20. Sprache und verkörperte Symbolbildung
20.1 Sprache als plastizierter Atem
Im Werkzusammenhang der Plastischen Anthropologie 51:49 ist Sprache nicht als reine Geistesleistung, nicht als selbstgenügsames Zeichensystem und nicht als von der Wirklichkeit abgelöste Symbolwelt zu verstehen. Sprache ist vielmehr verkörperte Symbolbildung. In ihrer elementarsten Gestalt ist sie plastizierter Atem. Das heißt: Sie entsteht nicht jenseits des Leibes, sondern aus einem realen, stoffwechselhaften und rhythmischen Vollzug. Atem gehört zur zweiten Ebene des Lebens, zugleich aber schon zur ersten Ebene des physischen Funktionierens, weil er an Druckverhältnisse, Luftströmung, Muskelarbeit, Zeit, Energie und Durchlässigkeit gebunden ist. Sprache beginnt daher nicht mit dem Begriff, sondern mit einem leiblichen Hervorbringungsprozess, in dem Luft, Spannung, Öffnung, Widerstand und Formung zusammenwirken.
Gerade darin liegt ihre naturgrammatische Bedeutung. Wenn Sprache plastizierter Atem ist, dann steht sie nicht über der Wirklichkeit, sondern ist selbst ein Ergebnis von Formbildung unter Bedingungen. Sie entspringt nicht einem autonomen Innenraum, der sich dann äußerlich ausdrückt, sondern einem Grenz- und Übergangsgeschehen zwischen Organismus, Mitwelt und Lautbildung. Dadurch wird die dritte Ebene von Anfang an an die erste und zweite rückgebunden. Sprache ist nicht Gegenwelt, sondern hervorgebrachte Vermittlung. Sie ist bereits in ihrer Entstehung an Verletzbarkeit, Stoffwechsel, Rhythmus und Grenze gebunden.
Diese Einsicht hat weitreichende Folgen für das gesamte Projekt. Denn sie entzieht der Symbolwelt ihren Anspruch auf absolute Selbstständigkeit. Wenn Sprache aus plastiziertem Atem hervorgeht, dann kann sie sich nicht wahrheitsfähig machen, indem sie ihre Herkunft vergisst. Ihre Begriffe bleiben nur dann lebendig, wenn sie an die Bedingungen zurückgebunden bleiben, aus denen sie hervorgegangen sind. Die Formel vom plastizierten Atem ist deshalb keine poetische Metapher, sondern eine anthropologische Grundbestimmung. Sie macht sichtbar, dass Symbolbildung selbst noch ein Teil der Naturgrammatik ist.
20.2 Kehlkopf, Artikulation und Lautbildung
Die Verkörperung der Sprache wird besonders deutlich am Kehlkopf, an der Artikulation und an der Lautbildung. Der Kehlkopf ist keine nebensächliche anatomische Vorrichtung, sondern ein hochsensibler Übergangsraum zwischen Atem, Spannung, Resonanz und Form. In ihm wird Luft nicht bloß abgegeben, sondern moduliert. Stimme entsteht aus Druck, Öffnung, Schwingung und Widerstand. Hinzu treten Mundraum, Zunge, Gaumen, Lippen und Zähne, die den Lautstrom weiter gliedern, brechen, formen und differenzieren. Sprache ist somit kein immaterielles Ereignis, sondern eine präzise körperliche Formleistung.
Gerade diese leibliche Formung zeigt, dass Lautbildung immer ein Prozess der Einpassung und Differenzierung ist. Der Laut ist nicht schon als Bedeutung vorhanden, sondern gewinnt erst durch artikulatorische Bearbeitung Gestalt. Auch hier lässt sich der Zusammenhang zu Ihrem plastischen Denken deutlich sehen. Artikulation ist Formgebung unter Bedingungen. Der Luftstrom wird nicht frei ins Leere gesetzt, sondern an organischen Strukturen geführt, gebremst, geöffnet, gespannt und gefaltet. Sprache entsteht also in einem Zusammenwirken von Materialität und Differenz, von Durchgang und Widerstand, von Kontinuität und Unterbrechung.
Damit wird zugleich verständlich, warum Sprache nie ganz von der Wirklichkeit abgelöst werden kann. Ihre elementare Hervorbringung bleibt an Körperorganisation, Energieaufwand, Rhythmus und Verletzbarkeit gebunden. Sprechen ist ein leiblicher Vollzug. Er kann gestört, erschöpft, unterbrochen oder beschädigt werden. Schon daran wird sichtbar, dass Sprache nicht über den Bedingungen des Lebens schwebt. Sie gehört zu ihnen. Der Kehlkopf und die Lautbildung stehen daher im Werkzusammenhang exemplarisch für die Rückbindung der Symbolwelt an die ersten beiden Ebenen.
20.3 Symbolbildung als hervorgebrachter Prozess
Aus dieser leiblichen Herkunft folgt, dass Symbolbildung grundsätzlich als hervorgebrachter Prozess verstanden werden muss. Symbole fallen nicht vom Himmel und entspringen auch keiner voraussetzungslosen Geisteswelt. Sie entstehen aus Verdichtung, Wiederholung, Unterscheidung, Einübung, sozialer Stabilisierung und leiblicher Formung. Ein Laut wird zum Zeichen, ein Zeichen zur Bedeutung, eine Bedeutung zum Begriff, ein Begriff zur Geltung, eine Geltung zur Institution. Doch in jeder dieser Verdichtungsstufen bleibt die Symbolbildung an reale Bedingungen gebunden. Sie ist nie selbstursprünglich. Gerade darin liegt ihre Stärke, aber auch ihre Gefährdung.
Ihre Stärke liegt darin, dass der Mensch durch Symbolbildung über den unmittelbaren Augenblick hinaus urteilen, erinnern, vergleichen, planen und institutionell handeln kann. Ihre Gefährdung liegt darin, dass die hervorgebrachte Form ihren eigenen Hervorgang vergisst. Dann erscheint das Symbol nicht mehr als Prozessprodukt, sondern als selbstständige Realität. Aus hervorgebrachter Symbolik wird scheinbar natürliche Geltung. Genau hier beginnt die Entkopplung, die im Werkzusammenhang an so vielen Stellen kritisiert wird: der tote Begriff, die Dinge-Welt, die Eigenschaftsverwechslung, die stille Tatsachenherstellung durch Urteil und die Verabsolutierung der dritten Ebene.
Symbolbildung muss deshalb als ein plastischer Vorgang begriffen werden. Sie entsteht nicht nur, sondern sie bildet sich. Und sie bleibt nur dann tragfähig, wenn sie korrekturfähig bleibt. Das heißt: Symbolische Ordnungen dürfen ihren Prozesscharakter nicht verlieren. Sie müssen revidierbar, an Wirklichkeit rückbindbar und auf ihre Tragschichten hin durchsichtig bleiben. Symbolbildung ist im Werkzusammenhang daher nicht bloß Kulturtechnik, sondern Prüfgeschehen. Ihre Wahrheit hängt daran, ob sie ihren Hervorgang mitführt oder verleugnet.
20.4 Die Rückbindung der Sprache an erste und zweite Ebene
Die Rückbindung der Sprache an erste und zweite Ebene ist deshalb keine dekorative Ergänzung, sondern eine Grundbedingung des gesamten Modells. Die erste Ebene bringt Materialität, Energie, Druck, Widerstand, Zeit und physisches Funktionieren ins Spiel. Die zweite Ebene bringt Atem, Organismus, Stoffwechsel, Rhythmus, Verletzbarkeit und Regeneration hinzu. Sprache kann nur entstehen, weil beide Ebenen zusammenwirken. Sie ist physisch ermöglicht und biologisch getragen. Das bedeutet: Auch die dritte Ebene der Symbol- und Geltungswelt bleibt in ihrem Ursprung auf die ersten beiden Ebenen angewiesen. Sie kann sich von ihnen lösen wollen, aber sie kann nie außerhalb ihrer Bedingungen existieren.
Gerade diese Einsicht ist im Werkzusammenhang von entscheidender Bedeutung. Denn viele moderne Begriffsordnungen behandeln Sprache so, als könne sie ihre eigene Wirklichkeit setzen. Begriffe erscheinen dann wie schöpferische Ursprünge. Tatsächlich aber bleibt jede sprachliche Setzung an Wirklichkeitsbedingungen rückgebunden. Ein Begriff kann nur dann tragfähig sein, wenn er nicht bloß formal oder kulturell funktioniert, sondern an Anschauung, Stoffwechsel, Grenze, Tragschicht und Konsequenz anschließbar bleibt. Genau deshalb ist Sprache hier nicht nur Medium der Symbolwelt, sondern Prüfgegenstand. Sie muss daraufhin befragt werden, ob sie ihre Verbindung zur ersten und zweiten Ebene noch trägt oder bereits in einer entkoppelten Scheinwelt operiert.
Die Rückbindung der Sprache an erste und zweite Ebene bedeutet somit nicht, Sprache zu entwerten, sondern sie ernst zu nehmen. Gerade weil sie mächtig ist, darf sie ihre Herkunft nicht vergessen. Sprache bleibt lebendig, solange sie plastisch bleibt: hervorgebracht, verkörpert, korrekturfähig und an Wirklichkeit gebunden. Sie wird tot, sobald sie sich selbst als autonome Geltungsmacht setzt. Im Werkzusammenhang ist Sprache daher weder bloß Ausdruck noch bloß Instrument, sondern die sensible Übergangszone, in der sich entscheidet, ob Symbolbildung an Naturgrammatik angeschlossen bleibt oder sich in Entkopplung verwandelt.
