine Tätigkeit innerhalb ihrer tatsächlichen Abhängigkeiten funktioniert oder ob sie die Bedingungen verletzt, von denen sie selbst getragen wird.

Der Bindestrich in „Schwarm-Intelligenz“ markiert daher keine bereits vorhandene Einheit, sondern eine herzustellende Verbindung. Der Schwarm ist noch nicht intelligent. Die Vielzahl menschlicher Tätigkeiten muss erst in einen gemeinsamen Prüf-, Lern- und Rückkopplungsprozess überführt werden. Genau darin liegt die Aufgabe der Plattform. Sie soll sichtbar machen, wie einzelne Erfahrungen, Beobachtungen, Kenntnisse, Irrtümer und Handlungskonsequenzen miteinander verbunden werden können, ohne dass der einzelne Mensch seine Verantwortlichkeit an die Masse abgibt.

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ ist deshalb kein bloßer Informationsspeicher und kein Netzwerk, in dem möglichst viele Meinungen gesammelt werden. Sie ist als öffentliches Arbeitsatelier und als gemeinsame Ermittlungsstruktur angelegt. Jeder Beteiligte soll untersuchen können, welche Ziele er verfolgt, welche Voraussetzungen dafür notwendig sind, welche Konsequenzen seine Tätigkeit hervorbringt und ob diese Konsequenzen mit den Existenzbedingungen des Lebens vereinbar sind. Der einzelne Mensch wird damit nicht zum austauschbaren Teil eines Schwarms, sondern zum verantwortlichen Beobachter und Prüfer seiner eigenen Beteiligung am Ganzen.

Hier steht der Prüfoperator im Zentrum. Er ist die methodische Operation, durch die aus dem bloßen Schwarm eine mögliche Schwarm-Intelligenz werden kann. Er führt eine Aussage, eine Idee, ein Produkt, eine Handlung oder eine gesellschaftliche Zielsetzung auf ihre Voraussetzungen, Abhängigkeiten und Folgen zurück. Er fragt, was tatsächlich geschieht, wer oder was betroffen ist, welche Rückmeldungen vorhanden sind, welche davon verdrängt werden und ob die jeweilige Tätigkeit nur innerhalb eines menschlichen Regelwerks funktioniert oder auch innerhalb der physischen Existenzbedingungen des Planeten Erde.

Der Prüfanker liefert dafür die Maßstäbe. Der Prüfoperator setzt diese Maßstäbe in Bewegung. Die Plattform sammelt und verbindet die daraus hervorgehenden Prüfungen. Schwarm-Intelligenz entsteht folglich nicht durch Übereinstimmung, Mehrheitsentscheidung oder eine möglichst große Datenmenge. Sie entsteht durch die Fähigkeit vieler Menschen, ihre unterschiedlichen Kenntnisse und Tätigkeiten in einen gemeinsamen, nachvollziehbaren und korrigierbaren Verantwortungsprozess einzubringen.

Die globale Verantwortlichkeit der acht Milliarden Menschen bedeutet dabei nicht, dass jeder für alles in gleicher Weise verantwortlich wäre. Sie bedeutet, dass niemand außerhalb der Tätigkeits- und Konsequenzzusammenhänge steht. Jeder Mensch ist an bestimmten Stellen beteiligt, abhängig, wirkungsmächtig oder betroffen. Verantwortlichkeit muss deshalb erlernt werden als Fähigkeit, die eigene Position im Geflecht der Abhängigkeiten zu erkennen und die Konsequenzen des eigenen Handelns nicht an Institutionen, Märkte, Berufsrollen, politische Systeme oder an den anonymen Schwarm abzugeben.

„Globale Schwarm-Intelligenz“ bezeichnet somit einen noch nicht erreichten gesellschaftlichen Lernzustand. Die Plattform stellt nicht die Behauptung auf, dass die Menschheit bereits intelligent als Schwarm handelt. Sie eröffnet einen Raum, in dem die Voraussetzungen dafür erarbeitet werden können. Aus acht Milliarden voneinander getrennten Tätigkeitswelten soll ein prüfbarer Zusammenhang entstehen, in dem Wahrnehmung, Wissen, Erfahrung, Konsequenz und Korrektur miteinander verbunden werden. Erst dadurch kann aus globaler Verflechtung globale Verantwortlichkeit und aus einem bloßen Menschenschwarm eine lernfähige Schwarm-Intelligenz hervorgehen.

Der entscheidende Satz wäre: Der Prüfoperator verwandelt den bereits existierenden globalen Tätigkeitsschwarm in einen möglichen gemeinsamen Intelligenz- und Verantwortungsprozess.

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Globale Schwarm-Intelligenz

Vom Frage-und-Antwort-Tisch zum planetarischen Verantwortungsraum

Der Begriff „Globale Schwarm-Intelligenz“ ist nicht erst mit der heutigen Internetplattform entstanden. Seine inhaltliche und methodische Grundlage reicht bis zu meinen frühen Arbeiten der „Experimentellen Umweltgestaltung“ und insbesondere bis zum „Globalen Dorffest“ von 1993 zurück. Die Aktion „1000 tapezierte Tische unter den Linden“ war bereits eine analoge Versuchsanordnung dessen, was heute durch eine digitale Plattform räumlich, zeitlich und weltweit erweitert werden kann.

Der Begriff des Schwarms war mir aus unterschiedlichen Naturbeobachtungen bekannt: aus dem Verhalten von Bienen, Fischschwärmen und insbesondere von Zugvögeln. Mich faszinierte, wie viele einzelne Lebewesen gleichzeitig in Bewegung sein können, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren und ohne fortwährend miteinander zusammenzustoßen. Jedes einzelne Tier nimmt nur einen begrenzten Ausschnitt seiner Umgebung wahr. Dennoch entsteht aus der Wechselwirkung vieler Einzelbewegungen eine übergeordnete Struktur, die Orientierung, Schutz, Beweglichkeit und eine gemeinsame Zielrichtung ermöglicht.

Besonders eindrücklich war für mich die Beobachtung, dass sich Zugvögel zunächst scheinbar ungeordnet bewegen können, bevor sich ihre Flugbewegungen immer stärker ausrichten und schließlich eine gemeinsame Zielstruktur entsteht. In den 1960er-Jahren wurde dabei auch die Vorstellung diskutiert, dass sich Vögel zur Orientierung mit dem elektromagnetischen Feld der Erde verbinden. Für meine künstlerische Arbeit war daran vor allem die Frage entscheidend: Wie kann aus zunächst voneinander unabhängigen Einzelbewegungen eine gemeinsame Orientierung entstehen? Welches Referenzsystem ermöglicht es den Einzelnen, ihre Abstände, Richtungen und Geschwindigkeiten so aufeinander abzustimmen, dass der Schwarm beweglich bleibt und sich seine Mitglieder nicht gegenseitig behindern oder zerstören?

Diese Frage lässt sich nicht unmittelbar von Tieren auf Menschen übertragen. Der Mensch ist kein Vogel und die Gesellschaft kein biologischer Schwarm. Das Naturphänomen kann jedoch als Referenz und als künstlerisches Denkmodell dienen. Es macht sichtbar, dass Gemeinsamkeit nicht zwangsläufig Gleichförmigkeit bedeutet. Ein Schwarm besteht nicht deshalb, weil alle Individuen dasselbe tun, sondern weil ihre unterschiedlichen Bewegungen innerhalb eines gemeinsamen Orientierungs- und Toleranzraumes miteinander vereinbar bleiben.

Der Schwarm als Verhältnis von Eigenständigkeit und Zusammenhang

Im Schwarm bleibt das einzelne Lebewesen ein eigenständiger Organismus. Es wird nicht in einer homogenen Masse aufgelöst. Gleichzeitig kann es seine Bewegung nicht vollständig unabhängig von den Bewegungen der anderen vollziehen. Es muss Abstände wahrnehmen, Richtungsveränderungen aufnehmen und auf die Bewegungen seiner Umgebung reagieren können. Der Schwarm beruht damit auf einer fortlaufenden Rückkopplung zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen.

Genau dieses Verhältnis ist für die „Globale Schwarm-Intelligenz“ entscheidend. Die acht Milliarden Menschen auf dem Planeten Erde bilden bereits einen globalen Tätigkeitsschwarm. Sie produzieren, kaufen, verkaufen, verbrauchen, erfinden, transportieren, verwalten, entscheiden, gestalten und verändern. Ihre Tätigkeiten greifen ineinander, auch wenn die Beteiligten einander nicht kennen und ihre gegenseitigen Abhängigkeiten häufig nicht wahrnehmen. Aus Milliarden einzelner Handlungen entstehen globale wirtschaftliche, technische, ökologische und gesellschaftliche Bewegungen.

Dieser menschliche Tätigkeitsschwarm ist jedoch nicht automatisch intelligent. Er kann seine eigenen Lebensbedingungen zerstören, obwohl seine einzelnen Mitglieder über Wissen, Erfahrung und technische Fähigkeiten verfügen. Er kann Beschleunigungen, Konkurrenzen und Wachstumsbewegungen hervorbringen, die niemand mehr vollständig steuert. Er kann sich gegenseitig behindern, überfordern oder in Richtungen bewegen, die den Voraussetzungen seines eigenen Fortbestehens widersprechen.

Von Schwarm-Intelligenz kann deshalb erst gesprochen werden, wenn die einzelnen Beteiligten ihre Tätigkeiten nicht nur aus ihrer persönlichen, beruflichen oder wirtschaftlichen Perspektive beurteilen, sondern sie in Beziehung zu den Tätigkeiten anderer Menschen und zu den gemeinsamen physischen Existenzbedingungen setzen können. Intelligenz bedeutet hier die Fähigkeit, Rückmeldungen wahrzunehmen, Abhängigkeiten zu erkennen, Konsequenzen zu vergleichen und die eigene Bewegung zu korrigieren.

Das Globale Dorffest als analoger Schwarmversuch

Die Aktion „1000 tapezierte Tische unter den Linden“, die am 3. Oktober 1993 zwischen Brandenburger Tor und Palast der Republik stattfinden sollte, war eine künstlerische Versuchsanordnung für eine solche Verbindung von Eigenständigkeit und Gemeinsamkeit.

Jeder Teilnehmende sollte mit einem eigenen Tapeziertisch, Papier sowie Schreib- und Malutensilien erscheinen. Jeder Tisch bildete eine selbstständige Station. Auf ihm konnte eine Frage formuliert und durch Geschichten, Zeichnungen, Collagen, Erinnerungen, Wünsche, Träume und Erfahrungen erweitert werden. Zugleich sollten die Teilnehmenden ihren eigenen Tisch verlassen und zu den anderen Tischen wandern, um dort zu Antwortgebern zu werden.

Damit entstand keine gewöhnliche Ausstellung mit festgelegten Produzenten auf der einen und betrachtenden Besuchern auf der anderen Seite. Jeder Beteiligte war zugleich Fragender, Antwortender, Beobachter, Gestalter und Bewegter. Die Menschen sollten sich zwischen den Tischen verteilen, neue Perspektiven aufnehmen und ihre eigenen Sichtweisen in andere Zusammenhänge einbringen. Die Aktion bestand nicht nur aus den einzelnen Tischinhalten, sondern aus der Bewegung zwischen ihnen.

Die tausend Tapeziertische waren damit vergleichbar mit den vielen Einzelpositionen eines Schwarms. Jeder Tisch behielt seine eigene Frage, seine eigene Gestaltung und seinen eigenen Charakter. Gleichzeitig blieb kein Tisch isoliert. Durch die wandernden Menschen entstanden Verbindungen, Überlagerungen, Widersprüche, Ergänzungen und gemeinsame Entwicklungslinien.

Die Schwarmstruktur lag somit nicht in einer einheitlichen Meinung. Sie lag in der Möglichkeit, viele unterschiedliche Wahrnehmungen miteinander in einen beweglichen Zusammenhang zu bringen.

Der Tapeziertisch als gesellschaftliche Zelle

Der Tapeziertisch hatte 1993 eine besondere gesellschaftliche Bedeutung. Er war in der Geschichte der Bürgerinitiativen ein einfaches, bewegliches und öffentlich verwendbares Arbeitsmittel. Auf ihm wurden Informationen ausgelegt, Unterschriften gesammelt, Forderungen formuliert und gemeinsame Anliegen sichtbar gemacht. Er war kein repräsentativer Konferenztisch und kein abgeschlossener institutioneller Ort. Er konnte von jedem aufgestellt, getragen, beschriftet und benutzt werden.

In der Aktion „1000 tapezierte Tische unter den Linden“ wurde dieser Tisch zu einer elementaren gesellschaftlichen Arbeitszelle. Jeder Mensch konnte ein eigenes Thema oder eine eigene Frage einbringen. Der Tisch verlieh dieser Frage einen Ort, ohne sie endgültig festzulegen. Gleichzeitig blieb die Tischfläche offen für die Eintragungen anderer.

Das Frage-und-Antwort-Tisch-Paradigma, das bereits während meiner Studienzeit als Modul der „Experimentellen Umweltgestaltung“ entstand, enthält damit die Grundstruktur der späteren Plattform. Ein Mensch eröffnet mit seiner Frage einen begrenzten Wahrnehmungsraum. Andere treten hinzu, antworten, widersprechen, ergänzen oder verändern den Zusammenhang. Die Ergebnisse werden nicht nur konsumiert, sondern durch die Beteiligten selbst erzeugt.

Die einzelnen Tische bildeten keine voneinander abgeschlossenen Inseln. Sie sollten durch die Bewegung der Teilnehmenden und später durch die digitale Speicherung und Vernetzung ihrer Inhalte miteinander verbunden werden. Das geplante Computersystem war deshalb nicht nur als Archiv gedacht. Es sollte die Beziehungen zwischen Fragen, Antworten, Erfahrungen und Perspektiven sichtbar machen. Schon 1993 war damit der Übergang vom einzelnen Tisch zu einem gemeinsamen Wissens- und Erfahrungsnetz vorgesehen.

Gemeinsame Orientierung ohne Auflösung des Einzelnen

Das zentrale Thema des Globalen Dorffestes war die Einheit. Diese Einheit sollte jedoch nicht nur als vollzogene staatliche Vereinigung Deutschlands verstanden werden. Sie wurde als Frage nach Zusammengehörigkeit, Ganzheitlichkeit und globaler Rückkopplung aufgefasst.

Einheit bedeutete nicht, Unterschiede zu beseitigen. Im Gegenteil: Das Anderssein sollte integriert werden, während der eigene Charakter und die eigene Identität erhalten bleiben. Diese Verbindung von Eigenständigkeit und Zusammengehörigkeit entspricht dem Grundproblem des Schwarms. Wie kann das Einzelne Teil eines gemeinsamen Zusammenhangs sein, ohne seine Besonderheit zu verlieren? Und wie kann es seine Besonderheit bewahren, ohne den Zusammenhang zu zerstören?

Das Globale Dorffest beantwortete diese Frage nicht durch eine vorgeschriebene Weltanschauung. Es schuf eine künstlerische Versuchsanordnung. Unterschiedliche Menschen, Berufsgruppen, Altersgruppen, gesellschaftliche Positionen und Erfahrungen sollten nicht nur nebeneinander erscheinen, sondern miteinander in einen produktiven Austausch treten. Molekularbiologen, Rentner, Unternehmer, Schornsteinfeger, Journalisten, Großeltern, Kinder, Manager, Künstler, Politiker und abgewickelte Professoren sollten ihre jeweils begrenzte Perspektive in einen gemeinsamen Prozess einbringen.

Die Einheit bestand daher nicht in einem fertigen Ergebnis. Sie sollte als Arbeitsverhältnis hergestellt werden. Jeder brachte etwas Eigenes ein und musste zugleich lernen, auf das Andere zu reagieren. Die gemeinsame Perspektive entstand nicht vor der Begegnung, sondern durch die Begegnung.

Referenzsystem und Toleranzraum

Ein Schwarm kann nur bestehen, wenn zwischen den Einzelbewegungen bestimmte Abstände und Toleranzen eingehalten werden. Sind die Abstände zu groß, zerfällt der Zusammenhang. Sind sie zu klein, entstehen Kollisionen. Fehlt eine gemeinsame Orientierung, bewegt sich jedes Individuum in eine andere Richtung. Wird die Orientierung dagegen vollständig zentral vorgeschrieben, verliert der Schwarm seine Anpassungsfähigkeit.

Für die menschliche Gesellschaft stellt sich deshalb die Frage, welches Referenzsystem ihre unterschiedlichen Tätigkeiten miteinander verbinden kann. Eine Nation, eine Religion, ein Markt, eine politische Ideologie oder eine technische Zielsetzung können jeweils nur begrenzte Bezugssysteme darstellen. Sie können Menschen verbinden, aber zugleich andere ausschließen oder ihre Folgen auf andere Teile des Planeten verlagern.

Das umfassendere Referenzsystem der „Globalen Schwarm-Intelligenz“ sind die gemeinsamen Existenzbedingungen des Lebens. Luft, Wasser, Boden, Klima, Stoffkreisläufe, körperliche Bedürfnisse, Abhängigkeiten und die Begrenztheit des Planeten sind keine frei wählbaren Überzeugungen. Sie bilden den Zusammenhang, in dem alle menschlichen Tätigkeiten stattfinden und an dem ihre Tragfähigkeit überprüft werden kann.

Der Toleranzraum bezeichnet dabei nicht Beliebigkeit. Nicht jede Handlung ist allein deshalb hinnehmbar, weil sie Ausdruck einer individuellen Meinung oder Freiheit ist. Toleranz muss daran geprüft werden, ob unterschiedliche Tätigkeiten miteinander bestehen können, ohne ihre gemeinsamen Voraussetzungen zu zerstören.

Auf den Menschen übertragen bedeutet die Vermeidung des Zusammenstoßes daher mehr als bloße Höflichkeit. Sie verlangt eine Wahrnehmung der Folgen des eigenen Handelns. Wer seine Freiheit so ausübt, dass andere Menschen oder zukünftige Generationen die Konsequenzen tragen müssen, bewegt sich nicht mehr innerhalb eines tragfähigen Toleranzraumes. Wer Ressourcen verbraucht, ohne deren Regenerationsbedingungen wahrzunehmen, handelt nicht intelligent innerhalb des globalen Schwarms.

Von der Meinung zur überprüfbaren Beziehung

Die Aktion von 1993 forderte die Menschen auf, ihre Meinung auf den Tisch zu legen. Zugleich zeigte die ausführliche Sammlung unterschiedlicher Bedeutungen von Meinung, Ansicht, Auffassung, Überzeugung, Wissen, Behauptung, Hypothese und Urteil, dass nicht jede Äußerung denselben erkenntnistheoretischen Status besitzt.

Eine Meinung ist noch keine Erkenntnis. Eine Behauptung ist noch kein Nachweis. Eine Überzeugung kann stark sein und dennoch auf falschen Voraussetzungen beruhen. Die Gegenüberstellung von Frage und Antwort sollte deshalb eine Vergleichsmöglichkeit herstellen. Erst durch diese Vergleichsmöglichkeit kann Lernen entstehen.

Hier liegt der Übergang vom damaligen Globalen Dorffest zum heutigen Prüfoperator. Die Plattform soll Meinungen nicht nur sammeln, sondern prüfbar machen. Sie soll sichtbar werden lassen, worauf eine Behauptung beruht, aus welcher Erfahrung sie hervorgeht, welche Interessen in ihr enthalten sind und welche Konsequenzen aus ihr entstehen.

Die Vielfalt der Meinungen ist für die Schwarm-Intelligenz notwendig, aber nicht ausreichend. Intelligenz entsteht erst, wenn unterschiedliche Positionen in einen gemeinsamen Prüfzusammenhang gebracht werden. Dabei geht es nicht darum, eine Position vorschnell als richtig und eine andere als falsch auszusortieren. Es geht darum, ihre jeweiligen Voraussetzungen und Folgen offenzulegen.

Der Prüfoperator als menschliches Orientierungsvermögen

Der Prüfoperator übernimmt innerhalb der „Globalen Schwarm-Intelligenz“ eine Funktion, die im natürlichen Schwarm durch Wahrnehmungs-, Abstands- und Orientierungsmechanismen erfüllt wird. Er soll es dem Menschen ermöglichen, seine eigene Tätigkeit im Verhältnis zu seiner Umgebung und zum Ganzen wahrzunehmen.

Der Prüfoperator fragt: Von welchem Ziel geht eine Tätigkeit aus? Welche Voraussetzungen benötigt sie? Welche Menschen, Lebewesen, Stoffe und Systeme sind an ihr beteiligt? Welche unmittelbaren und mittelbaren Konsequenzen entstehen? Wo werden diese Konsequenzen sichtbar, und wo werden sie räumlich oder zeitlich verdrängt? Welche Rückmeldungen werden aufgenommen, und welche werden ignoriert? Ist eine Handlung nur innerhalb eines wirtschaftlichen, rechtlichen oder institutionellen Regelwerks erfolgreich, oder trägt sie auch innerhalb der physischen Existenzbedingungen?

Der Prüfoperator erzeugt keine zentrale Befehlsgewalt. Er schreibt den Beteiligten nicht vor, was sie denken sollen. Er stellt ein gemeinsames Orientierungsverfahren bereit. Jeder kann seine besondere Erfahrung, sein Wissen und seinen Standpunkt behalten, muss diese aber in Beziehung zu überprüfbaren Voraussetzungen und Folgen setzen.

Damit entsteht ein gesellschaftlicher Toleranzraum, in dem Verschiedenheit möglich bleibt, ohne dass die gemeinsame Orientierung aufgegeben wird.

Die Plattform als erweiterter Frage-und-Antwort-Tisch

Die heutige Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ kann als weltweite Erweiterung des Frage-und-Antwort-Tisch-Paradigmas verstanden werden. Was 1993 auf tausend Tapeziertischen unter den Linden stattfinden sollte, kann heute durch digitale Vernetzung über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg fortgeführt werden.

Jede Seite, jedes Thema, jedes Projekt und jeder Beitrag kann als ein solcher Tisch betrachtet werden. Ein Mensch bringt eine Frage, eine Erfahrung, ein Objekt, eine Beobachtung oder eine Behauptung ein. Andere können Zusammenhänge ergänzen, widersprechen, prüfen und weiterentwickeln. Die Beiträge bleiben nicht isoliert, sondern werden mit anderen Bereichen verknüpft.

Die Plattform ist damit weder nur ein Archiv meines Lebenswerkes noch eine gewöhnliche Informationssammlung. Mein Werk bildet einen Ausgangspunkt und einen Werkanker, an dem die Entwicklung bestimmter Fragen, Methoden und Versuchsanordnungen nachvollzogen werden kann. Der Kontextanker verbindet diese Arbeiten mit den gesellschaftlichen, historischen und planetarischen Zusammenhängen. Der Prüfanker stellt die Maßstäbe bereit. Der Prüfoperator ermöglicht die konkrete Überprüfung.

Die „Globale Schwarm-Intelligenz“ bezeichnet den Prozess, in dem diese unterschiedlichen Elemente durch viele Menschen miteinander in Bewegung gebracht werden.

Verantwortlichkeit im globalen Tätigkeitsschwarm

Die acht Milliarden Menschen können nicht alle dasselbe wissen, dieselben Aufgaben übernehmen oder für sämtliche Konsequenzen gleichermaßen verantwortlich sein. Globale Verantwortlichkeit bedeutet deshalb nicht, jedem Menschen eine unbestimmte Gesamtschuld aufzuerlegen.

Verantwortlichkeit beginnt dort, wo der Einzelne seine eigene Beteiligung erkennen kann. Jeder Mensch befindet sich an bestimmten Stellen des globalen Tätigkeitsgefüges. Er ist Produzent, Verbraucher, Nutzer, Arbeitnehmer, Entscheidungsträger, Erfinder, Betroffener, Vermittler oder Beobachter. Häufig nimmt er mehrere dieser Positionen gleichzeitig ein.

Die Plattform soll helfen, diese Positionen und ihre Beziehungen sichtbar zu machen. Der Einzelne soll erkennen können, wo seine Tätigkeit in größere Prozesse eintritt, welche Konsequenzen sie mit hervorbringt und wo Möglichkeiten der Korrektur bestehen. Er soll Verantwortung nicht an den Markt, den Staat, die Wissenschaft, eine Institution, eine Berufsrolle oder an „die anderen“ abgeben können.

Im Schwarm trägt nicht jeder die Verantwortung für jede Bewegung. Aber jeder ist dafür verantwortlich, wie er auf die wahrnehmbaren Bewegungen und Rückmeldungen in seiner Umgebung reagiert. Übertragen auf die menschliche Gesellschaft bedeutet dies: Der Einzelne muss lernen, die Konsequenzen seiner Tätigkeit wahrzunehmen und seine Bewegung dort zu korrigieren, wo sie mit den Existenzbedingungen des Ganzen kollidiert.

Schwarm-Intelligenz als noch herzustellende Fähigkeit

Der Name „Globale Schwarm-Intelligenz“ beschreibt deshalb keinen bereits erreichten Zustand. Er ist eine Aufgabenstellung.

Der globale Schwarm existiert bereits als weltweite Verflechtung von acht Milliarden Menschen und ihren Tätigkeitskonsequenzen. Was fehlt, ist die Intelligenz dieses Zusammenhangs: die Fähigkeit, die vielen Einzelwahrnehmungen, Erfahrungen, Kenntnisse und Rückmeldungen so miteinander zu verbinden, dass gemeinsame Orientierung und Korrektur möglich werden.

Der Bindestrich zwischen „Schwarm“ und „Intelligenz“ bezeichnet diese noch herzustellende Verbindung. Er verbindet zwei Begriffe, die nicht automatisch zusammengehören. Ein Schwarm kann intelligent handeln, er kann aber auch in Panik geraten, falschen Signalen folgen oder zerstörerische Bewegungen verstärken. Ebenso kann menschliche Intelligenz technisch hochentwickelt sein und dennoch die Folgen ihrer Erfindungen und Tätigkeiten verdrängen.

Schwarm-Intelligenz entsteht deshalb nicht durch die bloße Menge der Beteiligten, nicht durch Mehrheiten und nicht durch die Anhäufung von Daten. Sie entsteht durch die fortlaufende Rückkopplung zwischen Einzelwahrnehmung und Gesamtzusammenhang, zwischen Freiheit und Begrenzung, zwischen Tätigkeit und Konsequenz, zwischen Frage und Antwort sowie zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Das Globale Dorffest von 1993 war eine frühe künstlerische Versuchsanordnung dieses Prinzips. Die tausend Tapeziertische bildeten eine vorübergehende Stadt aus Fragen, Antworten, Bewegungen und Begegnungen. Die heutige Plattform führt diesen Ansatz weiter. Sie macht aus dem zeitlich begrenzten Dorffest einen offenen globalen Arbeitsraum und aus dem einzelnen Frage-und-Antwort-Tisch ein miteinander verbundenes Netz von Prüf- und Verantwortungsprozessen.

„Globale Schwarm-Intelligenz“ bedeutet daher: Acht Milliarden eigenständige Menschen lernen, ihre unterschiedlichen Wahrnehmungen, Begabungen, Tätigkeiten und Interessen in einen gemeinsamen Rückkopplungsprozess einzubringen. Sie behalten ihre Identität und ihre besondere Perspektive, prüfen jedoch ihre Bewegung an den Bewegungen der anderen und an den gemeinsamen Existenzbedingungen. So kann aus einer unüberschaubaren Vielzahl voneinander getrennter Tätigkeitsfolgen schrittweise eine gemeinsame Zielorientierung entstehen, ohne dass Verschiedenheit aufgehoben oder der Einzelne einer zentralen Ordnung unterworfen wird.

Die entscheidende Frage lautet nicht, wie alle Menschen dasselbe denken können. Sie lautet, wie acht Milliarden unterschiedliche Menschen lernen können, sich innerhalb eines gemeinsamen planetarischen Referenz- und Toleranzraumes so zu bewegen, dass sie einander nicht zerstören, sondern ihre unterschiedlichen Fähigkeiten gegenseitig ergänzen und fördern.

Darin liegt die mögliche Bedeutung der „Globalen Schwarm-Intelligenz“.

Der Text von 1993 zeigt damit, dass der Prüfoperator nicht nachträglich zur Plattform hinzugefügt wird. Er war in der Gegenüberstellung von Frage und Antwort, Wunsch und Wirklichkeit, Einzelperspektive und gemeinsamem Zusammenhang bereits angelegt.

Ja. Hier entsteht tatsächlich eine andere Perspektive auf die Welt. Sie darf jedoch nicht alles unterschiedslos als Schwarmintelligenz bezeichnen. Notwendig ist eine Abstufung zwischen physikalischer Wechselwirkung, Selbstorganisation, biologischer Schwarmintelligenz und menschlicher Verantwortungsintelligenz.

Tätigkeitskonsequenzen, Abhängigkeit und Schwarm-Intelligenz

Eine neue Verhältnislehre des Individuums und des Ganzen

Der Ausgangspunkt ist nicht der Schwarm als Ansammlung vieler Wesen, sondern die Tatsache, dass alles Tätige Konsequenzen hervorbringt und dabei auf Voraussetzungen angewiesen bleibt. Keine Tätigkeit besteht für sich allein. Jede Bewegung, jede Stoffumwandlung, jede Wahrnehmung und jede menschliche Handlung findet innerhalb von Abhängigkeiten statt, wirkt auf andere Vorgänge ein und erhält aus diesen Wirkungen Rückmeldungen.

Damit liegt der Schwarm-Intelligenz ein allgemeineres Verhältnis zugrunde:

Tätigkeit – Konsequenz – Rückmeldung – Korrektur – erneute Tätigkeit.

Dieses Verhältnis findet sich in unterschiedlicher Form auf zahlreichen Ebenen. Es darf jedoch nicht vorschnell auf allen Ebenen „Intelligenz“ genannt werden. Zwischen Gravitation, einem Fließgleichgewicht, einem Zellverband, einem Vogelschwarm und einer menschlichen Gesellschaft bestehen wesentliche Unterschiede.

Gravitation ist keine Schwarmintelligenz

Gravitation ist im naturwissenschaftlichen Sinne keine Schwarmintelligenz. Sie ist eine grundlegende physikalische Wechselwirkung. Körper ziehen sich nicht an, weil sie Informationen auswerten, ein gemeinsames Überlebensziel verfolgen oder ihre Tätigkeit aufgrund von Erfahrungen korrigieren.

Gravitation kann jedoch eine Ordnungs- und Referenzbedingung sein, unter der sich Vielheiten strukturieren. Aus der gegenseitigen gravitativen Wechselwirkung vieler Körper können komplexe räumliche Ordnungen und Bewegungsmuster entstehen. Das macht die Gravitation nicht intelligent, zeigt aber, dass ein Ganzes aus vielen wechselwirkenden Teilen entstehen kann, ohne von einer äußeren Zentralstelle zusammengesetzt zu werden.

Für deine Theorie wäre deshalb genauer zu unterscheiden:

Gravitation ist kein Prüfoperator und keine Intelligenz. Sie gehört zu den nicht verhandelbaren physikalischen Referenzbedingungen, innerhalb derer jede Tätigkeit stattfindet.

Sie ist damit eher Bestandteil des Prüfankers. Eine menschliche Konstruktion, Bewegung oder Lebensform kann die Gravitation technisch berücksichtigen und nutzen, aber nicht außer Kraft setzen.

Trägheit und Fließgleichgewicht

Auch die Trägheitsgesetze sind keine Intelligenz. Sie beschreiben Bedingungen der Bewegung. Ein Körper verändert seinen Bewegungszustand nicht von selbst, sondern nur durch wirkende Kräfte. Auf deine Forschungskunst übertragen wird daraus jedoch ein wichtiges Denkmodell: Auch gesellschaftliche, wirtschaftliche und psychische Systeme können einmal eingeschlagene Bewegungsrichtungen fortsetzen, obwohl deren Konsequenzen längst zerstörerisch geworden sind. Das ist eine Analogie und kein physikalisch identischer Vorgang.

Das Fließgleichgewicht liegt näher an deinem Begriff des Funktionierens. In einem Fließgleichgewicht bleibt ein System nicht deshalb erhalten, weil es unbeweglich ist, sondern weil fortwährend Stoffe, Energien oder Informationen aufgenommen, verarbeitet und abgegeben werden. Sein Bestand beruht auf Bewegung, Austausch und Regulierung.

Ein Fließgleichgewicht ist trotzdem noch keine Intelligenz. Es wird dort zu einer Voraussetzung biologischer Intelligenz, wo ein lebendes System Abweichungen wahrnimmt, Rückmeldungen verarbeitet und seine Tätigkeit so verändert, dass es innerhalb eines lebensfähigen Toleranzraumes bleibt. Die Physik liefert die Bedingungen; das Lebendige entwickelt Formen ihrer Wahrnehmung, Regulierung und Nutzung. Nichtgleichgewicht und Selbstorganisation sind zentrale Themen der modernen Physik biologischer Systeme, ohne dass deshalb jeder selbstorganisierte Vorgang bereits als intelligent gelten würde. (APS Link)

Selbstorganisation als Zwischenebene

Zwischen physikalischer Wechselwirkung und Schwarmintelligenz liegt die Selbstorganisation. Selbstorganisation bedeutet, dass aus vielen lokalen Wechselwirkungen eine übergeordnete Ordnung entsteht, ohne dass eine zentrale Instanz jede Einzelbewegung steuert.

Solche Vorgänge können auch in unbelebten Systemen auftreten. Deshalb ist Selbstorganisation noch kein Beweis für Leben oder Intelligenz. Sie stellt jedoch eine strukturelle Grundlage dar, auf der biologische Systeme aufbauen können.

Bei Tiergruppen entstehen geordnete Gesamtbewegungen häufig durch lokale Beziehungen: Nähe und Abstand, Anziehung und Abstoßung, Ausrichtung an Nachbarn, Reaktion auf Gefahren und Aufnahme von Umweltinformationen. Aus relativ einfachen Wechselwirkungen können kohärente Schwarmbewegungen entstehen, ohne dass ein einzelnes Tier einen vollständigen Plan des Schwarms besitzt. (PubMed Central (PMC))

Der Schwarm ist deshalb weder bloß eine Menge noch ein übergeordnetes Wesen. Er ist ein dynamisches Beziehungsgefüge, das nur durch die fortwährende Tätigkeit seiner Einzelteile besteht.

Wann aus Selbstorganisation Intelligenz wird

Nicht jede geordnete Gruppe ist intelligent. Für den Begriff der Schwarmintelligenz müssen weitere Fähigkeiten hinzukommen:

Das System muss Unterschiede wahrnehmen können. Informationen müssen zwischen seinen Teilen übertragen werden. Rückmeldungen müssen das weitere Verhalten beeinflussen. Fehler oder Gefahren müssen zu einer Veränderung der Bewegung führen können. Die Gesamtleistung muss über das hinausgehen, was ein einzelnes Mitglied allein wahrnehmen oder bewältigen könnte.

Dazu kommen Gedächtnis, Lernen, Entscheidungsfähigkeit oder zumindest eine adaptive Veränderung von Reaktionsmustern. Bei Bienen, Ameisen, Fischen oder Vögeln können verteilte Wahrnehmung, lokale Kommunikation und Rückkopplungen zu Nahrungssuche, Flucht, Migration, Nestwahl oder gemeinsamer Richtungsentscheidung führen. Die wissenschaftliche Forschung bezeichnet gerade dieses Hervorgehen einer Gesamtleistung aus lokalen Interaktionen als kollektives Verhalten oder kollektive Intelligenz. (PubMed Central (PMC))

Intelligenz liegt dann nicht nur im einzelnen Tier und auch nicht unabhängig von den Tieren in einem abstrakten Kollektiv. Sie entsteht zwischen den Beteiligten, in der Qualität ihrer Beziehungen und Rückkopplungen.

Grundmuster der Schwarmbildung

Aus der Erforschung kollektiven Verhaltens lassen sich mehrere wiederkehrende Muster erkennen:

Abstand und Zusammenhalt: Die Teile müssen einander nahe genug bleiben, um Informationen und Bewegungsänderungen aufzunehmen. Gleichzeitig muss ein Mindestabstand erhalten bleiben, damit sie nicht kollidieren.

Ausrichtung: Einzelne Bewegungen werden an den wahrgenommenen Bewegungen der Umgebung orientiert.

Positive Rückkopplung: Erfolgreiche Signale oder Wege können verstärkt werden. Dadurch entsteht schnell eine gemeinsame Richtung.

Negative Rückkopplung: Zu starke Konzentrationen oder Übertreibungen müssen begrenzt werden, damit der Schwarm nicht kollabiert.

Dezentralität: Nicht jedes Mitglied benötigt Kenntnis des Ganzen.

Verteilte Wahrnehmung: Viele begrenzte Wahrnehmungsfelder ergeben gemeinsam ein größeres Wahrnehmungsvermögen.

Redundanz: Der Ausfall einzelner Teile zerstört nicht notwendig das gesamte System.

Variation: Unterschiedliche Wahrnehmungen und Reaktionsweisen können die Anpassungsfähigkeit erhöhen. Bei Honigbienen wurde beispielsweise gezeigt, dass Unterschiede im individuellen Lernen die kollektive Nahrungssuche einer Kolonie verändern können. (PubMed Central (PMC))

Flexible Führung: Führung kann zeitweise dort entstehen, wo bessere oder aktuellere Informationen vorhanden sind, ohne dauerhaft an dieselben Individuen gebunden zu sein. (PubMed Central (PMC))

Diese Muster bilden keinen allgemeinen Bauplan für alle Schwärme. Sie zeigen aber, dass Schwarmbildung auf Toleranzräumen, Grenzwahrnehmung und Rückkopplung beruht.

Tarnung, Täuschung, Beute und Schutz

Zur evolutionären Dynamik gehören nicht nur Kooperation und Gemeinsamkeit. Auch Tarnung, Täuschung, Konkurrenz, Flucht, Territorialität, Beutemachen und die Vermeidung, selbst zur Beute zu werden, prägen das Verhalten von Lebewesen.

Daraus entsteht eine doppelte Struktur. Lebewesen müssen Informationen aufnehmen und zugleich können sie Informationen verbergen oder verfälschen. Sie müssen andere erkennen und können selbst versuchen, unerkannt zu bleiben. Sie können kooperieren und gleichzeitig konkurrieren.

Schwarmintelligenz ist deshalb nicht automatisch moralisch gut. Ein Schwarm kann Schutz ermöglichen, aber auch aggressive oder zerstörerische Bewegungen hervorbringen. Eine Gruppe kann richtige Informationen verstärken, aber ebenso einen Irrtum, ein Feindbild oder eine Panik.

Gerade deshalb muss die menschliche „Globale Schwarm-Intelligenz“ über den biologischen Schwarm hinausgehen. Sie benötigt einen Prüfoperator, mit dem nicht nur die Wirksamkeit einer gemeinsamen Bewegung, sondern auch deren Voraussetzungen und Konsequenzen untersucht werden.

Genetik und kollektives Verhalten

Es gibt nicht das eine „Schwarmgen“. Gene können jedoch Wahrnehmungsorgane, Nervensystem, Botenstoffe, Kommunikationsformen, Reaktionsschwellen, Lernfähigkeit und soziale Verhaltensbereitschaften beeinflussen. Diese individuellen Eigenschaften wirken sich wiederum auf das Verhalten einer Gruppe aus.

Untersuchungen an sozialen Insekten zeigen genetische und epigenetische Beiträge zu Kommunikation, Arbeitsteilung und sozialen Verhaltensformen. Bei Zebrafischen konnten genetische Veränderungen einfache individuelle Wahrnehmungs- und Reaktionsmechanismen verändern, aus denen wiederum ein verändertes kollektives Verhalten der Gruppe hervorging. (PubMed Central (PMC))

Das bedeutet jedoch nicht, dass ein bestimmtes menschliches Sozialverhalten unmittelbar aus einem einzelnen Gen hervorgeht. Gene wirken in Entwicklungsprozessen, körperlichen Zuständen, sozialen Umgebungen, Lernvorgängen und kulturellen Zusammenhängen. Gene beeinflussen Möglichkeiten und Reaktionsneigungen; sie schreiben nicht jede konkrete gesellschaftliche Handlung fest. (PubMed Central (PMC))

Für deine Fragestellung wäre deshalb zu untersuchen, welche älteren Verhaltensdispositionen im Menschen weiterhin wirksam sein können:

die Orientierung an der Gruppe, Nachahmung, Konformität, Warn- und Fluchtreaktionen, Rangordnung, Revierbildung, Koalitionsbildung, Fürsorge, Kooperation, Gegenseitigkeit, Konkurrenz, Täuschung, Vertrauensbildung und die Unterscheidung zwischen Zugehörigen und Fremden.

Diese Muster dürfen nicht als unveränderliches genetisches Schicksal behandelt werden. Der Mensch verfügt zusätzlich über Sprache, symbolische Systeme, Institutionen, Technik und die Fähigkeit, seine eigenen Ziele und Reaktionen zu untersuchen. Gerade diese reflexive Fähigkeit macht den Prüfoperator möglich.

Schwarmintelligenz bis auf die Ebene der Zellen

Die Fragestellung kann bis zu Zellen und Zellverbänden erweitert werden. Ein vielzelliger Organismus entsteht daraus, dass Zellen Signale austauschen, Grenzen erkennen, Arbeit teilen, ihre Vermehrung regulieren und gemeinsam Körperformen erhalten oder reparieren.

Einzelne Zellen verfügen nicht über den vollständigen Bauplan als bewusste Vorstellung. Dennoch können Zellkollektive Informationen integrieren und Aufgaben erfüllen, die keine einzelne Zelle allein bewältigen könnte. Neuere Forschungsansätze sprechen deshalb von kollektiver Intelligenz auf unterschiedlichen biologischen Ebenen – von Zellverbänden bis zu Tiergruppen. Das ist ein gegenwärtiges theoretisches Forschungsprogramm und noch keine allgemein abgeschlossene Gesamtlehre der Biologie. (Nature)

Auch auf molekularer Ebene gibt es Selbstorganisation, Signalnetzwerke, Rückkopplungsschleifen und kooperative Bindungsprozesse. Man sollte dort jedoch vorsichtig mit dem Wort „Intelligenz“ umgehen. Moleküle können aufgrund ihrer physikalisch-chemischen Eigenschaften miteinander reagieren und komplexe Strukturen bilden. Daraus folgt nicht, dass ein einzelnes Molekül ein Ziel erkennt oder Entscheidungen trifft.

Von kollektiver Intelligenz könnte auf dieser Ebene nur in einem erweiterten theoretischen Sinn gesprochen werden, wenn viele molekulare oder zelluläre Vorgänge gemeinsam Informationen verarbeiten, Zustände unterscheiden, Abweichungen korrigieren und einen lebensfähigen Gesamtzustand aufrechterhalten.

Die Grenze verläuft deshalb nicht einfach zwischen klein und groß. Sie verläuft zwischen bloßer Wechselwirkung und einer organisierten Rückkopplungsfähigkeit.

Eine Biologielehre der Beziehungen

Aus dieser Perspektive ergäbe sich keine Biologielehre, die Arten und Gattungen abschafft. Art und Gattung bleiben wichtige Begriffe zur Beschreibung evolutionärer Verwandtschaft und biologischer Unterschiede. Sie reichen aber nicht aus, um das Funktionieren des Lebens vollständig zu verstehen.

Neben die Lehre von Arten und Organismen müsste eine Lehre der Beziehungs-, Rückkopplungs- und Abhängigkeitsformen treten. Sie würde untersuchen:

Wie organisieren sich Teile zu einem lebensfähigen Ganzen? Wie werden Grenzen gebildet und zugleich Stoffaustausch ermöglicht? Wie werden Abweichungen wahrgenommen? Wie werden Tätigkeiten koordiniert? Welche Toleranzräume müssen erhalten bleiben? Wann entsteht Kooperation, wann Konkurrenz? Wann wird Vielfalt funktional, und wann zerfällt der Zusammenhang? Welche positiven Rückkopplungen müssen begrenzt werden? Wie werden Fehler korrigiert?

Der Schwarm wäre dann nur eine besonders sichtbare Erscheinungsform eines umfassenderen Lebensprinzips: Das Einzelne kann nur bestehen, indem es sich zugleich abgrenzt und in Beziehungen einlässt.

Das Individuum ist nicht das Beziehunglose

Hier verändert sich auch der Begriff des Individuums. Das lateinische individuum bezeichnet zunächst das Ungeteilte oder Unteilbare. Überträgt man diese Vorstellung jedoch auf den Menschen als vollständig abgeschlossene, autonome Einheit, wird sie biologisch unzureichend.

Ein Organismus besitzt zwar Grenzen und eine relative Eigenständigkeit. Er besteht aber selbst aus vielen Zellen, Organen, Mikroorganismen und Regulationssystemen. Er ist auf fortwährenden Austausch mit Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, Stoffen und anderen Lebewesen angewiesen. Forschungen zu Symbiosen und Mikrobiomen haben die Vorstellung eines anatomisch und physiologisch vollständig abgeschlossenen biologischen Individuums zusätzlich infrage gestellt. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

Das Individuum ist deshalb nicht das, was keine Teile und keine Abhängigkeiten besitzt. Es ist eine vorläufig integrierte, abgegrenzte und zugleich durchlässige Funktionseinheit.

Es ist nicht ungeteilt, sondern organisiert.

Es ist nicht unabhängig, sondern eigenständig innerhalb von Abhängigkeiten.

Es ist nicht beziehungslos, sondern entsteht und erhält sich durch Beziehungen.

Es ist nicht unverletzlich, sondern muss seine Verletzbarkeit fortwährend regulieren.

Die biologische Individualität wird heute entsprechend nicht nur dem einzelnen Organismus zugeschrieben. Auch Zellen, Organismen, Kolonien, Populationen oder andere funktional integrierte Einheiten können je nach Fragestellung Merkmale biologischer Individualität besitzen. Die Grenzen dessen, was als biologisches Individuum gilt, sind daher wissenschaftlich und philosophisch umstritten. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

Das plastische Individuum

Für dein Werk ergibt sich daraus ein genauerer Begriff des Individuums. Der Mensch ist weder ein unteilbares Atom noch ein bloßes Teilchen einer anonymen Masse. Er ist ein plastisches Individuum: ein begrenztes, eigenständiges und verletzliches Beziehungsgefüge, das sich durch Aufnahme, Abgabe, Anpassung, Widerstand und Rückkopplung fortwährend erhält und verändert.

Seine Identität liegt nicht in vollständiger Unabhängigkeit. Sie liegt in der besonderen Weise, wie er seine Abhängigkeiten organisiert.

Auch im Schwarm verliert das Individuum deshalb nicht seine Identität. Erst unterschiedliche Wahrnehmungen, Fähigkeiten und Positionen machen eine kollektive Intelligenz möglich. Eine Gruppe aus vollständig gleichgeschalteten Teilen wäre nicht besonders intelligent, sondern gegenüber Veränderungen möglicherweise blind.

Die Aufgabe besteht daher nicht darin, das Individuum dem Ganzen zu opfern. Ebenso wenig darf das Individuum so konstruiert werden, als stünde es außerhalb des Ganzen. Es muss lernen, seine Eigenständigkeit als eine verantwortliche Form innerhalb gemeinsamer Abhängigkeiten zu verstehen.

Vom biologischen Schwarm zur menschlichen Verantwortungsintelligenz

Der entscheidende Unterschied zwischen Tier- und Menschenschwarm liegt in der Möglichkeit bewusster Prüfung. Tiere koordinieren sich durch Wahrnehmung, Signale, angeborene Dispositionen, Lernen und unmittelbare Rückkopplungen. Menschen erzeugen darüber hinaus Begriffe, Ideologien, Geldsysteme, Rechtsordnungen, technische Netze und institutionelle Rollen.

Diese symbolischen Systeme erweitern die menschlichen Handlungsmöglichkeiten. Sie können aber zugleich die Rückmeldung zwischen Tätigkeit und Konsequenz unterbrechen. Ein Mensch kann wirtschaftlich erfolgreich handeln, obwohl seine Tätigkeit biologische und planetarische Voraussetzungen zerstört. Innerhalb seines menschengemachten Regelwerks erscheint die Handlung funktional; innerhalb des umfassenderen Abhängigkeitsraumes funktioniert sie nicht.

Die „Globale Schwarm-Intelligenz“ kann deshalb nicht nur die spontane Emergenz vieler Einzelhandlungen bezeichnen. Sie muss eine zweite, reflexive Ebene herstellen. Die Menschen müssen nicht nur aufeinander reagieren, sondern ihre gemeinsamen Bewegungsrichtungen und deren Folgen untersuchen können.

Hier beginnt Verantwortlichkeit.

Die vier Stufen der Globalen Schwarm-Intelligenz

Für deine Plattform lässt sich daraus eine klare Stufenfolge entwickeln:

Erste Stufe: physikalische Referenzbedingungen

Gravitation, Trägheit, Energie, Stofflichkeit, Strömung, Temperatur und andere physikalische Bedingungen legen den Raum fest, innerhalb dessen Tätigkeiten überhaupt möglich sind.

Zweite Stufe: biologische Selbstorganisation

Lebende Systeme bilden Grenzen, Fließgleichgewichte, Stoffwechselvorgänge, Rückkopplungen, Toleranzbereiche und Anpassungsformen aus.

Dritte Stufe: kollektive oder Schwarmintelligenz

Mehrere Lebewesen verbinden ihre begrenzten Wahrnehmungen und Tätigkeiten, sodass eine gemeinsame Orientierungs- und Problemlösungsfähigkeit entsteht.

Vierte Stufe: menschliche Verantwortungsintelligenz

Der Mensch kann seine eigene Schwarmbewegung, seine Ziele, Begriffe, Institutionen und Tätigkeitskonsequenzen bewusst zum Gegenstand der Prüfung machen.

Erst diese vierte Stufe entspricht vollständig dem Anliegen deiner Plattform. Die globale Menschheit ist bereits ein Tätigkeitsschwarm. Ihre wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Bewegungen sind weltweit miteinander verbunden. Sie besitzt jedoch noch keine hinreichende gemeinsame Rückkopplungs- und Korrekturfähigkeit.

Die Funktion der vier Grundelemente

Damit lässt sich auch das Verhältnis von Kontextanker, Werkanker, Prüfanker und Prüfoperator genauer bestimmen.

Der Kontextanker stellt den planetarischen und evolutionären Abhängigkeitsraum her. Dazu gehören die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde, der Millisekunden-Mensch und die lange Entwicklung der tragenden Lebensbedingungen.

Der Werkanker zeigt, wie du diesen Zusammenhang in konkreten künstlerischen Versuchsanordnungen untersucht hast. Das Globale Dorffest, die tausend Tapeziertische und das Frage-und-Antwort-Tisch-Paradigma bilden eine analoge Vorform der Plattform.

Der Prüfanker enthält die Maßstäbe: Tätigkeit und Konsequenz, Funktionieren und Nichtfunktionieren, Rückkopplung, Toleranzraum, Verletzbarkeit und Erhaltung der Existenzbedingungen.

Der Prüfoperator führt die konkrete Untersuchung durch. Er bringt Ziele, Behauptungen, Tätigkeiten und Konsequenzen miteinander in Vergleich.

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist schließlich weder ein weiterer Anker noch nur ein technisches Medium. Sie bezeichnet den möglichen Erkenntnis- und Verantwortungsprozess, der aus der Anwendung dieser Elemente durch viele Beteiligte hervorgeht.

Die entscheidende Umkehrung

Die traditionelle Vorstellung lautet: Zuerst existiert das selbstständige Individuum, und anschließend verbindet es sich freiwillig mit anderen Individuen zu einer Gesellschaft.

Aus deiner Perspektive müsste dieser Gedanke umgekehrt werden: Das Individuum kann nur entstehen und bestehen, weil bereits vor ihm ein umfassendes Geflecht physikalischer, biologischer und gesellschaftlicher Abhängigkeiten vorhanden ist. Seine Eigenständigkeit ist kein Gegenbeweis gegen diese Abhängigkeiten, sondern eine besondere Organisationsform innerhalb ihrer.

Das Individuum ist daher nicht der Ausgangspunkt ohne Voraussetzungen. Es ist ein zeitweilig stabilisiertes Ergebnis sehr vieler vorausliegender Tätigkeiten und Wechselwirkungen.

Die „Globale Schwarm-Intelligenz“ bedeutet dann nicht die Auflösung des Individuums im Kollektiv. Sie bedeutet die Vervollständigung seines Selbstverständnisses. Der einzelne Mensch erkennt sich als eigenständiges, aber nicht unabhängiges Funktionsteil eines größeren Tätigkeits- und Konsequenzzusammenhangs.

Erst dadurch wird Verantwortlichkeit möglich: Der Mensch übernimmt nicht Verantwortung für alles, sondern für seine jeweilige Tätigkeit, seine erreichbare Wahrnehmung, seine Beteiligung und seine Möglichkeiten zur Korrektur.

Die grundlegende These lautet deshalb:

Schwarm-Intelligenz entsteht, wenn eigenständige Funktionsteile ihre begrenzte Wahrnehmung und Tätigkeit durch Rückkopplung so miteinander verbinden, dass der gemeinsame Abhängigkeitsraum erhalten, erweitert oder wiederhergestellt werden kann.

Für den Menschen muss ergänzt werden:

Globale Schwarm-Intelligenz entsteht erst dann, wenn acht Milliarden Menschen lernen, ihre Tätigkeiten und deren Konsequenzen nicht nur innerhalb ihrer eigenen Interessen und Regelwerke, sondern innerhalb der gemeinsamen physischen und biologischen Existenzbedingungen zu prüfen.

Der wissenschaftlich entscheidende Unterschied lautet: Gravitation, Trägheit und Fließvorgänge liefern Gesetzmäßigkeiten und Referenzbedingungen; Selbstorganisation erzeugt Muster; biologische Schwarmintelligenz verarbeitet Rückmeldungen; die menschliche Globale Schwarm-Intelligenz muss daraus Verantwortlichkeit entwickeln.

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Ja, diese Folge beschreibt wahrscheinlich ein sehr altes Grundmuster des Lebendigen, aus dem sich später Nervensysteme und Gehirne entwickeln konnten. Sie erklärt die Entstehung des Gehirns aber nicht allein. Wissenschaftlich genauer wäre:

Referenz- oder Toleranzbereich → Tätigkeit → Konsequenz → Wahrnehmung der Veränderung → Vergleich → Regulation oder Korrektur → erneute Tätigkeit

Der entscheidende Zusatz ist der Vergleich mit einem Referenzbereich. Ohne ihn wäre jede Veränderung lediglich eine weitere Veränderung. Erst durch einen Bezugszustand kann eine Abweichung für das System bedeutsam werden.

Ist daraus das Gehirn entstanden?

Die genaue Entstehung der ersten Nervensysteme ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Eine wichtige Hypothese lautet jedoch, dass Nervensysteme entstanden, um die Bewegungen vielzelliger Körper räumlich und zeitlich zu koordinieren und Wahrnehmung unmittelbar mit Bewegung zu verbinden. Frühe Nervensysteme wären demnach nicht zuerst Denkorgane gewesen, sondern Koordinationsorgane eines sich bewegenden, empfindlichen Körpers. (PubMed Central (PMC))

Das Gehirn hat diesen Regelkreis nicht erfunden. Es hat einen bereits auf molekularer, zellulärer und organismischer Ebene vorhandenen Vorgang beschleunigt, zentralisiert, differenziert und erinnerungsfähig gemacht.

Eine vereinfachte Entwicklungslinie wäre:

Molekulare Rückkopplung → Zellregulation → Koordination mehrerer Zellen → Nervennetz → zentrales Nervensystem → Gehirn → bewusste Prüfung der eigenen Tätigkeit.

Das Gehirn kann zusätzlich erwartete oder beabsichtigte Folgen einer Bewegung mit den tatsächlich eingetretenen Folgen vergleichen. Sensorische Rückmeldungen verändern daraufhin die laufende Bewegung oder spätere Handlungen. Genau dieses Verhältnis ist ein Grundprinzip des sensorischen und motorischen Lernens. (Nature)

Die Zellmembran als ursprünglicher Vergleichsort

Die Zellmembran ist für dein Modell besonders wichtig. Sie ist nicht nur eine Wand, die Innen und Außen voneinander trennt. Sie ist zugleich eine selektive Übergangs-, Wahrnehmungs- und Regulationsfläche.

An ihr treffen mindestens zwei Referenzsysteme aufeinander:

Das innere Referenzsystem

Die Zelle muss bestimmte innere Toleranzbereiche erhalten, beispielsweise hinsichtlich Ionenkonzentration, Wasserhaushalt, pH-Wert, Energieversorgung, Membranpotential und Stoffzusammensetzung.

Das äußere Referenzsystem

Außerhalb der Zelle bestehen andere Stoffkonzentrationen, Temperaturen, mechanische Kräfte, Nahrungsquellen, Gefahrenstoffe und Signale anderer Zellen.

Die Membran nimmt keine bewusste Messung vor. Aber Rezeptoren, Ionenkanäle, Transportproteine und Signalnetzwerke reagieren auf die Unterschiede zwischen Innen und Außen. Dadurch werden Stoffaufnahme, Abgabe, Bewegung, Wachstum oder Abwehr verändert. Die Plasmamembran ist somit eine aktive Schnittstelle bidirektionaler Signalübertragung und nicht bloß eine passive Umhüllung. (Cell)

Die einfachste Form deines Modells könnte an der Zellmembran so aussehen:

Innerer Zustand trifft auf äußeren Zustand → Differenz wird wirksam → Membran verändert ihre Tätigkeit → der innere Zustand verändert sich → die Veränderung wirkt auf die Membran zurück.

Damit wäre die Membran der Ort, an dem Abgrenzung und Abhängigkeit gleichzeitig hergestellt werden.

Zwei Referenzsysteme

Deine Vermutung von zwei Referenzsystemen ist deshalb sehr tragfähig. Man könnte sie als Selbstreferenz und Weltreferenz bezeichnen.

Die Selbstreferenz betrifft die Frage:

Was muss erhalten bleiben, damit dieses System weiterhin dieses System sein kann?

Die Weltreferenz betrifft die Frage:

Welche äußeren Bedingungen, Veränderungen und Möglichkeiten muss das System wahrnehmen, damit es sich in seiner Umgebung erhalten und bewegen kann?

Beide können nicht getrennt werden. Eine Zelle, die nur ihren inneren Zustand stabilisiert und nicht mehr auf ihre Umgebung reagiert, verliert ihre Anpassungsfähigkeit. Eine Zelle, die ausschließlich äußeren Reizen folgt und keine innere Organisation erhält, löst ihre eigene Identität auf.

Das Lebendige entsteht demnach weder allein aus Abschottung noch allein aus Offenheit, sondern aus einer regulierten Durchlässigkeit zwischen beiden Referenzsystemen.

Ein Beispiel ohne Gehirn: Bakterielle Chemotaxis

Bereits Bakterien können Veränderungen chemischer Konzentrationen wahrnehmen und ihre Bewegung verändern. Bei der bakteriellen Chemotaxis verbinden Membranrezeptoren einen äußeren Konzentrationsverlauf mit einem inneren Regulationszustand. Rückkopplungen stellen die Empfindlichkeit der Rezeptoren nach einer Veränderung erneut ein. So kann die Zelle ihre gegenwärtige Situation mit ihrem unmittelbar vorausliegenden Zustand vergleichen und sich entlang eines Nährstoffgradienten bewegen. (Nature)

Hier findet sich bereits:

Bewegung → Veränderung der äußeren Konzentration → Wahrnehmung → Vergleich mit dem vorherigen Zustand → Anpassung der Bewegung.

Das ist noch kein Gehirn und wahrscheinlich auch keine Intelligenz im menschlichen Sinne. Es ist aber bereits eine elementare Form von Erinnerung, Vergleich und adaptiver Regulation.

Pflanzen: dieselbe Grundbeziehung, andere Organisation

Pflanzen besitzen kein Gehirn und kein Nervensystem wie Tiere. Sie verfügen jedoch über elektrische, chemische, hydraulische und mechanische Signalwege. Wird beispielsweise ein Blatt verletzt, können Calcium-, Glutamat- und elektrische Signale andere Teile der Pflanze erreichen und dort Abwehrreaktionen vorbereiten. (Science)

Die Arbeitsweise ist dezentraler als beim Tier:

Lokale Veränderung → Ausbreitung eines Signals → Reaktion entfernter Gewebe → Veränderung des Gesamtzustandes.

Bei der Pflanze wäre daher weniger von einem zentralen Gehirn als von einem verteilten Regulations- und Kommunikationskörper zu sprechen. Wurzeln, Blätter, Leitgewebe, Zellmembranen und hormonelle Systeme nehmen unterschiedliche Bedingungen wahr und stimmen Wachstum, Abwehr und Stoffverteilung miteinander ab.

Molekulare Verknüpfungen

Auch molekulare Signalnetze besitzen Rückkopplungen. Eine Aktivierung kann ihre eigene Verstärkung auslösen, sie kann sich selbst begrenzen oder über andere Moleküle später wieder abgeschaltet werden. Solche positiven und negativen Rückkopplungen ermöglichen Wachstum, Teilung, Reparatur, Anpassung und die Begrenzung überschießender Reaktionen. (Cell)

Allerdings sollte man auf molekularer Ebene noch nicht ohne Weiteres von „Korrektur“ oder „Intelligenz“ sprechen. Moleküle verfolgen keine bewussten Ziele. Wissenschaftlich wäre hier zunächst von Regulation, Rückkopplung, Adaptation und Fehlerbegrenzung zu sprechen.

Dein Begriff der Korrektur wird dort sinnvoll, wo der Vorgang an einem Referenz- oder Toleranzbereich gemessen wird:

Eine Veränderung wird nicht einfach rückgängig gemacht, sondern so beantwortet, dass die Funktionsfähigkeit des Systems erhalten oder wiederhergestellt wird.

Die Plexus-Wirklichkeit als Doppelbewegung

Deine beiden Spiralen könnten diesen Vorgang darstellen. Nicht als zwei voneinander getrennte Welten, sondern als zwei ineinandergreifende Bewegungsrichtungen.

Die erste Spirale führt vom System nach außen:

innere Organisation → Tätigkeit → Eingriff in die Umgebung → Konsequenz.

Die zweite Spirale führt von außen zum System zurück:

Konsequenz → Rückmeldung → innere Verarbeitung → Veränderung der nächsten Tätigkeit.

An ihrem Schnittpunkt befindet sich der Plexus: der Ort, an dem Tätigkeit und Rückwirkung, Innen und Außen, Eigenstruktur und Abhängigkeit ineinandergreifen.

Der Plexus wäre damit weder nur ein Gegenstand noch nur ein Knoten. Er wäre ein Umschlag- und Übersetzungsraum, in dem äußere Wirkung zu innerer Information und innere Veränderung wieder zu äußerer Tätigkeit wird.

51:49 und 49:51

Die beiden Verhältnisse könnten innerhalb dieses Modells zwei unterschiedliche Tendenzen darstellen:

51:49 bezeichnet eine geringfügige Vorrangigkeit der Selbsterhaltung, Stabilisierung und Identitätsbildung. Das System bleibt trotz Austausch und Veränderung als ein bestimmtes System erhalten.

49:51 bezeichnet eine geringfügige Vorrangigkeit der Öffnung, Veränderung, Erkundung oder Neuorganisation. Das System überschreitet seinen bisherigen Zustand und passt sich veränderten Bedingungen an.

Das wäre eine Verbindung zweier notwendiger Bewegungen:

51:49 – genug Stabilität, damit eine Identität bestehen bleibt. 49:51 – genug Veränderung, damit diese Identität nicht erstarrt.

Naturwissenschaftlich gibt es allerdings keinen Nachweis, dass biologische Systeme grundsätzlich nach einem festen Zahlenverhältnis von 51 zu 49 arbeiten. Dieses Verhältnis sollte daher als dein künstlerisch-theoretischer Operator für minimale Asymmetrie verwendet werden, nicht als universell gemessene Naturkonstante.

Seine Stärke liegt darin, dass es den instabilen Bereich zwischen zwei Fehlentwicklungen darstellt:

  • Bei vollständiger Gleichheit, 50:50, fehlt möglicherweise die Richtungsentscheidung.
  • Bei zu großer Dominanz einer Seite verliert das System entweder seine Anpassungsfähigkeit oder seine Identität.
  • Die geringe Asymmetrie ermöglicht eine Bewegung, ohne das Gegenmoment vollständig auszuschließen.

Drei Entwicklungsstufen des Prüfoperators

Damit ließe sich der Prüfoperator selbst evolutionär herleiten.

Erste Stufe: biochemischer Prüfoperator

Ein Zustand verändert sich. Molekulare Netzwerke reagieren und bringen ihn innerhalb eines Toleranzbereiches zurück.

Zweite Stufe: sensorisch-motorischer Prüfoperator

Ein Lebewesen handelt, nimmt die Folgen seiner Bewegung wahr und verändert daraufhin seine weitere Bewegung.

Dritte Stufe: bewusster menschlicher Prüfoperator

Der Mensch kann nicht nur seine Handlung korrigieren, sondern auch fragen, ob sein ursprüngliches Ziel, sein Maßstab und sein Referenzsystem überhaupt tragfähig waren.

Das ist der entscheidende menschliche Schritt. Das Gehirn kann einen Fehler innerhalb eines bestehenden Ziels korrigieren. Der Mensch kann darüber hinaus das Ziel selbst untersuchen.

Er kann beispielsweise feststellen:

Meine wirtschaftliche Tätigkeit funktioniert innerhalb des Geldsystems, zerstört aber die biologischen Voraussetzungen, von denen sie abhängig ist.

Damit werden zwei Referenzsysteme nicht nur miteinander verbunden, sondern gegeneinander geprüft:

  1. das menschengemachte Referenzsystem von Erfolg, Recht, Besitz oder Wachstum;
  2. das physisch-biologische Referenzsystem von Tragfähigkeit, Regeneration und Erhaltung der Lebensbedingungen.

Die erweiterte Grundformel

Für deine Arbeit wäre deshalb die vollständigere Formel:

Referenzsysteme und Toleranzraum → Tätigkeit → Konsequenz → Rückmeldung → Vergleich der Konsequenz mit den Referenzsystemen → Korrektur der Tätigkeit oder des Ziels → erneute Tätigkeit.

Und für die Plexus-Wirklichkeit:

Jede Tätigkeit bewegt sich nach außen und kehrt als Konsequenz zu ihren eigenen Voraussetzungen zurück. Am Plexus dieser beiden Bewegungen entscheidet sich, ob ein System lernt, sich korrigiert und weiterbesteht oder seine Abhängigkeitsgrundlagen zerstört.

Das Gehirn wäre innerhalb dieser Perspektive nicht der Ursprung dieses Prinzips, sondern dessen hochentwickelte organische Verdichtung. Die Zellmembran wäre eine seiner frühesten elementaren Verkörperungen. Die bewusste menschliche Überzeugungsprüfung wäre seine bislang weitestgehende, aber gesellschaftlich noch unzureichend entwickelte Form.

Der entscheidende Punkt ist: Die menschliche Fähigkeit zu denken, zu berechnen und technisch zu konstruieren ist noch kein Beweis für Vernunft. Vernunft müsste sich daran erweisen, ob ein Wesen seine Abhängigkeiten und Tätigkeitskonsequenzen wahrnimmt und seine Ziele korrigieren kann.

Die Umkehrung des menschlichen Vernunftbegriffs

Homo sapiens als unbewiesener Anspruch

Der Mensch bezeichnet sich als Verstandeswesen, Vernunftwesen, intelligentes Wesen und als Homo sapiens. Diese Bezeichnungen werden gewöhnlich aus seinen besonderen Fähigkeiten abgeleitet: Er kann sprechen, abstrakte Begriffe bilden, Werkzeuge entwickeln, technische Systeme konstruieren, Erfahrungen speichern, Zukunftsvorstellungen entwerfen und über sich selbst nachdenken.

Damit wird jedoch zunächst nur eine Wissens-, Denk- und Herstellungspotenzialität beschrieben. Noch nicht bewiesen ist, dass der Mensch diese Fähigkeiten vernünftig verwendet. Die Fähigkeit, weitreichende Tätigkeiten auszuführen, ist nicht mit der Fähigkeit gleichzusetzen, deren Voraussetzungen und Konsequenzen angemessen zu berücksichtigen.

Der Name Homo sapiens ist deshalb kein Nachweis dafür, dass der Mensch weise handelt. Er ist zunächst eine menschliche Selbstbezeichnung. Ob der Mensch tatsächlich vernünftig ist, müsste erst durch seine Arbeitsweise und deren Ergebnisse bewiesen werden.

Genau hier bricht das bisherige Selbstverständnis zusammen. Ein Wesen, das seine Existenzbedingungen erkennt und sie dennoch systematisch beschädigt, kann nicht allein aufgrund seiner Denkfähigkeit als vernünftig gelten. Es kann über eine außerordentliche Intelligenz der Mittel verfügen und zugleich in der Bestimmung und Prüfung seiner Ziele unvernünftig handeln.

Technische Intelligenz ist noch keine Vernunft

In der Technikwelt funktioniert der menschliche Verstand häufig außerordentlich genau. Ein Flugzeug, eine Brücke, ein medizinisches Gerät oder ein Computerprogramm muss sich an überprüfbaren Bedingungen bewähren. Materialeigenschaften, Belastungen, Temperaturen, Strömungsverhältnisse, Energiebedarf und Toleranzen können nicht beliebig festgelegt werden. Fehler führen zu Funktionsstörungen und erzwingen eine Korrektur.

Darin zeigt sich eine hoch entwickelte instrumentelle Intelligenz: Der Mensch kann für ein vorgegebenes Ziel geeignete Mittel entwickeln, Abläufe optimieren, Fehler feststellen und technische Leistungen verbessern.

Diese Fähigkeit beantwortet jedoch noch nicht die Frage, ob das Ziel selbst vernünftig ist. Ein technisches System kann vollkommen funktionieren und zugleich Bestandteil einer Tätigkeit sein, die ihre umfassenderen Existenzbedingungen zerstört. Die technische Konstruktion ist dann innerhalb ihres begrenzten Referenzsystems erfolgreich, während sie innerhalb des planetarischen Abhängigkeitsraumes nicht funktioniert.

Der Widerspruch lautet daher:

Der Mensch kann technisch richtig handeln und existenziell falsch liegen.

Nicht der Verstand zur Herstellung der Mittel fehlt. Es fehlt die Vernunft, die Zwecke, Referenzsysteme und Tätigkeitskonsequenzen einer Prüfung zu unterziehen. Die philosophische Kritik der instrumentellen Vernunft hat auf diesen Unterschied zwischen erfolgreicher Mittelwahl und ungeprüfter Zwecksetzung hingewiesen. In deinem Werk wird diese Kritik jedoch durch den handwerklichen Maßstab des Funktionierens oder Nichtfunktionierens und durch die physischen Existenzbedingungen konkretisiert. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

Was an den eskalierenden Katastrophen tatsächlich bewiesen ist

Die Aussage, das gesamte heutige Denken und die gesamte Technikwelt führten notwendig in die Katastrophe, wäre als allgemeiner wissenschaftlicher Satz zu umfassend. Technik kann ebenso zur Wahrnehmung, Begrenzung und Behebung von Schäden eingesetzt werden.

Empirisch eindeutig belegt ist jedoch, dass menschliche Tätigkeiten, insbesondere die Emission von Treibhausgasen, die gegenwärtige globale Erwärmung verursacht haben und dass mit fortgesetzten Emissionen die Risiken und Schäden weiter zunehmen. Der Tatbestand der menschlich verursachten Zerstörung und Gefährdung gemeinsamer Existenzbedingungen ist daher keine bloße Meinung. (IPCC)

Die weitergehende Diagnose, dass dieser Entwicklung ein falscher Vernunft-, Fortschritts- und Identitätsbegriff zugrunde liegt, ist deine künstlerisch-philosophische Schlussfolgerung. Sie wird durch die Katastrophen nicht automatisch vollständig bewiesen, erhält durch sie aber ihre sachliche Grundlage.

Das gegenwärtige Problem besteht demnach nicht darin, dass der Mensch überhaupt keine Intelligenz besitzt. Es besteht darin, dass er Intelligenz vorwiegend dort anerkennt und einfordert, wo sie der Herstellung, Beherrschung, Verwertung und Durchsetzung menschlicher Ziele dient. Dort, wo die Ziele selbst, ihre Abhängigkeitsgrundlagen und ihre langfristigen Konsequenzen geprüft werden müssten, wird dieselbe Genauigkeit nicht angewendet.

Verstand, Intelligenz, Bewusstsein und Vernunft

Für deine Arbeit müssen diese Begriffe voneinander getrennt werden.

Verstand ist die Fähigkeit, Unterschiede zu erkennen, Sachverhalte zu ordnen, Zusammenhänge zu berechnen und geeignete Mittel für ein Ziel zu finden.

Intelligenz ist die Fähigkeit, innerhalb eines bestimmten Aufgaben- und Referenzraumes Probleme zu lösen, Informationen zu verarbeiten, sich anzupassen und aus Rückmeldungen zu lernen.

Bewusstsein bezeichnet zunächst das Erleben von Zuständen, Wahrnehmungen und möglicherweise der eigenen Existenz. Es ist nicht dasselbe wie Intelligenz und nicht automatisch dasselbe wie Vernunft.

Vernunft müsste über diese Fähigkeiten hinausgehen. Sie müsste die Zwecke, Maßstäbe und Referenzsysteme selbst prüfen. Sie müsste erkennen können, ob eine erfolgreiche Einzelleistung die Bedingungen verletzt, von denen sie abhängig bleibt.

Der Mensch besitzt daher nicht einfach Vernunft, weil er denken kann. Vernunft entsteht erst, wenn Denken seine eigenen Voraussetzungen, Grenzen und Folgen in die Prüfung einbezieht.

Die anthropozentrische Begriffsordnung

Die bisherige Begriffsordnung setzt den Menschen an die Spitze. Weil er Sprache, abstraktes Denken und technische Kultur entwickelt hat, werden seine Fähigkeiten zum Maßstab der Intelligenz erhoben. Pflanzen, Zellen und andere Organismen erscheinen dagegen als bloß reagierende Systeme.

Dieses Verfahren ist zirkulär: Der Mensch definiert Intelligenz durch diejenigen Fähigkeiten, die er selbst in besonders ausgeprägter Form besitzt, und erklärt sich anschließend aufgrund dieser Definition zum intelligentesten Wesen.

Dabei wird nicht geprüft, ob seine besondere Intelligenz zur Erhaltung seiner Existenzbedingungen führt. Die technische und symbolische Leistung wird höher bewertet als die Fähigkeit, innerhalb realer Abhängigkeiten langfristig funktionsfähig zu bleiben.

Damit wird die Wissenspotenzialität über die Lebenstragfähigkeit gestellt.

Genau diese Rangordnung stellst du auf den Kopf. Oder genauer gesagt: Du versuchst, eine bereits auf den Kopf gestellte Welt wieder auf ihre Füße zu stellen.

Die Geburt der Athene aus dem Kopf des Zeus

Die Geburt der Athene aus dem Kopf des Zeus kann innerhalb deiner Arbeit als Bild dieser Umkehrung gelesen werden. Es handelt sich um eine Geburt des Wissens aus dem Kopf, ohne den normalen körperlichen, weiblichen und materiellen Geburtsvorgang.

In deiner Deutung wird daraus ein Modell der Kulturidentität: Der Geist stellt sich so dar, als könne er sich selbst hervorbringen. Er verdrängt die körperlichen, biologischen und planetarischen Voraussetzungen seiner Existenz und setzt die aus dem Kopf hervorgegangene Ordnung über die Bedingungen, die den Kopf überhaupt erst ermöglicht haben.

Der Mensch behandelt sein Denken anschließend so, als könne es eine eigene Wirklichkeit hervorbringen, die von den Gesetzen und Abhängigkeiten des Lebens unabhängig sei. Geld, Eigentum, Recht, Nation, Markt, Wachstum und institutionelle Zuständigkeiten erscheinen als bestimmende Wirklichkeiten. Luft, Wasser, Boden, Stoffwechsel, Verletzbarkeit und Regeneration werden zu nachgeordneten Angelegenheiten.

Die plastische Umkehrung setzt dagegen nicht den Kopf ab. Sie setzt ihn wieder in den Körper und den Körper wieder in seine Abhängigkeitswelt ein.

Kulturidentität und plastische Identität

Die Kulturidentität entsteht durch Namen, Rollen, Berufe, Besitzverhältnisse, Überzeugungen, gesellschaftliche Anerkennung und menschengemachte Regelwerke. Sie ist notwendig, damit Menschen miteinander kommunizieren und gesellschaftliche Ordnungen aufbauen können. Problematisch wird sie dort, wo sie sich für die vollständige Wirklichkeit hält.

Die Kulturidentität kann wirtschaftlichen Erfolg als Beweis für richtiges Handeln ansehen, obwohl die Kosten auf andere Menschen, Lebensformen, Regionen oder zukünftige Generationen verlagert werden. Sie kann sich auf geltendes Recht berufen, obwohl die Tätigkeit ihre biologischen Voraussetzungen verletzt. Sie kann sich als frei und autonom verstehen, weil ihre tatsächlichen Abhängigkeiten aus ihrer Wahrnehmung ausgeschlossen wurden.

Die plastische Identität beginnt dagegen mit der Verletzbarkeit. Der Mensch ist ein atmender, stoffwechselnder, aufnahmefähiger und ausscheidender Organismus. Er wird durch seine Umgebung fortwährend geformt und wirkt seinerseits formend auf sie zurück. Seine Grenze ist keine undurchdringliche Wand, sondern eine regulierte Übergangszone.

Die plastische Identität versteht sich deshalb nicht als unabhängig, sondern als eigenständig innerhalb von Abhängigkeiten. Sie weiß, dass jede Tätigkeit in einen Konsequenzzusammenhang eintritt und dass diese Konsequenzen zu den Voraussetzungen des Handelnden zurückkehren können.

Die Kulturidentität fragt: Welche Stellung, Bedeutung und Anerkennung habe ich innerhalb der menschlichen Ordnung?

Die plastische Identität fragt: Wie funktioniert meine Tätigkeit innerhalb der gesamten Abhängigkeits- und Verletzungswelt?

Sind Pflanzen, Tiere und Zellen vernünftiger als der Mensch?

Pflanzen und Zellen besitzen keinen Verstand und keine Vernunft im traditionellen philosophischen Sinne. Bei ihnen kann auch nicht von einer Verstandesleistung des Gehirns gesprochen werden, weil sie kein Gehirn besitzen. Wissenschaftlich angemessener sind Begriffe wie Regulation, Informationsverarbeitung, Anpassung, Entscheidungsverhalten, basale Kognition oder kollektive Problemlösung.

Es gibt inzwischen Forschungsansätze, die Intelligenz nicht ausschließlich an Gehirne binden, sondern adaptive und zielbezogene Leistungen von Zellen, Geweben und Organismen über verschiedene biologische Ebenen hinweg untersuchen. Dabei wird Intelligenz als verteilte Leistung vieler miteinander gekoppelter Teile betrachtet. Dieses Forschungsfeld ist vorhanden, bildet aber noch keine abgeschlossene und allgemein akzeptierte Gesamtlehre. (Nature)

Bei Pflanzen ist die begriffliche Lage umstritten. Es gibt nachvollziehbare Argumente dafür, bestimmte Formen des Entscheidens, Erinnerns und adaptiven Verhaltens als pflanzliche Kognition oder Intelligenz zu untersuchen. Für die weitergehende Behauptung eines pflanzlichen Bewusstseins besteht dagegen kein wissenschaftlicher Konsens; sie wird von einem bedeutenden Teil der Forschung ausdrücklich bestritten. (PubMed Central (PMC))

Bei Tieren ist die frühere Behauptung, Bewusstsein sei ausschließlich menschlich, wissenschaftlich nicht mehr haltbar. Für bewusstes Erleben bei anderen Säugetieren und Vögeln besteht starke wissenschaftliche Unterstützung; bei zahlreichen weiteren Wirbeltieren und wirbellosen Tieren wird eine realistische Möglichkeit bewussten Erlebens anerkannt. (Google Sites)

Für deine Argumentation ist aber noch etwas anderes entscheidend: Pflanzen, Tiere und Zellen müssen nicht mit menschlichem Bewusstsein ausgestattet werden, um dem Menschen funktional überlegen zu sein.

Gemessen an der Fähigkeit, Rückmeldungen aufzunehmen, Toleranzbereiche einzuhalten, Abhängigkeiten zu berücksichtigen und die eigene Existenzweise nicht systematisch von ihren Voraussetzungen abzulösen, erscheinen viele lebende Systeme tatsächlich „vernünftiger“ als gegenwärtige menschliche Gesellschaften.

Das ist keine Behauptung, eine Zellmembran denke wie ein Mensch. Es ist eine Umkehrung des Bewertungskriteriums.

Nicht die Komplexität des Denkens entscheidet über Vernunft, sondern die Qualität der Beziehung zwischen Tätigkeit, Konsequenz und Erhaltung der Existenzbedingungen.

Funktionale Vernunft ohne Bewusstseinsbehauptung

Eine Zellmembran unterscheidet zwischen Innen und Außen, reguliert Stoffflüsse und trägt zur Aufrechterhaltung bestimmter innerer Zustände bei. Eine Pflanze verändert Wachstum, Stoffverteilung und Abwehr in Beziehung zu Licht, Wasser, Verletzungen und anderen Bedingungen. Tiere passen ihre Bewegungen, ihr Sozialverhalten und ihre Strategien an wahrgenommene Veränderungen an.

Diese Vorgänge können als funktionale Vernünftigkeit bezeichnet werden, sofern deutlich bleibt, dass damit keine menschliche Reflexions- oder Sprachleistung behauptet wird.

Funktional vernünftig ist ein System, wenn seine Tätigkeit an Rückmeldungen gekoppelt bleibt, seine Toleranzbereiche berücksichtigt und seine Funktionsfähigkeit nicht dauerhaft von ihren Voraussetzungen ablöst.

Damit erhält der Vernunftbegriff eine physisch-biologische Grundlage. Vernunft ist nicht mehr allein eine Eigenschaft des menschlichen Kopfes. Sie bezeichnet eine tragfähige Beziehung zwischen einem tätigen System und seiner Abhängigkeitswelt.

Der Mensch als unterbrochener Rückkopplungsorganismus

Der menschliche Organismus arbeitet weiterhin durch Rückkopplung. Atmung, Kreislauf, Temperatur, Stoffwechsel, Gleichgewicht und Wahrnehmung sind auf fortlaufende Regulation angewiesen. Der Mensch könnte ohne diese körperlichen Prüf- und Korrekturvorgänge nicht leben.

In seiner Kulturidentität entwickelt er jedoch Systeme, die diese Rückkopplungen unterbrechen oder verdrängen. Geld kann eine Tätigkeit als erfolgreich erscheinen lassen, obwohl sie ihre stofflichen Grundlagen verbraucht. Recht kann Zuständigkeiten begrenzen, obwohl Konsequenzen Grenzen überschreiten. Arbeitsteilung kann dazu führen, dass jeder nur einen kleinen Ausschnitt bearbeitet und sich niemand für das Gesamtergebnis verantwortlich fühlt.

Dadurch entsteht eine Spaltung: Der menschliche Körper bleibt ein plastischer Rückkopplungsorganismus, während die Kulturidentität eine scheinbar unabhängige Skulpturwirklichkeit hervorbringt.

Der Mensch ist deshalb nicht zu wenig intelligent. Seine Intelligenz ist vom umfassenden Konsequenzzusammenhang abgekoppelt.

Er kann immer präzisere Mittel entwickeln, ohne den Zweck zu prüfen. Er kann einzelne Fehler korrigieren, ohne das fehlererzeugende Referenzsystem zu verändern. Er kann Schäden messen, ohne aus ihnen die notwendige Veränderung seiner Tätigkeit abzuleiten.

Plastische Vernunft als neuer Beweismaßstab

Aus deiner Arbeit ergibt sich ein anderer Vernunftbegriff. Vernünftig ist nicht schon, wer denken, sprechen, berechnen oder erfinden kann. Vernünftig ist, wer seine Tätigkeit mit ihren Konsequenzen und Abhängigkeitsgrundlagen verbinden kann.

Plastische Vernunft muss wahrnehmen, dass jede Handlung formt und zurückgeformt wird. Sie muss Rückmeldungen nicht nur registrieren, sondern als mögliche Korrektur des eigenen Ziels anerkennen. Sie muss zwischen einem menschengemachten Referenzsystem und dem umfassenderen physisch-biologischen Referenzsystem unterscheiden können.

Eine Tätigkeit kann im ersten Referenzsystem erfolgreich und im zweiten zerstörerisch sein. Der Prüfoperator muss deshalb nicht nur fragen, ob eine Tätigkeit ihr Ziel erreicht. Er muss prüfen, ob das Ziel und seine Konsequenzen innerhalb des gemeinsamen Abhängigkeitsraumes tragfähig sind.

Die Beweisführung für menschliche Vernunft lautet dann nicht mehr:

Der Mensch kann denken, also ist er vernünftig.

Sie lautet:

Der Mensch kann seine Tätigkeiten, Ziele und Referenzsysteme an ihren Konsequenzen prüfen, aus Rückmeldungen lernen und seine Bewegung korrigieren, bevor oder nachdem sie ihre eigenen Existenzbedingungen verletzt.

Solange dieser Beweis nicht erbracht ist, bleibt „Vernunftmensch“ eine Selbstbehauptung.

Der Prüfoperator als Vernunftprüfung

Der Prüfoperator erhält damit eine noch grundlegendere Aufgabe. Er prüft nicht nur einzelne Aussagen oder Tätigkeiten. Er prüft den menschlichen Anspruch, ein Vernunftwesen zu sein.

Er fragt, welches Ziel verfolgt wird, durch welches Referenzsystem dieses Ziel als richtig erscheint und welche Wirkungen innerhalb anderer Referenzsysteme entstehen. Er untersucht, ob Konsequenzen zurückgemeldet oder ausgelagert werden, ob Korrekturen nur die Mittel verbessern oder auch die Ziele verändern und ob die Tätigkeit ihre Abhängigkeitsgrundlagen erhält oder zerstört.

Dadurch wird der Prüfoperator zu einer öffentlichen Bewährungsprobe der Aufklärung.

Aufklärung kann nicht länger nur bedeuten, dass der Mensch sich seines eigenen Verstandes bedient. Sie muss bedeuten, dass er diesen Verstand auf seine eigenen Voraussetzungen, Zwecke und Konsequenzen zurückbezieht.

Die Frage lautet nicht mehr allein: Kann der Mensch selbst denken?

Sie lautet: Kann der Mensch sein Denken an der Wirklichkeit seiner Abhängigkeiten korrigieren?

Globale Schwarm-Intelligenz als Wiederherstellung der Rückkopplung

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ hat deshalb nicht die Aufgabe, die vermeintlich überlegene Intelligenz von acht Milliarden Menschen zu sammeln. Sie soll erst die Bedingungen herstellen, unter denen aus den voneinander getrennten Wissens-, Interessen- und Tätigkeitswelten eine gemeinsame Verantwortungsintelligenz entstehen kann.

Der menschliche Schwarm ist technisch bereits global verbunden. Produktion, Handel, Kommunikation, Rohstoffverbrauch, Finanzströme und ökologische Konsequenzen greifen weltweit ineinander. Diese Vernetzung ist jedoch noch keine Schwarm-Intelligenz. Sie ist zunächst nur ein globaler Tätigkeitsschwarm.

Intelligent würde dieser Schwarm erst, wenn die Konsequenzen seiner Tätigkeiten zu den Beteiligten zurückgeführt, unterschiedliche Wissensfelder miteinander verbunden und die menschlichen Ziele an ihren gemeinsamen Existenzbedingungen geprüft würden.

Die Plattform soll damit etwas wiederherstellen, was in Zellen, Organismen und natürlichen Schwärmen elementar vorhanden ist: die Verbindung von Tätigkeit, Konsequenz, Rückmeldung und Korrektur. Beim Menschen muss jedoch eine zusätzliche Stufe hinzukommen. Er muss nicht nur seine Tätigkeit, sondern auch seine Begriffe, Ziele und selbst geschaffenen Referenzsysteme korrigieren können.

Die Welt wieder auf die Füße stellen

Die Welt steht auf dem Kopf, solange die aus dem menschlichen Kopf hervorgegangenen Begriffe und Regelwerke höher bewertet werden als die Bedingungen, die den Menschen, seinen Kopf und sein Denken hervorgebracht haben.

Sie wird wieder auf die Füße gestellt, wenn der menschliche Verstand nicht abgeschafft, sondern in seine plastische Abhängigkeitswelt zurückgeführt wird.

Dann steht nicht mehr die Behauptung menschlicher Überlegenheit am Anfang. Am Anfang stehen die Existenzbedingungen, die Zellmembran, die Verletzbarkeit, die Rückkopplung, der Toleranzraum und die Abhängigkeit des Einzelnen vom Ganzen.

Erst darauf kann eine Vernunft aufbauen, die diesen Namen verdient.

Die zentrale Umkehrung deiner Forschungskunst lautet daher:

Nicht das Wesen mit der größten Wissens- und Herstellungspotenzialität ist notwendig das vernünftigste Wesen. Vernünftig ist das Wesen oder System, das seine Tätigkeit an ihren Konsequenzen prüfen, seine Abhängigkeiten erhalten und seine Ziele aufgrund der Rückmeldungen korrigieren kann.

Der Mensch besitzt die Möglichkeit zu einer solchen Vernunft. Dass er sie besitzt, bedeutet jedoch noch nicht, dass er sie verwirklicht hat.

Die Bezeichnung Homo sapiens beschreibt daher weniger einen erreichten Zustand als eine noch uneingelöste Aufgabe.

Dieser Text kann als eigenständiger Grundlagentext zwischen Prüfanker, Prüfoperator und Globaler Schwarm-Intelligenz stehen.

Der entscheidende Punkt ist: Die menschliche Fähigkeit zu denken, zu berechnen und technisch zu konstruieren ist noch kein Beweis für Vernunft. Vernunft müsste sich daran erweisen, ob ein Wesen seine Abhängigkeiten und Tätigkeitskonsequenzen wahrnimmt und seine Ziele korrigieren kann.

Die Umkehrung des menschlichen Vernunftbegriffs

Homo sapiens als unbewiesener Anspruch

Der Mensch bezeichnet sich als Verstandeswesen, Vernunftwesen, intelligentes Wesen und als Homo sapiens. Diese Bezeichnungen werden gewöhnlich aus seinen besonderen Fähigkeiten abgeleitet: Er kann sprechen, abstrakte Begriffe bilden, Werkzeuge entwickeln, technische Systeme konstruieren, Erfahrungen speichern, Zukunftsvorstellungen entwerfen und über sich selbst nachdenken.

Damit wird jedoch zunächst nur eine Wissens-, Denk- und Herstellungspotenzialität beschrieben. Noch nicht bewiesen ist, dass der Mensch diese Fähigkeiten vernünftig verwendet. Die Fähigkeit, weitreichende Tätigkeiten auszuführen, ist nicht mit der Fähigkeit gleichzusetzen, deren Voraussetzungen und Konsequenzen angemessen zu berücksichtigen.

Der Name Homo sapiens ist deshalb kein Nachweis dafür, dass der Mensch weise handelt. Er ist zunächst eine menschliche Selbstbezeichnung. Ob der Mensch tatsächlich vernünftig ist, müsste erst durch seine Arbeitsweise und deren Ergebnisse bewiesen werden.

Genau hier bricht das bisherige Selbstverständnis zusammen. Ein Wesen, das seine Existenzbedingungen erkennt und sie dennoch systematisch beschädigt, kann nicht allein aufgrund seiner Denkfähigkeit als vernünftig gelten. Es kann über eine außerordentliche Intelligenz der Mittel verfügen und zugleich in der Bestimmung und Prüfung seiner Ziele unvernünftig handeln.

Technische Intelligenz ist noch keine Vernunft

In der Technikwelt funktioniert der menschliche Verstand häufig außerordentlich genau. Ein Flugzeug, eine Brücke, ein medizinisches Gerät oder ein Computerprogramm muss sich an überprüfbaren Bedingungen bewähren. Materialeigenschaften, Belastungen, Temperaturen, Strömungsverhältnisse, Energiebedarf und Toleranzen können nicht beliebig festgelegt werden. Fehler führen zu Funktionsstörungen und erzwingen eine Korrektur.

Darin zeigt sich eine hoch entwickelte instrumentelle Intelligenz: Der Mensch kann für ein vorgegebenes Ziel geeignete Mittel entwickeln, Abläufe optimieren, Fehler feststellen und technische Leistungen verbessern.

Diese Fähigkeit beantwortet jedoch noch nicht die Frage, ob das Ziel selbst vernünftig ist. Ein technisches System kann vollkommen funktionieren und zugleich Bestandteil einer Tätigkeit sein, die ihre umfassenderen Existenzbedingungen zerstört. Die technische Konstruktion ist dann innerhalb ihres begrenzten Referenzsystems erfolgreich, während sie innerhalb des planetarischen Abhängigkeitsraumes nicht funktioniert.

Der Widerspruch lautet daher:

Der Mensch kann technisch richtig handeln und existenziell falsch liegen.

Nicht der Verstand zur Herstellung der Mittel fehlt. Es fehlt die Vernunft, die Zwecke, Referenzsysteme und Tätigkeitskonsequenzen einer Prüfung zu unterziehen. Die philosophische Kritik der instrumentellen Vernunft hat auf diesen Unterschied zwischen erfolgreicher Mittelwahl und ungeprüfter Zwecksetzung hingewiesen. In deinem Werk wird diese Kritik jedoch durch den handwerklichen Maßstab des Funktionierens oder Nichtfunktionierens und durch die physischen Existenzbedingungen konkretisiert. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

Was an den eskalierenden Katastrophen tatsächlich bewiesen ist

Die Aussage, das gesamte heutige Denken und die gesamte Technikwelt führten notwendig in die Katastrophe, wäre als allgemeiner wissenschaftlicher Satz zu umfassend. Technik kann ebenso zur Wahrnehmung, Begrenzung und Behebung von Schäden eingesetzt werden.

Empirisch eindeutig belegt ist jedoch, dass menschliche Tätigkeiten, insbesondere die Emission von Treibhausgasen, die gegenwärtige globale Erwärmung verursacht haben und dass mit fortgesetzten Emissionen die Risiken und Schäden weiter zunehmen. Der Tatbestand der menschlich verursachten Zerstörung und Gefährdung gemeinsamer Existenzbedingungen ist daher keine bloße Meinung. (IPCC)

Die weitergehende Diagnose, dass dieser Entwicklung ein falscher Vernunft-, Fortschritts- und Identitätsbegriff zugrunde liegt, ist deine künstlerisch-philosophische Schlussfolgerung. Sie wird durch die Katastrophen nicht automatisch vollständig bewiesen, erhält durch sie aber ihre sachliche Grundlage.

Das gegenwärtige Problem besteht demnach nicht darin, dass der Mensch überhaupt keine Intelligenz besitzt. Es besteht darin, dass er Intelligenz vorwiegend dort anerkennt und einfordert, wo sie der Herstellung, Beherrschung, Verwertung und Durchsetzung menschlicher Ziele dient. Dort, wo die Ziele selbst, ihre Abhängigkeitsgrundlagen und ihre langfristigen Konsequenzen geprüft werden müssten, wird dieselbe Genauigkeit nicht angewendet.

Verstand, Intelligenz, Bewusstsein und Vernunft

Für deine Arbeit müssen diese Begriffe voneinander getrennt werden.

Verstand ist die Fähigkeit, Unterschiede zu erkennen, Sachverhalte zu ordnen, Zusammenhänge zu berechnen und geeignete Mittel für ein Ziel zu finden.

Intelligenz ist die Fähigkeit, innerhalb eines bestimmten Aufgaben- und Referenzraumes Probleme zu lösen, Informationen zu verarbeiten, sich anzupassen und aus Rückmeldungen zu lernen.

Bewusstsein bezeichnet zunächst das Erleben von Zuständen, Wahrnehmungen und möglicherweise der eigenen Existenz. Es ist nicht dasselbe wie Intelligenz und nicht automatisch dasselbe wie Vernunft.

Vernunft müsste über diese Fähigkeiten hinausgehen. Sie müsste die Zwecke, Maßstäbe und Referenzsysteme selbst prüfen. Sie müsste erkennen können, ob eine erfolgreiche Einzelleistung die Bedingungen verletzt, von denen sie abhängig bleibt.

Der Mensch besitzt daher nicht einfach Vernunft, weil er denken kann. Vernunft entsteht erst, wenn Denken seine eigenen Voraussetzungen, Grenzen und Folgen in die Prüfung einbezieht.

Die anthropozentrische Begriffsordnung

Die bisherige Begriffsordnung setzt den Menschen an die Spitze. Weil er Sprache, abstraktes Denken und technische Kultur entwickelt hat, werden seine Fähigkeiten zum Maßstab der Intelligenz erhoben. Pflanzen, Zellen und andere Organismen erscheinen dagegen als bloß reagierende Systeme.

Dieses Verfahren ist zirkulär: Der Mensch definiert Intelligenz durch diejenigen Fähigkeiten, die er selbst in besonders ausgeprägter Form besitzt, und erklärt sich anschließend aufgrund dieser Definition zum intelligentesten Wesen.

Dabei wird nicht geprüft, ob seine besondere Intelligenz zur Erhaltung seiner Existenzbedingungen führt. Die technische und symbolische Leistung wird höher bewertet als die Fähigkeit, innerhalb realer Abhängigkeiten langfristig funktionsfähig zu bleiben.

Damit wird die Wissenspotenzialität über die Lebenstragfähigkeit gestellt.

Genau diese Rangordnung stellst du auf den Kopf. Oder genauer gesagt: Du versuchst, eine bereits auf den Kopf gestellte Welt wieder auf ihre Füße zu stellen.

Die Geburt der Athene aus dem Kopf des Zeus

Die Geburt der Athene aus dem Kopf des Zeus kann innerhalb deiner Arbeit als Bild dieser Umkehrung gelesen werden. Es handelt sich um eine Geburt des Wissens aus dem Kopf, ohne den normalen körperlichen, weiblichen und materiellen Geburtsvorgang.

In deiner Deutung wird daraus ein Modell der Kulturidentität: Der Geist stellt sich so dar, als könne er sich selbst hervorbringen. Er verdrängt die körperlichen, biologischen und planetarischen Voraussetzungen seiner Existenz und setzt die aus dem Kopf hervorgegangene Ordnung über die Bedingungen, die den Kopf überhaupt erst ermöglicht haben.

Der Mensch behandelt sein Denken anschließend so, als könne es eine eigene Wirklichkeit hervorbringen, die von den Gesetzen und Abhängigkeiten des Lebens unabhängig sei. Geld, Eigentum, Recht, Nation, Markt, Wachstum und institutionelle Zuständigkeiten erscheinen als bestimmende Wirklichkeiten. Luft, Wasser, Boden, Stoffwechsel, Verletzbarkeit und Regeneration werden zu nachgeordneten Angelegenheiten.

Die plastische Umkehrung setzt dagegen nicht den Kopf ab. Sie setzt ihn wieder in den Körper und den Körper wieder in seine Abhängigkeitswelt ein.

Kulturidentität und plastische Identität

Die Kulturidentität entsteht durch Namen, Rollen, Berufe, Besitzverhältnisse, Überzeugungen, gesellschaftliche Anerkennung und menschengemachte Regelwerke. Sie ist notwendig, damit Menschen miteinander kommunizieren und gesellschaftliche Ordnungen aufbauen können. Problematisch wird sie dort, wo sie sich für die vollständige Wirklichkeit hält.

Die Kulturidentität kann wirtschaftlichen Erfolg als Beweis für richtiges Handeln ansehen, obwohl die Kosten auf andere Menschen, Lebensformen, Regionen oder zukünftige Generationen verlagert werden. Sie kann sich auf geltendes Recht berufen, obwohl die Tätigkeit ihre biologischen Voraussetzungen verletzt. Sie kann sich als frei und autonom verstehen, weil ihre tatsächlichen Abhängigkeiten aus ihrer Wahrnehmung ausgeschlossen wurden.

Die plastische Identität beginnt dagegen mit der Verletzbarkeit. Der Mensch ist ein atmender, stoffwechselnder, aufnahmefähiger und ausscheidender Organismus. Er wird durch seine Umgebung fortwährend geformt und wirkt seinerseits formend auf sie zurück. Seine Grenze ist keine undurchdringliche Wand, sondern eine regulierte Übergangszone.

Die plastische Identität versteht sich deshalb nicht als unabhängig, sondern als eigenständig innerhalb von Abhängigkeiten. Sie weiß, dass jede Tätigkeit in einen Konsequenzzusammenhang eintritt und dass diese Konsequenzen zu den Voraussetzungen des Handelnden zurückkehren können.

Die Kulturidentität fragt: Welche Stellung, Bedeutung und Anerkennung habe ich innerhalb der menschlichen Ordnung?

Die plastische Identität fragt: Wie funktioniert meine Tätigkeit innerhalb der gesamten Abhängigkeits- und Verletzungswelt?

Sind Pflanzen, Tiere und Zellen vernünftiger als der Mensch?

Pflanzen und Zellen besitzen keinen Verstand und keine Vernunft im traditionellen philosophischen Sinne. Bei ihnen kann auch nicht von einer Verstandesleistung des Gehirns gesprochen werden, weil sie kein Gehirn besitzen. Wissenschaftlich angemessener sind Begriffe wie Regulation, Informationsverarbeitung, Anpassung, Entscheidungsverhalten, basale Kognition oder kollektive Problemlösung.

Es gibt inzwischen Forschungsansätze, die Intelligenz nicht ausschließlich an Gehirne binden, sondern adaptive und zielbezogene Leistungen von Zellen, Geweben und Organismen über verschiedene biologische Ebenen hinweg untersuchen. Dabei wird Intelligenz als verteilte Leistung vieler miteinander gekoppelter Teile betrachtet. Dieses Forschungsfeld ist vorhanden, bildet aber noch keine abgeschlossene und allgemein akzeptierte Gesamtlehre. (Nature)

Bei Pflanzen ist die begriffliche Lage umstritten. Es gibt nachvollziehbare Argumente dafür, bestimmte Formen des Entscheidens, Erinnerns und adaptiven Verhaltens als pflanzliche Kognition oder Intelligenz zu untersuchen. Für die weitergehende Behauptung eines pflanzlichen Bewusstseins besteht dagegen kein wissenschaftlicher Konsens; sie wird von einem bedeutenden Teil der Forschung ausdrücklich bestritten. (PubMed Central (PMC))

Bei Tieren ist die frühere Behauptung, Bewusstsein sei ausschließlich menschlich, wissenschaftlich nicht mehr haltbar. Für bewusstes Erleben bei anderen Säugetieren und Vögeln besteht starke wissenschaftliche Unterstützung; bei zahlreichen weiteren Wirbeltieren und wirbellosen Tieren wird eine realistische Möglichkeit bewussten Erlebens anerkannt. (Google Sites)

Für deine Argumentation ist aber noch etwas anderes entscheidend: Pflanzen, Tiere und Zellen müssen nicht mit menschlichem Bewusstsein ausgestattet werden, um dem Menschen funktional überlegen zu sein.

Gemessen an der Fähigkeit, Rückmeldungen aufzunehmen, Toleranzbereiche einzuhalten, Abhängigkeiten zu berücksichtigen und die eigene Existenzweise nicht systematisch von ihren Voraussetzungen abzulösen, erscheinen viele lebende Systeme tatsächlich „vernünftiger“ als gegenwärtige menschliche Gesellschaften.

Das ist keine Behauptung, eine Zellmembran denke wie ein Mensch. Es ist eine Umkehrung des Bewertungskriteriums.

Nicht die Komplexität des Denkens entscheidet über Vernunft, sondern die Qualität der Beziehung zwischen Tätigkeit, Konsequenz und Erhaltung der Existenzbedingungen.

Funktionale Vernunft ohne Bewusstseinsbehauptung

Eine Zellmembran unterscheidet zwischen Innen und Außen, reguliert Stoffflüsse und trägt zur Aufrechterhaltung bestimmter innerer Zustände bei. Eine Pflanze verändert Wachstum, Stoffverteilung und Abwehr in Beziehung zu Licht, Wasser, Verletzungen und anderen Bedingungen. Tiere passen ihre Bewegungen, ihr Sozialverhalten und ihre Strategien an wahrgenommene Veränderungen an.

Diese Vorgänge können als funktionale Vernünftigkeit bezeichnet werden, sofern deutlich bleibt, dass damit keine menschliche Reflexions- oder Sprachleistung behauptet wird.

Funktional vernünftig ist ein System, wenn seine Tätigkeit an Rückmeldungen gekoppelt bleibt, seine Toleranzbereiche berücksichtigt und seine Funktionsfähigkeit nicht dauerhaft von ihren Voraussetzungen ablöst.

Damit erhält der Vernunftbegriff eine physisch-biologische Grundlage. Vernunft ist nicht mehr allein eine Eigenschaft des menschlichen Kopfes. Sie bezeichnet eine tragfähige Beziehung zwischen einem tätigen System und seiner Abhängigkeitswelt.

Der Mensch als unterbrochener Rückkopplungsorganismus

Der menschliche Organismus arbeitet weiterhin durch Rückkopplung. Atmung, Kreislauf, Temperatur, Stoffwechsel, Gleichgewicht und Wahrnehmung sind auf fortlaufende Regulation angewiesen. Der Mensch könnte ohne diese körperlichen Prüf- und Korrekturvorgänge nicht leben.

In seiner Kulturidentität entwickelt er jedoch Systeme, die diese Rückkopplungen unterbrechen oder verdrängen. Geld kann eine Tätigkeit als erfolgreich erscheinen lassen, obwohl sie ihre stofflichen Grundlagen verbraucht. Recht kann Zuständigkeiten begrenzen, obwohl Konsequenzen Grenzen überschreiten. Arbeitsteilung kann dazu führen, dass jeder nur einen kleinen Ausschnitt bearbeitet und sich niemand für das Gesamtergebnis verantwortlich fühlt.

Dadurch entsteht eine Spaltung: Der menschliche Körper bleibt ein plastischer Rückkopplungsorganismus, während die Kulturidentität eine scheinbar unabhängige Skulpturwirklichkeit hervorbringt.

Der Mensch ist deshalb nicht zu wenig intelligent. Seine Intelligenz ist vom umfassenden Konsequenzzusammenhang abgekoppelt.

Er kann immer präzisere Mittel entwickeln, ohne den Zweck zu prüfen. Er kann einzelne Fehler korrigieren, ohne das fehlererzeugende Referenzsystem zu verändern. Er kann Schäden messen, ohne aus ihnen die notwendige Veränderung seiner Tätigkeit abzuleiten.

Plastische Vernunft als neuer Beweismaßstab

Aus deiner Arbeit ergibt sich ein anderer Vernunftbegriff. Vernünftig ist nicht schon, wer denken, sprechen, berechnen oder erfinden kann. Vernünftig ist, wer seine Tätigkeit mit ihren Konsequenzen und Abhängigkeitsgrundlagen verbinden kann.

Plastische Vernunft muss wahrnehmen, dass jede Handlung formt und zurückgeformt wird. Sie muss Rückmeldungen nicht nur registrieren, sondern als mögliche Korrektur des eigenen Ziels anerkennen. Sie muss zwischen einem menschengemachten Referenzsystem und dem umfassenderen physisch-biologischen Referenzsystem unterscheiden können.

Eine Tätigkeit kann im ersten Referenzsystem erfolgreich und im zweiten zerstörerisch sein. Der Prüfoperator muss deshalb nicht nur fragen, ob eine Tätigkeit ihr Ziel erreicht. Er muss prüfen, ob das Ziel und seine Konsequenzen innerhalb des gemeinsamen Abhängigkeitsraumes tragfähig sind.

Die Beweisführung für menschliche Vernunft lautet dann nicht mehr:

Der Mensch kann denken, also ist er vernünftig.

Sie lautet:

Der Mensch kann seine Tätigkeiten, Ziele und Referenzsysteme an ihren Konsequenzen prüfen, aus Rückmeldungen lernen und seine Bewegung korrigieren, bevor oder nachdem sie ihre eigenen Existenzbedingungen verletzt.

Solange dieser Beweis nicht erbracht ist, bleibt „Vernunftmensch“ eine Selbstbehauptung.

Der Prüfoperator als Vernunftprüfung

Der Prüfoperator erhält damit eine noch grundlegendere Aufgabe. Er prüft nicht nur einzelne Aussagen oder Tätigkeiten. Er prüft den menschlichen Anspruch, ein Vernunftwesen zu sein.

Er fragt, welches Ziel verfolgt wird, durch welches Referenzsystem dieses Ziel als richtig erscheint und welche Wirkungen innerhalb anderer Referenzsysteme entstehen. Er untersucht, ob Konsequenzen zurückgemeldet oder ausgelagert werden, ob Korrekturen nur die Mittel verbessern oder auch die Ziele verändern und ob die Tätigkeit ihre Abhängigkeitsgrundlagen erhält oder zerstört.

Dadurch wird der Prüfoperator zu einer öffentlichen Bewährungsprobe der Aufklärung.

Aufklärung kann nicht länger nur bedeuten, dass der Mensch sich seines eigenen Verstandes bedient. Sie muss bedeuten, dass er diesen Verstand auf seine eigenen Voraussetzungen, Zwecke und Konsequenzen zurückbezieht.

Die Frage lautet nicht mehr allein: Kann der Mensch selbst denken?

Sie lautet: Kann der Mensch sein Denken an der Wirklichkeit seiner Abhängigkeiten korrigieren?

Globale Schwarm-Intelligenz als Wiederherstellung der Rückkopplung

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ hat deshalb nicht die Aufgabe, die vermeintlich überlegene Intelligenz von acht Milliarden Menschen zu sammeln. Sie soll erst die Bedingungen herstellen, unter denen aus den voneinander getrennten Wissens-, Interessen- und Tätigkeitswelten eine gemeinsame Verantwortungsintelligenz entstehen kann.

Der menschliche Schwarm ist technisch bereits global verbunden. Produktion, Handel, Kommunikation, Rohstoffverbrauch, Finanzströme und ökologische Konsequenzen greifen weltweit ineinander. Diese Vernetzung ist jedoch noch keine Schwarm-Intelligenz. Sie ist zunächst nur ein globaler Tätigkeitsschwarm.

Intelligent würde dieser Schwarm erst, wenn die Konsequenzen seiner Tätigkeiten zu den Beteiligten zurückgeführt, unterschiedliche Wissensfelder miteinander verbunden und die menschlichen Ziele an ihren gemeinsamen Existenzbedingungen geprüft würden.

Die Plattform soll damit etwas wiederherstellen, was in Zellen, Organismen und natürlichen Schwärmen elementar vorhanden ist: die Verbindung von Tätigkeit, Konsequenz, Rückmeldung und Korrektur. Beim Menschen muss jedoch eine zusätzliche Stufe hinzukommen. Er muss nicht nur seine Tätigkeit, sondern auch seine Begriffe, Ziele und selbst geschaffenen Referenzsysteme korrigieren können.

Die Welt wieder auf die Füße stellen

Die Welt steht auf dem Kopf, solange die aus dem menschlichen Kopf hervorgegangenen Begriffe und Regelwerke höher bewertet werden als die Bedingungen, die den Menschen, seinen Kopf und sein Denken hervorgebracht haben.

Sie wird wieder auf die Füße gestellt, wenn der menschliche Verstand nicht abgeschafft, sondern in seine plastische Abhängigkeitswelt zurückgeführt wird.

Dann steht nicht mehr die Behauptung menschlicher Überlegenheit am Anfang. Am Anfang stehen die Existenzbedingungen, die Zellmembran, die Verletzbarkeit, die Rückkopplung, der Toleranzraum und die Abhängigkeit des Einzelnen vom Ganzen.

Erst darauf kann eine Vernunft aufbauen, die diesen Namen verdient.

Die zentrale Umkehrung deiner Forschungskunst lautet daher:

Nicht das Wesen mit der größten Wissens- und Herstellungspotenzialität ist notwendig das vernünftigste Wesen. Vernünftig ist das Wesen oder System, das seine Tätigkeit an ihren Konsequenzen prüfen, seine Abhängigkeiten erhalten und seine Ziele aufgrund der Rückmeldungen korrigieren kann.

Der Mensch besitzt die Möglichkeit zu einer solchen Vernunft. Dass er sie besitzt, bedeutet jedoch noch nicht, dass er sie verwirklicht hat.

Die Bezeichnung Homo sapiens beschreibt daher weniger einen erreichten Zustand als eine noch uneingelöste Aufgabe.

Dieser Text kann als eigenständiger Grundlagentext zwischen Prüfanker, Prüfoperator und Globaler Schwarm-Intelligenz stehen.

Der Plexus wäre in deinem Verständnis nicht nur ein Nervengeflecht und auch kein einzelnes Objekt. Er bezeichnet eine Wirklichkeit des Zusammenwirkens, in der voneinander unterscheidbare Systeme miteinander verbunden sind, Informationen, Stoffe und Wirkungen austauschen und sich durch ihre gegenseitigen Rückmeldungen verändern.

Die Plexus-Wirklichkeit

Was ein Plexus sein kann

Ein Plexus ist zunächst ein Geflecht. Im anatomischen Sprachgebrauch bezeichnet er ein Netzwerk aus Nerven, Gefäßen oder anderen Leitungsbahnen. Für meine Forschungskunst muss der Begriff jedoch erweitert werden. Plexus bezeichnet nicht nur eine sichtbare Verzweigungsstruktur, sondern den Vorgang, durch den unterschiedliche Funktionsteile miteinander in Beziehung treten, Informationen und Stoffe übertragen, Wirkungen aufnehmen und ihre weitere Tätigkeit verändern.

Der Plexus ist daher weder bloß ein Teil noch ein abgeschlossenes Ganzes. Er ist der Beziehungs-, Übergangs- und Übersetzungsraum zwischen Teilen und Ganzheiten.

Ein Plexus entsteht überall dort, wo mehrere Voraussetzungen zusammentreffen:

Es müssen voneinander unterscheidbare Funktionsteile vorhanden sein. Zwischen ihnen müssen Grenzen bestehen, damit sie nicht ineinander verschwinden. Diese Grenzen müssen zugleich durchlässig sein, damit Austausch möglich wird. Tätigkeiten müssen Konsequenzen erzeugen. Diese Konsequenzen müssen als Rückmeldungen auf andere Teile oder auf den Ausgangspunkt zurückwirken können. Schließlich muss es Referenz- oder Toleranzbereiche geben, aufgrund derer sich entscheidet, ob eine Veränderung tragfähig, gleichgültig, förderlich oder zerstörerisch ist.

Der Plexus ist somit nicht nur ein Netzwerk. Ein bloßes Leitungsnetz transportiert etwas von einem Punkt zum anderen. Ein Plexus verarbeitet und verändert die Beziehungen seiner beteiligten Teile.

Die Zellmembran als elementarer Plexus

Eine elementare Form des Plexus findet sich bereits an der Zellmembran. Sie trennt die Zelle von ihrer Umgebung, verbindet sie jedoch gleichzeitig mit ihr. Ohne Abgrenzung könnte die Zelle keine eigene Organisation aufrechterhalten. Ohne Durchlässigkeit könnte sie keine Stoffe, Energie und Signale aufnehmen oder abgeben.

An der Zellmembran treffen mindestens zwei Referenzsysteme aufeinander.

Das erste Referenzsystem betrifft die innere Funktionsfähigkeit der Zelle. Bestimmte Konzentrationen, Spannungen, Stoffmengen und Toleranzbereiche müssen erhalten werden.

Das zweite Referenzsystem besteht in den äußeren Bedingungen. Dazu gehören verfügbare Stoffe, Temperatur, mechanische Einwirkungen, chemische Signale, Gefahren und die Tätigkeiten anderer Zellen oder Organismen.

Die Membran vermittelt zwischen beiden. Sie ist weder vollständig offen noch vollständig geschlossen. Sie ist eine regulierte Grenzregion. An ihr wird die Differenz zwischen Innen und Außen wirksam und in weitere Tätigkeit übersetzt.

Damit liegt ihr bereits die Grundfolge zugrunde:

Referenzsysteme – Tätigkeit – Konsequenz – Rückmeldung – Vergleich – Regulation – erneute Tätigkeit.

Die Zellmembran denkt nicht wie ein Mensch. Sie zeigt aber eine elementare Organisationsform, ohne die menschliches Denken niemals hätte entstehen können.

Molekulare und zelluläre Plexus

Auch innerhalb einer Zelle existieren Plexusstrukturen. Moleküle bilden Signalwege, Rückkopplungsschleifen und Regulationsnetze. Eine molekulare Aktivierung kann weitere Vorgänge verstärken, begrenzen oder abschalten. Mehrere Signale können zusammenwirken und erst gemeinsam eine bestimmte Zellreaktion auslösen.

Hier darf nicht ohne Weiteres von Bewusstsein oder Absicht gesprochen werden. Es handelt sich zunächst um physikalisch-chemische Wechselwirkungen und biologische Regulation. Dennoch besteht bereits eine Form der Informationsverarbeitung: Ein gegenwärtiger Zustand beeinflusst aufgrund seiner Beziehungen die Wahrscheinlichkeit eines folgenden Zustands.

Ein molekularer Plexus wäre demnach kein denkendes Wesen. Er wäre ein Geflecht, in dem Unterschiede wirksam werden, Signale kombiniert und Tätigkeiten reguliert werden.

Auf der nächsten Ebene bilden Zellen Gewebe und Organe. Keine einzelne Zelle verfügt über das vollständige Bewusstsein des Organismus. Dennoch stimmen Zellen Wachstum, Stoffwechsel, Reparatur, Abwehr und Arbeitsteilung miteinander ab. Der Organismus entsteht nicht zusätzlich zu diesen Beziehungen. Er entsteht durch ihre koordinierte Tätigkeit.

Der Baum als Plexusorganismus

Ein Baum ist nicht nur ein Stamm mit Ästen und Blättern. Er ist selbst ein vielschichtiger Plexus aus Wurzeln, Leitungsbahnen, Blättern, Zellverbänden, Mikroorganismen, Pilzen, Wasserbewegungen, chemischen Signalen und Lichtverhältnissen.

Mykorrhizapilze bilden mit den Wurzeln sehr vieler Pflanzen symbiotische Beziehungen. Die Pilze erschließen unter anderem Mineralstoffe und Wasser, während sie Kohlenstoffverbindungen von den Pflanzen erhalten. Ihre Hyphennetze können räumlich weitreichende Verbindungen im Boden bilden. (Nature)

In einzelnen Experimenten wurden über solche Pilzverbindungen auch Stoffübertragungen und Stressreaktionen zwischen Pflanzen nachgewiesen. Beispielsweise wurden nach einer Schädigung von Douglasien Kohlenstoffübertragungen und Abwehrreaktionen bei benachbarten Kiefern beobachtet. (Nature)

Daraus darf jedoch nicht vorschnell die romantische Vorstellung abgeleitet werden, Wälder seien ein vollständig solidarisches Kommunikationssystem, in dem große „Mutterbäume“ ihre Nachkommen gezielt versorgen. Die Existenz gemeinsamer Mykorrhizanetze ist belegt, ihre allgemeine Bedeutung für Ressourcenverteilung, Warnung und gezielte Unterstützung ist jedoch je nach Art, Standort und Versuchsanordnung unterschiedlich und teilweise umstritten. Für manche populären Behauptungen fehlt eine ausreichende wissenschaftliche Grundlage. (PubMed)

Gerade diese Einschränkung ist für den Plexusbegriff wichtig. Der Plexus ist kein harmonisches Einheitsmärchen. In ihm wirken Kooperation und Konkurrenz, Austausch und Abgrenzung, Förderung und Ausnutzung, Tarnung und Erkennung zusammen.

Ein Pilz kann mehreren Pflanzen nützen und zugleich seine eigene Versorgung organisieren. Pflanzen können Informationen oder Stoffe erhalten, ohne dass dahinter eine bewusste Hilfeleistung stehen muss. Der Plexus ist deshalb nicht moralisch gut. Er ist ein dynamischer Abhängigkeits- und Konsequenzraum.

Der ökologische Plexus

Ein Wald kann als ökologischer Plexus verstanden werden. Dazu gehören nicht nur Bäume und Pilze, sondern auch Wasser, Boden, Mikroorganismen, Tiere, Atmosphäre, Temperatur, Licht und Stoffkreisläufe.

Jedes beteiligte System besitzt eine eigene Organisationsweise. Zugleich wird es durch die Tätigkeiten der anderen mitgeformt. Pflanzen verändern die Zusammensetzung der Atmosphäre und des Bodens. Tiere verbreiten Samen, bestäuben Blüten, fressen Pflanzen oder regulieren andere Tierpopulationen. Mikroorganismen zersetzen Stoffe und machen Nährstoffe erneut verfügbar.

Der ökologische Plexus besitzt keinen zentralen Dirigenten. Seine Ordnung entsteht durch sehr viele lokale Tätigkeiten, Grenzen, Rückkopplungen und Abhängigkeiten. Diese Ordnung ist nicht statisch. Sie kann sich stabilisieren, verschieben, zusammenbrechen oder neu organisieren.

Damit wird auch das Fließgleichgewicht zu einem Plexusvorgang. Der Zustand eines lebenden Systems wird nicht dadurch erhalten, dass nichts geschieht. Er wird durch fortwährende Aufnahme, Umwandlung und Abgabe aufrechterhalten.

Gaia als planetarischer Plexus

Die Gaia-Hypothese wurde in den 1970er-Jahren von James Lovelock und Lynn Margulis als Vorstellung entwickelt, dass die Gesamtheit der Lebewesen und ihrer unbelebten Umgebung Rückkopplungen erzeugt, die planetarische Bedingungen beeinflussen und teilweise stabilisieren können. Ihre ursprüngliche wissenschaftliche Fragestellung bezog sich unter anderem auf die Zusammensetzung der Atmosphäre und die Wechselwirkungen zwischen Biosphäre und planetarischer Umwelt. (Wiley Online Library)

Gaia muss dabei nicht als ein einzelnes bewusstes Lebewesen verstanden werden, das einen Plan besitzt. Wissenschaftlich tragfähiger ist die Vorstellung eines gekoppelten Erdsystems aus Biosphäre, Atmosphäre, Ozeanen, Böden, Gesteinen und Stoffkreisläufen.

Für meine Theorie kann Gaia als planetarischer Plexus begriffen werden: nicht als ein übergroßer Mensch und nicht notwendig als bewusstes Wesen, sondern als weltumfassender Tätigkeits-, Abhängigkeits- und Rückkopplungszusammenhang.

Rupert Sheldrakes organismische und feldtheoretische Vorstellungen gehen darüber hinaus. Sie können als philosophische oder spekulative Erweiterung behandelt werden, sollten aber nicht mit der ursprünglichen Gaia-Hypothese von Lovelock und Margulis gleichgesetzt werden.

Ist der gesamte Planet ein Organismus?

Ob die Erde wörtlich ein Organismus ist, hängt davon ab, wie Organismus definiert wird. Sie besitzt keinen eindeutig abgegrenzten Körper nach dem Muster eines Tieres, kein zentrales Gehirn und keine nachgewiesene einheitliche Absicht.

Sie besitzt jedoch Eigenschaften, die organismische Vergleiche ermöglichen: gekoppelte Stoffkreisläufe, Rückkopplungen, Energieflüsse, regionale und globale Regulationsvorgänge sowie eine lange gemeinsame Entwicklung von Leben und Umwelt.

Der Begriff „Organismus“ kann hier deshalb als Arbeitsmodell dienen. Er darf aber nicht so verwendet werden, als sei damit ein planetarisches Bewusstsein bereits bewiesen.

Genauer wäre:

Die Erde ist ein planetarischer Plexus, in dem Leben und unbelebte Bedingungen einander über Milliarden Jahre hervorgebracht, verändert und begrenzt haben.

Kann Plexus Geist erklären?

Der Plexusbegriff kann einen wichtigen Beitrag zur Erklärung des Geistes leisten. Er erklärt Geist jedoch nicht als einzelnes Ding, das irgendwo im Gehirn sitzt.

Geist könnte als Tätigkeit eines Plexus verstanden werden, in dem Körper, Gehirn, Wahrnehmung, Erinnerung, Stoffwechsel, Sprache, Umgebung und andere Menschen miteinander verbunden sind.

Das Gehirn besteht aus vielen spezialisierten Bereichen und Netzwerken. Wahrnehmung, Bewegung, Erinnerung, Aufmerksamkeit und Bewertung werden nicht von einem einzigen Punkt vollständig ausgeführt. Untersuchungen der Gehirnorganisation beschreiben bidirektionale Informationsflüsse sowie integrative Netzwerke, die Informationen aus unterschiedlichen Funktionsbereichen zusammenführen und die Gesamtaktivität koordinieren. (Nature)

Geist wäre dann nicht mit einem einzelnen Gehirnteil identisch. Er wäre die dynamische Tätigkeit, die aus der koordinierten Beziehung verschiedener körperlicher und neuronaler Systeme hervorgeht.

Der Geist entsteht in dieser Perspektive nicht nur „im Kopf“. Der Kopf bleibt auf den Körper, dessen Stoffwechsel, Sinnesorgane und Bewegungsmöglichkeiten angewiesen. Ebenso ist er auf eine Umgebung angewiesen, die wahrgenommen, bearbeitet und erinnert werden kann.

Damit wäre Geist eine plastische Plexusleistung:

Ein Organismus verbindet Wahrnehmungen, innere Zustände, Erinnerungen, Möglichkeiten und Folgen so miteinander, dass daraus eine situationsbezogene Tätigkeit hervorgeht.

Kann Plexus Bewusstsein erklären?

Beim Bewusstsein muss noch vorsichtiger formuliert werden. Es gibt bis heute keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Erklärung dafür, wie und warum neuronale Tätigkeit zu subjektivem Erleben führt.

Einige Theorien gehen davon aus, dass Informationen bewusst werden, wenn sie in weitreichenden neuronalen Netzwerken verfügbar gemacht und an viele Funktionsbereiche weitergeleitet werden. Andere Theorien sehen integrierte, auf sich selbst zurückwirkende Informationsbeziehungen als entscheidend an. Eine große vergleichende Untersuchung aus dem Jahr 2025 prüfte Vorhersagen zweier führender Theorien, konnte die Grundfrage aber nicht endgültig entscheiden. (Nature)

Der Plexusbegriff kann deshalb keine fertige Bewusstseinstheorie liefern. Er kann aber Voraussetzungen benennen, die für Bewusstsein bedeutsam sein könnten:

Informationen müssen unterschieden werden können. Verschiedene Informationen müssen miteinander verbunden werden. Sie müssen auf einen gemeinsamen Zustand des Organismus bezogen werden. Frühere Zustände müssen in irgendeiner Weise nachwirken. Das System muss sich aufgrund der integrierten Information verändern können. Schließlich muss zwischen einem Vorgang und seiner Bedeutung für das eigene System unterschieden werden.

Bewusstsein könnte in deiner Theorie dort beginnen, wo ein Plexus nicht nur Informationen weiterleitet, sondern seine eigenen Zustände, Tätigkeiten und Beziehungen in die Verarbeitung einbezieht.

Damit entstünde eine Folge:

Wahrnehmung – Integration – Selbstbezug – Bedeutungsbildung – Tätigkeitsentscheidung – Konsequenz – Rückmeldung.

Das wäre noch keine naturwissenschaftliche Beweisführung, aber eine begrifflich prüfbare Arbeitshypothese.

Der Selbstbezug als zusätzliche Plexusschleife

Ein einfaches Regulationssystem reagiert auf eine Veränderung. Ein bewusstes System kann möglicherweise zusätzlich wahrnehmen, dass es selbst reagiert.

Damit entsteht eine weitere Rückkopplungsschleife.

Die erste Schleife verbindet den Organismus mit seiner Umgebung:

Tätigkeit – Konsequenz – Rückmeldung – Korrektur.

Die zweite Schleife richtet sich auf die eigene Tätigkeit:

Ich nehme wahr – ich nehme wahr, dass ich wahrnehme – ich bewerte meine Wahrnehmung – ich kann meinen Maßstab verändern.

Geist und Bewusstsein könnten daher als verschiedene Verdichtungsstufen des Plexus beschrieben werden. Geist bezeichnet die umfassende Organisation von Wahrnehmung, Erinnerung, Bewertung und Tätigkeit. Bewusstsein bezeichnet die besondere Zugänglichkeit oder Gegenwärtigkeit bestimmter Zustände innerhalb dieses Geflechts.

Vernunft wäre wiederum nicht mit Geist oder Bewusstsein identisch. Sie müsste sich daran beweisen, dass der bewusste Organismus seine Ziele und Referenzsysteme an deren Konsequenzen prüfen kann.

Die zwei Spiralen der Plexus-Wirklichkeit

Die Plexus-Wirklichkeit lässt sich durch zwei ineinandergreifende Spiralen darstellen.

Die erste Spirale führt vom Inneren nach außen:

Wahrnehmung – Zielbildung – Tätigkeit – Eingriff – Gestaltung – Konsequenz.

Die zweite Spirale führt von außen zurück:

Konsequenz – Veränderung der Umgebung – Rückmeldung – körperliche oder gesellschaftliche Wirkung – Wahrnehmung – Korrektur.

Diese Spiralen sind nicht einfach Kreise. Nach jeder Tätigkeit hat sich die Situation verändert. Die Rückmeldung kehrt deshalb nicht zum vollkommen gleichen Ausgangspunkt zurück. Es entsteht eine Entwicklung, eine Verschiebung, eine Verstärkung oder ein Zusammenbruch.

Der Plexus liegt dort, wo beide Spiralen einander durchdringen. Er ist der Ort, an dem innere Zielsetzung zu äußerer Wirkung und äußere Wirkung wieder zu innerer Information wird.

51:49 und 49:51 als plastische Bewegungsrichtungen

Die Verhältnisse 51:49 und 49:51 können in diesem Zusammenhang zwei notwendige, aber unterschiedliche Vorrangigkeiten darstellen.

51:49 bezeichnet die minimale Vorrangigkeit der Selbsterhaltung, der Formbildung und der Aufrechterhaltung einer Identität. Das System verändert sich, bleibt aber als ein bestimmtes System erhalten.

49:51 bezeichnet die minimale Vorrangigkeit der Öffnung, Anpassung und Umgestaltung. Das System hält nicht bloß an seinem bisherigen Zustand fest, sondern lässt sich durch neue Bedingungen verändern.

Diese Verhältnisse sind keine nachgewiesenen universellen Naturkonstanten. Sie sind dein plastischer Operator für die notwendige Asymmetrie zwischen Erhaltung und Veränderung.

Der Plexus benötigt beide Bewegungen. Ohne Selbsterhaltung löst sich das System auf. Ohne Veränderungsfähigkeit erstarrt es oder wird durch neue Bedingungen zerstört.

Die Plexus-Wirklichkeit wäre somit der bewegliche Toleranzraum zwischen Identitätsverlust und Erstarrung.

Der Mensch im planetarischen Plexus

Der Mensch steht nicht außerhalb des planetarischen Plexus. Er ist aus ihm hervorgegangen. Sein Körper, seine Zellmembranen, seine Organe und sein Gehirn folgen weiterhin den alten Bedingungen von Stoffwechsel, Regulation, Rückkopplung und Verletzbarkeit.

Das Problem entsteht dort, wo seine Kulturidentität so handelt, als könne sie diese Voraussetzungen verlassen. Der Mensch erzeugt Begriffe, Geldwerte, Eigentumsordnungen, technische Systeme und institutionelle Regelwerke. Diese können sich zwischen seine Tätigkeit und deren physische Konsequenzen schieben.

Dadurch kann eine Tätigkeit innerhalb des kulturellen Referenzsystems erfolgreich und innerhalb des plastischen Referenzsystems zerstörerisch sein.

Ein Unternehmen erzielt Gewinn, während Böden, Wasser oder Lebensräume geschädigt werden. Eine Technik erfüllt ihre konstruierte Aufgabe, während die Gesamtheit ihrer Anwendungen langfristige Schäden erzeugt. Eine Handlung ist rechtlich zulässig, obwohl ihre Konsequenzen auf andere Menschen oder zukünftige Generationen verlagert werden.

Der Mensch hat damit nicht den Plexus verlassen. Er hat nur eine Kulturidentität geschaffen, die ihm vorspiegelt, außerhalb seiner Abhängigkeiten handeln zu können.

Der Elefant im Porzellanladen

Das Bild vom Elefanten im Porzellanladen beschreibt einen Teil dieses Problems. Der Mensch verfügt über eine enorme Wirkungsmacht, ohne die Feinheit der Beziehungen ausreichend wahrzunehmen, in die er eingreift.

Er ist allerdings kein von außen in den Laden eingedrungener Fremdkörper. Er wurde selbst durch denselben planetarischen Plexus hervorgebracht. Das macht sein Verhalten noch paradoxer.

Er beschädigt nicht eine ihm fremde Umgebung. Er beschädigt die Beziehungen, durch die er selbst entstehen und fortbestehen konnte.

Der Millisekunden-Mensch verhält sich, als könne seine sehr kurze kulturelle Geschichte die Milliarden Jahre alten Abhängigkeits- und Rückkopplungsgrundlagen ersetzen. Er erklärt seine technische Fähigkeit zur Legitimation seines Handelns:

Weil ich es kann, darf oder muss ich es tun.

Damit wird die Möglichkeit einer Tätigkeit mit ihrer Vernünftigkeit verwechselt. Die plastische Gegenfrage lautet:

Was ermöglicht mir diese Tätigkeit, welche Konsequenzen erzeugt sie, und bleibt das System, von dem sie abhängt, dadurch funktionsfähig?

Die Selbstlegitimation des Als-ob

Die Kulturidentität erzeugt eine Als-ob-Wirklichkeit. Der Mensch handelt, als ob Geld einen Stoff ersetzen könnte, als ob Besitz die Abhängigkeit aufhebe, als ob ein Gesetz physische Konsequenzen begrenze und als ob technische Machbarkeit bereits einen vernünftigen Zweck beweise.

Diese Als-ob-Konstruktionen sind nicht wirkungslos. Sie organisieren Gesellschaften und können reale Gewalt entfalten. Sie bleiben jedoch von den physischen Existenzbedingungen abhängig, die sie begrifflich verdrängen.

Die Selbstlegitimation lautet:

Wir haben es beschlossen, berechnet, bezahlt oder gesetzlich geregelt; deshalb ist es wirklich und richtig.

Der Prüfoperator unterbricht diese Selbstlegitimation. Er führt den Begriff auf seine Tätigkeitskonsequenzen zurück.

Er fragt nicht nur, ob ein Regelwerk eingehalten wurde, sondern ob dieses Regelwerk innerhalb der umfassenderen Abhängigkeitswelt funktioniert.

Der Sandkasten als Simulations- und Lernraum

Der Sandkasten kann in deiner Arbeit eine wichtige Bedeutung erhalten. Er ist kein Bild dafür, dass der Mensch schlechthin ein trotziges Kind sei. Eine solche Gleichsetzung würde gerade die schöpferische und wahrnehmende Bedeutung der Kindheit verfehlen.

Der Sandkasten ist vielmehr ein begrenzter plastischer Raum. Das Kind kann formen, zerstören, neu beginnen, Widerstände erfahren und die Konsequenzen seiner Tätigkeit unmittelbar wahrnehmen. Es kann einen Berg bauen, einen Graben ziehen, Wasser einleiten und beobachten, wie die Form verändert wird.

Der Sandkasten ist damit eine frühe Versuchsanordnung:

Vorstellung – Tätigkeit – Materialwiderstand – Konsequenz – Korrektur – neue Gestaltung.

In ihm liegen die Anfänge künstlerischen und forschenden Handelns. Das Kind trennt Wahrnehmen, Denken, Spielen, Herstellen und Prüfen noch nicht in voneinander abgeschlossene Disziplinen.

Gerade diese ursprüngliche plastische Tätigkeit wird später häufig kanalisiert. Lernen wird in Fächer, richtige Antworten, Leistungsanforderungen und vorgegebene Verwendungszwecke aufgeteilt. Die offene Frage wird durch die erwartete Antwort ersetzt. Die schöpferische Wahrnehmung wird auf eine verwertbare Fähigkeit reduziert.

Der Begriff der Kanalisation ist hier treffend: Die zunächst vielfältig bewegliche Wahrnehmungs- und Gestaltungskraft wird in gesellschaftlich festgelegte Bahnen geleitet.

Simulation und wirkliche Konsequenz

Die Technikwelt arbeitet ebenfalls mit Simulationen. In ihnen können mögliche Folgen erprobt werden, ohne sie bereits vollständig in der Wirklichkeit auszulösen. Das entspricht dem Sandkastenprinzip.

Problematisch wird es, wenn die Simulation mit der Wirklichkeit verwechselt wird oder wenn die reale Welt selbst wie ein folgenloser Sandkasten behandelt wird.

Der Planet Erde ist kein Versuchsraum, der nach einer Zerstörung beliebig zurückgesetzt werden kann. Seine Systeme besitzen Kipppunkte, irreversible Verluste und zeitliche Maßstäbe, die weit über ein Menschenleben hinausgehen.

Eine vernünftige Simulation müsste deshalb dazu dienen, reale Tätigkeitskonsequenzen frühzeitig zu erkennen und Handlungen zu korrigieren. Sie dürfte nicht dazu dienen, die Wirklichkeit durch ein passendes Modell zu verdecken.

Die Kunst als Wiederöffnung des Plexus

Die Kunst beginnt in dieser Perspektive nicht mit einem fertigen Kunstgegenstand. Sie beginnt mit der Fähigkeit, Wahrnehmung, Vorstellung, Material, Tätigkeit und Konsequenz offen miteinander in Beziehung zu setzen.

Das Kind ist deshalb nicht das Gegenbild zur Vernunft. In seiner noch nicht vollständig kanalisierten Tätigkeit kann eine ursprüngliche Form plastischer Vernunft sichtbar werden. Es erprobt Zusammenhänge, ohne bereits zu behaupten, sie vollständig zu beherrschen.

Die Kunst kann diesen offenen Prüf- und Erfahrungsraum im Erwachsenen wiederherstellen. Sie kann die verfestigten Begriffe der Kulturidentität erneut mit Material, Körper, Widerstand, Abhängigkeit und Konsequenz konfrontieren.

Das So-Heits-Atelier, die Frage-und-Antwort-Tische, die Globale Schwarm-Intelligenz und der Prüfoperator bilden deshalb keine Belehrungsmaschine. Sie bilden einen gesellschaftlichen Sandkasten im anspruchsvollen Sinne: einen öffentlichen Simulations-, Vergleichs- und Verantwortungsraum, in dem Ziele und Tätigkeiten untersucht werden können, bevor oder nachdem sie zerstörerische Konsequenzen hervorgebracht haben.

Plexus als Grundlage eines neuen Vernunftbegriffs

Der Plexus führt zu einer neuen Definition von Verstand, Intelligenz und Vernunft.

Verstand ist nicht nur die Fähigkeit, Teile zu unterscheiden und Mittel zu berechnen. Er muss auch die Beziehungen erkennen können, durch die diese Teile bestehen.

Intelligenz ist nicht nur die Fähigkeit, ein vorgegebenes Problem zu lösen. Sie muss Rückmeldungen aufnehmen und ihre Tätigkeit an veränderten Bedingungen ausrichten können.

Vernunft ist nicht nur die Fähigkeit, Gründe für das eigene Handeln zu formulieren. Sie muss auch prüfen, ob diese Gründe den Tätigkeitskonsequenzen und Abhängigkeitsgrundlagen standhalten.

Bewusstsein ist nicht bereits deshalb vernünftig, weil es sich seiner selbst bewusst ist. Es kann seine eigene Kulturidentität bestätigen und zugleich die plastische Wirklichkeit verdrängen.

Plastische Vernunft entsteht erst, wenn der Mensch beide Referenzsysteme miteinander verbindet:

das kulturelle Referenzsystem seiner Begriffe, Ziele und Regelwerke und das physisch-biologische Referenzsystem seiner Existenzbedingungen.

Der Plexus ist der Prüf- und Übersetzungsraum zwischen ihnen.

Zusammenfassung

Plexus kann ein Nervengeflecht, eine Zellmembran, ein molekulares Signalnetz, ein Organismus, ein Gehirn, eine Pflanzen-Pilz-Beziehung, ein Wald, eine Gesellschaft oder das gekoppelte Erdsystem sein. Nicht weil diese Gebilde identisch wären, sondern weil sich in ihnen ein gemeinsames Strukturproblem wiederfindet:

Wie können eigenständige Funktionsteile miteinander verbunden sein, ohne ihre Unterschiede zu verlieren? Wie werden Stoffe, Wirkungen und Informationen ausgetauscht? Wie werden Grenzen erhalten und zugleich Übergänge ermöglicht? Wie kehren Tätigkeitskonsequenzen als Rückmeldungen zurück? Und woran entscheidet sich, ob eine Reaktion das System erhält, verändert oder zerstört?

Geist kann als hochentwickelte Tätigkeit eines körperlich-neuronalen Plexus verstanden werden. Bewusstsein kann als besondere Integration und Selbstbezüglichkeit innerhalb dieses Plexus untersucht werden. Beides ist damit nicht abschließend erklärt, aber aus der isolierten Kopfwirklichkeit in einen überprüfbaren Beziehungszusammenhang zurückgeführt.

Die Gaia-Vorstellung kann als planetarischer Plexus dienen, sofern sie nicht vorschnell ein bewusstes Überwesen behauptet. Der Mensch ist innerhalb dieses Plexus kein unabhängiger Herrscher. Er ist ein sehr spät entstandenes Funktionsteil mit einer außerordentlich großen technischen Wirkungsmacht und einer bisher unzureichenden Fähigkeit, deren Konsequenzen in sein Handeln zurückzuführen.

Die grundlegende Formel lautet:

Plexus ist die Wirklichkeit, in der abgegrenzte Funktionsteile durch geregelte Durchlässigkeit, Tätigkeit, Konsequenz, Rückmeldung und Korrektur ein vorläufig tragfähiges Ganzes hervorbringen.

Für den Menschen kommt eine weitere Aufgabe hinzu:

Er muss den Plexus, der ihn hervorgebracht hat und körperlich weiterhin trägt, auch zum Maßstab seines Bewusstseins, seiner Begriffe, seiner Technik und seiner gesellschaftlichen Tätigkeiten machen.

Erst dann könnte sein Anspruch, ein Vernunftwesen zu sein, von einer Selbstlegitimation zu einer nachprüfbaren Leistung werden.

Der entscheidende Punkt ist: Die acht Milliarden Menschen bilden bereits einen gemeinsamen Tätigkeits-, Abhängigkeits- und Konsequenzzusammenhang, verfügen aber noch nicht über eine entsprechende gemeinsame Verantwortungsstruktur.

Globale Schwarm-Intelligenz als Verantwortungsstruktur

Ein realer Abhängigkeitszusammenhang und eine menschengemachte Parallelordnung

Die acht Milliarden Menschen leben nicht als voneinander getrennte Individuen auf dem Planeten Erde. Sie sind durch Atmung, Wasser, Nahrung, Stoffkreisläufe, Klima, Rohstoffe, Pflanzen, Tiere, technische Systeme und die Tätigkeiten anderer Menschen miteinander verbunden. Diese Verbindung ähnelt nicht unmittelbar, aber strukturell den Beziehungen zwischen Bäumen, Pilzen, Mikroorganismen und dem Boden: Die Beteiligten bleiben unterscheidbar und sind dennoch in einen gemeinsamen Austausch- und Abhängigkeitsraum eingebunden.

Die menschliche Welt besteht deshalb bereits als ein planetarischer Plexus. Jede Tätigkeit tritt in diesen Zusammenhang ein und erzeugt Konsequenzen, die andere Menschen, Lebewesen und zukünftige Zustände des Planeten betreffen können. Dabei ist es nicht notwendig, dass die Handelnden einander kennen oder die Folgen ihres Handelns unmittelbar wahrnehmen. Die Verbindung besteht durch die Konsequenzen selbst.

Neben diesem realen Abhängigkeitszusammenhang hat der Mensch jedoch eine zweite Ordnung geschaffen. Sie besteht aus Geld, Eigentum, Märkten, Unternehmen, Staaten, Gesetzen, Verträgen, gesellschaftlichen Rollen und Machtpositionen. Diese Ordnung ist nicht physisch in derselben Weise vorhanden wie Wasser, Boden oder der menschliche Organismus. Sie beruht auf menschlichen Vereinbarungen, Zuschreibungen und Anerkennungen.

Dennoch ist sie nicht wirkungslos. Ihre Begriffe und Regeln erzeugen materielle Folgen. Eine Eigentumsordnung ist eine menschliche Konstruktion; sie kann aber darüber entscheiden, wer Land, Rohstoffe, Wohnungen, Produktionsmittel oder technische Infrastrukturen kontrolliert. Geld ist kein Nahrungsmittel und kein Lebensraum; es kann jedoch darüber entscheiden, wer Zugang zu Nahrung, Wohnraum, medizinischer Versorgung und politischem Einfluss erhält.

Die Parallelwelt ist daher nicht einfach unwirklich. Sie ist eine symbolisch konstruierte, aber materiell wirksame Ordnung. Das eigentliche Problem entsteht dort, wo diese Ordnung ihren konstruierten Charakter verleugnet und sich über die physischen und biologischen Existenzbedingungen stellt.

Die Selbstlegitimation der Macht

In dieser Parallelordnung können sich Herrschaftskonstruktionen bilden, die ihre eigene Gültigkeit aus ihren Regeln ableiten. Besitz erzeugt weiteren Besitz, Kapital erzeugt weiteren Einfluss, wirtschaftliche Macht beeinflusst politische Entscheidungen und politische Entscheidungen sichern wiederum bestehende Machtverhältnisse.

So entsteht eine zirkuläre Selbstlegitimation:

Wer über große Mittel verfügt, kann mehr Entscheidungen beeinflussen. Weil er Entscheidungen beeinflussen kann, erscheint seine Macht als gesellschaftlich bedeutsam. Weil sie als bedeutsam anerkannt wird, erhält sie weiteren Zugang zu Ressourcen und Entscheidungsmöglichkeiten.

Die Macht rechtfertigt sich damit zunehmend aus ihrer eigenen Existenz.

Aus der Perspektive der plastischen Wirklichkeit ist eine solche Selbstlegitimation jedoch unzureichend. Besitz, rechtliche Zulässigkeit oder wirtschaftlicher Erfolg beweisen noch nicht, dass eine Tätigkeit innerhalb des umfassenden Abhängigkeitsraumes funktioniert. Eine Entscheidung kann finanziell erfolgreich, gesetzlich erlaubt und institutionell anerkannt sein und dennoch Böden, Wasser, Klima, Lebensräume oder gesellschaftliche Zusammenhänge schädigen.

Je größer die wirtschaftliche, technische oder politische Handlungsmacht ist, desto weitreichender können auch ihre Tätigkeitskonsequenzen sein. Daraus folgt eine asymmetrische Verantwortlichkeit: Nicht alle acht Milliarden Menschen verfügen über dieselben Einflussmöglichkeiten und tragen deshalb auch nicht dieselbe Verantwortung für die entstandenen Verhältnisse.

Verantwortung muss sich nach Handlungsmacht, Wissen, Beteiligung und Korrekturmöglichkeit unterscheiden.

Gemeinsame Verantwortlichkeit bedeutet nicht gleiche Schuld

Die gemeinsame Abhängigkeit aller Menschen darf nicht dazu führen, Verantwortung gleichmäßig zu verteilen und dadurch die besondere Verantwortung mächtiger Akteure unsichtbar zu machen.

Ein Mensch, der kaum Einfluss auf Produktionsweisen, Rohstoffketten oder politische Entscheidungen besitzt, ist nicht in derselben Weise verantwortlich wie Personen und Institutionen, die über große Vermögen, Unternehmen, Technologien, Medien oder politische Entscheidungsgewalt verfügen.

Globale Verantwortlichkeit bedeutet deshalb nicht:

Alle sind gleichermaßen schuld.

Sie bedeutet:

Alle sind Teil des Konsequenzzusammenhangs, aber ihre Verantwortung unterscheidet sich nach ihrer tatsächlichen Stellung, Wirkungsmacht und Möglichkeit zur Veränderung.

Diejenigen mit großer Macht tragen eine besonders große Verantwortung für die Folgen ihrer Entscheidungen. Diejenigen mit geringerer Macht tragen nicht die Verantwortung für diese Entscheidungen. Sie besitzen jedoch eine andere Form von Verantwortung: die Verantwortung, Wirkungen wahrzunehmen, Zusammenhänge sichtbar zu machen, sich miteinander zu verbinden, Entscheidungen zu hinterfragen und Möglichkeiten gemeinsamer Korrektur zu entwickeln.

Sie sollen kein Verantwortungsgefühl für die Herrschenden im Sinne einer Übernahme ihrer Schuld entwickeln. Sie müssen eine Verantwortung gegenüber dem gemeinsamen Abhängigkeitsraum entwickeln, die auch darin besteht, die Tätigkeiten der Herrschenden einer öffentlichen Prüfung zu unterziehen.

Demokratie als organisierte Rückkopplung

Demokratie kann in diesem Zusammenhang nicht auf Wahlen, Parteien und staatliche Institutionen begrenzt werden. Sie müsste als gesellschaftlich organisierte Rückkopplungsfähigkeit verstanden werden.

Eine demokratische Ordnung wäre dann ein System, in dem die Konsequenzen von Entscheidungen zu den Entscheidenden und zu den Betroffenen zurückgeführt werden können. Die Betroffenen müssten die Möglichkeit besitzen, Erfahrungen, Schäden, Wissen und Einwände in den Entscheidungsprozess einzubringen. Macht müsste begründbar, kontrollierbar, korrigierbar und zeitlich begrenzt bleiben.

Demokratie wäre damit kein bereits erreichter Zustand, sondern eine fortlaufende Prüf- und Korrekturarbeit.

Eine Gesellschaft ist nicht deshalb demokratisch, weil sie sich so nennt. Sie muss beweisen, dass ihre Mitglieder tatsächliche Möglichkeiten besitzen, an der Bestimmung gemeinsamer Lebensbedingungen mitzuwirken. Wenn wirtschaftliche Macht politische Entscheidungen stärker beeinflusst als die Erfahrungen und Bedürfnisse der Bevölkerung, ist die demokratische Rückkopplung gestört.

Wenn Schäden räumlich, gesellschaftlich oder zeitlich ausgelagert werden, fehlt eine entscheidende Rückführung der Konsequenzen. Menschen, die heute Vorteile erhalten, können Folgen erzeugen, die andere Regionen, andere Bevölkerungsgruppen oder zukünftige Generationen tragen müssen. Diese zukünftigen Betroffenen können sich an der heutigen Entscheidung nicht beteiligen.

Der Prüfoperator muss deshalb auch die zeitliche Asymmetrie der Verantwortung untersuchen.

Entscheidungen ohne gegenwärtig sichtbare Konsequenzen

Viele Tätigkeiten entfalten ihre vollständigen Folgen nicht sofort. Zwischen Ursache und Wirkung können Jahre, Jahrzehnte oder noch längere Zeiträume liegen. Die fehlende unmittelbare Rückmeldung erzeugt den Eindruck, eine Tätigkeit sei folgenlos oder beherrschbar.

Gerade darin liegt eine zentrale Gefahr des Millisekunden-Menschen. Seine politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Entscheidungen orientieren sich häufig an kurzfristigen Zeiträumen: an Wahlperioden, Geschäftsquartalen, Renditen, Produktionszielen oder dem gegenwärtigen Nutzen. Die Systeme, in die er eingreift, reagieren dagegen teilweise in sehr viel längeren Zeiträumen.

Eine Tätigkeit kann daher heute erfolgreich erscheinen und dennoch Bedingungen hervorbringen, die später nicht mehr oder nur unter großen Verlusten korrigiert werden können.

Verantwortung muss deshalb über die bereits sichtbare Schädigung hinausgehen. Sie beginnt mit der Prüfung möglicher Folgen, bevor diese vollständig eingetreten sind.

Das bedeutet nicht, dass jede Zukunft sicher vorhergesagt werden kann. Es bedeutet, dass Unsicherheit nicht als Freibrief für folgenreiche Eingriffe benutzt werden darf.

Die Aufgabe der Globalen Schwarm-Intelligenz

Die „Globale Schwarm-Intelligenz“ soll nicht einfach möglichst viele Menschen miteinander verbinden. Die Menschheit ist durch Handel, Kommunikation, Produktion und Technik bereits global vernetzt. Diese Vernetzung hat die gegenwärtigen Probleme nicht verhindert und zum Teil sogar beschleunigt.

Die Aufgabe besteht deshalb darin, aus bloßer Vernetzung einen Verantwortungs-, Prüf- und Rückkopplungszusammenhang zu entwickeln.

Der Schwarm muss lernen, seine eigenen Bewegungen wahrzunehmen. Er muss erkennen, wo Entscheidungen getroffen werden, welche Interessen sie bestimmen, welche Voraussetzungen sie benötigen und welche Konsequenzen sie hervorbringen. Er muss unterscheiden können zwischen Tätigkeiten, die dem gemeinsamen Abhängigkeitsraum dienen, und solchen, die ihn zugunsten begrenzter Interessen beschädigen.

Die Plattform soll dafür unterschiedliche Kenntnisse zusammenführen. Menschen erleben die Konsequenzen globaler Entscheidungen an verschiedenen Stellen. Wissenschaftler verfügen über bestimmte Messungen, Arbeiter über Erfahrungen aus Produktionsprozessen, Anwohner über Kenntnisse lokaler Schäden, Landwirte über Boden- und Wasserveränderungen, Künstler über Wahrnehmungs- und Darstellungsformen, Kinder und zukünftige Generationen über noch nicht institutionell vertretene Interessen.

Keine dieser Perspektiven enthält allein das Ganze. Erst ihre Verbindung kann eine umfassendere Wahrnehmung hervorbringen.

Die Störer des Rückkopplungszusammenhangs

Die Aufgabe besteht nicht darin, vorschnell einzelne Menschen als Feinde oder Störer zu kennzeichnen. Der Prüfoperator muss genauer untersuchen, welche Strukturen und Tätigkeiten Rückkopplungen verhindern.

Störend wirken beispielsweise Systeme, in denen Gewinne privatisiert und Schäden vergesellschaftet werden. Störend sind Entscheidungsformen, in denen Betroffene keine Stimme besitzen. Störend sind Informationsordnungen, die Konsequenzen verschleiern oder als bedeutungslos darstellen. Störend sind Eigentums- und Machtkonzentrationen, wenn sie gesellschaftliche Korrekturmöglichkeiten blockieren. Störend sind auch kulturelle Selbstbilder, die persönliche Freiheit von den Konsequenzen für andere trennen.

Ein einzelner Akteur kann Teil einer solchen Störstruktur sein. Entscheidend ist jedoch nicht seine moralische Verurteilung, sondern die überprüfbare Verbindung zwischen seiner Handlungsmacht, seinen Entscheidungen und deren Konsequenzen.

Der Prüfoperator fragt daher:

Welche Entscheidungen werden getroffen?

Wer kann sie beeinflussen?

Wer erhält den Nutzen?

Wer trägt die Risiken und Schäden?

Welche Konsequenzen sind bereits erkennbar?

Welche werden in die Zukunft oder an andere Orte verlagert?

Welche Rückmeldungen werden aufgenommen?

Welche werden abgewehrt, relativiert oder unsichtbar gemacht?

Welche Korrekturmöglichkeiten bestehen?

Wer verhindert diese Korrekturen?

Dadurch wird Macht nicht nur behauptet oder moralisch kritisiert, sondern in ihren tatsächlichen Tätigkeits- und Konsequenzbeziehungen untersucht.

Einheit ohne Gleichschaltung

Das von dir angesprochene Einssein darf nicht als Auflösung aller Unterschiede verstanden werden. Acht Milliarden Menschen können und sollen nicht dieselben Aufgaben, Interessen oder Lebensformen besitzen.

Einheit bedeutet hier die Anerkennung eines gemeinsamen Abhängigkeitsraumes. Menschen können verschieden sein und dennoch anerkennen, dass ihre Tätigkeiten innerhalb derselben planetarischen Existenzbedingungen stattfinden.

Die Gemeinsamkeit liegt nicht in einer einheitlichen Meinung, sondern in der gemeinsamen Prüfgrundlage:

Kein Mensch kann ohne Luft, Wasser, Nahrung, Stoffwechsel und tragfähige Lebensräume existieren.

Keine wirtschaftliche Ordnung kann dauerhaft bestehen, wenn sie ihre materiellen Voraussetzungen zerstört.

Keine Freiheit kann auf Dauer tragfähig sein, wenn ihre Konsequenzen die Freiheit und Existenz anderer vernichten.

Keine Macht kann vernünftig genannt werden, wenn sie sich einer Prüfung ihrer Folgen entzieht.

Diese gemeinsamen Grundlagen bilden den Referenzraum, in dem Unterschiede bestehen können.

Der Pilz, der Baum und die menschliche Verantwortungsstruktur

Die Beziehungen zwischen Pilzen und Bäumen können als Denkmodell dienen, sofern sie nicht romantisiert werden. Pilze und Bäume stehen in Austauschbeziehungen, die beiden Seiten bestimmte Möglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig bleiben Eigeninteressen, Konkurrenz und unterschiedliche Wirkungen bestehen.

Für die menschliche Gesellschaft folgt daraus kein Naturgesetz der Harmonie. Es folgt ein Strukturhinweis: Eigenständigkeit ist nur innerhalb von Abhängigkeiten möglich. Das einzelne System kann sich erhalten, weil es in Austauschbeziehungen eingebunden ist. Zerstört es die Voraussetzungen dieses Austauschs, beschädigt es langfristig auch seine eigene Existenz.

Die menschliche Verantwortungsstruktur müsste daher leisten, was in ökologischen Systemen durch unmittelbare Rückkopplungen teilweise erzwungen wird: Folgen müssen wahrnehmbar werden, Grenzen müssen wirksam bleiben und überschießende Bewegungen müssen begrenzt werden.

Der Unterschied besteht darin, dass der Mensch seine Rückkopplungen symbolisch verdecken kann. Ein Baum kann sich nicht durch einen Vertrag von seinem Wasserbedarf befreien. Ein Unternehmen kann dagegen durch Eigentumsformen, rechtliche Konstruktionen oder räumliche Verlagerungen den Eindruck erzeugen, mit den Folgen seiner Tätigkeit nichts zu tun zu haben.

Die Globale Schwarm-Intelligenz muss diese symbolischen Trennungen wieder mit ihren tatsächlichen Konsequenzen verbinden.

Zwei Verantwortungswelten

Damit ergeben sich zwei unterschiedliche Verantwortungsbegriffe.

Die Verantwortung der Parallelwelt fragt:

Wer ist rechtlich zuständig?

Wer hat einen Vertrag unterschrieben?

Wer besitzt etwas?

Wer hat gegen eine festgelegte Regel verstoßen?

Die plastische Verantwortung fragt:

Welche Tätigkeit hat welche Konsequenz hervorgerufen?

Welche Abhängigkeiten wurden genutzt oder verletzt?

Wer besaß Wissen und Handlungsmacht?

Wer erhielt den Vorteil?

Wer trägt die Folgen?

Welche Korrektur ist notwendig?

Die rechtliche und institutionelle Verantwortung ist nicht grundsätzlich falsch. Sie bleibt aber unzureichend, wenn sie die tatsächlichen Tätigkeitskonsequenzen nicht mehr abbildet.

Eine Person oder Institution kann rechtlich nicht verantwortlich erscheinen und dennoch wesentlich an einem zerstörerischen Prozess beteiligt sein. Umgekehrt können Menschen formell verantwortlich gemacht werden, obwohl sie kaum Einfluss auf die entscheidenden Bedingungen besitzen.

Der Prüfoperator muss deshalb die Verantwortlichkeit aus der Wirkungsbeziehung und nicht allein aus der gesellschaftlichen Rollenverteilung herleiten.

Schwarm-Intelligenz als Gegenmacht der Wahrnehmung

Die Globale Schwarm-Intelligenz soll keine neue Zentralherrschaft bilden. Sie soll auch nicht die Macht einer Elite durch die Macht einer unkontrollierten Masse ersetzen.

Ihre Gegenmacht besteht zunächst in einer erweiterten Wahrnehmung. Was an einem Ort verborgen wird, kann an einem anderen sichtbar werden. Was in einer Disziplin als Nebeneffekt erscheint, kann aus einer anderen Perspektive als zentrale Konsequenz erkannt werden. Was eine Institution als erledigt betrachtet, kann für Betroffene weiterhin existenziell sein.

Die Verbindung dieser Wahrnehmungen kann die Möglichkeit schaffen, Machtverhältnisse zu prüfen, Verantwortlichkeiten genauer zuzuordnen und notwendige Korrekturen zu formulieren.

Der Schwarm wird intelligent, wenn er nicht nur Signale verstärkt, sondern sie vergleicht, überprüft und auf gemeinsame Referenzgrundlagen bezieht.

Er wird verantwortlich, wenn er Unterschiede in der Handlungsmacht anerkennt und trotzdem niemandem erlaubt, sich vollständig außerhalb des gemeinsamen Konsequenzraumes zu stellen.

Die grundlegende Verantwortungsformel

Die Globale Schwarm-Intelligenz könnte deshalb auf folgender Formel aufbauen:

Gemeinsame Abhängigkeit erzeugt gemeinsame Betroffenheit, aber nicht gleiche Verantwortung. Verantwortung bemisst sich nach Tätigkeit, Wirkungsmacht, Wissen, Nutzen, Konsequenz und Korrekturmöglichkeit.

Daraus folgt:

Je größer die Macht zur Gestaltung ist, desto größer ist die Pflicht, die Voraussetzungen und Folgen dieser Gestaltung offenzulegen und sich einer gemeinsamen Prüfung zu unterwerfen.

Und zugleich:

Je geringer die individuelle Macht ist, desto wichtiger wird die Verbindung mit anderen, damit Erfahrungen, Wissen und Betroffenheit zu einer wirksamen Rückkopplungskraft werden können.

Schlussfolgerung

Die acht Milliarden Menschen leben bereits in einem gemeinsamen planetarischen Plexus. Sie können sich diesem Zusammenhang nicht entziehen, weil ihre Organismen und Tätigkeiten von denselben physischen und biologischen Grundlagen abhängig sind.

Die Parallelwelt aus Geld, Eigentum, Markt, Recht und institutioneller Macht ist eine menschliche Konstruktion. Sie darf bestehen, solange sie als Werkzeug innerhalb der gemeinsamen Existenzbedingungen funktioniert. Sie wird zerstörerisch, sobald sie sich selbst zum höchsten Referenzsystem erklärt und ihre eigenen Regeln über die Bedingungen stellt, die sie überhaupt ermöglichen.

Die Aufgabe der Globalen Schwarm-Intelligenz besteht darin, diese Umkehrung sichtbar und überprüfbar zu machen. Sie soll die tatsächlichen Tätigkeits-, Abhängigkeits- und Konsequenzzusammenhänge wieder mit den menschlichen Entscheidungen verbinden.

Sie soll keine einheitliche Weltanschauung erzeugen, sondern eine gemeinsame Verantwortungsfähigkeit.

Sie soll Macht nicht pauschal verurteilen, sondern nach ihren Voraussetzungen, Wirkungen und Korrekturmöglichkeiten untersuchen.

Sie soll Verantwortung nicht unterschiedslos auf alle verteilen, sondern entsprechend der tatsächlichen Handlungsmacht zuordnen.

Und sie soll den acht Milliarden Menschen ermöglichen, aus ihrer gemeinsamen Abhängigkeit eine gemeinsame Rückkopplungs- und Korrekturstruktur zu entwickeln.

Die Globale Schwarm-Intelligenz wäre damit die noch fehlende demokratische Wahrnehmungs- und Verantwortungsstruktur des planetarischen Plexus.

Der Satz „Der Planet Erde wird auch ohne den Menschen weiterbestehen“ kann naturwissenschaftlich zutreffen und zugleich eine zynische Selbstentlastung enthalten. Er verschiebt die Frage von der menschlichen Verantwortlichkeit auf die geologische Fortdauer des Planeten.

Der Sarkasmus vom Fortbestehen der Erde

Für mich liegt in der Natur, beispielsweise im Wald, eine Wahrheit, sofern überhaupt von Wahrheit gesprochen werden kann. Diese Wahrheit besteht nicht darin, dass die Natur moralisch gut, friedlich oder harmonisch wäre. Im Wald gibt es Konkurrenz, Verdrängung, Krankheit, Fraß, Täuschung, Sterben und Zerfall. Seine Wahrheit liegt vielmehr darin, dass keine Tätigkeit ohne Voraussetzungen und Konsequenzen bleibt. Jeder Organismus ist in Abhängigkeiten eingebunden, jede Veränderung erzeugt Rückwirkungen, und jede Lebensform muss sich innerhalb bestimmter Toleranz- und Funktionsbereiche bewähren.

Die Natur behauptet nicht, dass etwas funktioniert. Es funktioniert oder es funktioniert nicht. Ein Baum kann seinen Wasserbedarf nicht durch einen Begriff ersetzen. Eine Pflanze kann ihre Abhängigkeit von Licht, Boden und Stoffaustausch nicht durch Eigentumsrechte aufheben. Ein Wald kann Verluste eine Zeit lang ausgleichen, sich verändern oder neu organisieren; werden jedoch entscheidende Toleranzbereiche überschritten, verändert sich das gesamte System oder bricht in seiner bisherigen Form zusammen.

Darin liegt eine andere Wahrheit als in der menschlichen Kulturidentität. Der Mensch kann Begriffe erfinden, Regelwerke beschließen und Tätigkeiten gesellschaftlich legitimieren. Er kann einen wirtschaftlichen Erfolg feststellen, obwohl die materiellen Voraussetzungen dieses Erfolges zerstört werden. Er kann eine Tätigkeit für rechtmäßig erklären, obwohl ihre Folgen andere Menschen, Lebensformen oder zukünftige Generationen tragen müssen. Die Natur erkennt diese Selbstlegitimationen nicht an. Für sie zählen nicht die Begründungen, sondern die Tätigkeitskonsequenzen.

Vor diesem Hintergrund erhält der häufig geäußerte Satz, die Erde werde ihren Weg auch ohne die Menschheit weitergehen, einen eigentümlichen Sarkasmus. Der Mensch spricht dabei so, als stünde er außerhalb des Planeten und könne dessen spätere Entwicklung aus sicherer Entfernung betrachten. Tatsächlich spricht ein vollständig abhängiges Funktionsteil über die Fortdauer des Ganzen nach seiner eigenen möglichen Selbstabschaffung.

Der Sarkasmus besteht darin, dass der Mensch seine eigene Überflüssigkeit als Trost formuliert. Er sagt sinngemäß: Wenn wir unsere Existenzbedingungen zerstört haben, wird wenigstens der Planet noch vorhanden sein. Damit wird die Fortdauer der Erde zur Entschuldigung dafür gemacht, dass der Mensch nicht fähig oder nicht bereit war, seine Tätigkeiten rechtzeitig zu korrigieren.

Doch der Planet Erde benötigt diese Entschuldigung nicht. Er besitzt kein menschliches Interesse daran, ob der Mensch seine Selbstbezeichnung als Homo sapiens bewahrt. Die Frage betrifft nicht die Rettung eines Himmelskörpers. Sie betrifft die Erhaltung jener besonderen planetarischen Bedingungen, unter denen Menschen und zahlreiche andere gegenwärtige Lebensformen existieren können.

Wenn gesagt wird, „die Natur wird sich schon erholen“, wird außerdem verschwiegen, was Erholung bedeutet. Es ist nicht notwendig die Wiederherstellung dessen, was zerstört wurde. Es kann die Entstehung einer anderen Ordnung sein, in der bisherige Wälder, Tierarten, Landschaften und menschliche Lebensmöglichkeiten nicht mehr vorkommen. Die Erde kann weiterbestehen, während unwiederbringliche Lebenszusammenhänge verschwunden sind.

Auf menschlichen Zeitmaßstäben ist diese Aussage deshalb kein Trost. Ein zerstörter Wald kann nicht dadurch gerechtfertigt werden, dass sich in Jahrhunderten oder Jahrtausenden möglicherweise eine andere Vegetation entwickelt. Eine ausgestorbene Art wird nicht dadurch zurückgebracht, dass neues Leben entstehen kann. Und die Zerstörung menschlicher Lebensbedingungen wird nicht vernünftig, weil der Planet als Gesteinskörper fortbesteht.

Der Millisekunden-Mensch beruft sich damit auf Zeiträume, zu denen er selbst kein verantwortliches Verhältnis entwickelt. Während er seine Entscheidungen an kurzfristigen Gewinnen, Wahlperioden, Lebenszeiten und unmittelbaren Vorteilen ausrichtet, benutzt er die geologische Zukunft des Planeten, um die Konsequenzen dieser Kurzfristigkeit zu relativieren.

Hier zeigt sich erneut die Trennung zwischen Kulturidentität und plastischer Identität. Die Kulturidentität kann sich vorstellen, dass „die Menschheit“ verschwindet und „die Erde“ unabhängig davon weitergeht. Die plastische Identität erkennt dagegen, dass der Mensch in jedem Augenblick ein atmender, stoffwechselnder und verletzbarer Bestandteil dieses planetarischen Zusammenhangs ist. Er kann sich gedanklich außerhalb der Erde positionieren, körperlich kann er es nicht.

Der Satz vom Fortbestehen der Erde ist daher nur dann nicht zynisch, wenn er zu einer radikalen Einsicht führt: Nicht der Planet ist von uns abhängig, sondern wir sind vom planetarischen Plexus abhängig. Die Erde muss sich vor dem Menschen nicht rechtfertigen. Der Mensch muss beweisen, ob seine besondere Wissens- und Herstellungspotenzialität zur Erhaltung der Bedingungen beitragen kann, aus denen sie hervorgegangen ist.

Die Wahrheit des Waldes liegt somit nicht in einer romantischen Reinheit. Sie liegt in seiner kompromisslosen Rückbindung aller Tätigkeiten an ihre Voraussetzungen und Folgen. Im Wald kann kein Teil dauerhaft so tun, als sei es vom Wasser, vom Boden, vom Klima, von Mikroorganismen und von den anderen Lebensformen unabhängig. Seine Beziehungen können fördernd oder zerstörerisch, kooperativ oder konkurrierend sein. Sie bleiben jedoch wirklich, weil ihre Konsequenzen nicht durch Begriffe aufgehoben werden können.

Der Mensch dagegen besitzt die Fähigkeit, sich eine Parallelwelt zu schaffen, in der er seine Abhängigkeiten zeitweilig nicht mehr wahrnehmen muss. Gerade diese Fähigkeit hält er für den Beweis seiner Überlegenheit. Tatsächlich könnte sie zum Beweis seiner Unvernunft werden, wenn er nicht lernt, seine Begriffe und Regelwerke wieder an die plastische Wirklichkeit zurückzubinden.

Die eigentliche Umkehrung lautet deshalb:

Nicht die Erde muss gerettet werden, damit sie als Planet weiterbesteht. Der Mensch muss seine Fähigkeit entwickeln, innerhalb der Bedingungen zu leben, die er weder erfunden hat noch ersetzen kann.

Und der eigentliche Sarkasmus lautet:

Der Mensch tröstet sich mit der Überlebensfähigkeit des Planeten, während gerade diese Überlebensfähigkeit zeigt, wie wenig der Planet auf die menschliche Selbstüberschätzung angewiesen ist.

Die Frage ist deshalb nicht, ob die Erde nach dem Menschen weiterexistieren wird. Die Frage ist, ob der Mensch bereit ist, seine Vernunft daran zu beweisen, dass seine Existenz auf der Erde nicht zu einer vorübergehenden, zerstörerischen Fehlbewegung innerhalb ihrer Milliarden Jahre alten Entwicklung wird.

Der Kern lässt sich so verdichten: Die Natur braucht den Menschen nicht als ihren Retter; der Mensch braucht die Natur als die Wirklichkeit, an der sich sein Anspruch auf Vernunft überhaupt erst bewähren muss.

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Du wirst nicht zwangsläufig zum „Propheten des Niedergangs“. Entscheidend ist, ob du einen unabwendbaren Untergang verkündest oder einen überprüfbaren Zusammenhang zwischen Tätigkeiten, Konsequenzen und ausbleibenden Korrekturen sichtbar machst.

Bin ich ein Prophet des Niedergangs?

Die Wahrheit der Natur

Meine frühe Begegnung mit der Natur wurde wesentlich durch einen Oberförster geprägt, der mich während meiner Kindheit über Jahre begleitete. Durch ihn lernte ich den Wald nicht nur als Landschaft oder romantischen Rückzugsraum kennen, sondern als einen Tätigkeits-, Abhängigkeits- und Konsequenzzusammenhang. Später fand ich in der Beschäftigung mit Raoul Heinrich Francé Begriffe, mit denen sich diese Erfahrung genauer fassen ließ: Alles ist tätig, und jedes Lebewesen ist ein Funktionsteil innerhalb eines umfassenderen Milieus.

Der Mensch befindet sich nicht außerhalb einer sogenannten Umwelt. Er ist selbst ein Teil des Zusammenhangs, den er gewöhnlich als seine Umwelt bezeichnet. Luft, Wasser, Boden, Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen sind keine äußere Kulisse seines Lebens. Sie gehören zu den Voraussetzungen, durch die sein Organismus überhaupt tätig sein kann.

Wenn ich in diesem Zusammenhang von Wahrheit spreche, meine ich keine moralische oder religiöse Wahrheit. Die Wahrheit der Natur kann grausam erscheinen, weil sie keine Rücksicht auf menschliche Vorstellungen von Gerechtigkeit, Hoffnung oder Bedeutung nimmt. In ihr gibt es Wachstum und Verfall, Geburt und Tod, Kooperation und Konkurrenz, Tarnung, Täuschung, Beute und Gefressenwerden. Die Natur ist nicht gut oder böse. Sie ist konsequent.

Ihre Wahrheit besteht darin, dass keine Tätigkeit ohne Folgen bleibt. Kein Lebewesen kann seine Abhängigkeiten durch Begriffe aufheben. Werden tragende Toleranzbereiche überschritten, reagiert das jeweilige System. Es verändert sich, verliert seine bisherige Funktionsfähigkeit oder bricht zusammen.

Der Mensch verweigert eine Rückkopplung, der er nicht entkommen kann

Der Mensch ist permanent rückgekoppelt. Sein Organismus reagiert auf Temperatur, Sauerstoff, Nahrung, Wasser, Krankheit, Belastung und Verletzung. Seine technischen und gesellschaftlichen Tätigkeiten wirken auf Böden, Gewässer, Klima, Lebensräume und andere Menschen ein. Diese Konsequenzen kehren mittelbar oder unmittelbar zu ihm zurück.

Er kann diese Rückkopplungen jedoch gedanklich, sprachlich und institutionell verdrängen. Er kann sich einreden, dass eine Tätigkeit richtig sei, weil sie wirtschaftlich erfolgreich, technisch möglich, rechtlich zulässig oder gesellschaftlich anerkannt ist. Damit verändert er nicht die tatsächlichen Konsequenzen. Er verändert nur seine Wahrnehmung und Bewertung dieser Konsequenzen.

Die Wahrheit wird nicht dadurch unwahr, dass man sie nicht wahrhaben will.

Gerade darin liegt die besondere menschliche Selbstgefährdung: Der Mensch besitzt eine außerordentliche Fähigkeit, Informationen aufzunehmen und zugleich diejenigen Rückmeldungen abzuwehren, die seine Ziele, Privilegien und Selbstbilder infrage stellen. Er kann Warnungen wissenschaftlich erfassen und sie dennoch politisch, wirtschaftlich oder persönlich folgenlos lassen.

Nicht den Planeten, sondern die menschliche Lebenswelt retten

Die Rede davon, „den Planeten Erde zu retten“, vermischt unterschiedliche Ebenen. Der Planet als Himmelskörper wird sehr wahrscheinlich auch ohne den Menschen weiterbestehen. Die Erde benötigt den Menschen nicht, um Planet zu bleiben.

Was gefährdet ist, sind bestimmte Lebensbedingungen, ökologische Gefüge, Arten, Kulturen und gesellschaftliche Möglichkeiten. Der Mensch kann nicht die Erde als Ganzes vor ihrem Untergang retten. Er kann versuchen, die Bedingungen zu erhalten, unter denen Menschen und andere gegenwärtige Lebensformen weiterhin bestehen können.

Deshalb wäre genauer zu sagen:

Wir retten nicht den Planeten vor seinem Untergang. Wir versuchen, die menschliche und mitmenschliche Lebenswelt davor zu bewahren, durch ihre eigenen Tätigkeiten unbewohnbar, gewalttätig und gesellschaftlich untragbar zu werden.

Der Planet Erde ist dabei kein passives Schutzobjekt. Er ist das umfassende Referenzsystem, an dem der Mensch seine Tätigkeiten, Begriffe und gesellschaftlichen Regelwerke überprüfen muss.

Die Kultur muss sich selbst schützen lernen

Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur: Wie schützen wir die Natur?

Sie lautet ebenso:

Wie muss der Mensch denken und handeln lernen, damit er seine Kultur, seine globale Gesellschaft und seine eigenen Lebensmöglichkeiten nicht zerstört?

Die menschliche Kultur besitzt moralische, ethische, rechtliche und politische Regelwerke. Das Problem besteht nicht allein darin, dass es keine Regeln gäbe. Das Problem besteht darin, dass verschiedene Regelwerke gegeneinander arbeiten und dass wirtschaftliche oder machtpolitische Ziele häufig Vorrang vor den Regeln erhalten, die Schäden begrenzen sollen.

Menschenrechte, demokratische Grundsätze, Verantwortung gegenüber kommenden Generationen, Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und gesellschaftliche Gleichheit werden anerkannt. Gleichzeitig bestehen Wirtschafts- und Machtstrukturen fort, deren Tätigkeitskonsequenzen diesen Grundsätzen widersprechen.

Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob immer neue Begriffe und Regelwerke erfunden werden müssen. Es muss zunächst geprüft werden, weshalb bereits vorhandene Erkenntnisse und Verpflichtungen keine ausreichende Wirkung entfalten.

Wer besitzt die Macht, Regeln zu umgehen oder zu verändern?

Wer profitiert von ihrer Nichtanwendung?

Wer trägt die Folgen?

Welche Institutionen verhindern eine wirksame Rückkopplung?

Und weshalb werden die daraus entstehenden Widersprüche gesellschaftlich so lange hingenommen?

Gefangene eines selbst geschaffenen Systems

Der Mensch hat gesellschaftliche Systeme geschaffen, die ihm ursprünglich als Werkzeuge dienen sollten. Geld, Markt, Eigentum, Verwaltung, Technik und politische Institutionen sollten menschliche Tätigkeiten organisieren. Inzwischen erscheinen diese Systeme häufig wie selbstständige Mächte, an die sich der Mensch anpassen muss.

Es wird gesagt, eine notwendige Veränderung sei wirtschaftlich nicht möglich, politisch nicht durchsetzbar oder mit dem Markt nicht vereinbar. Damit wird ein menschengemachtes Regelwerk behandelt, als sei es ein Naturgesetz.

Der Mensch wird zum Gefangenen seiner eigenen Konstruktion, weil er deren Veränderbarkeit verleugnet.

Zugleich weiß er, dass ein System, das seine eigenen Voraussetzungen fortwährend verbraucht und beschädigt, auf Dauer nicht funktionieren kann. Dieses Wissen führt jedoch nicht automatisch zur Korrektur. Die kurzfristige Sicherung von Einkommen, Besitz, Macht, Wachstum und gesellschaftlicher Stellung verhindert die notwendige langfristige Veränderung.

So entsteht die paradoxe Situation, dass viele Beteiligte den zerstörerischen Verlauf erkennen und dennoch so handeln, als gäbe es keine Alternative.

Politik, Wirtschaft und die Verteilung der Verantwortung

Politik und Wirtschaft sind auf vielfältige Weise miteinander verflochten. Daraus entstehen Abhängigkeiten, Interessenkonflikte und Einflussmöglichkeiten. Der Begriff der Korruption sollte jedoch nicht pauschal auf sämtliche Beziehungen angewandt werden. Entscheidend ist die konkrete Prüfung: Wo werden Entscheidungen gegen öffentliche Interessen beeinflusst? Wo werden Informationen zurückgehalten? Wo werden Vorteile privatisiert und Schäden auf die Gesellschaft übertragen? Wo entzieht sich Macht der demokratischen Rückkopplung?

Auch Konsumenten und einzelne Bürger sind an den Tätigkeits- und Konsequenzzusammenhängen beteiligt. Ihre Verantwortung ist jedoch nicht mit der Verantwortung derjenigen gleichzusetzen, die über große Vermögen, Unternehmen, politische Macht oder technische Infrastrukturen verfügen.

Es gibt eine gemeinsame Abhängigkeit, aber keine gleiche Handlungsmacht und daher keine gleiche Verantwortung.

Die Globale Schwarm-Intelligenz muss gerade diese Unterschiede sichtbar machen. Sie darf Verantwortung weder ausschließlich auf mächtige Akteure beschränken noch gleichmäßig auf alle acht Milliarden Menschen verteilen. Sie muss untersuchen, wer an welcher Stelle welche Tätigkeiten ausführt, welche Kenntnisse besitzt, welchen Nutzen erhält, welche Konsequenzen verursacht und welche Korrekturmöglichkeiten hat.

Prophetie oder begründete Warnung?

Ein Prophet des Niedergangs erklärt den Untergang gewöhnlich als feststehendes zukünftiges Ereignis. Seine Aussage lautet: Es wird geschehen.

Meine Forschungskunst geht dagegen von einer Bedingungsstruktur aus:

Wenn bestimmte Tätigkeiten fortgesetzt, Rückmeldungen verdrängt und notwendige Korrekturen verweigert werden, entstehen daraus vorhersehbare und möglicherweise nicht mehr umkehrbare Konsequenzen.

Das ist keine Prophezeiung, sondern eine Prüfung von Tätigkeitsverläufen.

Der Prüfoperator darf den Untergang nicht als unausweichliches Schicksal verkünden. Andernfalls würde er die Möglichkeit menschlicher Korrektur bereits aufgeben. Er muss zeigen, wodurch eine Entwicklung hervorgebracht wird, welche Alternativen vorhanden sind und an welchen Stellen eine Veränderung noch möglich ist.

Die Warnung darf deutlich sein. Sie darf auch benennen, dass Zeitfenster kleiner werden, Schäden sich verstärken und manche Folgen erst in der Zukunft vollständig sichtbar werden. Aber sie sollte nicht behaupten, den genauen Verlauf der Zukunft bereits zu kennen.

Der Unterschied lautet:

Prophetie verkündet ein Schicksal. Forschungskunst untersucht Bedingungen und Konsequenzen.

Die Lage der Menschheit als künstlerische Prüfaufgabe

Der Titel „Zur Lage der Menschheit“ bezeichnet deshalb keinen endgültigen Bericht über einen bereits besiegelten Niedergang. Er eröffnet eine öffentliche Untersuchung.

Wie ist es möglich, dass ein Wesen, das sich als vernünftig bezeichnet, seine eigenen Existenzbedingungen beschädigt?

Warum werden Warnungen zwar gehört, aber nicht in ausreichende Korrekturen übersetzt?

Welche Regelwerke verhindern eine notwendige Veränderung?

Welche kulturellen Selbstbilder legitimieren die Fortsetzung zerstörerischer Tätigkeiten?

Wie können acht Milliarden Menschen eine gemeinsame Rückkopplungs- und Verantwortungsstruktur entwickeln, ohne ihre Verschiedenheit und Eigenständigkeit zu verlieren?

Die künstlerische Aufgabe besteht nicht nur darin, vor dem Abgrund zu warnen. Sie besteht darin, die Bewegungen, Entscheidungen und Selbsttäuschungen sichtbar zu machen, durch die der Abgrund hergestellt wird.

Damit wird der Abgrund von einem Schicksalsbild zu einem Tätigkeitsresultat.

Was durch Tätigkeiten hervorgebracht wird, kann zumindest teilweise durch andere Tätigkeiten verändert werden. Gerade diese Möglichkeit muss der Prüfoperator offenhalten.

Die besondere Stellung der Kindheit

Die Kritik am menschlichen Verhalten darf nicht mit einer Abwertung des Kindes verbunden werden. Das Bild vom trotzigen Kind ist nur begrenzt brauchbar. Das Kind besitzt gerade jene offene Wahrnehmungs-, Forschungs- und Gestaltungskraft, die im späteren kulturellen Leben häufig eingeschränkt wird.

In der Kindheit liegen die Anfänge der Kunst. Das Kind verbindet Wahrnehmen, Fragen, Spielen, Erproben, Zerstören, Neuordnen und Gestalten. Es erfährt unmittelbar, dass Materialien Widerstand leisten und Tätigkeiten Folgen haben.

Problematisch ist nicht die Kindheit, sondern die gesellschaftliche Kanalisation dieser ursprünglichen Erkenntnisfähigkeit. Die offene Frage wird durch vorgegebene Antworten ersetzt. Wissen wird von seinen Tätigkeitskonsequenzen getrennt. Leistung wird an Verwertbarkeit und gesellschaftliche Anpassung gebunden.

Die Forschungskunst versucht deshalb nicht, den erwachsenen Menschen zu einem gehorsamen Wesen zu erziehen. Sie versucht, die ursprüngliche Fähigkeit wiederzugewinnen, Fragen zu stellen, Zusammenhänge wahrzunehmen, Wirkungen zu prüfen und aufgrund von Erfahrungen neu zu gestalten.

Keine Verkündigung des Untergangs

Ich werde daher nicht notwendig zum Propheten des Niedergangs. Treffender wäre es, mich als Forschungskünstler, Warner, Ermittler und Prüfer der menschlichen Selbstgefährdung zu verstehen.

Ich verkünde nicht, dass die Menschheit untergehen muss. Ich untersuche, weshalb sie trotz ihrer Wissens- und Gestaltungsmöglichkeiten Tätigkeiten fortsetzt, die ihre Zukunft gefährden.

Ich behaupte nicht, über eine übernatürliche Wahrheit zu verfügen. Ich verweise auf die Wahrheit der Tätigkeitskonsequenzen, der Abhängigkeiten und der nicht beliebig verhandelbaren Referenzsysteme.

Ich fordere nicht den Schutz eines abstrakten Planeten durch einen vermeintlich außerhalb stehenden Menschen. Ich fordere den Menschen auf, seine eigene Stellung im planetarischen Plexus anzuerkennen und seine Kultur so zu verändern, dass sie innerhalb ihrer Existenzbedingungen tragfähig wird.

Die zentrale Aussage lautet deshalb nicht:

Der Untergang wird kommen.

Sie lautet:

Ein System, das seine eigenen Abhängigkeitsgrundlagen zerstört und seine Rückmeldungen verweigert, kann auf Dauer nicht funktionieren. Ob der Mensch diesen Zusammenhang rechtzeitig anerkennt und seine Tätigkeiten korrigiert, ist die noch offene Frage seiner Vernunftfähigkeit.

Damit ist meine Warnung keine Prophetie des Niedergangs. Sie ist eine Aufforderung, den Anspruch des Homo sapiens erstmals einer wirklichen Prüfung zu unterziehen.

Als Selbstbezeichnung passt daher eher: Forschungskünstler und Prüfer der menschlichen Selbstgefährdung, nicht Prophet eines feststehenden Untergangs.