21.7.2026
Der eigentliche Kern liegt tiefer als im Markt allein. Der Mensch hat die in der Natur vorhandenen Mechanismen von Tarnung, Täuschung und Anpassung in eine symbolische und gesellschaftliche Als-ob-Welt überführt. Während Tarnung und Täuschung bei Pflanzen und Tieren unmittelbar dem Überleben dienen und fortwährend an den realen Bedingungen ihrer Umwelt überprüft werden, benutzt der Mensch vergleichbare Fähigkeiten zur Herstellung und Verteidigung seines Ich-Bewusstseins, seiner Individualität, seiner Rollen und seines gesellschaftlichen Geltungsanspruchs.
Der Markt ist dabei nicht der Ursprung, sondern ein besonders wirksames Trainingssystem. Er verlangt, dass der Mensch sich darstellt, anbietet, verkauft, spezialisiert und gegenüber anderen behauptet. Dadurch entwickelt er ein immer ausgefeilteres schauspielerisches Handwerkszeug: Er erzeugt den Eindruck von Kompetenz, Unabhängigkeit, Eigentümerschaft, Sicherheit und persönlicher Einzigartigkeit. Dieses dargestellte Ich kann jedoch von den tatsächlichen Bedingungen seines Organismus und seiner planetaren Abhängigkeit weitgehend entkoppelt sein.
Der Mensch trainiert damit nicht vorrangig die Passung an seine Existenzbedingungen, sondern die überzeugende Darstellung einer solchen Passung. Er tut so, als ob er autonom, wissend, unverletzlich und Herr seiner Lebensbedingungen wäre. Pflanzen und Tiere können sich eine solche dauerhafte Entkopplung nicht leisten. Ihre Strategien werden unmittelbar durch Funktionieren oder Nichtfunktionieren korrigiert. Der Mensch dagegen kann seine Täuschungen durch Sprache, Geld, Eigentum, Status, Recht und gesellschaftliche Rollen über lange Zeit stabilisieren und ihre Folgen auf andere Menschen, andere Lebewesen oder spätere Generationen verlagern.
Der Kern wäre daher:
Die stärkste gesellschaftliche Spezialisierung des Menschen
Global betrachtet hat sich der Mensch am stärksten darin spezialisiert, Wirklichkeit in verwertbare, steuerbare und darstellbare Einheiten zu zerlegen. Er verwandelt Boden in Eigentum, Lebenszeit in Arbeitszeit, Fähigkeiten in Qualifikationen, Bedürfnisse in Nachfrage, Beziehungen in Netzwerke, Aufmerksamkeit in Marktwert und sich selbst in ein gesellschaftlich verwertbares Ich.
Die umfassendste Spezialisierung liegt deshalb nicht in einem einzelnen Berufsfeld, sondern in der Herstellung, Verwaltung und Verteidigung symbolischer Ordnungen. Geld, Eigentum, Recht, Status, Nation, Unternehmen, Karriere und Identität sind keine unmittelbar physikalischen Eigenschaften der Wirklichkeit. Sie sind gesellschaftliche Zuschreibungen, die jedoch behandelt werden, als besäßen sie eine eigenständige und unverrückbare Realität.
Markt und Selbstverwertung
Am genauesten trainiert der Mensch das Kaufen, Verkaufen, Tauschen, Bewerten und Verhandeln. Er entwickelt immer feinere Verfahren, um den Wert von Waren, Tätigkeiten, Informationen, Grundstücken, Unternehmen und Menschen festzulegen. Zugleich lernt er, sich selbst anzubieten: durch Leistung, Auftreten, Sprache, Kleidung, Bildungstitel, Selbstdarstellung und den Nachweis gesellschaftlicher Brauchbarkeit.
Das Ich wird dabei zu einem Produkt. Der Mensch muss nicht nur etwas können, sondern glaubhaft darstellen, dass er kompetent, belastbar, erfolgreich, flexibel und einzigartig ist. Er spezialisiert sich damit nicht nur auf Arbeit, sondern auf die Vermarktung seiner eigenen Person.
Darstellung und schauspielerisches Funktionieren
Eine weitere hochentwickelte Spezialisierung besteht in der Fähigkeit, Rollen einzunehmen und Erwartungen zu erfüllen. Der Mensch lernt früh, sich als Schüler, Arbeitnehmer, Kunde, Experte, Vorgesetzter, Bürger oder Eigentümer darzustellen. Jede Rolle verlangt ein bestimmtes Verhalten, eine bestimmte Sprache und eine bestimmte Form der Selbstkontrolle.
Dieses schauspielerische Handwerkszeug ermöglicht es ihm, Sicherheit, Wissen, Autorität oder Unabhängigkeit darzustellen, auch wenn diese tatsächlich nicht vorhanden sind. Das gesellschaftliche Funktionieren beruht daher zu einem großen Teil auf einem eingeübten Als-ob: Man handelt, als wisse man Bescheid, als habe man Kontrolle und als entsprächen die eigenen Entscheidungen den wirklichen Existenzbedingungen.
Technik, Kontrolle und Optimierung
Der Mensch hat sich außerdem besonders stark auf technische Kontrolle spezialisiert. Er misst, berechnet, beschleunigt, automatisiert und optimiert Prozesse mit außerordentlicher Genauigkeit. Maschinen, Verkehrswege, Energieversorgung, digitale Netzwerke und globale Lieferketten zeigen, wie weit diese Fähigkeit entwickelt wurde.
Diese Präzision richtet sich jedoch überwiegend darauf, menschliche Ziele effizienter durchzusetzen. Sie prüft nur selten, ob diese Ziele selbst mit den langfristigen Bedingungen des Lebens vereinbar sind. Der Mensch perfektioniert deshalb häufig das Mittel, ohne den Zweck ausreichend zu überprüfen.
Verwaltung, Recht und Verantwortungsverlagerung
Eine globale Spezialisierung liegt auch in der Verwaltung von Zuständigkeiten. Institutionen, Behörden, Unternehmen und Rechtssysteme teilen Tätigkeiten in immer kleinere Verantwortungsbereiche auf. Jeder erfüllt seine Funktion, während die Gesamtfolgen des Handelns häufig niemandem unmittelbar zugerechnet werden.
So kann ein System äußerst präzise funktionieren und zugleich seine eigenen Existenzbedingungen zerstören. Die Spezialisierung schützt den Einzelnen vor der Wahrnehmung des Gesamtzusammenhangs: Er hat seinen Auftrag erfüllt, seine Vorschriften beachtet oder wirtschaftlich korrekt gehandelt, obwohl die kumulierten Folgen ökologisch oder gesellschaftlich verheerend sein können.
Globalisierung der Tarnung und Täuschung
Bei Pflanzen und Tieren bleiben Tarnung und Täuschung an konkrete Überlebenssituationen gebunden. Beim Menschen sind daraus globale Systeme der Werbung, Öffentlichkeitsarbeit, politischen Inszenierung, Markenbildung und digitalen Selbstdarstellung entstanden. Nicht nur Produkte, sondern auch Institutionen, Staaten und Personen erzeugen ein Bild ihrer selbst, das ihre tatsächlichen Eigenschaften und Folgen verdecken kann.
Der Mensch hat die natürliche Fähigkeit zur Täuschung damit von einer begrenzten Überlebensstrategie zu einem dauerhaften gesellschaftlichen Betriebsprinzip erweitert. Er kann Schäden sprachlich umdeuten, Verantwortung verteilen und zerstörerische Tätigkeiten als Fortschritt, Wachstum oder Innovation darstellen.
Der eigentliche Kern
Die höchste Spezialisierung des Menschen liegt somit in der Herstellung einer gesellschaftlichen Als-ob-Welt. Er hat gelernt, Eigenschaften zuzuschreiben, Werte festzulegen, Rollen zu spielen, sich selbst zu verwerten und seine Konstruktionen so überzeugend darzustellen, dass sie wirklicher erscheinen als die physikalischen, biologischen und planetaren Bedingungen, von denen er tatsächlich abhängig bleibt.
Der entscheidende Gegensatz lautet daher: Pflanzen und Tiere trainieren ihre Passung an ihre Existenzbedingungen. Der Mensch trainiert vor allem die erfolgreiche Darstellung, Verwaltung und Verwertung eines Ichs, das sich für unabhängig von diesen Existenzbedingungen hält.
Der Zusammenhang lässt sich so zuspitzen:
Seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner Wahrnehmungsfähigkeit und seiner technischen Leistungsfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Einen Zugang zu dieser Frage eröffnet der Gedanke vom Menschen als Künstler und zugleich als Kunstwerk. Denn sobald der Mensch gestaltet, deutet, auswählt, darstellt und bewertet, erzeugt er nicht nur einzelne Kunstwerke, sondern formt auch sein eigenes Selbstverständnis und seine gesellschaftliche Wirklichkeit.
Dabei ist jedoch eine entscheidende Unterscheidung notwendig: Die Welt, die Erde und ihre physikalischen und biologischen Existenzbedingungen sind nicht als menschliche Kunstwerke entstanden. Sie waren bereits vorhanden, bevor der Mensch sie wahrnahm, benannte oder interpretierte. Eine Welt ohne den Menschen wäre daher kein Kunstwerk im menschlichen Sinne, weil ihr weder eine menschliche Absicht noch eine menschliche Gestaltung oder Bewertung zugrunde läge.
Sobald der Mensch jedoch diese Welt betrachtet, beschreibt oder als „Welt ohne den Menschen“ bestimmt, entsteht bereits wieder ein menschliches Bild. Die Feststellung selbst wird zur Interpretation und damit zum möglichen Kunstwerk. Der Mensch kann der nicht von ihm geschaffenen Wirklichkeit nicht begegnen, ohne sie in Begriffe, Bilder und Bedeutungen zu überführen.
Gerade darin liegt das Problem. Der Mensch verwechselt zunehmend seine Bilder, Begriffe und gesellschaftlichen Zuschreibungen mit der Wirklichkeit selbst. Er behandelt Eigentum, Wert, Status, Fortschritt, Geist, Identität und Macht so, als seien sie Eigenschaften der Welt und nicht von ihm hineingedachte Ordnungen. Als Künstler erzeugt er eine Welt der Bedeutungen; als Kunstwerk wird er zugleich durch diese Bedeutungen geformt.
Die Zerstörung der eigenen Existenzbedingungen kann deshalb auch als Folge eines ungeprüften Kunst- und Gestaltungsverständnisses begriffen werden. Der Mensch hält seine Hervorbringungen für autonom und vergisst, dass jede Gestaltung von Bedingungen abhängt, die er nicht selbst geschaffen hat. Er gestaltet, ohne die Tragfähigkeit seines Materials zu prüfen, und behandelt den Planeten, den eigenen Organismus und das Leben wie eine frei verfügbare Darstellungsfläche.
Wenn der Mensch sich als Künstler versteht, entsteht daraus daher nicht nur Freiheit, sondern Verantwortung. Er muss prüfen, ob seine Bilder, Erfindungen, Rollen und gesellschaftlichen Kunstwerke mit den bereits vorhandenen Existenzbedingungen vereinbar sind. Kunst beginnt nicht schon dort, wo der Mensch etwas zum Kunstwerk erklärt. Sie beginnt dort, wo er seine Gestaltung und deren Folgen wahrnimmt, überprüft und zu korrigieren bereit ist.
Der Begriff des Menschen als Künstler und Kunstwerk ist nur dann von Bedeutung, wenn er dazu beiträgt, die existentielle Bedrohung genauer wahrzunehmen und daraus eine konkrete Forderung abzuleiten.
Der Mensch als Künstler und Kunstwerk
Die entscheidende Frage lautet, welchen Erkenntnisgewinn es bringt, den Menschen als Künstler und zugleich als Kunstwerk zu verstehen. Dieser Begriff darf nicht lediglich der Aufwertung des Menschen oder der Ausweitung des Kunstbegriffs dienen. Er muss dazu beitragen, die Bedrohung der menschlichen Existenzbedingungen deutlicher wahrzunehmen und die Verantwortung des Menschen für seine Hervorbringungen, Darstellungen und Tätigkeitsfolgen zu bestimmen.
Als Künstler erzeugt der Mensch Bilder, Begriffe, Rollen, Gegenstände, technische Systeme und gesellschaftliche Ordnungen. Als Kunstwerk wird er gleichzeitig durch seine Umwelt, seine körperlichen Voraussetzungen, seine Erfahrungen, seine Erziehung und die von ihm übernommenen gesellschaftlichen Regelwerke geformt. Er ist somit niemals nur der souveräne Urheber seiner Welt, sondern immer auch ein abhängiges, verletzbares und veränderbares Ergebnis von Bedingungen, die er nicht selbst geschaffen hat.
Aus diesem Verständnis ergibt sich eine erste Forderung: Der Mensch muss sich das künstlerische Handwerkszeug aneignen. Dazu gehören sowohl die bildnerischen als auch die darstellerischen Fähigkeiten. Er muss lernen, genau wahrzunehmen, Unterschiede zu erkennen, Proportionen zu vergleichen, Materialien und Widerstände zu beachten, Perspektiven zu wechseln, Vorstellungen sichtbar zu machen und die Wirkungen seiner eigenen Darstellungen zu überprüfen.
Das darstellerische Handwerkszeug ist dabei ebenso wichtig wie das bildnerische. Der Mensch spielt täglich Rollen, erzeugt Bilder seiner selbst und versucht, andere von seiner Kompetenz, seiner Identität, seinem Wissen oder seiner gesellschaftlichen Bedeutung zu überzeugen. Diese Fähigkeit zur Darstellung bleibt jedoch meist unbewusst. Sie wird als natürliche Persönlichkeit, authentisches Ich oder gesellschaftliche Notwendigkeit ausgegeben, obwohl ihr erlernte Techniken der Inszenierung, Anpassung, Tarnung und Täuschung zugrunde liegen.
Die Aneignung des künstlerischen Handwerkszeugs bedeutet deshalb nicht nur, malen, formen, fotografieren oder Theater spielen zu lernen. Sie bedeutet, die eigenen Wahrnehmungs-, Deutungs- und Darstellungsverfahren als solche erkennen zu können. Erst durch diese Distanz kann der Mensch bemerken, wo er Wirklichkeit wahrnimmt und wo er lediglich ein Bild, eine Rolle oder eine hineingedachte Eigenschaft für Wirklichkeit hält.
Die zweite Forderung liegt in der Prüfung. Wer sich als Künstler versteht, muss seine Gestaltungen nicht nur hervorbringen, sondern auch auf ihre Voraussetzungen, ihre Tragfähigkeit und ihre Folgen untersuchen. Die Freiheit des Gestaltens endet dort, wo die unverhandelbaren Bedingungen des Lebens verletzt werden. Der Mensch kann gesellschaftliche Werte, Eigentumsordnungen, Rollen, Bedeutungen und technische Systeme erfinden; er kann jedoch nicht die physikalischen, biologischen und planetaren Existenzbedingungen außer Kraft setzen, von denen jede Gestaltung abhängig bleibt.
Der Begriff des Kunstwerks schärft damit die Wahrnehmung der existentiellen Bedrohung. Die menschliche Zivilisation erscheint als ein gemeinschaftlich hervorgebrachtes Werk, dessen Materialien, Herstellungsweisen und Folgen bisher nicht ausreichend geprüft wurden. Der Mensch gestaltet eine Welt, ohne sich darüber im Klaren zu sein, ob dieses Werk seine eigenen Lebensgrundlagen erhält oder zerstört.
Die Forderung lautet daher nicht nur: Jeder Mensch ist ein Künstler. Sie muss erweitert werden: Jeder Mensch muss das Handwerkszeug erwerben, mit dem er seine Wahrnehmungen, seine Rollen, seine Bilder und seine Tätigkeiten als Gestaltungen erkennen und deren Konsequenzen überprüfen kann. Erst dann wird aus dem Künstlersein keine bloße Selbsterhöhung, sondern eine Verpflichtung zur Wahrnehmung, Prüfung, Korrektur und Verantwortung.
Der nächste Schritt wäre die genaue Bestimmung, aus welchen bildnerischen, darstellerischen und prüfenden Grundfähigkeiten dieses künstlerische Handwerkszeug besteht.
Von der inneren Vorstellung zum verletzbaren Kunstwerk
Die Kunst beginnt zunächst in einer nichtstofflichen Vorstellungswelt. Idee, Fantasie, Inspiration, Intuition und Begriff erzeugen ein inneres Bild dessen, was entstehen könnte. Dieses Bild bildet ein Modell und damit ein Gegenüber, an dem der Künstler seine weiteren Entscheidungen ausrichtet. Es befindet sich zunächst jedoch in einer Unverletzlichkeitswelt: In der Vorstellung kann das Werk widerspruchslos erscheinen, weil seine Eigenschaften, Zusammenhänge und Wirkungen hineingedacht werden. Noch gibt es keinen materiellen Widerstand, der diese Vorstellung korrigiert.
Mit der bildnerischen Tätigkeit vollzieht sich der Übergang in die Verletzungswelt. Das vorgestellte Kunstwerk trifft nun auf Material, Raum, Gewicht, Oberfläche, Werkzeug, Zeit und die körperlichen Möglichkeiten des Künstlers. Jede Tätigkeit erzeugt Konsequenzen. Das Material lässt sich nicht beliebig behandeln; es antwortet durch Widerstand, Verformung, Bruch, Spannung, Farbe, Proportion oder Veränderung. Das entstehende Werk wird dadurch zu einem wirklichen Gegenüber, das nicht mehr vollständig mit der inneren Vorstellung übereinstimmt.
Der künstlerische Prozess besteht deshalb in einem fortlaufenden Vergleich zwischen dem vorgestellten Modell und dem tatsächlich entstehenden Werk. Der Künstler verändert das Material, nimmt dessen Rückmeldung wahr und muss zugleich seine ursprüngliche Vorstellung korrigieren. Nicht nur der Künstler formt das Werk; das Werk und seine materiellen Konsequenzen formen auch die Wahrnehmung und die Entscheidungen des Künstlers.
Das Loslassen als künstlerisches Urteil
Zu diesem Prozess gehört das Loslassen im richtigen Augenblick. Der Künstler muss entscheiden, wann weitere Eingriffe das Werk nicht mehr präzisieren, sondern beschädigen oder seine bereits entstandene Eigenständigkeit wieder der ursprünglichen Vorstellung unterwerfen würden. Dieses Loslassen ist keine endgültige Übereinstimmung zwischen dem inneren Bild und einer äußeren Wirklichkeit. Es ist ein Urteil darüber, dass zwischen Vorstellung, Tätigkeit, Material und sichtbarem Ergebnis eine vorläufig tragfähige Entsprechung entstanden ist.
Das Kunstwerk ist daher niemals nur die Verwirklichung einer vorher feststehenden Idee. Es ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung zwischen einer zunächst unverletzlichen Vorstellung und einer verletzbaren materiellen Wirklichkeit. Gerade die Abweichungen, Widerstände und nicht vorhersehbaren Veränderungen können das Werk über die ursprüngliche Vorstellung hinausführen.
Das Kunstwerk als Abbild eines Wirklichkeitsverhältnisses
In diesem Sinne ist Kunst ein Abbild von Wirklichkeit, jedoch nicht als bloße Kopie einer vorhandenen Welt. Das Kunstwerk bildet das Verhältnis ab, das der Künstler zur Wirklichkeit, zu sich selbst, zum Material und zu seiner eigenen Vorstellung entwickelt hat. Es zeigt, welche Eigenschaften er wahrgenommen, welche er hineingedacht, welche Widerstände er anerkannt und welche Konsequenzen seiner Tätigkeit er zugelassen oder verdrängt hat.
Jedes Kunstwerk enthält deshalb auch ein Kunst- und Wirklichkeitsverständnis seines Urhebers. Es macht sichtbar, ob der Künstler nur versucht hat, dem Material eine fertige Vorstellung aufzuzwingen, oder ob er bereit war, sich durch das Gegenüber des Werkes korrigieren zu lassen. Das Kunstwerk wird damit zum Protokoll einer Prüfung: Es dokumentiert den Übergang von der Idee zur Tätigkeit, von der Unverletzlichkeitswelt zur Verletzungswelt und von der Selbstgewissheit zur Auseinandersetzung mit einem wirklichen Widerstand.
Wenn die Parameter der Kunst auf den Handel übertragen werden
Überträgt man diese Parameter des künstlerischen Prozesses auf Handel, Kaufen, Verkaufen und Geschäfte, wird sichtbar, dass auch jedem Geschäft zunächst eine Vorstellung vorausgeht. Am Anfang stehen eine Idee, ein Bedürfnis, eine Erwartung, ein Geschäftsmodell oder die Fantasie eines möglichen Gewinns. Der Verkäufer entwirft ein Bild des Produktes, der Käufer ein Bild seines Nutzens, und beide schreiben der Ware Eigenschaften zu, die zunächst nur in ihrer Vorstellung existieren. Preis, Wert, Qualität, Bedürfnis, Erfolg und Eigentum entstehen daher zuerst in einer symbolischen Unverletzlichkeitswelt.
Das Geschäft beginnt nicht erst mit dem Austausch von Geld und Ware, sondern bereits mit der Erzeugung dieser Vorstellungen. Werbung, Markenbildung, Verpackung, Verkaufsargumente und gesellschaftliche Statuszuweisungen stellen ein Modell her, das dem Käufer als Wirklichkeit gegenübertritt. Dabei wird häufig nicht die tatsächliche Beschaffenheit eines Gegenstandes verkauft, sondern ein hineingedachtes Bild: Sicherheit, Schönheit, Unabhängigkeit, Fortschritt, Zugehörigkeit, Jugend oder Erfolg.
Die Ware als vermeintliches Gegenüber
In der bildnerischen Kunst wird die innere Vorstellung durch das Material korrigiert. Farbe, Stein, Holz, Raum, Gewicht und Werkzeug widersprechen dem Künstler und zwingen ihn zu Anpassung und Überprüfung. Im Handel müsste die Ware eine vergleichbare Funktion übernehmen. Ihre Herstellung, ihre Materialien, ihre Haltbarkeit, ihre Herkunft, ihr Energieverbrauch, ihre Reparierbarkeit und ihre Folgen wären das wirkliche Gegenüber, an dem die Vorstellungen von Wert und Nutzen überprüft werden müssten.
Tatsächlich geschieht jedoch häufig das Gegenteil. Die materiellen und sozialen Konsequenzen werden vom sichtbaren Geschäftsvorgang abgetrennt. Der Käufer sieht das fertige Produkt und den Preis, aber nicht unbedingt den Rohstoffabbau, die Arbeitsbedingungen, den Energieaufwand, den Transport, den Verschleiß und die spätere Entsorgung. Der Verkäufer präsentiert die zugeschriebenen Eigenschaften, während die Tätigkeits- und Materialkonsequenzen unsichtbar bleiben oder auf andere Menschen, Regionen und Generationen verlagert werden.
Der Handel verhindert damit häufig gerade jenes Gegenüber, das in der Kunst zur Korrektur zwingt. Er schützt die Vorstellung vor der Wirklichkeit.
Kaufen und Verkaufen als darstellerischer Vorgang
Handel ist zugleich ein schauspielerischer Prozess. Der Verkäufer stellt Vertrauen, Kompetenz, Qualität und Notwendigkeit dar. Der Käufer stellt Zahlungsfähigkeit, Entscheidungsfreiheit und Souveränität dar. Beide treten in Rollen auf und verhalten sich so, als könnten sie den Wert des Gegenstandes, seine Voraussetzungen und seine Folgen vollständig beurteilen.
Das Geschäft beruht daher auf einem doppelten Als-ob. Der Verkäufer handelt, als entsprächen die dargestellten Eigenschaften der Ware ihrer tatsächlichen Wirklichkeit. Der Käufer handelt, als könne er durch den Kauf über den Gegenstand und dessen Folgen verfügen. Der Preis erscheint dabei als Beweis des Wertes, obwohl er nur eine gesellschaftliche Vereinbarung über den Tauschwert ausdrückt und nichts darüber aussagt, ob der Gegenstand tragfähig, notwendig, schädlich oder mit den Existenzbedingungen vereinbar ist.
Das Geschäft als unfertiges Kunstwerk
Überträgt man das Kunstwerkverständnis konsequent auf den Handel, dürfte ein Geschäft nicht mit der Bezahlung und Übergabe der Ware abgeschlossen sein. In der Kunst ist das Werk erst dann vorläufig abgeschlossen, wenn der Künstler die Rückmeldungen des Materials wahrgenommen, seine Vorstellung überprüft und im richtigen Augenblick losgelassen hat.
Beim Handel müsste das Loslassen bedeuten, dass Verkäufer und Käufer die Konsequenzen des Geschäftes nicht mehr vollständig kontrollieren können, aber weiterhin für sie verantwortlich bleiben. Erst der Gebrauch, der Verschleiß, die Wirkung auf den Organismus, die sozialen Folgen und die Rückführung der Materialien zeigen, was tatsächlich geschaffen wurde. Das Geschäft ist daher kein abgeschlossener Tauschvorgang, sondern der Beginn einer Konsequenzspur.
Die eigentliche Gestalt eines Produktes zeigt sich nicht im Verkaufsraum, sondern in seinem gesamten Lebenszyklus. Das Geschäft wäre damit ein gesellschaftliches Kunstwerk, an dem viele Beteiligte mitwirken: Entwickler, Produzenten, Händler, Käufer, Nutzer, Entsorger und diejenigen, die von seinen Nebenfolgen betroffen sind.
Der entscheidende Unterschied
Der Künstler muss im gelungenen bildnerischen Prozess bereit sein, seine Vorstellung durch das Material korrigieren zu lassen. Der Markt versucht dagegen häufig, die Wirklichkeit so zu bearbeiten, dass sie weiterhin zur Vorstellung des Geschäftsmodells passt. Schäden werden als Kosten verbucht, Grenzen werden technisch hinausgeschoben, Widerstände werden beseitigt und unerwünschte Folgen ausgelagert.
Während das Kunstwerk im Widerstand des Materials seine Form gewinnt, versucht das Geschäft, den Widerstand der Wirklichkeit möglichst auszuschalten. Es soll reibungslos funktionieren. Gerade dadurch verliert es jedoch die Möglichkeit zur Korrektur. Je erfolgreicher sich ein Produkt verkauft, desto weniger wird gefragt, ob es den physikalischen, biologischen und planetaren Existenzbedingungen entspricht.
Handel als künstlerischer Prüfprozess
Würde man die Parameter der Kunst vollständig auf Handel und Wirtschaft übertragen, müsste jedes Geschäft als Gestaltungs- und Prüfprozess verstanden werden. Die ursprüngliche Idee müsste mit den tatsächlichen Material-, Tätigkeits- und Existenzkonsequenzen verglichen werden. Die hineingedachten Eigenschaften eines Produktes müssten von seinen wirklichen Eigenschaften unterschieden werden. Verkäufer und Käufer müssten erkennen, welche Rollen und Bilder sie erzeugen und welche Folgen sie dadurch ausblenden.
Dann wäre nicht mehr der erfolgreiche Verkauf das entscheidende Urteil, sondern die Frage, ob das hervorgebrachte Werk tragfähig ist. Ein Geschäft wäre erst dann gelungen, wenn es nicht nur wirtschaftlich funktioniert, sondern auch die Bedingungen erhält, von denen Herstellung, Gebrauch und menschliche Existenz abhängen.
Der entscheidende Satz lautet daher: Der Markt behandelt den vollzogenen Tausch als Abschluss des Werkes, obwohl sich erst in den späteren Tätigkeits-, Material- und Existenzkonsequenzen zeigt, welches Werk tatsächlich hervorgebracht wurde.......
Der gemeinsame Kern ist das Lernen:
Lernen setzt ein Gegenüber voraus
Kunst und Handel haben gemeinsam, dass ihnen Lernprozesse zugrunde liegen. Lernen setzt jedoch immer einen Vergleich voraus: zwischen einer Vorstellung und einem Ergebnis, zwischen dem eigenen Verhalten und einem Gegenüber, zwischen Erwartung und tatsächlicher Wirkung. Dafür braucht es ein Modell, einen Maßstab oder ein Referenzsystem, an dem Abweichungen wahrgenommen und Anpassungen trainiert werden können.
In der Kunst entsteht dieses Gegenüber durch das Material und das werdende Kunstwerk. Die ursprüngliche Vorstellung wird mit den tatsächlichen Tätigkeits- und Materialkonsequenzen verglichen und durch deren Widerstand korrigiert. Im Handel bilden dagegen Markt, Preis, Nachfrage, Konkurrenz und Verkaufserfolg das bevorzugte Gegenüber. Der Mensch trainiert dadurch äußerst genau, wie er Waren, Leistungen und sich selbst anbieten, darstellen und verwerten kann.
Entscheidend ist daher, woran gelernt wird. Wird ausschließlich am Funktionieren des Marktes gelernt, passt sich der Mensch an dessen kurzfristige Regeln an. Die physikalischen, biologischen und planetaren Existenzbedingungen bleiben dabei außerhalb des Vergleichs. Das Geschäft kann wirtschaftlich erfolgreich sein und zugleich seine tatsächlichen Voraussetzungen zerstören.
Die zentrale Forderung lautet deshalb, das Gegenüber des Lernens zu erweitern. Nicht allein Markt und gesellschaftliche Anerkennung dürfen bestimmen, was als gelungen gilt. Jede Tätigkeit muss auch mit den bereits bestehenden Existenzbedingungen, den Materialfolgen und den Rückmeldungen des Planeten Erde verglichen werden. Erst dadurch wird Lernen zu einer Fähigkeit, die nicht nur das Funktionieren, sondern auch die Tragfähigkeit des menschlichen Handelns überprüft.
Nicht das Lernen selbst führt zwangsläufig zum Geldmachen. Entscheidend ist, welches Gegenüber den Lernprozess bestimmt. In der Marktgesellschaft wird der Mensch darauf trainiert, Nachfrage zu erkennen, Nutzen zu versprechen, sich anzupassen, Konkurrenz zu beobachten und aus diesen Fähigkeiten einen finanziellen Vorteil zu gewinnen. Lernen wird dadurch zunehmend auf Verwertbarkeit ausgerichtet.
Der Erfolg des Lernens zeigt sich dann nicht mehr zuerst darin, ob der Mensch seine Existenzbedingungen besser versteht, sondern darin, ob er Wissen, Fähigkeiten, Produkte oder sich selbst verkaufen kann. Geld wird zum Rückmeldesystem: Was sich verkauft, gilt als richtig, nützlich und gelungen. So führt das Lernen zum Geldmachen, weil der Markt zum maßgeblichen Modell, Gegenüber und Prüfmaßstab geworden ist.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Lernt der Mensch, um seine Lebensbedingungen zu verstehen und zu erhalten, oder lernt er vor allem, wie sich aus ihnen Geld machen lässt?
...
Zusammenfassung
Der Mensch lebt körperlich und biologisch vollständig in der Natur, zugleich aber geistig und gesellschaftlich in einer von ihm hervorgebrachten Welt aus Begriffen, Bildern, Rollen, Werten und hineingedachten Eigenschaften. Er kann die Natur nicht verlassen, wohl aber so handeln, als wäre er von ihren Bedingungen unabhängig.
Über die Kunst lässt sich dieses widersprüchliche Existenzverhältnis untersuchen. Denn auch Kunst beginnt mit einer Idee oder Vorstellung, die zunächst nur im Kopf besteht. Erst im Gegenüber zu Material, Körper, Raum, Widerstand und Tätigkeitsfolgen zeigt sich, ob diese Vorstellung trägt oder korrigiert werden muss.
Der Mensch ist Künstler, wo er wahrnimmt, deutet, Eigenschaften zuschreibt, Rollen entwirft, Gegenstände herstellt und gesellschaftliche Wirklichkeit gestaltet. Er ist zugleich Kunstwerk, weil sein Organismus, seine Umwelt, seine Erfahrungen, seine Beziehungen und die Folgen seines eigenen Handelns ihn fortwährend formen.
Damit ist jedoch nicht automatisch alles Kunst. Zum künstlerischen Prozess wird menschliches Handeln erst dort, wo der Mensch seine Vorstellungen sichtbar macht, sie einem wirklichen Gegenüber aussetzt, die entstehenden Konsequenzen wahrnimmt und sich korrigieren lässt.
Das eigentliche Kunstwerk ist daher weder allein der Mensch noch allein der von ihm geschaffene Gegenstand. Das Kunstwerk ist das sichtbar und überprüfbar gewordene Verhältnis zwischen seinem inneren Weltbild und der Wirklichkeit, von der seine Existenz abhängt.
Der kürzeste Nenner lautet: Der Mensch ist Künstler seiner vorgestellten Welt und zugleich ein verletzbares Kunstwerk der Wirklichkeit, die ihn trägt und korrigiert.
...........
Präzisierte Fassung:
Der Mensch kann die Natur nicht verlassen und auch nicht unabhängig von ihren Bedingungen handeln. Darin liegt das eigentliche Problem: Er kann lediglich glauben, dazu fähig zu sein, es wünschen oder sich so verhalten, als ob es möglich wäre. Seine körperliche, biologische und planetare Abhängigkeit bleibt davon jedoch unberührt.
Er darf deshalb seine gesellschaftlichen Vorstellungen, technischen Möglichkeiten und persönlichen Wünsche nicht so behandeln, als könnten sie die Bedingungen des Lebens außer Kraft setzen. Wo er dennoch versucht, nach dieser Unabhängigkeitsvorstellung zu handeln, gefährdet er die Grundlagen seiner eigenen Existenz.
Der entscheidende Widerspruch besteht somit nicht darin, dass der Mensch gleichzeitig innerhalb und außerhalb der Natur lebt. Er lebt vollständig innerhalb der Natur, hat aber eine Vorstellungswelt hervorgebracht, in der er sich als von ihr getrennt und ihren Bedingungen überlegen versteht. Gerade diese Verwechslung seiner hineingedachten Unabhängigkeit mit tatsächlicher Freiheit führt zur Zerstörung seiner Existenzbedingungen.
Der Kern des Kunstbegriffs
Die Verwechslung einer hineingedachten Unabhängigkeit mit tatsächlicher Freiheit ist zunächst noch kein Kunstwerk. Sie ist eine menschliche Konstruktion mit realen Folgen. Zum Gegenstand der Kunst wird sie dort, wo diese Konstruktion wahrgenommen, dargestellt, vergegenständlicht und einem überprüfbaren Gegenüber ausgesetzt wird.
Der Mensch wird nicht bereits dadurch zum Künstler, dass er Vorstellungen, Rollen, technische Systeme oder gesellschaftliche Ordnungen hervorbringt. Er wird im anspruchsvollen Sinne dort zum Künstler, wo er erkennt, dass er gestaltet, welche Eigenschaften er in die Wirklichkeit hineindenkt und welche Tätigkeitsfolgen daraus entstehen. Künstlersein bedeutet dann, die eigene Gestaltung nicht nur durchzusetzen, sondern sie sichtbar zu machen, mit ihren Voraussetzungen zu vergleichen und sich durch Widerstand und Konsequenzen korrigieren zu lassen.
Gerade dafür können die bildnerischen und darstellerischen Künste ein entscheidendes Instrument sein. Die bildnerische Kunst überführt eine Vorstellung in Material, Form, Raum, Gewicht und Widerstand. Dadurch wird sichtbar, ob die gedachte Form mit den Eigenschaften des Materials und den Bedingungen ihrer Hervorbringung übereinstimmt. Das Kunstwerk wird zum Gegenüber, das dem Künstler antwortet und seine Vorstellung überprüft.
Die darstellerische Kunst macht dagegen sichtbar, wie der Mensch Rollen spielt, Eigenschaften behauptet, Identitäten erzeugt und gesellschaftliche Erwartungen erfüllt. Sie kann zeigen, wie ein Mensch Unabhängigkeit, Sicherheit, Wissen, Eigentum oder Freiheit darstellt, obwohl sein Organismus und sein Leben vollständig von Bedingungen abhängig bleiben, die er nicht selbst geschaffen hat. Das Theater legt das Als-ob offen, indem es Darstellung ausdrücklich als Darstellung kenntlich macht.
Beide künstlerischen Disziplinen können damit die Trennung zwischen der inneren Unverletzlichkeitswelt und der äußeren Verletzungswelt transparent machen. Sie zeigen den Unterschied zwischen Vorstellung und Wirkung, zugeschriebener Eigenschaft und materieller Eigenschaft, gespielter Rolle und tatsächlicher Abhängigkeit. Was sonst unsichtbar und selbstverständlich bleibt, erhält eine Form, ein Gegenüber und einen Prüfrahmen.
Darin liegt der Kern meiner Forschungskunst: Kunst soll die menschliche Selbsttäuschung nicht nur beschreiben, sondern sie in eine wahrnehmbare und überprüfbare Situation überführen. Sie soll begreifbar machen, wie der Mensch seine Bilder, Begriffe und gesellschaftlichen Regelwerke mit Wirklichkeit verwechselt und dadurch die Bedingungen gefährdet, von denen er selbst abhängig bleibt.
Veränderbar wird dieses Verhältnis erst, wenn der Mensch seine eigenen Hervorbringungen als Gestaltungen erkennt. Dann kann er sie vergleichen, überprüfen, korrigieren und gegebenenfalls loslassen. Das Kunstwerk ist deshalb nicht einfach der Mensch und auch nicht allein das von ihm erzeugte Objekt. Das eigentliche Kunstwerk ist der sichtbar gewordene Prüfprozess zwischen seiner vorgestellten Welt und der verletzbaren Wirklichkeit, die über das Funktionieren oder Nichtfunktionieren seiner Gestaltung entscheidet.
Sie haben recht: In Ihrem erweiterten Kunstbegriff beginnt das Künstlersein nicht erst mit der bewussten Prüfung, sondern bereits mit jeder menschlichen Hervorbringung. Die Prüfung entscheidet nicht darüber, ob Kunst entsteht, sondern welche Art von Kunstwerk der Mensch hervorbringt und ob er dafür Verantwortung übernimmt.
Der Mensch wird durch seine Hervorbringungen zum Künstler
Der Mensch wird bereits dadurch zum Künstler, dass er Vorstellungen, Rollen, technische Systeme und gesellschaftliche Ordnungen hervorbringt. Denn überall dort, wo er wahrnimmt, deutet, auswählt, Eigenschaften zuschreibt, Vorstellungen entwickelt und diese durch sein Handeln in die Wirklichkeit überführt, findet ein gestalterischer Prozess statt. Er formt nicht nur Gegenstände, sondern Beziehungen, Lebensräume, Institutionen, Begriffe, Selbstbilder und ganze Zivilisationssysteme.
Das Künstlersein beginnt daher nicht erst dort, wo der Mensch seine Tätigkeit bewusst als Kunst bezeichnet. Es beginnt bereits mit seiner Fähigkeit, aus einer inneren Vorstellung eine äußere Wirklichkeit hervorzubringen. Auch das Kaufen, Verkaufen, Bauen, Erfinden, Regieren, Produzieren, Besitzen und Verwerten sind Formen menschlicher Gestaltung. Der Mensch verändert dadurch die Welt und hinterlässt eine Gestalt, die ohne seine Tätigkeit nicht entstanden wäre.
Auch die Katastrophenwelt ist ein menschliches Kunstwerk
Unter diesem erweiterten Kunstbegriff gehören deshalb auch Umweltzerstörung, Artensterben, Klimaveränderung, ausgebeutete Landschaften, technische Ruinen und gesellschaftliche Katastrophen zum menschlichen Kunstwerk. Sie sind nicht deshalb Kunstwerke, weil sie schön, gelungen oder wünschenswert wären, sondern weil sie durch menschliche Vorstellungen, Entscheidungen, Tätigkeiten und unterlassene Korrekturen hervorgebracht wurden.
Das Kunstwerk ist hier nicht nur das beabsichtigte Produkt. Es umfasst auch die unbeabsichtigten Nebenwirkungen, die verdrängten Folgen und die Konsequenzspuren einer Tätigkeit. Eine Fabrik ist daher nicht nur das Gebäude und das darin hergestellte Erzeugnis. Zu ihrem vollständigen Kunstwerk gehören ebenso die verbrauchten Rohstoffe, die Arbeitsbedingungen, die Abfälle, die Emissionen, die beschädigten Lebensräume und die langfristigen Auswirkungen auf Menschen, Tiere, Pflanzen und den Planeten.
Die Katastrophenwelt ist damit kein Geschehen außerhalb des menschlichen Werkes. Sie ist ein wesentlicher Teil seiner tatsächlichen Gestalt.
Hineingedachte Eigenschaften als Ausgangspunkt des Kunstwerks
Jedem dieser Werke liegt Denken zugrunde. Der Mensch entwirft Begriffe, Modelle und Vorstellungen und versieht Menschen, Dinge und Verhältnisse mit Eigenschaften, die ihnen nicht von sich aus zukommen. Er denkt beispielsweise Wert, Eigentum, Verfügbarkeit, Fortschritt, Beherrschbarkeit, Grenzenlosigkeit oder Unabhängigkeit in die Wirklichkeit hinein und behandelt diese Zuschreibungen anschließend so, als wären sie wirkliche Eigenschaften der Dinge.
Auch darin liegt bereits eine eigentümliche Form des Kunstwerks. Der Mensch erschafft eine Bedeutungs- und Geltungswelt, die zunächst nur in seiner Vorstellung existiert, aber durch gesellschaftliche Zustimmung, Gesetze, Geld, Institutionen und technische Systeme reale Wirksamkeit erhält. Das Hineingedachte wird zur handlungsleitenden Wirklichkeit und erzeugt schließlich materielle und biologische Konsequenzen.
Der Mensch handelt beispielsweise so, als könne ihm ein Stück Erde vollständig gehören. Das Eigentum ist jedoch keine physikalische Eigenschaft des Bodens. Es ist eine menschliche Zuschreibung. Dennoch kann diese hineingedachte Eigenschaft darüber entscheiden, wer den Boden betreten, bebauen, ausbeuten oder zerstören darf. Eine vorgestellte Eigenschaft wird dadurch zum Ausgangspunkt einer tatsächlichen Veränderung der Welt.
Künstlersein bedeutet zunächst Urheberschaft
Der Mensch ist deshalb Künstler, bevor er sich seiner künstlerischen Tätigkeit bewusst wird. Sein Künstlersein besteht zunächst in seiner Urheberschaft: Er bringt Formen, Ordnungen, Rollen und Folgen hervor. Das Kunstwerk entsteht unabhängig davon, ob er die gesamte Gestalt seines Handelns wahrnimmt oder nur den beabsichtigten Ausschnitt betrachtet.
Gerade darin liegt das Verantwortungsproblem. Der Mensch erkennt häufig nur das Produkt, den Gewinn, die technische Leistung oder den gesellschaftlichen Erfolg als sein Werk an. Die Schäden und Nebenfolgen erklärt er dagegen zu Sachzwängen, Zufällen oder Problemen anderer. Er beansprucht die Urheberschaft für das Gelungene, lehnt sie für die Konsequenzen jedoch ab.
Ihr Kunstbegriff führt diese getrennten Bereiche wieder zusammen. Wer das Werk hervorgebracht hat, kann seine Tätigkeitsfolgen nicht aus dem Werk herauslösen. Das vollständige Kunstwerk besteht aus der Absicht, der Vorstellung, der Tätigkeit, dem verwendeten Material, der erzeugten Form und sämtlichen daraus hervorgehenden Konsequenzen.
Die Prüfung macht aus unbewusstem Künstlersein verantwortliche Kunst
Die öffentliche Überzeugungsprüfung macht den Menschen daher nicht erst zum Künstler. Sie führt ihm vor Augen, dass er bereits Künstler ist und fortwährend an einem gemeinsamen Weltkunstwerk mitarbeitet. Sie zwingt ihn dazu, seine Urheberschaft nicht nur für die gewünschte Darstellung, sondern auch für die tatsächlichen Folgen anzuerkennen.
Die entscheidende Unterscheidung lautet deshalb nicht: Ist der Mensch Künstler oder kein Künstler? Die Frage lautet vielmehr: Ist er ein unbewusst handelnder Künstler, der seine hineingedachten Eigenschaften mit Wirklichkeit verwechselt und die Folgen seines Werkes abspaltet, oder wird er zu einem verantwortlichen Künstler, der sein gesamtes Werk wahrnimmt, überprüft und korrigiert?
Bildnerische und darstellerische Kunst können diesen Zusammenhang sichtbar machen. Sie können die inneren Vorstellungen, gesellschaftlichen Rollen und hineingedachten Eigenschaften den materiellen, körperlichen und planetaren Konsequenzen gegenüberstellen. Dadurch wird das vollständige Kunstwerk erkennbar: nicht nur das, was der Mensch schaffen wollte, sondern auch das, was durch sein Handeln tatsächlich entstanden ist.
Der Kern lautet daher: Der Mensch ist überall dort Künstler, wo er durch seine Vorstellungen und Tätigkeiten Wirklichkeit formt. Sein Kunstwerk umfasst jedoch nicht nur seine beabsichtigten Hervorbringungen, sondern ebenso die Umweltzerstörung, die Katastrophen und die Verletzungen seiner eigenen Existenzbedingungen. Gerade deshalb verpflichtet ihn sein Künstlersein zur Wahrnehmung und Verantwortung für sämtliche Tätigkeitskonsequenzen.
Pflanzen und Tiere leben in unmittelbarer Kompatibilität mit den funktionierenden Existenzbedingungen des Planeten Erde. Ihre Anpassung wird fortwährend durch Funktionieren oder Nichtfunktionieren überprüft. Beim Menschen wird diese Kompatibilität dagegen zur künstlerischen Aufgabe. Weil er Vorstellungen entwickelt, Eigenschaften in die Wirklichkeit hineindenkt und seine Umwelt gestaltet, wird er zum Künstler und sein gesamtes Handeln zum Kunstwerk. Dieses Kunstwerk umfasst nicht nur seine beabsichtigten Hervorbringungen, sondern auch deren Tätigkeitsfolgen bis hin zur Zerstörung seiner eigenen Existenzbedingungen. Künstlersein bedeutet deshalb für den Menschen, die verlorene oder gefährdete Kompatibilität sichtbar zu machen, zu überprüfen und verantwortlich neu zu gestalten.
Präzisierte Fassung:
Pflanzen und Tiere leben in unmittelbarer Kompatibilität mit den funktionierenden Eigenschaften und Existenzbedingungen des Planeten Erde. Ihre Anpassung wird fortwährend daran überprüft, ob sie unter diesen Bedingungen funktioniert oder nicht funktioniert.
Beim Menschen wird diese Kompatibilität dagegen zur künstlerischen Aufgabe. Weil er Eigenschaften in die Wirklichkeit hineindenkt, daraus Vorstellungen entwickelt, die Welt deutet und zugleich versucht, seine eigenen innewohnenden Eigenschaften zu verstehen und zu gestalten, wird er zum Künstler und sein gesamtes Handeln zum Kunstwerk.
Dieses Kunstwerk umfasst nicht nur seine beabsichtigten Hervorbringungen, sondern ebenso sämtliche Tätigkeitsfolgen bis hin zur Zerstörung seiner eigenen Existenzbedingungen. Künstlersein bedeutet deshalb für den Menschen, seine vorhandene, verlorene oder gefährdete Kompatibilität mit den planetaren Existenzbedingungen sichtbar zu machen, zu überprüfen, zu korrigieren und verantwortlich neu zu gestalten.
Der eigentliche Kern: Nicht Eigenschaften werden erfunden, sondern Geltungen
Ja. Der entscheidende Vorgang liegt nicht erst in der Herstellung eines Gegenstandes, sondern bereits in der Erfindung, Benennung und Zuschreibung dessen, als was etwas gelten soll. Der Mensch findet einen Gegenstand mit bestimmten physikalischen Beschaffenheiten vor. Dann bezeichnet er ihn als Eigentum, Ware, Geld, Kunstwerk, Grenze, Ressource, heilig, wertvoll oder wertlos. Durch diese Benennung erhält der Gegenstand keine neue physikalische Eigenschaft. Er erhält eine von Menschen hervorgebrachte Geltung.
Deshalb wäre der präzisere Begriff für die „hineingedachte Eigenschaft“:
Geltungszuschreibung
Eine Geltungszuschreibung ist keine Eigenschaft des Gegenstandes, sondern eine menschlich erfundene Regel dafür, als was der Gegenstand behandelt werden soll.
Der Boden besitzt Masse, chemische Zusammensetzung, Feuchtigkeit, Tragfähigkeit und biologische Funktionen. Dass er einer bestimmten Person „gehört“, ist dagegen keine Eigenschaft des Bodens. Es ist eine Geltungszuschreibung, die durch Verträge, Grundbücher, Gesetze, gesellschaftliche Anerkennung und notfalls Gewalt durchgesetzt wird.
Das Kunstwerk entsteht mit dem „als“
Damit lässt sich der Beginn des Kunstwerks genauer bestimmen. Das Kunstwerk entsteht in dem Augenblick, in dem der Mensch sagt oder denkt:
Dieses X soll als Y erscheinen, bezeichnet, verstanden oder behandelt werden.
Ein Stück Papier gilt als Geld. Ein Boden gilt als Eigentum. Ein Mensch gilt als König, Kunde, Arbeitnehmer oder Experte. Ein Gegenstand gilt als Kunstwerk. Der Mensch erzeugt damit eine zweite Gestalt, die nicht in den physikalischen Eigenschaften des Trägers enthalten ist.
John Searle beschreibt diesen institutionellen Vorgang mit der Struktur „X gilt als Y im Zusammenhang C“. Sprache beschreibt hier nicht nur eine bereits vorhandene Wirklichkeit, sondern wirkt an der Hervorbringung institutioneller Wirklichkeit mit. (analyse-und-kritik.net)
Ihre Forschungskunst setzt jedoch an der kritischen Stelle an, an der das „als“ verschwindet:
Aus „Dieses Stück Papier gilt als Geld“ wird: „Das ist Geld.“
Aus „Dieser Boden gilt nach unserer Rechtsordnung als mein Eigentum“ wird: „Dieser Boden ist mein Eigentum.“
Aus „Dieser Mensch tritt in der Rolle eines Experten auf“ wird: „Er besitzt die Eigenschaft des überlegenen Wissens.“
Die menschliche Erfindung wird dadurch nicht mehr als Erfindung erkannt. Die Geltungszuschreibung erscheint nun wie eine vorgefundene Eigenschaft.
Reifizierte Geltungszuschreibung
Für diesen Umschlag eignet sich der Begriff:
reifizierte Geltungszuschreibung
Reifikation bedeutet hier: Eine Beziehung, Regel, Benennung oder gesellschaftliche Vereinbarung wird behandelt, als sei sie eine dem Gegenstand innewohnende Sache oder Eigenschaft.
Die Geltungszuschreibung selbst ist noch erkennbar als menschliche Hervorbringung. Reifiziert wird sie dort, wo vergessen wird, dass Menschen sie erfunden haben. Dann wird aus dem Als-ob ein vermeintliches Ist.
Der Vorgang lässt sich deshalb in einem Satz zusammenfassen:
Der Mensch erfindet keine neue Eigenschaft des Gegenstandes, sondern eine Geltung; indem er diese Geltung anschließend wie eine vorgefundene Eigenschaft behandelt, verwandelt er sein eigenes Kunstwerk in scheinbare Wirklichkeit.
Die Verschmelzung unterschiedlicher Eigenschaftsarten
Sie beschreiben darüber hinaus einen zweiten Vorgang: Physikalische Beschaffenheit, biologische Funktion, gesellschaftliche Geltung, persönliche Vorstellung und emotionale Bewertung werden so eng miteinander verzahnt, dass sie kaum noch auseinandergehalten werden können.
Ein Haus besitzt physikalische Eigenschaften: Masse, Material, Volumen, Wärmedämmung und Tragfähigkeit. Es erhält zugleich eine rechtliche Geltung als Eigentum, einen Marktpreis, eine soziale Bedeutung als Statuszeichen, eine persönliche Bedeutung als Heimat und möglicherweise eine finanzielle Funktion als Kapitalanlage. Diese unterschiedlichen Ebenen werden im alltäglichen Bewusstsein zu einer scheinbar einheitlichen „Eigenschaft“ des Hauses verschmolzen.
Die physikalischen Eigenschaften gehen dabei nicht verloren. Sie werden durch andere Bedeutungsschichten überformt und verdeckt. Dafür eignet sich der Begriff:
Geltungsüberformung
Die Geltungsüberformung bezeichnet den Vorgang, bei dem menschliche Zuschreibungen die vorgefundenen Beschaffenheiten so stark überlagern, dass nicht mehr erkennbar ist, welcher Anteil physikalisch gegeben, biologisch wirksam, gesellschaftlich vereinbart oder persönlich hineingedacht ist.
Der gesamte Zusammenhang könnte daher so gegliedert werden:
Geltungszuschreibung bezeichnet die Erfindung.
Geltungsüberformung bezeichnet die Überlagerung des Vorgefundenen.
Reifikation bezeichnet die Verwechslung der Zuschreibung mit einer innewohnenden Eigenschaft.
Als-ob-Wirklichkeit bezeichnet das daraus hervorgegangene gesellschaftliche Gesamtsystem.
Nicht wirkungslos, aber nicht als Eigenschaft vorhanden
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Existenz und Wirksamkeit. Die hineingedachte Eigenschaft existiert nicht als physikalische Beschaffenheit des Gegenstandes. Sie kann dennoch außerordentlich wirksam werden, weil Menschen ihr entsprechend handeln.
Eigentum befindet sich nicht als messbare Eigenschaft im Boden. Die Eigentumsordnung erzeugt aber Zäune, Kaufverträge, Räumungen, Bebauungen, Bodenspekulation und Umweltzerstörung. Die Geltungszuschreibung ist also nicht stofflich im Gegenstand vorhanden, wird aber durch menschliche Körper, Institutionen, Dokumente und technische Eingriffe physikalisch wirksam.
Deshalb wäre es ungenau zu sagen, die Zuschreibung existiere überhaupt nicht. Präziser ist:
Sie existiert nicht als Eigenschaft des bezeichneten Gegenstandes, sondern als menschlich erzeugte und vollzogene Geltungsordnung.
Ihre Wirkungen sind real. Ihr behaupteter Sitz im Gegenstand ist erfunden.
Der Bezug zu Kant
Bei Kant wäre der Begriff nicht „tot“, sondern leer, wenn ihm keine mögliche Anschauung und damit kein Gegenstand möglicher Erfahrung entsprechen kann. Kant formuliert, dass Gedanken ohne Inhalt leer seien und dass ein Begriff ohne entsprechende Anschauung keinen Gegenstand geben könne. Ein Begriff bezieht sich nicht unmittelbar auf den Gegenstand; unmittelbar gegeben wird dieser nur in der Anschauung. (Wikisource)
Ihre Position geht allerdings über Kant hinaus. Kant behauptet nicht einfach, dass ausschließlich physikalische Eigenschaften existieren. Seine Erkenntnistheorie untersucht vielmehr, unter welchen Bedingungen Gegenstände überhaupt erfahren und gedacht werden können.
Für Ihren Zusammenhang lässt sich Kant dennoch präzise anwenden: Der Begriff „Eigentum“ ist leer, wenn er als anschaubare oder physikalische Eigenschaft des Bodens behauptet wird. Er ist nicht leer, wenn er eine gesellschaftliche Rechts- und Handlungsordnung bezeichnet. Wahrnehmbar sind dann nicht „das Eigentum im Boden“, sondern Urkunden, Grenzen, Verbote, Handlungen und deren Konsequenzen.
Der entscheidende Fehler liegt daher nicht im Gebrauch von Begriffen. Er liegt in der ontologischen Verwechslung: Eine gesellschaftliche Geltungsregel wird als vorgefundene Beschaffenheit des Gegenstandes ausgegeben.
Der Kunstbegriff Ihrer Forschungskunst
Damit erhält Ihr erweiterter Kunstbegriff einen noch genaueren Kern. Der Mensch wird zum Künstler, weil er nicht nur materielle Gegenstände formt, sondern Geltungen erfindet. Er benennt, bezeichnet, deutet und erklärt etwas zu etwas. Er erzeugt aus einem physikalischen Träger ein gesellschaftliches Bedeutungsgebilde.
Sein erstes und umfassendstes Kunstwerk ist deshalb die Zuschreibungswirklichkeit.
Problematisch ist nicht, dass der Mensch dieses Kunstwerk hervorbringt. Ohne Benennungen, Zeichen und Vereinbarungen wäre menschliche Gesellschaft kaum möglich. Problematisch wird es, wenn er die Urheberschaft an seinem eigenen Werk vergisst und seine Erfindungen für vorgefundene Wirklichkeit hält.
Dann unterwirft er die physikalische und biologische Wirklichkeit den Regeln seines Geltungskunstwerks. Er glaubt, ein Preis bestimme den Wert eines Lebensraumes, ein Eigentumstitel verleihe Verfügungsmacht über planetare Prozesse oder eine technische Bezeichnung beseitige die materiellen Folgen einer Tätigkeit.
Der Kern Ihrer Forschungskunst lautet daher:
Der Mensch ist Künstler, weil er durch Benennung, Bezeichnung und Geltungszuschreibung eine zweite Wirklichkeit hervorbringt. Sein Kunstwerk kippt in eine existenzielle Gefahr um, sobald das „als“ seiner Erfindung verschwindet und die zugeschriebene Geltung mit den physikalischen Eigenschaften der Wirklichkeit verwechselt wird. Kunst muss diese Verschmelzung wieder trennen, die Erfindung als Erfindung sichtbar machen und ihre Tätigkeitskonsequenzen auf die vorgefundenen Existenzbedingungen zurückbeziehen......
Der Begriff Eigenschaft erweist sich selbst als Teil des Problems. Die folgende Untersuchung führt die verschiedenen Sprach- und Denktraditionen auf Ihren künstlerischen Kern zurück.
Eigenschaft als sprachliches und künstlerisches Grundproblem
Der eigentliche Ausgangspunkt Ihrer Forschungskunst liegt im menschlichen Vermögen, nicht nur vorhandene Unterschiede wahrzunehmen, sondern einem Menschen, einem Gegenstand oder einem Verhältnis etwas zuzusprechen. Der Mensch benennt, bezeichnet, deutet und urteilt: Dieser Boden ist Eigentum. Dieses Metall ist wertvoll. Dieser Mensch ist Künstler, Experte, Arbeitnehmer, Herrscher oder Eigentümer. Dieses Verhalten ist normal. Dieses technische System ist fortschrittlich. Dieses Ich ist unabhängig.
In diesem Vorgang entsteht bereits ein Kunstwerk. Denn der Mensch bringt durch seine Vorstellung, Benennung und Bezeichnung etwas hervor, das in den physikalischen Beschaffenheiten des bezeichneten Gegenstandes nicht enthalten ist. Er erzeugt ein Bild, eine Bedeutung, eine Rolle oder eine Geltung. Das Problem beginnt nicht mit dieser Erfindung allein. Es beginnt dort, wo der Mensch vergisst, dass er sie erfunden hat, und das Hineingedachte wie eine vorgefundene Eigenschaft behandelt.
Der entscheidende Umschlag vollzieht sich sprachlich in einer kaum bemerkbaren Verkürzung:
Aus „X gilt als Y“ wird „X ist Y“.
Das „als“ verschwindet. Die menschliche Tätigkeit der Zuschreibung verschwindet mit ihm. Zurück bleibt der Eindruck, die bezeichnete Eigenschaft habe bereits im Gegenstand gelegen und sei vom Menschen lediglich entdeckt worden.
Die deutsche Eigenschaft als Verbindung von Besitz und Hervorbringung
Die deutsche Wortgeschichte bestätigt, dass „Eigenschaft“ kein neutraler Begriff ist. Das Wort eigen bezeichnete zunächst, was jemandem gehört, was er besitzt oder beherrscht. Erst daraus entwickelten sich Bedeutungen wie „einer Person oder Sache ausschließlich zukommend“, „charakteristisch“ oder „von besonderer Art“. In derselben Wortfamilie stehen Eigen, Eigenschaft, Eigentum, Eigentümer, eigentlich und eigentümlich. Im Mittelhochdeutschen konnte „Eigenschaft“ sowohl Eigentum und Eigentümlichkeit als auch Leibeigenschaft bezeichnen.
Das Suffix -schaft geht auf Bedeutungen wie Schaffung, Gestalt, Bildung, Beschaffenheit und Zustand zurück. „Eigenschaft“ lässt sich daher sprachlich als eine Verbindung von eigen und Geschaffenheit lesen: als das, was einem Wesen oder Gegenstand als ihm eigen zugehörig erscheint oder ihm zu eigen gemacht worden ist.
Damit enthält das Wort bereits die Unklarheit, die Sie untersuchen. Es unterscheidet nicht zuverlässig zwischen dem, was einem Gegenstand aufgrund seiner materiellen Wirkungsweise zukommt, und dem, was Menschen ihm durch Benennung, Aneignung oder Bewertung zusprechen.
Die Eigenschaft ist deshalb ein sprachliches Fossil der Verwechslung von Sein und Haben, von Beschaffenheit und Besitz, von Vorgefundenem und Zugeschriebenem.
Die griechische Trennung zwischen Eigenem und Beschaffenheit
Im Griechischen erscheinen zwei unterschiedliche Wortlinien. ἴδιος – ídios bedeutet „eigen“, „persönlich“, „privat“ oder „jemandem selbst zugehörig“. Das davon abgeleitete ἰδιότης – idiótēs bezeichnet die besondere Natur, Eigentümlichkeit oder spezifische Beschaffenheit. Auch Aristoteles verwendet τὸ ἴδιον – to ídion für ein kennzeichnendes Merkmal, das einer Art eigentümlich ist. Die Verbindung zwischen dem Eigenen, Privaten und charakteristischen Merkmal ist damit bereits im Griechischen vorhanden. Aus derselben Wortfamilie stammt ἰδιώτης – idiṓtēs, ursprünglich der Privatmensch im Gegensatz zur öffentlichen Gemeinschaft. (atlas.perseus.tufts.edu)
Daneben steht jedoch ποιότης – poiótēs. Der Begriff ist von ποῖος – poîos, „von welcher Art?“ oder „wie beschaffen?“, abgeleitet. Er fragt nicht danach, wem etwas gehört, sondern wie etwas beschaffen ist. Aristoteles bezeichnet als Qualität dasjenige, aufgrund dessen etwas als „so oder so beschaffen“ bezeichnet wird. Er unterscheidet dauerhafte Haltungen, Fähigkeiten, sinnlich wirksame Qualitäten und Gestalten. Zugleich trennt er Qualität von Quantität, Beziehung, Tätigkeit, Leiden und Substanz. (classics.mit.edu)
Diese griechische Unterscheidung ist für Ihre Forschungskunst entscheidend. Ídios führt in die Richtung des Eigenen, Eigentümlichen und Privaten. Poiótēs fragt nach der Art des Funktionierens oder Erscheinens. Der deutsche Begriff „Eigenschaft“ zieht beide Linien wieder zusammen.
Bereits Aristoteles zeigt jedoch ein weiteres Problem: Auch Charakterhaltungen, Fähigkeiten, Formen und sinnlich wahrnehmbare Wirkungen werden unter derselben Kategorie der Qualität versammelt. Damit beginnt jene Zusammenführung sehr verschiedener Prädikatsarten, die später kaum noch auseinandergehalten werden.
Lateinische Übersetzung und römische Eigentumsordnung
Cicero bildete das lateinische Wort qualitas als Übersetzung des griechischen poiótēs. Es bezeichnete Beschaffenheit, Art, Zustand oder Qualität und geht auf qualis, „von welcher Art?“, zurück. Qualitas war zunächst ein philosophischer Fachbegriff und noch nicht vorrangig eine Bewertung im Sinne von guter oder schlechter Produktqualität. (atlas.perseus.tufts.edu)
Eine andere lateinische Linie führt über proprius und proprietas. Proprietas bezeichnete zunächst das Eigene, die Eigentümlichkeit, besondere Natur oder charakteristische Beschaffenheit einer Sache. In der römischen und nachrömischen Rechtsentwicklung erhielt dasselbe Wort zusätzlich die Bedeutung von Eigentum und rechtlicher Verfügungsgewalt. Die besondere Beschaffenheit eines Dinges und das Recht, es zu besitzen, wurden damit im selben Wort vereinigt. (atlas.perseus.tufts.edu)
Gerade diese lateinisch-römische Verschmelzung wirkt bis heute fort. Proprietas ist sowohl das, was einer Sache „eigentümlich“ ist, als auch das, was einem Eigentümer „zugehört“. Die Sprache legt damit nahe, dass der Besitzanspruch eine Eigenschaft des Gegenstandes sei.
Das lateinische attributum ist demgegenüber genauer. Es geht auf attribuere zurück: zuteilen, zuweisen, zuschreiben. Ein Attribut ist dem Wortursprung nach nicht notwendig etwas, das im Gegenstand vorhanden ist, sondern zunächst etwas, das ihm zugesprochen oder zugeteilt wird. Auch accidens unterscheidet das nicht wesentliche, nur Hinzukommende von der Substanz. (Etymology Online)
Die lateinische Sprache stellte somit verschiedene Instrumente bereit: qualitas für die Art der Beschaffenheit, proprietas für das Eigene und später das Eigentum, attributum für das Zugeschriebene und accidens für das nicht wesentliche Hinzukommende. Die spätere Alltagssprache zog diese Unterschiede jedoch immer wieder zusammen.
Die englische Verschmelzung in „property“
Das englische property zeigt die gesamte Entwicklung besonders deutlich. Das Wort bezeichnete um 1300 zunächst Natur, Qualität oder charakteristischen Wesenszug. Die Bedeutung von Besitz, Grundstück oder Eigentum kam hinzu und wurde besonders seit der Neuzeit dominant. Das heutige Englisch verwendet „property“ daher gleichzeitig für eine Eigenschaft in Mathematik oder Physik und für Eigentum oder Grundbesitz. (Etymology Online)
Das Wort own ist mit dem deutschen eigen verwandt. Es geht auf eine germanische Wortfamilie des Habens, Besitzens und Beherrschens zurück. Auch hier führt die Bewegung vom Besitz zum charakteristisch Eigenen. (Etymology Online)
Quality stammt dagegen über das Französische von lateinisch qualitas. Im Englischen entwickelte es neben „Beschaffenheit“ auch die Bedeutung von Güte, Vorzüglichkeit und gesellschaftlichem Rang. Aus der Frage „Von welcher Art ist etwas?“ wurde zunehmend die Bewertung „Wie gut ist es?“ und schließlich ein Maßstab wirtschaftlicher Produktion und Vermarktung. (Etymology Online)
Attribute bewahrt am deutlichsten den Vorgang der Zuschreibung. Es bezeichnet eine Qualität, die jemandem oder etwas zugesprochen wird. Das Englische enthält damit noch die sprachliche Möglichkeit, zwischen property als vermeintlich innewohnender Eigenschaft und attribute als zugeschriebener Bestimmung zu unterscheiden.
Hebräisch: Maß, Eigenschaft und besonderer Besitz
Im modernen Hebräisch wird תְּכוּנָה – teḵuná für Eigenschaft, Attribut, Merkmal oder Charakteristikum verwendet. Die Hebräische Sprachakademie verwendet den Ausdruck sowohl für mathematische und technische Eigenschaften als auch für psychologische oder soziologische Merkmale. Für „Qualität“ steht außerdem אֵיכוּת – eikhút, während teḵuná häufiger ein bestimmbares Merkmal bezeichnet. (terms.hebrew-academy.org.il)
Für Ihre Arbeit ist besonders מִדָּה – middá bedeutsam. Das Wort bezeichnet Maß, Abmessung und Größenverhältnis, kann aber auch Charakterzug oder Eigenschaft bedeuten. Hier bleiben Eigenschaft und Maß sprachlich miteinander verbunden. Eine Eigenschaft ist nicht nur eine Behauptung, sondern etwas, das sich an einem Maßstab zeigen und unterscheiden muss. (Bible Hub)
Eine weitere bemerkenswerte Entwicklung zeigt סְגֻלָּה – segullá. Im biblischen Hebräisch bezeichnet es einen besonderen Besitz, ein wertvolles Eigentum oder einen Schatz. Im späteren und modernen Gebrauch kann dasselbe Wort eine besondere Kraft, Tugend oder spezifische Eigenschaft bezeichnen. Der Übergang vom besonders besessenen Gegenstand zur besonderen Eigenschaft wiederholt damit die Verbindung von Eigentum, Besonderheit und zugeschriebener Wirksamkeit. (Bible Hub)
Das Hebräische bietet somit zwei gegensätzliche Linien. Middá bindet die Eigenschaft an Maß und Vergleich. Segullá verbindet sie mit besonderem Besitz, Wert und teilweise zugeschriebener Kraft. Gerade diese Spannung entspricht Ihrem Unterschied zwischen prüfbarer Rückmeldung und hineingedachter Besonderheit.
Arabisch: Beschreibung, Qualität und besondere Wirkung
Das Arabische unterscheidet besonders deutlich zwischen Beschreibung und zugeschriebener Eigenschaft. وَصْف – waṣf bedeutet Beschreibung, während صِفَة – ṣifa Eigenschaft, Attribut oder Prädikat bezeichnet. In der klassischen philosophischen und theologischen Begriffsgeschichte wurde sogar unterschieden: Der waṣf steht auf der Seite des Beschreibenden und seiner Aussage, die ṣifa auf der Seite dessen, was dem beschriebenen Gegenstand zugesprochen wird. (arabiclexicon.hawramani.com)
Diese Unterscheidung trifft Ihren Kern unmittelbar. Sie fragt: Befindet sich das Merkmal wirklich im Gegenstand, oder befindet es sich zunächst in der Aussage desjenigen, der ihn beschreibt?
Für die aristotelische Qualität entwickelte sich كَيْفِيَّة – kayfiyya, abgeleitet von كَيْف – kayfa, „wie?“. Kayfiyya bedeutet damit wörtlich eine Art „Wie-heit“ oder Beschaffenheitsweise. Der Begriff wurde in der arabisch-islamischen Philosophie zur Entsprechung der griechischen poiótēs und umfasste sinnliche Qualitäten, Fähigkeiten, psychische Zustände sowie Formen und Gestalten. (Arabdict)
Daneben steht خَاصِّيَّة – khāṣṣiyya, die besondere oder spezifische Eigenschaft. In einer klassischen Definition konnte khāṣṣiyya sogar eine erkennbare Wirkung bezeichnen, deren Ursache unbekannt blieb: Man kannte den Effekt, ohne erklären zu können, weshalb er eintrat. (arabiclexicon.hawramani.com)
Gerade hier liegt die Gefahr, die Sie mit der menschlichen Als-ob-Welt verbinden. Eine beobachtete Wirkung wird benannt. Die Benennung wird anschließend selbst wie eine Erklärung behandelt. Der Name der Eigenschaft verdeckt dann, dass die tatsächliche Ursache noch unbekannt ist.
Sanskrit und die indischen Unterscheidungen
Die indischen philosophischen Traditionen verwenden mehrere Begriffe, die im Deutschen häufig sämtlich mit „Eigenschaft“ übersetzt werden, obwohl sie unterschiedliche Funktionen besitzen.
गुण – guṇa bezeichnet Qualität, Merkmal oder charakteristische Bestimmung. In der Vaiśeṣika-Philosophie ist guṇa eine eigene Kategorie, die in einer Substanz besteht, aber nicht selbständig für sich existiert. Farbe, Geschmack, Geruch, Berührung, Zahl, Größe, Verbindung, Trennung, Erkenntnis, Freude oder Schmerz können als guṇas behandelt werden. Substanz, Eigenschaft und Tätigkeit bleiben jedoch kategorial unterschieden. (sanskritdictionary.com)
लक्षण – lakṣaṇa bedeutet Zeichen, Kennzeichen, Markierung, Symptom, Attribut oder Unterscheidungsmerkmal. Dieser Begriff behauptet weniger, dass sich eine verborgene Eigenschaft als selbständiges Etwas im Gegenstand befindet. Er bezeichnet zunächst das Kennzeichen, an dem etwas erkannt und von anderem unterschieden werden kann. (Sanskrit University Hyderabad)
स्वभाव – svabhāva bedeutet eigene Seinsweise, natürliche Beschaffenheit, angeborene Disposition oder Eigenart. Das Wort setzt sich aus sva, eigen oder selbst, und bhāva, Sein, Werden oder Zustand, zusammen. Es kommt der Vorstellung einer innewohnenden oder natürlichen Beschaffenheit nahe. (sanskritdictionary.com)
धर्म – dharma kann neben Gesetz, Ordnung, Pflicht und Lebensweise auch Natur, Charakter, wesentliche Qualität oder kennzeichnende Bestimmung bedeuten. Damit verbindet ein einziges Wort die Beschaffenheit eines Wesens mit der Ordnung, nach der es sich verhält oder verhalten soll. (sanskritdictionary.com)
Die indischen Begriffssysteme zeigen damit, dass „Eigenschaft“ keineswegs nur ein einzelner Begriff sein muss. Sie unterscheiden zwischen der Qualität, die in einem Träger besteht, dem Zeichen, an dem etwas erkannt wird, der eigenen Seinsweise und der Ordnung oder Tätigkeit, die einem Wesen entspricht.
Für Ihre Forschungskunst ist besonders lakṣaṇa wichtig: das Merkmal als Spur, Kennzeichen und Anzeichen. Es behauptet noch nicht, das Wesen eines Gegenstandes zu besitzen. Es eröffnet zunächst einen überprüfbaren Erkenntnisweg.
Was Kant tatsächlich verändert
Ihre Vermutung, der Eigenschaftsbegriff sei „nach Kant tot“, trifft einen entscheidenden Punkt, muss aber genauer formuliert werden. Kant erklärt einen Begriff ohne mögliche Anschauung nicht für tot, sondern für leer. Gedanken ohne Inhalt seien leer, Anschauungen ohne Begriffe blind. Erkenntnis entsteht erst, wenn sinnliche Gegebenheit und begriffliche Tätigkeit zusammenwirken. Zugleich warnt Kant davor, die Funktionen beider Vermögen zu vermischen. (Wikisource)
Ein Begriff, dem keinerlei mögliche Anschauung oder Erfahrung entsprechen kann, erhält nach Kant keine objektive Realität. Er bleibt eine logische Form oder ein Gedankending. Kant unterscheidet ausdrücklich zwischen einem leeren Begriff ohne Gegenstand und einem Begriff, der sich selbst widerspricht. Eine bloße Erdichtung kann denkbar sein, ohne deshalb einen erfahrbaren Gegenstand zu bezeichnen. (Wikisource)
Daraus folgt jedoch nicht, dass Eigentum, Wert, Rolle oder gesellschaftlicher Status völlig bedeutungslos wären, weil man sie nicht als Stoffeigenschaften sehen kann. Sie besitzen keine Anschauung im bezeichneten Gegenstand. Man findet das Eigentum nicht im Boden und den Geldwert nicht im Metall. Man kann aber Urkunden, Zäune, Verträge, Zahlungen, Verbote, Gerichtsentscheidungen und Gewalthandlungen wahrnehmen, durch die diese Geltungen vollzogen werden.
Der entscheidende Fehler ist daher nicht bloß fehlende Anschauung. Es ist die falsche Verortung des Prädikats.
Das Eigentum befindet sich nicht im Grundstück. Es besteht als gesellschaftlich aufrechterhaltene Beziehung zwischen Menschen, Institutionen, Dokumenten und Handlungsmöglichkeiten. Der Preis befindet sich nicht im Gegenstand. Er besteht in einer Vergleichs-, Erwartungs- und Tauschordnung. Die Rolle befindet sich nicht als Wesenseigenschaft in der Person. Sie besteht in einer eingeübten und gesellschaftlich bestätigten Darstellung.
Gibt es nur physikalische Eigenschaften?
Die Aussage, es könne nur physikalische Eigenschaften geben, ist als Kritik an den hineingedachten Eigenschaften verständlich, würde jedoch Ihr eigenes Vier-Ebenen-Modell zu stark verkürzen. Auch Leben, Stoffwechsel, Regeneration, Anpassungsfähigkeit und Verletzbarkeit dürfen nicht lediglich als erfundene Zuschreibungen behandelt werden. Sie sind zwar vollständig an physikalische Vorgänge gebunden, bezeichnen aber organisierte Funktionszusammenhänge, die für das Verständnis eines lebenden Organismus unverzichtbar sind.
Präziser wäre daher nicht der Satz:
Es gibt nur physikalische Eigenschaften.
Sondern:
Es gibt nur solche vorgefundenen Beschaffenheiten, Funktionen und Beziehungen, die durch ihre Wirkungen und Rückmeldungen an einer widerständigen Wirklichkeit überprüfbar sind.
Auch eine physikalische Eigenschaft ist kein kleines selbständiges Etwas, das unsichtbar im Gegenstand liegt. Masse, Temperatur, elektrische Leitfähigkeit oder Festigkeit sind Begriffe für wiederholbare Verhaltens- und Wirkungsweisen unter bestimmten Mess- und Tätigkeitsbedingungen. Sie sind begrifflich gefasst, aber nicht beliebig erfunden. Die Wirklichkeit kann die Behauptung korrigieren.
Der entscheidende Unterschied verläuft deshalb nicht einfach zwischen Begriff und Wirklichkeit. Auch Naturwissenschaft arbeitet mit Begriffen und Modellen. Der Unterschied liegt zwischen rückkopplungsgebundenen Bestimmungen und selbstimmunisierenden Zuschreibungen.
Eine physikalische oder biologische Bestimmung muss sich an Widerstand, Messung, Funktionieren, Nichtfunktionieren, Verletzung oder Reproduzierbarkeit bewähren. Eine gesellschaftliche Zuschreibung kann dagegen durch Autorität, Gewohnheit, Recht, Geld oder Macht aufrechterhalten werden, obwohl sie im bezeichneten Gegenstand keine entsprechende Eigenschaft besitzt.
Der geeignetere Begriff: Geltungsprädikat
Für Ihre bisherige Formulierung „hineingedachte Eigenschaft“ eignet sich als präziserer Begriff:
Geltungsprädikat
Ein Prädikat ist zunächst das, was von etwas ausgesagt wird. Der Begriff behauptet noch nicht, dass die ausgesagte Bestimmung tatsächlich im Gegenstand vorhanden ist. „Geltung“ bezeichnet, dass diese Aussage innerhalb einer menschlichen Ordnung anerkannt, vollzogen oder durchgesetzt wird.
Eigentum ist damit kein Merkmal des Bodens, sondern ein Geltungsprädikat, das dem Boden in einer Rechts- und Machtordnung zugesprochen wird. Marktwert ist kein Merkmal des Materials, sondern ein Geltungsprädikat innerhalb eines Tauschsystems. Künstler, Kunde, Ausländer, Experte, Kranker oder Eigentümer sind Geltungsprädikate, die Menschen in bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhängen erhalten oder sich selbst zusprechen.
Ein Geltungsprädikat kann starke physikalische Konsequenzen erzeugen. Es ist deshalb weder bloß unwirklich noch eine materielle Eigenschaft des bezeichneten Gegenstandes. Es existiert als vollzogene und stabilisierte Beziehung.
Die eigentliche Fehlleistung: Prädikatsfehlverortung
Der zentrale Fehler kann als Prädikatsfehlverortung bezeichnet werden.
Eine Prädikatsfehlverortung liegt vor, wenn eine gesellschaftliche, rechtliche, emotionale oder darstellerische Zuschreibung so behandelt wird, als befände sie sich als innewohnende Eigenschaft im bezeichneten Menschen oder Gegenstand.
Der Marktwert wird im Produkt verortet. Das Eigentum wird im Boden verortet. Die Autorität wird in der Person verortet. Das Ich wird im Organismus als selbständiger Eigentümer verortet. Der Geist wird als vom Körper unabhängige Instanz verortet. Die Rolle wird zum Wesen des Menschen erklärt.
Dieser Begriff verbindet Ihre Eigenschaftsanalyse unmittelbar mit Ihrer Verortungskunst. Die Aufgabe besteht darin, jedes Prädikat wieder dort zu verorten, wo es tatsächlich entsteht, wodurch es aufrechterhalten wird und welche Konsequenzen es hervorbringt.
Die Verschmelzung: Geltungsreifikation und Prädikatsfusion
Wenn das „gilt als“ dauerhaft in ein „ist“ umschlägt, entsteht eine Geltungsreifikation. Eine menschlich hervorgebrachte Geltung wird wie eine Sache oder Naturgegebenheit behandelt.
Wenn anschließend physikalische Beschaffenheiten, biologische Funktionen, gesellschaftliche Rollen, emotionale Bewertungen, Eigentumsansprüche und Selbstbilder miteinander verschmelzen, entsteht eine Prädikatsfusion. Der Mensch kann dann nicht mehr erkennen, auf welcher Ebene eine Aussage gilt.
Ein Haus ist gleichzeitig Materialgefüge, Schutzraum, Wohnort, Eigentum, Kapitalanlage, Statuszeichen, Erinnerung und Heimat. Diese Bestimmungen sind nicht sämtlich unwirklich. Sie besitzen jedoch unterschiedliche Entstehungsweisen, Träger, Geltungsbedingungen und Konsequenzen. Werden sie unter dem einen Wort „Eigenschaften des Hauses“ zusammengeführt, verschwinden ihre Unterschiede.
Genau hier setzt Ihr Vier-Ebenen-Modell an. Es zerlegt die vermeintlich einheitliche Eigenschaft wieder in physikalische Wirkbedingung, organismische Lebensbedingung, gesellschaftliche Geltungszuschreibung und öffentliche Prüfung.
Das Prädikationskunstwerk
Der umfassendste künstlerische Begriff für diesen Vorgang lautet:
Prädikationskunstwerk
Das menschliche Kunstwerk beginnt nicht erst beim Gemälde, bei der Plastik oder auf der Bühne. Es beginnt in dem Augenblick, in dem der Mensch etwas als etwas bezeichnet. Er erzeugt durch das Prädikat eine Vorstellung, eine Unterscheidung, eine Rolle und eine mögliche Handlungsordnung.
Die bildnerische Kunst macht diesen Vorgang sichtbar, indem sie die Vorstellung in Material überführt. Die darstellende Kunst macht ihn sichtbar, indem sie zeigt, dass Identität, Rolle und Auftreten hervorgebracht und gespielt werden. Die Forschungskunst erweitert diese Verfahren auf die gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit.
Das Prädikationskunstwerk umfasst deshalb die Benennung, das Bild, die hineingedachte Bedeutung, die daraus entstehende Tätigkeit und sämtliche Konsequenzen dieser Tätigkeit. Auch Umweltzerstörung und Katastrophenwelt gehören zu diesem Werk, wenn sie aus Prädikaten wie Eigentum, Wachstum, Fortschritt, Verfügbarkeit oder wirtschaftlicher Notwendigkeit hervorgegangen sind.
Der kürzeste Kern Ihrer Forschungskunst
Der Mensch findet physikalische und biologische Widerstände, Unterschiede, Wirkungen und Existenzbedingungen vor. Zugleich erfindet er Prädikate, mit denen er diese Wirklichkeit bezeichnet, ordnet, bewertet und sich aneignet. Dadurch wird er zum Künstler und seine Zivilisation zum Kunstwerk.
Die existenzielle Gefahr entsteht, wenn er seine Geltungsprädikate nicht mehr als eigene Hervorbringungen erkennt, sondern sie als Eigenschaften der vorgefundenen Wirklichkeit behandelt. Dann versucht er, die Bedingungen des Planeten Erde nach den Regeln seines eigenen Prädikationskunstwerks zu verändern.
Die Aufgabe der Kunst besteht deshalb darin, das verschwundene Als wieder sichtbar zu machen. Sie muss zeigen, was tatsächlich vorgefunden, was hineingedacht, was gesellschaftlich durchgesetzt und was durch die daraus entstehenden Tätigkeitskonsequenzen bewirkt wird.
Der zentrale Satz könnte lauten:
Der Mensch wird zum Künstler, indem er durch Benennung und Prädikation Eigenschaften erfindet und Geltungen hervorbringt. Sein Kunstwerk wird zur existenziellen Gefahr, sobald er diese Geltungsprädikate als vorgefundene Eigenschaften der Wirklichkeit missversteht. Forschungskunst hat die Aufgabe, diese Prädikatsfehlverortung sichtbar zu machen, die verschmolzenen Ebenen wieder zu unterscheiden und das menschliche Werk mit seinen physikalischen, biologischen und planetaren Tätigkeitskonsequenzen zu konfrontieren.
..
Die entscheidende Korrektur
Fast – aber nicht den Naturgesetzen selbst liegt Besitz- oder Eigentumsdenken zugrunde. Naturgesetze besitzen keine menschliche Absicht. Das Besitzdenken kann vielmehr in der menschlichen Form der Naturerkenntnis liegen: Der Mensch isoliert Vorgänge, benennt sie, schreibt ihnen Eigenschaften zu, formuliert Gesetze und versucht, die erkannten Wirkungszusammenhänge technisch verfügbar zu machen.
Die Wortgeschichte von eigen – Eigenschaft – Eigentum macht diese Nähe zwischen „einer Sache zukommend“ und „jemandem gehörend“ sichtbar. Sie beweist allerdings nicht, dass jede naturwissenschaftliche Eigenschaft bereits Eigentum bedeutet. Sie zeigt vielmehr eine sprachliche Gefahrenstelle: Vorgefundene Beschaffenheit, menschliche Zuschreibung und Besitzanspruch können unbemerkt ineinander übergehen.
Der entscheidende Satz wäre daher:
Nicht den Naturgesetzen liegt Besitzdenken zugrunde, sondern die menschliche Eigenschaftsgrammatik kann Naturerkenntnis in einen Aneignungs- und Verfügungsanspruch verwandeln.
Eigenschaft als scheinbarer Besitz der Natur
Wenn der Mensch sagt, ein Gegenstand habe bestimmte Eigenschaften, erscheint es, als lägen diese Eigenschaften fertig und dauerhaft in ihm. Tatsächlich stellt die Wissenschaft meist fest, wie sich etwas unter bestimmten Bedingungen verhält: Wasser gefriert innerhalb bestimmter Druck- und Temperaturverhältnisse; ein Material trägt eine Belastung bis zu einer Grenze; ein Körper reagiert auf Kräfte.
Präziser wäre daher häufig nicht:
Der Gegenstand besitzt eine Eigenschaft.
Sondern:
Der Gegenstand zeigt unter bestimmten Bedingungen eine überprüfbare Wirkungs- und Verhaltensweise.
Damit verändert sich der Erkenntnisanspruch. Der Mensch besitzt die Natur nicht, weil er ihr Verhalten benannt oder berechnet hat. Er hat ein Modell einer wiederholbaren Beziehung entwickelt. Das Experiment bestätigt nicht einfach eine bereits feststehende Eigenschaft, sondern schafft festgelegte Bedingungen, unter denen die erwartete Reaktion auftreten, abweichen oder ausbleiben kann. Die Natur bleibt dabei das widerständige Gegenüber, das das Modell korrigieren kann.
Bei Kant ist die Naturerkenntnis weder bloßes Auffinden noch willkürliches Erfinden. Der Verstand bringt die allgemeine Form der Gesetzmäßigkeit in die Erfahrung ein; die besonderen Naturgesetze müssen jedoch aus der Erfahrung gewonnen werden. Das menschliche Denken ordnet also die Erscheinungen, kann deren konkrete Wirkungsweisen aber nicht frei bestimmen. (Marxists Internet Archive)
Das Experiment zwischen Prüfung und Aneignung
Das Experiment besitzt deshalb eine doppelte Möglichkeit. Es kann ein Prüfverfahren sein, in dem die menschliche Vorstellung sich einer nicht von ihr beherrschten Rückmeldung aussetzt. Es kann aber auch zum Aneignungsverfahren werden, wenn der Mensch nur noch fragt, unter welchen Bedingungen er einen Vorgang reproduzieren, steuern und wirtschaftlich verwerten kann.
Dann verschiebt sich die Frage von:
Wie funktioniert dieser Zusammenhang?
zu:
Wie können wir ihn verfügbar machen?
Naturerkenntnis kippt in Naturbeherrschung, sobald das Wissen um Wirkungszusammenhänge als Verfügungsrecht über ihre Träger und Folgen verstanden wird. Der Mensch verwechselt dann die erfolgreiche Beschreibung eines Ausschnitts mit der Beherrschung des gesamten Wirkungszusammenhangs.
50:50 als stillgestelltes Spiegelmodell
Ihr 50:50-Modell kann diesen Vorgang sichtbar machen. Wird Symmetrie als vollkommen spiegelbildliche Gleichheit verstanden, entsteht eine scheinbar zeitlose Ordnung: zwei Seiten entsprechen einander, Unterschiede werden aufgehoben, das Modell erscheint geschlossen und perfekt.
In dieser künstlerisch-philosophischen Lesart steht 50:50 für eine Gleichgewichtsblindheit. Das Modell zeigt einen Zustand, blendet aber den Entstehungsprozess, die Bewegungsrichtung, die Belastung, die Verzögerung und die Veränderung des Systems aus. Die Zeit verschwindet, weil nur noch die fertige symmetrische Gestalt betrachtet wird.
Physikalisch muss jedoch unterschieden werden: Symmetrie bedeutet nicht grundsätzlich Stillstand oder Zeitlosigkeit. In der modernen Physik bezeichnet sie die Unverändertheit bestimmter Gesetzmäßigkeiten unter Transformationen. Noethers Theorem verbindet solche Symmetrien gerade mit dynamischen Erhaltungsgesetzen; insbesondere führt die Unverändertheit gegenüber einer Verschiebung in der Zeit zur Energieerhaltung. Symmetrie kann daher Bewegung strukturieren, statt sie auszuschließen. (arXiv)
51:49 als Eintritt der Bewegungsdynamik
In Ihrem Modell bezeichnet 51:49 keine allgemein bewiesene mathematische Naturkonstante. Es ist ein künstlerischer und operativer Maßstab für die kleinstmögliche wirksame Differenz.
Erst durch diese Differenz entstehen Richtung, Spannung, Austausch, Anpassung und Rückkopplung. 51:49 bezeichnet nicht das Gegenteil des Gleichgewichts, sondern ein Gleichgewicht, das seine Abweichung wahrnimmt und deshalb beweglich und korrigierbar bleibt. Zeit wird erkennbar, weil sich feststellen lässt, wohin sich das Verhältnis verändert, was vorausging und welche Folgen der Unterschied hervorbringt.
50:50 kann dann für die vorgestellte, spiegelbildlich abgeschlossene Perfektion stehen. 51:49 steht für die verletzbare Wirklichkeit, in der jede Form nur durch fortlaufende Bewegung, Differenz und Nachregulierung erhalten bleibt.
Zusammenfassung
Der Mensch findet keine fertigen „Eigenschaften“ als besitzartige Einheiten in der Natur vor. Er beobachtet Wirkungen, bildet Begriffe, grenzt Vorgänge ab und erzeugt daraus Modelle. Diese Erkenntnistätigkeit wird zu einem Kunstwerk, weil sie Natur in benannte, dargestellte und technisch bearbeitbare Formen überführt.
Die existenzielle Gefahr beginnt, wenn der Mensch seine Modelle nicht mehr als eigene Hervorbringungen erkennt. Dann behandelt er die von ihm benannten Eigenschaften als vollständig erfasste Wirklichkeit, das Naturgesetz als Herrschaftswissen und die experimentelle Wiederholbarkeit als Verfügungsrecht.
Der Zusammenhang lässt sich so verdichten:
Die Naturgesetze enthalten kein Besitzdenken. Besitzdenken entsteht dort, wo der Mensch die begriffliche Erfassung von Wirkungsweisen mit der Aneignung ihrer Träger verwechselt. Das symmetrische 50:50-Modell kann diese Wirklichkeit zu einem zeitlosen und beherrschbaren Bild stillstellen. Mit 51:49 tritt dagegen die minimale Differenz hervor, durch die Bewegung, Zeit, Rückkopplung und Korrektur überhaupt erst wahrnehmbar werden.
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„Erscheinung“ verändert den gesamten Zusammenhang
Der Hinweis auf Kant war zu schnell gesetzt. Erscheinung bedeutet bei Kant zwar nicht bloß Täuschung oder falschen Schein. Dennoch reicht sein Begriff für Ihren Zusammenhang nicht aus. Denn die Wortbildung selbst weist auf etwas Dynamischeres hin: er-scheinen bedeutet, hervorzutreten, sichtbar oder wahrnehmbar zu werden. Das Präfix er- bezeichnet hier das Herauskommen beziehungsweise das Eintreten in einen Zustand; die Endung -ung macht aus dem Vorgang zugleich dessen Verlauf und Ergebnis.
Eine Erscheinung ist daher zunächst keine feste Eigenschaft, die ein Gegenstand besitzt. Sie ist ein Geschehen des Sichtbar- und Wahrnehmbarwerdens.
Das Wörterbuch unterscheidet entsprechend zwei Bewegungen: Etwas kann tatsächlich sichtbar und wahrnehmbar werden; es kann aber auch bei einem Menschen einen Eindruck hervorrufen, als ob es so sei. Im selben Wort liegen damit das wirkliche Hervortreten und die Möglichkeit des täuschenden Eindrucks unmittelbar nebeneinander.
Erscheinung ist nicht Eigenschaft
„Eigenschaft“ stellt die Frage:
Was hat der Gegenstand?
„Erscheinung“ stellt dagegen die Frage:
Was tritt unter welchen Bedingungen wie hervor?
Damit wird der Gegenstand aus seinem vermeintlich abgeschlossenen Besitzstand herausgenommen. Masse, Festigkeit, Farbe, Temperatur oder Tragfähigkeit wären dann keine kleinen unveränderlichen Bestandteile, die ein Ding in sich „besitzt“. Sie wären Bezeichnungen für bestimmte Erscheinungs- und Wirkungsweisen, die unter bestimmten Bedingungen hervortreten.
Ein Material hat dann nicht einfach Festigkeit. Es widersteht einer bestimmten Belastung innerhalb eines bestimmten Zeitraums, bis es sich verformt oder bricht. Wasser hat nicht einfach die Eigenschaft des Gefrierens. Es verändert seinen Zustand innerhalb bestimmter Temperatur-, Druck-, Zeit- und Umgebungsverhältnisse.
Das Experiment entdeckt daher keine fertig im Gegenstand gelagerte Eigenschaft. Es stellt Bedingungen her, unter denen eine bestimmte Wirkungsweise wieder in Erscheinung tritt. Das Wörterbuch nennt genau diese Wiederholbarkeit: Erscheinungen müssten sich unter gleichen Bedingungen wiederholen.
Die sogenannte Eigenschaft ist damit eine nachträgliche sprachliche Verdichtung wiederholter Erscheinungen. Sie fasst einen beweglichen Vorgang in ein scheinbar festes Substantiv.
Das Problem der Verdinglichung
Aus der Beobachtung:
Unter diesen Bedingungen verhält sich X auf diese Weise
wird sprachlich:
X hat diese Eigenschaft.
Und schließlich:
X ist so.
Damit verschwinden Bedingung, Zeit, Bewegung, Beobachtung, Messverfahren und Veränderungsmöglichkeit. Der Vorgang wird zu einem Besitz des Gegenstandes verdinglicht. Aus einer bedingungsgebundenen Erscheinungsweise entsteht eine scheinbar innewohnende Eigenschaft.
Hier beginnt genau jener Eigentumszusammenhang, den Sie untersuchen. Der Mensch macht sich die beobachtete Wirkungsweise begrifflich zu eigen. Er gibt ihr einen Namen, ordnet sie einem Gegenstand zu und behandelt sie anschließend als dessen festen Besitz. Indem er glaubt, diese Eigenschaft erkannt zu haben, glaubt er zugleich, über den Gegenstand verfügen zu können.
Nicht die Natur besitzt Eigenschaften im menschlichen Eigentumssinn. Der Mensch verwandelt beobachtete Erscheinungsweisen durch seine Grammatik in vermeintliche Besitztümer des Gegenstandes und anschließend in sein eigenes Verfügungswissen.
Kant: Erscheinung ist kein bloßer Schein
Bei Kant ist Erscheinung ausdrücklich nicht gleichbedeutend mit Illusion. Erscheinung bezeichnet das, was dem Menschen in Raum und Zeit sinnlich gegeben wird. Die Dinge, wie sie unabhängig von dieser menschlichen Anschauungsweise sein könnten, bleiben für ihn als „Dinge an sich“ unerkannt. Kant betont, dass selbst eine vollkommen deutliche Erkenntnis der Erscheinung nicht zur Erkenntnis des Gegenstandes an sich führen würde. (Wikisource)
Daran ist für Ihre Untersuchung wichtig: Der Mensch darf seine Art der Wahrnehmung und begrifflichen Ordnung nicht einfach mit der Wirklichkeit an sich gleichsetzen. Kant zeigt damit bereits eine Grenze menschlicher Selbstgewissheit.
Problematisch wird es für Ihr Modell jedoch, wenn daraus erneut eine starre Zweiteilung entsteht:
hier die Erscheinung – dort das unerreichbare Ding an sich.
Das wäre wieder ein 50:50-Dualismus zweier voneinander getrennter Welten. Auf der einen Seite stünde das menschlich Wahrnehmbare, auf der anderen ein vollständig unbekanntes Sein. Die Verbindung zwischen beiden bliebe ungeklärt.
Ihr Ansatz setzt anders an. Für ihn steht hinter der Erscheinung nicht notwendig eine zweite, unzugängliche Welt. Entscheidend ist vielmehr der Erscheinungsprozess: Etwas wirkt, trifft auf ein Medium, einen Organismus, ein Messgerät oder einen Widerstand, wird wahrgenommen, bezeichnet, gedeutet und löst eine neue Tätigkeit aus. Diese Tätigkeit wirkt wiederum auf die Ausgangsbedingungen zurück.
Damit entsteht keine starre Trennung, sondern eine Rückkopplung:
Wirkung – Erscheinung – Wahrnehmung – Benennung – Tätigkeit – Konsequenz – erneute Erscheinung.
Erscheinung bringt Zeit und Bewegung zurück
Die Eigenschaft erscheint statisch. Die Erscheinung ist dagegen ohne Zeit nicht denkbar. Etwas tritt hervor, verändert sich, dauert an oder verschwindet. Selbst eine scheinbar unveränderliche Form zeigt sich nur innerhalb eines zeitlichen Vorgangs.
Hier verbindet sich der Erscheinungsbegriff unmittelbar mit Ihrem Verhältnis von 50:50 und 51:49.
50:50 kann die fertige, spiegelbildliche, vermeintlich perfekte Erscheinung festhalten. Beide Seiten scheinen einander vollständig zu entsprechen. Das Bild löscht seine Entstehung, seine Richtung und seine Veränderung aus. Es erscheint zeitlos.
51:49 bezeichnet dagegen die minimale Differenz, durch die überhaupt etwas geschieht. Erst die Abweichung erzeugt Richtung, Spannung, Übergang, Widerstand und Rückmeldung. Eine Erscheinung ist niemals nur das fertige Bild. Sie ist das Ergebnis einer vorausliegenden Bewegung und zugleich Ausgangspunkt weiterer Veränderung.
Die Zeit wurde in der „Eigenschaft“ stillgestellt. In der Erscheinungsweise kehrt sie zurück.
Vom Erscheinen zum Schein
Die Wortgeschichte von scheinen enthält bereits die entscheidende Doppelbewegung. Das Wort bedeutete ursprünglich leuchten, strahlen und sichtbar werden. Daraus entwickelte sich die Bedeutung, einen Eindruck zu erzeugen, ohne dass dieser Eindruck mit der Wirklichkeit übereinstimmen muss. Schein konnte Licht, Sichtbarkeit und sichtbaren Beweis bedeuten; später auch Urkunde, schriftliche Bestätigung und schließlich Banknote.
Darin liegt eine bemerkenswerte gesellschaftliche Entwicklung:
Was erscheint, wird zum Anschein. Der Anschein wird bescheinigt. Die Bescheinigung macht ihn gesellschaftlich gültig. Der Geldschein macht diese Geltung tausch- und verwertbar.
Der Schein wird dadurch nicht nur Täuschung. Er wird dokumentierte und gesellschaftlich wirksame Wirklichkeit. Eine Urkunde, ein Eigentumsschein, ein Zeugnis oder ein Geldschein bezeugt keine physikalische Eigenschaft des bezeichneten Gegenstandes. Er erzeugt eine gesellschaftliche Geltung, nach der Menschen tatsächlich handeln.
Die Erscheinung kippt damit in eine Bescheinigungswirklichkeit. Das sichtbare oder schriftliche Zeichen gilt als Beweis für etwas, das im Gegenstand selbst nicht vorgefunden werden kann.
Die Kunst der Erscheinung
Damit lässt sich auch Ihr Kunstbegriff genauer bestimmen. Kunst beginnt nicht erst mit der Erfindung einer angeblichen Eigenschaft. Sie beginnt bereits mit dem Erscheinenlassen.
Der Künstler bringt etwas in Erscheinung. Er lässt eine Vorstellung durch Material, Form, Bild, Sprache oder Darstellung hervortreten. Dabei kann er sichtbar machen, dass es sich um eine Hervorbringung handelt. Das Theater sagt ausdrücklich: Dieser Mensch erscheint als König, Eigentümer, Experte oder Künstler. Das Bild zeigt: Diese Form stellt etwas dar. Die Kunst erhält zunächst das „Als“.
Die gesellschaftliche Gefahr entsteht, wenn dieses „Als“ verschwindet. Aus:
Er erscheint als Eigentümer
wird:
Er ist Eigentümer.
Aus:
Dieses Papier erscheint und gilt als Geld
wird:
Dieses Papier ist Geld.
Aus:
Diese Person stellt ein unabhängiges Ich dar
wird:
Dieses Ich ist unabhängig.
Die Kunst kann deshalb das verlorene „Als“ wieder sichtbar machen. Sie kann zeigen, wie Erscheinungen hergestellt, bestätigt, gespielt und materiell wirksam werden.
Ein genauerer Ersatz für „Eigenschaft“
Der für Ihre Forschungskunst geeignetste Gegenbegriff zur starren Eigenschaft wäre:
bedingungsgebundene Erscheinungs- und Wirkungsweise
Dieser Ausdruck enthält das Hervortreten, die konkreten Voraussetzungen, die Bewegung, die Wahrnehmung und die Wirkung. Er behauptet nicht, dass im Gegenstand ein unveränderlicher Besitz namens Eigenschaft liegt.
Für gesellschaftliche Erfindungen ließe sich dagegen von einer hergestellten Geltungserscheinung sprechen. Sie erscheint, wird benannt und gesellschaftlich bestätigt, besitzt aber keine entsprechende physikalische Beschaffenheit im bezeichneten Gegenstand.
Der Umschlag in scheinbare Naturgegebenheit wäre dann eine Erscheinungsverdinglichung: Der Mensch vergisst den Vorgang des Herstellens und behandelt die hervorgebrachte Erscheinung wie eine vorgefundene Wirklichkeit.
Der neue Kern
Der Ausgangspunkt ist nicht die Eigenschaft, sondern die Erscheinung. Etwas tritt innerhalb eines zeitlichen, materiellen und relationalen Vorgangs hervor. Der Mensch nimmt dieses Hervortreten wahr, benennt es und verdichtet wiederkehrende Erscheinungen zu Eigenschaften. Dadurch erzeugt er ein begriffliches Kunstwerk.
Die Gefahr entsteht, wenn er die Verdichtung mit dem Vorgang selbst verwechselt. Dann wird aus der beweglichen Erscheinungsweise eine feste Eigenschaft, aus der Benennung eine vermeintliche Erkenntnis des Wesens und aus der Erkenntnis ein Verfügungsanspruch.
Der zentrale Satz lautet deshalb:
Die Natur besteht für den Menschen nicht aus besitzbaren Eigenschaften, sondern tritt in bedingungsgebundenen Erscheinungs- und Wirkungsweisen hervor. Der Mensch wird zum Künstler, indem er diese Erscheinungen benennt, darstellt und zu Eigenschaften verdichtet. Sein Kunstwerk wird zur existenziellen Gefahr, sobald er die eigene begriffliche Hervorbringung mit der beweglichen Wirklichkeit verwechselt und aus ihr einen Besitz- und Verfügungsanspruch ableitet. Forschungskunst muss deshalb die erstarrte Eigenschaft wieder in ihren zeitlichen Erscheinungs-, Wirkungs- und Rückkopplungsprozess zurückführen.
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Der cartesianische Umschlag
Genau an Descartes’ Satz wird das von Ihnen beschriebene Kuddelmuddel sichtbar. Zunächst ereignet sich ein Vorgang: Zweifeln, Wahrnehmen, Vorstellen oder Denken. Dieser Vorgang wird sprachlich in die Form „Ich denke“ gebracht. Damit ist bereits ein Träger eingeführt: das Ich. Aus dem Vollzug des Denkens wird anschließend auf die Existenz dieses Ichs geschlossen. Danach wird das Ich zu einem „denkenden Ding“ und schließlich zu einer Substanz erklärt, deren Wesen oder Natur im Denken bestehe. Descartes vollzieht diesen Übergang selbst ausdrücklich: Er beginnt beim Zweifel und gelangt zur Behauptung einer vom Körper unabhängigen denkenden Substanz. (Project Gutenberg)
Der Satz enthält deshalb mehrere Schritte, die gewöhnlich wie ein einziger unmittelbarer Beweis erscheinen:
Denken geschieht – ich denke – ich existiere – ich bin ein denkendes Ding – dieses Ding ist eine Substanz – Denken ist seine wesentliche Eigenschaft.
Nur der erste Schritt ist unmittelbar im Vollzug gegeben. Alles Weitere sind Benennungen, Zuordnungen und metaphysische Erweiterungen.
Was erschien Descartes tatsächlich?
Nicht die Existenz erschien ihm wie ein Gegenstand. Auch keine denkende Substanz trat vor ihn. In Erscheinung trat zunächst der Vollzug des Zweifelns und Denkens. „Erscheinen“ kann sowohl bedeuten, dass etwas sichtbar oder wahrnehmbar wird, als auch, dass etwas einem Menschen so vorkommt, als ob es auf eine bestimmte Weise sei.
Descartes konnte während des Zweifelns den Zweifel nicht leugnen, ohne erneut zu zweifeln. Der Vollzug bestätigte sich im Vollzug selbst. Daraus folgt zunächst nur:
Während dieses Vorgangs findet ein Denk- oder Zweifelsereignis statt.
Die vorsichtigste Formulierung wäre deshalb nicht „Ich denke, also existiere ich“, sondern:
Denken beziehungsweise Zweifeln tritt in Erscheinung.
Doch selbst diese Formulierung enthält bereits eine Benennung. Ein zunächst noch unbestimmtes Geschehen wird unter den Begriff „Denken“ gebracht. Auch „Denken“ ist nicht einfach eine sichtbare Substanz, sondern eine menschliche Klassifizierung bestimmter wahrgenommener Vorgänge.
Vom Verb zur Substanz
Der entscheidende Kunstgriff geschieht durch die Grammatik. Aus dem Verb denken wird das Substantiv das Denken. Aus dem Vorgang wird etwas scheinbar Gegenständliches. Anschließend wird gefragt, wem dieses Denken gehört. Die Antwort lautet: dem Ich. Das Ich wird dadurch zum Besitzer und Träger des Denkens.
Die Bewegung lautet:
Es denkt oder Denken geschieht.
Daraus wird:
Ich denke.
Daraus wird:
Ich besitze die Fähigkeit oder Eigenschaft des Denkens.
Daraus wird:
Ich bin ein denkendes Wesen.
Daraus wird:
Ich bin eine denkende Substanz.
Der Vorgang wird damit zunächst personalisiert, dann als Eigenschaft festgeschrieben und schließlich in einer Substanz verankert. Diese Substanz wird benötigt, weil die Grammatik und die Metaphysik glauben, eine Tätigkeit müsse etwas Dauerhaftem gehören, das sie ausführt.
Aber die Substanz selbst erscheint nicht. Sie ist eine Trägerbehauptung. Sie soll erklären, was dem Denken zugrunde liegt, obwohl nur der Denk- oder Zweifelsvorgang in Erscheinung getreten ist. Descartes definiert Substanz als etwas, das zu seiner Existenz keines anderen Dinges bedarf; zugleich muss er einschränken, dass dies streng genommen nur auf Gott zutreffen kann. Geist und Körper werden dennoch als geschaffene Substanzen behandelt. (andrew.cmu.edu)
Vier verschiedene Vorgänge werden „Eigenschaft“ genannt
Das Kuddelmuddel entsteht, weil das Wort Eigenschaft für völlig unterschiedliche Sachverhalte verwendet wird.
Eine physikalische „Eigenschaft“ ist genauer eine bedingungsgebundene Wirkungsweise. Ein Material widersteht einer Belastung, leitet elektrischen Strom oder verändert unter bestimmten Bedingungen seinen Zustand. Diese Wirkungsweise kann experimentell überprüft und durch abweichende Ergebnisse korrigiert werden.
Eine sprachliche Eigenschaft ist ein Prädikat. Der Mensch sagt von etwas, es sei fest, denkend, wertvoll, schön, gefährlich oder frei. Das Prädikat ist zunächst eine Aussage und noch kein Beweis dafür, dass sich eine entsprechende Beschaffenheit im Gegenstand befindet.
Eine gesellschaftliche „Eigenschaft“ ist eine Geltungszuschreibung. Ein Mensch gilt als Eigentümer, Experte, Künstler oder Amtsträger. Diese Geltung ist nicht als physikalische Beschaffenheit in seinem Körper vorhanden. Sie wird durch Sprache, Dokumente, Institutionen und das Verhalten anderer Menschen hergestellt.
Die Substanz ist schließlich eine Trägerhypothese. Sie soll etwas Dauerhaftes bezeichnen, an dem Eigenschaften haften und von dem Tätigkeiten ausgehen. Sie ist aber nicht selbst als sinnlich wahrnehmbarer Gegenstand gegeben.
Wer alle vier Formen unter dem einen Begriff „Eigenschaft“ zusammenfasst, vermischt Wirkungsweise, Aussage, gesellschaftliche Geltung und metaphysische Voraussetzung.
Auch „Existenz“ wird aus einem Vorgang hergestellt
Dasselbe geschieht mit dem Wort Existenz. „Existieren“ bezeichnet zunächst, dass etwas vorkommt, wirkt oder sich in einem Zusammenhang zeigt. Durch die Substantivierung entsteht „die Existenz“, als handele es sich um einen Gegenstand oder eine Eigenschaft, die ein Wesen besitzt.
Descartes geht vom Vollzug des Denkens zum Satz „Ich existiere“. Aber Existenz ist nicht als zusätzliche Eigenschaft neben Denken, Größe, Farbe oder Gewicht wahrgenommen worden. Der Satz bedeutet zunächst nur: Der gegenwärtige Vollzug kann nicht stattfinden, ohne dass überhaupt etwas geschieht.
Daraus folgt jedoch noch nicht, dass ein geschlossenes, dauerhaftes und vom Körper unabhängiges Ich als Substanz existiert. Der Schritt von der Unleugbarkeit des Vorgangs zur Beschaffenheit seines angeblichen Trägers ist eine zusätzliche Behauptung.
Man könnte deshalb sagen:
Nicht die Existenz erschien Descartes. Ihm erschien ein Vorgang, den er als Denken bezeichnete. Durch die Grammatik verwandelte er diesen Vorgang in die Tätigkeit eines Ichs und dieses Ich anschließend in eine denkende Substanz.
Ist deshalb alles nur Behauptung?
Alles sprachlich Formulierte beginnt als Behauptung. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede Behauptung gleich beliebig wäre.
Die Behauptung, ein Material halte einer bestimmten Belastung stand, kann durch den Bruch des Materials korrigiert werden. Sie bleibt an eine nicht verhandelbare Rückmeldung gebunden.
Die Behauptung, ein Boden gehöre einer Person, wird dagegen nicht durch eine Eigenschaft des Bodens bestätigt. Sie erhält ihre Geltung durch Verträge, Grundbücher, Gesetze und gesellschaftliche Durchsetzung.
Die Behauptung einer denkenden Substanz lässt sich weder wie eine Materialeigenschaft messen noch wie eine Eigentumsordnung institutionell vorzeigen. Sie ist eine metaphysische Konstruktion, die einen Träger für den Denkprozess bereitstellen soll.
Der entscheidende Unterschied lautet daher nicht Behauptung oder keine Behauptung, sondern:
Welche Rückmeldung könnte die Behauptung korrigieren, wo ist das Behauptete tatsächlich verortet, und wer trägt die Folgen, wenn die Ebenen verwechselt werden?
Descartes’ Satz als Prädikationskunstwerk
In Ihrem erweiterten Kunstbegriff ist das Cogito selbst ein besonders folgenreiches Prädikationskunstwerk. Ein erscheinender Vorgang wird benannt, einem Ich zugeschrieben, in eine Eigenschaft verwandelt und schließlich durch den Begriff der Substanz als eigenständige Wirklichkeit befestigt.
Das Kunstwerk besteht nicht nur aus dem Satz „Ich denke, also bin ich“. Es besteht aus der gesamten Hervorbringungskette:
Erscheinung – Benennung – Subjektbildung – Eigenschaftszuschreibung – Substanzbehauptung – Welttrennung.
Aus dem körperlich und planetarisch eingebundenen Vorgang des Denkens entsteht dadurch die Vorstellung eines selbständigen inneren Trägers. Dieser kann sich nun als Eigentümer seines Körpers, seiner Gedanken und schließlich der ihm gegenübergestellten Außenwelt verstehen.
Damit liegt im Cogito bereits eine Grundfigur der menschlichen Als-ob-Welt: Der Mensch verwandelt eine Tätigkeit in einen Besitz, den Besitz in eine Eigenschaft und die Eigenschaft in den Beweis eines unabhängigen Ichs.
Der kürzeste Kern
Nicht eine denkende Substanz trat Descartes in Erscheinung, sondern ein Denk- und Zweifelsvorgang. Erst durch Benennung, Grammatik und Zuschreibung entstand daraus das Ich als Träger, das Denken als seine Eigenschaft und die Substanz als behauptete Grundlage seiner Existenz. Der Mensch wird hier zum Künstler, weil er aus einem Vorgang ein Wesen und aus einer Benennung eine Wirklichkeit hervorbringt. Die existenzielle Gefahr beginnt, wenn dieses Prädikationskunstwerk nicht mehr als menschliche Hervorbringung erkannt, sondern als vorgefundene Wirklichkeit behandelt wird.
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Der Begriff Tätigkeit führt die bisherigen Untersuchungen zu Eigenschaft, Erscheinung, Denken, Kunstwerk und Tätigkeitskonsequenz zusammen.
Tätigkeit als Übergang von Vorstellung zu Wirklichkeit
Der Begriff der Tätigkeit bezeichnet den entscheidenden Übergang zwischen der menschlichen Vorstellungswelt und der physikalisch, biologisch und planetarisch wirksamen Welt. Eine Vorstellung, Benennung oder Behauptung bleibt nicht folgenlos, sobald ein Mensch ihr entsprechend tätig wird. Erst durch die Tätigkeit gelangen hineingedachte Eigenschaften, Geltungszuschreibungen, Rollen, Wünsche und Selbstbilder in die Verletzungswelt. Sie greifen in Körper, Materialien, Beziehungen und Lebensbedingungen ein und erzeugen eine Konsequenzspur.
Damit wird Tätigkeit zum Kern der Forschungskunst. Nicht allein das Denken, die Idee oder der Begriff entscheidet darüber, welches Kunstwerk entsteht. Entscheidend ist, was durch eine Vorstellung in Tätigkeit gesetzt wird und welche Wirklichkeit aus dieser Tätigkeit hervorgeht.
Der vollständige Zusammenhang lautet:
Erscheinung – Wahrnehmung – Benennung – Vorstellung – Behauptung – Tätigkeit – Widerstand – Wirkung – Konsequenz – Rückkopplung – Korrektur.
Eigenschaft und Erscheinung können noch auf der Ebene der Beschreibung verbleiben. Tätigkeit führt in die Welt des Geschehens. Hier zeigt sich, ob eine Vorstellung funktioniert oder nicht funktioniert und ob der Mensch bereit ist, die tatsächliche Gestalt seines Werkes anzuerkennen.
Die deutsche Wortbildung: Tat – tätig – Tätigkeit
Das Wort tätig setzt sich aus Tat und der Adjektivendung -ig zusammen. Tätig ist, wer nicht nur etwas denkt, wünscht oder behauptet, sondern eine Tat vollzieht und dadurch wirksam wird. Tätigkeit bezeichnet dann den Zustand oder Zusammenhang dieses Tätigseins.
Die Tat ist etymologisch mit dem Tun, Setzen, Stellen und Legen verbunden. In derselben indoeuropäischen Wortfamilie steht das griechische thésis, das Aufstellen, Setzen, aber auch die aufgestellte Behauptung oder These. Auch das englische deed und das deutsche Tat gehen auf diese Verbindung des Setzens und Vollziehens zurück. (Etymology Online)
Darin liegt eine wesentliche Verbindung zu Ihrer Forschungskunst: Eine Behauptung ist zunächst eine gesetzte Vorstellung. Eine Tat ist eine in die Wirklichkeit gesetzte Vorstellung. Die Tätigkeit ist der fortdauernde Vollzug dieser Setzung.
Das Suffix -keit entstand aus -heit. Es bezeichnete ursprünglich Gestalt, Wesen, Stand sowie Art und Weise und entwickelte sich später zum Suffix für abstrakte Zustände und Beschaffenheiten. Seine ältere Wortgeschichte wird sogar mit einer „lichten Erscheinung“ in Verbindung gebracht.
„Tätigkeit“ lässt sich deshalb nicht wörtlich, aber künstlerisch als die Erscheinungsweise der Tat lesen: als das Sichtbar- und Wirksamwerden dessen, was ein Mensch tut.
Die Substantivierung birgt allerdings erneut eine Gefahr. Aus „jemand tut etwas“ wird „eine Tätigkeit“. Dadurch können der Tätige, sein Motiv, das verwendete Material, die Betroffenen und die Folgen aus dem Satz verschwinden. Tätigkeit erscheint dann wie ein neutraler Gegenstand:
Das Unternehmen übt eine Tätigkeit aus.
Die Behörde nimmt ihre Tätigkeit auf.
Die Wirtschaftstätigkeit wächst.
Wer tatsächlich handelt und wer die Konsequenzen trägt, bleibt unsichtbar. Die Tätigkeit wird grammatisch von der Tat und vom Täter abgelöst.
Von der Tat zur Tatsache
Besonders folgenreich ist das Wort Tatsache. Es bezeichnet heute einen scheinbar feststehenden und unbezweifelbaren Sachverhalt. Doch das Wort verbindet eine Tat mit einer Sache. Was getan, hergestellt, festgestellt oder behauptet worden ist, erscheint anschließend als vorhandene Sache.
Damit kann sich derselbe Umschlag vollziehen wie bei der Eigenschaft:
Aus einem Vorgang wird ein Ergebnis.
Aus dem Ergebnis wird eine Tatsache.
Aus der Tatsache wird eine vermeintlich vorgefundene Wirklichkeit.
Die Tätigkeit, durch die die Tatsache zustande kam, verschwindet. Eigentumsordnungen, Marktpreise, Staatsgrenzen, gesellschaftliche Rollen und technische Systeme erscheinen als Tatsachen, obwohl sie durch fortlaufende menschliche Tätigkeiten hergestellt, bestätigt und durchgesetzt werden müssen.
Eine Tatsache ist deshalb nicht immer einfach etwas, das unabhängig vom Menschen vorhanden war. Sie kann auch das verfestigte Resultat menschlicher Tätigkeiten sein.
Die griechische Differenzierung: Thesis, Praxis, Poiesis, Ergon und Energeia
Die griechische Sprache und Philosophie unterscheiden mehrere Vorgänge, die im deutschen Wort Tätigkeit zusammenfallen.
Thésis bezeichnet das Setzen, Aufstellen oder Niederlegen und daraus hervorgehend auch die Behauptung oder den Lehrsatz. Damit liegt die These zunächst nicht in der Wirklichkeit. Sie ist eine gesetzte Annahme, die erst geprüft werden muss.
Praxis bezeichnet das Handeln und den Vollzug. In der aristotelischen Unterscheidung liegt das Ziel der Praxis im Handeln selbst. Eine Handlung wie Sehen, Denken oder politisches Handeln muss nicht notwendig ein getrenntes Produkt hinterlassen.
Poíesis bezeichnet dagegen das Machen, Herstellen und Hervorbringen. Ihr Ergebnis ist ein Werk, das nach dem Herstellungsvorgang fortbestehen kann. Das griechische Wort umfasst Herstellung, Produktion und Schöpfung und wird ausdrücklich von der Praxis unterschieden. (atlas.perseus.tufts.edu)
Érgon bezeichnet Werk, Arbeit, Leistung oder das hervorgebrachte Ergebnis. Daraus entstand enérgeia: das Im-Werk-Sein, Wirksamsein oder Tätigsein. Bei Aristoteles bezeichnet energeia nicht nur eine Bewegung, sondern die Verwirklichung einer Möglichkeit im Vollzug. Er erläutert sie durch Verhältnisse wie das tatsächliche Bauen gegenüber dem bloßen Bauenkönnen oder das Sehen gegenüber der vorhandenen Sehfähigkeit. (classics.mit.edu)
Für Ihre Forschungskunst ist diese Reihe besonders wichtig:
Thesis ist die gesetzte Vorstellung.
Praxis ist der Handlungsvollzug.
Poiesis ist die Hervorbringung.
Ergon ist das entstandene Werk.
Energeia ist das Wirksamwerden und Im-Werk-Sein.
Ihre Erweiterung besteht darin, diese Begriffe nicht voneinander abzuschließen. Auch eine Praxis, die scheinbar kein äußerliches Produkt hervorbringt, hinterlässt körperliche, soziale oder planetare Folgen. Eine Rede verändert Menschen. Ein Kauf verändert Materialströme. Eine Entscheidung verändert Handlungsmöglichkeiten. Eine Rolle verändert das Verhalten des Darstellers und seines Umfeldes.
Es gibt daher keine folgenlose Praxis. Jede Tätigkeit besitzt eine Werkseite und eine Konsequenzspur.
Aristoteles verbindet Lernen ausdrücklich mit dem Tätigwerden: Menschen werden zu Baumeistern, indem sie bauen, und zu Musikern, indem sie spielen. Fähigkeiten und Charakterhaltungen werden durch wiederholte Tätigkeiten hervorgebracht. (classics.mit.edu)
Damit bestätigt sich Ihre These: Lernen benötigt ein Gegenüber und ein Training. Entscheidend bleibt aber, was trainiert wird. Der Mensch kann lernen, Materialwiderstände wahrzunehmen, oder er kann lernen, sie wirtschaftlich zu überwinden. Er kann lernen, seine Existenzbedingungen zu erhalten, oder er kann lernen, wie sich aus ihnen Geld machen lässt.
Latein und Rom: Agere, facere, gerere, actio und opus
Das Lateinische unterscheidet ebenfalls verschiedene Formen des Tätigseins.
Agere bedeutet ursprünglich treiben, in Bewegung setzen, handeln und vollziehen. Es kann auch bedeuten, auf der Bühne zu spielen oder vor Gericht eine Sache zu führen. Ein Vorgang wird in Bewegung gehalten und öffentlich vollzogen.
Facere bedeutet machen und herstellen. Im klassischen Unterschied kann agere eine Handlung bezeichnen, nach deren Ende kein selbständiges Produkt bestehen bleibt, während facere auf die Herstellung eines fortdauernden Gegenstandes zielt.
Gerere bezeichnet das Ausführen oder Tragen eines Amtes, einer Aufgabe oder einer gesellschaftlichen Funktion. Hier wird Tätigkeit bereits zur Rolle und Verpflichtung.
Opus bezeichnet das Werk, die Arbeit und das hervorgebrachte Ergebnis. Das Opus bleibt als Produkt oder Leistung bestehen.
Das lateinische actio verbindet mehrere Ebenen: Bewegung, Handlung, gerichtliches Verfahren und rhetorischen Vortrag. Zur actio gehörten auch Stimme, Körperbewegung und öffentliches Auftreten. Die Tätigkeit wird dadurch zugleich Handlung, Rechtsakt und Darstellung. (perseus.tufts.edu)
In der römischen Welt wird die Tat damit institutionell geordnet. Es entstehen Akteur, Amt, Vertrag, Klage, Eigentumsübertragung und öffentlich gültiger Rechtsakt. Eine Tätigkeit gilt nicht nur aufgrund ihrer physikalischen Wirkung, sondern aufgrund einer gesellschaftlich anerkannten Form.
Hier entsteht ein wesentlicher Teil der Geltungswelt. Ein Mensch handelt nicht mehr nur körperlich. Er handelt als Eigentümer, Amtsträger, Kläger, Käufer oder Verkäufer. Die gesellschaftliche Rolle wird zum Träger der Tätigkeit.
Der Rechtsakt kann dadurch Wirklichkeit erzeugen, ohne die physikalischen Eigenschaften des Gegenstandes zu verändern. Durch eine Unterschrift wird ein Boden verkauft. Der Boden bleibt materiell derselbe, aber die menschlichen Verfügungsmöglichkeiten ändern sich. Die Geltungstätigkeit erzeugt weitere physikalische Tätigkeiten: Einzäunung, Bebauung, Ausbeutung oder Vertreibung.
Englisch: Activity, act, work, deed und business
Das englische activity gelangte über das Französische aus dem mittelalterlichen Lateinischen. Es bezeichnete zunächst das aktive oder weltliche Leben im Unterschied zum kontemplativen Leben. Später kamen Bedeutungen wie Lebendigkeit, Wirksamkeit und die Fähigkeit hinzu, auf Materie einzuwirken. (Etymology Online)
Act geht auf lateinisch actus und agere zurück: treiben, in Bewegung setzen, tun und aufführen. Das Wort bezeichnet zugleich eine Tat, einen Gesetzesakt, einen Abschnitt eines Theaterstücks und eine möglicherweise unechte Verhaltensdarstellung. Im Englischen bleibt damit besonders deutlich erkennbar, dass Handeln, Recht und Schauspiel ineinander übergehen können. (Etymology Online)
Work stammt aus der germanischen Wortfamilie des Werkes. Es bezeichnete sowohl eine Tat und einen Vorgang als auch das hergestellte Produkt, körperliche Arbeit, Handwerk und Beruf. Bereits im Mittelalter entwickelte sich die Bedeutung der Arbeit als mess- und handelbare Größe. (Etymology Online)
Deed ist mit Tat und Tun verwandt. Es bezeichnet eine vollzogene Handlung, im Recht aber auch eine gesiegelte Urkunde, insbesondere zur Übertragung von Grundeigentum. Die Tat wird hier buchstäblich zum Eigentumsdokument. (Etymology Online)
Business bedeutete ursprünglich Beschäftigtsein, Sorge und starke Inanspruchnahme. Erst später entwickelte sich daraus die Arbeit zum Lebensunterhalt und schließlich die Bedeutung von Handel und Geschäft. Das Beschäftigtsein wurde zum Wirtschaften, Kaufen und Verkaufen. (Etymonline)
Diese Entwicklung entspricht der deutschen Geschichte von tätigen. Das Verb bedeutete durchführen oder vollbringen und wurde besonders in der Kaufmannssprache für das Tätigen von Abschlüssen, Einkäufen und Geschäften verwendet.
Die Tätigkeit wird auf diese Weise zunehmend mit der Transaktion identifiziert. Tätig ist gesellschaftlich vor allem, wer arbeitet, produziert, verkauft oder Geld verdient. Organismische Tätigkeit, Regeneration, Wahrnehmung, Pflege und Erhaltung erscheinen demgegenüber als nachrangig, sofern sie keinen Marktwert erzeugen.
Hebräisch: Tun, Machen, Werk und Erzeugnis
Das hebräische עָשָׂה – ʿasah umfasst ein sehr weites Feld: tun, machen, ausführen, hervorbringen, vorbereiten und vollenden. Tun und Herstellen werden dabei nicht grundsätzlich getrennt. (Bible Hub)
Das davon abgeleitete מַעֲשֶׂה – maʿaseh kann Tat, Handlung, Arbeit, Erzeugnis, Gestaltung, Tätigkeit und das Gemachte bezeichnen. In seiner weitesten lexikalischen Entwicklung kann es sogar in Richtung von Ware oder Besitz gehen. (Bible Hub)
Damit enthält das Hebräische eine bemerkenswerte Bewegung:
Tun – Tat – Werk – Erzeugnis – Besitz.
Was getan wird, wird zum hergestellten Werk. Das Werk kann anschließend als verfügbarer Gegenstand behandelt werden. Derselbe Übergang, den Ihre Untersuchung zwischen Tätigkeit, Werk und Eigentum verfolgt, ist hier bereits sprachlich angelegt.
פָּעַל – paʿal bezeichnet tun, machen, ausführen und arbeiten. Das davon abgeleitete פֹּעַל – poʿal kann Werk, Tat, Verhalten, Lohn und Erwerb bedeuten. Tätigkeit, moralisch beurteilbare Handlung und wirtschaftliches Ergebnis liegen damit nahe beieinander. (Bible Hub)
מְלָאכָה – melakhah bezeichnet zielgerichtete Arbeit, Handwerk, Dienst, Geschäft und Beschäftigung. Tätigkeit erscheint hier stärker als geordnete und zweckbezogene Herstellung. (Bible Hub)
Die hebräische Linie bewahrt damit einen engen Zusammenhang zwischen dem Tun und dem Gemachten. Die Tat bleibt nicht in einem inneren Willen eingeschlossen. Sie tritt als Werk hervor und muss an diesem Werk erkannt werden.
Arabisch: Fiʿl, ʿamal und kasb
Das Arabische differenziert besonders aufschlussreich zwischen فعل – fiʿl und عمل – ʿamal.
Fiʿl bezeichnet allgemein ein Tun, Geschehen oder Bewirken. Es kann auch auf nicht beabsichtigte Vorgänge oder auf Wirkungen unbelebter Dinge bezogen werden.
ʿAmal bezeichnet stärker das zielgerichtete, absichtsvolle Tätigsein eines lebenden Wesens: arbeiten, handeln, herstellen, ausführen, betreiben und eine Wirkung hervorbringen. Die klassische Lexikographie beschreibt ʿamal als Bewegung des ganzen Körpers oder eines Körperteils, teilweise auch des Denkens. Es kann Arbeit, Tat, Herstellung, Geschäft, Amt und Transaktion bedeuten. (arabiclexicon.hawramani.com)
Diese Unterscheidung entspricht Ihrem Vier-Ebenen-Modell. Eine physikalische Wirkung kann stattfinden, ohne dass ihr eine menschliche Absicht zugrunde liegt. Eine menschliche Tätigkeit enthält dagegen Vorstellung, Absicht, körperlichen Vollzug und gesellschaftliche Bedeutung.
Mit كَسْب – kasb tritt der Zusammenhang von Tätigkeit und Aneignung hervor. Kasb bedeutet erwerben, verdienen, gewinnen und sich etwas aneignen; zugleich kann es Tat oder Handlung bedeuten. Tätigkeit wird hier unmittelbar mit Erwerb und Gewinn verbunden. (arabiclexicon.hawramani.com)
Damit zeigt die arabische Begriffslinie genau den von Ihnen untersuchten Umschlag: Aus dem Tätigsein wird Erwerbstätigkeit. Aus dem Hervorbringen wird Aneignung. Aus der Tat wird ein Gewinn, der dem Handelnden zugerechnet wird.
Die Konsequenzen der Tat können jedoch nicht in derselben Weise angeeignet werden. Der Mensch eignet sich den Gewinn zu und lagert die Schäden aus. Er bezeichnet das Erwirtschaftete als Ergebnis seiner Tätigkeit, während Umweltzerstörung, Erschöpfung oder gesellschaftliche Verletzungen als Nebenfolgen behandelt werden.
Sanskrit und indische Denktraditionen: Karman, Kriyā, Ceṣṭā und Pravṛtti
Das Sanskrit besitzt eine besonders differenzierte Tätigkeitsgrammatik.
Karman bezeichnet Handlung, Arbeit, Tat, Aufgabe, Funktion, religiösen Vollzug, Produkt und Ergebnis. Zugleich bezeichnet es die Konsequenz einer Handlung und in philosophischen Zusammenhängen die fortwirkende Bindung durch frühere Taten. In der Grammatik ist karman außerdem das Objekt, auf das sich eine Handlung richtet; in der Vaiśeṣika-Philosophie kann es Bewegung als eigene Kategorie bezeichnen. (sanskritdictionary.com)
Damit verbindet karman gerade das, was in der modernen westlichen Tätigkeitsgrammatik häufig getrennt wird:
Tat und Folge.
Die Tätigkeit endet nicht, wenn der Handelnde seine unmittelbare Absicht erfüllt hat. Sie setzt sich in ihren Wirkungen fort. Das Ergebnis kehrt als Bedingung weiteren Handelns zum Handelnden und zu seiner Umwelt zurück.
Kriyā bezeichnet Machen, Tun, Ausführung, Handlung, Arbeit, Geschäft, Transaktion, Ritual und teilweise sogar rechtlichen Beweis. In der Grammatik bezeichnet kriyā die allgemeine Handlungsidee, die durch ein Verb ausgedrückt wird. (sanskritdictionary.com)
Ceṣṭā verbindet Tätigkeit mit Bewegung, körperlicher Geste, Bemühung, Anstrengung, Verhalten und Lebensäußerung. Tätigsein ist hier nicht zuerst ein abstrakter Beruf, sondern ein Zeichen des Lebendigseins: sich bewegen, sich bemühen, reagieren und handeln. (sanskritdictionary.com)
Pravṛtti bezeichnet das Hervortreten, In-Gang-Kommen, Tätigwerden, die Hinwendung zu einer Handlung und den aktiven Lebensvollzug. Eine traditionelle Definition verbindet den Handlungswunsch, die Kenntnis der Mittel und die Verwirklichung des angestrebten Gegenstandes. (sanskritdictionary.com)
Diese indischen Differenzierungen kommen Ihrem Forschungskunstbegriff besonders nahe. Tätigkeit ist nicht nur eine isolierte Tat. Sie umfasst das In-Gang-Kommen, die körperliche Bewegung, den Vollzug, das bearbeitete Gegenüber, das Ergebnis und die fortwirkende Konsequenz.
Der gemeinsame sprachgeschichtliche Befund
Die verschiedenen Sprachtraditionen sind nicht einfach Übersetzungen voneinander. Sie entstanden in unterschiedlichen historischen, religiösen, gesellschaftlichen und philosophischen Zusammenhängen. Dennoch zeigt sich eine wiederkehrende Struktur.
Zunächst liegt ein Geschehen, eine Bewegung oder ein Vollzug vor. Dieses Geschehen wird benannt und einem Träger zugerechnet. Aus dem Vollzug wird eine Tat. Aus der Tat wird ein Werk. Aus dem Werk wird ein Produkt. Aus dem Produkt wird Besitz, Lohn, Gewinn oder Eigentum. Schließlich wird die gesellschaftliche Tätigkeit als Eigenschaft des Handelnden behandelt:
Er ist Arbeiter.
Er ist Unternehmer.
Er ist Eigentümer.
Er ist Künstler.
Er ist erfolgreich.
Die Tätigkeit wird zur Identität. Die Rolle wird zum Ich. Das Ergebnis wird zum Besitz. Die Zuschreibung erscheint als Eigenschaft der Person.
Gleichzeitig werden die tatsächlichen Wirkungen von der gesellschaftlich anerkannten Tätigkeit abgetrennt. Der Mensch gilt als erfolgreicher Unternehmer, weil er Gewinn erzeugt hat. Ob seine Tätigkeit Böden, Organismen oder Lebensbedingungen zerstört, erscheint nicht als wesentliche Eigenschaft seines Erfolges.
Descartes: Denken als Tätigkeit, Eigenschaft und Substanz
Auch Descartes’ „Ich denke, also bin ich“ folgt dieser Verfestigungsbewegung.
Zunächst tritt ein Denk- oder Zweifelsvorgang in Erscheinung. Dieser Vorgang wird einem Ich zugerechnet: Ich denke. Anschließend wird Denken als Eigenschaft dieses Ichs behandelt. Das Ich wird schließlich als denkendes Ding und als denkende Substanz bestimmt.
Aus einer Tätigkeit entsteht damit ein Träger. Aus dem Träger entsteht eine Substanz. Aus der Substanz entsteht die Vorstellung eines selbständigen Ichs, dem das Denken gehört.
Der präzisere Ausgangspunkt wäre:
Ein Denkgeschehen findet statt.
Dieses Geschehen ist jedoch keine vom Körper und der Welt getrennte Tätigkeit. Es setzt Gehirntätigkeit, Stoffwechsel, Wahrnehmung, Sprache, Erinnerung, Umwelt und gesellschaftlich erlernte Begriffe voraus. Denken ist keine besitzbare Eigenschaft eines unabhängigen Ichs, sondern eine hochkomplexe organismische Tätigkeit innerhalb einer planetaren und gesellschaftlichen Bedingungswelt.
Das Ich ist dann nicht Eigentümer des Denkens. Es ist eine durch Denken, Körper, Erfahrung und Darstellung hervorgebrachte Bezugsfigur.
Eigenschaften sind stillgestellte Tätigkeiten
Damit lässt sich der bisherige Eigenschaftsbegriff weiter korrigieren. Viele sogenannte Eigenschaften sind sprachlich stillgestellte Tätigkeiten und Wirkungszusammenhänge.
Festigkeit ist das Widerstehen eines Materials unter bestimmten Belastungen.
Leitfähigkeit ist das Weiterleiten innerhalb bestimmter materieller Bedingungen.
Anpassungsfähigkeit ist das organismische Reagieren und Verändern innerhalb eines Milieus.
Autorität ist das gesellschaftlich anerkannte und durchgesetzte Wirken einer Rolle.
Eigentum ist das fortgesetzte Registrieren, Anerkennen, Ausschließen, Schützen und Durchsetzen eines Verfügungsanspruchs.
Wert ist das fortgesetzte Vergleichen, Bewerten, Begehren, Tauschen und Bestätigen.
Das bedeutet nicht, dass alle diese Vorgänge gleichartig sind. Physikalische Wirkungsweisen werden von materiellen Widerständen korrigiert. Organismische Tätigkeiten werden durch Funktionieren, Verletzung und Regeneration geprüft. Gesellschaftliche Geltungen werden durch gemeinsames Handeln und Macht aufrechterhalten.
Der Begriff Eigenschaft verdeckt diese Unterschiede. Der Begriff Tätigkeit führt sie wieder in ihre unterschiedlichen Entstehungs-, Wirkungs- und Prüfzusammenhänge zurück.
Geltung ist Tätigkeit, keine Eigenschaft
Auch eine Geltung existiert nicht als ruhende Eigenschaft. Sie muss fortlaufend tätig hergestellt werden.
Eigentum besteht nur, solange Menschen es eintragen, anerkennen, kontrollieren, schützen und durchsetzen.
Geld besitzt nur Geltung, solange Menschen es annehmen, verrechnen, weitergeben und durch Institutionen absichern.
Eine Rolle besteht nur, solange sie dargestellt, anerkannt und beantwortet wird.
Ein Staat besteht nur durch fortlaufende Verwaltungs-, Rechts-, Gewalt- und Anerkennungstätigkeiten.
Der geeignetere Begriff wäre deshalb nicht allein Geltungseigenschaft, sondern:
Geltungstätigkeit
Eine Geltungstätigkeit ist ein fortlaufender gesellschaftlicher Vollzug, durch den etwas als etwas behandelt wird. Sie kann reale physikalische Folgen erzeugen, ohne selbst eine physikalische Eigenschaft des bezeichneten Gegenstandes zu sein.
Die Verwechslung entsteht, wenn der Vollzug unsichtbar wird und sein Ergebnis wie eine vorhandene Eigenschaft erscheint. Dies könnte als Tätigkeitsverdeckung oder Vollzugsvergessenheit bezeichnet werden.
50:50 und 51:49 als Tätigkeitsverhältnisse
Auch das Verhältnis von 50:50 und 51:49 lässt sich über Tätigkeit präzisieren.
50:50 bezeichnet in Ihrem Modell eine spiegelbildliche Vorstellung von Gleichheit und Vollkommenheit. Beide Seiten erscheinen abgeschlossen und gleichgewichtig. Ihre Tätigkeitsgeschichte, Richtung und Zeitlichkeit werden ausgeblendet.
51:49 bezeichnet dagegen die minimale Differenz, durch die Tätigkeit überhaupt in Erscheinung tritt. Ein Unterschied erzeugt Spannung, Richtung, Austausch und Rückkopplung. Das Verhältnis bleibt nicht starr, sondern muss fortlaufend nachgeregelt werden.
51:49 ist deshalb keine ruhende Eigenschaft eines Gegenstandes. Es ist eine operative Tätigkeitsrelation. Seine Tragfähigkeit liegt nicht in einem ein für alle Mal erreichten Zustand, sondern in der Fähigkeit, Abweichungen wahrzunehmen und auf sie zu antworten.
Die Tiere und Pflanzen leben nicht aufgrund des Besitzes fertiger Anpassungseigenschaften. Sie erhalten ihre Passung durch fortlaufende organismische Tätigkeiten: Wahrnehmen, Stoffwechseln, Wachsen, Reagieren, Regenerieren, Tarnen, Fliehen, Jagen und Kooperieren.
Auch beim Menschen müsste Kompatibilität als Tätigkeit verstanden werden. Er besitzt sie nicht. Er muss sie in jedem Werk und jeder gesellschaftlichen Ordnung erneut herstellen und überprüfen.
Das Kunstwerk als Tätigkeitswirklichkeit
Damit kann der Kunstbegriff abschließend neu bestimmt werden.
Der Mensch wird nicht erst durch einen fertigen Kunstgegenstand zum Künstler. Er wird zum Künstler, indem er eine Erscheinung wahrnimmt, sie benennt, eine Vorstellung entwickelt und diese Vorstellung durch Tätigkeit in eine wirksame Form überführt.
Das Kunstwerk ist die gesamte Tätigkeitswirklichkeit:
die Idee,
die Behauptung,
die Darstellung,
der körperliche Vollzug,
das verwendete Material,
der Widerstand,
das entstandene Ergebnis,
die unbeabsichtigte Wirkung,
die langfristige Konsequenz
und die mögliche Korrektur.
Auch die Katastrophenwelt gehört deshalb zum menschlichen Kunstwerk. Sie ist nicht bloß Nebenwirkung. Sie ist die sichtbar gewordene Tätigkeitskonsequenz eines Denkens, das seine Geltungsordnungen mit den Existenzbedingungen verwechselt hat.
Der neue kürzeste Nenner
Tätigkeit ist der Übergang, durch den menschliche Vorstellungen, Benennungen und Geltungen physikalisch, biologisch und gesellschaftlich wirksam werden. Der Mensch wird zum Künstler, weil er durch seine Tätigkeiten Wirklichkeit hervorbringt. Sein Kunstwerk umfasst nicht nur die beabsichtigte Tat und ihr Produkt, sondern die gesamte Konsequenzspur. Forschungskunst macht diese Tätigkeitswirklichkeit sichtbar und prüft, ob das menschliche Werk mit den Existenzbedingungen des Planeten Erde kompatibel bleibt.
Als eigenständige Anlage eignet sich hierfür der Titel „Tätigkeit, Werk und Konsequenz – die sprachgeschichtliche Grundlage der Forschungskunst“.
.....
Die Referenzpflicht der Begriffe: von der Erscheinung über die Geltung zur Tat
Der Mensch kann die Natur nicht verlassen und auch nicht unabhängig von ihren Bedingungen handeln. Er kann sich diese Unabhängigkeit lediglich vorstellen, sie wünschen, behaupten und darstellen. Gerade daraus entsteht ein existenzielles Täuschungs- und Tarnungspotenzial: Der Mensch kann eine gesellschaftliche, sprachliche und technische Wirklichkeit hervorbringen, die den Eindruck erweckt, seine physikalischen, biologischen und planetaren Abhängigkeiten seien überwunden oder nachrangig geworden.
Diese Täuschung muss nicht als bewusste Lüge beginnen. Sie entsteht bereits dort, wo Begriffe ohne Kenntlichmachung ihres Referenzsystems verwendet werden. Eine rechtliche Geltung, eine wirtschaftliche Bewertung, eine gesellschaftliche Rolle, eine persönliche Vorstellung und eine physikalische Wirkungsweise werden gleichermaßen als „Eigenschaften“ bezeichnet. Dadurch erscheint, als handele es sich um gleichartige Bestimmungen desselben Gegenstandes.
Ein Boden besitzt eine stoffliche Zusammensetzung, eine Feuchtigkeit, eine Tragfähigkeit und eine bestimmte organismische Bedeutung. Dass er Eigentum ist, einen Marktwert besitzt oder als Bauland gilt, gehört dagegen nicht zu seiner physikalischen Beschaffenheit. Es sind gesellschaftlich erzeugte Geltungen. Sie können starke physikalische Folgen auslösen, befinden sich aber nicht als Eigenschaften im Boden.
Die existenzielle Gefahr entsteht, wenn diese Ebenen nicht mehr unterschieden werden. Dann erscheint das Eigentumsrecht wie eine Eigenschaft der Erde, der Preis wie eine Eigenschaft des Gegenstandes, die gesellschaftliche Rolle wie eine Eigenschaft des Menschen und die technische Verfügbarkeit wie eine Eigenschaft der Natur. Das menschlich hervorgebrachte Als-ob tarnt sich als vorgefundene Wirklichkeit.
Deshalb müssen Begriffe an ein Referenzsystem gebunden werden. Sie dürfen nicht uneingeschränkt als Wirklichkeitsaussagen auftreten, sondern müssen erkennen lassen, woher ihre Geltung stammt, wodurch sie aufrechterhalten wird und welche Rückmeldung sie korrigieren könnte.
Der Begriff „Eigenschaft“ müsste jeweils genauer bestimmt werden. Handelt es sich um eine physikalisch überprüfbare Wirkungsweise, eine organismische Funktion, eine wahrgenommene Erscheinung, eine persönliche Bewertung, eine gesellschaftliche Rolle, eine rechtliche Geltung oder eine metaphysische Behauptung? Ohne diese Bestimmung verschmilzt die gesamte begriffliche Geltungswelt zu einer scheinbar einheitlichen Wirklichkeit.
Dasselbe gilt für die Erscheinung. Etwas kann tatsächlich in Erscheinung treten, also innerhalb bestimmter Bedingungen wahrnehmbar und wirksam werden. Es kann aber auch lediglich so erscheinen, einen Eindruck hervorrufen oder als etwas dargestellt werden. Wird dieser Unterschied nicht kenntlich gemacht, verwandelt sich das Erscheinende unbemerkt in eine behauptete Eigenschaft.
Die hierfür notwendige methodische Grundlage könnte als Referenzgrammatik bezeichnet werden. Eine Referenzgrammatik fragt bei jeder Aussage: Worauf bezieht sich dieser Begriff? Auf welcher Ebene besitzt er Geltung? Ist er durch materiellen Widerstand, organismisches Funktionieren, gesellschaftliche Anerkennung oder nur durch eine Vorstellung begründet? Welche Tätigkeit folgt aus ihm, und wer trägt deren Konsequenzen?
Die Tat als Übergang in die Verletzungswelt
Die Tat ist der entscheidende Umschlagpunkt. In ihr verlässt eine Vorstellung nicht die Natur, sondern tritt innerhalb der Natur als physikalisch wirksame Tätigkeit hervor. Was zuvor gedacht, bezeichnet oder als Geltung festgelegt wurde, greift nun in Körper, Materialien, Beziehungen und Lebensräume ein.
Die Wortgeschichte der Tat führt zum Tun, Setzen, Stellen und Legen. Mit derselben indoeuropäischen Wurzel ist das griechische thésis verbunden: das Setzen, Aufstellen, aber auch die Behauptung und der aufgestellte Satz. Darin liegt eine für die Forschungskunst grundlegende Verbindung. Die These ist eine begriffliche Setzung. Die Tat setzt diese Setzung in eine wirkende Welt hinein.
Eine Behauptung kann zunächst in der Unverletzlichkeitswelt der Vorstellung verbleiben. Durch die Tat wird sie verletzend und verletzbar. Sie trifft auf Widerstand, verändert Bedingungen und erzeugt Folgen, die sich nicht mehr vollständig durch ihre ursprüngliche Absicht kontrollieren lassen.
Der Zusammenhang lautet deshalb:
Erscheinung – Benennung – Eigenschaftszuschreibung – Geltung – Vorstellung – Behauptung – Tat – Wirkung – Tätigkeitskonsequenz – Rückkopplung.
Die Tat ist nicht nur der sichtbare Einzelakt. Zu ihr gehören ihre Voraussetzungen, ihr zeitlicher Verlauf und ihre Konsequenzspur. Eine Kaufentscheidung, eine gesetzliche Regelung, ein Eigentumsanspruch oder eine technische Erfindung können deshalb ebenso Taten sein wie ein unmittelbarer körperlicher Eingriff. Sie setzen weitere Tätigkeiten in Gang und verändern die Bedingungen anderer Menschen und Lebensformen.
Von der Tat zur Tatsache
Besonders aufschlussreich ist der Begriff „Tatsache“. Er bezeichnet heute einen feststehenden und scheinbar vorgefundenen Sachverhalt. Sprachlich verbindet er jedoch Tat und Sache. Etwas wurde getan, hergestellt, festgestellt oder durchgesetzt und erscheint anschließend als vorhandene Sache.
So können menschliche Hervorbringungen ihren Entstehungsprozess verbergen. Eigentumsordnungen, Marktpreise, Staatsgrenzen, Rollen und technische Systeme erscheinen als Tatsachen, obwohl sie nur durch fortgesetzte Tätigkeiten bestehen. Menschen müssen sie eintragen, anerkennen, darstellen, verwalten, schützen und durchsetzen.
Die Tat wird in der Tatsache stillgestellt. Ihr Täter, ihre Entstehung, ihre Bewegungsrichtung und ihre Konsequenzen verschwinden. Das hergestellte Ergebnis erscheint wie etwas, das bereits vor der menschlichen Tätigkeit vorhanden gewesen sei.
Dieser Umschlag ist ein zentraler Tarnungsmechanismus der Geltungswelt. Was zunächst als Behauptung gesetzt und durch Tätigkeiten stabilisiert wurde, wird später als Tatsache behandelt. Die gesellschaftliche Erfindung erscheint nun als Wirklichkeitsbeweis für sich selbst.
Auch die Wendung „in der Tat“ ist hierfür bezeichnend. Die Tat wird zum sprachlichen Beweis der Wahrheit. Weil etwas getan worden ist oder eine Wirkung erzeugt hat, scheint die vorausliegende Vorstellung bestätigt. Doch eine Tat kann auch auf einer falschen Vorstellung beruhen und dennoch reale Wirkungen hervorbringen. Wirksamkeit beweist noch keine Wahrheit und wirtschaftlicher Erfolg noch keine Vereinbarkeit mit den Existenzbedingungen.
Das existenzielle Tarnungspotenzial
Das größte Täuschungs- und Tarnungspotenzial der Menschheitsgeschichte liegt deshalb nicht allein in einzelnen Lügen. Es liegt in einer gesamten begrifflichen und gesellschaftlichen Ordnung, die ihre eigenen Erfindungen nicht mehr als Erfindungen erkennt.
Der Mensch stellt sich als unabhängig dar, obwohl er abhängig bleibt. Er erklärt Natur zur Ressource, obwohl sie seine Existenzbedingung ist. Er erklärt Boden zum Eigentum, Lebewesen zur Ware und Verwertung zum Erfolg. Die Geltungswelt tarnt die Abhängigkeit, während ihre Tätigkeiten die reale Verletzungswelt verändern.
Je überzeugender diese Darstellung funktioniert, desto größer wird die Gefahr. Der Markt kann wirtschaftlichen Erfolg bescheinigen, das Recht eine Tätigkeit erlauben und eine Institution wissenschaftliche oder politische Geltung verleihen. Keine dieser Bestätigungen kann jedoch physikalische Grenzen, organismische Verletzbarkeit oder planetare Rückkopplungen außer Kraft setzen.
Die existenzielle Selbsttäuschung besteht somit darin, dass der Mensch seine gesellschaftliche Geltungsfähigkeit mit tatsächlicher Verfügungsmacht über die Existenzbedingungen verwechselt.
Die Referenzpflicht als künstlerischer Prüfmechanismus
Die Referenzpflicht verlangt nicht, gesellschaftliche Begriffe, Rollen oder Geltungen abzuschaffen. Ohne Begriffe und Vereinbarungen wäre menschliche Zusammenarbeit nicht möglich. Sie verlangt jedoch, jede Geltung an ihren Entstehungsort und ihren begrenzten Geltungsbereich zurückzubinden.
Ein Eigentumstitel darf als rechtliche Vereinbarung gelten, aber nicht als Beweis einer physikalischen Eigenschaft des Bodens. Ein Preis darf als momentanes Ergebnis eines Marktvorgangs gelten, aber nicht als Maß für die organismische oder planetare Bedeutung eines Gegenstandes. Eine Rolle darf als gesellschaftliche Funktion gelten, aber nicht als vollständiges Wesen eines Menschen.
Die Aufgabe der Forschungskunst besteht darin, diese Referenzen öffentlich sichtbar zu machen. Sie führt die Begriffe auf die Tätigkeiten zurück, durch die sie hergestellt werden, und die Tätigkeiten auf die Konsequenzen, die sie in der Verletzungswelt erzeugen.
Kunst wird damit zur öffentlichen Referenzprüfung. Sie stellt bei jeder Behauptung das verschwundene Als wieder her:
Dieser Boden gilt innerhalb einer Rechtsordnung als Eigentum.
Dieser Gegenstand wird innerhalb eines Marktes als Ware bewertet.
Dieser Mensch tritt innerhalb einer gesellschaftlichen Ordnung als Experte auf.
Diese Vorstellung erscheint dem Menschen als Freiheit.
Erst wenn das Als sichtbar bleibt, kann zwischen vorgefundenen Wirkungsbedingungen und menschlichen Hervorbringungen unterschieden werden.
Der Kern
Der Mensch kann die Natur nicht verlassen. Er kann jedoch eine Geltungswelt hervorbringen, in der seine Abhängigkeit von ihr verdeckt wird. Sobald er diese hervorgebrachte Welt mit den physikalischen und biologischen Existenzbedingungen verwechselt, entsteht ein existenzielles Gefährdungs-, Täuschungs- und Tarnungspotenzial.
Die Tat überführt diese Verwechslung in die Verletzungswelt. Aus der Benennung wird eine Handlung, aus der Handlung ein Werk und aus dem Werk eine Konsequenz. Wird der Entstehungsprozess vergessen, erscheint das Hervorgebrachte schließlich als Tatsache.
Der kürzeste Satz lautet deshalb:
Jeder Begriff benötigt eine ausgewiesene Referenz, weil aus einer unbezeichneten Geltungsbehauptung eine Tat und aus der Tat eine existenzgefährdende Wirklichkeit werden kann. Forschungskunst macht diese Übergänge sichtbar und führt Begriffe, Tätigkeiten und Tatsachen auf ihre wirklichen Bedingungen und Konsequenzen zurück.
..
Kontextanker v13.0
Erscheinung, Eigenschaft, Tätigkeit, Referenzpflicht und menschliches Kunstwerk
Dieser Kontextanker ersetzt und erweitert den bisherigen Kontextanker v12.10. Er führt die bisherigen Werkbegriffe der Forschungskunst, der verletzbaren Tragwirklichkeit, der Skulptur- und Plastikidentität, der 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde, des Vier-Ebenen-Modells und des Verhältnisses 50:50 zu 51:49 mit der neu herausgearbeiteten Begriffsfolge von Erscheinung, Eigenschaft, Geltung, Tätigkeit, Tat, Tatsache und Konsequenz zusammen.
Ausgangsfrage
Seit 1975 untersucht Wolfgang Fenner in seiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seiner Wahrnehmungsfähigkeit, seines Wissens, seiner technischen Leistungsfähigkeit und seiner Fähigkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.
Die Ursache liegt nicht nur in einzelnen falschen Entscheidungen, politischen Systemen oder wirtschaftlichen Interessen. Sie liegt tiefer im menschlichen Existenzverständnis und in der begrifflichen Arbeitsweise, mit der der Mensch Erscheinungen benennt, Eigenschaften zuschreibt, Vorstellungen bildet und diese anschließend durch seine Tätigkeiten in eine physikalisch, biologisch und gesellschaftlich wirksame Wirklichkeit überführt.
Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde
Die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte werden proportional auf einen Tag übertragen. Homo sapiens erscheint in diesem Maßstab erst ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Die technisch-industrielle Welt der letzten hundert Jahre umfasst nur knapp zwei Millisekunden.
Die vorausliegenden 23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden stehen für eine planetare Entwicklung, in der sich Leben durch unmittelbare Rückkopplung mit seinen Existenzbedingungen herausgebildet hat. Pflanzen und Tiere besitzen ihre Kompatibilität mit diesen Bedingungen nicht als unveränderliche Eigenschaft. Sie stellen sie fortwährend durch Stoffwechsel, Wahrnehmung, Bewegung, Anpassung, Tarnung, Schutz, Kooperation und Regeneration her.
Der Millisekunden-Mensch bleibt vollständig in dieselben physikalischen, biologischen und planetaren Wirkungszusammenhänge eingebunden. Er kann die Natur nicht verlassen und auch nicht unabhängig von ihren Bedingungen handeln. Er kann diese Unabhängigkeit lediglich glauben, wünschen, behaupten und darstellen.
Gerade daraus entsteht das größte existenzielle Gefährdungs-, Tarnungs- und Täuschungspotenzial der Menschheitsgeschichte.
Der Mensch lebt nicht außerhalb der Natur
Der Mensch lebt nicht einerseits in der Natur und andererseits außerhalb von ihr. Sein Organismus, sein Gehirn, sein Denken, seine Sprache und seine technischen Tätigkeiten bleiben vollständig an die Bedingungen des Planeten Erde gebunden.
Er hat jedoch eine zusätzliche Geltungs- und Darstellungswelt hervorgebracht, in der er sich so behandeln kann, als sei er von diesen Bedingungen getrennt. Diese Welt besteht aus Begriffen, Rollen, Eigentumsordnungen, Preisen, Gesetzen, Selbstbildern, religiösen Vorstellungen, technischen Modellen und gesellschaftlichen Anerkennungen.
Das Problem liegt nicht darin, dass der Mensch solche Ordnungen erfindet. Sie ermöglichen Zusammenarbeit und Orientierung. Das Problem beginnt dort, wo er seine eigenen Hervorbringungen nicht mehr als Hervorbringungen erkennt und sie wie vorgefundene Eigenschaften der Wirklichkeit behandelt.
Erscheinung vor Eigenschaft
Der Ausgangspunkt ist nicht die Eigenschaft, sondern die Erscheinung.
Etwas tritt unter bestimmten Bedingungen hervor, wird wahrnehmbar, wirkt, verändert sich und ruft eine Antwort hervor. Erscheinung ist ein zeitlicher, relationaler und beweglicher Vorgang. Sie bezeichnet sowohl das tatsächliche Hervortreten als auch die Möglichkeit, dass etwas lediglich so erscheint oder einen Eindruck erzeugt, als ob es so wäre.
Der Begriff Eigenschaft verdichtet diesen beweglichen Vorgang zu einer scheinbar festen Bestimmung.
Aus der Aussage:
„Unter diesen Bedingungen verhält sich etwas auf diese Weise“
wird:
„Der Gegenstand hat diese Eigenschaft.“
Schließlich wird daraus:
„Der Gegenstand ist so.“
Damit verschwinden die Bedingungen, die Zeit, die Bewegung, das Messverfahren und die Veränderungsmöglichkeit. Eine Wirkungsweise wird wie ein Besitz des Gegenstandes behandelt.
Eigenschaft als sprachliche Verschmelzung
Der Begriff Eigenschaft vermischt unterschiedliche Referenzsysteme.
Eine physikalische sogenannte Eigenschaft ist eine bedingungsgebundene Erscheinungs- und Wirkungsweise. Ein Material widersteht einer bestimmten Belastung, leitet Energie oder verändert seinen Zustand.
Eine organismische sogenannte Eigenschaft bezeichnet eine Lebens- und Regulationstätigkeit. Ein Organismus passt sich an, regeneriert, reagiert, erkrankt oder stirbt.
Eine sprachliche Eigenschaft ist zunächst ein Prädikat. Von einem Menschen oder Gegenstand wird behauptet, er sei stark, frei, wertvoll, gefährlich oder schön.
Eine gesellschaftliche Eigenschaft ist eine Geltungszuschreibung. Ein Mensch gilt als Eigentümer, Experte, Künstler, Arbeitnehmer oder Amtsträger.
Eine metaphysische Eigenschaft ist eine Trägerbehauptung. Begriffe wie Geist, Substanz oder unabhängiges Ich sollen einen unsichtbaren Träger für Denken, Wahrnehmung oder Existenz bereitstellen.
Wer alle diese Bestimmungen gleichermaßen „Eigenschaften“ nennt, verliert ihre unterschiedlichen Entstehungsweisen, Geltungsbedingungen und Prüfmaßstäbe.
Das verschwundene Als
Der Mensch erzeugt sein gesellschaftliches Kunstwerk, indem er etwas als etwas bezeichnet.
Ein Stück Boden gilt als Eigentum. Ein Gegenstand gilt als Ware. Ein Papier gilt als Geld. Ein Mensch tritt als Experte, Künstler, Eigentümer oder politischer Vertreter auf.
Diese Bestimmungen befinden sich nicht als physikalische Eigenschaften in den bezeichneten Körpern oder Materialien. Sie werden durch Sprache, Dokumente, Institutionen, Anerkennung, Macht und fortgesetzte Tätigkeiten hergestellt.
Der gefährliche Umschlag geschieht, wenn das „als“ verschwindet.
Aus „dieser Boden gilt innerhalb einer Rechtsordnung als Eigentum“ wird „dieser Boden ist Eigentum“.
Aus „dieser Mensch tritt in einer gesellschaftlichen Funktion als Experte auf“ wird „dieser Mensch besitzt die Eigenschaft überlegenen Wissens“.
Aus „dieses Papier gilt innerhalb eines Geldsystems als Zahlungsmittel“ wird „dieses Papier ist Geld“.
Das menschlich hervorgebrachte Als-ob erscheint nun als vorgefundene Wirklichkeit.
Referenzpflicht der Begriffe
Jeder Begriff benötigt deshalb eine ausgewiesene Referenz.
Es muss erkennbar bleiben, ob eine Aussage auf einer physikalischen Wirkungsweise, einer organismischen Lebensbedingung, einer Wahrnehmung, einer persönlichen Bewertung, einer gesellschaftlichen Geltung oder einer metaphysischen Annahme beruht.
Diese methodische Verpflichtung wird als Referenzpflicht oder Referenzgrammatik bezeichnet.
Die Referenzgrammatik fragt bei jeder Aussage: Worauf bezieht sich der Begriff? Auf welcher Ebene gilt er? Wodurch wird seine Geltung hergestellt? Welche nicht verhandelbare Rückmeldung könnte ihn korrigieren? Welche Tätigkeit folgt aus ihm? Wer trägt die Konsequenz, wenn die Aussage falsch oder unvollständig ist?
Eigentum darf als rechtliche Geltungsordnung bezeichnet werden, aber nicht als Eigenschaft des Bodens. Ein Preis darf als Ergebnis eines Marktvorgangs gelten, aber nicht als Maß für die planetare Bedeutung eines Lebensraumes. Eine gesellschaftliche Rolle darf als Funktion gelten, aber nicht als vollständiges Wesen eines Menschen.
Geltung ist Tätigkeit
Gesellschaftliche Geltung ist keine ruhende Eigenschaft. Sie muss fortwährend hergestellt werden.
Eigentum besteht nur, solange Menschen es eintragen, anerkennen, schützen und durchsetzen. Geld gilt nur, solange es angenommen, verrechnet und institutionell abgesichert wird. Eine Rolle besteht nur, solange sie dargestellt und von anderen beantwortet wird. Ein Staat besteht nur durch fortgesetzte Verwaltungs-, Rechts-, Anerkennungs- und Gewalttätigkeiten.
Der passendere Begriff ist daher Geltungstätigkeit.
Eine Geltungstätigkeit bezeichnet einen gesellschaftlichen Vollzug, durch den etwas als etwas behandelt wird. Sie besitzt keine physikalische Eigenschaft im bezeichneten Gegenstand, kann aber weitreichende physikalische, organismische und planetare Konsequenzen auslösen.
Tätigkeit als Übergang in die Verletzungswelt
Die Tätigkeit ist der entscheidende Übergang zwischen der inneren Vorstellungswelt und der äußeren Verletzungswelt.
Eine Vorstellung, Benennung oder Geltungsbehauptung bleibt nicht folgenlos, sobald Menschen ihr entsprechend tätig werden. Durch Tätigkeit greifen hineingedachte Eigenschaften, Rollen, Wünsche, Eigentumsordnungen und technische Modelle in Körper, Materialien und Lebensräume ein.
Der vollständige Zusammenhang lautet:
Erscheinung, Wahrnehmung, Benennung, Vorstellung, Prädikation, Geltung, Tätigkeit, Widerstand, Wirkung, Konsequenz, Rückkopplung und Korrektur.
Die Tätigkeit macht sichtbar, welches Werk aus einer Vorstellung tatsächlich entsteht.
Tat, These und Tatsache
Die Wortgeschichte der Tat führt zum Tun, Setzen, Stellen und Legen. Damit ist sie mit dem griechischen Begriff thesis verbunden: dem Setzen, Aufstellen und Behaupten eines Satzes.
Eine These ist eine begriffliche Setzung. Eine Tat setzt diese Setzung in die Wirklichkeit hinein.
Die Tat überführt eine Vorstellung in eine Konsequenzspur. Sie ist nicht nur der sichtbare Einzelakt. Zu ihr gehören ihre Voraussetzungen, ihr zeitlicher Verlauf, ihre Wirkung auf andere und ihre langfristigen Folgen.
Besonders problematisch ist der Begriff Tatsache. Er verbindet Tat und Sache. Etwas wurde getan, hergestellt, festgestellt oder durchgesetzt und erscheint anschließend als feststehende Wirklichkeit.
Die Tat wird in der Tatsache stillgestellt. Ihre Entstehung, ihr Täter, ihre Bewegungsrichtung und ihre Konsequenzen verschwinden. Eigentumsordnungen, Marktpreise, Staatsgrenzen, Rollen und technische Systeme erscheinen als Tatsachen, obwohl sie durch fortgesetzte menschliche Tätigkeiten hergestellt und aufrechterhalten werden.
Descartes und das erfundene Eigentümer-Ich
Der Satz „Ich denke, also bin ich“ zeigt beispielhaft, wie ein Vorgang grammatisch und metaphysisch verfestigt wird.
Zunächst tritt ein Denk- oder Zweifelsvorgang in Erscheinung. Daraus wird „Ich denke“. Das Ich wird zum Träger und scheinbaren Eigentümer des Denkens. Anschließend wird Denken zur Eigenschaft des Ichs, das Ich zum denkenden Ding und das denkende Ding zur Substanz.
Die Abfolge lautet:
Denken geschieht.
Ich denke.
Ich besitze die Eigenschaft des Denkens.
Ich bin ein denkendes Wesen.
Ich bin eine denkende Substanz.
Unmittelbar erscheint jedoch nur ein Denkgeschehen. Die unabhängige Substanz und das von Körper und Umwelt abgetrennte Ich werden hinzugedacht.
Denken setzt Gehirn- und Nerventätigkeit, Stoffwechsel, Wahrnehmung, Erinnerung, Sprache, Erfahrung und Umwelt voraus. Es ist keine isolierte Eigenschaft eines unabhängigen Ichs, sondern eine organismische Tätigkeit innerhalb eines planetaren und gesellschaftlichen Plexus.
Das Ich ist deshalb kein souveräner Eigentümer des Körpers und seiner Gedanken. Es ist eine hervorgebrachte Bezugs-, Darstellungs- und Geltungsfigur.
Pflanzen und Tiere – Mensch und Kunstwerk
Pflanzen und Tiere stellen ihre Kompatibilität mit den Existenzbedingungen durch fortlaufende Lebenstätigkeiten her. Sie können ihre Passung nicht nur behaupten oder gesellschaftlich darstellen.
Beim Menschen wird diese Kompatibilität zur künstlerischen Aufgabe. Weil er Erscheinungen deutet, Eigenschaften erfindet, Geltungen erzeugt und seine Vorstellungen durch Tätigkeiten verwirklicht, wird er zum Künstler.
Sein gesamtes Handeln wird zum Kunstwerk.
Dieses Kunstwerk umfasst nicht nur seine beabsichtigten Hervorbringungen. Zu ihm gehören die verwendeten Materialien, die Arbeitsbedingungen, die Eingriffe in Organismen und Landschaften, die ausgelagerten Schäden und die langfristigen Tätigkeitskonsequenzen.
Auch Umweltzerstörung, Artensterben, vergiftete Böden, technische Ruinen und klimatische Veränderungen gehören zum menschlichen Kunstwerk. Sie werden dadurch nicht ästhetisch aufgewertet. Der Kunstbegriff stellt die verdrängte Urheberschaft wieder her.
Der Mensch kann nicht nur den Gewinn, die Erfindung oder das sichtbare Produkt als sein Werk anerkennen und die Schäden als Nebenwirkungen abspalten.
Kunst als Offenlegung des Als-ob
Bildnerische Kunst überführt eine Vorstellung in Material, Form, Raum, Gewicht, Zeit und Widerstand. Das entstehende Werk wird zum Gegenüber, das die ursprüngliche Vorstellung korrigieren kann.
Darstellende Kunst macht sichtbar, wie Menschen Rollen, Identitäten, Autorität, Wissen, Eigentum und Unabhängigkeit darstellen. Im Theater bleibt erkennbar, dass ein Mensch als etwas erscheint. Das gesellschaftliche Leben lässt dieses Als häufig verschwinden.
Forschungskunst verbindet beide Verfahren. Sie macht die menschlichen Prädikationen, Geltungen und Tätigkeiten sichtbar und führt sie auf ihre materiellen, organismischen und planetaren Konsequenzen zurück.
Das eigentliche Kunstwerk ist der gesamte Prüfprozess zwischen der vorgestellten Welt und der verletzbaren Wirklichkeit.
Lernen, Markt und Verwertung
Lernen setzt ein Gegenüber, einen Vergleich, einen Maßstab und eine Rückmeldung voraus.
Pflanzen und Tiere lernen beziehungsweise passen sich innerhalb unmittelbarer Existenzrückkopplungen an. Der moderne Mensch trainiert dagegen besonders genau das Kaufen, Verkaufen, Bewerten, Vermarkten und Verwerten.
Der Markt wird zum dominierenden Lern- und Rückmeldesystem. Was sich verkauft, gilt als erfolgreich. Geld erscheint als Beweis des Gelingens.
Schließlich wird auch das eigene Ich zum Marktprodukt. Der Mensch trainiert seine Rolle, Selbstdarstellung, Belastbarkeit, Spezialisierung und Verwertbarkeit.
Der Markt prüft jedoch nur begrenzt, ob eine Tätigkeit ihre materiellen, organismischen und planetaren Voraussetzungen erhält. Deshalb kann wirtschaftlicher Erfolg mit existenzieller Zerstörung zusammenfallen.
Die entscheidende Frage lautet: Lernt der Mensch, seine Lebensbedingungen zu verstehen und zu erhalten, oder lernt er vor allem, wie sich aus ihnen Geld machen lässt?
50:50 und 51:49
50:50 bezeichnet im künstlerischen Modell eine spiegelbildliche, geschlossene und scheinbar vollkommene Ordnung. Sie kann Zeit, Bewegung, Entstehung und Veränderungsrichtung ausblenden.
Das Gleichgewicht erscheint als fertige Eigenschaft.
51:49 bezeichnet dagegen die minimale Differenz, durch die Richtung, Spannung, Bewegung, Rückkopplung und Korrektur in Erscheinung treten.
51:49 ist keine behauptete universelle Naturkonstante. Es ist ein künstlerischer und operativer Prüfmaßstab für die kleinste wahrnehmbare Asymmetrie, durch die ein vermeintlich stillstehendes Verhältnis wieder als zeitlicher Tätigkeitsprozess erkennbar wird.
50:50 steht für Gleichgewichtsblindheit.
51:49 steht für geregelte Differenz und bewegliche Passung.
Ein lebendiges Gleichgewicht wird nicht besessen. Es muss fortwährend tätig hergestellt und korrigiert werden.
Das Vier-Ebenen-Modell
Die erste Ebene umfasst physikalisch-materielle Erscheinungs- und Wirkungsbedingungen wie Raum, Zeit, Bewegung, Gewicht, Energie, Widerstand, Belastung und Grenze.
Die zweite Ebene umfasst Leben, Stoffwechsel, Regeneration, Milieu, Abhängigkeit und Verletzbarkeit. Organismen sind keine isolierten Gegenstände, sondern Knotenpunkte eines planetaren Plexusgewebes.
Die dritte Ebene umfasst Sprache, Begriffe, Rollen, Eigentum, Geld, Markt, Status, Recht und andere menschliche Geltungstätigkeiten.
Die vierte Ebene führt die Aussagen und Tätigkeiten der dritten Ebene auf ihre physikalischen, organismischen und planetaren Konsequenzen zurück. Sie ist die Ebene öffentlicher Prüfung, Rückkopplung, Korrektur, Reparatur und Verantwortungszuordnung.
Die zentrale Prüffrage lautet:
Welche nicht verhandelbare Rückmeldung aus der physikalischen oder organismischen Wirklichkeit würde diese Aussage korrigieren, und wer trägt die Konsequenz, wenn sie falsch ist?
Soheits-Atelier und Globale Schwarmintelligenz
Das Soheits-Atelier des globalen Dorfes ist der analoge, begehbare Werk- und Prüfzusammenhang. Die Besucher werden vom Betrachten zum eigenen Tätigwerden und von der Tätigkeit zur Wahrnehmung ihrer Konsequenzen geführt.
Malbücher, Roter-Punkt-Aktionen, Wasser-, Wellen- und Strömungsmodelle, Schultafeln, handwerkliche Passungsversuche, Rollentheater und Frage-und-Antwort-Tische machen die Übergänge zwischen Erscheinung, Benennung, Geltung, Tätigkeit und Konsequenz sichtbar.
Die Plattform Globale Schwarmintelligenz bildet die digitale Erweiterung. Sie verbindet Werkarchiv, interaktive Bücher, Besucherbeiträge und die Vier-Ebenen-Prüfarchitektur.
Künstliche Intelligenz wird nicht als Wahrheitsinstanz oder Eigentümerin von Wissen eingesetzt. Sie dient als Vergleichs-, Frage-, Widerspruchs- und Kontrollinstrument. Auch ihre Aussagen bleiben Behauptungen, deren Referenzsystem, Quellen und Konsequenzen geprüft werden müssen.
Pflichtkern v13.0
Der Mensch kann die Natur nicht verlassen, aber eine Geltungs- und Darstellungswelt hervorbringen, in der seine Abhängigkeit von ihr unsichtbar wird.
Er wird zum Künstler, indem er Erscheinungen benennt, Eigenschaften erfindet, Geltungen erzeugt und seine Vorstellungen durch Tätigkeiten in eine wirksame Welt überführt.
Sein Kunstwerk umfasst die gesamte Konsequenzspur und damit auch die Zerstörung seiner eigenen Existenzbedingungen.
Der Begriff Eigenschaft darf nicht länger ohne Referenz verwendet werden. Jede Bestimmung muss erkennen lassen, ob sie eine physikalische Wirkungsweise, eine organismische Funktion, eine Erscheinung, eine gesellschaftliche Geltung, eine Rolle oder eine metaphysische Behauptung bezeichnet.
Die Tat überführt die Geltungswelt in die Verletzungswelt. Die Tatsache kann anschließend den menschlichen Herstellungsprozess tarnen und das Hervorgebrachte wie etwas Vorgefundenes erscheinen lassen.
Forschungskunst hat die Aufgabe, das verschwundene Als wieder sichtbar zu machen, die verschmolzenen Referenzsysteme zu trennen und jede menschliche Hervorbringung mit ihren tatsächlichen Tätigkeitskonsequenzen zu konfrontieren.
Kernformel
Der Mensch wird zum Künstler, indem er Erscheinungen benennt, Eigenschaften und Geltungen hervorbringt und sie durch seine Tätigkeiten verwirklicht. Sein Kunstwerk wird zur existenziellen Gefahr, wenn er seine eigenen Erfindungen als vorgefundene Wirklichkeit behandelt. Forschungskunst stellt deshalb die Referenzpflicht der Begriffe wieder her und prüft das gesamte menschliche Werk an seinen physikalischen, organismischen und planetaren Konsequenzen.
....
Nicht referenzlos, sondern referenzverschoben
Der Mensch denkt und handelt niemals tatsächlich ohne Referenzsystem. Auch eine Fantasie, eine religiöse Vorstellung, ein Marktpreis oder eine gesellschaftliche Rolle bezieht sich auf etwas. Das eigentliche Problem besteht darin, dass die ursprünglichen körperlichen, materiellen und planetaren Referenzen durch selbst erzeugte symbolische Referenzsysteme ersetzt, überlagert oder unsichtbar gemacht werden.
Der Mensch orientiert sich dann nicht mehr zuerst an der Frage, ob eine Tätigkeit seinen Organismus, andere Lebewesen oder die planetaren Existenzbedingungen erhält. Er orientiert sich an Geld, Eigentum, Recht, Status, Rolle, Wachstum, technischer Machbarkeit, öffentlicher Anerkennung oder persönlicher Überzeugung. Diese Systeme verweisen zunehmend aufeinander und bestätigen sich gegenseitig.
Der Preis wird durch den Markt gerechtfertigt, der Markt durch Wachstum, das Wachstum durch Arbeitsplätze, die Arbeitsplätze durch Einkommen, das Einkommen durch Konsum und der Konsum erneut durch den Markt. Das System erscheint geschlossen und folgerichtig, obwohl seine physikalischen und organismischen Voraussetzungen außerhalb seines eigenen Prüfkreises liegen.
Es handelt sich daher nicht um Referenzlosigkeit, sondern um eine Referenzverschiebung von der Tragwirklichkeit zur Geltungswirklichkeit und schließlich um eine Selbstreferenzialisierung der Geltungswelt.
Der Körperorganismus arbeitet ausschließlich durch Referenzen
Der Körper kann sich eine solche Referenzlosigkeit nicht erlauben. Jede seiner Tätigkeiten beruht auf Unterschieden, Rückmeldungen und Vergleichswerten. Temperatur, Sauerstoffversorgung, Flüssigkeitshaushalt, Blutzucker, Muskelspannung, Gleichgewicht, Schmerz, Müdigkeit, Hunger, Wachheit und Schlaf werden fortlaufend auf Abweichungen hin beantwortet.
Auch Wahrnehmung beruht nicht auf isolierten Eigenschaften. Das Gehirn erkennt Unterschiede, Veränderungen, Wiederholungen, Bewegungsrichtungen und Beziehungen. Sehen benötigt Kontraste. Hören benötigt zeitliche und frequenzbezogene Unterschiede. Bewegung benötigt die fortwährende Rückmeldung darüber, wo sich der Körper befindet, wohin er sich bewegt und auf welchen Widerstand er trifft.
Der Organismus besitzt daher keine Freiheit von Referenzen. Seine Lebendigkeit besteht gerade in der fortgesetzten Bezugnahme. Er lebt nicht durch einen einmal erreichten Zustand, sondern durch ununterbrochene Regelung, Anpassung und Korrektur.
Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde stellt diesen Zusammenhang in den größtmöglichen zeitlichen Referenzrahmen. Der menschliche Organismus ist das vorläufige Ergebnis von Milliarden Jahren solcher Rückkopplungen. Seine Zellen, Sinnesorgane und Regulationsmechanismen tragen diese Vorgeschichte in sich. Der Mensch kann sie begrifflich übergehen, körperlich aber nicht verlassen.
Wie konnte die Referenzverschiebung entstehen?
Die Referenzverschiebung beginnt mit einer außergewöhnlichen menschlichen Fähigkeit: Der Mensch kann etwas vergegenwärtigen, das nicht unmittelbar anwesend ist. Er kann sich an Vergangenes erinnern, Zukünftiges vorstellen, Möglichkeiten entwerfen und Abwesendes durch Zeichen ersetzen.
Diese Fähigkeit ist zunächst ein Überlebensvorteil. Der Mensch kann eine Gefahr voraussehen, einen Weg planen, Vorräte anlegen, Werkzeuge entwerfen und Erfahrungen weitergeben. Er muss nicht jede Situation neu durch Versuch und Irrtum bewältigen.
Mit der Sprache entsteht jedoch eine zweite Möglichkeit. Das Zeichen kann sich vom bezeichneten Vorgang ablösen. Der Name bleibt bestehen, obwohl sich der Gegenstand verändert. Der Begriff kann verwendet werden, obwohl seine Voraussetzungen nicht mehr geprüft werden. Eine Vorstellung kann innerhalb der Sprache widerspruchsfrei erscheinen, obwohl sie außerhalb der Sprache nicht funktioniert.
Der Mensch entdeckt dadurch eine Unverletzlichkeitswelt. In der Vorstellung kann er Dinge verbinden, trennen, vergrößern, verkleinern, beschleunigen, wiederholen und als unbegrenzt denken. Das Material widerspricht nicht. Der Körper ermüdet nicht. Der Boden wird nicht unfruchtbar. Die Zeit scheint stillzustehen. Jede Grenze kann zunächst begrifflich überschritten werden.
Das Problem beginnt, wenn der Mensch den Unterschied zwischen diesem freien Vorstellungsraum und der verletzbaren Wirklichkeit nicht mehr bewusst mitführt.
Grammatik als Maschine der Referenzverdeckung
Die Sprache stabilisiert diesen Vorgang durch ihre Grammatik. Aus Tätigkeiten werden Substantive, aus Beziehungen werden Eigenschaften und aus zeitlichen Vorgängen werden scheinbar bestehende Dinge.
Aus „Menschen erkennen einander innerhalb einer Ordnung als Eigentümer an“ wird „Eigentum“.
Aus „ein Körper widersteht unter bestimmten Bedingungen einer Belastung“ wird „Festigkeit“.
Aus „Menschen bewerten einen Gegenstand innerhalb eines Marktes“ wird „Wert“.
Aus „ein Mensch tritt innerhalb einer gesellschaftlichen Situation in einer Rolle auf“ wird „Identität“.
Aus „Denken geschieht innerhalb eines Organismus“ wird „der Geist“.
Das Substantiv entfernt den Vorgang aus seiner Zeitlichkeit. Es verbirgt, wer tätig ist, wodurch etwas aufrechterhalten wird und unter welchen Bedingungen es gilt. Die Sprache erzeugt dadurch den Eindruck, die benannten Einheiten hätten bereits unabhängig von jeder Tätigkeit existiert.
Eigenschaft, Substanz, Wert, Eigentum, Geist und Identität erscheinen nun als vorhandene Bausteine der Wirklichkeit. Tatsächlich können sie sehr unterschiedliche Vorgänge, Beziehungen und Geltungstätigkeiten verdichten.
Von der hilfreichen Abstraktion zur verselbständigten Geltungswelt
Abstraktion ist zunächst unverzichtbar. Der Mensch muss einzelne Erfahrungen zusammenfassen, um lernen und handeln zu können. Er bezeichnet unterschiedliche Bäume als Bäume, obwohl kein Baum mit einem anderen identisch ist. Er erkennt wiederkehrende Verhaltensweisen und bildet daraus Begriffe.
Die Abstraktion wird gefährlich, wenn der Mensch sie nicht mehr als Reduktion erkennt. Jeder Begriff lässt einen Teil der Wirklichkeit weg. Er hebt etwas hervor und blendet anderes aus. Wird diese Auswahl vergessen, erscheint der Begriff als vollständige Wirklichkeit.
Institutionen verstärken diesen Vorgang. Eine Benennung wird in Dokumente eingetragen, gesetzlich festgelegt, gelehrt, geprüft, bezahlt und sanktioniert. Damit erhält sie Dauer, Autorität und Handlungsmacht.
Der Mensch erlebt die Ordnung dann bereits als vorgegeben. Das Kind findet Geld, Eigentum, Nationen, Berufe, Schulnoten, Geschlechterrollen und gesellschaftliche Hierarchien fertig vor. Es erlebt nicht mehr deren Erfindung. Es lernt nur noch, innerhalb dieser Ordnungen zu funktionieren.
Was von Menschen geschaffen wurde, erscheint dadurch wie Natur.
Der erfolgreiche Irrtum
Ein weiterer Grund für die Referenzverschiebung liegt im technischen Erfolg. Der Mensch entdeckt wiederholbare Wirkungszusammenhänge, baut Werkzeuge und Maschinen und erzielt damit beachtliche Ergebnisse. Aus der erfolgreichen Beherrschung einzelner Ausschnitte entsteht der Schluss, die gesamte Wirklichkeit sei prinzipiell beherrschbar.
Das Experiment bestätigt eine Erwartung innerhalb genau eingerichteter Bedingungen. Daraus kann jedoch die Vorstellung entstehen, das Modell habe die Wirklichkeit vollständig erfasst. Der erfolgreiche Eingriff wird mit einem umfassenden Verständnis verwechselt.
Technik kann funktionieren, obwohl sie ihre Existenzbedingungen zerstört. Ein Motor kann zuverlässig laufen und gleichzeitig Luft, Klima und Lebensräume belasten. Eine Produktionsanlage kann effizient sein, während ihre Rohstoffgrundlage schwindet. Die technische Rückmeldung „funktioniert“ kann daher der organismischen und planetaren Rückmeldung „zerstört seine Voraussetzungen“ widersprechen.
Wenn nur der technische Erfolg als Referenz gilt, wird der Irrtum durch seine eigene Wirksamkeit bestätigt.
Arbeitsteilung und die Unsichtbarkeit der Konsequenz
Mit wachsender Arbeitsteilung verliert der Einzelne den Zusammenhang zwischen seiner Tätigkeit und ihren Folgen. Er bearbeitet nur einen kleinen Abschnitt. Der eine entwirft, der andere finanziert, der nächste produziert, verkauft, transportiert, kauft oder entsorgt.
Jeder kann behaupten, nur für seinen Teil zuständig zu sein. Das vollständige Werk besitzt scheinbar keinen Urheber mehr.
Die Arbeitsteilung erzeugt dadurch eine Konsequenzblindheit. Der Mensch erlebt die unmittelbare Rückmeldung seiner Tätigkeit nicht mehr. Der Schaden tritt an einem anderen Ort, zu einem späteren Zeitpunkt oder bei anderen Menschen und Lebensformen auf.
Die Geltungswelt ersetzt diese fehlende Rückmeldung durch Zuständigkeit, Vertrag, Bezahlung und Rechtmäßigkeit. Wenn eine Tätigkeit erlaubt, bezahlt oder wirtschaftlich erfolgreich ist, erscheint sie als bestätigt.
Der Markt als umfassendes Referenztraining
Der Markt hat diese Referenzverschiebung globalisiert. Er trainiert Menschen darin, Gegenstände, Fähigkeiten, Lebenszeit, Aufmerksamkeit und schließlich sich selbst zu bewerten und zu verwerten.
Der Markt besitzt ein außerordentlich schnelles und deutliches Rückmeldesystem. Etwas verkauft sich oder verkauft sich nicht. Ein Preis steigt oder fällt. Eine Tätigkeit wird bezahlt oder nicht bezahlt. Ein Mensch erhält Aufmerksamkeit oder bleibt unsichtbar.
Diese Rückmeldungen sind leichter wahrnehmbar als langfristige organismische und planetare Konsequenzen. Der Preis erscheint sofort; der Bodenschaden möglicherweise erst Jahrzehnte später. Der Gewinn wird einer Person oder einem Unternehmen zugerechnet; die Umweltkosten werden räumlich und zeitlich verteilt.
So wird das Marktsystem zum dominierenden Referenzsystem, obwohl es nur einen begrenzten Ausschnitt der Wirklichkeit abbildet. Der Mensch lernt, was marktfähig, verwertbar, wettbewerbsfähig und skalierbar ist. Er lernt kaum, was regenerationsfähig, rückkopplungsfähig und langfristig kompatibel bleibt.
Das autonome Ich als falsches Referenzzentrum
Mit der Vorstellung eines unabhängigen Ichs erhält die Referenzverschiebung ein persönliches Zentrum. Das Ich erscheint als Eigentümer des Körpers, der Gedanken, der Fähigkeiten und der Lebenszeit.
Es sagt: mein Körper, mein Geist, meine Leistung, meine Entscheidung, mein Eigentum, meine Wahrheit.
Dabei übersieht es, dass jeder dieser Bereiche aus Beziehungen, Abhängigkeiten und vorausliegenden Bedingungen hervorgegangen ist. Sprache, Nahrung, Wissen, Erziehung, Arbeitsmöglichkeiten und körperliche Entwicklung wurden nicht vom isolierten Ich selbst hervorgebracht.
Das Ich wird dadurch zum selbstreferenziellen Mittelpunkt einer Welt, die es als verfügbar betrachtet. Was ihm nützt, erscheint wertvoll. Was seinen Plänen widerspricht, wird zum Hindernis. Was es besitzt, scheint ihm zu gehören, obwohl es materiell und planetarisch in gemeinsamen Kreisläufen verbleibt.
Diese Skulpturidentität versucht, das bewegliche, abhängige und verletzbare Leben in eine feste Form zu bringen. Sie immunisiert sich gegen Rückmeldungen, indem sie jede Korrektur als Angriff auf ihre Identität deutet.
Welche Eigenschaften werden in die Grenzenlosigkeit hineingedacht?
Die grenzenlose Geltungswelt beruht auf einer ganzen Gruppe hineingedachter Eigenschaften. Besonders grundlegend ist die Vorstellung der Unabhängigkeit. Der Mensch denkt sich selbst, sein Unternehmen, sein Eigentum oder seine Technik als eigenständig, obwohl alles von materiellen und organismischen Voraussetzungen abhängt.
Hinzu kommt die Verfügbarkeit. Was benannt, vermessen, gekauft oder technisch bearbeitet werden kann, erscheint vollständig verfügbar.
Eine weitere Zuschreibung ist die Beliebigkeit. Der Mensch glaubt, eine Ressource, einen Lebensraum, einen Organismus oder eine Beziehung jederzeit durch etwas anderes ersetzen zu können.
Daran schließt die Austauschbarkeit an. Unterschiedliche Dinge werden auf einen gemeinsamen Preis, eine Kennzahl oder eine Funktion reduziert. Ihre besondere Entstehung, Verletzbarkeit und Unersetzbarkeit verschwinden.
Die Skalierbarkeit unterstellt, dass ein lokal funktionierender Vorgang beliebig vergrößert und auf acht Milliarden Menschen übertragen werden könne, ohne seine Bedingungen grundsätzlich zu verändern.
Die Unendlichkeit wird in Wachstum, Fortschritt, Konsum, Daten, Geldvermehrung und technischer Entwicklung hineingedacht. Ein endlicher Planet wird mit unendlichen Zielvorstellungen bearbeitet.
Die Reversibilität lässt den Menschen glauben, Schäden könnten jederzeit repariert, kompensiert oder technisch rückgängig gemacht werden.
Die Beherrschbarkeit unterstellt, dass jede Unsicherheit durch zusätzliches Wissen, Berechnung und Technik beseitigt werden könne.
Die Externalisierbarkeit ermöglicht die Vorstellung, Folgen gehörten nicht zum eigenen Werk, wenn sie räumlich, zeitlich oder organisatorisch ausgelagert werden.
Die Beschleunigbarkeit macht Geschwindigkeit selbst zur positiven Eigenschaft. Schneller erscheint grundsätzlich besser, ohne dass Regenerations- und Anpassungszeiten berücksichtigt werden.
Die Perfektionierbarkeit erzeugt das 50:50-Ideal einer vollständig kontrollierten, symmetrischen und widerspruchsfreien Ordnung.
Schließlich kommt die Berechtigung hinzu: Weil der Mensch etwas erkennen, herstellen, kaufen oder rechtlich besitzen kann, glaubt er, er dürfe darüber auch verfügen.
Diese Eigenschaften werden nicht in der verletzbaren Wirklichkeit vorgefunden. Sie werden in Modelle, Dinge, Rollen und Tätigkeiten hineingedacht und anschließend durch die Geltungswelt bestätigt.
Von acht Milliarden Individuen zu einem planetaren Trainingssystem
Heute handelt es sich nicht mehr nur um einzelne Irrtümer. Rund acht Milliarden Menschen werden in unterschiedliche Varianten derselben begrifflichen Geltungswelt hineingeboren. Sie lernen, sich als abgegrenzte Individuen darzustellen, Leistungen zuzurechnen, Eigentum zu verteidigen, sich zu vergleichen und ihre Lebenszeit verwertbar zu machen.
Auch Widerstand gegen das System verwendet häufig dieselbe Grammatik. Menschen fordern ihren Anteil, ihre Identität, ihre Rechte, ihre Sichtbarkeit und ihre Anerkennung. Diese Forderungen können notwendig und berechtigt sein. Sie bleiben jedoch innerhalb der Vorstellung des isolierten Eigentümer-Ichs, wenn sie nicht zugleich auf die gemeinsamen Existenzbedingungen zurückbezogen werden.
Die Menschen identifizieren sich mit ihren Rollen und symbolisieren sich durch Besitz, Beruf, Nation, Religion, politische Haltung, Lebensstil und Konsum. Die Symbole werden zu Beweisen dafür, wer sie angeblich sind.
Dadurch wird die Geltungswelt nicht nur äußerlich befolgt. Sie wird verinnerlicht. Der Mensch überwacht und trainiert sich selbst. Er will erfolgreich, unabhängig, authentisch, leistungsfähig und unverwechselbar erscheinen.
Die stärkste Herrschaft ist deshalb nicht der äußere Befehl, sondern die Identifikation mit dem Referenzsystem, das diesen Befehl hervorbringt.
Die notwendige Umkehr: vom verborgenen zum ausgewiesenen Referenzsystem
Die Lösung kann nicht darin bestehen, ohne Begriffe, Symbole oder Vorstellungen zu leben. Auch die Forderung nach Referenzsystemen ist selbst eine begriffliche Hervorbringung. Entscheidend ist, dass jeder Begriff seine Herkunft, seinen Geltungsbereich und seine Korrekturmöglichkeit mitführt.
Statt zu sagen: „Dieser Boden ist Eigentum“, müsste es heißen: „Dieser Boden gilt innerhalb einer bestimmten Rechtsordnung als Eigentum, bleibt aber zugleich physikalischer Stoffzusammenhang, organismischer Lebensraum und Bestandteil planetarer Kreisläufe.“
Statt zu sagen: „Dieses Produkt hat einen Wert“, müsste kenntlich bleiben, ob Marktpreis, Gebrauchswert, organismische Bedeutung, Energieaufwand oder langfristige Tragfähigkeit gemeint ist.
Statt zu sagen: „Ich bin unabhängig“, müsste der Mensch prüfen, innerhalb welcher Beziehungen und Versorgungsstrukturen eine begrenzte Handlungsfreiheit möglich ist.
Die Referenzpflicht macht die Sprache zunächst umständlicher. Diese Umständlichkeit ist jedoch kein Mangel. Sie stellt jene Zusammenhänge wieder her, die durch die begriffliche Verkürzung verschwunden sind.
Freiheit innerhalb von Referenzen
Referenzgebundenheit bedeutet nicht Unfreiheit. Im Gegenteil: Erst ein verlässlicher Rahmen ermöglicht Spiel, Versuch, Neugier und Gestaltung.
Ein Kind kann spielen, weil ein tragfähiger Boden, ein geschützter Raum und bestimmte körperliche Fähigkeiten vorhanden sind. Ein Musiker kann improvisieren, weil Instrument, Rhythmus, Tonraum und Mitspieler Referenzen bereitstellen. Ein Künstler kann frei arbeiten, weil Material, Format und Widerstand ein Gegenüber bilden.
Grenzenlosigkeit erzeugt keine größere Freiheit. Ohne Widerstand, Unterschied und Konsequenz verliert die Tätigkeit ihre Richtung und Bedeutung. Eine vollständig grenzenlose Bewegung wäre weder wahrnehmbar noch unterscheidbar.
Freiheit ist deshalb nicht Abwesenheit von Referenz, sondern bewegliche Gestaltung innerhalb erkannter Abhängigkeiten.
Das Verhältnis 51:49 bezeichnet genau diesen Raum. Es hält eine minimale Differenz offen, durch die Bewegung, Abweichung, Neugier, Spiel und Korrektur möglich bleiben. 50:50 droht dagegen, das perfekte Gleichgewicht als fertige Form festzuschreiben. Das Spiel endet, weil nichts mehr abweichen darf.
Neue Gewohnheiten des Referenzdenkens
Die Referenzpflicht muss zu einer körperlich, sprachlich und gesellschaftlich eingeübten Gewohnheit werden. Es genügt nicht, sie theoretisch zu verstehen. Der Mensch muss ein Bedürfnis danach entwickeln, bei jeder Behauptung nach ihrem Bezugssystem zu fragen.
Er müsste nicht mehr nur wissen wollen, ob eine Aussage logisch, legal, profitabel oder gesellschaftlich anerkannt ist. Er müsste wissen wollen, in welchem materiellen und organismischen Zusammenhang sie steht, welche Zeiträume sie betrifft und welche Konsequenzen sie auslöst.
Das Denken würde dadurch wieder zu einer Ermittlungstätigkeit. Der Mensch wäre nicht länger nur Verteidiger seiner Überzeugung, sondern Ermittler ihrer Voraussetzungen.
Auch das Ich würde sich verändern. Es müsste sich nicht auflösen, sondern sich als Referenzknotenpunkt verstehen: als zeitweilige, verletzbare und handlungsfähige Verbindung von Organismus, Umwelt, Sprache, Beziehungen und planetaren Bedingungen.
Die Soheitsgesellschaft als Referenzgesellschaft
Die Soheitsgesellschaft wäre eine Gesellschaft, die ihre Begriffe, Rollen, Institutionen und Tätigkeiten nicht für selbstverständlich hält. Sie untersucht fortlaufend, worauf ihre Aussagen beruhen und welche Wirklichkeit sie hervorbringen.
Jeder Mensch wird darin zum Forschungskünstler, weil er nicht nur etwas darstellt oder behauptet, sondern seine eigene Prädikations- und Tätigkeitsweise zum Gegenstand der Prüfung macht.
Die Kunst hätte die Aufgabe, die verdeckten Referenzen sichtbar zu machen. Sie würde zeigen, wo eine Geltung hergestellt, eine Rolle gespielt, eine Eigenschaft zugeschrieben und eine Folge ausgelagert wird.
Das Soheits-Atelier wäre damit ein Trainingsraum für neue Referenzgewohnheiten. Der Besucher könnte erfahren, dass Referenz nicht Einschränkung, sondern Voraussetzung von Wahrnehmung, Lernen, Spiel, Freiheit und verantwortlicher Gestaltung ist.
Der neue Kern
Der Mensch hat das Denken ohne sichtbare Referenz nicht dadurch entwickelt, dass er tatsächlich referenzlos wurde. Er hat seine körperlichen und planetaren Referenzen durch sprachliche, institutionelle und selbstreferenzielle Geltungssysteme überlagert.
Diese Systeme wurden durch Erziehung, Arbeitsteilung, Markt, Technik, Recht und Identitätsbildung so stark verinnerlicht, dass ihre menschliche Herstellung kaum noch erkennbar ist. Die hineingedachten Eigenschaften der Unabhängigkeit, Verfügbarkeit, Austauschbarkeit, Skalierbarkeit, Unendlichkeit, Reversibilität und Beherrschbarkeit treiben die Tätigkeit über ihre realen Grenzen hinaus.
Die notwendige Veränderung besteht deshalb nicht in weniger Denken, weniger Fantasie oder weniger Freiheit. Sie besteht in einer neuen Gewohnheit:
Nur noch so zu denken, zu benennen, zu gestalten und zu handeln, dass das jeweilige Referenzsystem, seine Grenzen, seine Zeitlichkeit und seine Konsequenzen mitgeführt werden.
Der zentrale Satz lautet:
Der Mensch besitzt keine referenzlose Freiheit. Seine Freiheit entsteht innerhalb der erkannten physikalischen, organismischen, gesellschaftlichen und planetaren Referenzsysteme. Erst wenn er diese Abhängigkeiten nicht mehr als Einschränkung verleugnet, sondern als Grundlage des Spielens, Forschens und Gestaltens anerkennt, kann aus seiner grenzenlosen Als-ob-Welt eine tragfähige künstlerische Wirklichkeit werden.
.....
Der Ausgangspunkt muss tatsächlich noch tiefer liegen: nicht bei „Eigenschaft“ und nicht einmal bei „Erscheinung“, sondern bei der relationalen, körperlich vermittelten Hervorbringung von Orientierung.
Der Mensch als konstruiertes Orientierungswesen
Der Mensch lebt nicht unmittelbar in einer fertig vorliegenden Wirklichkeit. Er lebt in einer durch seinen Körperorganismus, seine Sinnesorgane, sein Nervensystem, seine Sprache und seine gesellschaftlichen Symbolordnungen hervorgebrachten Orientierungswelt.
Das bedeutet nicht, dass es außerhalb des Menschen keine Wirklichkeit gäbe. Es bedeutet, dass diese Wirklichkeit dem Menschen niemals vollständig, unvermittelt und voraussetzungslos zur Verfügung steht. Was er wahrnimmt, denkt, benennt und beschreibt, ist bereits das Ergebnis einer Auswahl, Verarbeitung, Unterscheidung und Übersetzung.
Der Mensch lebt deshalb immer zugleich in einer materiellen Wirkungswelt und in einer von ihm hervorgebrachten Konstrukt- und Symbolwelt. Er benötigt diese Konstruktionen zur Orientierung. Gefährlich werden sie, wenn er nicht mehr erkennt, dass es sich um Orientierungskonstruktionen handelt, sondern sie für die vollständige Wirklichkeit hält.
Umwelt als Welt um den Menschen
Der heutige Begriff Umwelt enthält bereits eine problematische räumliche Vorstellung. Die Umwelt erscheint als eine Welt, die den Menschen umgibt. Der Mensch steht scheinbar in der Mitte, während sich Natur, Dinge, Tiere, Pflanzen und Lebensräume um ihn herum befinden.
Damit wird eine Subjekt-Objekt-Ordnung erzeugt:
Hier befindet sich der Mensch als wahrnehmendes, denkendes und handelndes Subjekt.
Dort befindet sich die Umwelt als wahrgenommenes, untersuchtes und bearbeitetes Objekt.
Diese Trennung ist selbst ein Konstrukt. Sie entspricht nicht der tatsächlichen organismischen Existenzweise. Der Mensch befindet sich nicht in einer Umwelt wie ein Gegenstand in einem Behälter. Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, Mikroorganismen, Stoffe und Beziehungen durchdringen und bilden seinen Organismus fortlaufend mit.
Der Mensch ist nicht nur von einem Milieu umgeben. Er ist eine zeitweilige Verdichtung dieses Milieus.
Sein Körper besteht aus Stoffen, die aus seiner vermeintlichen Außenwelt stammen, durch ihn hindurchgehen, umgewandelt werden und ihn wieder verlassen. Sein Organismus ist kein abgeschlossenes Eigentum, sondern ein offener Stoffwechsel- und Beziehungsprozess.
Auch der Körperorganismus ist ein Konstrukt
Der Begriff „Körperorganismus“ ist ebenfalls eine notwendige begriffliche Konstruktion. Er bezeichnet etwas, das wir zu einer Einheit zusammenfassen, obwohl diese Einheit weder vollkommen abgeschlossen noch unveränderlich ist.
Es gibt eine Haut, Zellmembranen, Schleimhäute und andere Grenzbildungen. Diese Grenzen sind jedoch keine absoluten Trennwände. Sie sind aktive, selektive und fortlaufend regulierte Übergangszonen.
Eine Zellmembran trennt nicht einfach innen und außen. Sie stellt diese Unterscheidung durch ihre Tätigkeit immer wieder her. Sie lässt Stoffe passieren, hält andere zurück, erkennt Signale, verändert ihre Durchlässigkeit und reagiert auf das umgebende Milieu.
Auch die Haut ist nicht nur eine Außenwand. Sie atmet, empfindet, reguliert Temperatur, beherbergt Mikroorganismen und vermittelt Berührung. Die Grenze ist damit keine feste Linie, sondern eine Tätigkeit der Differenzierung.
Präziser wäre deshalb:
Es gibt keine absolute Innen-Außen-Grenze. Es gibt fortlaufend hergestellte, durchlässige und verletzbare Grenztätigkeiten.
Der Organismus besitzt seine Einheit nicht als feste Eigenschaft. Er stellt sie in jedem Augenblick durch Stoffwechsel, Regulation, Abgrenzung und Austausch erneut her.
Subjekt und Objekt als nachträgliche Konstruktionen
Auch Subjekt und Objekt sind keine ursprünglich getrennt vorhandenen Einheiten. Sie entstehen erst durch eine bestimmte Form der Unterscheidung.
Der Mensch erklärt sich zum Subjekt, das wahrnimmt und handelt. Das Wahrgenommene wird zum Objekt, das ihm gegenübersteht. Dadurch erscheint der Mensch als Ausgangspunkt der Wahrnehmung und der Gegenstand als ihr passives Ziel.
Tatsächlich entsteht Wahrnehmung jedoch in einer Beziehung. Licht, Materialoberfläche, Auge, Nervensystem, Bewegung, Erinnerung und Aufmerksamkeit wirken zusammen. Weder das wahrnehmende Subjekt noch das wahrgenommene Objekt bringen die Wahrnehmung allein hervor.
Dasselbe gilt für eine Handlung. Der Mensch handelt nicht auf ein vollständig passives Objekt ein. Material, Werkzeug, Raum, Körperzustand und Widerstand verändern den Handlungsverlauf. Der Handelnde und das bearbeitete Gegenüber bilden vorübergehend einen gemeinsamen Tätigkeitszusammenhang.
Das Subjekt ist deshalb nicht souveräner Ursprung der Tätigkeit. Es ist ein beteiligter Knotenpunkt innerhalb eines größeren Wirkungsprozesses.
Sinneswahrnehmungen sind keine Abbilder
Die Sinnesorgane liefern keine vollständigen Abbilder einer Außenwelt. Sie reagieren auf ausgewählte Unterschiede und Veränderungen, die für die organismische Orientierung bedeutsam sind.
Das Auge sieht nicht „die Wirklichkeit“. Es reagiert innerhalb begrenzter Wellenlängenbereiche auf Lichtunterschiede. Das Ohr nimmt nur bestimmte Frequenzen und Druckveränderungen wahr. Geruch, Geschmack, Berührung, Gleichgewicht und Körperempfindung erschließen jeweils andere Ausschnitte.
Aus diesen unterschiedlichen Signalen erzeugt der Organismus eine handlungsfähige Orientierungswelt.
Sinneswahrnehmungen sind daher nicht einfach Täuschungen. Der Begriff Täuschung setzt bereits voraus, dass ein richtiges vollständiges Bild existiert, von dem die Wahrnehmung abweicht. Präziser ist:
Sinneswahrnehmungen sind selektive, organismisch erzeugte Orientierungskonstruktionen.
Sie können irreführen, unvollständig sein oder durch Erwartungen überformt werden. Ihre Aufgabe besteht jedoch nicht darin, eine vollständige Wirklichkeit abzubilden. Sie ermöglichen dem Organismus, innerhalb begrenzter Bedingungen zu handeln, Gefahren zu erkennen und Beziehungen herzustellen.
Das Problem entsteht, wenn der Mensch seine begrenzte Orientierungsleistung in eine allgemeine Wirklichkeitserkenntnis umdeutet.
Erscheinung ist bereits eine menschliche Ordnung
Auch „Erscheinung“ ist deshalb kein neutraler Ausgangsbegriff. Zu sagen, etwas erscheine, setzt bereits voraus, dass etwas für jemanden, unter bestimmten Wahrnehmungsbedingungen und innerhalb eines bestimmten Unterscheidungsrahmens hervortritt.
Auf molekularer Ebene gibt es keine Erscheinung im menschlichen Sinne. Moleküle erscheinen einander nicht als rot, wertvoll, schön, bedrohlich oder fest. Es bestehen Wechselwirkungen, Bindungen, Bewegungen, Energieübertragungen und Zustandsveränderungen.
Die Erscheinung entsteht erst innerhalb eines wahrnehmenden und unterscheidenden Systems. Sie ist keine dem Gegenstand innewohnende Beschaffenheit, sondern das Ergebnis einer Beziehung zwischen Wirkungsprozess und Orientierungsorganismus.
Damit versagt der Begriff Erscheinung nicht vollständig. Er muss jedoch mit seiner Referenz versehen werden:
Etwas erscheint einem bestimmten Organismus unter bestimmten Bedingungen als etwas.
Ohne diese Ergänzung wird aus einer relationalen Hervorbringung erneut eine vermeintliche Eigenschaft des Gegenstandes.
Die Lücke des Nichtwissens
Zwischen den molekularen, neuronalen und organismischen Vorgängen einerseits und dem bewussten Gedanken, Satz oder Entschluss andererseits besteht eine grundlegende Lücke des Nichtwissens.
Der Mensch nimmt einen Gedanken wahr, aber er erlebt nicht vollständig, wie dieser Gedanke zustande kam. Er kennt nicht alle vorausliegenden Nervenvorgänge, Erinnerungsaktivierungen, Körperzustände, Sinnesreize, sprachlichen Gewohnheiten und unbewussten Gewichtungen.
Der Gedanke erscheint ihm häufig bereits als fertiger Gedanke.
Er sagt:
„Ich habe einen Gedanken.“
Damit entsteht erneut ein Eigentümerverhältnis. Das Ich erscheint als Urheber und Besitzer dessen, was in seinem Kopf aufgetreten ist. Tatsächlich erlebt es jedoch nur einen späten Ausschnitt eines viel umfassenderen organismischen Vorgangs.
Diese Lücke lässt sich als Hervorbringungslücke des Denkens bezeichnen.
Der Mensch weiß nicht vollständig, wodurch der Gedanke hervorgebracht wurde. Er hört ihn innerlich oder spricht ihn aus, nimmt ihn dadurch erneut wahr und kann ihn nachträglich verändern. Der gedachte Satz wird zum Gegenüber des eigenen Denkprozesses.
Denken ist deshalb kein geradliniger Befehl eines souveränen Ichs. Es ist ein rückgekoppelter Vorgang:
Ein Gedanke tritt auf.
Der Mensch hört oder liest ihn innerlich.
Er vergleicht ihn mit anderen Vorstellungen.
Er verändert, verwirft oder bestätigt ihn.
Der veränderte Gedanke wirkt erneut auf den Organismus und weiteres Handeln zurück.
Das Ich hört sich selbst zu
Dass der Mensch sich selbst zuhören kann, zeigt, dass Denken nicht einfach mit einem einheitlichen Ich zusammenfällt.
Ein Teil des organismischen Vorgangs bringt einen Satz hervor. Ein anderer Vorgang nimmt diesen Satz wahr, bewertet ihn und reagiert darauf. Das Ich entsteht innerhalb dieses Rückkopplungsvorgangs als scheinbare Einheit.
Es ist nicht notwendig, dafür mehrere voneinander unabhängige Personen im Körper anzunehmen. Entscheidend ist, dass der Organismus aus vielen gleichzeitig arbeitenden Prozessen besteht, die nicht vollständig zentral gesteuert werden.
Das erlebte Ich ist eine Zusammenfassungs- und Zuordnungsfigur. Es sagt „mein Gedanke“, „meine Entscheidung“ und „meine Tat“, obwohl die Hervorbringung aus einem weit verzweigten Organismus-Umwelt-Zusammenhang hervorgegangen ist.
Geist als Name für die Wissenslücke
Der Begriff Geist kann genau an jener Stelle entstehen, an der der Mensch den wirklichen Hervorbringungsprozess nicht erkennt.
Er erlebt Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen und Entscheidungen, kann aber ihre gesamte körperliche und relationale Entstehung nicht verfolgen. Für diese nicht durchschaute Hervorbringung setzt er einen unsichtbaren Träger ein: den Geist.
Der Geist erscheint dann als Ursache dessen, was aus dem Kopf hervorgeht. Er denkt, entscheidet, will und steuert angeblich den Körper.
Damit wird eine Lücke des Nichtwissens durch eine Substanzbehauptung gefüllt.
Statt zu sagen:
„Wir wissen nicht vollständig, wie aus organismischer, neuronaler, sprachlicher und sozialer Tätigkeit dieser Gedanke hervorgegangen ist“,
sagt der Mensch:
„Der Geist hat diesen Gedanken erzeugt.“
Der Geist erklärt den Vorgang jedoch nicht. Er benennt nur den unbekannten Entstehungsbereich und verwandelt ihn in einen scheinbaren Urheber.
Vom Nichtwissen zur Tätigkeitskonsequenz
Die Lücke des Nichtwissens wäre nicht notwendigerweise gefährlich, wenn der Mensch seine Unsicherheit mitführen würde.
Gefährlich wird sie, wenn ein nur teilweise verstandener Gedanke als sichere Erkenntnis, Wille oder Wahrheit behandelt und anschließend in eine Tätigkeit überführt wird.
Dann entsteht die Folge:
Ein unbekannt hervorgebrachter Gedanke erscheint.
Das Ich erklärt ihn zu seinem Gedanken.
Der Gedanke wird als wahr, notwendig oder berechtigt bewertet.
Er wird sprachlich behauptet und gesellschaftlich legitimiert.
Aus ihm entsteht eine Tätigkeit.
Die Tätigkeit erzeugt materielle, organismische und planetare Konsequenzen.
Damit kann ein kaum verstandener innerer Vorgang eine weitreichende äußere Wirklichkeit auslösen.
Der Mensch kennt weder die vollständige Entstehung seiner Vorstellung noch die vollständige Konsequenz seiner Tat. Zwischen beiden liegt eine doppelte Nichtwissenslücke.
Die erste betrifft die Herkunft des Gedankens.
Die zweite betrifft die zukünftige Wirkung der Tätigkeit.
Dazwischen setzt sich das Ich als vermeintlich wissender und kontrollierender Urheber ein.
Die doppelte Übersetzungslücke
Der gesamte Vorgang kann als doppelte Übersetzungslücke beschrieben werden.
Die erste Übersetzung führt von molekularen, organismischen und neuronalen Vorgängen zur bewussten Wahrnehmung, zum Bild, Begriff oder Satz. Wie diese Ebenen genau ineinandergreifen, ist dem erlebenden Menschen nur sehr begrenzt zugänglich.
Die zweite Übersetzung führt vom Gedanken und Satz zur körperlichen, technischen und gesellschaftlichen Tätigkeit. Auch hier ist nicht vollständig vorhersehbar, welche Widerstände, Veränderungen und langfristigen Konsequenzen entstehen.
Der Mensch handelt also zwischen zwei Bereichen des Nichtwissens.
Er kennt weder die vollständige Herkunft seiner Gedanken noch die vollständige Zukunft seiner Taten.
Gerade deshalb ist die Vorstellung eines souveränen, wissenden und unabhängigen Ichs so gefährlich. Sie verdeckt die Unsicherheit an beiden Übergängen.
Nicht Wahrheit, sondern vorläufige Orientierung
Wenn alle Wahrnehmungen, Begriffe und Selbstbeschreibungen Konstruktionen sind, folgt daraus nicht, dass jede Aussage beliebig oder alles gleich unwahr wäre.
Es folgt, dass menschliche Erkenntnis grundsätzlich vorläufig, relational und korrigierbar bleiben muss.
Eine Orientierung kann tragfähiger oder weniger tragfähig sein. Sie kann mehr Zusammenhänge berücksichtigen oder wichtige Bedingungen ausblenden. Sie kann sich durch Widerstand und Folgen korrigieren lassen oder sich gegen jede Rückmeldung immunisieren.
Wahrheit wäre dann kein endgültiger Besitz des Denkens. Sie wäre die fortgesetzte Bereitschaft, die eigene Orientierung durch neue Rückmeldungen verändern zu lassen.
Der neue Ausgangspunkt der Forschungskunst
Die Forschungskunst muss deshalb noch vor dem Begriff der Erscheinung beginnen.
Ihr Ausgangspunkt ist der nicht vollständig erkennbare relationale Hervorbringungsprozess, aus dem Wahrnehmungen, Gedanken, Begriffe, Selbstbilder und Tätigkeiten entstehen.
Der Mensch ist keine abgeschlossene Substanz, die einer fertigen Umwelt gegenübersteht. Er ist ein vorübergehend stabilisierter, durchlässiger und verletzbarer Tätigkeitsknoten innerhalb eines planetaren Plexusgewebes.
Seine Sinneswahrnehmungen sind keine Abbilder, sondern organismische Orientierungsleistungen. Seine Begriffe sind keine Abbilder des Wesens der Dinge, sondern sprachliche Verdichtungen. Sein Ich ist kein unabhängiger Eigentümer dieser Prozesse, sondern eine innerhalb dieser Prozesse erzeugte Zuordnungsfigur.
Die entscheidende Gefahr entsteht, wenn der Mensch diese begrenzten Orientierungskonstruktionen zu vollständigen Wirklichkeitsbehauptungen erhebt und aus ihnen Tätigkeiten ableitet, deren Konsequenzen seine eigenen Existenzbedingungen beschädigen.
Die neue Grundformel
Der Mensch lebt nicht unmittelbar in einer vorgefundenen Welt, sondern in einer durch seinen offenen Körperorganismus, seine Sinnesleistungen, seine Sprache und seine Symbolordnungen hervorgebrachten Orientierungswirklichkeit. Zwischen den molekularen und organismischen Hervorbringungsprozessen, dem bewusst erscheinenden Gedanken und der daraus ausgelösten Tätigkeit bestehen Lücken des Nichtwissens. Gefährlich wird diese Begrenztheit, wenn das Ich seine vorläufigen Orientierungskonstruktionen als Eigenschaften, Substanzen und Wahrheiten behandelt und sie ohne Referenz- und Konsequenzprüfung in die verletzbare Wirklichkeit überführt.
Der präziseste Ausgangssatz
Nicht der Mensch befindet sich als abgeschlossenes Subjekt in einer ihn umgebenden Umwelt. Mensch und Milieu bringen sich innerhalb eines offenen, zeitlichen und planetaren Wirkungszusammenhangs fortlaufend gegenseitig hervor. Was der Mensch als Wahrnehmung, Denken, Ich, Eigenschaft oder Erscheinung bezeichnet, ist eine begrenzte Orientierungsform innerhalb dieses Zusammenhangs und niemals dessen vollständige Wirklichkeit.
Dieser Ansatz müsste im nächsten Kontextanker vor „Erscheinung vor Eigenschaft“ eingesetzt werden, weil er erklärt, wodurch Erscheinung, Eigenschaft, Ich und Geist überhaupt erst hervorgebracht werden.
Kann Kunst neue Gewohnheiten und Bedürfnisse schaffen?
Ja. Aber nicht dadurch, dass sie dem Menschen lediglich neue Inhalte, Bilder oder moralische Botschaften vermittelt. Kunst kann neue Gewohnheiten und Bedürfnisse hervorbringen, wenn sie die Weise verändert, in der ein Mensch wahrnimmt, vergleicht, tätig wird und die Folgen seiner Tätigkeit auf sich zurückbezieht.
Damit wird die Kunst für Ihre Ausgangsfrage entscheidend. Wenn der Mensch bereits durch sein Wahrnehmen, Benennen, Darstellen und Tätigwerden Künstler ist und zugleich durch diese Tätigkeiten an seinem eigenen Selbstverständnis und seiner Lebenswelt geformt wird, dann ist die existenzielle Bedrohung ebenfalls das Ergebnis eines über lange Zeit eingeübten künstlerischen Hervorbringungsprozesses. Die gegenwärtige Katastrophenwelt ist nicht nur durch falsches Wissen entstanden. Sie ist durch Gewohnheiten des Wahrnehmens, Bewertens, Begehrens, Besitzens, Herstellens und Verwertens hervorgebracht worden.
Deshalb genügt es nicht, dem Menschen weitere Informationen über die Gefährdung seiner Existenzbedingungen zur Verfügung zu stellen. Er muss andere Formen des Wahrnehmens und Tätigwerdens einüben. Genau darin könnte die besondere Aufgabe der Forschungskunst liegen.
Die existenzielle Bedrohung ist auch eine Gewohnheitswelt
Der Mensch wird in eine bereits bestehende Symbol-, Rollen-, Eigentums- und Geltungswelt hineingeboren. Er lernt früh, Menschen und Gegenstände voneinander abzugrenzen, Dinge zu benennen, sich selbst als ein geschlossenes Ich zu verstehen, Besitz zuzuordnen, Leistungen zu vergleichen und gesellschaftliche Anerkennung zu suchen.
Diese Ordnung wird nicht nur intellektuell gelernt. Sie wird körperlich und emotional eingeübt. Der Mensch erlebt Belohnung, wenn er richtig funktioniert, besitzt, leistet, gewinnt, anerkannt wird oder sich erfolgreich darstellt. Er erlebt Unsicherheit, wenn er diese Ordnungen infrage stellt.
Dadurch entstehen erworbene Bedürfnisse: das Bedürfnis nach Besitz, Status, Bestätigung, Kontrolle, Sicherheit, Wachstum, Eindeutigkeit und persönlicher Unabhängigkeit. Diese Bedürfnisse sind keine unveränderlichen physikalischen Eigenschaften des Menschen. Sie entstehen aus wiederholten Tätigkeiten, gesellschaftlichen Rückmeldungen und verinnerlichten Erwartungen.
Die Geltungswelt wird so zu einer Gewohnheitswelt. Der Mensch glaubt nicht nur an ihre Begriffe. Er empfindet ihre Erfüllung als notwendig für sein eigenes Dasein.
Wenn diese Gewohnheitswelt seine physikalischen, organismischen und planetaren Abhängigkeiten verdeckt, nimmt die existenzielle Bedrohung zu. Der Mensch verteidigt dann nicht nur ein Wirtschaftssystem oder eine Meinung. Er verteidigt sein eingeübtes Selbstverständnis.
Wissen allein verändert diese Gewohnheiten nicht
Der Mensch kann wissen, dass sein Konsum, seine Mobilität, seine technischen Systeme oder seine Eigentumsordnungen langfristig zerstörerisch wirken, und dennoch unverändert weiterhandeln.
Das liegt daran, dass Wissen nicht automatisch zu einer neuen Tätigkeit wird. Zwischen Erkenntnis und Handlung liegen körperliche Gewohnheiten, soziale Erwartungen, emotionale Bindungen, wirtschaftliche Abhängigkeiten und eingeübte Belohnungssysteme.
Eine Information kann verstanden werden, ohne dass sie zum Bedürfnis wird. Der Mensch kann verstehen, dass er abhängig, verletzbar und Teil eines planetaren Zusammenhangs ist, aber weiterhin das Bedürfnis nach Unabhängigkeit, Beherrschung und Verfügbarkeit empfinden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
Was muss der Mensch wissen?
Sie lautet:
Wonach muss er ein Bedürfnis entwickeln, damit er sein Wissen tatsächlich in eine andere Tätigkeit überführt?
Kunst kann Wahrnehmungsgewohnheiten verändern
Kunst kann einen vertrauten Gegenstand aus seiner üblichen Geltung herauslösen. Ein Boden erscheint dann nicht nur als Grundstück. Ein Baum nicht nur als Rohstoff. Ein Mensch nicht nur als Arbeitnehmer, Kunde, Eigentümer oder gesellschaftliche Rolle.
Dadurch wird die automatisierte Zuordnung unterbrochen. Das verschwundene „Als“ tritt wieder hervor:
Dieser Boden gilt innerhalb einer bestimmten Rechtsordnung als Eigentum.
Dieser Gegenstand wird innerhalb eines Marktes als Ware bewertet.
Dieser Mensch erscheint innerhalb einer bestimmten Situation als Experte.
Die Kunst erzeugt damit zunächst eine Distanz zwischen dem Menschen und seiner gewohnten Orientierung. Diese Distanz ist keine Flucht aus der Wirklichkeit. Sie ist die Voraussetzung dafür, die eigene Konstruktion überhaupt als Konstruktion erkennen zu können.
Bildnerische Kunst kann zeigen, wie eine Vorstellung auf Material, Gewicht, Zeit und Widerstand trifft. Darstellende Kunst kann zeigen, wie Rollen und Identitäten erzeugt und gespielt werden. Forschungskunst kann beide Vorgänge miteinander verbinden und die Tätigkeit bis zu ihren Konsequenzen verfolgen.
Die erste neue Gewohnheit wäre deshalb die Unterbrechungsgewohnheit: nicht sofort zu benennen, zu bewerten und zu verwerten, sondern wahrzunehmen, welche Zuordnung gerade vorgenommen wird.
Kunst kann ein Referenzbedürfnis erzeugen
Der Körperorganismus funktioniert durch ununterbrochene Bezugnahme. Er vergleicht, reagiert, reguliert und korrigiert. Die gesellschaftliche Geltungswelt kann dagegen Begriffe verwenden, ohne deren Referenzsystem sichtbar zu machen.
Kunst kann daraus ein neues Bedürfnis entwickeln: das Bedürfnis, bei jeder Aussage nach ihrem Bezugssystem zu fragen.
Ein Mensch würde dann eine Behauptung nicht mehr allein deshalb akzeptieren, weil sie überzeugend klingt, rechtlich abgesichert, wissenschaftlich formuliert oder wirtschaftlich erfolgreich ist. Er würde wissen wollen:
Worauf bezieht sich diese Aussage?
Innerhalb welcher Bedingungen gilt sie?
Welche Wahrnehmung oder Messung liegt ihr zugrunde?
Welche Geltungsordnung hält sie aufrecht?
Welche Tätigkeit wird durch sie ausgelöst?
Welche Rückmeldung könnte sie korrigieren?
Dieses Referenzbedürfnis müsste ebenso selbstverständlich werden wie heute das Bedürfnis nach Preis, Beweis, Anerkennung oder Sicherheit.
Der Mensch müsste eine Aussage ohne ausgewiesenes Referenzsystem zunehmend als unvollständig empfinden. Genau das wäre eine tiefgreifende Veränderung der Gewohnheit.
Kunst kann das Bedürfnis nach Korrektur verändern
Die heutige Skulpturidentität erlebt Korrektur häufig als Angriff. Sie will ein geschlossenes, widerspruchsfreies und dauerhaft gültiges Selbstbild aufrechterhalten. Fehler, Unsicherheit und Abhängigkeit bedrohen dieses Bild.
Eine plastische Identität würde Korrektur nicht als persönliche Niederlage, sondern als notwendige Tätigkeit der Passung verstehen. Sie bliebe veränderbar, weil sie sich nicht als fertige Form besitzt.
Kunst kann dieses Verhältnis praktisch erfahrbar machen. Beim Arbeiten mit Material ist die Abweichung zwischen Vorstellung und Ergebnis nicht nur ein Scheitern. Sie kann eine neue Möglichkeit eröffnen. Der Widerstand des Materials wird zum Mitspieler der Formbildung.
Daraus kann ein Korrekturbedürfnis entstehen. Der Mensch will dann nicht mehr nur recht behalten. Er will herausfinden, wodurch seine Vorstellung begrenzt, ergänzt oder verändert werden muss.
Dies wäre eine grundlegende kulturelle Umkehr. Die Rückmeldung wäre nicht mehr der Feind des Ichs, sondern die Voraussetzung seiner Lernfähigkeit.
Kunst kann das Bedürfnis nach Konsequenzwahrnehmung schaffen
Die gegenwärtige Geltungswelt belohnt den unmittelbaren Erfolg und trennt ihn von seinen langfristigen Folgen. Das Produkt, der Gewinn, die Anerkennung oder der technische Fortschritt werden wahrgenommen. Die ausgebeuteten Materialien, die geschädigten Organismen und die zeitlich verzögerten Folgen bleiben außerhalb des sichtbaren Werkes.
Forschungskunst kann diese Abspaltung aufheben. Sie kann die gesamte Tätigkeitskette als Kunstwerk darstellen:
Vorstellung, Benennung, Entscheidung, Herstellung, Nutzung, Verschleiß, Abfall, Verletzung, Reparatur oder Irreversibilität.
Dadurch könnte ein Konsequenzbedürfnis entstehen: das Bedürfnis, ein Werk erst dann als erkannt zu betrachten, wenn seine Wirkungsgeschichte sichtbar geworden ist.
Der Mensch würde nicht mehr nur fragen:
Was habe ich hergestellt?
Er würde fragen:
Was habe ich damit in Gang gesetzt?
Was geschieht mit dem Material?
Wer oder was trägt die Belastung?
Was kehrt später als veränderte Existenzbedingung zurück?
Ein solches Bedürfnis könnte die bisherige Befriedigung am fertigen Produkt durch eine stärkere Aufmerksamkeit für die gesamte Konsequenzspur ergänzen.
Kunst kann Bedürfnisse nicht beliebig erfinden
Hier muss zwischen organismischen Bedürfnissen und erlernten Begehrensformen unterschieden werden.
Wasser, Nahrung, Schlaf, Schutz, Beziehung, Bewegung und Regeneration sind an die Lebensfähigkeit des Organismus gebunden. Besitz, Status, Marktwert, grenzenloses Wachstum oder vollständige Kontrolle sind keine gleichartigen Grundbedürfnisse. Sie können jedoch durch Erziehung, Wiederholung und gesellschaftliche Belohnung so stark verinnerlicht werden, dass sie subjektiv wie unverzichtbare Bedürfnisse erscheinen.
Kunst kann die organismischen Grundbedingungen nicht beliebig umformen. Sie kann aber die kulturellen und symbolischen Formen verändern, in denen Menschen ihre Bedürfnisse wahrnehmen, deuten und befriedigen.
Sie könnte das Bedürfnis nach unbegrenztem Besitz in ein Bedürfnis nach tragfähiger Nutzung verwandeln. Das Bedürfnis nach Unabhängigkeit könnte zu einem Bedürfnis nach verlässlicher wechselseitiger Abhängigkeit werden. Das Bedürfnis nach Eindeutigkeit könnte durch ein Bedürfnis nach genauer Unterscheidung ersetzt werden. Das Bedürfnis nach Kontrolle könnte einem Bedürfnis nach Rückkopplung und Anpassungsfähigkeit weichen.
Kunst schafft diese Bedürfnisse nicht aus dem Nichts. Sie kann bereits im Organismus vorhandene Fähigkeiten zur Neugier, zum Spiel, zur Resonanz, zur Fürsorge, zur Nachahmung, zur Kooperation und zur Korrektur anders gewichten und trainieren.
Spiel und Neugier innerhalb von Referenzsystemen
Die Rückbindung an Referenzsysteme bedeutet keine Einschränkung künstlerischer Freiheit. Erst ein Gegenüber ermöglicht überhaupt Spiel, Überraschung und Lernen.
Ein grenzenloser Raum ohne Widerstand, Zeit, Unterschied und Konsequenz wäre nicht frei, sondern unbestimmbar. Es gäbe nichts, woran eine Bewegung, Entscheidung oder Veränderung erkannt werden könnte.
Das Spiel lebt von Regeln und ihrer Veränderbarkeit, von Grenzen und ihren Übergängen, von Wiederholung und Abweichung. Die Neugier benötigt etwas, das noch nicht bekannt ist und sich nicht vollständig der eigenen Vorstellung unterwirft.
51:49 bezeichnet in diesem Zusammenhang die operative Offenheit. Die minimale Differenz verhindert die erstarrte Perfektion des 50:50-Modells. Sie hält den Prozess beweglich und ermöglicht Versuch, Irrtum, Anpassung und neues Erkennen.
Freiheit wäre dann nicht die grenzenlose Durchsetzung einer Vorstellung. Sie wäre die Fähigkeit, innerhalb erkannter Abhängigkeiten neue tragfähige Möglichkeiten zu erproben.
Der Mensch als Künstler seines eigenen Selbstverständnisses
Wenn der Mensch begreift, dass sein Ich, seine Rollen, seine Eigenschaften und seine gesellschaftlichen Wirklichkeiten nicht einfach vorgefunden, sondern fortlaufend hervorgebracht werden, verändert sich seine Verantwortung.
Er ist dann nicht nur das Opfer eines Systems, in das er hineingeboren wurde. Er ist auch Mitwirkender an dessen täglicher Wiederherstellung. Durch Sprache, Kaufentscheidungen, Rollenverhalten, Anerkennung und Verweigerung stabilisiert oder verändert er die Geltungswelt.
Zugleich ist er nicht souveräner Alleinurheber. Seine Gedanken, Wünsche und Tätigkeiten entstehen aus einem offenen Organismus, aus Geschichte, Erziehung, Milieu und gesellschaftlichen Beziehungen.
Der Mensch ist daher Künstler und Kunstwerk zugleich. Er bildet sein Selbstverständnis und wird durch dieses Selbstverständnis erneut geformt. Er erzeugt Gewohnheiten und wird von ihnen gesteuert.
Diese Erkenntnis kann entlastend und verpflichtend zugleich sein. Wenn das Selbstverständnis hervorgebracht wurde, ist es veränderbar. Wenn es veränderbar ist, muss der Mensch prüfen, welches Selbstverständnis seine Lebensfähigkeit fördert und welches sie zerstört.
Kann Kunst die existenzielle Bedrohung stoppen?
Kunst allein kann die existenzielle Bedrohung nicht stoppen. Sie ersetzt keine politische Entscheidung, kein Recht, keine technische Veränderung und keine wirtschaftliche Umgestaltung.
Sie kann jedoch etwas leisten, das diesen Veränderungen vorausliegt: Sie kann die Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Tätigkeitsgewohnheiten verändern, aus denen politische, technische und wirtschaftliche Entscheidungen hervorgehen.
Gesetze bleiben wirkungslos oder werden umgangen, wenn die Menschen ihre grundlegenden Bedürfnisse und Identifikationen nicht verändern. Technische Lösungen können neue Schäden erzeugen, wenn das Bedürfnis nach grenzenloser Verfügbarkeit unverändert bestehen bleibt. Politische Programme scheitern, wenn jede Einschränkung als Angriff auf die persönliche Freiheit erlebt wird.
Kunst kann die kulturelle und organismische Lernschicht bearbeiten, auf der solche Reaktionen entstehen. Sie kann ein anderes Verhältnis zu Grenze, Abhängigkeit, Unsicherheit, Korrektur und Verantwortung einüben.
Damit stoppt sie die Bedrohung nicht unmittelbar. Sie kann aber die Bedingungen schaffen, unter denen Menschen überhaupt fähig werden, sie zu stoppen.
Das Soheits-Atelier als Gewohnheitswerkstatt
Das Soheits-Atelier müsste deshalb nicht nur ein Ort der Erkenntnis, sondern eine Gewohnheitswerkstatt sein.
Die Besucher sollten nicht lediglich verstehen, dass Eigenschaften, Rollen und Geltungen Konstruktionen sind. Sie müssten wiederholt erfahren, wie sich ihr Wahrnehmen und Handeln verändert, wenn sie das Referenzsystem mitführen.
Am Wasser- oder Strömungsmodell würden sie lernen, kleinste Veränderungen und zeitliche Folgen wahrzunehmen. Im handwerklichen Passungsatelier würden sie den Widerstand des Materials nicht als Störung, sondern als notwendige Rückmeldung erleben. Im Rollentheater würden sie zwischen Mensch und gesellschaftlicher Darstellung unterscheiden. An den Frage-und-Antwort-Tischen würden sie üben, Aussagen durch die vier Ebenen zu führen.
Der rote Punkt könnte nicht nur ein Interesse kennzeichnen, sondern eine neue Verpflichtung sichtbar machen: Welches eigene Wahrnehmungs- oder Tätigkeitsmuster will ein Besucher überprüfen und weiterverfolgen?
Entscheidend wäre die Wiederholung. Eine einmalige Irritation erzeugt noch keine Gewohnheit. Die Besucher müssten denselben Prüfmechanismus auf unterschiedliche Gegenstände, Rollen und Entscheidungen anwenden können, bis aus der äußeren Methode eine innere Erwartung entsteht.
Vom Wissen zum Bedürfnis
Der entscheidende Wandel ist erreicht, wenn die Referenzprüfung nicht mehr als zusätzliche moralische Pflicht erlebt wird, sondern als eigenes Bedürfnis.
Der Mensch würde sich dann unwohl fühlen, wenn eine Aussage ohne Bezugssystem auftritt. Er würde einen Erfolg als unvollständig empfinden, solange seine Konsequenzen unbekannt bleiben. Er würde Korrektur nicht vermeiden, sondern suchen. Er würde Freiheit nicht mehr mit Referenzlosigkeit verwechseln, sondern mit der Möglichkeit, innerhalb tragfähiger Beziehungen zu spielen und zu gestalten.
Die neuen Bedürfnisse wären deshalb:
das Bedürfnis nach Referenz,
das Bedürfnis nach Rückmeldung,
das Bedürfnis nach Korrektur,
das Bedürfnis nach Konsequenzwahrnehmung,
das Bedürfnis nach Passung,
und das Bedürfnis, das eigene Selbstverständnis als veränderbares Kunstwerk zu behandeln.
Diese Bedürfnisse bilden keine endgültige neue Ordnung. Auch sie müssen überprüfbar und korrigierbar bleiben. Andernfalls würden sie selbst erneut zu starren Geltungseigenschaften.
Der neue Kern
Kunst kann neue Gewohnheiten und Bedürfnisse schaffen, weil der Mensch ein lernender, darstellender und sich durch Wiederholung formender Organismus ist. Sie kann die existenzielle Bedrohung nicht allein durch Bilder oder Aussagen stoppen. Sie kann jedoch die eingeübten Wahrnehmungs- und Tätigkeitsformen verändern, durch die diese Bedrohung täglich weiter hervorgebracht wird.
Der Mensch muss lernen, sich nicht als abgeschlossenes Subjekt und Eigentümer einer ihn umgebenden Welt zu verstehen, sondern als verletzbaren Tätigkeits- und Referenzknoten innerhalb eines planetaren Plexusgewebes.
Die entscheidende künstlerische Aufgabe lautet deshalb:
Aus der bloßen Erkenntnis der Abhängigkeit muss ein Bedürfnis nach Referenz, Rückkopplung, Passung und Korrektur entstehen. Erst wenn der Mensch diese neuen Gewohnheiten nicht nur versteht, sondern körperlich, gesellschaftlich und institutionell einübt, kann er beginnen, das selbst erzeugte Kunstwerk seiner existenziellen Gefährdung in ein tragfähigeres gemeinsames Werk zu verwandeln.
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Der Mensch hat die höchste Spezialisierung nicht in der Wahrnehmung seiner Existenzbedingungen entwickelt, sondern in der Darstellung und Verwertung eines Ichs, das so tut, als könne es von diesen Bedingungen unabhängig existieren.
Werkanker v13.1
Arbeitsmaterial für eine spielerische Referenz-, Gewohnheits- und Konsequenzkunst
Im Werkanker steht bereits ein umfangreiches Arbeitsmaterial zur Verfügung, mit dem die neuen künstlerischen Aufgaben nicht nur erklärt, sondern körperlich, spielerisch und wiederholbar eingeübt werden können. Das Material muss dafür nicht als historische Werksammlung nebeneinandergestellt werden. Es lässt sich als zusammenhängendes Instrumentarium der Referenzprüfung neu aktivieren.
Die entscheidende Frage an jedes vorhandene Werk lautet dabei nicht mehr allein: Was stellt dieses Werk dar? Sondern: Welche Wahrnehmungs-, Denk- und Tätigkeitsgewohnheit kann mit ihm unterbrochen, sichtbar gemacht, geprüft und neu eingeübt werden?
Die 24-Stunden-Uhr als übergeordnetes Referenzinstrument
Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde bildet das größte gemeinsame Referenzsystem aller weiteren Arbeitsmaterialien. Sie macht sichtbar, dass der menschliche Körperorganismus, seine Wahrnehmung, sein Denken und sämtliche gesellschaftlichen Konstruktionen nur innerhalb einer vorausliegenden planetaren Entwicklung möglich geworden sind.
Als Arbeitsmaterial kann die Uhr aus einem großen Boden- oder Wandkreis, einer begehbaren Zeitleiste, verschiebbaren Zeitmarken, transparenten Folien, Lichtprojektionen und persönlichen Eintragungen der Besucher bestehen. Die Besucher verorten darin die Entstehung der Erde, des Lebens, des Menschen, der Landwirtschaft, der Industrialisierung, ihrer eigenen Lebenszeit und einer einzelnen Tätigkeit.
Dadurch entsteht die grundlegende Übung, jede menschliche Behauptung in einen größeren zeitlichen Zusammenhang einzuordnen. Die Uhr trainiert das Bedürfnis, nicht mehr nur vom gegenwärtigen menschlichen Interesse auszugehen, sondern nach der Entstehungszeit, Regenerationszeit und möglichen Wirkungsdauer einer Tätigkeit zu fragen.
Sie ist damit kein bloßes Schaubild, sondern der zeitliche Grundriss des gesamten Ateliers.
Biberdamm, Deichprofile und asymmetrisches Auto
Die Beobachtung des Biberdamms und die daraus hervorgegangene Auseinandersetzung mit asymmetrischen Deichprofilen gehören zum Ursprung des 51:49-Verhältnisses. Das asymmetrische Auto, das während des Studiums an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig entstand, überführt diese Frage in eine menschengemachte technische Form.
Diese Materialien können als Vergleichsgruppe eingesetzt werden. Ein symmetrisches Profil steht einem asymmetrisch angepassten Profil gegenüber. Besucher können Wasser, Sand, Gewicht oder Luftströmung auf unterschiedliche Formen wirken lassen. Sie beobachten nicht nur das Endergebnis, sondern die Entstehung der Veränderung.
Hier wird 50:50 als scheinbar perfekte, spiegelbildliche Form überprüfbar. 51:49 erscheint als minimale, situationsbezogene Differenz, die Widerstand, Richtung und Bewegungsdynamik berücksichtigt.
Das asymmetrische Auto kann als Original, Modell, Fotodokumentation oder rekonstruierte Versuchsanordnung eingesetzt werden. Es macht verständlich, dass eine Form nicht dadurch richtig wird, dass sie formal gleichmäßig erscheint. Entscheidend ist, wie sie sich zu unterschiedlichen Belastungen und Bedingungen verhält.
Dieses Material trainiert eine neue Gewohnheit: nicht zuerst nach Gleichheit und optischer Perfektion zu suchen, sondern nach Passung, Bewegungsrichtung und Rückkopplungsfähigkeit.
Wellenbecken, Wellenmaschine und Strömungsmodelle
Das von Ihnen entwickelte Wellenbecken beziehungsweise die Wellenmaschine gehört zu den stärksten Arbeitsmaterialien des Werkankers. Wasser gibt eine unmittelbare und nicht verhandelbare Rückmeldung. Es lässt sich nicht durch eine Behauptung überzeugen. Jede Veränderung von Form, Geschwindigkeit, Hindernis und Untergrund wird als Strömung, Wirbel, Anlandung, Unterspülung oder Wellenreflexion sichtbar.
Mit kleinen beweglichen Körpern, Steinen, Sand, Holzstücken, Deichformen und Hindernissen können Besucher eigene Eingriffe vornehmen. Sie stellen zunächst eine Vermutung auf und beobachten anschließend, welches Geschehen tatsächlich entsteht.
Damit wird die Lücke zwischen Vorstellung und Tätigkeitskonsequenz unmittelbar erfahrbar. Der Besucher sieht, dass er zwar eine Absicht besitzt, aber nicht alleiniger Urheber des Ergebnisses ist. Wasser, Material, Form, Zeit und vorausliegende Bewegungen sind am Werk beteiligt.
Die Wellenmaschine eignet sich besonders für die Einübung des Korrekturbedürfnisses. Das abweichende Ergebnis wird nicht als persönliches Scheitern behandelt, sondern als notwendige Information für einen veränderten nächsten Versuch.
Küstenstreifen, Sand, Unterspülung und Anlandung
Der Küstenstreifen verdichtet die Erfahrungen mit Deichbau, Nordsee, Strömungsinstituten und der großen Tanglandschaft in Portugal. Ein schmaler Streifen aus Sand, Wasser, Steinen und unterschiedlichen Begrenzungen kann als fortlaufend veränderbare Plastik angelegt werden.
Besucher formen Küstenlinien, setzen Hindernisse, verdichten Flächen oder entfernen Material. Anschließend wirkt Wasser auf ihre Formung ein. Die zunächst scheinbar feste Grenze zwischen Land und Wasser wird als zeitweiliger Übergang sichtbar.
Dieses Material ist besonders geeignet, um die problematische Vorstellung einer absoluten Innen-Außen-Grenze zu untersuchen. Küste ist weder ausschließlich Land noch ausschließlich Wasser. Sie entsteht aus Bewegung, Ablagerung, Abtragung, Durchfeuchtung, Widerstand und Zeit.
Der Küstenstreifen wird dadurch zum Modell für Körpergrenzen, Zellmembranen, soziale Grenzen und Eigentumsgrenzen. Er macht sichtbar, dass Grenze keine starre Linie, sondern eine fortlaufende Grenztätigkeit ist.
Ein Quadratmeter nasser Sand, Einfrieren und Auftauen
Der Quadratmeter nasser Sand ist ein einfaches, aber grundlegendes Arbeitsmaterial. Eine Fläche wird geformt, verdichtet, eingefroren, aufgetaut, belastet und erneut verändert.
Der Sand kann zunächst als scheinbar festes Objekt erscheinen. Durch Temperatur, Feuchtigkeit, Gewicht und Zeit verändert er jedoch seine Tragfähigkeit und Gestalt. Die vermeintliche Eigenschaft „fest“ oder „tragfähig“ wird in ihre Bedingungen zurückgeführt.
Dieses Werk eignet sich dazu, die Begriffe Eigenschaft, Zustand, Erscheinungsweise und Tätigkeit voneinander zu unterscheiden. Festigkeit ist kein unveränderlicher Besitz des Materials. Sie erscheint innerhalb einer bestimmten Konstellation und verschwindet bei deren Veränderung.
Die Besucher lernen dadurch, bei jeder behaupteten Eigenschaft zu fragen: Unter welchen Bedingungen? Für welche Dauer? Gegenüber welcher Belastung? Innerhalb welchen Referenzsystems?
Betonklotz und Unterspülung
Der Betonklotz steht für die menschliche Vorstellung von Festigkeit, Dauerhaftigkeit und Beherrschbarkeit. Er erscheint massiv, schwer und unverrückbar. Wird jedoch sein Untergrund ausgespült, verliert er seine Stabilität.
Damit lässt sich zeigen, dass selbst ein scheinbar festes Objekt seine Tragfähigkeit nicht ausschließlich „in sich“ besitzt. Sie entsteht aus dem Verhältnis zwischen Körper, Untergrund, Wasser, Belastung und Zeit.
Der Betonklotz ist deshalb ein präzises Modell für Institutionen, Eigentumsordnungen, Identitäten und technische Systeme. Auch sie können massiv und selbstverständlich erscheinen, obwohl ihre Voraussetzungen bereits unterspült werden.
Die künstlerische Übung besteht nicht darin, den Betonklotz lediglich umzustürzen. Die Besucher sollen beobachten, wie eine kaum sichtbare Veränderung der tragenden Bedingungen schließlich eine sichtbare Wirkung hervorbringt. Dadurch wird das Bedürfnis trainiert, nicht nur das auffällige Endereignis, sondern seine vorausliegenden Konsequenzspuren wahrzunehmen.
Kartoffel, Schälen, Kochen, Vergolden und Rückkehr zur Erde
Die Kartoffel verbindet Stoffwechsel, Nahrung, Arbeit, Wert, Eigentum, Veredelung und Verfall. Sie kann ungewaschen, gewaschen, geschält, gekocht, gegessen, vergoldet, ausgestellt oder wieder der Erde übergeben werden.
Durch die Vergoldung erhält sie eine gesellschaftliche Geltung, die nicht aus ihrer organismischen Funktion hervorgeht. Sie erscheint plötzlich als wertvolles Kunstobjekt. Gleichzeitig bleibt sie ein vergänglicher pflanzlicher Körper.
Dieses Arbeitsmaterial eignet sich, um unterschiedliche Referenzsysteme an einem einzigen Gegenstand sichtbar zu machen. Die Kartoffel kann Lebensmittel, Pflanze, Handelsware, Eigentum, Kunstwerk, Symbol, Abfall oder Ausgangspunkt neuen Wachstums sein. Keine dieser Bestimmungen darf mit allen anderen verschmolzen werden.
Die Besucher können die verschiedenen Bezeichnungen auf transparenten Schichten oder beweglichen Schildern anbringen. Dadurch bleibt das verschwundene „Als“ sichtbar: Die Kartoffel wird innerhalb eines Marktes als Ware behandelt, innerhalb einer Ausstellung als Kunstwerk und innerhalb des Organismus als Nahrung verarbeitet.
Schultafel, Kreide und Goldschrift
Die Schultafel ist eines der wichtigsten Materialien für die Referenzgrammatik. Kreide macht Aussagen sichtbar, bleibt aber löschbar und korrigierbar. Goldschrift verleiht derselben Aussage Dauer, Wert und Autorität.
Der Unterschied zwischen Kreide und Gold kann als künstlerische Prüfung eingesetzt werden. Besucher schreiben eine Behauptung zunächst mit Kreide. Anschließend müssen sie entscheiden, ob sie bereit wären, dieselbe Aussage dauerhaft in Gold festzuschreiben und für ihre Konsequenzen Verantwortung zu übernehmen.
Damit wird sichtbar, wie Material, Darstellung und gesellschaftliche Geltung die Wirkung eines Satzes verändern. Eine Behauptung wird nicht wahrer, weil sie dauerhaft, teuer oder feierlich erscheint.
Die Schultafel eignet sich für Begriffe wie Eigentum, Freiheit, Geist, Wert, Erfolg, Natur, Umwelt, Subjekt, Objekt, Eigenschaft, Tatsache und Kunst. Jede Aussage muss mit ihrem Referenzsystem ergänzt werden.
Aus „Der Boden ist Eigentum“ wird beispielsweise: „Dieser Boden gilt innerhalb einer bestimmten Rechtsordnung als Eigentum.“
Die Tafel trainiert das Bedürfnis, Aussagen nicht nur zu setzen, sondern ihre Voraussetzungen, Geltungsbereiche und Korrekturmöglichkeiten sichtbar mitzuführen.
Erwachsenen-Malbuch und Fußgängermalbuch
Das Erwachsenen-Malbuch von 1978/79 gehört zum Kernmaterial einer Kunst, die den Betrachter zum eigenen Tätigwerden auffordert. Es gibt etwas vor und lässt zugleich einen offenen Raum für Ergänzung, Widerspruch und Weiterentwicklung.
Das Malbuch kann heute als Referenz- und Konsequenzbuch reaktiviert werden. Besucher ergänzen nicht nur Bilder, sondern tragen ein, welche Vorstellung sie zunächst hatten, was sie getan haben, welche Abweichung auftrat und was sie anschließend verändern würden.
Das Fußgängermalbuch kann besonders die alltägliche Orientierung untersuchen. Wege, Verkehrsregeln, Zeichen, Besitzgrenzen und Bewegungsräume werden nicht als selbstverständlich behandelt, sondern als gesellschaftlich und materiell erzeugte Ordnungen.
Durch Zeichnen, Überschreiben, Verbinden, Ausradieren und Neuordnen wird die eigene Wahrnehmungsgewohnheit sichtbar. Das Malbuch ist damit kein bloßes Kreativangebot. Es ist ein Protokoll der Veränderung zwischen erster Vorstellung und späterer Korrektur.
Roter-Punkt-Aktion
Der rote Punkt kann aus seiner üblichen Funktion als Verkaufs- oder Erfolgszeichen herausgelöst werden. Er kennzeichnet dann nicht, dass ein Werk verkauft wurde, sondern dass ein Mensch sich mit einer bestimmten Frage, Tätigkeit oder Konsequenz beschäftigen will.
Jeder Besucher wählt einen Punkt und verbindet ihn mit einem konkreten Untersuchungsinteresse. Der Punkt kann getragen, auf einer gemeinsamen Karte angebracht oder einem Arbeitstisch zugeordnet werden.
Dadurch wird ein abstraktes Interesse körperlich und öffentlich sichtbar. Menschen mit ähnlichen Fragen können sich finden. Der rote Punkt wird vom Marktzeichen zum Referenz- und Verbindungszeichen.
Er kann außerdem als zeitliche Verpflichtung eingesetzt werden. Der Besucher markiert nicht nur, was ihn interessiert, sondern welche eigene Gewohnheit er während des Ausstellungsbesuchs überprüfen möchte.
Eintausend Tapeziertische und das globale Dorf
Die Eintausend Tapeziertische von 1993 bilden ein räumliches und gesellschaftliches Grundmaterial für das globale Dorf. Der Tapeziertisch ist kein feierlicher Kunstsockel. Er ist ein einfacher, mobiler Arbeits-, Austausch- und Verhandlungstisch.
Für das Soheits-Atelier können einzelne Tische unterschiedlichen Referenzfragen zugeordnet werden. An einem Tisch wird ein Alltagsgegenstand untersucht, an einem anderen ein Begriff, eine Tätigkeit, ein technisches System oder eine gesellschaftliche Rolle.
Die Tische können immer neu gruppiert, verbunden und getrennt werden. Dadurch bilden sie keine starre Ausstellungsarchitektur, sondern ein veränderbares Plexusgewebe aus Fragestellungen und Tätigkeiten.
Das Arbeitsmaterial trainiert eine soziale Gewohnheit: Erkenntnis entsteht nicht nur im abgeschlossenen Kopf, sondern im Vergleich unterschiedlicher Wahrnehmungen, Erfahrungen und Konsequenzspuren.
Sozialer Organismus, Arche und begehbare Verknüpfungsmodelle
Die Arbeiten zum Sozialen Organismus von 1992/93 und die Zukunftswerkstätten zur Arche bieten Material für die Untersuchung des Menschen als Abhängigkeitsknotenpunkt.
Der Begriff Organismus darf dabei nicht als geschlossene gesellschaftliche Einheit missverstanden werden. Er kann durch Fäden, Schläuche, Wege, Karten, Versorgungsleitungen, Wasserbehälter oder bewegliche Verbindungselemente als offenes Beziehungsgewebe dargestellt werden.
Besucher verändern einen Teil des Systems und beobachten, welche anderen Bereiche betroffen werden. Dadurch wird deutlich, dass keine Tätigkeit isoliert bleibt.
Die Arche ist in diesem Zusammenhang nicht nur Rettungsgefäß. Sie wird zur Frage, welche Bedingungen, Fähigkeiten, Beziehungen und Wissensformen eine Gesellschaft erhalten müsste, um ihre eigene Lebensfähigkeit nicht zu zerstören.
Zeitmaschine
Die Zeitmaschine von 1994 steht im Werkanker für die künstlerische Verknüpfung unterschiedlicher Zeitmaßstäbe. Sie kann mit der 24-Stunden-Uhr verbunden werden, indem eine einzelne Tätigkeit gleichzeitig in menschlicher, technischer, organismischer und planetarer Zeit betrachtet wird.
Ein Einkauf dauert Minuten. Die Herstellung kann Monate umfassen. Die Entstehung des verwendeten Rohstoffs kann Millionen Jahre gedauert haben. Der Abfall kann Jahrhunderte fortbestehen.
Die Zeitmaschine macht diese auseinanderfallenden Zeiträume gleichzeitig sichtbar. Sie trainiert damit ein Bedürfnis nach Mehrzeitenwahrnehmung. Eine Tätigkeit wird nicht nur nach ihrer unmittelbaren Dauer, sondern nach der Zeit ihrer Voraussetzungen, Regeneration und Folgen beurteilt.
Partizipatorisches Welttheater und Rollentheater
Das Partizipatorische Welttheater von 2005 bis 2019 liefert das darstellerische Arbeitsmaterial, um Rollen, Geltungen und Identitäten als hervorgebrachte Tätigkeiten sichtbar zu machen.
Besucher können als Käufer, Verkäufer, Eigentümer, Arbeitnehmer, Unternehmer, Experte, Künstler, Richter, Wissenschaftler oder politischer Vertreter auftreten. Entscheidend ist, dass die Rolle als Rolle erkennbar bleibt.
Ein Mensch sagt nicht einfach: „Ich bin Eigentümer.“ Er spricht: „Ich trete innerhalb dieser Rechts- und Gesellschaftsordnung als Eigentümer auf.“
Durch Rollenwechsel wird erfahrbar, dass dieselbe Person unterschiedliche Geltungspositionen einnehmen kann. Das Selbstverständnis wird dadurch beweglicher. Die Rolle verliert ihren Anspruch, das vollständige Wesen des Menschen zu sein.
Das Welttheater kann zugleich die Tätigkeitskonsequenzen einer Rolle sichtbar machen. Der Käufer sieht nicht nur den Kaufakt, sondern die gesamte vorausliegende und nachfolgende Wirkungskette.
„Ein Fußbreit Raum“ und das Tonmaterial
Das Tonband „Ein Fußbreit Raum“ von 1975 kann als akustischer Ausgangspunkt der Raum-, Grenz- und Referenzfrage eingesetzt werden. Ton macht besonders deutlich, dass Wahrnehmung keine feste Eigenschaft eines Gegenstandes ist. Sie entsteht aus Schwingung, Medium, Raum, Körper, Hörvermögen, Aufmerksamkeit und Erinnerung.
Das vorhandene Tonmaterial kann mit räumlichen Markierungen, unterschiedlichen Abständen und veränderten akustischen Bedingungen verbunden werden. Besucher hören denselben Klang an verschiedenen Orten und beschreiben, was sie wahrnehmen.
Dadurch wird erfahrbar, dass Sinneswahrnehmung eine organismische Orientierungsleistung und kein vollständiges Abbild der Wirklichkeit ist.
Capella-Fotografie und Spurensicherung
Die Aufnahme des Deichbruchs nach dem Capella-Orkan vom 3. Januar 1976 bildet ein zentrales dokumentarisches Arbeitsmaterial. Sie zeigt nicht nur ein Katastrophenereignis, sondern eine sichtbare Folge vorausliegender Kräfte, Entscheidungen, Bauweisen und Unterlassungen.
Die Fotografie kann mit Karten, Wetterdaten, Deichprofilen, zeitlichen Abläufen und persönlichen Beobachtungen verbunden werden. Der Betrachter wird vom Bild des Ereignisses zur Spurensicherung geführt.
Die Übung lautet: Welche unsichtbaren oder zeitlich vorausliegenden Tätigkeiten und Bedingungen haben zu dem sichtbaren Ergebnis geführt?
Damit wird Fotografie von der Darstellung eines Augenblicks zum Ermittlungsinstrument einer Konsequenzgeschichte.
Torso, gerade Linien und plastische S-Kurven
Der Torso mit geraden Linien kann die Skulpturidentität sichtbar machen: den Versuch, den lebendigen, beweglichen und verletzbaren Organismus in eine abgeschlossene, kontrollierte und äußerlich eindeutige Form zu pressen.
Die plastischen S-Kurven stehen dagegen für Bewegung, Gewichtsverlagerung, Atmung, Spannung und fortlaufende Anpassung.
Mit Draht, Ton, Papierstreifen, Holzstäben oder körperlichen Übungen können Besucher beide Formprinzipien nachvollziehen. Sie erleben, wie sich eine starre gerade Konstruktion von einer beweglich reagierenden plastischen Form unterscheidet.
Dieses Material eignet sich besonders, um das eigene Selbstverständnis nicht nur begrifflich, sondern körperlich zu untersuchen. Wie viel Kraft wird benötigt, um eine starre Haltung zu bewahren? Wie verändert sich Wahrnehmung, wenn Gewicht verlagert und eine Gegenbewegung zugelassen wird?
Werkzeug, Material und handwerkliches Passungsatelier
Ihre Ausbildung als Maschinenschlosser und Ihre bildhauerische Arbeit stellen ein wesentliches Arbeitsmaterial bereit: Werkzeug, Maß, Oberfläche, Verbindung, Gewicht, Reibung und handwerkliche Korrektur.
Im Passungsatelier können einfache Werkstücke bearbeitet, verbunden, gelöst und erneut angepasst werden. Entscheidend ist nicht die Herstellung eines perfekten Produkts, sondern die Beobachtung des Vorgangs zwischen Vorstellung, Werkzeug, Körper und Material.
Jeder Arbeitsschritt kann durch vier Fragen begleitet werden: Was hatte ich vor? Welche Rückmeldung gab das Material? Was habe ich verändert? Welche Folge erzeugte meine Veränderung?
Damit wird handwerkliche Tätigkeit zum Vorbild eines neuen Denkens. Der Begriff wird wie ein Werkstück behandelt: Er muss an seinem Gegenüber geprüft, bei Nichtpassung korrigiert und darf nicht gewaltsam in eine gewünschte Form gezwungen werden.
Der eigene Körper als Arbeitsmaterial
Der wichtigste Werkstoff ist nicht ein äußerer Gegenstand, sondern der eigene Körperorganismus. Atmung, Gleichgewicht, Müdigkeit, Anspannung, Schmerz, Bewegung, Blickrichtung und Abstand liefern fortlaufende Referenzen.
Der Körper darf dabei nicht als abgeschlossenes Objekt oder Eigentum behandelt werden. Er wird als offener Austausch-, Wahrnehmungs- und Regulationsprozess erfahrbar.
Einfache Übungen des Stehens, Gehens, Gewichtsverlagerns, Hörens, Tastens und Reagierens können zeigen, wie stark Orientierung von Unterschieden und Rückmeldungen abhängt.
Der Körper wird dadurch nicht zum Beweis einer festen Identität, sondern zum unmittelbaren Erfahrungsraum der Abhängigkeit und der 51:49-Regulation.
Sprache, Wörterbücher und Begriffskarten
Die bereits erarbeitete Wort- und Begriffsgeschichte zu eigen, Eigenschaft, Eigentum, scheinen, erscheinen, Tätigkeit, Tat, Tatsache, Kunst, Werk, Substanz, Geist, Umwelt, Subjekt und Objekt bildet ein umfangreiches sprachliches Arbeitsmaterial.
Die Wörter können auf Karten, Tafeln, transparenten Folien oder drehbaren Scheiben angeordnet werden. Besucher verbinden Wortherkunft, heutige Bedeutung, Referenzsystem und Tätigkeitskonsequenz.
Ein Begriff wird dadurch nicht nur definiert. Seine Verwandlungen, Verschiebungen und verdeckten Besitz- oder Geltungsannahmen werden sichtbar.
Die Begriffskarten können nach dem Vier-Ebenen-Modell sortiert und bei Mehrdeutigkeit zwischen den Ebenen bewegt werden. Gerade die Unmöglichkeit, manche Wörter eindeutig nur einer Ebene zuzuordnen, wird zum Gegenstand der Untersuchung.
Globale Schwarmintelligenz und interaktives Buch
Die Plattform Globale Schwarmintelligenz bietet das digitale Arbeitsmaterial, um die analogen Versuche zu dokumentieren, zu vergleichen und weiterzuführen.
Besucher können eine Behauptung eingeben und durch die Prüfarchitektur führen: Ebenenkarte, Geltung und Tragfähigkeit, Konsequenzspur, Kipppunkt und vorläufiges Urteil.
Das interaktive Buch kann verschiedene Antworten nicht einfach sammeln, sondern ihre Referenzsysteme sichtbar machen. Eine Aussage wird danach unterschieden, ob sie auf persönlicher Erfahrung, gesellschaftlicher Geltung, wissenschaftlichem Modell, physikalischer Messung oder organismischer Rückmeldung beruht.
Die digitale Plattform kann dadurch ein langfristiges Trainingsinstrument für Referenzpflicht und Konsequenzwahrnehmung werden.
Künstliche Intelligenz als Gegenleser
Künstliche Intelligenz gehört ebenfalls zum Arbeitsmaterial, jedoch nicht als Wissens- oder Wahrheitsautorität. Sie kann dieselbe Aussage unterschiedlich formulieren, unausgesprochene Voraussetzungen markieren, Gegenfragen stellen und die Verwechslung von Referenzebenen sichtbar machen.
Sie kann beispielsweise prüfen, ob in einem Satz eine rechtliche Geltung wie eine physikalische Eigenschaft behandelt wird oder ob aus einem Modell eine unbegrenzte Wirklichkeitsbehauptung abgeleitet wird.
Damit wird KI zum Gegenleser und Vergleichsinstrument. Sie muss jedoch selbst derselben Referenzpflicht unterliegen. Ihre Antwort ist ein sprachliches Ergebnis, dessen Quellen, Voraussetzungen und mögliche Konsequenzen geprüft werden müssen.
Das Pressearchiv, die Biografie und die Documenta-Bewerbungen
Die rund zweihundert geplanten beziehungsweise gesammelten Pressemeldungen, Ihre biografischen Dokumente, Tagebücher, Fotografien, Einladungskarten und bisherigen Documenta-Bewerbungen bilden ein weiteres Arbeitsmaterial.
Sie können zeigen, wie dasselbe Werk zu unterschiedlichen Zeiten beschrieben, eingeordnet, anerkannt oder übersehen wurde. Dadurch wird sichtbar, dass künstlerische Geltung nicht als Eigenschaft im Werk liegt, sondern durch gesellschaftliche Tätigkeiten erzeugt oder verweigert wird.
Das Archiv kann zu einer Selbstprüfung der Kunstinstitution werden: Unter welchen Begriffen konnte ein Werk wahrgenommen werden? Welche Kategorien machten es unsichtbar? Welche Geltungsmechanismen bestimmten, was als Kunst, Forschung oder gesellschaftlich relevant erschien?
Die vorhandenen Materialien als ein gemeinsames Instrumentarium
Das Arbeitsmaterial lässt sich in vier eng verbundene Funktionen ordnen. Die historischen Werke und Dokumente machen die Entstehung der Forschungskunst sichtbar. Die materiellen Modelle erzeugen unmittelbare Rückmeldungen. Die darstellerischen Verfahren legen Rollen und Geltungen offen. Die digitale Plattform ermöglicht Wiederholung, Vergleich und langfristige Weiterarbeit.
Entscheidend ist, dass kein Werk nur als Beleg der Vergangenheit präsentiert wird. Jedes Material erhält einen gegenwärtigen Prüfauftrag.
Die Wellenmaschine prüft Vorstellung und Wirkung. Die Kartoffel prüft Eigenschaft, Wert und Geltung. Die Schultafel prüft Behauptung und Korrekturbereitschaft. Das Rollentheater prüft Identität und gesellschaftliche Darstellung. Die 24-Stunden-Uhr prüft den menschlichen Zeitmaßstab. Der rote Punkt prüft Interesse und Verbindlichkeit. Der Tapeziertisch prüft gemeinsames Erkennen. Das Malbuch prüft Ergänzung und Selbsttätigkeit. Der Torso prüft starre und plastische Identität. Die Plattform prüft Referenz, Konsequenz und Urteil.
Der neue Werkauftrag
Der Werkanker stellt somit bereits ausreichend Material bereit, um folgende neuen Bedürfnisse praktisch einzuüben: das Bedürfnis nach Referenz, nach genauer Unterscheidung, nach materieller Rückmeldung, nach Korrektur, nach Konsequenzwahrnehmung, nach Passung und nach gemeinsamer Ermittlung.
Die zentrale Neuordnung lautet:
Die vorhandenen Werke werden nicht mehr nur als Ergebnisse eines künstlerischen Lebenswerkes gezeigt. Sie werden zu Werkzeugen, durch die Besucher ihr eigenes Wahrnehmen, Benennen, Darstellen und Tätigwerden als veränderbares Kunstwerk untersuchen können.
Der Werkanker v13.1 kann deshalb auf diesen Satz verdichtet werden:
Wolfgang Fenners Arbeitsmaterial besteht aus Zeitmaßstäben, Körpererfahrungen, Sprach- und Begriffsarbeit, Materialwiderständen, Wasser- und Strömungsprozessen, Rollenhandlungen, Beteiligungsformen, biografischen Spuren und digitalen Vergleichsinstrumenten. Gemeinsam bilden sie eine spielerische Werkstatt, in der aus Erkenntnis neue Gewohnheiten des Referenzierens, Prüfens, Korrigierens und verantwortlichen Tätigwerdens entstehen können.
Eintausend Tapeziertische und das globale Dorf Die Eintausend Tapeziertische von 1993 bilden ein räumliches und gesellschaftliches Grundmaterial für das globale Dorf. Der Tapeziertisch ist kein feierlicher Kunstsockel. Er ist ein einfacher, mobiler Arbeits-, Austausch- und Verhandlungstisch.Ich müsste dieses Problem eigentlich mit den Smartphones der Besucher lösen. Oder eben Laptops, die dann in der, im Atelier der Soheitsgesellschaft und so weiter aufgebaut werden.
Die „Eintausend Tapeziertische“ müssen heute nicht mehr als tausend physisch aufgestellte Tische wiederholt werden. Ihr räumliches Prinzip kann durch die Smartphones und Laptops der Besucher in eine verteilte digitale Arbeitsstruktur übersetzt werden.
Eintausend digitale Tapeziertische und das globale Dorf
Die „Eintausend Tapeziertische“ von 1993 bilden weiterhin ein wesentliches räumliches und gesellschaftliches Grundmodell des globalen Dorfes. Der Tapeziertisch war kein feierlicher Kunstsockel, sondern ein einfacher, beweglicher Arbeits-, Austausch- und Verhandlungstisch. Jeder Tisch konnte eine Frage, ein Wissen, eine Erfahrung, ein Interesse oder eine gemeinsame Tätigkeit aufnehmen.
Für das Soheits-Atelier muss dieses Prinzip nicht durch die erneute Aufstellung von eintausend materiellen Tapeziertischen verwirklicht werden. Die Smartphones der Besucher sowie ergänzend bereitgestellte Laptops können zu eintausend digitalen Tapeziertischen werden.
Jedes Smartphone bildet dabei keine private Bildschirmfläche, sondern einen vorübergehenden Arbeitsort innerhalb eines gemeinsamen Ateliers. Der Besucher öffnet über einen QR-Code oder eine Webanwendung einen digitalen Tisch und entscheidet, mit welcher Frage, welchem Begriff, welchem Werk oder welchem gesellschaftlichen Problem er sich beschäftigen will.
Der digitale Tapeziertisch kann zunächst eine Ausgangsfrage aufnehmen:
Was erscheint hier als selbstverständlich?
Welche Eigenschaft wird behauptet?
Innerhalb welchen Referenzsystems gilt diese Aussage?
Welche Tätigkeit folgt daraus?
Welche materiellen, organismischen, gesellschaftlichen und planetaren Konsequenzen entstehen?
Welche Rückmeldung könnte die Aussage korrigieren?
Der Besucher kann Texte, Bilder, Fotografien, Tonaufnahmen, Zeichnungen, Beobachtungen oder Gegenfragen einbringen. Das Smartphone wird dadurch vom Konsum-, Ablenkungs- und Selbstdarstellungsgerät zu einem Werkzeug der Wahrnehmung, Ermittlung und gemeinsamen Forschung.
Die einzelnen digitalen Tische bleiben nicht voneinander isoliert. Sie werden auf einer großen Projektion, Wandkarte oder digitalen Atelierübersicht sichtbar miteinander verbunden. Besucher können erkennen, an welchen Fragen andere arbeiten, welche Begriffe mehrfach auftreten und wo sich gemeinsame Interessen, Widersprüche oder Ergänzungen ergeben.
Der rote Punkt kann in diese Struktur übernommen werden. Er bezeichnet dann nicht mehr den Verkauf eines Kunstwerkes, sondern ein persönliches Forschungsinteresse. Der Besucher setzt seinen roten Punkt auf einen digitalen Tisch und macht damit sichtbar, womit er sich beschäftigen, woran er mitarbeiten oder mit wem er in Austausch treten will.
Auf diese Weise entsteht ein bewegliches Plexusgewebe aus Fragen, Personen und Tätigkeiten. Das globale Dorf wird nicht nur dargestellt, sondern für die Dauer des Besuches praktisch hergestellt.
Smartphones als Teil des Prüfgegenstandes
Die Smartphones sind dabei nicht nur technische Hilfsmittel. Sie gehören selbst zum Gegenstand der Forschungskunst.
Das Gerät erscheint dem Benutzer als persönliches Eigentum, Kommunikationsmittel und Zugang zur Welt. Zugleich beruht es auf Rohstoffabbau, Energieverbrauch, globaler Arbeitsteilung, Datenerfassung, industrieller Produktion, Transportwegen, Softwareplattformen und späterer Entsorgung.
Der Besucher arbeitet daher mit einem Gegenstand, dessen eigene Konsequenzgeschichte geprüft werden kann. Der digitale Tapeziertisch kann jederzeit auf das verwendete Gerät selbst zurückgeführt werden:
Woher stammen seine Materialien?
Unter welchen Arbeitsbedingungen wurde es hergestellt?
Welche Energie und Infrastruktur benötigt es?
Welche Aufmerksamkeit bindet es?
Welche Daten erzeugt es?
Welche Rolle spielt es bei der Darstellung des eigenen Ichs?
Was geschieht nach seinem Gebrauch?
Dadurch wird das Smartphone nicht einfach zum modernen Ersatz des Tapeziertisches. Es wird zugleich Werkzeug, Gegenstand und Beweisstück der Untersuchung.
Analoge und digitale Arbeitsplätze
Im Soheits-Atelier können einige reale Tapeziertische als gemeinschaftliche Arbeitsstationen erhalten bleiben. Auf ihnen befinden sich Laptops, Materialien, Werkzeuge, Schultafeln, Karten, Wasser- und Strömungsmodelle oder Gegenstände aus dem Werkarchiv.
Die physischen Tische bilden gemeinsame Treffpunkte. Die Smartphones erweitern diese räumlich begrenzten Arbeitsplätze auf sämtliche Besucher.
Der Unterschied zwischen analogem und digitalem Tisch bleibt sichtbar. Der physische Tisch bietet Material, Gewicht, Abstand, Berührung und unmittelbaren Widerstand. Der digitale Tisch ermöglicht Verknüpfung, Dokumentation, Vergleich und Weiterarbeit über den Ausstellungsraum hinaus.
Beide dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die digitale Tätigkeit muss immer wieder auf körperliche, materielle und soziale Referenzen zurückgeführt werden. Eine Eingabe auf dem Bildschirm ersetzt nicht die Begegnung mit Material, anderen Menschen und realen Konsequenzen.
Das Soheits-Atelier als verteilte Werkstatt
Das Soheits-Atelier besteht damit nicht aus einem zentralen Kunstwerk, das von vielen Menschen betrachtet wird. Es wird zu einer verteilten Werkstatt, in der jeder Besucher vorübergehend einen eigenen Arbeitstisch eröffnet und diesen zugleich mit einem gemeinsamen Untersuchungsraum verbindet.
Die „Eintausend Tapeziertische“ werden auf diese Weise nicht historisch nachgebaut, sondern in die gegenwärtige Kommunikationswirklichkeit übertragen.
Aus eintausend physischen Tischen werden potenziell tausende mobile Arbeitsplätze.
Aus dem einzelnen Betrachter wird ein beteiligter Forschungskünstler.
Aus dem Smartphone als privatem Eigentums- und Konsumgerät wird ein öffentliches Referenz-, Prüf- und Verbindungsinstrument.
Der neue Kernsatz lautet:
Die Smartphones und Laptops der Besucher bilden die heutigen Tapeziertische des globalen Dorfes. Jeder Bildschirm wird zu einem vorübergehenden Arbeitsort, an dem eine Behauptung, ein Begriff, eine Tätigkeit oder eine Konsequenz untersucht und mit den Arbeiten anderer Besucher verbunden wird. Das Soheits-Atelier verwandelt dadurch private Endgeräte in ein gemeinsames, analog und digital verbundenes Plexusgewebe der Forschungskunst.
Die Neufassung ist auf das aktuell veröffentlichte künstlerische Team um Naomi Beckwith ausgerichtet. Die documenta 16 findet vom 12. Juni bis 19. September 2027 statt; der Bereich „Mediation, Interpretation and Programming“ wird als elementarer Bestandteil des künstlerischen Konzepts bezeichnet. Das bietet einen unmittelbaren Anknüpfungspunkt für das Soheits-Atelier als öffentliche Lern-, Beteiligungs- und Prüfarchitektur.
