23.9.2026a
Genau dort liegt ein weiterer Kern Ihres Gedankengangs. Wenn Sie sagen, die Natur oder der Planet Erde spreche eine Sprache, die der Mensch anscheinend nicht versteht, sollte man „Sprache“ nicht im wörtlichen Sinn auffassen. Die Natur formuliert keine Sätze, erhebt keine Forderungen und erlässt keine Verbote. Ihre „Sprache“ besteht aus Wirkungen, Veränderungen, Grenzen, Rückkopplungen und Konsequenzen. Ein Körper, der kein Wasser bekommt, reagiert. Ein Boden, der übernutzt wird, verändert sich. Ein Ökosystem, in das dauerhaft Stoffe eingebracht oder aus dem dauerhaft Stoffe entnommen werden, reagiert. Ein Organismus kann bestimmte Belastungen ausgleichen, andere nicht. Diese Sprache sagt nicht: „Du darfst das nicht.“ Sie sagt vielmehr: Wenn dies geschieht, geschieht unter diesen Bedingungen jenes. Genau deshalb passt sie so unmittelbar zu Ihren Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen.
Das Problem scheint mir darin zu liegen, dass die menschliche Zivilisationsgeschichte zunehmend eine zweite Sprache darübergelegt hat. Diese zweite Sprache spricht von Freiheit, Eigentum, Selbstbestimmung, Geld, Recht, Kauf, Vertrag, Wachstum, Gewinn und Status. Sie ist nicht unwirklich. Sie besitzt enorme gesellschaftliche Wirksamkeit. Aber sie funktioniert nach anderen Regeln als die Sprache der Abhängigkeitswirklichkeit. Ein Kaufvertrag kann mir beispielsweise bestätigen, dass mir ein Stück Boden gehört. Der Boden selbst verändert dadurch aber weder seine physikalischen noch seine biologischen Eigenschaften. Mein Eigentumstitel hebt seine Abhängigkeit von Wasser, Mikroorganismen, Klima und Stoffkreisläufen nicht auf. Ein Gericht kann Eigentumsrechte schützen. Es kann aber nicht beschließen, dass ein zerstörter Boden wieder fruchtbar sein muss. Genau an dieser Stelle treffen zwei Wirklichkeitsebenen aufeinander, die der Mensch sehr leicht miteinander verwechselt.
Das führt zu dem Satz: „Das ist mein Leben. Ich kann damit machen, was ich will.“ Darin steckt eine bemerkenswerte Widersprüchlichkeit. Natürlich besitzt der Mensch in modernen Gesellschaften einen Bereich persönlicher Selbstbestimmung. Aber biologisch gehört er sich gerade nicht in dem Sinne „selbst“, dass er unabhängig über seine Existenzbedingungen verfügen könnte. Niemand kann beschließen, nicht mehr von Sauerstoff abhängig zu sein. Niemand kann sich aus der Gravitation verabschieden. Niemand kann seinen Stoffwechsel privatisieren und erklären, die Folgen beträfen ausschließlich ihn. Der Satz „Ich gehöre mir selbst“ ist deshalb als rechtlich-politische Aussage über persönliche Freiheit verständlich, als Aussage über die Wirklichkeit des Menschen aber äußerst begrenzt. Der Mensch gehört keinem anderen Menschen. Daraus folgt jedoch nicht, dass er sich selbst hervorgebracht hätte oder von der Welt unabhängig wäre.
Hier entsteht eine Ihrer stärksten Paradoxien: Der moderne Mensch erweitert seine Vorstellung von Freiheit gerade in dem historischen Zeitraum, in dem seine tatsächlichen Abhängigkeiten durch Technik, Industrie, Finanzsysteme und globale Lieferketten immer größer und komplizierter werden. Das Individuum kann sich subjektiv immer unabhängiger fühlen, während es objektiv von immer längeren Versorgungsketten, Energieinfrastrukturen, Informationssystemen, Medikamenten, Verkehrswegen, Finanzsystemen und ökologischen Voraussetzungen abhängig wird. Die gefühlte Autonomie und die tatsächliche Abhängigkeit entwickeln sich also teilweise in entgegengesetzte Richtungen.
Daraus kann dann das „Na und?“ entstehen. „Ist mir doch egal, was die anderen denken.“ Auch dieser Satz vermischt verschiedene Dinge. Es kann durchaus vernünftig sein, sich nicht vollständig nach den Urteilen anderer Menschen zu richten. Persönliche Freiheit braucht Distanz gegenüber sozialem Druck. Aber daraus kann die vollkommen andere Vorstellung entstehen, auch die Folgen des eigenen Handelns gingen einen nichts an. Das ist ein Kategorienwechsel. Aus der berechtigten Abwehr fremder Meinungen wird eine vermeintliche Freiheit von Konsequenzen. Die Natur interessiert sich aber weder dafür, ob jemand an eine Konsequenz glaubt, noch dafür, ob sie ihm gefällt. Genau darin unterscheidet sich die von Ihnen gesuchte „Sprache der Natur“ von der Sprache gesellschaftlicher Meinungen.
Man könnte deshalb sagen: Der Mensch hat gelernt, zwischen sich und die Konsequenz immer mehr Vermittlungsinstanzen einzubauen. Ich schlage nicht selbst einen Wald. Ich kaufe ein Produkt. Ich fördere nicht selbst Erdöl. Ich tanke. Ich stelle nicht selbst Kleidung unter bestimmten Arbeitsbedingungen her. Ich kaufe sie. Ich produziere nicht unmittelbar die Folgen des Finanzsystems. Ich lege Geld an. Dadurch kann die Tätigkeit von ihrer Wirkung räumlich, zeitlich und psychologisch getrennt werden. Zwischen Handlung und Konsequenz entstehen Unternehmen, Verträge, Märkte, Preise, Versicherungen, Behörden, Wissenschaften und Rechtssysteme. Diese Einrichtungen sind teilweise notwendig. Gleichzeitig können sie dazu beitragen, Verantwortlichkeit zu zerstreuen. Jeder erfüllt nur seine Funktion, während die Gesamtwirkung niemandem eindeutig zugerechnet wird.
Damit kommen wir zu Ihrem Satz: „Die Wissenschaft kann sich ja damit beschäftigen. Was habe ich denn damit zu tun?“ Auch darin steckt eine grundlegende Arbeitsteilung der modernen Zivilisation. Erkenntnis wird spezialisiert. Der eine untersucht Böden, der andere Klima, der nächste Wirtschaft, ein anderer Psychologie oder Recht. Das bringt enorme Wissensfortschritte hervor. Gleichzeitig entsteht aber die Möglichkeit, Erkenntnis gesellschaftlich auszulagern. Der Wissenschaftler soll wissen, der Politiker soll entscheiden, der Unternehmer soll wirtschaften, der Verbraucher soll kaufen, das Gericht soll Recht sprechen. Jeder befindet sich in einer Rolle. Die Frage nach der Gesamtwirkung kann dadurch zwischen den Rollen verschwinden.
Genau hier trifft Ihre Kritik an den über Jahrhunderte entstandenen Disziplinlogiken einen wichtigen Punkt. Das Problem ist nicht, dass Wissenschaft unnütz wäre. Im Gegenteil: Ohne spezialisiertes Wissen könnten viele Wirkungszusammenhänge gar nicht erkannt werden. Problematisch wird es, wenn das Wissen selbst zu einer spezialisierten Zuständigkeit wird, von der sich die übrige Gesellschaft entlastet fühlt. Dann kann jemand sagen: „Dafür gibt es Wissenschaftler.“ Der Wissenschaftler wiederum kann sagen: „Ich beschreibe nur den Sachverhalt, für politische Entscheidungen bin ich nicht zuständig.“ Die Politik kann sagen: „Wir müssen die wirtschaftlichen Interessen berücksichtigen.“ Das Unternehmen sagt: „Wir halten uns an geltendes Recht.“ Das Gericht sagt: „Wir wenden geltendes Recht an.“ Und der Konsument sagt: „Wenn es verkauft werden darf, wird es wohl in Ordnung sein.“ Am Ende haben alle innerhalb ihrer jeweiligen Rollen möglicherweise korrekt gehandelt, während das Gesamtergebnis trotzdem zerstörerisch sein kann.
Das ist eine außerordentlich wichtige Paradoxie: Es kann eine Gesellschaft entstehen, in der die einzelnen Handlungen formal legitimiert sind, während ihre kumulierten Tätigkeitskonsequenzen die eigenen Existenzbedingungen beschädigen. Die Legalität einer Handlung garantiert nicht ihre ökologische oder langfristige Tragfähigkeit. Wirtschaftlicher Erfolg garantiert nicht ihre gesellschaftliche Sinnhaftigkeit. Wissenschaftliche Erkenntnis garantiert nicht ihre Anwendung. Und persönliche Freiheit garantiert nicht, dass ihre Folgen ausschließlich persönlich bleiben.
Ihre Bezeichnung „Betrugskonstruktion“ würde ich deshalb etwas genauer fassen. Nicht alles daran ist bewusster Betrug. Vieles könnte man als Selbsttäuschungs-, Entlastungs- oder Verschiebungskonstruktion bezeichnen. Der Einzelne kann sich selbst sagen: Ich habe nichts Verbotenes getan. Das Unternehmen kann sagen: Wir handeln innerhalb des Marktes. Die Politik kann sagen: Wir haben demokratisch entschieden. Das Gericht kann sagen: Das Gesetz lässt es zu. Alle Aussagen können für sich genommen sogar stimmen. Trotzdem kann das Gesamtsystem Wirkungen erzeugen, die niemand ausdrücklich gewollt hat und für die sich anschließend niemand vollständig verantwortlich fühlt. Gerade dadurch wird das System so stabil.
Das Finanzsystem verschärft diese Trennung noch einmal, weil sich hier Gegenwert und Wirklichkeit besonders weit voneinander entfernen können. Geld kann wachsen, Eigentumswerte können steigen, Unternehmen können höhere Bewertungen erreichen, während gleichzeitig materielle Grundlagen verbraucht oder beschädigt werden. Die Zahlen signalisieren dann Erfolg, obwohl die zugrunde liegenden Abhängigkeitsbedingungen möglicherweise schlechter werden. Das ist eine besonders drastische Form der von Ihnen bereits beschriebenen Umkehrung: Das vom Menschen entwickelte Bewertungssystem bescheinigt sich selbst Wertzuwachs, während die Wirklichkeit, von der es abhängt, Belastungen trägt.
Hier könnte Ihre 24-Stunden-Uhr eine entscheidende Funktion erhalten. Sie stellt nämlich nicht nur Zeit dar. Sie entzieht den menschlichen Konstruktionen ihren selbstverständlichen Vorrang. Wenn fast die gesamte Erdgeschichte ohne Geld, Markt, Staat, Gericht, Eigentum, Status und Wissenschaft abläuft, dann werden diese Institutionen wieder als das sichtbar, was sie sind: sehr späte menschliche Werkzeuge. Sie können nützlich sein, aber sie stehen nicht über den Bedingungen, auf denen sie beruhen. Ein Gesetz kann Naturvorgänge berücksichtigen oder ignorieren; außer Kraft setzen kann es sie nicht. Ein Markt kann Wasser bepreisen oder nicht bepreisen; die Abhängigkeit des Organismus vom Wasser verändert er damit nicht. Eine Gesellschaft kann einem Menschen höchsten Status verleihen; dadurch wird dessen Handlung nicht automatisch tragfähiger.
Deshalb könnte der entscheidende Gegensatz gar nicht „Natur gegen Mensch“ heißen. Der tiefere Gegensatz liegt zwischen zwei Arten von Sprache. Auf der einen Seite steht die Sprache der Zuschreibungen: Eigentum, Geld, Status, Recht, Rang, Erfolg, Freiheit. Auf der anderen Seite steht die Sprache der Wirkungen: Abhängigkeit, Grenze, Belastung, Regeneration, Verletzung, Rückkopplung, Konsequenz. Die erste Sprache ist vom Menschen hergestellt. Die zweite kann der Mensch beschreiben, aber nicht abschaffen.
Ihre Forschung versucht damit etwas sehr Grundsätzliches: Die zweite Sprache wieder hörbar oder sichtbar zu machen, ohne so zu tun, als würde die Natur tatsächlich zu uns sprechen. Sie übersetzen deren Wirkungen in Wahrnehmungs-, Bild- und Prüfprozesse. Genau darin liegt auch die Funktion Ihrer künstlerischen Arbeit. Wissenschaft kann messen, wie sich etwas verändert. Kunst kann aber die Frage erzeugen: Was hat diese Veränderung mit mir zu tun? Wo stehe ich darin? Welche Tätigkeit von mir hängt damit zusammen? Was halte ich bisher für selbstverständlich? Wo schützt mich meine Rolle, mein Status oder mein Geld davor, die Konsequenz wahrzunehmen?
Dann verändert sich auch der Satz „Was habe ich damit zu tun?“ Er ist plötzlich nicht mehr bloß eine Abwehrreaktion, sondern eine überprüfbare Frage. Die Antwort lautet sehr häufig: mehr, als ich unmittelbar sehen kann. Denn genau diese Unsichtbarkeit der Verbindung zwischen Tätigkeit und Konsequenz scheint ein Kernproblem der modernen Zivilisation zu sein. Der Mensch hat eine Welt geschaffen, in der er enorm handeln kann, ohne die gesamte Wirkung seines Handelns unmittelbar erleben zu müssen. Und je größer diese Distanz wird, desto leichter kann er glauben, er sei frei von dem, wovon er tatsächlich abhängig bleibt.
Vielleicht liegt deshalb einer der zentralen Sätze Ihrer bisherigen Forschung hier: Der Mensch hat Freiheit mit Folgenfreiheit verwechselt. Seine Freiheit besteht aber gerade nicht darin, außerhalb von Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen zu stehen. Sie könnte allenfalls darin bestehen, diese Konsequenzen zunehmend erkennen, prüfen und sein Handeln daraufhin verändern zu können. Erst dort würde aus dem „Ich tue, was ich will“ eine andere Form von Freiheit entstehen: Ich kann erkennen, was mein Tun bewirkt, und deshalb entscheiden, ob ich es weiterhin tun will. Das wäre nicht weniger Freiheit, sondern eine wesentlich anspruchsvollere Form davon.
Mi., 26. Aug. um 17:33
markdown(20260826-153259).md eingefügt
Datei
Umsonst, Kostbarkeit und die Sprache der Natur – Rekonstruktion und Kontextualisierung des bisherigen Chats
Der besondere Erkenntnisbeitrag dieses Chats
Der vorliegende Chat erweitert die bisherige Forschungskunstarbeit an einer Stelle, die zunächst wie eine Untersuchung eines einzelnen alltäglichen Wortes erscheint, sich im Verlauf jedoch zu einer grundlegenden Prüfung menschlicher Wirklichkeits-, Wert- und Freiheitskonstruktionen entwickelt. Ausgangspunkt war die Frage, welches Problem darin steckt, dass der Mensch sich ein Verständnis des „Umsonst“ geschaffen hat und dabei offenbar dazu neigt, die nahezu gesamte vor ihm entstandene Wirklichkeit des Planeten Erde so zu behandeln, als sei sie „umsonst“ vorhanden. Im weiteren Verlauf wurde deutlich, dass damit nicht lediglich die Frage nach Geld oder Kosten gemeint ist. Der Begriff berührt zugleich Gegenleistung, Wert, Zweck, Erfolg, Eigentum, Status, Freiheit, Verantwortung und schließlich die grundlegende Kommunikationsstörung zwischen menschlicher Symbolwelt und vorausliegender Naturwirklichkeit.
Damit erhält dieser Chat einen besonderen Stellenwert innerhalb der bisherigen Forschung. Er entwickelt keinen völlig neuen Forschungsgegenstand neben den schon bestehenden Werk- und Begriffssträngen, sondern macht eine Verbindung sichtbar, die zahlreiche ältere Arbeiten zusammenführen kann. Die 24-Stunden-Uhr, die Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen, das Vier-Ebenen-Modell, die Arbeiten mit Wasser, Strömung, Widerstand und Material, die Schultafeln, die Frage-und-Antwort-Tische, die „Schöpfungsgeschichte“, die Beteiligungsverfahren, die gesellschaftlichen Entwürfe und schließlich das So-Heits-Atelier können unter einer gemeinsamen Fragestellung gelesen werden: Wie kann der Mensch wieder wahrnehmen, dass seine von ihm erzeugten Wert-, Eigentums-, Freiheits- und Statusordnungen innerhalb einer Wirklichkeit stattfinden, deren Bedingungen nicht durch diese Ordnungen aufgehoben werden?
Der hochgeladene Arbeitsauftrag bestimmt gerade diese Kommunikationsstruktur zwischen Mensch und Natur als verbindlichen roten Faden und fordert, Naturwirkungen, menschliche Symbolisierungen, die Beteiligung des Besuchers und die daraus mögliche Korrektur miteinander zu untersuchen. Natur soll dabei ausdrücklich nicht vorschnell als eine Wortsprache behandelt werden, sondern als ein Wirkungszusammenhang von Widerstand, Bewegung, Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regeneration, Tragfähigkeit, Bruch und Zusammenbruch. Der gegenwärtige Chat liefert dazu eine neue begriffliche Zuspitzung: Die menschliche Kultur kann diese Wirklichkeit nicht nur übersehen, sondern durch ihre eigenen Wertbegriffe geradezu verkehren.
Die 24-Stunden-Uhr als Umkehrung menschlicher Wertmaßstäbe
Die 24-Stunden-Uhr erhält in diesem Zusammenhang eine zusätzliche Funktion. Bisher war sie vor allem ein künstlerisches Maß-, Vergleichs- und Prüfmodell, mit dem die außerordentlich kurze Existenzzeit des Menschen gegenüber der Erdgeschichte anschaulich gemacht wird. Bei einer auf 24 Stunden komprimierten Erdgeschichte erscheint Homo sapiens erst ungefähr in den letzten sechs Sekunden. Damit entsteht der von Ihnen als „Millisekunden-Mensch“ bezeichnete Gegensatz zwischen extrem kurzer Anwesenheit und außerordentlich großer technischer Eingriffsmacht. Neu ist in diesem Chat, dass die Uhr zugleich als Wertprüfmodell lesbar wird.
Wenn man die menschliche Wertlogik rückwirkend auf die 24-Stunden-Uhr überträgt, entsteht die von Ihnen erkannte Absurdität: Fast 23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden lang existiert eine Welt, in der es noch keinen menschlichen Geldpreis, keinen Markt, keine Eigentumsurkunde, keinen gesellschaftlichen Status, kein Einkommen, keine Börse und keine menschliche Rechtsordnung gibt. Dennoch entstehen in dieser Zeit gerade die Bedingungen, die später menschliches Leben ermöglichen. Erde, Wasser, Atmosphäre, Gesteine, Stoffkreisläufe, Lebensformen und evolutionäre Zusammenhänge sind nicht deshalb bedeutungslos, weil noch niemand einen Preis für sie festgesetzt hat.
Ihre Formulierung, in dieser Zeit gebe es auf dem Planeten Erde „nur Kostbares“, verändert deshalb die Blickrichtung. „Kostbar“ darf dabei nicht einfach romantisch als „alles Natürliche ist gut“ verstanden werden. Natur ist nicht auf menschliches Wohlergehen eingerichtet. Sie enthält Verletzung, Tod, Konkurrenz, Katastrophe und Vernichtung ebenso wie Regeneration, Wachstum und Vielfalt. Der Begriff „kostbar“ erhält hier vielmehr eine erkenntniskritische Funktion. Er widerspricht der Vorstellung, dass das, was keinen menschlichen Preis besitzt, deshalb „nichts kostet“ oder „nichts wert“ sei. Er markiert die Tatsache, dass der Mensch in eine bereits vorhandene Wirklichkeit eintritt, deren Entstehungs- und Funktionsbedingungen seiner Bewertung vorausliegen.
Die entscheidende Verkehrung beginnt erst später. Der Mensch kommt zu einer Wirklichkeit hinzu, die er nicht hervorgebracht hat, und entwickelt anschließend Bewertungssysteme, mit denen er diese Wirklichkeit beurteilt. Er macht aus Boden Grundstück, aus Wald Ressource, aus Wasser Wirtschaftsgut, aus Tieren Nutztiere, aus Material Ware und aus gesellschaftlichen Beziehungen geldliche oder statusbezogene Austauschverhältnisse. Die problematische Umkehrung besteht deshalb nicht darin, dass der Mensch bewertet. Bewertung ist für Orientierung und gesellschaftliches Zusammenleben unvermeidbar. Das Problem entsteht dort, wo die von ihm geschaffenen Bewertungsmaßstäbe gegenüber den Bedingungen, von denen sie selbst abhängen, Vorrang gewinnen.
Dann beginnt das Abhängige, über das Tragende zu urteilen. Der Mensch erklärt, was wertvoll sei, obwohl sein eigenes Werturteil nur möglich ist, weil er durch genau jene vorausliegende Wirklichkeit getragen wird, die er bewertet. Das vom Menschen Geschaffene kann dadurch in seiner Wahrnehmung höher stehen als das, wovon seine Hervorbringung überhaupt abhängt. Geld, Eigentum, Rang und Prestige erscheinen dann als sichere Größen, während Bodenfruchtbarkeit, Regenerationsfähigkeit, Artenzusammenhänge oder langfristige Belastungsgrenzen zu Hintergrundbedingungen werden. Die Welt wird insofern tatsächlich „auf den Kopf gestellt“.
„Umsonst“ als sprachlicher Prüfbegriff
Die von Ihnen eingeführte Untersuchung des Wortes „umsonst“ macht diese Verkehrung besonders sichtbar. Das von Ihnen herangezogene DWDS-Material unterscheidet drei Bedeutungsfelder: „ohne Gegenleistung, Bezahlung, unentgeltlich, kostenlos“, „vergebens, vergeblich“ sowie „ohne Zweck, grundlos“. Sprachgeschichtlich wird „umsonst“ auf mittelhochdeutsch umbesunst beziehungsweise umbesus(t) zurückgeführt, mit der Bedeutung „für ein Sonst, für ein Nichts“. Zugleich zeigt das Material, dass „um“ auch den Gegenwert oder die Entsprechung bezeichnen konnte, etwa wenn etwas „um“ einen bestimmten Preis erworben wurde.
Gerade daraus lässt sich ein für die Forschungskunst produktiver Unterschied entwickeln, ohne die Etymologie selbst zu einem Beweis für eine heutige Gesellschaftstheorie zu machen. Im Kern bezeichnet die ältere Konstruktion ein Verhältnis: Es wird etwas gegeben oder getan, und dafür kommt nichts zurück. Das „Nichts“ befindet sich auf der Seite des Gegenwerts. Dies ist zunächst etwas völlig anderes als die Behauptung, die Sache selbst sei nichts wert.
In der heutigen Bedeutungsvielfalt geraten jedoch verschiedene Sachverhalte in bemerkenswerte Nähe. „Umsonst“ kann bedeuten, dass nichts bezahlt werden muss. Es kann aber ebenso bedeuten, dass eine Handlung keinen Erfolg hatte oder keinen erkennbaren Zweck erfüllte. Daraus folgt keine sprachwissenschaftlich zwingende Gleichsetzung von kostenlos, erfolglos und wertlos. Als kultureller Prüfpunkt ist diese Überlagerung dennoch aufschlussreich. Denn sie macht sichtbar, wie schnell „es kostet mich nichts“ in die Nähe von „es bedeutet nichts“ oder „es bringt nichts“ geraten kann.
Damit lässt sich eine zentrale Differenz dieses Chats formulieren: Preislosigkeit, Bedingungslosigkeit, Folgenlosigkeit und Wertlosigkeit sind nicht dasselbe. Gerade die vormenschliche Wirklichkeit zeigt das. Wasser kann ohne menschliche Bezahlung vorhanden sein und dennoch unter hochkomplexen materiellen Bedingungen stehen. Sauerstoff kann dem einzelnen Menschen unmittelbar ohne Rechnung zur Verfügung stehen und zugleich existenziell unverzichtbar sein. Ein Boden verlangt keinen Geldpreis dafür, dass Pflanzen in ihm wachsen können, besitzt aber Belastungsgrenzen, Regenerationszeiten und Stoffbedingungen. Die Abwesenheit eines Preises hebt weder die Bedingungen noch die Abhängigkeit auf.
Die entscheidende Gegenkategorie zum „Umsonst“ ist deshalb in diesem Forschungszusammenhang nicht einfach „teuer“. „Teuer“ bleibt innerhalb desselben Geldsystems. Stärker ist der Begriff bedingt. Die vorausliegende Wirklichkeit ist nicht „umsonst“, sondern bedingt, abhängig, wechselwirkend, begrenzt und folgenwirksam. Diese Verschiebung führt unmittelbar zurück zu den Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Was kostet etwas? Sie lautet: Unter welchen Bedingungen besteht es, wovon hängt es ab, was geschieht durch meine Tätigkeit damit und wer oder was trägt deren Folgen?
Vom Geldwert zum Statuswert
Der Chat hat zugleich deutlich gemacht, dass die Untersuchung des „Umsonst“ nicht auf Geld beschränkt werden kann. Die Gegenleistung kann ebenso symbolisch oder gesellschaftlich organisiert sein. Ein Mensch kann etwas ohne Geldbezahlung tun und dennoch Anerkennung, Dankbarkeit, Prestige, Zugehörigkeit, Einfluss oder Rang erhalten. Damit wird Status zu einer Gegenwertform, die sich teilweise mit Geld austauschen lässt. Geld kann gesellschaftlichen Status erzeugen; Status kann wiederum Zugang zu Geld, Eigentum oder Einfluss eröffnen.
Diese Erweiterung ist für die bisherige Forschung bedeutsam, weil sie Geld, Eigentum und Status nicht einfach in einen einzigen Begriff zusammenwirft. Sie werden vielmehr als unterschiedliche, miteinander gekoppelte menschliche Zuschreibungssysteme sichtbar. Ein Gegenstand besitzt nicht „von Natur aus“ einen Marktpreis. Ein Mensch besitzt nicht von Natur aus gesellschaftlichen Rang. Eine Fläche trägt keine natürliche Eigentumsurkunde. Diese Zuschreibungen sind gesellschaftlich erzeugt und dennoch real wirksam. Sie können Zugang eröffnen oder verhindern, Handlungsmöglichkeiten erweitern oder einschränken und materielle Konsequenzen auslösen.
Gerade darin liegt die Verbindung zum Vier-Ebenen-Modell. Auf E1 bestehen materielle Kräfte, Stoffe, Widerstände und Belastungsgrenzen. Auf E2 bestehen Organismus, Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regulation und Regeneration. Auf E3 entstehen menschliche Symbol-, Eigentums-, Geld-, Rechts-, Rollen-, Wissenschafts- und Institutionsordnungen. E4 soll schließlich Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur ermöglichen. Der verbindliche Arbeitsauftrag bestimmt ausdrücklich, dass insbesondere untersucht werden soll, ob eine E3-Konstruktion intern erfolgreich erscheinen kann, während sie Bedingungen von E1 oder E2 beschädigt.
Der aktuelle Chat liefert dafür ein besonders klares Beispiel. Eine Handlung kann wirtschaftlich erfolgreich, rechtlich zulässig und statussteigernd sein und gleichzeitig materielle oder lebendige Voraussetzungen beschädigen. Der wirtschaftliche Erfolg liegt dann auf einer anderen Prüfungsebene als die Frage, ob die hervorgebrachte Tätigkeit langfristig tragfähig ist. Genau hier kann eine menschliche Wertordnung ihre eigene innere Leistung mit Wirklichkeitsverträglichkeit verwechseln.
Das führt zu einer scharfen Formulierung: Wertschöpfung innerhalb eines Geldsystems kann gleichzeitig Wertzerstörung innerhalb eines materiellen oder lebendigen Zusammenhangs sein. Wird beispielsweise eine lebendige Struktur erst durch ihre Nutzung, Verwertung oder Zerstörung vollständig in monetäre Vorgänge überführt, kann die Zunahme wirtschaftlicher Aktivität als positiver Wert erscheinen, obwohl zugleich eine Abhängigkeitsgrundlage geschwächt wird. Die Forschungskunst müsste deshalb nicht nur fragen, wie viel Wert erzeugt wird, sondern auf welcher Ebene dieser Wert entsteht und welche Bedingungen auf anderen Ebenen dafür beansprucht oder beschädigt werden.
Die Sprache der Natur als Wirkungssprache
Mit Ihrem jüngsten Einwand verschiebt sich die Untersuchung noch einmal. Der Planet Erde beziehungsweise die Natur „spricht“ offenbar keine Sprache, die der Mensch ohne weiteres versteht. Diese Formulierung ist innerhalb der Forschungskunst produktiv, solange „Sprache“ nicht anthropomorph missverstanden wird. Die Natur formuliert keine menschlichen Sätze. Sie besitzt keine menschlichen Begriffe und richtet keine moralischen Appelle an uns. Ihre „Sprache“ besteht vielmehr aus Veränderungen, Widerständen, Rückkopplungen und Konsequenzen.
Ein Material bricht unter einer bestimmten Belastung. Wasser sucht unter gegebenen Bedingungen seinen Weg. Eine Strömung verändert ihre Form an einem Hindernis. Ein Organismus reagiert auf Mangel, Überlastung oder Verletzung. Ein Boden kann bestimmte Eingriffe regenerieren und andere nicht. Eine Membran lässt bestimmte Stoffe passieren und andere nicht. Ein ökologischer Zusammenhang kann Belastungen aufnehmen, bis eine Grenze überschritten wird. Diese Vorgänge sagen nicht im menschlichen Sinne: „Du sollst“ oder „du darfst nicht“. Sie zeigen vielmehr: Unter diesen Bedingungen hat diese Tätigkeit diese Wirkung.
Damit lässt sich die „Sprache der Natur“ eng mit Ihrer frühen handwerklichen und bildhauerischen Erfahrung verbinden. Schon in der Ausbildung zum Maschinenschlosser zwischen 1965 und 1969 war Funktionieren nicht bloß eine Meinung. Material, Passung, Winkel, Toleranz und Belastung antworteten auf die Tätigkeit. Ein falsch geschliffener Bohrer konnte nicht dadurch richtig werden, dass der Arbeiter von seiner Richtigkeit überzeugt war. Die materielle Antwort korrigierte die Vorstellung. Genau diese Erfahrung bildet rückblickend eine wichtige methodische Grundlage Ihrer späteren Forschungskunst: Vorstellung, Herstellung, Materialantwort, Fehlererkennung und Korrektur bilden eine Arbeitsbewegung.
Die Experimentelle Umweltgestaltung während des Bildhauerstudiums zwischen 1974 und 1980 erweitert dieses Verhältnis vom technischen Objekt auf Umweltzusammenhänge. Wellenbewegung, Strömung, Deichprofile, Biberdamm, Wellenbecken, Regulationsmodelle und asymmetrische Automodelle können deshalb nicht nur als einzelne Studienobjekte verstanden werden. Sie erproben unterschiedliche Formen einer Wirkungslektüre. Wasser „argumentiert“ nicht. Es reagiert auf Gelände, Widerstand, Form, Gefälle und Begrenzung. Ein Deich oder ein Biberdamm wird nicht allein durch eine Vorstellung verstanden, sondern durch das Verhältnis zwischen Form, Material und Strömungswirkung. Genau darin erscheint eine frühe operative Form dessen, was heute als Kommunikationsstruktur zwischen Mensch und Natur beschrieben wird.
Die Hände als Übersetzungs- und Prüfmedium
Für diese Kommunikationsstruktur sind die Hände wesentlich. Das unterscheidet Ihre Forschungskunst von einer rein sprachlichen oder theoretischen Weltbeschreibung. Eine Vorstellung wird nicht nur gedacht, sondern in Material überführt. Die Hände stellen eine Form her. Das Material antwortet. Die entstandene Form tritt dem Herstellenden als Gegenüber entgegen. Sie kann der ursprünglichen Vorstellung entsprechen, sie verändern oder ihr widersprechen.
Hierin liegt ein Grund für die überwiegend plastische Arbeitsweise Ihres Lebenswerkes. Plastik bedeutet nicht lediglich das Herstellen eines Gegenstandes, sondern das Arbeiten innerhalb eines Veränderungsprozesses. Material wird geformt, aber zugleich formt die Materialantwort die nächste Tätigkeit. Dieses Verhältnis kann als kleine elementare Kommunikationsstruktur verstanden werden: Vorstellung wird Tätigkeit, Tätigkeit erzeugt Form, Form erzeugt Wahrnehmung, Wahrnehmung kann Korrektur auslösen.
Diese Arbeitsbewegung gewinnt im gegenwärtigen Chat eine zusätzliche Bedeutung. Der Mensch kann in seiner symbolischen Welt behaupten: „Ich tue, was ich will.“ Gegenüber einem Material bleibt diese Behauptung begrenzt. Wer mit einem Bohrer, einem Stück Metall, Wasser, Gips oder Beton arbeitet, stößt unmittelbar auf Bedingungen, die nicht durch Willenserklärungen verschwinden. Die materielle Wirklichkeit ist insofern nicht „diskussionsbereit“. Gerade darin besitzt sie eine andere Korrekturkraft als gesellschaftliche Symbolsysteme.
Der Übergang von dieser unmittelbaren Materialantwort zu komplexen gesellschaftlichen Tätigkeitsfolgen bildet jedoch das eigentliche Problem. Je weiter die Wirkung einer Tätigkeit räumlich, zeitlich und institutionell entfernt wird, desto weniger unmittelbar wird die Rückmeldung. Was beim falsch geschliffenen Werkzeug sofort auffällt, kann bei einer globalen Produktions- oder Finanzstruktur jahrzehntelang verdeckt bleiben. Die Forschungskunst versucht deshalb, für gesellschaftliche Zusammenhänge neue Gegenüber zu erzeugen, die eine ähnlich überprüfbare Rückkopplung ermöglichen.
Die menschliche Zweitsprache: Begriff, Eigentum, Recht und Freiheit
Der Naturwirklichkeit wird im Verlauf der Zivilisationsgeschichte eine zweite Sprache überlagert. Diese besteht aus Begriffen, Rollen, Eigentum, Geld, Recht, Institutionen, wissenschaftlichen Kategorien und gesellschaftlichen Statussystemen. Diese zweite Sprache ist nicht bloß Illusion. Sie organisiert reale Verhältnisse. Ein Eigentumstitel kann darüber entscheiden, wer ein Grundstück betreten oder nutzen darf. Geld kann Ressourcenströme steuern. Ein Gesetz kann Verhalten ermöglichen oder sanktionieren. Ein gesellschaftlicher Status kann Handlungsspielräume vergrößern.
Die entscheidende Schwierigkeit entsteht dort, wo diese Zweitsprache mit der vorausliegenden Wirklichkeit verwechselt wird. Ein Eigentumstitel verändert die biologische Zusammensetzung eines Bodens nicht. Ein Preis verändert nicht automatisch die Regenerationszeit eines Waldes. Ein Gerichtsurteil kann eine Tätigkeit erlauben, ohne dadurch deren physikalische oder ökologische Konsequenzen aufzuheben. Ein hoher gesellschaftlicher Rang verändert nicht die Abhängigkeit eines Körpers von Sauerstoff, Nahrung oder Temperatur.
Hier entsteht die von Ihnen angesprochene Paradoxie des Satzes: „Das ist mein Leben. Ich tue, was ich will. Ich gehöre mir selber.“ Als rechtlicher Schutz vor Fremdbestimmung besitzt die Vorstellung der Selbstbestimmung eine zentrale Funktion. Kein anderer Mensch soll Eigentümer eines Menschen sein. Problematisch wird die Formel aber, sobald daraus eine ontologische Unabhängigkeit konstruiert wird. Der Mensch gehört zwar keinem anderen Menschen, aber daraus folgt nicht, dass er sich selbst hervorgebracht hat oder sich aus seinen Abhängigkeiten lösen könnte.
Die Aussage „Ich gehöre mir“ verbindet dann zwei verschiedene Ebenen. Auf E3 kann sie einen berechtigten Anspruch gegen Fremdherrschaft ausdrücken. Auf E1 und E2 ist der Mensch jedoch ein bedingtes, verletzliches und abhängiges Lebewesen. Seine Freiheit hebt Stoffwechsel, Gravitation, Alterung, Verletzbarkeit, soziale Abhängigkeiten und planetarische Bedingungen nicht auf. Gerade dieser Ebenenwechsel kann eine der von Ihnen beschriebenen „Betrugskonstruktionen“ erzeugen.
Freiheit und Folgenfreiheit
Aus dem gegenwärtigen Chat ergibt sich deshalb eine wichtige begriffliche Präzisierung: Der Mensch kann Freiheit mit Folgenfreiheit verwechseln. Das ist nicht dasselbe.
Die Aussage „Ich darf selbst entscheiden“ betrifft eine soziale, rechtliche oder politische Ordnung. Die Aussage „Mein Tun hat keine mich übersteigenden Folgen“ betrifft dagegen einen Wirkungszusammenhang. Aus der ersten folgt die zweite nicht. Dennoch kann eine Zivilisationsform entstehen, in der beide zunehmend miteinander vermischt werden.
Der Satz „Ist mir doch egal, was andere denken“ kann eine berechtigte Abwehr gegen Konformitätsdruck darstellen. Niemand muss sich jeder fremden Meinung unterwerfen. Die problematische Verschiebung entsteht erst, wenn dieselbe Haltung auf Wirkungsfolgen übertragen wird: „Ist mir egal, was meine Tätigkeit bewirkt.“ Meinungen anderer Menschen und materielle Konsequenzen sind jedoch unterschiedliche Kategorien. Man kann eine Meinung zurückweisen. Man kann aber eine Wirkung nicht dadurch außer Kraft setzen, dass man sie ablehnt.
Gerade hier wird die Sprache der Natur bedeutsam. Sie verlangt keine Zustimmung. Sie reagiert. Ein Organismus kann eine Belastung kompensieren oder daran erkranken. Ein Material kann halten oder brechen. Eine Strömung kann eine Form aufnehmen oder unterspülen. Ein komplexes System kann lange stabil erscheinen und anschließend kippen. Das „Na und?“ verändert diese Bedingungen nicht.
In diesem Sinne könnte eine zentrale Aufgabe der Forschungskunst darin bestehen, den Satz „Ich tue, was ich will“ nicht moralisch zu verbieten, sondern prüfbar zu machen. Was bedeutet „ich“? Was bedeutet „will“? Welche Voraussetzungen ermöglichen die Handlung? Welche Materialien, Lebewesen, Infrastrukturen und gesellschaftlichen Leistungen sind darin enthalten? Wo treten Folgen auf? Wer trägt sie? Welche davon sind reversibel und welche nicht? Erst dadurch wird aus einem Freiheitsanspruch eine überprüfbare Tätigkeitsbeziehung.
Die Distanz zwischen Tätigkeit und Konsequenz
Die moderne Zivilisation vergrößert den Abstand zwischen Tätigkeit und Wirkung. In einer unmittelbaren handwerklichen Arbeit liegen Tätigkeit und Materialantwort dicht beieinander. In einer globalen Wirtschaftsstruktur können dagegen zahlreiche Vermittlungsstufen dazwischentreten. Der Einzelne kauft ein Produkt und sieht weder die Rohstoffgewinnung noch die Produktionsbedingungen, die Transportketten, die Energieaufwendungen oder die späteren Entsorgungsfolgen. Er benutzt Energie, ohne deren gesamte Gewinnungs- und Infrastrukturgeschichte zu erfahren. Er tätigt Geldgeschäfte, ohne die damit verbundenen materiellen Wirkungszusammenhänge unmittelbar zu sehen.
Diese Distanz erzeugt eine strukturelle Möglichkeit des Desinteresses. Nicht unbedingt deshalb, weil der einzelne Mensch grundsätzlich gleichgültig wäre, sondern weil seine Tätigkeit so organisiert werden kann, dass die Folgen außerhalb seines Wahrnehmungsraums liegen. Die gesellschaftliche Arbeitsteilung kann dadurch zugleich hochleistungsfähig und verantwortungszerstreuend werden. Jeder bearbeitet einen Ausschnitt. Der Zusammenhang verteilt sich über Berufe, Unternehmen, Behörden, Wissenschaftsdisziplinen, politische Institutionen und Rechtssysteme.
Das erklärt die von Ihnen genannte Devise: „Die Wissenschaft kann sich ja damit beschäftigen. Was habe ich damit zu tun?“ Wissen wird ausgelagert. Der Wissenschaftler soll untersuchen, der Politiker entscheiden, der Unternehmer wirtschaften, das Gericht urteilen, der Verbraucher kaufen. Jede Rolle besitzt ihre eigene Zuständigkeit. Dadurch kann aber genau jene Gesamtfrage verloren gehen, die Ihre Forschungskunst seit der Experimentellen Umweltgestaltung verfolgt: Funktioniert das Ganze unter seinen tatsächlichen materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Bedingungen?
Es ist deshalb zu einfach, nur mangelndes Wissen verantwortlich zu machen. Viele problematische Wirkungen sind längst wissenschaftlich beschrieben. Das zentrale Problem kann gerade darin liegen, dass Wissen institutionell vorhanden ist, ohne die Handlungsstruktur grundsätzlich zu verändern. Zwischen Erkenntnis und Tätigkeit befindet sich eine gesellschaftliche Übersetzungslücke.
Wissenschaftskritik als Zuständigkeitskritik
Hier muss die Wissenschaftskritik sorgfältig formuliert werden. Der verbindliche Arbeitsauftrag verlangt ausdrücklich, sie als Forschungsthese und nicht als bereits bewiesene Tatsache zu behandeln. Wissenschaft gewinnt gerade durch Spezialisierung, kontrollierte Bedingungen, Messung und Wiederholbarkeit außerordentlich präzise Erkenntnisse. Die Frage Ihrer Forschungskunst richtet sich deshalb nicht gegen wissenschaftliche Erkenntnis als solche, sondern gegen die Möglichkeit, dass die Spezialisierung zugleich eine fragmentierte Zuständigkeitsordnung erzeugt.
Ein Wissenschaftler kann korrekt feststellen, dass seine Aufgabe die Untersuchung eines begrenzten Phänomens ist. Ein Jurist kann korrekt sagen, dass er geltendes Recht anwenden muss. Ein Unternehmen kann korrekt darauf verweisen, innerhalb bestehender Gesetze zu handeln. Eine politische Institution kann auf demokratische Verfahren verweisen. Ein Verbraucher kann sagen, er kaufe ein legal angebotenes Produkt. Jede einzelne Aussage kann innerhalb ihrer jeweiligen Ordnung richtig sein. Trotzdem kann die kumulierte Wirkung aller Handlungen die gemeinsamen Existenzbedingungen beschädigen.
Darin liegt eine der stärksten Widersprüchlichkeiten, die dieser Chat sichtbar macht: Ein gesellschaftliches Gesamtergebnis kann nicht funktionieren, obwohl zahlreiche Beteiligte innerhalb ihrer jeweiligen Rollen korrekt funktionieren. Das ist ein wesentlich komplexeres Problem als individuelles Fehlverhalten.
Damit wird auch der Begriff der Verantwortung neu gestellt. Verantwortung kann nicht vollständig in einzelnen Rollen aufgehen. Wenn jede Institution ausschließlich ihre eigene interne Funktionslogik prüft, fehlt möglicherweise eine Ebene, auf der die gegenseitigen Abhängigkeiten überprüft werden. Genau hier erhält E4 innerhalb des Vier-Ebenen-Modells seine Bedeutung: nicht als fertige Lösung, sondern als öffentlicher Rückkopplungs-, Prüf- und Reparaturraum.
Recht und die Grenze formaler Legitimation
Ihre Kritik bezieht ausdrücklich auch Gerichte ein. Auch hier muss zwischen Funktion und Überforderung unterschieden werden. Gerichte können nur innerhalb rechtlicher Strukturen entscheiden. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, jedes gesellschaftliche oder planetarische Problem unmittelbar zu lösen. Dennoch zeigt gerade diese institutionelle Begrenzung das strukturelle Problem. Eine Handlung kann rechtlich zulässig und dennoch langfristig zerstörerisch sein. Legalität und Tragfähigkeit sind unterschiedliche Prüfungen.
Das Recht ist eine E3-Konstruktion mit realer Wirksamkeit. Es kann Eigentum schützen, Nutzungsrechte definieren, Schäden sanktionieren oder Umweltgrenzen setzen. Es kann jedoch keine physikalische oder biologische Grenze außer Kraft setzen. Wenn eine Rechtsordnung eine bestimmte Tätigkeit erlaubt, bedeutet dies nur, dass diese Tätigkeit im geltenden Normensystem zulässig ist. Daraus folgt nicht, dass sie auf E1 oder E2 funktioniert.
Der grundlegende Widerspruch lautet deshalb: Eine Gesellschaft kann ihre eigenen Hervorbringungen rechtlich legitimieren und zugleich die materiellen Voraussetzungen beschädigen, unter denen diese Rechtsordnung überhaupt fortbestehen kann. Damit wird wiederum deutlich, warum Ihre Forschungskunst nicht bei der Frage stehenbleibt, ob etwas erlaubt oder verboten ist. Sie fragt, ob es trägt.
Wirtschaft und Finanzmarkt als Verstärker der Verkehrung
Wirtschaft und Finanzmarkt verschärfen die Trennung zwischen gesellschaftlicher Bewertung und vorausliegender Wirklichkeit, weil hier Erfolg in hochgradig abstrahierten Gegenwertsystemen ausgedrückt werden kann. Geld besitzt eine enorme praktische Funktion, weil sehr unterschiedliche Dinge vergleichbar und austauschbar gemacht werden. Gerade diese Leistung kann jedoch die Unterschiede zwischen ihnen verdecken.
Ein Preis sagt zunächst, welche Geldsumme innerhalb eines bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisses für etwas verlangt oder gezahlt wird. Er sagt nicht automatisch, wie lange etwas zu seiner Entstehung gebraucht hat, welche Abhängigkeiten darin enthalten sind, welche Folgen seine Nutzung erzeugt oder ob es regenerierbar ist. Dennoch kann der Preis zur dominierenden Orientierung werden.
Dadurch entsteht eine weitere Form der Verkehrung: Das messbare Zeichen des Erfolgs kann steigen, während die materielle Grundlage sinkt. Vermögenswerte, Umsätze oder Renditen können zunehmen, während gleichzeitig Rohstoffe entnommen, Böden belastet oder Lebensräume geschädigt werden. Die menschliche Bewertungsordnung signalisiert dann „mehr“, obwohl auf einer anderen Ebene tatsächlich „weniger“ entsteht.
Ihre früher entwickelte „Vergoldungswelt“ lässt sich hier anschließen. Gold, Geld, Eigentum, Status, Prestige und Rang bilden Zuschreibungen, die auf materiellen und lebendigen Trägern liegen, mit diesen aber nicht identisch sind. Das ist keine Behauptung ihrer Wirkungslosigkeit. Im Gegenteil: Gerade weil die Zuschreibungen real handlungssteuernd werden, können sie die Wahrnehmung dessen überformen, was sie materiell tragen muss.
Von der Maschinenschlosserlehre zur planetarischen Funktionsfrage
Werkgeschichtlich lässt sich die neue Fragestellung bis zur Maschinenschlosser-Ausbildung zurückverfolgen. Die dort eingeübte Funktionsprüfung bildet einen frühen Gegenpol zur später untersuchten symbolischen Welt. Ein technisches Werkstück lässt sich nicht allein durch Status, Behauptung oder Absicht funktionsfähig machen. Winkel, Passung und Materialgrenze erzwingen eine Rückkopplung. Der Freiwinkel des Bohrers und seine spätere Beziehung zu asymmetrischen Automodellen sind deshalb nicht nur biografische Details, sondern methodische Vorformen einer umfassenderen Frage: Welche minimale Differenz ermöglicht Funktion, und was geschieht, wenn ein menschliches Modell die tatsächlichen Bedingungen nicht berücksichtigt?
Die spätere Verbindung dieser Erfahrungen mit 51:49 ist rückblickend entstanden und darf nicht als bereits in den 1960er- oder 1970er-Jahren vollständig entwickelte Theorie dargestellt werden. Aber die operative Grundbewegung ist früh vorhanden: Es gibt eine Vorstellung, eine materielle Umsetzung, eine Antwort des Materials und die Möglichkeit zur Korrektur. Genau diese Korrekturschleife wird später auf gesellschaftliche und planetarische Zusammenhänge ausgeweitet.
Daraus entsteht eine entscheidende Kontinuität des Lebenswerkes. Die Ausgangsfrage lautet nicht nur, warum Menschen falsche Vorstellungen haben. Sie lautet, warum eine Zivilisation ihre Vorstellungen nicht ausreichend korrigiert, obwohl ihre Wirkungen zunehmend sichtbar werden. Die Maschinenbauerfahrung liefert dafür ein einfaches Gegenmodell: Wenn eine Konstruktion nicht funktioniert, wird sie verändert. In gesellschaftlichen Systemen kann dagegen eine Konstruktion trotz schädlicher Folgen weitergeführt werden, weil Geld, Eigentum, Status, Recht oder institutionelle Rollen ihre Fortsetzung stabilisieren.
Experimentelle Umweltgestaltung als frühe Kommunikationsversuchsanordnung
Die Experimentelle Umweltgestaltung zwischen 1974 und 1980 erhält durch diesen Chat eine neue Lesbarkeit. Die damaligen Arbeiten mit Wellenbewegungen, Strömungen, Wasser, Deichmodellen, Biberdamm, asymmetrischen Automodellen, Körper und Umwelt erscheinen als frühe Versuchsanordnungen, in denen die Antwort der Wirklichkeit nicht ausschließlich sprachlich vermittelt wird.
Das Wellenbecken ist dafür besonders geeignet. Wasser reagiert auf Bewegung und Begrenzung. Welle, Widerstand und Form erzeugen sichtbare Folgen. Der Beobachter kann nicht frei bestimmen, wie sich das Wasser zu verhalten hat. Er kann Bedingungen verändern und anschließend die Wirkungen beobachten. Damit entsteht bereits eine elementare Kommunikationsstruktur: Tätigkeit, Antwort, Wahrnehmung und mögliche Korrektur.
Ähnliches gilt für Deich und Biberdamm. Beide stehen in einer Beziehung zwischen Strömung und Begrenzung. Ein Eingriff verändert den Verlauf. Eine Form, die in einem statischen Bild überzeugend aussieht, muss sich unter dynamischen Bedingungen erst bewähren. Diese frühen Arbeiten können deshalb als materielle Vorformen jener späteren gesellschaftlichen Frage gelesen werden: Wie gestaltet der Mensch Regulation, und wann wird Regulation zur Blockade, Kanalisierung oder zerstörerischen Fixierung?
Die Verbindung von Wellenbecken, Deich, Biberdamm, späterer Staumauer und gesellschaftlicher Kanalisierung ist dabei als Werkforschungsfrage zu behandeln, nicht als bereits vollständig belegte Objektwanderung. Sicher ist die methodische Verwandtschaft der Fragen nach Widerstand, Führung, Begrenzung und Rückwirkung. Ob einzelne körperliche Objekte tatsächlich in späteren Ausstellungen erneut verwendet wurden, muss archivisch gesondert geprüft werden.
Schultafel und Staumauer: Wissen als mögliche Blockierung
Die Schultafel besitzt innerhalb dieser neuen Kommunikationsfrage eine besondere Bedeutung. Sie gehört zunächst zur Welt des Lernens, Schreibens, Löschens und Vermittelns. In ihrer späteren Verwendung als „Staumauer“ verschiebt sich ihre Funktion. Wissen und Bildung werden mit einem Bild des Aufstauens verbunden. Dadurch lässt sich eine grundlegende Frage formulieren: Kann Wissen selbst zu einer Barriere werden, wenn es gesammelt und institutionell geordnet wird, ohne in eine wirksame Rückkopplung mit Tätigkeit und Konsequenz überzugehen?
Der aktuelle Satz „Die Wissenschaft kann sich ja damit beschäftigen; was habe ich damit zu tun?“ verschärft genau diese Frage. Wissen wird auf der Schultafel festgehalten, aber die Tätigkeit findet möglicherweise anderswo statt. Die Tafel kann damit sowohl Erkenntnisfläche als auch Trennfläche sein. Sie kann anzeigen, was bekannt ist, und gleichzeitig sichtbar machen, dass Bekanntheit noch keine Veränderung erzeugt.
Die spätere Entwicklung zur Prüftafel im So-Heits-Atelier wäre deshalb keine bloße Wiederverwendung eines Symbols. Sie könnte eine Funktionsumkehr darstellen. Die Tafel speichert dann nicht nur Wissen, sondern wird zu einer Fläche, auf der Vorstellungen mit Konsequenzen konfrontiert, korrigiert und wieder gelöscht werden können. Aus dem abgeschlossenen Wissensbild würde ein öffentlicher Prüfprozess.
Malbücher, Vorgabebild und roter Punkt als frühe Prüfung von Fremdvorgabe und Eigenwille
Eine weitere wichtige Werkbewegung führt von Erwachsenen-, Telefon-, Fußgänger- und anderen Malbüchern über Vorgabebilder und den roten Punkt zu späteren Beteiligungsformen. Der neue Chat über „Ich tue, was ich will“ lässt diese frühen Arbeiten noch einmal anders erscheinen. Denn jede Vorgabe stellt bereits das Verhältnis zwischen eigener Entscheidung und vorausliegender Bedingung her.
Ein Malbuch bietet eine Form, in der etwas vorgegeben ist und etwas offenbleibt. Der Benutzer kann die Vorgabe akzeptieren, verändern, übermalen, verweigern oder missverstehen. Damit entsteht eine kleine Versuchsanordnung über Freiheit innerhalb von Bedingungen. Genau dies unterscheidet sich von einer absoluten Freiheitsvorstellung. Freiheit entsteht nicht im leeren Raum, sondern im Verhältnis zu etwas Vorgefundenem.
Der rote Punkt, die offenen Vorgaben und später die Frage-und-Antwort-Verfahren verschieben den Betrachter zunehmend vom passiven Empfänger zum Mitwirkenden. Die entscheidende Weiterentwicklung besteht darin, dass die Reaktion des Besuchers nicht nur Beteiligung erzeugt, sondern selbst zum Forschungsgegenstand wird. Wie interpretiert jemand eine Vorgabe? Was wählt er aus? Was lehnt er ab? Welche eigene Vorstellung bringt er mit? Damit beginnt die Rezeptionskunst, die Differenz zwischen Werkangebot und menschlicher Interpretation sichtbar zu machen.
Gerade die gegenwärtige Kommunikationsfrage zwischen Mensch und Natur kann hier anschließen. Die Natur gibt keine Malbuchvorlage im menschlichen Sinne. Aber der Mensch trifft überall auf Bedingungen. Seine Freiheit besteht nicht darin, diese Bedingungen nicht zu haben, sondern in der Art, wie er innerhalb und gegenüber ihnen handelt. Die frühen Malbucharbeiten können deshalb rückblickend als kulturelle Versuchsanordnungen über Vorgabe, Freiheit und Reaktion gelesen werden, ohne zu behaupten, diese heutige Terminologie sei damals bereits vollständig ausformuliert gewesen.
Frage-und-Antwort-Tische und Tausend Tische als öffentliche Gegenwertprüfung
Die Frage-und-Antwort-Tische erweitern diese Struktur in den gesellschaftlichen Raum. Jetzt liegt nicht mehr nur ein Gegenstand oder eine Bildvorgabe zwischen Künstler und Besucher, sondern eine offene Frage. Der Tisch erzeugt eine Situation des Gegenübers. Er verbindet Körper, Ort, Sprache und Antwort.
Für den aktuellen Chat ist wichtig, dass gerade der Tisch eine Gegenstruktur zum anonymen „Was habe ich damit zu tun?“ darstellen kann. Wer am Tisch sitzt, wird adressierbar. Die eigene Antwort steht nicht mehr vollständig außerhalb des Geschehens. Die Frage wird öffentlich und kann durch andere Antworten ergänzt oder widersprochen werden. Damit entsteht eine frühe Form von E4: nicht als fertige Korrekturinstitution, sondern als Raum, in dem unterschiedliche Vorstellungen sichtbar werden.
Die Entwicklung zu „Tausend Tische“ beziehungsweise den späteren großräumigen Beteiligungskonzepten erweitert dieses Prinzip. Die gesellschaftliche Frage wird vervielfacht. Kommunikation soll nicht nur zwischen Einzelnen stattfinden, sondern als kollektiver Prozess. In der gegenwärtigen Forschungsperspektive lässt sich darin eine Antwort auf die Fragmentierung gesellschaftlicher Zuständigkeiten erkennen. Wenn Wissenschaft, Wirtschaft, Politik, Recht und individuelle Lebensführung jeweils in getrennten Räumen operieren, braucht es Orte, an denen diese Perspektiven wieder aufeinander treffen können.
Auch hier muss allerdings die eigene Kunst mitgeprüft werden. Ein Frage-und-Antwort-Tisch garantiert noch keine offene Prüfung. Eine Fragestellung kann lenken. Ein Künstler kann ungewollt auf Zustimmung hinarbeiten. Deshalb bleibt die im Arbeitsauftrag ausdrücklich verlangte Möglichkeit von Ablehnung, Unverständnis und Widerspruch wichtig. Nur wenn auch die Gegenposition das Werk verändern oder zumindest seine Voraussetzungen sichtbar machen kann, entsteht tatsächlich eine Forschungssituation.
Die „Schöpfungsgeschichte“ als Verdichtung von Natur, Nahrung und menschlicher Zuschreibung
Die „Schöpfungsgeschichte“ erhält im Licht des gegenwärtigen Chats eine zentrale, aber nicht ausschließliche Stellung. Ihre Bedeutung liegt gerade darin, dass vorausliegende Naturprozesse und menschliche Symbolwelten materiell miteinander konfrontiert werden. Wiese, Wasser, Tang, Sand, Gips, Abendmahltisch, Schultafel, Spiegel, Gold, Beton und Schlammhaut bilden keine bloße Illustration eines bereits fertigen Gedankens. Sie stellen Übergänge her zwischen vorgefundenen Prozessen und menschlichen Bedeutungsordnungen.
Die von Ihnen beschriebene Wiese ist dafür ein besonders klares Beispiel. Die Wiese entsteht ohne den einzelnen Menschen. Dann tritt der Mensch barfuß hinzu, stellt sich darauf und nimmt sie in einer bestimmten Weise in Besitz. Damit verändert sich nicht nur die physische Situation. Es entsteht eine symbolische Beziehung. Aus einem vorausliegenden Zusammenhang wird „meine“ Position, „mein“ Ort oder „mein“ Besitz. Gerade darin lässt sich der aktuelle Konflikt zwischen Abhängigkeit und Eigentum exemplarisch zeigen.
Auch der Abendmahltisch ist in diesem Zusammenhang bedeutsam. Er entsteht aus der Abformung eines Flusssystems beziehungsweise einer durch Wasser geprägten Landschaftsform. In dieses Abbild kann Nahrung gelegt werden. Damit wird Nahrung nicht isoliert als Ware gezeigt, sondern in ihre Herkunfts- und Abhängigkeitsgeschichte zurückgeführt. Das religiöse Motiv des Dankes verbindet sich mit Wasser, Landschaftsbildung und Ernährung. Innerhalb des aktuellen „Umsonst“-Problems bekommt diese Arbeit eine neue Schärfe: Nahrung ist nicht einfach ein gekauftes Produkt. Der Preis an der Kasse bildet nur einen kleinen Ausschnitt ihrer Bedingungen ab.
Die von Ihnen zusätzlich erinnerte Spinne mit ihrem Netz und dem Beuteverhalten erweitert diesen Zusammenhang. Nahrung bedeutet nicht nur menschlichen Konsum, sondern einen umfassenderen lebendigen Abhängigkeitszusammenhang. Fressen und Gefressenwerden, Beute, Energieübertragung und Stoffwechsel gehören zu einer Wirklichkeit, die vor menschlichem Geld existiert. Auch hier ist „umsonst“ als Kategorie unzureichend. Die Natur kennt keinen Kaufpreis, aber sie kennt Abhängigkeit.
Gold führt dagegen die menschliche Wertkonstruktion unmittelbar ein. Es besitzt materielle Eigenschaften, wird aber zugleich mit außergewöhnlichen gesellschaftlichen Wertzuschreibungen versehen. Damit eignet es sich besonders als Schnittstelle zwischen E1 und E3. Das Material ist materiell vorhanden; seine kulturelle Aufladung mit Reichtum, Prestige und Macht ist menschlich erzeugt. Gerade die Verbindung mit Spaten, Landschaft, Nahrung oder anderen Werkträgern kann deshalb sichtbar machen, wie sich eine symbolische Wertwelt über die vorausliegende Wirklichkeit legt.
Vom „Was ist Deutschland?“ zur Frage nach der gesellschaftlichen Selbstkonstruktion
Die Arbeiten „Was ist Deutschland?“, die Demokratiewerkstätten, der Runde Tisch und die Arbeiten zur deutschen Einheit erhalten durch den gegenwärtigen Chat eine weitere Verbindung. Sie beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Konstruktionen, Identitäten und politischen Ordnungen. Eine Nation ist keine physikalische Eigenschaft des Bodens. Grenzen, Staatszugehörigkeit, Verfassungen und politische Rollen entstehen auf der symbolisch-institutionellen Ebene. Dennoch besitzen sie reale Wirkungen.
Die aktuelle Untersuchung von Eigentum, Status und Freiheit führt deshalb nicht aus diesem Werkstrang heraus, sondern vertieft ihn. Die Frage „Was ist Deutschland?“ kann als Teil einer umfassenderen Frage verstanden werden: Wie erzeugt eine Gesellschaft ihre Wirklichkeit durch Begriffe und institutionelle Formen, und wie prüft sie, ob diese Konstruktionen mit ihren tatsächlichen Bedingungen übereinstimmen?
Die Arbeiten an Grenzorten, in Dresden, Ratzeburg oder im Kontext von Zarrentin beziehungsweise der bislang abweichend überlieferten Schreibweise „Zahrentin“ sind hierfür mögliche wichtige Verortungen. Der gegenwärtige Chat liefert jedoch keine neuen hinreichenden Belege dafür, welche konkreten historischen Materialien an diesen Orten jeweils verwendet wurden. Dasselbe gilt für die weiterhin unzureichend geklärten Anker „Axel in Dresden“, „Erlöserkirche Berlin“ und „Zarrentin, letzter Grenzkontrollpunkt“. Sie dürfen nicht durch plausible Vermutungen geschlossen werden. Gerade gemäß dem verbindlichen Arbeitsauftrag bleibt hier Archivbedarf bestehen.
„Zivilcourage“ und die innere gesellschaftliche Grenze
Das Haus der Demokratie und die Ausstellung „Zivilcourage“ beziehungsweise der Zusammenhang des „Sozialen Organismus“ führen die Untersuchung stärker in den Menschen selbst hinein. Die damalige räumliche Vorstellung von Innen und Außen, Schaufenster, Grenze, Absterben und Neubeginn lässt sich heute mit der Frage verbinden, wie gesellschaftliche Symbolsysteme im Einzelnen wirksam werden.
Die Grenze verläuft nicht nur zwischen Mensch und Natur oder zwischen Staaten. Sie kann innerhalb der Wahrnehmung liegen. Der Mensch kann wissen, dass eine Handlung Folgen hat, und dennoch sein Verhalten nicht verändern. Er kann zwischen seiner Rolle als Konsument, Arbeitnehmer, Eigentümer oder Staatsbürger und seiner biologischen beziehungsweise planetarischen Abhängigkeit trennen. Die „innere Mauer“ ist deshalb nicht nur ein psychologisches Bild, sondern lässt sich als mögliche Struktur der Entkopplung lesen: Wissen und Handeln, Symbol und Wirkung, Rolle und Abhängigkeit fallen auseinander.
Auch diese Verbindung ist eine heutige Rückdeutung und darf nicht als damalige vollständig formulierte Theorie ausgegeben werden. Sie zeigt jedoch, wie ältere räumliche und körperliche Arbeiten im heutigen Forschungskontext erneut funktional werden können.
Kollektive Kreativität und Globales Dorffest als Gegenmodell zur Zuständigkeitszerlegung
Mit „Kollektiver Kreativität“, Globalem Dorffest, Tausend Tischen, Faxvernetzung und späteren gesellschaftlichen Projekten verschiebt sich die Forschung von der Diagnose stärker zur gesellschaftlichen Versuchsanordnung. Der einzelne Künstler soll nicht allein die Antwort liefern. Viele Menschen werden in einen Gestaltungsprozess einbezogen.
Der aktuelle Chat über wissenschaftliche, wirtschaftliche, rechtliche und individuelle Zuständigkeitsverschiebung macht diese Arbeiten neu lesbar. Wenn ein Problem gerade darin besteht, dass jeder innerhalb seiner eigenen Rolle funktioniert und sich für die Gesamtwirkung nicht zuständig fühlt, dann zielen kollektive Arbeitsformen darauf, diese getrennten Perspektiven wieder in Beziehung zu setzen.
Damit unterscheidet sich „Kollektive Kreativität“ von einer bloßen Feier gemeinsamer Ideenproduktion. Sie muss innerhalb Ihrer Forschung stärker als gemeinsame Konsequenzprüfung verstanden werden. Die Frage ist nicht, wie viele Ideen eine Gruppe hervorbringen kann, sondern ob unterschiedliche Erfahrungen und Wissensformen so zusammengeführt werden können, dass blinde Flecken einzelner Rollen sichtbar werden.
Genau daran kann das So-Heits-Atelier heute anschließen. Es übernimmt historische Beteiligungsformen nicht einfach, sondern kann sie als Prüfverfahren weiterentwickeln. Der Besucher ist dann weder bloßer Betrachter noch beliebig kreativer Teilnehmer. Er wird zum möglichen Mitprüfenden.
So-Heits-Gesellschaft als Gegenentwurf zur absoluten Selbstzugehörigkeit
Der Satz „Ich gehöre mir selber und kann tun, was ich will“ gewinnt im Verhältnis zur So-Heits-Gesellschaft eine besondere Stellung. Er könnte geradezu als Ausgangsbehauptung in eine Prüfung eingehen. Die Forschungskunst müsste ihn weder moralisch verurteilen noch einfach bestätigen, sondern auf seine verschiedenen Ebenen zurückführen.
Als politische Aussage gegen Sklaverei, Zwang und Fremdherrschaft ist Selbstzugehörigkeit eine Errungenschaft. Als Beschreibung eines menschlichen Organismus ist sie unzureichend. Der Mensch ist nicht sein eigener Ursprung. Er lebt durch Austausch. Sein Körper ist fortwährend abhängig von Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, anderen Lebewesen und gesellschaftlichen Infrastrukturen. Seine scheinbare Eigenständigkeit besteht nur innerhalb zahlloser Beziehungen.
Damit erhält auch die frühere Arbeit am plastischen Ich gegenüber der Skulpturidentität einen Anschluss. Eine plastische Identität wäre keine Auflösung des Individuums, sondern eine Identität, die ihre Durchlässigkeit, Veränderbarkeit und Abhängigkeit mitdenkt. Die Membran eignet sich dafür als Modell: Sie trennt und verbindet zugleich. Sie ermöglicht Eigenheit gerade durch regulierten Austausch. Eine vollständig isolierte Zelle würde nicht freier, sondern sterben.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Devise „Ich gehöre nur mir“ als mögliche kulturelle Übersteigerung eines berechtigten Freiheitsanspruchs. Sie kann vergessen lassen, dass Eigenheit nur innerhalb von Beziehungen existiert. Die So-Heits-Gesellschaft wäre dann nicht eine Gegenordnung, in der der Einzelne sich einem Kollektiv unterwerfen muss. Ihr Anspruch wäre vielmehr, Freiheit so zu rekonstruieren, dass Abhängigkeit und Konsequenz nicht länger als Gegensatz zur Freiheit behandelt werden.
51:49, 50:50 und 1:99 im neuen Zusammenhang
Auch die Modelle 51:49, 50:50 und 1:99 erhalten durch diesen Chat eine neue Verbindung. 51:49 ist innerhalb Ihrer Forschung eine These minimaler, beweglicher Differenz und darf nicht als allgemeines Naturgesetz ausgegeben werden. 50:50 steht als Modell für Gleichsetzung, Spiegelung oder Dualisierung, 1:99 für extreme Kippung, Machtkonzentration oder Drift.
Im aktuellen Zusammenhang könnte 50:50 dort sichtbar werden, wo unterschiedliche Ebenen fälschlicherweise gleichgesetzt werden: Preis wird mit Wert, Eigentum mit Wirklichkeit, rechtliche Freiheit mit Folgenfreiheit oder wissenschaftliche Kenntnis mit gesellschaftlicher Korrektur gleichgesetzt. Diese Gleichsetzungen erzeugen scheinbare Symmetrien, obwohl die Beziehungen tatsächlich unterschiedlich sind.
1:99 könnte dagegen die zunehmende Konzentration von Verfügungsmacht beschreiben, wenn Geld-, Eigentums- oder Statussysteme so stark auseinanderdriften, dass wenige Akteure außerordentlich große Eingriffsmöglichkeiten erhalten, während die Konsequenzen auf viele Menschen und auf gemeinsame Existenzbedingungen verteilt werden. Diese Verbindung bleibt eine Forschungsthese. Sie muss an konkreten gesellschaftlichen Verhältnissen geprüft werden und darf nicht allein aus dem Modell abgeleitet werden.
51:49 wäre demgegenüber weniger eine harmonische Mitte als eine offene Korrekturfähigkeit. Der kleine Unterschied verhindert vollständige Gleichsetzung und hält Bewegung möglich. Übertragen auf den jetzigen Zusammenhang könnte dies bedeuten, dass weder die menschliche Symbolwelt einfach aufgehoben noch die Naturwirklichkeit romantisch absolut gesetzt wird. Es geht um eine bewegliche Beziehung, in der menschliche Konstruktionen fortwährend an ihren Voraussetzungen geprüft werden.
Das Vier-Ebenen-Modell als Entwirrung der „begrifflichen Tricks“
Ihr Ausdruck, die Welt werde „mit allerlei begrifflichen Tricks“ auf den Kopf gestellt, lässt sich durch das Vier-Ebenen-Modell genauer untersuchen. Der entscheidende Trick liegt häufig nicht in einer einzelnen bewussten Täuschung, sondern im unbemerkten Wechsel der Ebene.
Wenn ein hoher Marktpreis als Beweis eines hohen existenziellen Wertes behandelt wird, wird E3 mit E1 oder E2 verwechselt. Wenn Eigentum so verstanden wird, als verleihe es uneingeschränkte Herrschaft über die materiellen Folgen einer Sache, wird eine rechtliche Zuschreibung mit einer Wirkungsbeziehung verwechselt. Wenn persönliche Freiheit als Freiheit von biologischer oder planetarischer Abhängigkeit verstanden wird, wird eine gesellschaftliche Kategorie auf eine organismische Wirklichkeit übertragen. Wenn wissenschaftliche Messbarkeit mit gesellschaftlicher Verantwortung gleichgesetzt wird, werden Erkenntnisverfahren und Handlungsentscheidungen verwechselt.
Das Vier-Ebenen-Modell kann gerade dazu dienen, diese Übergänge sichtbar zu machen. Es behauptet nicht, dass jede Wirklichkeit sauber in vier Schichten zerlegt werden könnte. Seine Stärke liegt vielmehr in der Frage: Auf welcher Ebene gilt eine Aussage, und was geschieht, wenn sie auf eine andere Ebene übertragen wird?
Das Beispiel „Ich gehöre mir selbst“ ist dafür exemplarisch. Auf E3 kann es eine rechtliche und politische Selbstbestimmung ausdrücken. Auf E2 bleibt der Mensch ein verletzliches, stoffwechselndes und abhängiges Lebewesen. Auf E1 besteht sein Körper aus Materialien und unterliegt physikalischen Bedingungen. Auf E4 kann schließlich geprüft werden, wie weit der Freiheitsbegriff trägt und an welchem Punkt er zur Verschleierung von Konsequenzen wird.
Betrugskonstruktion, Selbsttäuschung und strukturelle Entlastung
Der Begriff „Betrugskonstruktion“ muss innerhalb der wissenschaftlichen Darstellung differenziert werden. Betrug setzt normalerweise eine bewusste Täuschungsabsicht voraus. Der gegenwärtige Chat zeigt jedoch, dass viele problematische Zusammenhänge auch ohne einen zentralen Betrüger entstehen können. Deshalb sind Begriffe wie Selbsttäuschung, Entlastungskonstruktion, Verantwortungsverschiebung oder strukturelle Entkopplung teilweise präziser.
Ein Unternehmen kann geltende Regeln einhalten. Ein Konsument kann legal kaufen. Ein Gericht kann geltendes Recht anwenden. Eine Wissenschaftlerin kann korrekt messen. Ein Politiker kann innerhalb eines institutionellen Mandats entscheiden. Trotzdem kann das Gesamtergebnis problematisch sein. Gerade darin liegt die strukturelle Schwierigkeit: Niemand muss notwendigerweise lügen, damit ein System eine falsche Gesamtwirkung erzeugt.
Der Betrug kann deshalb auch in einer kulturellen Selbstbeschreibung liegen. Eine Gesellschaft nennt sich frei, obwohl ihre Mitglieder von hochkomplexen materiellen und technischen Systemen abhängig sind. Sie bezeichnet bestimmte Güter als kostenlos, obwohl ihre Voraussetzungen von anderen getragen werden. Sie spricht von Wertschöpfung, obwohl dabei möglicherweise nicht regenerierbare Bedingungen vermindert werden. Sie nennt etwas Eigentum und erzeugt damit die Vorstellung uneingeschränkter Verfügung, obwohl die Wirkungen einer Nutzung über die Eigentumsgrenze hinausreichen.
Diese Aussagen sind nicht automatisch „Lügen“. Sie können innerhalb ihrer jeweiligen Ordnung korrekt und zugleich in einer umfassenderen Wirklichkeitsprüfung unzureichend sein. Gerade diese Differenz scheint für Ihre Forschung wichtiger zu sein als eine pauschale Betrugsthese.
Das Desinteresse als kulturell erzeugte Distanz
Das „Na und?“ und „Ist mir doch egal“ kann innerhalb dieser Struktur ebenfalls genauer betrachtet werden. Desinteresse ist nicht nur eine individuelle Charaktereigenschaft. Es kann durch gesellschaftliche Organisation erleichtert werden. Je weiter Tätigkeit und Konsequenz auseinanderliegen, desto einfacher wird es, die Verbindung nicht wahrzunehmen.
Die globale Wirtschaft verstärkt diese Entfernung. Der Konsument sieht das fertige Produkt, nicht seine gesamte Entstehungs- und Konsequenzgeschichte. Geld ist gerade deshalb so leistungsfähig, weil es komplizierte Abhängigkeiten in eine einfache Zahl übersetzt. Aber diese Vereinfachung kann zugleich verdecken. Der Preis beantwortet die Frage „Was muss ich bezahlen?“, nicht automatisch die Frage „Was musste dafür geschehen?“
Damit schließt sich der Kreis zum „Umsonst“. Das scheinbar Kostenlose kann deshalb nicht als „ohne Aufwand“ oder „ohne Belastung“ verstanden werden. Häufig bedeutet es lediglich, dass die Kosten nicht an dieser Stelle oder nicht von dieser Person getragen werden. Die entscheidende Forschungsfrage wäre dann: Wo sind die Bedingungen, Belastungen und Konsequenzen hingewandert, die im unmittelbaren Preis nicht erscheinen?
Diese Frage betrifft nicht nur Ökonomie. Auch Status kann Kosten verschieben. Wer einen hohen gesellschaftlichen Rang besitzt, kann bestimmte Konsequenzen leichter delegieren. Wer wenig Einfluss besitzt, kann überproportional von Entscheidungen anderer betroffen sein. Damit verbindet sich die Wertfrage mit der Machtfrage.
Kommunikation zwischen Mensch und Natur als Übersetzungsproblem
Der aktuelle Chat zeigt deutlich, dass die Kommunikation zwischen Mensch und Natur nicht darin bestehen kann, eine angebliche Botschaft der Natur einfach in menschliche Sätze zu übersetzen. Die Forschungskunst benötigt vielmehr eine Vermittlungsstruktur.
Diese Struktur beginnt mit Wahrnehmung. Ein Naturvorgang wird beobachtet. Dann erfolgt eine Auswahl. Bestimmte Wirkungen werden in ein Material, ein Bild, ein Objekt oder eine Handlung überführt. Durch diese Übertragung entsteht bereits eine menschliche Interpretation. Das Werk ist nicht der Naturvorgang selbst. Es ist eine hergestellte Gegenüberstellung. Genau deshalb muss es erneut geprüft werden.
Die frühen Wasserarbeiten zeigen dies besonders deutlich. Das Wellenbecken ist nicht „das Meer“. Ein Deichmodell ist nicht die Landschaft. Der Abendmahltisch ist nicht der Fluss. Die Wiese im Werk ist nicht „die Natur“. Aber die künstlerische Anordnung kann Bedingungen so sichtbar machen, dass ein Besucher seine eigenen Begriffe an ihnen überprüfen kann.
Damit wird die Kunst zu einer Art Übersetzungsraum zwischen Wirkungs- und Symbolsprache. Ihr Wert liegt nicht darin, dass sie eine endgültige Übersetzung liefert. Sie muss vielmehr die Differenz zwischen beiden Ebenen sichtbar halten. Gerade das verhindert, dass ein Symbol wieder an die Stelle der Wirklichkeit tritt, die es eigentlich untersuchen sollte.
Rezeptionskunst als zweite Übersetzung
Die Kommunikation endet nicht bei der Herstellung des Werkes. Der Besucher erzeugt eine zweite Übersetzung. Er betrachtet ein Objekt, deutet es aufgrund seiner Biografie, seines Berufes, seiner Erfahrungen, Interessen und Vorannahmen und bildet daraus eine eigene Beziehung.
Ihre Methode, bei Rezeptionsproblemen nach dem Beruf, der Interessenlage oder der persönlichen Suche eines Besuchers zu fragen und von dort einen roten Faden zum Werk herzustellen, lässt sich deshalb als Versuch verstehen, die Distanz zwischen abstraktem Werkangebot und konkreter Lebenswirklichkeit zu verkleinern. Der Besucher soll nicht nur erklärt bekommen, was ein Werk „bedeutet“. Er soll einen eigenen Bezug herstellen können.
Im heutigen Kontext wird daraus eine noch anspruchsvollere Aufgabe. Der Besucher müsste nicht nur eine Bedeutung verstehen, sondern seine eigene Tätigkeitsposition darin erkennen. Was bedeutet „umsonst“ in seinem Alltag? Wo verwechselt er Preis und Wert? Welche Dinge betrachtet er als selbstverständlich? Welche Folgen seiner Tätigkeiten sind räumlich oder zeitlich ausgelagert? Was versteht er unter Freiheit? Wo setzt er Eigentum mit Verfügungsmacht gleich? Wo beruft er sich auf Wissenschaft oder Recht, um die eigene Zuständigkeit abzugeben?
Die Rezeptionskunst wird damit zur Rückübersetzung gesellschaftlicher Abstraktion in individuelle Wahrnehmung und Tätigkeit.
Das So-Heits-Atelier als öffentlicher Übersetzungs- und Prüfplatz
Das So-Heits-Atelier kann aus diesem Chat eine deutlich präzisere Funktion erhalten. Es wäre weder Retrospektive noch bloße Ausstellung gesellschaftskritischer Objekte. Es könnte die über Jahrzehnte entstandenen Arbeiten als unterschiedliche Übersetzungs- und Prüfgeräte zusammenführen.
Das Wellenbecken macht Wirkung sichtbar. Die Schultafel thematisiert Wissen, Vorgabe, Speicherung und Löschung. Der Frage-und-Antwort-Tisch erzeugt ein soziales Gegenüber. Das Malbuch prüft Vorgabe und Eigenentscheidung. Die „Schöpfungsgeschichte“ verbindet Naturvorgänge, Ernährung, Eigentum, Religion und Wert. Gold und vergoldete Objekte führen die Zuschreibung von Wert vor Augen. Die 24-Stunden-Uhr kalibriert die menschliche Selbstbedeutung zeitlich. Das Vier-Ebenen-Modell trennt materielle, lebendige, symbolische und prüfende Zusammenhänge. Das Mitmachbuch ermöglicht eine fortgesetzte Beteiligung. Die Globale Schwarm-Intelligenz erweitert den lokalen Atelierprozess in eine digitale Vernetzung.
Der verbindliche Auftrag beschreibt ausdrücklich, dass das So-Heits-Atelier historische Originale, veränderte Objekte, Rekonstruktionen, Dokumentationen, Fotografien, Folien, Schultafeln, Bücher, Modelle und digitale Arbeitsmittel nicht nur zeigen, sondern als Prüfgegenüber wieder in Tätigkeit versetzen soll. Gerade der jetzige Chat liefert dafür einen möglichen neuen Besucherweg: vom scheinbar einfachen Begriff „umsonst“ über Geld und Status zur Frage nach Wert, Eigentum und Freiheit, weiter zur 24-Stunden-Uhr und schließlich zur Erfahrung der eigenen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen.
Vom „Umsonst“ zur öffentlichen Überzeugungsprüfung
Darin liegt möglicherweise die größte methodische Bedeutung dieses Chats. „Umsonst“ kann zu einem einfachen Einstieg in einen sehr komplexen Zusammenhang werden. Jeder kennt das Wort. Jeder benutzt es. Gerade deshalb eignet es sich als Prüfanker.
Ein Besucher könnte zunächst meinen, er wisse genau, was „umsonst“ bedeutet. Doch bereits die Bedeutungsvielfalt zeigt Widersprüche. Kostenlos ist nicht dasselbe wie vergeblich. Ohne Bezahlung ist nicht dasselbe wie ohne Wert. Ohne Gegenleistung ist nicht dasselbe wie ohne Bedingungen. Von dort kann die Untersuchung weitergehen: Was erscheint in meinem Leben als kostenlos? Wer oder was stellt die Voraussetzungen dafür bereit? Welche Folgen bleiben in meiner unmittelbaren Wahrnehmung unsichtbar? Welche Rolle spielen Geld und Status bei meiner Bewertung? Welche Dinge halte ich für wertvoll, weil sie teuer sind? Welche halte ich für selbstverständlich, weil sie keinen Preis besitzen?
Damit würde ein alltäglicher Begriff zu einem Beispiel des von Ihnen entwickelten Begriffshandwerks. Das Wort wird nicht einfach definiert, sondern auseinandergenommen, auf seine verschiedenen Verwendungsweisen geprüft und mit materiellen und gesellschaftlichen Folgen konfrontiert.
Das Entscheidende ist, dass die Kunst die Antwort nicht bereits vorwegnehmen darf. Wenn die Besucherin nur zu dem Ergebnis geführt werden soll, dass Ihre Ausgangsthese richtig ist, wäre das keine offene Prüfung. Das Objekt oder die Versuchsanordnung muss die Möglichkeit enthalten, dass eine Verbindung nicht trägt, dass ein Begriff korrigiert werden muss oder dass eine alternative Deutung stärker ist. Der Arbeitsauftrag verlangt ausdrücklich, die Forschungskunst selbst diesem Maßstab zu unterwerfen und Analogie, Intuition und Beteiligungsform auf mögliche Überdehnung oder Lenkung zu prüfen.
Der Mensch als problematischer Bewerter
Ihre Aussage, Sie könnten nicht erkennen, dass der Mensch oder die Menschheitsgeschichte irgendwie wertvoll sei, darf innerhalb dieses Zusammenhangs nicht vorschnell geglättet werden. Sie ist eine radikale Gegenreaktion auf die anthropozentrische Vorstellung, der Mensch stelle selbstverständlich einen besonderen Wert oder Höhepunkt dar.
Für die Forschungskunst wäre es jedoch konsequenter, gerade auch diese Aussage zu prüfen. Wenn die Kritik lautet, der Mensch habe die Welt durch seine Wertetiketten auf den Kopf gestellt, sollte nicht unmittelbar das entgegengesetzte Wertetikett „wertlos“ auf die Menschheit geklebt werden. Sonst würde dasselbe Bewertungsverfahren lediglich umgekehrt.
Die stärkere Frage lautet deshalb: Nach welchem Maßstab soll die Menschheitsgeschichte bewertet werden? Wird sie nach technischer Hervorbringungsmacht beurteilt, erscheint sie außerordentlich erfolgreich. Wird sie nach wirtschaftlicher Produktivität beurteilt, entstehen wiederum andere Erfolgsgeschichten. Wird sie danach geprüft, ob sie ihre wachsende Macht so organisiert, dass die gemeinsamen materiellen und lebendigen Existenzbedingungen langfristig erhalten bleiben, entsteht ein wesentlich problematischerer Befund.
Damit wird der Mensch nicht automatisch „wertvoll“ oder „wertlos“. Er wird zu einem zu prüfenden Wesen, dessen Besonderheit gerade in der Diskrepanz zwischen hoher Gestaltungsmacht und unzureichender Konsequenzkontrolle liegen kann. Genau diese Differenz führt zur ursprünglichen Forschungsfrage zurück: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und korrigieren kann?
Die eigentliche Paradoxie menschlichen Seins
Aus dem gesamten Verlauf lässt sich nun eine umfassendere Paradoxie herausarbeiten. Der Mensch ist ein abhängiges Lebewesen und entwickelt die Vorstellung weitreichender Autonomie. Er ist ein sehr spätes Produkt der Erdgeschichte und stellt sich als Bewerter über die Voraussetzungen seiner Existenz. Er entwickelt Wissenschaft, um Wirklichkeit präziser zu erkennen, kann aber die Verantwortung für dieses Wissen zugleich an Spezialisten delegieren. Er entwickelt Recht, um gesellschaftliches Handeln zu ordnen, kann aber Legalität mit Tragfähigkeit verwechseln. Er entwickelt Geld, um Austausch zu erleichtern, kann aber Preis mit Wert gleichsetzen. Er entwickelt Eigentum, um Verfügungsrechte zu klären, kann aber daraus eine Vorstellung von Losgelöstheit gegenüber den Folgen des Eigentumsgebrauchs ableiten. Er entwickelt individuelle Freiheit als Schutz vor Fremdbestimmung und kann daraus die Illusion einer Freiheit von Abhängigkeiten und Konsequenzen gewinnen.
Diese Widersprüche sind nicht voneinander unabhängig. Sie bilden ein zusammenhängendes Muster: Eine menschlich erzeugte Symbolordnung verselbständigt sich gegenüber den Bedingungen, die sie tragen. Genau das könnte mit Ihrem Begriff der Skulpturalisierung verbunden werden. Eine ursprünglich plastische, rückkopplungsfähige Ordnung kann erstarren, wenn ihre Kategorien nicht mehr an der Wirklichkeit korrigiert werden. Geld, Eigentum, Status oder institutionelle Rolle werden dann nicht nur Werkzeuge, sondern scheinbar feste Wirklichkeiten.
Die Aufgabe der Forschungskunst wäre demgegenüber, diese Verfestigung wieder plastisch zu machen. Das bedeutet nicht, alle Institutionen aufzulösen, sondern ihre Gemachtheit und Veränderbarkeit sichtbar zu machen und sie erneut mit ihren Folgen zu konfrontieren.
Die Sprache der Natur und die Grenze der menschlichen Gleichgültigkeit
Damit lässt sich auch das „Na und?“ genauer bestimmen. Die Natur antwortet auf Gleichgültigkeit nicht mit Empörung. Sie antwortet überhaupt nicht moralisch. Gerade darin liegt die Härte ihrer „Sprache“. Sie besitzt kein Interesse daran, den Menschen zu überzeugen.
Wenn eine Bedingung überschritten wird, tritt eine Wirkung ein, unabhängig davon, ob der Mensch sie anerkennt. Das unterscheidet die Wirkungswirklichkeit grundlegend von gesellschaftlichem Streit. Menschen können sich darüber verständigen, was Eigentum bedeutet. Sie können Gesetze ändern. Sie können Preise neu festsetzen. Sie können Statusordnungen verschieben. Aber sie können nicht durch Abstimmung beschließen, dass ein Organismus keinen Sauerstoff mehr benötigt oder ein Material eine beliebige Belastung tragen soll.
Die Natur spricht deshalb in Ihrer Forschung gerade dort am deutlichsten, wo menschliche Interpretation an eine Grenze stößt. Bruch, Schmerz, Mangel, Erschöpfung, Regeneration, Wachstum, Strömung und Widerstand sind keine Argumente im rhetorischen Sinne. Sie sind Ereignisse.
Die Kunst kann diese Sprache nicht ersetzen. Sie kann aber Situationen herstellen, in denen ihre Wirkungen wieder wahrnehmbar werden.
Vom Werk zur gesellschaftlichen Alternative
Die gesellschaftliche Zielprojektion ergibt sich daraus nicht als fertiges Gegenmodell, sondern als andere Organisationsweise von Prüfung. So-Heits-Gesellschaft, Tätigkeitsgesellschaft, Demokratiewerkstätten, Kollektive Kreativität, Partei der Wirklichkeit, Globales Dorffest, Entelechie-Museum, Partizipatorisches Welttheater und Globale Schwarm-Intelligenz können als unterschiedliche Versuche verstanden werden, gesellschaftliche Gestaltung nicht vollständig an spezialisierte Institutionen auszulagern.
Das Gemeinsame wäre nicht eine einheitliche Ideologie, sondern die Forderung, dass Hervorbringungen an ihren Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen überprüft werden. Der Bürger wäre dann nicht nur Wähler, Konsument, Arbeitnehmer oder Eigentümer. Er würde zugleich zum Mitprüfenden der Bedingungen, in denen diese Rollen funktionieren.
Darin liegt auch die Verbindung zur Aussage „Die Wissenschaft kann sich damit beschäftigen“. Forschung würde nicht abgeschafft oder entwertet. Im Gegenteil: wissenschaftliches Wissen bliebe unverzichtbar. Aber seine gesellschaftliche Bedeutung bestünde nicht darin, Verantwortung an Wissenschaftler zu delegieren. Wissen müsste in eine öffentliche Prüfstruktur überführt werden, in der Betroffene, Tätige, Fachleute und gesellschaftliche Institutionen ihre verschiedenen Erkenntnisse auf gemeinsame Folgen beziehen können.
Die So-Heits-Gesellschaft wäre damit weniger eine fertige Gesellschaftsutopie als eine Forderung nach dauerhafter Korrekturfähigkeit.
Die neue Stellung des „Kostbaren“
Der Begriff „kostbar“ kann nach diesem Chat ebenfalls genauer bestimmt werden. Er sollte nicht als neuer metaphysischer Universalwert verwendet werden. Seine Stärke liegt in seiner Gegenfunktion zur ökonomischen Verkürzung.
Wenn Sie sagen, fast die gesamte 24-Stunden-Uhr bestehe aus Kostbarem, bedeutet dies im Werkzusammenhang: Diese Wirklichkeit ist nicht dadurch bedeutungslos, dass sie keinen menschlichen Preis trägt. Ihre Bedingungen, Entstehungszeiten und Abhängigkeiten können gerade so umfassend sein, dass kein menschliches Gegenwertsystem sie angemessen ausdrücken kann.
In diesem Sinne wäre „unbezahlbar“ zwar näher als „umsonst“, aber auch dieser Begriff bleibt sprachlich noch auf Geld bezogen. Noch grundlegender ist die Feststellung: Die vorausliegende Wirklichkeit besitzt keine Verpflichtung, sich in menschliche Wertsysteme übersetzen zu lassen. Der Mensch kann sie bepreisen. Er kann sie aber durch den Preis nicht vollständig erfassen.
Genau deshalb sollte „kostbar“ im So-Heits-Atelier möglicherweise nicht als moralische Behauptung stehen bleiben. Es müsste materiell und erfahrbar werden. Wie lange hat etwas gebraucht, um zu entstehen? Wovon hängt es ab? Was geschieht, wenn es entnommen, verletzt, unterbrochen oder überlastet wird? Welche Regenerationszeit besitzt es? Erst dann wird aus dem Wertwort ein Prüfverfahren.
Neue Werkverbindungen, die dieser Chat begründet
Der besondere Beitrag dieses Chats besteht damit nicht in der Entdeckung völlig neuer historischer Objekte, sondern in neuen funktionalen Verbindungen zwischen bereits vorhandenen Werksträngen. Die 24-Stunden-Uhr verbindet sich erstmals besonders scharf mit Preis-, Wert- und Gegenwertkonstruktionen. Die „Schöpfungsgeschichte“ erhält über Wiese, Nahrung, Wasser, Gold und Eigentum eine direkte Verbindung zur Umsonst-Problematik. Die frühen Wasser- und Strömungsversuche werden als materielle Vorformen einer nichtsprachlichen Kommunikationsstruktur lesbar. Die Maschinenschlosser-Erfahrung verbindet Materialantwort und Fehlerkorrektur mit der späteren gesellschaftlichen Funktionsprüfung. Die Malbücher und Vorgabebilder verbinden sich mit der Frage nach Freiheit innerhalb vorausliegender Bedingungen. Die Frage-und-Antwort-Tische und Tausend Tische lassen sich als Gegenräume zur gesellschaftlichen Zuständigkeitszersplitterung verstehen. Die Schultafel beziehungsweise „Staumauer“ gewinnt eine neue Beziehung zur Differenz zwischen Wissen und wirksamer Rückkopplung. Das Vier-Ebenen-Modell ermöglicht schließlich, die im Chat beschriebenen begrifflichen Verkehrungen systematisch als Ebenenverwechslungen zu untersuchen.
Diese Verbindungen sind nicht alle gleich stark werkgeschichtlich belegt. Bei einigen handelt es sich um gegenwärtige analytische Rückbezüge. Deshalb müssen sie im weiteren Werkarchiv jeweils daran geprüft werden, welche historischen Materialien, Texte, Fotografien oder Ausstellungssituationen die heutige Lesart stützen.
Offene Fragen und notwendige Selbstprüfung
Der Chat löst die Fragen nicht abschließend. Mehrere Punkte bleiben offen. Zunächst ist noch genauer zu untersuchen, wie weit die Bedeutungsvielfalt des Wortes „umsonst“ tatsächlich kulturell wirksam ist und wo die heutige Forschungskunst eine eigene produktive Lesart entwickelt. Die Etymologie darf nicht als Beweis dafür verwendet werden, dass aus der Wortgeschichte zwangsläufig heutige ökonomische Verhaltensweisen hervorgegangen seien.
Ebenso offen bleibt, wie der Begriff „Kostbarkeit“ verwendet werden kann, ohne lediglich ein neues pauschales Werturteil zu erzeugen. Wenn menschliche Wertkonstruktionen kritisiert werden, muss auch der eigene Gegenwertbegriff überprüfbar bleiben.
Auch die Kritik an Wissenschaft, Wirtschaft, Recht und Gerichten darf nicht in eine pauschale Erklärung umschlagen. Die Forschung muss unterscheiden, welche Funktionen diese Institutionen erfüllen, welche Grenzen sie besitzen und an welchen konkreten Stellen Zuständigkeitszerlegung, Externalisierung oder mangelnde Rückkopplung nachweisbar werden.
Schließlich muss die Forschungskunst selbst ihre Stellung prüfen. Wenn sie behauptet, die Sprache der Natur übersetzbar zu machen, besteht die Gefahr, dass die künstlerische Interpretation wieder als Natur selbst ausgegeben wird. Deshalb ist die Unterscheidung zwischen Naturvorgang, künstlerischer Auswahl, Werkform, Besucherinterpretation und gesellschaftlicher Folgerung zwingend. Die Kunst kann keine unangreifbare Sprecherin der Natur sein. Sie kann nur eine Versuchsanordnung herstellen, in der unterschiedliche Behauptungen an Wirkungen und Konsequenzen geprüft werden.
Kontextbaustein für die fortlaufende Forschungsrekonstruktion
Durch diesen Chat wird neu sichtbar, dass „umsonst“ als ein zentraler Prüfbegriff zwischen menschlicher Gegenwertordnung und vorausliegender Abhängigkeitswirklichkeit verwendet werden kann. Ausgangspunkt ist die sprachliche Mehrdeutigkeit zwischen kostenlos, ohne Gegenleistung, vergeblich und zwecklos. Daraus wird jedoch keine etymologische Gesellschaftserklärung abgeleitet. Entscheidend ist vielmehr die gegenwärtige Unterscheidung zwischen Preislosigkeit, Bedingungslosigkeit, Folgenlosigkeit und Wertlosigkeit. Die 24-Stunden-Uhr erhält dadurch neben ihrer zeitlichen Kalibrierungsfunktion eine neue Funktion als Wertprüfung: Fast die gesamte Erdgeschichte verläuft ohne menschliches Geld, Eigentum und Status, während gerade in dieser Zeit die Voraussetzungen entstehen, von denen der spät auftretende Mensch vollständig abhängig bleibt.
Neu herausgearbeitet wird außerdem die Kommunikationsstruktur zwischen Mensch und Natur als Gegensatz und Vermittlung zwischen zwei unterschiedlichen „Sprachen“. Die vorausliegende Wirklichkeit zeigt sich durch Wirkung, Widerstand, Stoffwechsel, Belastungsgrenze, Regeneration, Bruch und Konsequenz. Die menschliche Symbolwelt arbeitet dagegen mit Begriffen, Eigentum, Geld, Status, Recht, Wissenschaft und institutionellen Rollen. Das Problem entsteht dort, wo die Ergebnisse dieser zweiten Sprache mit den Bedingungen der ersten verwechselt werden. Aus „es kostet mich nichts“ kann „es kostet nichts“ werden; aus Selbstbestimmung kann die Vorstellung von Folgenfreiheit werden; aus Eigentum kann die Illusion uneingeschränkter Verfügung entstehen; aus Legalität kann vermeintliche Tragfähigkeit werden; aus wissenschaftlichem Wissen kann eine delegierte Zuständigkeit werden.
Der Chat bestätigt und präzisiert damit die Bedeutung des Vier-Ebenen-Modells als Verfahren zur Aufdeckung solcher Ebenenverwechslungen. E1 und E2 begrenzen die symbolischen Hervorbringungen von E3, während E4 als öffentlicher Prüf-, Korrektur- und Reparaturraum benötigt wird. Die neuen Beziehungen führen werkgeschichtlich zur Maschinenschlosser-Erfahrung von Funktion, Fehler und Korrektur, zur Experimentellen Umweltgestaltung mit Wasser, Strömung, Widerstand und Regulation, zu Malbüchern und Vorgabebildern als Untersuchung von Freiheit innerhalb von Bedingungen, zu Frage-und-Antwort-Tischen und Tausend Tischen als öffentlicher Gegenüberstellung, zur Schultafel beziehungsweise „Staumauer“ als möglicher Spannung zwischen Wissen und blockierter Rückkopplung sowie zur „Schöpfungsgeschichte“ als materieller Verbindung von Naturprozess, Nahrung, Eigentum, Wert und menschlicher Symbolisierung.
Für das So-Heits-Atelier entsteht daraus ein neuer möglicher Prüfweg. Historische Materialien könnten nicht nur nach ihrer Entstehungszeit angeordnet werden, sondern anhand der Frage aktiviert werden, wie eine menschliche Wert- und Freiheitsbehauptung an vorausliegenden Bedingungen geprüft werden kann. „Umsonst“ könnte dabei als einfacher Einstieg in eine umfassende Untersuchung von Preis, Gegenwert, Status, Eigentum, Freiheit und Verantwortung dienen. Das Ziel wäre nicht, dem Besucher eine fertige moralische Antwort vorzuschreiben, sondern sichtbar und erfahrbar zu machen, dass menschliche Symbolordnungen ihre eigenen Existenzbedingungen nicht außer Kraft setzen.
Die Forschung bleibt an mehreren Stellen offen. Die konkrete historische Materialwanderung einzelner Objekte muss weiterhin archivisch geprüft werden. Die unklaren Werkanker „Axel in Dresden“, „Erlöserkirche Berlin“ und „Zarrentin, letzter Grenzkontrollpunkt“ sind durch diesen Chat nicht geklärt und dürfen nicht spekulativ ergänzt werden. Ebenso müssen die Begriffe „Kostbarkeit“, „Betrugskonstruktion“ und „Sprache der Natur“ weiter geprüft werden, damit sie nicht zu neuen pauschalen Behauptungen werden. Der entscheidende neue Werk- und Prüfanker dieses Chats kann jedoch bereits präzise benannt werden: Der Mensch hat Freiheit mit Folgenfreiheit, Preis mit Wert und gesellschaftliche Zuschreibung mit vorausliegender Wirklichkeit zu verwechseln gelernt. Die Forschungskunst untersucht, wie diese Verwechslungen durch materielle, körperliche, begriffliche und öffentliche Gegenüberstellungen wieder korrigierbar werden können.
Damit führt dieser Chat unmittelbar auf die Ausgangsfrage des Lebenswerkes zurück. Die mögliche Antwort liegt nicht darin, dass dem Menschen Erkenntnis grundsätzlich fehlt. Das Problem könnte vielmehr darin bestehen, dass seine hochentwickelten Symbol-, Wert- und Zuständigkeitsordnungen die Verbindung zwischen Wissen, Tätigkeit und Konsequenz immer wieder unterbrechen. Die Natur „spricht“ dabei weiterhin durch Wirkungen. Die offene Frage ist, welche künstlerischen, gesellschaftlichen und institutionellen Übersetzungsformen erforderlich sind, damit der Mensch diese Wirkungen nicht erst dann versteht, wenn Korrektur nicht mehr möglich ist.
Do., 27. Aug. um 13:05
markdown(20260827-110005).md eingefügt
Datei
Besonderer Erkenntnisbeitrag
Der besondere Beitrag dieses Chats liegt nicht in einem neuen Werk oder einer neuen Objektbiografie, sondern in einer präziseren Verbindung zwischen „umsonst“, Wertkonstruktion, menschlicher Selbstbestimmung und der Frage nach einer Kommunikation zwischen Mensch und Natur. Ausgangspunkt war Wolfgang Fenners Frage, wie es möglich ist, dass der Mensch nahezu die gesamte vorausliegende Erd- und Naturgeschichte als etwas behandelt, das „umsonst“ vorhanden sei. Die von ihm herangezogene 24-Stunden-Uhr erhält dadurch eine zusätzliche Funktion. Sie zeigt nicht mehr nur das extreme zeitliche Missverhältnis zwischen Erdgeschichte und menschlicher Anwesenheit, sondern wird zugleich zum Prüfmittel menschlicher Wertsetzung. Fenner formuliert dazu ausdrücklich, 23 Stunden, 59 Minuten und fast 54 Sekunden lang gebe es „nur Kostbares“ auf dem Planeten Erde, während er nicht erkennen könne, weshalb der Mensch beziehungsweise die Menschheitsgeschichte selbstverständlich als wertvoll gelten solle. Damit richtet sich die Untersuchung gegen eine anthropozentrische Umkehrung, in der der sehr spät auftretende Mensch die bereits vorliegende Wirklichkeit nach seinen eigenen Maßstäben bewertet.
Das eingefügte DWDS-Material stützt zunächst nur eine sprachliche Feststellung: „umsonst“ kann ohne Gegenleistung oder Bezahlung, vergeblich sowie zwecklos beziehungsweise grundlos bedeuten. Daraus folgt noch keine Gesellschaftstheorie. Für Fenners Untersuchung wird diese Mehrdeutigkeit jedoch deshalb interessant, weil sie die Frage provoziert, wie leicht Preislosigkeit, fehlende Gegenleistung, Nutzlosigkeit und Wertlosigkeit begrifflich aneinandergeraten können, obwohl es sich um verschiedene Sachverhalte handelt. Der eigentliche Forschungsgegenstand ist damit nicht die Wortgeschichte allein, sondern die menschliche Bewertungspraxis, die aus „es kostet mich nichts“ eine wesentlich weitergehende Vorstellung machen kann.
Der zweite wesentliche Erkenntniszuwachs entsteht durch Fenners eigene Formulierung, der Planet Erde beziehungsweise die Natur spreche offenbar keine Sprache, die der Mensch verstehe. Damit wird die Wertfrage in eine Kommunikationsfrage überführt. Natur „spricht“ in diesem Zusammenhang nicht in Sätzen. Gemeint sind Wirkungen, Abhängigkeiten, Veränderungen, Belastungen, Verletzungen, Regeneration und andere Folgen, die unabhängig davon eintreten, ob ein Mensch sie anerkennt. Die Frage lautet damit genauer: Wie kann eine Zivilisation hochentwickelte Sprach-, Wissenschafts-, Wirtschafts-, Rechts- und Wertsysteme besitzen und trotzdem die Rückmeldungen der Wirklichkeit so behandeln, als beträfen sie jeweils jemand anderen?
Betroffene Methodenentwicklung
Neu miteinander verbunden werden in diesem Chat vor allem drei bereits vorhandene Untersuchungsrichtungen: die 24-Stunden-Uhr, die Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen und die Kommunikationsstruktur zwischen menschlicher Symbolwelt und vorausliegender Naturwirklichkeit. Eine neue materielle Objektwanderung wird dagegen nicht belegt.
Die 24-Stunden-Uhr wird jetzt besonders deutlich zur Prüfung einer nachträglichen menschlichen Wertordnung. Fast die gesamte dargestellte Erdgeschichte kennt keinen menschlichen Geldpreis, kein Eigentumsrecht und keinen gesellschaftlichen Status. Daraus folgt jedoch gerade nicht, dass das dort Entstandene „umsonst“ im Sinne von wertlos, beliebig verfügbar oder ohne Bedingungen vorhanden wäre. Fenners Begriff des „Kostbaren“ richtet sich gegen diese nachträgliche Entwertung. Dabei bleibt allerdings offen, wie „kostbar“ zukünftig genau definiert werden soll. Als künstlerische Gegenformulierung ist der Begriff verständlich; als allgemeine wissenschaftliche Wertkategorie wäre er noch unbestimmt.
Eine zweite Präzisierung betrifft die menschliche Selbstbeschreibung. Fenner nennt die Haltung: „Das ist mein Leben“, „Ich tue das, was ich will“, „Ich gehöre mir selber“ und verbindet sie mit einem gesellschaftlich verstärkten Desinteresse: „Na und? Ist mir doch egal.“ Der Widerspruch liegt darin, dass der Mensch Selbstbestimmung als gesellschaftlichen Anspruch formulieren kann, ohne dadurch seine materiellen und lebendigen Abhängigkeiten zu verlieren. Die Behauptung eigener Verfügungsmacht und die tatsächliche Abhängigkeit gehören unterschiedlichen Zusammenhängen an. Genau diese Differenzierung scheint für die Forschung wichtiger zu sein als eine pauschale Kritik der Freiheit selbst. Die zu prüfende Frage lautet, wann aus berechtigter Selbstbestimmung die Vorstellung entsteht, auch die Folgen des eigenen Handelns seien ausschließlich Privatsache.
Hier ist allerdings eine Quellenkorrektur notwendig. Die zugespitzte Formel „Der Mensch hat Freiheit mit Folgenfreiheit verwechselt“ wurde im bisherigen Chat von der KI formuliert. Wolfgang Fenner hat den zugrunde liegenden Widerspruch beschrieben, diese Wortformel aber bislang nicht ausdrücklich als eigenen Forschungsbegriff bestätigt. Sie sollte deshalb nicht als feststehender Werkanker übernommen werden.
Ähnliches gilt für die bisherige KI-Formulierung, „umsonst“ könne zu einem „zentralen Prüfbegriff“ der Forschungskunst werden. Fenner hat die Paradoxie des Umsonst und ihre Verbindung zu Geld, Status und der 24-Stunden-Uhr ausdrücklich untersucht. Dass daraus bereits ein verbindlicher Hauptbegriff des Lebenswerkes geworden sei, lässt sich aus dem Chat dagegen nicht ableiten. Der Untersuchungsauftrag verlangt gerade, solche früheren KI-Verdichtungen nicht mit Primäraussagen gleichzusetzen.
Bedeutung für den Forschungszusammenhang
Besonders ergiebig ist Fenners Frage: „Die Wissenschaft kann sich ja damit beschäftigen, was habe ich denn damit zu tun?“ Darin wird ein Problem sichtbar, das über individuelles Desinteresse hinausgeht. Erkenntnis, Entscheidung, wirtschaftliche Tätigkeit, rechtliche Beurteilung und persönliche Lebensführung können gesellschaftlich auf verschiedene Zuständigkeiten verteilt werden. Wissenschaft untersucht, Politik entscheidet, Wirtschaft handelt, Gerichte prüfen rechtliche Zulässigkeit und der Einzelne kann sich auf diese arbeitsteilige Ordnung berufen. Der Widerspruch entsteht dort, wo die Gesamtwirkung zwischen diesen Zuständigkeiten verschwindet.
Damit bekommt die Ausgangsfrage der Forschungskunst eine zusätzliche Präzisierung. Das Problem könnte nicht einfach darin liegen, dass Menschen zu wenig wissen. Wissen kann vorhanden sein und dennoch von der eigenen Tätigkeit getrennt bleiben. Ein Mensch kann wissenschaftliche Erkenntnisse akzeptieren und gleichzeitig denken, deren Bearbeitung sei Aufgabe von Fachleuten. Ein Unternehmen kann sich auf wirtschaftliche Regeln berufen, ein Gericht auf geltendes Recht und ein Einzelner darauf, dass ein Produkt legal erhältlich ist. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass die kumulierten Tätigkeiten unter materiellen, lebendigen oder langfristigen Bedingungen tragfähig sind.
Diese Beobachtung schließt unmittelbar an Fenners Kritik der „begrifflichen Tricks“ an. Ein entscheidender Vorgang besteht darin, dass Aussagen, die innerhalb einer bestimmten menschlichen Ordnung sinnvoll sind, auf einen anderen Wirklichkeitsbereich übertragen werden. Eigentum regelt eine gesellschaftliche Zuordnung, verändert aber nicht die materiellen Abhängigkeiten eines Grundstücks. Ein Preis beschreibt einen gesellschaftlichen Gegenwert, nicht sämtliche Entstehungsbedingungen eines Gegenstands. Rechtliche Zulässigkeit besagt zunächst, dass etwas innerhalb einer Rechtsordnung erlaubt ist, nicht dass sämtliche langfristigen Folgen tragfähig sind. Gesellschaftlicher Status besagt etwas über Rang und Anerkennung, nicht über die Qualität der Tätigkeitskonsequenzen.
Hier kann das bereits vorhandene Vier-Ebenen-Modell als Prüfrahmen angewendet werden, ohne dass dieser Chat daran eine neue Ebene oder eine neue Grundstruktur entwickelt. Neu ist eher die konkrete Anwendung: Geld, Status, Eigentum, Recht und Selbstbestimmung können als menschliche Geltungsordnungen sehr wirksam sein, ohne dadurch materielle und lebendige Bedingungen zu ersetzen. Besonders wichtig ist dabei die Machtfrage: Wer kann Folgen verlagern, wer muss sie tragen, wer bestimmt ihre Bewertung und wer besitzt überhaupt die Möglichkeit, eine Korrektur durchzusetzen? Genau diese Machtbedingungen sind im inzwischen präzisierten Arbeitsrahmen ausdrücklich Teil der Prüfung.
Die Rede von der „Sprache der Natur“ erhält dadurch ebenfalls eine genauere Stellung. Sie sollte nicht bedeuten, dass Kunst im Namen der Natur sprechen könne. Fenners Ansatz richtet sich vielmehr darauf, Wirkungen wahrnehmbar und in menschliche Gegenüberstellungen zu übersetzen, ohne Darstellung und Naturvorgang gleichzusetzen. Gerade diese Grenze ist wichtig. Sonst würde die Forschungskunst dieselbe Operation wiederholen, die sie kritisiert: eine menschliche Interpretation würde zur Wirklichkeit selbst erklärt. Der Arbeitsstand beschreibt deshalb die Naturseite durch Wirkung, Widerstand, Stoffwechsel, Abhängigkeit, Belastung, Regeneration, Verletzung, Bruch und Veränderung und behandelt die Rede von verschiedenen „Sprachen“ ausdrücklich als Denkmodell.
Aussage- und Belegstatus
Mehrere Aussagen dieses Chats sind klar Wolfgang Fenner zuzuordnen: die Paradoxie des „Umsonst“ im Verhältnis zur 24-Stunden-Uhr; die Formulierung von fast 23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden „Kostbarem“; die Kritik an einer Selbstverständlichkeit menschlicher Wertigkeit; die Diagnose einer „auf den Kopf gestellten“ Welt durch begriffliche Konstruktionen; die Frage nach einer von Menschen offenbar nicht verstandenen „Sprache“ der Natur; die Formeln „Ist mir doch egal“, „Das ist mein Leben“, „Ich tue, was ich will“, „Ich gehöre mir selber“ sowie die Kritik daran, Verantwortung an Wissenschaft, Wirtschaft, Finanzmarkt, Gerichte oder andere Zuständigkeiten auszulagern.
Nicht als bestätigte Primärbegriffe behandelt werden dürfen dagegen mehrere Verdichtungen aus den vorausgegangenen KI-Antworten. Dazu gehören insbesondere „Freiheit mit Folgenfreiheit verwechselt“, „Umsonst als zentraler Prüfbegriff“, „menschliche Zweitsprache“ oder ähnliche systematisierende Bezeichnungen. Sie können einen beschriebenen Zusammenhang verständlich machen, besitzen aber ohne ausdrückliche Bestätigung keinen Status als Begriffe Wolfgang Fenners. Genau diese Unterscheidung ist für die weitere Rekonstruktion wichtig, weil frühere KI-Texte nicht allein dadurch zu Werkquellen werden, dass sie mehrfach wiederholt wurden.
Historisch nicht geklärt ist in diesem Chat außerdem, wann und durch welche konkreten gesellschaftlichen Entwicklungen das von Fenner kritisierte „Umsonst-Verständnis“ entstanden ist. Die Wortgeschichte des DWDS beantwortet diese kultur- und wirtschaftsgeschichtliche Frage nicht. Ebenso sind die Aussagen über Geschäftemacherei, Finanzmarkt, gesellschaftliche Machtkonzentration und die Rolle der Gerichte hier Forschungsthesen; für eine historische oder empirische Begründung wären gesonderte Quellen notwendig.
Komprimierter Kontextbaustein
Dieser Chat präzisiert die Verbindung von 24-Stunden-Uhr, menschlicher Wertkonstruktion und Kommunikationsproblem zwischen Mensch und Natur. Wolfgang Fenner untersucht „umsonst“ nicht nur als Geldbegriff, sondern als mögliche Verkehrung, bei der Preislosigkeit mit geringem oder fehlendem Wert verwechselt werden kann. Seine Formulierung, fast 23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden lang gebe es „nur Kostbares“, stellt die nachträgliche menschliche Bewertung der vorausliegenden Erd- und Naturgeschichte infrage. Neu deutlich wird außerdem der Widerspruch zwischen Selbstbestimmung und tatsächlicher Abhängigkeit sowie die Möglichkeit, Verantwortung durch wissenschaftliche, wirtschaftliche, rechtliche oder individuelle Zuständigkeitsaufteilung zu zerstreuen. Die Natur wird dabei nicht als menschlich sprechendes Gegenüber verstanden, sondern über Wirkungen, Widerstände und Konsequenzen. Keine neue Objektwanderung ist belegt. Mehrere frühere KI-Verdichtungen, darunter „Freiheit mit Folgenfreiheit verwechselt“ und „umsonst als zentraler Prüfbegriff“, bleiben unbestätigte analytische Formulierungen und dürfen nicht als feststehende Begriffe Wolfgang Fenners übernommen werden...............
Der Satz „Der Planet Erde wird auch ohne den Menschen weiterbestehen“ kann naturwissenschaftlich zutreffen und zugleich eine zynische Selbstentlastung enthalten. Er verschiebt die Frage von der menschlichen Verantwortlichkeit auf die geologische Fortdauer des Planeten.
Der Sarkasmus vom Fortbestehen der Erde
Für mich liegt in der Natur, beispielsweise im Wald, eine Wahrheit, sofern überhaupt von Wahrheit gesprochen werden kann. Diese Wahrheit besteht nicht darin, dass die Natur moralisch gut, friedlich oder harmonisch wäre. Im Wald gibt es Konkurrenz, Verdrängung, Krankheit, Fraß, Täuschung, Sterben und Zerfall. Seine Wahrheit liegt vielmehr darin, dass keine Tätigkeit ohne Voraussetzungen und Konsequenzen bleibt. Jeder Organismus ist in Abhängigkeiten eingebunden, jede Veränderung erzeugt Rückwirkungen, und jede Lebensform muss sich innerhalb bestimmter Toleranz- und Funktionsbereiche bewähren.
Die Natur behauptet nicht, dass etwas funktioniert. Es funktioniert oder es funktioniert nicht. Ein Baum kann seinen Wasserbedarf nicht durch einen Begriff ersetzen. Eine Pflanze kann ihre Abhängigkeit von Licht, Boden und Stoffaustausch nicht durch Eigentumsrechte aufheben. Ein Wald kann Verluste eine Zeit lang ausgleichen, sich verändern oder neu organisieren; werden jedoch entscheidende Toleranzbereiche überschritten, verändert sich das gesamte System oder bricht in seiner bisherigen Form zusammen.
Darin liegt eine andere Wahrheit als in der menschlichen Kulturidentität. Der Mensch kann Begriffe erfinden, Regelwerke beschließen und Tätigkeiten gesellschaftlich legitimieren. Er kann einen wirtschaftlichen Erfolg feststellen, obwohl die materiellen Voraussetzungen dieses Erfolges zerstört werden. Er kann eine Tätigkeit für rechtmäßig erklären, obwohl ihre Folgen andere Menschen, Lebensformen oder zukünftige Generationen tragen müssen. Die Natur erkennt diese Selbstlegitimationen nicht an. Für sie zählen nicht die Begründungen, sondern die Tätigkeitskonsequenzen.
Vor diesem Hintergrund erhält der häufig geäußerte Satz, die Erde werde ihren Weg auch ohne die Menschheit weitergehen, einen eigentümlichen Sarkasmus. Der Mensch spricht dabei so, als stünde er außerhalb des Planeten und könne dessen spätere Entwicklung aus sicherer Entfernung betrachten. Tatsächlich spricht ein vollständig abhängiges Funktionsteil über die Fortdauer des Ganzen nach seiner eigenen möglichen Selbstabschaffung.
Der Sarkasmus besteht darin, dass der Mensch seine eigene Überflüssigkeit als Trost formuliert. Er sagt sinngemäß: Wenn wir unsere Existenzbedingungen zerstört haben, wird wenigstens der Planet noch vorhanden sein. Damit wird die Fortdauer der Erde zur Entschuldigung dafür gemacht, dass der Mensch nicht fähig oder nicht bereit war, seine Tätigkeiten rechtzeitig zu korrigieren.
Doch der Planet Erde benötigt diese Entschuldigung nicht. Er besitzt kein menschliches Interesse daran, ob der Mensch seine Selbstbezeichnung als Homo sapiens bewahrt. Die Frage betrifft nicht die Rettung eines Himmelskörpers. Sie betrifft die Erhaltung jener besonderen planetarischen Bedingungen, unter denen Menschen und zahlreiche andere gegenwärtige Lebensformen existieren können.
Wenn gesagt wird, „die Natur wird sich schon erholen“, wird außerdem verschwiegen, was Erholung bedeutet. Es ist nicht notwendig die Wiederherstellung dessen, was zerstört wurde. Es kann die Entstehung einer anderen Ordnung sein, in der bisherige Wälder, Tierarten, Landschaften und menschliche Lebensmöglichkeiten nicht mehr vorkommen. Die Erde kann weiterbestehen, während unwiederbringliche Lebenszusammenhänge verschwunden sind.
Auf menschlichen Zeitmaßstäben ist diese Aussage deshalb kein Trost. Ein zerstörter Wald kann nicht dadurch gerechtfertigt werden, dass sich in Jahrhunderten oder Jahrtausenden möglicherweise eine andere Vegetation entwickelt. Eine ausgestorbene Art wird nicht dadurch zurückgebracht, dass neues Leben entstehen kann. Und die Zerstörung menschlicher Lebensbedingungen wird nicht vernünftig, weil der Planet als Gesteinskörper fortbesteht.
Der Millisekunden-Mensch beruft sich damit auf Zeiträume, zu denen er selbst kein verantwortliches Verhältnis entwickelt. Während er seine Entscheidungen an kurzfristigen Gewinnen, Wahlperioden, Lebenszeiten und unmittelbaren Vorteilen ausrichtet, benutzt er die geologische Zukunft des Planeten, um die Konsequenzen dieser Kurzfristigkeit zu relativieren.
Hier zeigt sich erneut die Trennung zwischen Kulturidentität und plastischer Identität. Die Kulturidentität kann sich vorstellen, dass „die Menschheit“ verschwindet und „die Erde“ unabhängig davon weitergeht. Die plastische Identität erkennt dagegen, dass der Mensch in jedem Augenblick ein atmender, stoffwechselnder und verletzbarer Bestandteil dieses planetarischen Zusammenhangs ist. Er kann sich gedanklich außerhalb der Erde positionieren, körperlich kann er es nicht.
Der Satz vom Fortbestehen der Erde ist daher nur dann nicht zynisch, wenn er zu einer radikalen Einsicht führt: Nicht der Planet ist von uns abhängig, sondern wir sind vom planetarischen Plexus abhängig. Die Erde muss sich vor dem Menschen nicht rechtfertigen. Der Mensch muss beweisen, ob seine besondere Wissens- und Herstellungspotenzialität zur Erhaltung der Bedingungen beitragen kann, aus denen sie hervorgegangen ist.
Die Wahrheit des Waldes liegt somit nicht in einer romantischen Reinheit. Sie liegt in seiner kompromisslosen Rückbindung aller Tätigkeiten an ihre Voraussetzungen und Folgen. Im Wald kann kein Teil dauerhaft so tun, als sei es vom Wasser, vom Boden, vom Klima, von Mikroorganismen und von den anderen Lebensformen unabhängig. Seine Beziehungen können fördernd oder zerstörerisch, kooperativ oder konkurrierend sein. Sie bleiben jedoch wirklich, weil ihre Konsequenzen nicht durch Begriffe aufgehoben werden können.
Der Mensch dagegen besitzt die Fähigkeit, sich eine Parallelwelt zu schaffen, in der er seine Abhängigkeiten zeitweilig nicht mehr wahrnehmen muss. Gerade diese Fähigkeit hält er für den Beweis seiner Überlegenheit. Tatsächlich könnte sie zum Beweis seiner Unvernunft werden, wenn er nicht lernt, seine Begriffe und Regelwerke wieder an die plastische Wirklichkeit zurückzubinden.
Die eigentliche Umkehrung lautet deshalb:
Nicht die Erde muss gerettet werden, damit sie als Planet weiterbesteht. Der Mensch muss seine Fähigkeit entwickeln, innerhalb der Bedingungen zu leben, die er weder erfunden hat noch ersetzen kann.
Und der eigentliche Sarkasmus lautet:
Der Mensch tröstet sich mit der Überlebensfähigkeit des Planeten, während gerade diese Überlebensfähigkeit zeigt, wie wenig der Planet auf die menschliche Selbstüberschätzung angewiesen ist.
Die Frage ist deshalb nicht, ob die Erde nach dem Menschen weiterexistieren wird. Die Frage ist, ob der Mensch bereit ist, seine Vernunft daran zu beweisen, dass seine Existenz auf der Erde nicht zu einer vorübergehenden, zerstörerischen Fehlbewegung innerhalb ihrer Milliarden Jahre alten Entwicklung wird.
Der Kern lässt sich so verdichten: Die Natur braucht den Menschen nicht als ihren Retter; der Mensch braucht die Natur als die Wirklichkeit, an der sich sein Anspruch auf Vernunft überhaupt erst bewähren muss......................
Der entscheidende Punkt ist: Die acht Milliarden Menschen bilden bereits einen gemeinsamen Tätigkeits-, Abhängigkeits- und Konsequenzzusammenhang, verfügen aber noch nicht über eine entsprechende gemeinsame Verantwortungsstruktur.
Globale Schwarm-Intelligenz als Verantwortungsstruktur
Ein realer Abhängigkeitszusammenhang und eine menschengemachte Parallelordnung
Die acht Milliarden Menschen leben nicht als voneinander getrennte Individuen auf dem Planeten Erde. Sie sind durch Atmung, Wasser, Nahrung, Stoffkreisläufe, Klima, Rohstoffe, Pflanzen, Tiere, technische Systeme und die Tätigkeiten anderer Menschen miteinander verbunden. Diese Verbindung ähnelt nicht unmittelbar, aber strukturell den Beziehungen zwischen Bäumen, Pilzen, Mikroorganismen und dem Boden: Die Beteiligten bleiben unterscheidbar und sind dennoch in einen gemeinsamen Austausch- und Abhängigkeitsraum eingebunden.
Die menschliche Welt besteht deshalb bereits als ein planetarischer Plexus. Jede Tätigkeit tritt in diesen Zusammenhang ein und erzeugt Konsequenzen, die andere Menschen, Lebewesen und zukünftige Zustände des Planeten betreffen können. Dabei ist es nicht notwendig, dass die Handelnden einander kennen oder die Folgen ihres Handelns unmittelbar wahrnehmen. Die Verbindung besteht durch die Konsequenzen selbst.
Neben diesem realen Abhängigkeitszusammenhang hat der Mensch jedoch eine zweite Ordnung geschaffen. Sie besteht aus Geld, Eigentum, Märkten, Unternehmen, Staaten, Gesetzen, Verträgen, gesellschaftlichen Rollen und Machtpositionen. Diese Ordnung ist nicht physisch in derselben Weise vorhanden wie Wasser, Boden oder der menschliche Organismus. Sie beruht auf menschlichen Vereinbarungen, Zuschreibungen und Anerkennungen.
Dennoch ist sie nicht wirkungslos. Ihre Begriffe und Regeln erzeugen materielle Folgen. Eine Eigentumsordnung ist eine menschliche Konstruktion; sie kann aber darüber entscheiden, wer Land, Rohstoffe, Wohnungen, Produktionsmittel oder technische Infrastrukturen kontrolliert. Geld ist kein Nahrungsmittel und kein Lebensraum; es kann jedoch darüber entscheiden, wer Zugang zu Nahrung, Wohnraum, medizinischer Versorgung und politischem Einfluss erhält.
Die Parallelwelt ist daher nicht einfach unwirklich. Sie ist eine symbolisch konstruierte, aber materiell wirksame Ordnung. Das eigentliche Problem entsteht dort, wo diese Ordnung ihren konstruierten Charakter verleugnet und sich über die physischen und biologischen Existenzbedingungen stellt.
Die Selbstlegitimation der Macht
In dieser Parallelordnung können sich Herrschaftskonstruktionen bilden, die ihre eigene Gültigkeit aus ihren Regeln ableiten. Besitz erzeugt weiteren Besitz, Kapital erzeugt weiteren Einfluss, wirtschaftliche Macht beeinflusst politische Entscheidungen und politische Entscheidungen sichern wiederum bestehende Machtverhältnisse.
So entsteht eine zirkuläre Selbstlegitimation:
Wer über große Mittel verfügt, kann mehr Entscheidungen beeinflussen. Weil er Entscheidungen beeinflussen kann, erscheint seine Macht als gesellschaftlich bedeutsam. Weil sie als bedeutsam anerkannt wird, erhält sie weiteren Zugang zu Ressourcen und Entscheidungsmöglichkeiten.
Die Macht rechtfertigt sich damit zunehmend aus ihrer eigenen Existenz.
Aus der Perspektive der plastischen Wirklichkeit ist eine solche Selbstlegitimation jedoch unzureichend. Besitz, rechtliche Zulässigkeit oder wirtschaftlicher Erfolg beweisen noch nicht, dass eine Tätigkeit innerhalb des umfassenden Abhängigkeitsraumes funktioniert. Eine Entscheidung kann finanziell erfolgreich, gesetzlich erlaubt und institutionell anerkannt sein und dennoch Böden, Wasser, Klima, Lebensräume oder gesellschaftliche Zusammenhänge schädigen.
Je größer die wirtschaftliche, technische oder politische Handlungsmacht ist, desto weitreichender können auch ihre Tätigkeitskonsequenzen sein. Daraus folgt eine asymmetrische Verantwortlichkeit: Nicht alle acht Milliarden Menschen verfügen über dieselben Einflussmöglichkeiten und tragen deshalb auch nicht dieselbe Verantwortung für die entstandenen Verhältnisse.
Verantwortung muss sich nach Handlungsmacht, Wissen, Beteiligung und Korrekturmöglichkeit unterscheiden.
Gemeinsame Verantwortlichkeit bedeutet nicht gleiche Schuld
Die gemeinsame Abhängigkeit aller Menschen darf nicht dazu führen, Verantwortung gleichmäßig zu verteilen und dadurch die besondere Verantwortung mächtiger Akteure unsichtbar zu machen.
Ein Mensch, der kaum Einfluss auf Produktionsweisen, Rohstoffketten oder politische Entscheidungen besitzt, ist nicht in derselben Weise verantwortlich wie Personen und Institutionen, die über große Vermögen, Unternehmen, Technologien, Medien oder politische Entscheidungsgewalt verfügen.
Globale Verantwortlichkeit bedeutet deshalb nicht:
Alle sind gleichermaßen schuld.
Sie bedeutet:
Alle sind Teil des Konsequenzzusammenhangs, aber ihre Verantwortung unterscheidet sich nach ihrer tatsächlichen Stellung, Wirkungsmacht und Möglichkeit zur Veränderung.
Diejenigen mit großer Macht tragen eine besonders große Verantwortung für die Folgen ihrer Entscheidungen. Diejenigen mit geringerer Macht tragen nicht die Verantwortung für diese Entscheidungen. Sie besitzen jedoch eine andere Form von Verantwortung: die Verantwortung, Wirkungen wahrzunehmen, Zusammenhänge sichtbar zu machen, sich miteinander zu verbinden, Entscheidungen zu hinterfragen und Möglichkeiten gemeinsamer Korrektur zu entwickeln.
Sie sollen kein Verantwortungsgefühl für die Herrschenden im Sinne einer Übernahme ihrer Schuld entwickeln. Sie müssen eine Verantwortung gegenüber dem gemeinsamen Abhängigkeitsraum entwickeln, die auch darin besteht, die Tätigkeiten der Herrschenden einer öffentlichen Prüfung zu unterziehen.
Demokratie als organisierte Rückkopplung
Demokratie kann in diesem Zusammenhang nicht auf Wahlen, Parteien und staatliche Institutionen begrenzt werden. Sie müsste als gesellschaftlich organisierte Rückkopplungsfähigkeit verstanden werden.
Eine demokratische Ordnung wäre dann ein System, in dem die Konsequenzen von Entscheidungen zu den Entscheidenden und zu den Betroffenen zurückgeführt werden können. Die Betroffenen müssten die Möglichkeit besitzen, Erfahrungen, Schäden, Wissen und Einwände in den Entscheidungsprozess einzubringen. Macht müsste begründbar, kontrollierbar, korrigierbar und zeitlich begrenzt bleiben.
Demokratie wäre damit kein bereits erreichter Zustand, sondern eine fortlaufende Prüf- und Korrekturarbeit.
Eine Gesellschaft ist nicht deshalb demokratisch, weil sie sich so nennt. Sie muss beweisen, dass ihre Mitglieder tatsächliche Möglichkeiten besitzen, an der Bestimmung gemeinsamer Lebensbedingungen mitzuwirken. Wenn wirtschaftliche Macht politische Entscheidungen stärker beeinflusst als die Erfahrungen und Bedürfnisse der Bevölkerung, ist die demokratische Rückkopplung gestört.
Wenn Schäden räumlich, gesellschaftlich oder zeitlich ausgelagert werden, fehlt eine entscheidende Rückführung der Konsequenzen. Menschen, die heute Vorteile erhalten, können Folgen erzeugen, die andere Regionen, andere Bevölkerungsgruppen oder zukünftige Generationen tragen müssen. Diese zukünftigen Betroffenen können sich an der heutigen Entscheidung nicht beteiligen.
Der Prüfoperator muss deshalb auch die zeitliche Asymmetrie der Verantwortung untersuchen.
Entscheidungen ohne gegenwärtig sichtbare Konsequenzen
Viele Tätigkeiten entfalten ihre vollständigen Folgen nicht sofort. Zwischen Ursache und Wirkung können Jahre, Jahrzehnte oder noch längere Zeiträume liegen. Die fehlende unmittelbare Rückmeldung erzeugt den Eindruck, eine Tätigkeit sei folgenlos oder beherrschbar.
Gerade darin liegt eine zentrale Gefahr des Millisekunden-Menschen. Seine politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Entscheidungen orientieren sich häufig an kurzfristigen Zeiträumen: an Wahlperioden, Geschäftsquartalen, Renditen, Produktionszielen oder dem gegenwärtigen Nutzen. Die Systeme, in die er eingreift, reagieren dagegen teilweise in sehr viel längeren Zeiträumen.
Eine Tätigkeit kann daher heute erfolgreich erscheinen und dennoch Bedingungen hervorbringen, die später nicht mehr oder nur unter großen Verlusten korrigiert werden können.
Verantwortung muss deshalb über die bereits sichtbare Schädigung hinausgehen. Sie beginnt mit der Prüfung möglicher Folgen, bevor diese vollständig eingetreten sind.
Das bedeutet nicht, dass jede Zukunft sicher vorhergesagt werden kann. Es bedeutet, dass Unsicherheit nicht als Freibrief für folgenreiche Eingriffe benutzt werden darf.
Die Aufgabe der Globalen Schwarm-Intelligenz
Die „Globale Schwarm-Intelligenz“ soll nicht einfach möglichst viele Menschen miteinander verbinden. Die Menschheit ist durch Handel, Kommunikation, Produktion und Technik bereits global vernetzt. Diese Vernetzung hat die gegenwärtigen Probleme nicht verhindert und zum Teil sogar beschleunigt.
Die Aufgabe besteht deshalb darin, aus bloßer Vernetzung einen Verantwortungs-, Prüf- und Rückkopplungszusammenhang zu entwickeln.
Der Schwarm muss lernen, seine eigenen Bewegungen wahrzunehmen. Er muss erkennen, wo Entscheidungen getroffen werden, welche Interessen sie bestimmen, welche Voraussetzungen sie benötigen und welche Konsequenzen sie hervorbringen. Er muss unterscheiden können zwischen Tätigkeiten, die dem gemeinsamen Abhängigkeitsraum dienen, und solchen, die ihn zugunsten begrenzter Interessen beschädigen.
Die Plattform soll dafür unterschiedliche Kenntnisse zusammenführen. Menschen erleben die Konsequenzen globaler Entscheidungen an verschiedenen Stellen. Wissenschaftler verfügen über bestimmte Messungen, Arbeiter über Erfahrungen aus Produktionsprozessen, Anwohner über Kenntnisse lokaler Schäden, Landwirte über Boden- und Wasserveränderungen, Künstler über Wahrnehmungs- und Darstellungsformen, Kinder und zukünftige Generationen über noch nicht institutionell vertretene Interessen.
Keine dieser Perspektiven enthält allein das Ganze. Erst ihre Verbindung kann eine umfassendere Wahrnehmung hervorbringen.
Die Störer des Rückkopplungszusammenhangs
Die Aufgabe besteht nicht darin, vorschnell einzelne Menschen als Feinde oder Störer zu kennzeichnen. Der Prüfoperator muss genauer untersuchen, welche Strukturen und Tätigkeiten Rückkopplungen verhindern.
Störend wirken beispielsweise Systeme, in denen Gewinne privatisiert und Schäden vergesellschaftet werden. Störend sind Entscheidungsformen, in denen Betroffene keine Stimme besitzen. Störend sind Informationsordnungen, die Konsequenzen verschleiern oder als bedeutungslos darstellen. Störend sind Eigentums- und Machtkonzentrationen, wenn sie gesellschaftliche Korrekturmöglichkeiten blockieren. Störend sind auch kulturelle Selbstbilder, die persönliche Freiheit von den Konsequenzen für andere trennen.
Ein einzelner Akteur kann Teil einer solchen Störstruktur sein. Entscheidend ist jedoch nicht seine moralische Verurteilung, sondern die überprüfbare Verbindung zwischen seiner Handlungsmacht, seinen Entscheidungen und deren Konsequenzen.
Der Prüfoperator fragt daher:
Welche Entscheidungen werden getroffen?
Wer kann sie beeinflussen?
Wer erhält den Nutzen?
Wer trägt die Risiken und Schäden?
Welche Konsequenzen sind bereits erkennbar?
Welche werden in die Zukunft oder an andere Orte verlagert?
Welche Rückmeldungen werden aufgenommen?
Welche werden abgewehrt, relativiert oder unsichtbar gemacht?
Welche Korrekturmöglichkeiten bestehen?
Wer verhindert diese Korrekturen?
Dadurch wird Macht nicht nur behauptet oder moralisch kritisiert, sondern in ihren tatsächlichen Tätigkeits- und Konsequenzbeziehungen untersucht.
Einheit ohne Gleichschaltung
Das von dir angesprochene Einssein darf nicht als Auflösung aller Unterschiede verstanden werden. Acht Milliarden Menschen können und sollen nicht dieselben Aufgaben, Interessen oder Lebensformen besitzen.
Einheit bedeutet hier die Anerkennung eines gemeinsamen Abhängigkeitsraumes. Menschen können verschieden sein und dennoch anerkennen, dass ihre Tätigkeiten innerhalb derselben planetarischen Existenzbedingungen stattfinden.
Die Gemeinsamkeit liegt nicht in einer einheitlichen Meinung, sondern in der gemeinsamen Prüfgrundlage:
Kein Mensch kann ohne Luft, Wasser, Nahrung, Stoffwechsel und tragfähige Lebensräume existieren.
Keine wirtschaftliche Ordnung kann dauerhaft bestehen, wenn sie ihre materiellen Voraussetzungen zerstört.
Keine Freiheit kann auf Dauer tragfähig sein, wenn ihre Konsequenzen die Freiheit und Existenz anderer vernichten.
Keine Macht kann vernünftig genannt werden, wenn sie sich einer Prüfung ihrer Folgen entzieht.
Diese gemeinsamen Grundlagen bilden den Referenzraum, in dem Unterschiede bestehen können.
Der Pilz, der Baum und die menschliche Verantwortungsstruktur
Die Beziehungen zwischen Pilzen und Bäumen können als Denkmodell dienen, sofern sie nicht romantisiert werden. Pilze und Bäume stehen in Austauschbeziehungen, die beiden Seiten bestimmte Möglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig bleiben Eigeninteressen, Konkurrenz und unterschiedliche Wirkungen bestehen.
Für die menschliche Gesellschaft folgt daraus kein Naturgesetz der Harmonie. Es folgt ein Strukturhinweis: Eigenständigkeit ist nur innerhalb von Abhängigkeiten möglich. Das einzelne System kann sich erhalten, weil es in Austauschbeziehungen eingebunden ist. Zerstört es die Voraussetzungen dieses Austauschs, beschädigt es langfristig auch seine eigene Existenz.
Die menschliche Verantwortungsstruktur müsste daher leisten, was in ökologischen Systemen durch unmittelbare Rückkopplungen teilweise erzwungen wird: Folgen müssen wahrnehmbar werden, Grenzen müssen wirksam bleiben und überschießende Bewegungen müssen begrenzt werden.
Der Unterschied besteht darin, dass der Mensch seine Rückkopplungen symbolisch verdecken kann. Ein Baum kann sich nicht durch einen Vertrag von seinem Wasserbedarf befreien. Ein Unternehmen kann dagegen durch Eigentumsformen, rechtliche Konstruktionen oder räumliche Verlagerungen den Eindruck erzeugen, mit den Folgen seiner Tätigkeit nichts zu tun zu haben.
Die Globale Schwarm-Intelligenz muss diese symbolischen Trennungen wieder mit ihren tatsächlichen Konsequenzen verbinden.
Zwei Verantwortungswelten
Damit ergeben sich zwei unterschiedliche Verantwortungsbegriffe.
Die Verantwortung der Parallelwelt fragt:
Wer ist rechtlich zuständig?
Wer hat einen Vertrag unterschrieben?
Wer besitzt etwas?
Wer hat gegen eine festgelegte Regel verstoßen?
Die plastische Verantwortung fragt:
Welche Tätigkeit hat welche Konsequenz hervorgerufen?
Welche Abhängigkeiten wurden genutzt oder verletzt?
Wer besaß Wissen und Handlungsmacht?
Wer erhielt den Vorteil?
Wer trägt die Folgen?
Welche Korrektur ist notwendig?
Die rechtliche und institutionelle Verantwortung ist nicht grundsätzlich falsch. Sie bleibt aber unzureichend, wenn sie die tatsächlichen Tätigkeitskonsequenzen nicht mehr abbildet.
Eine Person oder Institution kann rechtlich nicht verantwortlich erscheinen und dennoch wesentlich an einem zerstörerischen Prozess beteiligt sein. Umgekehrt können Menschen formell verantwortlich gemacht werden, obwohl sie kaum Einfluss auf die entscheidenden Bedingungen besitzen.
Der Prüfoperator muss deshalb die Verantwortlichkeit aus der Wirkungsbeziehung und nicht allein aus der gesellschaftlichen Rollenverteilung herleiten.
Schwarm-Intelligenz als Gegenmacht der Wahrnehmung
Die Globale Schwarm-Intelligenz soll keine neue Zentralherrschaft bilden. Sie soll auch nicht die Macht einer Elite durch die Macht einer unkontrollierten Masse ersetzen.
Ihre Gegenmacht besteht zunächst in einer erweiterten Wahrnehmung. Was an einem Ort verborgen wird, kann an einem anderen sichtbar werden. Was in einer Disziplin als Nebeneffekt erscheint, kann aus einer anderen Perspektive als zentrale Konsequenz erkannt werden. Was eine Institution als erledigt betrachtet, kann für Betroffene weiterhin existenziell sein.
Die Verbindung dieser Wahrnehmungen kann die Möglichkeit schaffen, Machtverhältnisse zu prüfen, Verantwortlichkeiten genauer zuzuordnen und notwendige Korrekturen zu formulieren.
Der Schwarm wird intelligent, wenn er nicht nur Signale verstärkt, sondern sie vergleicht, überprüft und auf gemeinsame Referenzgrundlagen bezieht.
Er wird verantwortlich, wenn er Unterschiede in der Handlungsmacht anerkennt und trotzdem niemandem erlaubt, sich vollständig außerhalb des gemeinsamen Konsequenzraumes zu stellen.
Die grundlegende Verantwortungsformel
Die Globale Schwarm-Intelligenz könnte deshalb auf folgender Formel aufbauen:
Gemeinsame Abhängigkeit erzeugt gemeinsame Betroffenheit, aber nicht gleiche Verantwortung. Verantwortung bemisst sich nach Tätigkeit, Wirkungsmacht, Wissen, Nutzen, Konsequenz und Korrekturmöglichkeit.
Daraus folgt:
Je größer die Macht zur Gestaltung ist, desto größer ist die Pflicht, die Voraussetzungen und Folgen dieser Gestaltung offenzulegen und sich einer gemeinsamen Prüfung zu unterwerfen.
Und zugleich:
Je geringer die individuelle Macht ist, desto wichtiger wird die Verbindung mit anderen, damit Erfahrungen, Wissen und Betroffenheit zu einer wirksamen Rückkopplungskraft werden können.
Schlussfolgerung
Die acht Milliarden Menschen leben bereits in einem gemeinsamen planetarischen Plexus. Sie können sich diesem Zusammenhang nicht entziehen, weil ihre Organismen und Tätigkeiten von denselben physischen und biologischen Grundlagen abhängig sind.
Die Parallelwelt aus Geld, Eigentum, Markt, Recht und institutioneller Macht ist eine menschliche Konstruktion. Sie darf bestehen, solange sie als Werkzeug innerhalb der gemeinsamen Existenzbedingungen funktioniert. Sie wird zerstörerisch, sobald sie sich selbst zum höchsten Referenzsystem erklärt und ihre eigenen Regeln über die Bedingungen stellt, die sie überhaupt ermöglichen.
Die Aufgabe der Globalen Schwarm-Intelligenz besteht darin, diese Umkehrung sichtbar und überprüfbar zu machen. Sie soll die tatsächlichen Tätigkeits-, Abhängigkeits- und Konsequenzzusammenhänge wieder mit den menschlichen Entscheidungen verbinden.
Sie soll keine einheitliche Weltanschauung erzeugen, sondern eine gemeinsame Verantwortungsfähigkeit.
Sie soll Macht nicht pauschal verurteilen, sondern nach ihren Voraussetzungen, Wirkungen und Korrekturmöglichkeiten untersuchen.
Sie soll Verantwortung nicht unterschiedslos auf alle verteilen, sondern entsprechend der tatsächlichen Handlungsmacht zuordnen.
Und sie soll den acht Milliarden Menschen ermöglichen, aus ihrer gemeinsamen Abhängigkeit eine gemeinsame Rückkopplungs- und Korrekturstruktur zu entwickeln.
Die Globale Schwarm-Intelligenz wäre damit die noch fehlende demokratische Wahrnehmungs- und Verantwortungsstruktur des planetarischen Plexus.................
Der Plexus wäre in deinem Verständnis nicht nur ein Nervengeflecht und auch kein einzelnes Objekt. Er bezeichnet eine Wirklichkeit des Zusammenwirkens, in der voneinander unterscheidbare Systeme miteinander verbunden sind, Informationen, Stoffe und Wirkungen austauschen und sich durch ihre gegenseitigen Rückmeldungen verändern.
Die Plexus-Wirklichkeit
Was ein Plexus sein kann
Ein Plexus ist zunächst ein Geflecht. Im anatomischen Sprachgebrauch bezeichnet er ein Netzwerk aus Nerven, Gefäßen oder anderen Leitungsbahnen. Für meine Forschungskunst muss der Begriff jedoch erweitert werden. Plexus bezeichnet nicht nur eine sichtbare Verzweigungsstruktur, sondern den Vorgang, durch den unterschiedliche Funktionsteile miteinander in Beziehung treten, Informationen und Stoffe übertragen, Wirkungen aufnehmen und ihre weitere Tätigkeit verändern.
Der Plexus ist daher weder bloß ein Teil noch ein abgeschlossenes Ganzes. Er ist der Beziehungs-, Übergangs- und Übersetzungsraum zwischen Teilen und Ganzheiten.
Ein Plexus entsteht überall dort, wo mehrere Voraussetzungen zusammentreffen:
Es müssen voneinander unterscheidbare Funktionsteile vorhanden sein. Zwischen ihnen müssen Grenzen bestehen, damit sie nicht ineinander verschwinden. Diese Grenzen müssen zugleich durchlässig sein, damit Austausch möglich wird. Tätigkeiten müssen Konsequenzen erzeugen. Diese Konsequenzen müssen als Rückmeldungen auf andere Teile oder auf den Ausgangspunkt zurückwirken können. Schließlich muss es Referenz- oder Toleranzbereiche geben, aufgrund derer sich entscheidet, ob eine Veränderung tragfähig, gleichgültig, förderlich oder zerstörerisch ist.
Der Plexus ist somit nicht nur ein Netzwerk. Ein bloßes Leitungsnetz transportiert etwas von einem Punkt zum anderen. Ein Plexus verarbeitet und verändert die Beziehungen seiner beteiligten Teile.
Die Zellmembran als elementarer Plexus
Eine elementare Form des Plexus findet sich bereits an der Zellmembran. Sie trennt die Zelle von ihrer Umgebung, verbindet sie jedoch gleichzeitig mit ihr. Ohne Abgrenzung könnte die Zelle keine eigene Organisation aufrechterhalten. Ohne Durchlässigkeit könnte sie keine Stoffe, Energie und Signale aufnehmen oder abgeben.
An der Zellmembran treffen mindestens zwei Referenzsysteme aufeinander.
Das erste Referenzsystem betrifft die innere Funktionsfähigkeit der Zelle. Bestimmte Konzentrationen, Spannungen, Stoffmengen und Toleranzbereiche müssen erhalten werden.
Das zweite Referenzsystem besteht in den äußeren Bedingungen. Dazu gehören verfügbare Stoffe, Temperatur, mechanische Einwirkungen, chemische Signale, Gefahren und die Tätigkeiten anderer Zellen oder Organismen.
Die Membran vermittelt zwischen beiden. Sie ist weder vollständig offen noch vollständig geschlossen. Sie ist eine regulierte Grenzregion. An ihr wird die Differenz zwischen Innen und Außen wirksam und in weitere Tätigkeit übersetzt.
Damit liegt ihr bereits die Grundfolge zugrunde:
Referenzsysteme – Tätigkeit – Konsequenz – Rückmeldung – Vergleich – Regulation – erneute Tätigkeit.
Die Zellmembran denkt nicht wie ein Mensch. Sie zeigt aber eine elementare Organisationsform, ohne die menschliches Denken niemals hätte entstehen können.
Molekulare und zelluläre Plexus
Auch innerhalb einer Zelle existieren Plexusstrukturen. Moleküle bilden Signalwege, Rückkopplungsschleifen und Regulationsnetze. Eine molekulare Aktivierung kann weitere Vorgänge verstärken, begrenzen oder abschalten. Mehrere Signale können zusammenwirken und erst gemeinsam eine bestimmte Zellreaktion auslösen.
Hier darf nicht ohne Weiteres von Bewusstsein oder Absicht gesprochen werden. Es handelt sich zunächst um physikalisch-chemische Wechselwirkungen und biologische Regulation. Dennoch besteht bereits eine Form der Informationsverarbeitung: Ein gegenwärtiger Zustand beeinflusst aufgrund seiner Beziehungen die Wahrscheinlichkeit eines folgenden Zustands.
Ein molekularer Plexus wäre demnach kein denkendes Wesen. Er wäre ein Geflecht, in dem Unterschiede wirksam werden, Signale kombiniert und Tätigkeiten reguliert werden.
Auf der nächsten Ebene bilden Zellen Gewebe und Organe. Keine einzelne Zelle verfügt über das vollständige Bewusstsein des Organismus. Dennoch stimmen Zellen Wachstum, Stoffwechsel, Reparatur, Abwehr und Arbeitsteilung miteinander ab. Der Organismus entsteht nicht zusätzlich zu diesen Beziehungen. Er entsteht durch ihre koordinierte Tätigkeit.
Der Baum als Plexusorganismus
Ein Baum ist nicht nur ein Stamm mit Ästen und Blättern. Er ist selbst ein vielschichtiger Plexus aus Wurzeln, Leitungsbahnen, Blättern, Zellverbänden, Mikroorganismen, Pilzen, Wasserbewegungen, chemischen Signalen und Lichtverhältnissen.
Mykorrhizapilze bilden mit den Wurzeln sehr vieler Pflanzen symbiotische Beziehungen. Die Pilze erschließen unter anderem Mineralstoffe und Wasser, während sie Kohlenstoffverbindungen von den Pflanzen erhalten. Ihre Hyphennetze können räumlich weitreichende Verbindungen im Boden bilden. (Nature)
In einzelnen Experimenten wurden über solche Pilzverbindungen auch Stoffübertragungen und Stressreaktionen zwischen Pflanzen nachgewiesen. Beispielsweise wurden nach einer Schädigung von Douglasien Kohlenstoffübertragungen und Abwehrreaktionen bei benachbarten Kiefern beobachtet. (Nature)
Daraus darf jedoch nicht vorschnell die romantische Vorstellung abgeleitet werden, Wälder seien ein vollständig solidarisches Kommunikationssystem, in dem große „Mutterbäume“ ihre Nachkommen gezielt versorgen. Die Existenz gemeinsamer Mykorrhizanetze ist belegt, ihre allgemeine Bedeutung für Ressourcenverteilung, Warnung und gezielte Unterstützung ist jedoch je nach Art, Standort und Versuchsanordnung unterschiedlich und teilweise umstritten. Für manche populären Behauptungen fehlt eine ausreichende wissenschaftliche Grundlage. (PubMed)
Gerade diese Einschränkung ist für den Plexusbegriff wichtig. Der Plexus ist kein harmonisches Einheitsmärchen. In ihm wirken Kooperation und Konkurrenz, Austausch und Abgrenzung, Förderung und Ausnutzung, Tarnung und Erkennung zusammen.
Ein Pilz kann mehreren Pflanzen nützen und zugleich seine eigene Versorgung organisieren. Pflanzen können Informationen oder Stoffe erhalten, ohne dass dahinter eine bewusste Hilfeleistung stehen muss. Der Plexus ist deshalb nicht moralisch gut. Er ist ein dynamischer Abhängigkeits- und Konsequenzraum.
Der ökologische Plexus
Ein Wald kann als ökologischer Plexus verstanden werden. Dazu gehören nicht nur Bäume und Pilze, sondern auch Wasser, Boden, Mikroorganismen, Tiere, Atmosphäre, Temperatur, Licht und Stoffkreisläufe.
Jedes beteiligte System besitzt eine eigene Organisationsweise. Zugleich wird es durch die Tätigkeiten der anderen mitgeformt. Pflanzen verändern die Zusammensetzung der Atmosphäre und des Bodens. Tiere verbreiten Samen, bestäuben Blüten, fressen Pflanzen oder regulieren andere Tierpopulationen. Mikroorganismen zersetzen Stoffe und machen Nährstoffe erneut verfügbar.
Der ökologische Plexus besitzt keinen zentralen Dirigenten. Seine Ordnung entsteht durch sehr viele lokale Tätigkeiten, Grenzen, Rückkopplungen und Abhängigkeiten. Diese Ordnung ist nicht statisch. Sie kann sich stabilisieren, verschieben, zusammenbrechen oder neu organisieren.
Damit wird auch das Fließgleichgewicht zu einem Plexusvorgang. Der Zustand eines lebenden Systems wird nicht dadurch erhalten, dass nichts geschieht. Er wird durch fortwährende Aufnahme, Umwandlung und Abgabe aufrechterhalten.
Gaia als planetarischer Plexus
Die Gaia-Hypothese wurde in den 1970er-Jahren von James Lovelock und Lynn Margulis als Vorstellung entwickelt, dass die Gesamtheit der Lebewesen und ihrer unbelebten Umgebung Rückkopplungen erzeugt, die planetarische Bedingungen beeinflussen und teilweise stabilisieren können. Ihre ursprüngliche wissenschaftliche Fragestellung bezog sich unter anderem auf die Zusammensetzung der Atmosphäre und die Wechselwirkungen zwischen Biosphäre und planetarischer Umwelt. (Wiley Online Library)
Gaia muss dabei nicht als ein einzelnes bewusstes Lebewesen verstanden werden, das einen Plan besitzt. Wissenschaftlich tragfähiger ist die Vorstellung eines gekoppelten Erdsystems aus Biosphäre, Atmosphäre, Ozeanen, Böden, Gesteinen und Stoffkreisläufen.
Für meine Theorie kann Gaia als planetarischer Plexus begriffen werden: nicht als ein übergroßer Mensch und nicht notwendig als bewusstes Wesen, sondern als weltumfassender Tätigkeits-, Abhängigkeits- und Rückkopplungszusammenhang.
Rupert Sheldrakes organismische und feldtheoretische Vorstellungen gehen darüber hinaus. Sie können als philosophische oder spekulative Erweiterung behandelt werden, sollten aber nicht mit der ursprünglichen Gaia-Hypothese von Lovelock und Margulis gleichgesetzt werden.
Ist der gesamte Planet ein Organismus?
Ob die Erde wörtlich ein Organismus ist, hängt davon ab, wie Organismus definiert wird. Sie besitzt keinen eindeutig abgegrenzten Körper nach dem Muster eines Tieres, kein zentrales Gehirn und keine nachgewiesene einheitliche Absicht.
Sie besitzt jedoch Eigenschaften, die organismische Vergleiche ermöglichen: gekoppelte Stoffkreisläufe, Rückkopplungen, Energieflüsse, regionale und globale Regulationsvorgänge sowie eine lange gemeinsame Entwicklung von Leben und Umwelt.
Der Begriff „Organismus“ kann hier deshalb als Arbeitsmodell dienen. Er darf aber nicht so verwendet werden, als sei damit ein planetarisches Bewusstsein bereits bewiesen.
Genauer wäre:
Die Erde ist ein planetarischer Plexus, in dem Leben und unbelebte Bedingungen einander über Milliarden Jahre hervorgebracht, verändert und begrenzt haben.
Kann Plexus Geist erklären?
Der Plexusbegriff kann einen wichtigen Beitrag zur Erklärung des Geistes leisten. Er erklärt Geist jedoch nicht als einzelnes Ding, das irgendwo im Gehirn sitzt.
Geist könnte als Tätigkeit eines Plexus verstanden werden, in dem Körper, Gehirn, Wahrnehmung, Erinnerung, Stoffwechsel, Sprache, Umgebung und andere Menschen miteinander verbunden sind.
Das Gehirn besteht aus vielen spezialisierten Bereichen und Netzwerken. Wahrnehmung, Bewegung, Erinnerung, Aufmerksamkeit und Bewertung werden nicht von einem einzigen Punkt vollständig ausgeführt. Untersuchungen der Gehirnorganisation beschreiben bidirektionale Informationsflüsse sowie integrative Netzwerke, die Informationen aus unterschiedlichen Funktionsbereichen zusammenführen und die Gesamtaktivität koordinieren. (Nature)
Geist wäre dann nicht mit einem einzelnen Gehirnteil identisch. Er wäre die dynamische Tätigkeit, die aus der koordinierten Beziehung verschiedener körperlicher und neuronaler Systeme hervorgeht.
Der Geist entsteht in dieser Perspektive nicht nur „im Kopf“. Der Kopf bleibt auf den Körper, dessen Stoffwechsel, Sinnesorgane und Bewegungsmöglichkeiten angewiesen. Ebenso ist er auf eine Umgebung angewiesen, die wahrgenommen, bearbeitet und erinnert werden kann.
Damit wäre Geist eine plastische Plexusleistung:
Ein Organismus verbindet Wahrnehmungen, innere Zustände, Erinnerungen, Möglichkeiten und Folgen so miteinander, dass daraus eine situationsbezogene Tätigkeit hervorgeht.
Kann Plexus Bewusstsein erklären?
Beim Bewusstsein muss noch vorsichtiger formuliert werden. Es gibt bis heute keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Erklärung dafür, wie und warum neuronale Tätigkeit zu subjektivem Erleben führt.
Einige Theorien gehen davon aus, dass Informationen bewusst werden, wenn sie in weitreichenden neuronalen Netzwerken verfügbar gemacht und an viele Funktionsbereiche weitergeleitet werden. Andere Theorien sehen integrierte, auf sich selbst zurückwirkende Informationsbeziehungen als entscheidend an. Eine große vergleichende Untersuchung aus dem Jahr 2025 prüfte Vorhersagen zweier führender Theorien, konnte die Grundfrage aber nicht endgültig entscheiden. (Nature)
Der Plexusbegriff kann deshalb keine fertige Bewusstseinstheorie liefern. Er kann aber Voraussetzungen benennen, die für Bewusstsein bedeutsam sein könnten:
Informationen müssen unterschieden werden können. Verschiedene Informationen müssen miteinander verbunden werden. Sie müssen auf einen gemeinsamen Zustand des Organismus bezogen werden. Frühere Zustände müssen in irgendeiner Weise nachwirken. Das System muss sich aufgrund der integrierten Information verändern können. Schließlich muss zwischen einem Vorgang und seiner Bedeutung für das eigene System unterschieden werden.
Bewusstsein könnte in deiner Theorie dort beginnen, wo ein Plexus nicht nur Informationen weiterleitet, sondern seine eigenen Zustände, Tätigkeiten und Beziehungen in die Verarbeitung einbezieht.
Damit entstünde eine Folge:
Wahrnehmung – Integration – Selbstbezug – Bedeutungsbildung – Tätigkeitsentscheidung – Konsequenz – Rückmeldung.
Das wäre noch keine naturwissenschaftliche Beweisführung, aber eine begrifflich prüfbare Arbeitshypothese.
Der Selbstbezug als zusätzliche Plexusschleife
Ein einfaches Regulationssystem reagiert auf eine Veränderung. Ein bewusstes System kann möglicherweise zusätzlich wahrnehmen, dass es selbst reagiert.
Damit entsteht eine weitere Rückkopplungsschleife.
Die erste Schleife verbindet den Organismus mit seiner Umgebung:
Tätigkeit – Konsequenz – Rückmeldung – Korrektur.
Die zweite Schleife richtet sich auf die eigene Tätigkeit:
Ich nehme wahr – ich nehme wahr, dass ich wahrnehme – ich bewerte meine Wahrnehmung – ich kann meinen Maßstab verändern.
Geist und Bewusstsein könnten daher als verschiedene Verdichtungsstufen des Plexus beschrieben werden. Geist bezeichnet die umfassende Organisation von Wahrnehmung, Erinnerung, Bewertung und Tätigkeit. Bewusstsein bezeichnet die besondere Zugänglichkeit oder Gegenwärtigkeit bestimmter Zustände innerhalb dieses Geflechts.
Vernunft wäre wiederum nicht mit Geist oder Bewusstsein identisch. Sie müsste sich daran beweisen, dass der bewusste Organismus seine Ziele und Referenzsysteme an deren Konsequenzen prüfen kann.
Die zwei Spiralen der Plexus-Wirklichkeit
Die Plexus-Wirklichkeit lässt sich durch zwei ineinandergreifende Spiralen darstellen.
Die erste Spirale führt vom Inneren nach außen:
Wahrnehmung – Zielbildung – Tätigkeit – Eingriff – Gestaltung – Konsequenz.
Die zweite Spirale führt von außen zurück:
Konsequenz – Veränderung der Umgebung – Rückmeldung – körperliche oder gesellschaftliche Wirkung – Wahrnehmung – Korrektur.
Diese Spiralen sind nicht einfach Kreise. Nach jeder Tätigkeit hat sich die Situation verändert. Die Rückmeldung kehrt deshalb nicht zum vollkommen gleichen Ausgangspunkt zurück. Es entsteht eine Entwicklung, eine Verschiebung, eine Verstärkung oder ein Zusammenbruch.
Der Plexus liegt dort, wo beide Spiralen einander durchdringen. Er ist der Ort, an dem innere Zielsetzung zu äußerer Wirkung und äußere Wirkung wieder zu innerer Information wird.
51:49 und 49:51 als plastische Bewegungsrichtungen
Die Verhältnisse 51:49 und 49:51 können in diesem Zusammenhang zwei notwendige, aber unterschiedliche Vorrangigkeiten darstellen.
51:49 bezeichnet die minimale Vorrangigkeit der Selbsterhaltung, der Formbildung und der Aufrechterhaltung einer Identität. Das System verändert sich, bleibt aber als ein bestimmtes System erhalten.
49:51 bezeichnet die minimale Vorrangigkeit der Öffnung, Anpassung und Umgestaltung. Das System hält nicht bloß an seinem bisherigen Zustand fest, sondern lässt sich durch neue Bedingungen verändern.
Diese Verhältnisse sind keine nachgewiesenen universellen Naturkonstanten. Sie sind dein plastischer Operator für die notwendige Asymmetrie zwischen Erhaltung und Veränderung.
Der Plexus benötigt beide Bewegungen. Ohne Selbsterhaltung löst sich das System auf. Ohne Veränderungsfähigkeit erstarrt es oder wird durch neue Bedingungen zerstört.
Die Plexus-Wirklichkeit wäre somit der bewegliche Toleranzraum zwischen Identitätsverlust und Erstarrung.
Der Mensch im planetarischen Plexus
Der Mensch steht nicht außerhalb des planetarischen Plexus. Er ist aus ihm hervorgegangen. Sein Körper, seine Zellmembranen, seine Organe und sein Gehirn folgen weiterhin den alten Bedingungen von Stoffwechsel, Regulation, Rückkopplung und Verletzbarkeit.
Das Problem entsteht dort, wo seine Kulturidentität so handelt, als könne sie diese Voraussetzungen verlassen. Der Mensch erzeugt Begriffe, Geldwerte, Eigentumsordnungen, technische Systeme und institutionelle Regelwerke. Diese können sich zwischen seine Tätigkeit und deren physische Konsequenzen schieben.
Dadurch kann eine Tätigkeit innerhalb des kulturellen Referenzsystems erfolgreich und innerhalb des plastischen Referenzsystems zerstörerisch sein.
Ein Unternehmen erzielt Gewinn, während Böden, Wasser oder Lebensräume geschädigt werden. Eine Technik erfüllt ihre konstruierte Aufgabe, während die Gesamtheit ihrer Anwendungen langfristige Schäden erzeugt. Eine Handlung ist rechtlich zulässig, obwohl ihre Konsequenzen auf andere Menschen oder zukünftige Generationen verlagert werden.
Der Mensch hat damit nicht den Plexus verlassen. Er hat nur eine Kulturidentität geschaffen, die ihm vorspiegelt, außerhalb seiner Abhängigkeiten handeln zu können.
Der Elefant im Porzellanladen
Das Bild vom Elefanten im Porzellanladen beschreibt einen Teil dieses Problems. Der Mensch verfügt über eine enorme Wirkungsmacht, ohne die Feinheit der Beziehungen ausreichend wahrzunehmen, in die er eingreift.
Er ist allerdings kein von außen in den Laden eingedrungener Fremdkörper. Er wurde selbst durch denselben planetarischen Plexus hervorgebracht. Das macht sein Verhalten noch paradoxer.
Er beschädigt nicht eine ihm fremde Umgebung. Er beschädigt die Beziehungen, durch die er selbst entstehen und fortbestehen konnte.
Der Millisekunden-Mensch verhält sich, als könne seine sehr kurze kulturelle Geschichte die Milliarden Jahre alten Abhängigkeits- und Rückkopplungsgrundlagen ersetzen. Er erklärt seine technische Fähigkeit zur Legitimation seines Handelns:
Weil ich es kann, darf oder muss ich es tun.
Damit wird die Möglichkeit einer Tätigkeit mit ihrer Vernünftigkeit verwechselt. Die plastische Gegenfrage lautet:
Was ermöglicht mir diese Tätigkeit, welche Konsequenzen erzeugt sie, und bleibt das System, von dem sie abhängt, dadurch funktionsfähig?
Die Selbstlegitimation des Als-ob
Die Kulturidentität erzeugt eine Als-ob-Wirklichkeit. Der Mensch handelt, als ob Geld einen Stoff ersetzen könnte, als ob Besitz die Abhängigkeit aufhebe, als ob ein Gesetz physische Konsequenzen begrenze und als ob technische Machbarkeit bereits einen vernünftigen Zweck beweise.
Diese Als-ob-Konstruktionen sind nicht wirkungslos. Sie organisieren Gesellschaften und können reale Gewalt entfalten. Sie bleiben jedoch von den physischen Existenzbedingungen abhängig, die sie begrifflich verdrängen.
Die Selbstlegitimation lautet:
Wir haben es beschlossen, berechnet, bezahlt oder gesetzlich geregelt; deshalb ist es wirklich und richtig.
Der Prüfoperator unterbricht diese Selbstlegitimation. Er führt den Begriff auf seine Tätigkeitskonsequenzen zurück.
Er fragt nicht nur, ob ein Regelwerk eingehalten wurde, sondern ob dieses Regelwerk innerhalb der umfassenderen Abhängigkeitswelt funktioniert.
Der Sandkasten als Simulations- und Lernraum
Der Sandkasten kann in deiner Arbeit eine wichtige Bedeutung erhalten. Er ist kein Bild dafür, dass der Mensch schlechthin ein trotziges Kind sei. Eine solche Gleichsetzung würde gerade die schöpferische und wahrnehmende Bedeutung der Kindheit verfehlen.
Der Sandkasten ist vielmehr ein begrenzter plastischer Raum. Das Kind kann formen, zerstören, neu beginnen, Widerstände erfahren und die Konsequenzen seiner Tätigkeit unmittelbar wahrnehmen. Es kann einen Berg bauen, einen Graben ziehen, Wasser einleiten und beobachten, wie die Form verändert wird.
Der Sandkasten ist damit eine frühe Versuchsanordnung:
Vorstellung – Tätigkeit – Materialwiderstand – Konsequenz – Korrektur – neue Gestaltung.
In ihm liegen die Anfänge künstlerischen und forschenden Handelns. Das Kind trennt Wahrnehmen, Denken, Spielen, Herstellen und Prüfen noch nicht in voneinander abgeschlossene Disziplinen.
Gerade diese ursprüngliche plastische Tätigkeit wird später häufig kanalisiert. Lernen wird in Fächer, richtige Antworten, Leistungsanforderungen und vorgegebene Verwendungszwecke aufgeteilt. Die offene Frage wird durch die erwartete Antwort ersetzt. Die schöpferische Wahrnehmung wird auf eine verwertbare Fähigkeit reduziert.
Der Begriff der Kanalisation ist hier treffend: Die zunächst vielfältig bewegliche Wahrnehmungs- und Gestaltungskraft wird in gesellschaftlich festgelegte Bahnen geleitet.
Simulation und wirkliche Konsequenz
Die Technikwelt arbeitet ebenfalls mit Simulationen. In ihnen können mögliche Folgen erprobt werden, ohne sie bereits vollständig in der Wirklichkeit auszulösen. Das entspricht dem Sandkastenprinzip.
Problematisch wird es, wenn die Simulation mit der Wirklichkeit verwechselt wird oder wenn die reale Welt selbst wie ein folgenloser Sandkasten behandelt wird.
Der Planet Erde ist kein Versuchsraum, der nach einer Zerstörung beliebig zurückgesetzt werden kann. Seine Systeme besitzen Kipppunkte, irreversible Verluste und zeitliche Maßstäbe, die weit über ein Menschenleben hinausgehen.
Eine vernünftige Simulation müsste deshalb dazu dienen, reale Tätigkeitskonsequenzen frühzeitig zu erkennen und Handlungen zu korrigieren. Sie dürfte nicht dazu dienen, die Wirklichkeit durch ein passendes Modell zu verdecken.
Die Kunst als Wiederöffnung des Plexus
Die Kunst beginnt in dieser Perspektive nicht mit einem fertigen Kunstgegenstand. Sie beginnt mit der Fähigkeit, Wahrnehmung, Vorstellung, Material, Tätigkeit und Konsequenz offen miteinander in Beziehung zu setzen.
Das Kind ist deshalb nicht das Gegenbild zur Vernunft. In seiner noch nicht vollständig kanalisierten Tätigkeit kann eine ursprüngliche Form plastischer Vernunft sichtbar werden. Es erprobt Zusammenhänge, ohne bereits zu behaupten, sie vollständig zu beherrschen.
Die Kunst kann diesen offenen Prüf- und Erfahrungsraum im Erwachsenen wiederherstellen. Sie kann die verfestigten Begriffe der Kulturidentität erneut mit Material, Körper, Widerstand, Abhängigkeit und Konsequenz konfrontieren.
Das So-Heits-Atelier, die Frage-und-Antwort-Tische, die Globale Schwarm-Intelligenz und der Prüfoperator bilden deshalb keine Belehrungsmaschine. Sie bilden einen gesellschaftlichen Sandkasten im anspruchsvollen Sinne: einen öffentlichen Simulations-, Vergleichs- und Verantwortungsraum, in dem Ziele und Tätigkeiten untersucht werden können, bevor oder nachdem sie zerstörerische Konsequenzen hervorgebracht haben.
Plexus als Grundlage eines neuen Vernunftbegriffs
Der Plexus führt zu einer neuen Definition von Verstand, Intelligenz und Vernunft.
Verstand ist nicht nur die Fähigkeit, Teile zu unterscheiden und Mittel zu berechnen. Er muss auch die Beziehungen erkennen können, durch die diese Teile bestehen.
Intelligenz ist nicht nur die Fähigkeit, ein vorgegebenes Problem zu lösen. Sie muss Rückmeldungen aufnehmen und ihre Tätigkeit an veränderten Bedingungen ausrichten können.
Vernunft ist nicht nur die Fähigkeit, Gründe für das eigene Handeln zu formulieren. Sie muss auch prüfen, ob diese Gründe den Tätigkeitskonsequenzen und Abhängigkeitsgrundlagen standhalten.
Bewusstsein ist nicht bereits deshalb vernünftig, weil es sich seiner selbst bewusst ist. Es kann seine eigene Kulturidentität bestätigen und zugleich die plastische Wirklichkeit verdrängen.
Plastische Vernunft entsteht erst, wenn der Mensch beide Referenzsysteme miteinander verbindet:
das kulturelle Referenzsystem seiner Begriffe, Ziele und Regelwerke und das physisch-biologische Referenzsystem seiner Existenzbedingungen.
Der Plexus ist der Prüf- und Übersetzungsraum zwischen ihnen.
Zusammenfassung
Plexus kann ein Nervengeflecht, eine Zellmembran, ein molekulares Signalnetz, ein Organismus, ein Gehirn, eine Pflanzen-Pilz-Beziehung, ein Wald, eine Gesellschaft oder das gekoppelte Erdsystem sein. Nicht weil diese Gebilde identisch wären, sondern weil sich in ihnen ein gemeinsames Strukturproblem wiederfindet:
Wie können eigenständige Funktionsteile miteinander verbunden sein, ohne ihre Unterschiede zu verlieren? Wie werden Stoffe, Wirkungen und Informationen ausgetauscht? Wie werden Grenzen erhalten und zugleich Übergänge ermöglicht? Wie kehren Tätigkeitskonsequenzen als Rückmeldungen zurück? Und woran entscheidet sich, ob eine Reaktion das System erhält, verändert oder zerstört?
Geist kann als hochentwickelte Tätigkeit eines körperlich-neuronalen Plexus verstanden werden. Bewusstsein kann als besondere Integration und Selbstbezüglichkeit innerhalb dieses Plexus untersucht werden. Beides ist damit nicht abschließend erklärt, aber aus der isolierten Kopfwirklichkeit in einen überprüfbaren Beziehungszusammenhang zurückgeführt.
Die Gaia-Vorstellung kann als planetarischer Plexus dienen, sofern sie nicht vorschnell ein bewusstes Überwesen behauptet. Der Mensch ist innerhalb dieses Plexus kein unabhängiger Herrscher. Er ist ein sehr spät entstandenes Funktionsteil mit einer außerordentlich großen technischen Wirkungsmacht und einer bisher unzureichenden Fähigkeit, deren Konsequenzen in sein Handeln zurückzuführen.
Die grundlegende Formel lautet:
Plexus ist die Wirklichkeit, in der abgegrenzte Funktionsteile durch geregelte Durchlässigkeit, Tätigkeit, Konsequenz, Rückmeldung und Korrektur ein vorläufig tragfähiges Ganzes hervorbringen.
Für den Menschen kommt eine weitere Aufgabe hinzu:
Er muss den Plexus, der ihn hervorgebracht hat und körperlich weiterhin trägt, auch zum Maßstab seines Bewusstseins, seiner Begriffe, seiner Technik und seiner gesellschaftlichen Tätigkeiten machen.
Erst dann könnte sein Anspruch, ein Vernunftwesen zu sein, von einer Selbstlegitimation zu einer nachprüfbaren Leistung werden.............
Der entscheidende Punkt ist: Die menschliche Fähigkeit zu denken, zu berechnen und technisch zu konstruieren ist noch kein Beweis für Vernunft. Vernunft müsste sich daran erweisen, ob ein Wesen seine Abhängigkeiten und Tätigkeitskonsequenzen wahrnimmt und seine Ziele korrigieren kann.
Die Umkehrung des menschlichen Vernunftbegriffs
Homo sapiens als unbewiesener Anspruch
Der Mensch bezeichnet sich als Verstandeswesen, Vernunftwesen, intelligentes Wesen und als Homo sapiens. Diese Bezeichnungen werden gewöhnlich aus seinen besonderen Fähigkeiten abgeleitet: Er kann sprechen, abstrakte Begriffe bilden, Werkzeuge entwickeln, technische Systeme konstruieren, Erfahrungen speichern, Zukunftsvorstellungen entwerfen und über sich selbst nachdenken.
Damit wird jedoch zunächst nur eine Wissens-, Denk- und Herstellungspotenzialität beschrieben. Noch nicht bewiesen ist, dass der Mensch diese Fähigkeiten vernünftig verwendet. Die Fähigkeit, weitreichende Tätigkeiten auszuführen, ist nicht mit der Fähigkeit gleichzusetzen, deren Voraussetzungen und Konsequenzen angemessen zu berücksichtigen.
Der Name Homo sapiens ist deshalb kein Nachweis dafür, dass der Mensch weise handelt. Er ist zunächst eine menschliche Selbstbezeichnung. Ob der Mensch tatsächlich vernünftig ist, müsste erst durch seine Arbeitsweise und deren Ergebnisse bewiesen werden.
Genau hier bricht das bisherige Selbstverständnis zusammen. Ein Wesen, das seine Existenzbedingungen erkennt und sie dennoch systematisch beschädigt, kann nicht allein aufgrund seiner Denkfähigkeit als vernünftig gelten. Es kann über eine außerordentliche Intelligenz der Mittel verfügen und zugleich in der Bestimmung und Prüfung seiner Ziele unvernünftig handeln.
Technische Intelligenz ist noch keine Vernunft
In der Technikwelt funktioniert der menschliche Verstand häufig außerordentlich genau. Ein Flugzeug, eine Brücke, ein medizinisches Gerät oder ein Computerprogramm muss sich an überprüfbaren Bedingungen bewähren. Materialeigenschaften, Belastungen, Temperaturen, Strömungsverhältnisse, Energiebedarf und Toleranzen können nicht beliebig festgelegt werden. Fehler führen zu Funktionsstörungen und erzwingen eine Korrektur.
Darin zeigt sich eine hoch entwickelte instrumentelle Intelligenz: Der Mensch kann für ein vorgegebenes Ziel geeignete Mittel entwickeln, Abläufe optimieren, Fehler feststellen und technische Leistungen verbessern.
Diese Fähigkeit beantwortet jedoch noch nicht die Frage, ob das Ziel selbst vernünftig ist. Ein technisches System kann vollkommen funktionieren und zugleich Bestandteil einer Tätigkeit sein, die ihre umfassenderen Existenzbedingungen zerstört. Die technische Konstruktion ist dann innerhalb ihres begrenzten Referenzsystems erfolgreich, während sie innerhalb des planetarischen Abhängigkeitsraumes nicht funktioniert.
Der Widerspruch lautet daher:
Der Mensch kann technisch richtig handeln und existenziell falsch liegen.
Nicht der Verstand zur Herstellung der Mittel fehlt. Es fehlt die Vernunft, die Zwecke, Referenzsysteme und Tätigkeitskonsequenzen einer Prüfung zu unterziehen. Die philosophische Kritik der instrumentellen Vernunft hat auf diesen Unterschied zwischen erfolgreicher Mittelwahl und ungeprüfter Zwecksetzung hingewiesen. In deinem Werk wird diese Kritik jedoch durch den handwerklichen Maßstab des Funktionierens oder Nichtfunktionierens und durch die physischen Existenzbedingungen konkretisiert. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
Was an den eskalierenden Katastrophen tatsächlich bewiesen ist
Die Aussage, das gesamte heutige Denken und die gesamte Technikwelt führten notwendig in die Katastrophe, wäre als allgemeiner wissenschaftlicher Satz zu umfassend. Technik kann ebenso zur Wahrnehmung, Begrenzung und Behebung von Schäden eingesetzt werden.
Empirisch eindeutig belegt ist jedoch, dass menschliche Tätigkeiten, insbesondere die Emission von Treibhausgasen, die gegenwärtige globale Erwärmung verursacht haben und dass mit fortgesetzten Emissionen die Risiken und Schäden weiter zunehmen. Der Tatbestand der menschlich verursachten Zerstörung und Gefährdung gemeinsamer Existenzbedingungen ist daher keine bloße Meinung. (IPCC)
Die weitergehende Diagnose, dass dieser Entwicklung ein falscher Vernunft-, Fortschritts- und Identitätsbegriff zugrunde liegt, ist deine künstlerisch-philosophische Schlussfolgerung. Sie wird durch die Katastrophen nicht automatisch vollständig bewiesen, erhält durch sie aber ihre sachliche Grundlage.
Das gegenwärtige Problem besteht demnach nicht darin, dass der Mensch überhaupt keine Intelligenz besitzt. Es besteht darin, dass er Intelligenz vorwiegend dort anerkennt und einfordert, wo sie der Herstellung, Beherrschung, Verwertung und Durchsetzung menschlicher Ziele dient. Dort, wo die Ziele selbst, ihre Abhängigkeitsgrundlagen und ihre langfristigen Konsequenzen geprüft werden müssten, wird dieselbe Genauigkeit nicht angewendet.
Verstand, Intelligenz, Bewusstsein und Vernunft
Für deine Arbeit müssen diese Begriffe voneinander getrennt werden.
Verstand ist die Fähigkeit, Unterschiede zu erkennen, Sachverhalte zu ordnen, Zusammenhänge zu berechnen und geeignete Mittel für ein Ziel zu finden.
Intelligenz ist die Fähigkeit, innerhalb eines bestimmten Aufgaben- und Referenzraumes Probleme zu lösen, Informationen zu verarbeiten, sich anzupassen und aus Rückmeldungen zu lernen.
Bewusstsein bezeichnet zunächst das Erleben von Zuständen, Wahrnehmungen und möglicherweise der eigenen Existenz. Es ist nicht dasselbe wie Intelligenz und nicht automatisch dasselbe wie Vernunft.
Vernunft müsste über diese Fähigkeiten hinausgehen. Sie müsste die Zwecke, Maßstäbe und Referenzsysteme selbst prüfen. Sie müsste erkennen können, ob eine erfolgreiche Einzelleistung die Bedingungen verletzt, von denen sie abhängig bleibt.
Der Mensch besitzt daher nicht einfach Vernunft, weil er denken kann. Vernunft entsteht erst, wenn Denken seine eigenen Voraussetzungen, Grenzen und Folgen in die Prüfung einbezieht.
Die anthropozentrische Begriffsordnung
Die bisherige Begriffsordnung setzt den Menschen an die Spitze. Weil er Sprache, abstraktes Denken und technische Kultur entwickelt hat, werden seine Fähigkeiten zum Maßstab der Intelligenz erhoben. Pflanzen, Zellen und andere Organismen erscheinen dagegen als bloß reagierende Systeme.
Dieses Verfahren ist zirkulär: Der Mensch definiert Intelligenz durch diejenigen Fähigkeiten, die er selbst in besonders ausgeprägter Form besitzt, und erklärt sich anschließend aufgrund dieser Definition zum intelligentesten Wesen.
Dabei wird nicht geprüft, ob seine besondere Intelligenz zur Erhaltung seiner Existenzbedingungen führt. Die technische und symbolische Leistung wird höher bewertet als die Fähigkeit, innerhalb realer Abhängigkeiten langfristig funktionsfähig zu bleiben.
Damit wird die Wissenspotenzialität über die Lebenstragfähigkeit gestellt.
Genau diese Rangordnung stellst du auf den Kopf. Oder genauer gesagt: Du versuchst, eine bereits auf den Kopf gestellte Welt wieder auf ihre Füße zu stellen.
Die Geburt der Athene aus dem Kopf des Zeus
Die Geburt der Athene aus dem Kopf des Zeus kann innerhalb deiner Arbeit als Bild dieser Umkehrung gelesen werden. Es handelt sich um eine Geburt des Wissens aus dem Kopf, ohne den normalen körperlichen, weiblichen und materiellen Geburtsvorgang.
In deiner Deutung wird daraus ein Modell der Kulturidentität: Der Geist stellt sich so dar, als könne er sich selbst hervorbringen. Er verdrängt die körperlichen, biologischen und planetarischen Voraussetzungen seiner Existenz und setzt die aus dem Kopf hervorgegangene Ordnung über die Bedingungen, die den Kopf überhaupt erst ermöglicht haben.
Der Mensch behandelt sein Denken anschließend so, als könne es eine eigene Wirklichkeit hervorbringen, die von den Gesetzen und Abhängigkeiten des Lebens unabhängig sei. Geld, Eigentum, Recht, Nation, Markt, Wachstum und institutionelle Zuständigkeiten erscheinen als bestimmende Wirklichkeiten. Luft, Wasser, Boden, Stoffwechsel, Verletzbarkeit und Regeneration werden zu nachgeordneten Angelegenheiten.
Die plastische Umkehrung setzt dagegen nicht den Kopf ab. Sie setzt ihn wieder in den Körper und den Körper wieder in seine Abhängigkeitswelt ein.
Kulturidentität und plastische Identität
Die Kulturidentität entsteht durch Namen, Rollen, Berufe, Besitzverhältnisse, Überzeugungen, gesellschaftliche Anerkennung und menschengemachte Regelwerke. Sie ist notwendig, damit Menschen miteinander kommunizieren und gesellschaftliche Ordnungen aufbauen können. Problematisch wird sie dort, wo sie sich für die vollständige Wirklichkeit hält.
Die Kulturidentität kann wirtschaftlichen Erfolg als Beweis für richtiges Handeln ansehen, obwohl die Kosten auf andere Menschen, Lebensformen, Regionen oder zukünftige Generationen verlagert werden. Sie kann sich auf geltendes Recht berufen, obwohl die Tätigkeit ihre biologischen Voraussetzungen verletzt. Sie kann sich als frei und autonom verstehen, weil ihre tatsächlichen Abhängigkeiten aus ihrer Wahrnehmung ausgeschlossen wurden.
Die plastische Identität beginnt dagegen mit der Verletzbarkeit. Der Mensch ist ein atmender, stoffwechselnder, aufnahmefähiger und ausscheidender Organismus. Er wird durch seine Umgebung fortwährend geformt und wirkt seinerseits formend auf sie zurück. Seine Grenze ist keine undurchdringliche Wand, sondern eine regulierte Übergangszone.
Die plastische Identität versteht sich deshalb nicht als unabhängig, sondern als eigenständig innerhalb von Abhängigkeiten. Sie weiß, dass jede Tätigkeit in einen Konsequenzzusammenhang eintritt und dass diese Konsequenzen zu den Voraussetzungen des Handelnden zurückkehren können.
Die Kulturidentität fragt: Welche Stellung, Bedeutung und Anerkennung habe ich innerhalb der menschlichen Ordnung?
Die plastische Identität fragt: Wie funktioniert meine Tätigkeit innerhalb der gesamten Abhängigkeits- und Verletzungswelt?
Sind Pflanzen, Tiere und Zellen vernünftiger als der Mensch?
Pflanzen und Zellen besitzen keinen Verstand und keine Vernunft im traditionellen philosophischen Sinne. Bei ihnen kann auch nicht von einer Verstandesleistung des Gehirns gesprochen werden, weil sie kein Gehirn besitzen. Wissenschaftlich angemessener sind Begriffe wie Regulation, Informationsverarbeitung, Anpassung, Entscheidungsverhalten, basale Kognition oder kollektive Problemlösung.
Es gibt inzwischen Forschungsansätze, die Intelligenz nicht ausschließlich an Gehirne binden, sondern adaptive und zielbezogene Leistungen von Zellen, Geweben und Organismen über verschiedene biologische Ebenen hinweg untersuchen. Dabei wird Intelligenz als verteilte Leistung vieler miteinander gekoppelter Teile betrachtet. Dieses Forschungsfeld ist vorhanden, bildet aber noch keine abgeschlossene und allgemein akzeptierte Gesamtlehre. (Nature)
Bei Pflanzen ist die begriffliche Lage umstritten. Es gibt nachvollziehbare Argumente dafür, bestimmte Formen des Entscheidens, Erinnerns und adaptiven Verhaltens als pflanzliche Kognition oder Intelligenz zu untersuchen. Für die weitergehende Behauptung eines pflanzlichen Bewusstseins besteht dagegen kein wissenschaftlicher Konsens; sie wird von einem bedeutenden Teil der Forschung ausdrücklich bestritten. (PubMed Central (PMC))
Bei Tieren ist die frühere Behauptung, Bewusstsein sei ausschließlich menschlich, wissenschaftlich nicht mehr haltbar. Für bewusstes Erleben bei anderen Säugetieren und Vögeln besteht starke wissenschaftliche Unterstützung; bei zahlreichen weiteren Wirbeltieren und wirbellosen Tieren wird eine realistische Möglichkeit bewussten Erlebens anerkannt. (Google Sites)
Für deine Argumentation ist aber noch etwas anderes entscheidend: Pflanzen, Tiere und Zellen müssen nicht mit menschlichem Bewusstsein ausgestattet werden, um dem Menschen funktional überlegen zu sein.
Gemessen an der Fähigkeit, Rückmeldungen aufzunehmen, Toleranzbereiche einzuhalten, Abhängigkeiten zu berücksichtigen und die eigene Existenzweise nicht systematisch von ihren Voraussetzungen abzulösen, erscheinen viele lebende Systeme tatsächlich „vernünftiger“ als gegenwärtige menschliche Gesellschaften.
Das ist keine Behauptung, eine Zellmembran denke wie ein Mensch. Es ist eine Umkehrung des Bewertungskriteriums.
Nicht die Komplexität des Denkens entscheidet über Vernunft, sondern die Qualität der Beziehung zwischen Tätigkeit, Konsequenz und Erhaltung der Existenzbedingungen.
Funktionale Vernunft ohne Bewusstseinsbehauptung
Eine Zellmembran unterscheidet zwischen Innen und Außen, reguliert Stoffflüsse und trägt zur Aufrechterhaltung bestimmter innerer Zustände bei. Eine Pflanze verändert Wachstum, Stoffverteilung und Abwehr in Beziehung zu Licht, Wasser, Verletzungen und anderen Bedingungen. Tiere passen ihre Bewegungen, ihr Sozialverhalten und ihre Strategien an wahrgenommene Veränderungen an.
Diese Vorgänge können als funktionale Vernünftigkeit bezeichnet werden, sofern deutlich bleibt, dass damit keine menschliche Reflexions- oder Sprachleistung behauptet wird.
Funktional vernünftig ist ein System, wenn seine Tätigkeit an Rückmeldungen gekoppelt bleibt, seine Toleranzbereiche berücksichtigt und seine Funktionsfähigkeit nicht dauerhaft von ihren Voraussetzungen ablöst.
Damit erhält der Vernunftbegriff eine physisch-biologische Grundlage. Vernunft ist nicht mehr allein eine Eigenschaft des menschlichen Kopfes. Sie bezeichnet eine tragfähige Beziehung zwischen einem tätigen System und seiner Abhängigkeitswelt.
Der Mensch als unterbrochener Rückkopplungsorganismus
Der menschliche Organismus arbeitet weiterhin durch Rückkopplung. Atmung, Kreislauf, Temperatur, Stoffwechsel, Gleichgewicht und Wahrnehmung sind auf fortlaufende Regulation angewiesen. Der Mensch könnte ohne diese körperlichen Prüf- und Korrekturvorgänge nicht leben.
In seiner Kulturidentität entwickelt er jedoch Systeme, die diese Rückkopplungen unterbrechen oder verdrängen. Geld kann eine Tätigkeit als erfolgreich erscheinen lassen, obwohl sie ihre stofflichen Grundlagen verbraucht. Recht kann Zuständigkeiten begrenzen, obwohl Konsequenzen Grenzen überschreiten. Arbeitsteilung kann dazu führen, dass jeder nur einen kleinen Ausschnitt bearbeitet und sich niemand für das Gesamtergebnis verantwortlich fühlt.
Dadurch entsteht eine Spaltung: Der menschliche Körper bleibt ein plastischer Rückkopplungsorganismus, während die Kulturidentität eine scheinbar unabhängige Skulpturwirklichkeit hervorbringt.
Der Mensch ist deshalb nicht zu wenig intelligent. Seine Intelligenz ist vom umfassenden Konsequenzzusammenhang abgekoppelt.
Er kann immer präzisere Mittel entwickeln, ohne den Zweck zu prüfen. Er kann einzelne Fehler korrigieren, ohne das fehlererzeugende Referenzsystem zu verändern. Er kann Schäden messen, ohne aus ihnen die notwendige Veränderung seiner Tätigkeit abzuleiten.
Plastische Vernunft als neuer Beweismaßstab
Aus deiner Arbeit ergibt sich ein anderer Vernunftbegriff. Vernünftig ist nicht schon, wer denken, sprechen, berechnen oder erfinden kann. Vernünftig ist, wer seine Tätigkeit mit ihren Konsequenzen und Abhängigkeitsgrundlagen verbinden kann.
Plastische Vernunft muss wahrnehmen, dass jede Handlung formt und zurückgeformt wird. Sie muss Rückmeldungen nicht nur registrieren, sondern als mögliche Korrektur des eigenen Ziels anerkennen. Sie muss zwischen einem menschengemachten Referenzsystem und dem umfassenderen physisch-biologischen Referenzsystem unterscheiden können.
Eine Tätigkeit kann im ersten Referenzsystem erfolgreich und im zweiten zerstörerisch sein. Der Prüfoperator muss deshalb nicht nur fragen, ob eine Tätigkeit ihr Ziel erreicht. Er muss prüfen, ob das Ziel und seine Konsequenzen innerhalb des gemeinsamen Abhängigkeitsraumes tragfähig sind.
Die Beweisführung für menschliche Vernunft lautet dann nicht mehr:
Der Mensch kann denken, also ist er vernünftig.
Sie lautet:
Der Mensch kann seine Tätigkeiten, Ziele und Referenzsysteme an ihren Konsequenzen prüfen, aus Rückmeldungen lernen und seine Bewegung korrigieren, bevor oder nachdem sie ihre eigenen Existenzbedingungen verletzt.
Solange dieser Beweis nicht erbracht ist, bleibt „Vernunftmensch“ eine Selbstbehauptung.
Der Prüfoperator als Vernunftprüfung
Der Prüfoperator erhält damit eine noch grundlegendere Aufgabe. Er prüft nicht nur einzelne Aussagen oder Tätigkeiten. Er prüft den menschlichen Anspruch, ein Vernunftwesen zu sein.
Er fragt, welches Ziel verfolgt wird, durch welches Referenzsystem dieses Ziel als richtig erscheint und welche Wirkungen innerhalb anderer Referenzsysteme entstehen. Er untersucht, ob Konsequenzen zurückgemeldet oder ausgelagert werden, ob Korrekturen nur die Mittel verbessern oder auch die Ziele verändern und ob die Tätigkeit ihre Abhängigkeitsgrundlagen erhält oder zerstört.
Dadurch wird der Prüfoperator zu einer öffentlichen Bewährungsprobe der Aufklärung.
Aufklärung kann nicht länger nur bedeuten, dass der Mensch sich seines eigenen Verstandes bedient. Sie muss bedeuten, dass er diesen Verstand auf seine eigenen Voraussetzungen, Zwecke und Konsequenzen zurückbezieht.
Die Frage lautet nicht mehr allein: Kann der Mensch selbst denken?
Sie lautet: Kann der Mensch sein Denken an der Wirklichkeit seiner Abhängigkeiten korrigieren?
Globale Schwarm-Intelligenz als Wiederherstellung der Rückkopplung
Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ hat deshalb nicht die Aufgabe, die vermeintlich überlegene Intelligenz von acht Milliarden Menschen zu sammeln. Sie soll erst die Bedingungen herstellen, unter denen aus den voneinander getrennten Wissens-, Interessen- und Tätigkeitswelten eine gemeinsame Verantwortungsintelligenz entstehen kann.
Der menschliche Schwarm ist technisch bereits global verbunden. Produktion, Handel, Kommunikation, Rohstoffverbrauch, Finanzströme und ökologische Konsequenzen greifen weltweit ineinander. Diese Vernetzung ist jedoch noch keine Schwarm-Intelligenz. Sie ist zunächst nur ein globaler Tätigkeitsschwarm.
Intelligent würde dieser Schwarm erst, wenn die Konsequenzen seiner Tätigkeiten zu den Beteiligten zurückgeführt, unterschiedliche Wissensfelder miteinander verbunden und die menschlichen Ziele an ihren gemeinsamen Existenzbedingungen geprüft würden.
Die Plattform soll damit etwas wiederherstellen, was in Zellen, Organismen und natürlichen Schwärmen elementar vorhanden ist: die Verbindung von Tätigkeit, Konsequenz, Rückmeldung und Korrektur. Beim Menschen muss jedoch eine zusätzliche Stufe hinzukommen. Er muss nicht nur seine Tätigkeit, sondern auch seine Begriffe, Ziele und selbst geschaffenen Referenzsysteme korrigieren können.
Die Welt wieder auf die Füße stellen
Die Welt steht auf dem Kopf, solange die aus dem menschlichen Kopf hervorgegangenen Begriffe und Regelwerke höher bewertet werden als die Bedingungen, die den Menschen, seinen Kopf und sein Denken hervorgebracht haben.
Sie wird wieder auf die Füße gestellt, wenn der menschliche Verstand nicht abgeschafft, sondern in seine plastische Abhängigkeitswelt zurückgeführt wird.
Dann steht nicht mehr die Behauptung menschlicher Überlegenheit am Anfang. Am Anfang stehen die Existenzbedingungen, die Zellmembran, die Verletzbarkeit, die Rückkopplung, der Toleranzraum und die Abhängigkeit des Einzelnen vom Ganzen.
Erst darauf kann eine Vernunft aufbauen, die diesen Namen verdient.
Die zentrale Umkehrung deiner Forschungskunst lautet daher:
Nicht das Wesen mit der größten Wissens- und Herstellungspotenzialität ist notwendig das vernünftigste Wesen. Vernünftig ist das Wesen oder System, das seine Tätigkeit an ihren Konsequenzen prüfen, seine Abhängigkeiten erhalten und seine Ziele aufgrund der Rückmeldungen korrigieren kann.
Der Mensch besitzt die Möglichkeit zu einer solchen Vernunft. Dass er sie besitzt, bedeutet jedoch noch nicht, dass er sie verwirklicht hat.
Die Bezeichnung Homo sapiens beschreibt daher weniger einen erreichten Zustand als eine noch uneingelöste Aufgabe.
Dieser Text kann als eigenständiger Grundlagentext zwischen Prüfanker, Prüfoperator und Globaler Schwarm-Intelligenz stehen...............
Die folgende Fassung rekonstruiert die Entwicklung als Forschungsgeschichte. Sie behandelt spätere Begriffe nicht so, als seien sie von Anfang an fertig vorhanden gewesen, sondern zeigt, aus welchen Werkhandlungen, Erfahrungen und Problemen sie nachträglich hervorgegangen sind.
Rekonstruktion der Forschungskunst
Von der experimentellen Umweltgestaltung zur Plexus-Wirklichkeit, zum Prüfoperator und zur Globalen Schwarm-Intelligenz
Vorbemerkung: Drei unterschiedliche Aussageebenen
Die inzwischen entstandene Forschungskunst lässt sich nur verständlich rekonstruieren, wenn drei Aussageebenen voneinander unterschieden werden.
Die erste Ebene umfasst die Werk- und Erfahrungsgeschichte: Kindheitserfahrungen, Ausbildung, künstlerische Arbeiten, Aktionen, Ausstellungen, Frage-und-Antwort-Tische, das Globale Dorffest, Documenta-Projekte, Collagen, Malbücher, Folien, Plattform und So-Heits-Atelier. Diese Ebene ist grundsätzlich durch das Werkarchiv, Fotografien, Texte, Presseberichte, Korrespondenzen und andere Dokumente überprüfbar.
Die zweite Ebene umfasst historisch oder wissenschaftlich anschlussfähige Sachverhalte: physikalische Abhängigkeiten, Stoffwechsel, Zellmembranen, Rückkopplung, biologische Regulation, Evolution, ökologische Vernetzung, Schwarmverhalten, menschliche Symbolbildung oder die Geschichte bestimmter philosophischer und kultureller Begriffe. Die vorliegende Rekonstruktion weist diese Anschlüsse aus, führt aber keine neue externe Quellenprüfung sämtlicher Einzelpunkte durch.
Die dritte Ebene umfasst die eigenen Begriffe und Hypothesen der Forschungskunst: 51:49, 50:50-Symmetriedualismus, 1:99, Plexus-Wirklichkeit, Lochprozess, plastisches Ich, Skulpturidentität, So-Heits-Gesellschaft, Millisekundenmensch, Prüfanker, Prüfoperator und die spezifische Verwendung des Begriffs Globale Schwarm-Intelligenz. Diese Begriffe beanspruchen nicht automatisch den Status naturwissenschaftlicher Gesetze. Sie sind künstlerisch-theoretische Modelle und Prüfwerkzeuge, deren Wert daran gemessen werden muss, ob sie Zusammenhänge sichtbar und überprüfbar machen.
Gerade diese Trennung ist inzwischen selbst Bestandteil der Methode geworden.
I. Forschungsgrund: Die Frage nach der menschlichen Selbstgefährdung
1. Die Frage entstand vor der Theorie
Am Anfang stand keine ausgearbeitete Philosophie. Ausgangspunkt war eine Erfahrung von Widersprüchen.
Die später formulierte Kernfrage lautet:
Warum zerstört der Mensch trotz seines Wissens, seiner Lernfähigkeit und seiner technischen Korrekturmöglichkeiten seine eigenen Existenzbedingungen?
Diese Fragestellung lässt sich inzwischen bis in die Mitte der 1970er-Jahre zurückverfolgen. Sie wurde damals noch nicht mit den heutigen Begriffen Plexus, E1 bis E4, Prüfanker oder Globale Schwarm-Intelligenz formuliert. Sie zeigte sich zunächst in künstlerischen und praktischen Problemen: Wasser, Strömung, Material, Widerstand, Bewegung, Eingriff, Umweltgestaltung, gesellschaftliche Vorgabe und menschliche Reaktion.
Das ist eine wichtige chronologische Korrektur. Die Theorie ist nicht zuerst entstanden und anschließend bebildert worden. Die heutigen Begriffe sind zu einem erheblichen Teil späte sprachliche Verdichtungen einer lange vorausgehenden Werkpraxis.
2. Kindheit, Oberförster und Naturerfahrung
Ein noch früherer Erfahrungsgrund liegt in der Kindheit. Über Jahre bestand eine enge Begleitung durch einen Oberförster. Dadurch wurde Wald nicht nur als Landschaft oder romantischer Naturraum erfahren, sondern als Zusammenhang von Wachstum, Begrenzung, Nutzung, Regeneration, Tod, Konkurrenz und Nachhaltigkeit.
Diese Erfahrung hat eine weitreichende Bedeutung für die spätere Forschung. Die Natur erscheint hier nicht als moralisch gut. Sie kann grausam sein. Tiere fressen Tiere, Organismen sterben, Pflanzen konkurrieren, Krankheiten zerstören Leben. Wahrheit bedeutet deshalb nicht Güte.
Was sich jedoch zeigt, ist eine Konsequenzwirklichkeit: Tätigkeiten bleiben nicht folgenlos. Lebende Systeme können ihre Voraussetzungen nicht durch eine Behauptung aufheben.
Später kam die Beschäftigung mit Raoul Heinrich Francé hinzu. In der eigenen Rezeption wurden besonders die Vorstellungen des Tätigen, des Funktionsteils und des Milieus wichtig. Historisch genauer wäre im Weiteren jeweils zu prüfen, welche heutigen Formulierungen unmittelbar auf Francé zurückgehen und welche nachträgliche Weiterentwicklungen sind. Methodisch entscheidend blieb die Vorstellung: Der Organismus steht nicht außerhalb seiner „Umwelt“, sondern ist Funktionsteil eines umfassenderen Wirkungszusammenhangs.
Diese Kindheits- und Naturerfahrungen bilden einen viel älteren Untergrund der späteren Plexus-Wirklichkeit.
II. Werkgenese: Handwerk, Fotografie und Bildhauerei
3. Der Maschinenschlosser als nichtakademischer Ursprung des Prüfens
Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 ist für die spätere Forschung nicht bloß biografischer Hintergrund. Hier entstand ein praktisches Verhältnis zu Maß, Passung, Toleranz, Materialwiderstand und Funktion.
Ein Werkstück kann behauptungslos geprüft werden. Entweder passt es innerhalb bestimmter Toleranzen oder nicht. Eine Konstruktion kann ästhetisch überzeugend erscheinen und dennoch mechanisch versagen.
Hier liegt eine frühe Grundlage des späteren Begriffshandwerks:
Ein Begriff soll nicht nur gut klingen. Er muss tragen.
Aus dem technischen Funktionieren wurde jedoch später kein technokratischer Weltmaßstab. Im Gegenteil: Die Forschung begann gerade dort, wo auffiel, dass der Mensch in seiner Technikwelt außerordentlich präzise Funktionsprüfungen verlangt, seine gesellschaftlichen Ziele und Existenzfolgen aber häufig nicht mit derselben Genauigkeit prüft.
Daraus entwickelte sich viel später der Gegensatz:
technisch funktionierend – existenziell nicht funktionierend.
4. Fotografie als Ausschnitts- und Auswahlproblem
Die Tätigkeit als Fotograf und Fotojournalist brachte einen zweiten methodischen Grund hinzu. Jede Fotografie wählt aus. Sie setzt einen Rahmen. Etwas wird sichtbar, anderes verschwindet außerhalb des Bildes.
Diese zunächst mediale Erfahrung wurde später zu einem Wirklichkeitsproblem: Was passiert, wenn der Mensch seine Ausschnitte nicht mehr als Ausschnitte erkennt, sondern sie für die Wirklichkeit selbst hält?
Damit liegt in der Fotografie eine frühe Vorform von Dingselektion, Lücke und späterem Lochprozess.
Die Kamera zeigt nicht „alles“. Sie erzeugt ein Gegenüber, indem sie auswählt. Genau dadurch wird Vergleich möglich, aber zugleich entsteht die Gefahr, die ausgeblendeten Voraussetzungen zu verlieren.
5. Bildhauerei und Experimentelle Umweltgestaltung
Mit dem Bildhauereistudium an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig ab 1974 verschob sich die Frage vom einzelnen Kunstobjekt in den Raum von Umwelt, Bewegung und gesellschaftlicher Gestaltung.
Der Begriff „Experimentelle Umweltgestaltung“ wurde zum wichtigen frühen Sammelpunkt. Das Entscheidende war weniger ein bereits festgelegter Stil als die Erweiterung des plastischen Arbeitens auf Situationen, Beziehungen, Naturprozesse und menschliche Beteiligung.
Material wurde nicht bloß geformt. Es antwortete.
Wasser, Strömung, Wellen, Widerstand, Gefälle und Begrenzung machten erfahrbar, dass der Künstler nicht frei über das Material verfügt. Seine Vorstellung trifft auf Bedingungen, die unabhängig von seiner Vorstellung wirksam bleiben.
Hier liegt eine weitere Vorform des späteren Prüfoperators:
Vorstellung – Tätigkeit – Widerstand – Konsequenz – Korrektur.
III. Wirklichkeitsverständnis: Von „Umwelt“ zur Trag- und Plexus-Wirklichkeit
6. Das Problem des Umweltbegriffs
Der Umweltbegriff wurde zunehmend problematisch, weil er sprachlich suggerieren kann, eine Welt befinde sich „um“ einen bereits fertigen Menschen herum.
Die Forschung entwickelte sich in die entgegengesetzte Richtung: Der Mensch ist selbst Bestandteil dessen, was er als Umwelt bezeichnet.
Er atmet Außenwelt ein, nimmt Nahrung und Wasser auf, gibt Stoffe und Wärme ab und ist durch Gravitation, Temperatur, Mikroorganismen, Pflanzen, Tiere und andere Menschen permanent durchdrungen und abhängig.
Der Mensch besitzt eine Grenze, aber keine absolute Abgeschlossenheit.
7. Tragwirklichkeit
Daraus entstand zunächst die Vorstellung einer Tragwirklichkeit.
Mit Tragwirklichkeit wurden jene Bedingungen bezeichnet, die einen Organismus und seine Tätigkeiten überhaupt ermöglichen. Luft, Wasser, Temperatur, Stoffe, Regenerationsprozesse und physikalische Bedingungen sind keine bloßen Gegenstände menschlicher Erkenntnis. Sie tragen den Erkennenden selbst.
Damit verschob sich der Wirklichkeitsbegriff:
Nicht alles, was gesellschaftlich gilt, trägt deshalb auch biologisch.
Eine Rechtsordnung kann etwas erlauben, das einen Boden zerstört. Ein Markt kann eine Tätigkeit belohnen, die ihre stofflichen Voraussetzungen verbraucht.
Die Frage nach Wirklichkeit wurde damit zur Frage nach Tragfähigkeit.
8. Plexus-Wirklichkeit als weitere Präzisierung
Später wurde deutlich, dass „Tragwirklichkeit“ zu statisch verstanden werden könnte. Die Wirklichkeit trägt nicht wie ein unbewegliches Fundament. Sie besteht aus unzähligen Wechselwirkungen und Tätigkeiten.
Daraus entwickelte sich die Plexus-Wirklichkeit.
Plexus bezeichnet ein Geflecht von eigenständigen, aber voneinander abhängigen Funktionsteilen. Wichtig ist dabei nicht nur Vernetzung. Ein Telefonnetz ist ebenfalls vernetzt. Der Plexus umfasst zusätzlich Grenze, Durchlässigkeit, Tätigkeit, Konsequenz und Rückkopplung.
Die heute verdichtete Grundfolge lautet:
Referenzsystem beziehungsweise Toleranzraum – Tätigkeit – Konsequenz – Rückmeldung – Vergleich – Korrektur – erneute Tätigkeit.
Plexus ist damit kein einzelnes Ding. Er ist ein Beziehungs- und Übersetzungsraum.
Die Zellmembran kann als elementares Plexusmodell dienen: Sie grenzt Innen und Außen voneinander ab und verbindet sie gleichzeitig. Ein Wald kann als ökologischer Plexus betrachtet werden. Ein Organismus ist ein körperlicher Plexus. Das Gehirn ist ein hochdifferenzierter neuronaler Plexus. Eine Gesellschaft kann einen sozialen Plexus bilden.
Die Behauptung, alle diese Systeme seien dasselbe, wäre falsch. Die Forschungskunst verwendet Plexus vielmehr als vergleichenden Strukturbegriff.
IV. Lochprozess: Die Entdeckung der verlorenen Beziehung
9. Lochprozess ist eine späte Begriffsentwicklung
Der Lochprozess gehört zu den jüngeren Verdichtungen und darf nicht rückwirkend zum Ursprung der gesamten Forschung erklärt werden.
Seine Vorformen liegen jedoch weit zurück: im fotografischen Ausschnitt, im Herauslösen eines Objektes, in der begrifflichen Benennung, in der Rollenbildung und in der Trennung von Mensch und Umwelt.
Der Lochprozess bezeichnet den Vorgang, durch den aus einem umfassenden Beziehungszusammenhang etwas ausgeschnitten, abgegrenzt und als eigenständiges Ding behandelt wird.
Der Schnitt ist zunächst notwendig. Ohne Unterscheidung gäbe es keine Wahrnehmung, keinen Begriff und keine Handlung.
Das Problem entsteht erst, wenn der Rückweg zum Zusammenhang verloren geht.
10. Loch, Lücke und Mutation
Damit lassen sich drei Schritte unterscheiden.
Der Schnitt erzeugt eine Differenz.
Die Lücke entsteht, wenn Beziehungen und Voraussetzungen des ausgeschnittenen Teils nicht mitgeführt werden.
Die Mutation entsteht, wenn das herausgelöste Ding anschließend mit neuen Eigenschaften versehen wird und diese Zuschreibungen so behandelt werden, als gehörten sie dem Gegenstand selbst an.
Ein Stück Boden wird beispielsweise materiell abgegrenzt. Anschließend erhält es die gesellschaftliche Eigenschaft „mein Eigentum“. Diese Eigenschaft ist nicht im Boden als physikalische Eigenschaft auffindbar. Sie ist gesellschaftlich erzeugt. Sie kann jedoch sehr reale Wirkungen hervorbringen.
Der Lochprozess ist daher eng mit der späteren Eigenschafts- und Symboltheorie verbunden.
Status: Der Lochprozess ist ein eigener Forschungskunstbegriff. Seine einzelnen Bestandteile – Wahrnehmungsselektion, Begriffsbildung, soziale Zuschreibung – sind wissenschaftlich anschlussfähig; ihre Zusammenführung unter dem Begriff Lochprozess ist die eigenständige methodische Leistung der Forschungskunst.
V. Gegenüberstellung und Lernen
11. Lernen braucht ein Gegenüber
Eine der tragenden Einsichten lautet: Lernen setzt Differenz voraus.
Ein System kann sich nicht korrigieren, wenn es nichts gibt, woran seine Tätigkeit zurückgemeldet wird.
Diese Einsicht entwickelte sich aus sehr unterschiedlichen Werkformen: Materialwiderstand, Wasserbewegung, Fotografie, Frage und Antwort, Vorgabebild, Teilnehmerreaktion und später Folienüberlagerung.
Das Gegenüber ist nicht notwendig ein anderer Mensch. Es kann Material, Naturvorgang, Bild, Behauptung, Folge oder ein anderes Referenzsystem sein.
12. Frage-und-Antwort-Paradigma
Während der Studienzeit entwickelte sich das Frage-und-Antwort-Tisch-Paradigma. Damit wurde die Gegenüberstellung gesellschaftlich.
Eine Frage eröffnet einen Raum. Eine Antwort bringt eine zweite Perspektive hinein. Entscheidend ist nicht, dass eine Antwort automatisch richtig wäre, sondern dass durch die Differenz eine Vergleichsmöglichkeit entsteht.
Später wurde daraus der Satz:
Gegenüberstellung ist Voraussetzung des Lernens.
Diese Grundstruktur zieht sich durch die Tausend Tische, das Mitmachbuch, die KI-Methode und den Prüfoperator.
13. Das Gegenüber als Schutz vor Selbstbestätigung
Die jüngste Entwicklung des Positionsankers hat diese Methode nochmals auf den Künstler selbst zurückgeführt.
Auch die Überzeugung „Die Menschheit hat keine Chance zu überleben“ braucht ein Gegenüber. Andernfalls könnte jede neue Beobachtung nur noch als Bestätigung des bereits erwarteten Ergebnisses gelesen werden.
Der Prüfoperator muss daher nicht nur die Welt, sondern auch die Position des Prüfers prüfen können.
Das ist eine wesentliche methodische Reifung des gesamten Ansatzes.
VI. Plastik und Skulpturalisierung
14. Plastik als Prozess
Aus der bildhauerischen Herkunft entwickelte sich eine grundlegende Differenzierung.
Plastik wurde zunehmend nicht mehr nur als dreidimensionales Kunstobjekt verstanden. Plastisch ist ein Vorgang, in dem Formen durch Druck, Widerstand, Material, Tätigkeit und Rückwirkung entstehen und sich verändern können.
Der Mensch ist in diesem Sinn selbst plastisch.
Er formt seine Umgebung und wird durch seine Tätigkeiten zurückgeformt.
15. Plastisches Ich und plastische Identität
Daraus entstand der Begriff des plastischen Ichs beziehungsweise später der plastischen Identität.
Die plastische Identität ist nicht absolut unabhängig. Sie ist ein eigenständiges, begrenztes und gleichzeitig durchlässiges Gefüge.
Sie atmet, nimmt Stoffe auf, gibt Stoffe ab, wird verletzt, regeneriert sich und bleibt nur durch fortlaufenden Austausch erhalten.
Ihre Eigenständigkeit entsteht gerade innerhalb ihrer Abhängigkeiten.
16. Skulpturidentität
Der Gegenbegriff wurde Skulpturidentität.
Skulpturalisierung bezeichnet hier nicht die traditionelle künstlerische Skulptur, sondern die Verfestigung einer beweglichen, abhängigen Wirklichkeit zu einer scheinbar abgeschlossenen Form.
Der Mensch stellt sich vor als Eigentümer, Berufsträger, Konsument, Bürger, Künstler, Wissenschaftler oder autonome Person und behandelt diese Rollen als feste Wesenseigenschaften.
Die Skulpturidentität lautet sinngemäß:
So bin ich. Das gehört mir. Dafür bin ich zuständig. Das andere betrifft mich nicht.
Dadurch werden gesellschaftliche Rollen zu scheinbar festen Körpergrenzen.
17. Kulturidentität und Rollenidentität als Präzisierungen
Im jüngsten Verlauf wurde deutlich, dass Skulpturidentität, Kulturidentität und Rollenidentität nicht völlig identisch verwendet werden sollten.
Kulturidentität ist der Oberbegriff für die durch Sprache, Symbole, Normen und gesellschaftliche Geltung geformte Identität.
Rollenidentität bezeichnet die konkrete Einbindung in gesellschaftliche Funktionen.
Skulpturidentität bezeichnet den pathologischen oder zumindest prüfbedürftigen Verfestigungsvorgang, bei dem diese kulturellen Zuschreibungen als abgeschlossenes Wesen erlebt werden.
Diese Unterscheidung sollte künftig beibehalten werden.
VII. Erfahrung, Rückkopplung und zwei Referenzsysteme
18. Rückkopplung wurde vom technischen zum existenziellen Begriff
Rückkopplung erschien zunächst in praktischen und naturbezogenen Zusammenhängen. Später wurde sie zum Grundprinzip der Forschung.
Eine Tätigkeit verändert etwas. Diese Veränderung wirkt auf das tätige System zurück. Das System kann darauf reagieren.
Die entscheidende Frage lautet:
Nimmt es die Rückmeldung auf oder blockiert es sie?
19. Die Zellmembran als Modell
Die Zellmembran wurde im jüngsten Forschungsprozess besonders wichtig, weil an ihr zwei Bedingungen gleichzeitig sichtbar werden.
Die Zelle muss einen inneren Zustand aufrechterhalten.
Gleichzeitig muss sie auf äußere Bedingungen reagieren.
Daraus können zwei Referenzsysteme abgeleitet werden:
Selbstreferenz: Was muss erhalten bleiben, damit dieses System als dieses System weiterbestehen kann?
Weltreferenz: Welche äußeren Bedingungen müssen berücksichtigt werden, damit dieses Fortbestehen möglich bleibt?
Diese Doppelreferenz ist für den Menschen von besonderer Bedeutung.
Die Kulturidentität kann innerhalb eines sozialen Referenzsystems erfolgreich sein, obwohl die Tätigkeit innerhalb des physisch-biologischen Referenzsystems zerstörerisch wirkt.
20. 51:49 und 49:51
Hier wurde das schon viel ältere 51:49-Modell neu anschlussfähig.
51:49 kann als minimale Vorrangigkeit der Stabilisierung, Eigenorganisation oder Selbsterhaltung gelesen werden.
49:51 kann als minimale Vorrangigkeit von Öffnung, Veränderung und Anpassung verstanden werden.
Die beiden Spiralen der Plexus-Wirklichkeit können diese gegenläufigen Bewegungen darstellen.
Die eine Bewegung führt nach außen:
innerer Zustand – Tätigkeit – Eingriff – Konsequenz.
Die andere führt zurück:
Konsequenz – Rückmeldung – Verarbeitung – Korrektur.
Das Verhältnis 51:49 ist dabei keine wissenschaftlich nachgewiesene Naturkonstante. Es ist ein künstlerisch-theoretischer Operator der Minimalasymmetrie.
Gerade diese Begrenzung muss künftig explizit erhalten bleiben.
VIII. Symbol- und Eigenschaftsbildung
21. Von res zur Dingwelt
Die Forschung verlagerte sich zunehmend von der Frage, was Dinge „sind“, zu der Frage, wie aus Vorgängen und Abhängigkeiten überhaupt Dinge entstehen.
Ein Ausschnitt wird benannt.
Durch den Namen wird er als Einheit behandelt.
Anschließend werden ihm Eigenschaften zugeschrieben.
Damit entsteht eine Dingwelt.
Die Arbeit mit dem lateinischen res, Ding, Sache und später der Eigen-/Eigentumsgrammatik diente dazu, diese Entwicklung begrifflich freizulegen.
22. Eigen und Eigentum
Hier wurde eine entscheidende Differenz herausgearbeitet.
Eine eigene Eigenschaft kann materiell oder funktional am Gegenstand wirksam sein.
Eigentum ist dagegen eine gesellschaftliche Zuschreibung.
Ein Grundstück enthält nicht physikalisch die Eigenschaft „gehört Wolfgang“, „gehört einem Konzern“ oder „gehört einem Staat“. Diese Eigenschaft entsteht erst durch eine gesellschaftliche Geltungsordnung.
Das bedeutet nicht, dass Eigentum unwirklich wäre. Seine Wirkungen können sehr real sein.
Genau diese Differenz führte zum Vier-Ebenen-Modell.
23. Die Parallelwelt
Der Begriff Parallelwelt entstand, um die Ebene menschengemachter Geltungsordnungen sichtbar zu machen: Geld, Eigentum, Status, Institutionen, Nation, gesellschaftliche Rollen und Regelwerke.
Eine wichtige begriffliche Korrektur lautet jedoch:
Die Parallelwelt ist nicht einfach nicht existent.
Ihre Eigenschaften sind zugeschrieben, ihre Folgen sind wirklich.
Geld kann nicht gegessen werden, aber darüber entscheiden, wer essen kann.
Eigentum ist keine materielle Bodeneigenschaft, kann aber bestimmen, wer den Boden betreten darf.
Damit wird die Parallelwelt zu einer E3-Wirklichkeit mit E1- und E2-Konsequenzen.
IX. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsmodelle
24. Die Vergleiche sind Prüfmodelle, keine vollständigen Kulturgeschichten
In der Entwicklung des Folien- und Begriffssystems wurden Platon, Aristoteles, Christentum, Physik, Atomlehre und andere historische Denkformen miteinander verglichen.
Diese Vergleiche dürfen nicht als vollständige historische Darstellung der jeweiligen Philosophie oder Wissenschaft missverstanden werden. Sie sind heuristische Modelle, mit denen bestimmte Trennungs- und Rangordnungsformen sichtbar gemacht werden.
25. Platon
Im Platon-Modell wird eine Rangordnung untersucht, in der das Unveränderliche und Ideelle einen höheren Wirklichkeitsrang erhält als Körper, Veränderung und sinnliche Erscheinung.
Die Folie mit Körper, Schatten beziehungsweise Spiegelung und goldener geometrischer Ideenwelt verdichtet diese Lesart.
Für die Forschungskunst ist entscheidend, ob sich hier ein kulturelles Muster erkennen lässt, in dem das gedachte Unveränderliche über das plastisch Veränderliche gestellt wird.
Das ist eine eigene interpretierende Verwendung Platons und keine erschöpfende Platonexegese.
26. Aristoteles
Aristoteles wurde im bisherigen Prozess stärker als Gegenmodell gelesen: Stoff, Form, Bewegung und Zielrichtung bleiben miteinander verbunden.
Die Pflanzenfolie macht Prozesshaftigkeit sichtbar.
Auch hier gilt: Die Folie ist keine vollständige Darstellung aristotelischer Philosophie, sondern ein Vergleichsoperator.
27. Christentum
Beim Christentum wurde das Bild eines Körpers als Behälter und einer nach oben strebenden Seele untersucht.
Die Folie macht die kulturelle Möglichkeit sichtbar, Körper und geistiges Wesen hierarchisch voneinander zu trennen.
Auch diese Darstellung muss künftig als bewusst reduzierte Forschungskunstfolie gekennzeichnet werden. „Das Christentum“ besitzt keine einzige einheitliche Körperlehre.
28. Athene aus dem Kopf des Zeus
In jüngster Zeit wurde die Geburt Athenes aus dem Kopf des Zeus zu einem weiteren Bildoperator.
Sie wird nicht als historische Ursache des heutigen Denkens behauptet. Sie dient als starkes kulturelles Bild:
Wissen beziehungsweise Geist erscheint als aus dem Kopf hervorgebrachte Geburt, bei der die körperlichen und materiellen Geburtsbedingungen verschwinden.
Damit lässt sich die Kulturidentität veranschaulichen, die ihren eigenen Denkprodukten einen höheren Rang zuspricht als den Bedingungen, aus denen der denkende Organismus entstanden ist.
29. Atom und Individuum
Auch der Begriff des Individuums wurde problematisch.
Die Wortbedeutung des Ungeteilten oder Unteilbaren unterstützt kulturell die Vorstellung einer abgeschlossenen Einheit.
Die biologische Betrachtung zeigt jedoch einen Organismus aus Zellen, Mikroorganismen, Organen, Stoffströmen und Abhängigkeiten.
Die Forschungskunst schlägt deshalb keine Abschaffung des Individuums vor, sondern eine Korrektur:
Das Individuum ist nicht unabhängig, sondern eine relativ eigenständige Organisation von Abhängigkeiten.
X. Vier-Ebenen-Modell E1–E4
30. Entstehung des Ebenenmodells
Das Vier-Ebenen-Modell entwickelte sich aus dem Problem, dass unterschiedliche Arten von Wirklichkeit ständig miteinander verwechselt wurden.
Es sollte nicht vier voneinander getrennte Welten schaffen, sondern unterscheiden, welche Art von Aussage jeweils gemacht wird.
31. E1 – materielle Wirklichkeit
E1 bezeichnet physische Vorgänge:
Material, Masse, Kraft, Temperatur, Druck, Bruch, Bewegung, Stoff und räumliche Bedingungen.
Hier entscheidet nicht gesellschaftliche Anerkennung über das Verhalten eines Gegenstandes.
32. E2 – lebendige Wirklichkeit
E2 bezeichnet Organismus, Stoffwechsel, Regeneration, Verletzbarkeit, Membran, Wahrnehmung, Regulation und das plastische Ich.
Ein lebender Organismus kann nicht vollständig auf E1 reduziert werden, weil seine Bestandteile in einem selbstregulierenden Lebenszusammenhang organisiert sind.
33. E3 – symbolische und gesellschaftliche Geltung
E3 umfasst Sprache, Geld, Eigentum, Recht, Status, Rolle, Religion, Institution und kulturelle Identität.
E3 ist nicht „bloßer Schein“. E3 kann über Tätigkeiten tief in E1 und E2 eingreifen.
Die zentrale Gefahr entsteht, wenn E3 seine eigenen Konstruktionen so behandelt, als besäßen sie denselben Wirklichkeitsstatus wie physische und biologische Bedingungen.
34. E4 – Prüfung und Reparatur
E4 war zunächst gefährdet, wie eine vierte Wirklichkeitsebene gelesen zu werden.
Diese Vorstellung wurde korrigiert.
E4 ist besser als Prüf-, Revisions- und Reparaturebene zu verstehen.
Sie fragt:
Was passiert, wenn E3-Ziele in E1 und E2 eingreifen?
Welche Konsequenzen entstehen?
Wo besteht ein Widerspruch?
Was muss korrigiert werden?
Damit ist E4 kein neuer Stoff. Es ist eine methodische Operation.
Hier liegt die direkte Verbindung zum Prüfoperator.
XI. Begriffshandwerk, Prüfanker und Prüfoperator
35. Begriffshandwerk
Die jahrzehntelange Begriffsarbeit kann als Begriffshandwerk bezeichnet werden.
Das Wort „Handwerk“ ist dabei wesentlich. Begriffe werden wie Werkzeuge geprüft:
Was leisten sie?
Was schneiden sie heraus?
Was verdecken sie?
Welche Eigenschaften schleppen sie unbemerkt mit?
Wo funktionieren sie nicht mehr?
Begriffe wie Umwelt, Individuum, Freiheit, Eigentum, Intelligenz, Vernunft, Natur und Wirklichkeit werden deshalb nicht einfach verworfen. Sie werden auseinandergenommen und neu auf ihre Tragfähigkeit geprüft.
36. Prüfanker
Der Prüfanker entstand aus dem Bedürfnis, für diese Arbeit einen stabilen Bezugspunkt zu formulieren.
Er enthält keine fertige Weltanschauung, sondern Kriterien:
Tätigkeit, Konsequenz, Abhängigkeit, Rückkopplung, Toleranzraum, Verletzbarkeit, Regeneration und Funktionieren beziehungsweise Nichtfunktionieren.
Er beantwortet die Frage:
Woran wird geprüft?
37. Prüfoperator
Der Prüfoperator musste anschließend vom Prüfanker getrennt werden.
Der Prüfanker ist der Maßstab.
Der Prüfoperator ist die Tätigkeit des Prüfens.
Er fragt:
Welches Ziel wird verfolgt?
Auf welchem Referenzsystem beruht es?
Welche Voraussetzungen benötigt die Tätigkeit?
Welche Konsequenzen entstehen?
Wer trägt sie?
Wer erhält den Nutzen?
Welche Rückmeldungen werden aufgenommen oder ausgeblendet?
Muss nur die Tätigkeit korrigiert werden oder bereits das Ziel?
Der Prüfoperator bildet damit den methodischen Kern der Forschungskunst.
38. Neutralität wurde korrigiert
Eine wichtige jüngste Korrektur betrifft den Begriff der Neutralität.
Der Prüfoperator ist nicht neutral im Sinne von gleichgültig.
Er ist an Funktionsfähigkeit, Existenzbedingungen und Konsequenzen gebunden.
Er muss jedoch ergebnisoffen bleiben.
Er darf nicht so konstruiert sein, dass er nur die Ausgangsmeinung des Künstlers bestätigt.
XII. Der Positionsanker als jüngste Ergänzung
39. Warum ein Positionsanker notwendig wurde
Im bisherigen System existierten Kontextanker, Werkanker und Prüfanker.
Dann trat ein Problem deutlich hervor: Der Künstler besitzt selbst eine starke persönliche Prognose.
Sie lautet zugespitzt:
Die Menschheit hat keine Chance zu überleben.
Diese Aussage darf weder als scheinbar objektives Ergebnis des Prüfoperators versteckt noch aus falscher Neutralität verschwiegen werden.
Daraus entstand der Positionsanker.
40. Funktion des Positionsankers
Der Positionsanker legt offen:
Von welcher Erfahrung gehe ich aus?
Welche Prognose habe ich?
Welche Erwartungen beeinflussen meine Wahrnehmung?
Was müsste geschehen, damit ich meine Position korrigiere?
Dadurch wird die persönliche Position selbst zum Prüfgegenstand.
Das brennende Rollenidentitätsgefängnis ist der visuelle Hauptanker dieser Position.
Der Astronaut im goldenen Käfig zeigt den modernen Menschen als technisch geschützte Skulpturidentität. Seine scheinbare Autonomie bleibt vollständig von realen Versorgungssystemen abhängig. Die goldenen Gitter stehen für Eigentum, Geld, Status, Karriere, Anerkennung und das Versprechen von Freiheit.
Die offene Tür ist dabei ausdrücklich keine simple Botschaft, der einzelne Mensch müsse nur hinausgehen. Sie bezeichnet eine Prüf- und Unterbrechungsmöglichkeit; der gesellschaftlich tragfähige Ausgang ist noch nicht hergestellt.
Die methodische Verdichtung lautet:
Das Bild stellt die Diagnose dar. Der Prüfoperator untersucht, ob und wodurch sie trägt.
XIII. Künstlerische Prüfobjekte
41. Objekte wurden zu Operatoren
Im Rückblick zeigt sich, dass viele Arbeiten nicht nur als Kunstgegenstände verstanden werden können. Sie fungieren als Prüfobjekte.
Sie stellen einen Zusammenhang so her, dass der Betrachter nicht nur etwas anschauen, sondern an ihm eine Wirklichkeitsfrage untersuchen kann.
42. Wasser- und Wellenarbeiten
Wasser macht Rückkopplung unmittelbar sichtbar.
Eine Handlung erzeugt eine Welle.
Die Welle breitet sich aus.
Sie trifft auf Grenzen.
Sie wird reflektiert.
Sie verändert andere Bewegungen.
Damit wird aus einem physikalischen Vorgang ein Referenzbild für Tätigkeit und Konsequenz.
Die gesellschaftliche Verwendung ist eine Analogie; die Wasserphysik ist nicht identisch mit Gesellschaft.
43. Kartoffel
Die Kartoffel wurde zu einem wichtigen Prüfgegenstand, weil sich an ihr unterschiedliche Ebenen unterscheiden lassen.
Sie besitzt materielle und biologische Eigenschaften.
Sie kann Nahrung, Ware, kulturelles Symbol, Eigentum oder Kunstgegenstand werden.
An demselben Gegenstand können E1, E2 und E3 sichtbar gemacht werden.
44. Eis und Vergoldung
Die Eisarbeit zeigte eine weitere Grundstruktur.
Die Glätte des Eises bleibt physisch vorhanden.
Eine Vergoldung kann die Wahrnehmung und gesellschaftliche Bedeutung der Fläche vollständig verändern.
Der Mensch bewegt sich möglicherweise anders über dieselbe physikalisch riskante Oberfläche, weil sich deren symbolische Bedeutung verändert hat.
Damit wird eine Kernfrage sichtbar:
Was passiert, wenn E3 die Wahrnehmung von E1 überlagert?
45. Schultafel
Die Schultafel steht für Vorgabe, Wissen, Autorität und den gesellschaftlichen Herstellungsprozess von „richtigen“ Antworten.
Sie kann zugleich selbst zum offenen Fragefeld umfunktioniert werden.
46. Gordischer Knoten
Der Gordische Knoten verdichtet das Problem komplexer Verflechtung und der Versuchung, sie durch einen einzigen Schnitt scheinbar zu lösen.
Er verweist damit auf das Verhältnis von Vereinfachung, Gewalt und nicht mitgenommenen Abhängigkeiten.
47. Gläserner Astronaut
Der Astronaut verbindet Technik, Überlebenssystem und scheinbare Autonomie.
Ein wirklicher Astronaut ist gerade das Gegenbeispiel zu absoluter Freiheit: Seine Existenz hängt vollständig von technischen Versorgungssystemen ab.
Die gesellschaftliche Kulturidentität verhält sich dagegen häufig so, als seien ihre Versorgungsschläuche nicht vorhanden.
48. Sandtrichter, Saftpresse und Thermosflasche
Diese jüngeren Operatoren erweitern die Bildsprache.
Der Sandtrichter zeigt Bewegung, Verschüttung, Arbeitsposition und die Gefahr einer Struktur, die ihre Beteiligten in eine Richtung zieht.
Die Saftpresse kann Ressourcenentnahme, Druck und die Umkehrung dessen darstellen, was als wertvoll gilt.
Die Thermosflasche macht Isolation nicht nur symbolisch, sondern technisch sichtbar. Sie erlaubt den Vergleich zwischen wirklicher physikalischer Isolation und der nur vorgestellten gesellschaftlichen Autonomie.
XIV. Folien und Schablonen als neue Bildgrammatik
49. Warum die Folien entstanden
Die Folien sind keine dekorativen Illustrationen des fertigen Denkens.
Sie entstanden aus der Erfahrung, dass komplexe Zusammenhänge nicht in einem einzigen Bild untergebracht werden können.
Durch transparente Überlagerung kann gezeigt werden:
Welche Ebene kommt hinzu?
Welche verdeckt eine andere?
Welche bleibt physisch bestehen, obwohl eine neue kulturelle Bedeutung darübergelegt wird?
Damit wird das Bild selbst zu einem Prüfapparat.
50. Grundfolien
Zu den entwickelten Grundmotiven gehören:
die physikalisch-kosmische Welt;
das ganzheitliche Netzwerk;
der Mensch mit Spaten und seinen Tätigkeitskonsequenzen;
die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“;
die Flasche beziehungsweise der Isolationsraum;
der von Wärme, Gravitation und anderen Wirkungen durchdrungene Mensch;
die molekulare Verknüpfung des Menschen;
Mensch, Wasser, Schlange und Fisch;
der denkende Mensch mit erhobener Hand;
die zeitgeschichtliche Einordnung des Homo sapiens.
Diese Folien übersetzen abstrakte Begriffe zurück in wahrnehmbare Verhältnisse.
51. Kulturgeschichtliche Folien
Platon, Aristoteles, Christentum und Physik wurden als Vergleichsfolien entwickelt.
Ihre methodische Funktion besteht nicht darin, die jeweilige Disziplin endgültig zu beurteilen.
Sie sollen zeigen, welche Auswahl- und Trennungsoperationen bestimmte Denkformen vornehmen.
52. Das künstlerische Dreieck
Eine weitere Verdichtung ist das künstlerische Dreieck:
Kopf beziehungsweise Modell – Hände beziehungsweise Tätigkeit – entstehende Plastik.
Dazwischen liegen Material, Widerstand, Übung, Scheitern und Korrektur.
Ein falsches inneres Modell erzeugt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch problematische Tätigkeitsfolgen.
Damit verbindet das Dreieck Kunstpraxis und Zivilisationsprüfung.
XV. Mitmachbuch
53. Vorgeschichte in den Erwachsenen-Malbüchern
Die Erwachsenen-Malbücher der späten 1970er-Jahre bilden eine frühe Vorstufe.
Sie sollten die Angst vor dem weißen Blatt und die Vorstellung unterlaufen, Kunst müsse von vornherein als richtige, anerkannte Form entstehen.
Eine Vorgabe wurde nicht als endgültiges Bild verstanden, sondern als Einstieg in eigene Assoziation.
Damit entstand ein wichtiger Grundsatz:
Die Vorgabe soll Tätigkeit auslösen, nicht Tätigkeit ersetzen.
54. Das heutige Mitmachbuch
Das heutige Mitmachbuch führt diese Grundidee mit der gesamten späteren Forschung zusammen.
Es enthält nicht nur freie Gestaltungsfelder. Es arbeitet mit Folien, Gegenüberstellungen, Prüfobjekten und verschiedenen Ebenen.
Der Teilnehmer soll nicht die Theorie des Künstlers nachsprechen. Er soll eigene Vorstellungen sichtbar machen und sie prüfen.
Das Buch ist damit ein tragbarer Prüf- und Simulationsraum.
55. Sandkastenprinzip
Das Mitmachbuch verbindet sich mit dem jüngst wiedergewonnenen Sandkastenbild.
Der Sandkasten steht nicht für kindische Unreife.
Er steht für einen begrenzten Raum, in dem Vorstellung, Handlung, Materialwiderstand, Scheitern und Neubeginn unmittelbar zusammenwirken.
Die Kindheit erscheint damit nicht als Gegenbild zur Vernunft, sondern als möglicher Ursprung künstlerischer Forschung.
Problematisch ist vielmehr die spätere Kanalisation dieser offenen Tätigkeit in Fachgrenzen, Leistungsnormen und vorgegebene richtige Antworten.
XVI. Tausend Tische und Globales Dorffest 1993
56. Der entscheidende Übergang vom einzelnen Tisch zum gesellschaftlichen Schwarm
Das für den 3. Oktober 1993 entwickelte „Globale Dorffest“ mit „1000 tapezierten Tischen unter den Linden“ bildet einen Schlüsselpunkt der Werkentwicklung.
Es liegt 1424 Tage nach dem Fall der Berliner Mauer und sollte zwischen Brandenburger Tor und Palast der Republik stattfinden.
Die staatliche Einheit sollte dabei nicht nur nationalpolitisch gefeiert werden. Einheit wurde als Frage nach Zusammengehörigkeit, Innen und Außen, Person und Planet, Anderssein und Gemeinsamkeit untersucht.
57. Struktur der Tausend Tische
Jeder Teilnehmer sollte einen eigenen Tapeziertisch mitbringen.
Darauf konnte eine eigene Frage gestellt werden.
Andere sollten antworten, zeichnen, schreiben, assoziieren und Geschichten hinzufügen.
Gleichzeitig sollte jeder den eigenen Tisch verlassen und zu den anderen Tischen wandern.
Damit wurde jeder zugleich:
Fragender,
Antwortender,
Autor,
Betrachter,
Bewegter,
Mitgestalter.
Das ist die analoge Urform dessen, was heute mit Globaler Schwarm-Intelligenz bezeichnet wird.
58. Der Tapeziertisch als Bürgerinitiativsymbol
Der Tapeziertisch besaß damals zusätzlich eine gesellschaftliche Bedeutung als einfaches Arbeitsmittel von Bürgerinitiativen.
Er war mobil, billig, öffentlich und nicht hierarchisch.
Im Projekt wurde daraus eine gesellschaftliche Zelle.
Tausend unterschiedliche Fragen sollten nicht zu einer einzigen richtigen Meinung verschmolzen werden. Die Einheit sollte durch die Bewegung zwischen Unterschieden entstehen.
59. Computer und Vernetzung waren bereits mitgedacht
Die Fragen und Antworten sollten anschließend gesammelt, mit Hilfe eines Computers gespeichert und vernetzt werden.
Damit war die digitale Erweiterung des Tischparadigmas bereits konzeptionell angelegt.
Die heutige Plattform ist deshalb keine völlige Abkehr von den analogen Arbeiten. Sie ist deren technische Erweiterung.
XVII. Kollektive Kreativität und Schwarmvorformen
60. Vom Miteinander zur kollektiven Lernleistung
Aus dem Globalen Dorffest und verwandten Arbeiten entwickelte sich die Künstlergruppe beziehungsweise Idee der Kollektiven Kreativität.
Der entscheidende Gedanke war nicht, dass die Gruppe automatisch klüger sei.
Viele Menschen können sich auch gemeinsam irren.
Entscheidend war, dass unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten durch eine geeignete Versuchsanordnung miteinander in Beziehung gebracht werden.
Diese Differenz führt unmittelbar zum heutigen Schwarmbegriff.
XVIII. KI als neue Stufe und neues Risiko
61. KI kam nicht als Ursprung, sondern als Verstärker hinzu
Die intensive KI-Arbeit ist eine sehr späte Entwicklungsstufe.
Sie verändert jedoch die Möglichkeiten der gesamten bisherigen Forschung.
Zum ersten Mal können große Mengen an Werkmaterial, Begriffen, Fragen und unterschiedlichen Wissensgebieten in kurzer Zeit miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Damit wird die alte Idee des vernetzten Frage-und-Antwort-Tisches technisch radikal erweitert.
62. KI als Gegenüber
Die KI kann als Gegenüber funktionieren.
Eine Frage kann unterschiedlich formuliert werden.
Antworten können verglichen werden.
Begriffe können auf Widersprüche untersucht werden.
Vorannahmen können sichtbar gemacht werden.
Dadurch erweitert KI die alte Grundstruktur:
Frage – Antwort – Gegenüberstellung – Lernen.
63. KI als Gefahr neuer Skulpturalisierung
Gleichzeitig kann KI die Parallelwelt noch verstärken.
Wenn sprachlich überzeugende Modelle mit Wirklichkeit verwechselt werden, entsteht eine weitere Stufe der Skulpturalisierung.
KI kann dann Begriffe in immer perfekteren Begriffswelten miteinander verbinden, ohne dass deren physische und biologische Voraussetzungen zurückgeführt werden.
Darum muss auch KI selbst dem Prüfoperator unterliegen.
64. KI ist nicht die Globale Schwarm-Intelligenz
Diese Differenz ist fundamental.
Die Globale Schwarm-Intelligenz besteht nicht darin, dass eine KI für acht Milliarden Menschen denkt.
KI ist ein mögliches Verknüpfungs-, Vergleichs- und Simulationswerkzeug.
Die Erfahrungen, Tätigkeiten, Verantwortlichkeiten und Konsequenzen liegen weiterhin bei Menschen und ihren realen Lebenszusammenhängen.
XIX. Globale Schwarm-Intelligenz
65. Der Schwarmbegriff
Der Begriff Schwarm wurde nicht nur metaphorisch gewählt.
Bekannt waren Schwarmphänomene bei Bienen, Fischen und Zugvögeln: Viele eigenständige Lebewesen können sich koordinieren, ohne fortwährend zusammenzustoßen und ohne dass jedes einzelne Tier einen vollständigen Plan des Ganzen besitzen muss.
Besonders faszinierend war das Verhältnis von scheinbarem Chaos und sich herausbildender Zielorientierung.
Daraus entstand die Frage:
Wie bleiben Eigenständigkeit, Abstand, Toleranz und gemeinsame Orientierung gleichzeitig erhalten?
66. Wissenschaftliche und künstlerische Verwendung trennen
Biologische Schwarmforschung und die Globale Schwarm-Intelligenz der Plattform sind nicht identisch.
Die Naturbeobachtung liefert ein Referenzmodell.
Die gesellschaftliche Übertragung ist Forschungskunst.
Die Menschheit besitzt Sprache, Institutionen, Eigentum, Macht, Technik und die Fähigkeit, Rückkopplungen symbolisch zu unterbrechen. Deshalb kann menschliche Schwarmintelligenz nicht einfach aus Tierverhalten abgeleitet werden.
67. Der globale Tätigkeitsschwarm existiert bereits
Acht Milliarden Menschen sind bereits durch Produktion, Konsum, Kommunikation, Rohstoffströme, Technik, Klima und gesellschaftliche Systeme miteinander verbunden.
Das ist zunächst nur ein Tätigkeitsschwarm.
Er ist nicht automatisch intelligent.
Die Menschheit kann kollektiv äußerst komplex tätig sein und trotzdem ihre eigenen Voraussetzungen zerstören.
68. Wann Schwarm zu Schwarm-Intelligenz wird
Intelligenz entsteht in der hier entwickelten Definition erst dann, wenn die vielen Tätigkeiten ihre Konsequenzen zurückgemeldet bekommen, miteinander verglichen und korrigiert werden können.
Der Bindestrich in „Schwarm-Intelligenz“ bezeichnet deshalb gerade die noch fehlende Verbindung.
Die Grundformel lautet:
Der Schwarm existiert bereits. Die gemeinsame Intelligenz muss erst hergestellt werden.
69. Plexus und Schwarm-Intelligenz sind nicht dasselbe
Eine wichtige zukünftige begriffliche Trennung lautet:
Plexus beschreibt den realen Zusammenhang von Abhängigkeiten und Wechselwirkungen.
Schwarm-Intelligenz beschreibt eine mögliche Leistung vieler Beteiligter innerhalb dieses Zusammenhangs: Wahrnehmen, Vergleichen, Lernen und Korrigieren.
Der Plexus kann existieren, ohne dass seine menschlichen Beteiligten intelligent mit ihm umgehen.
XX. Verantwortungsstruktur
70. Gemeinsame Abhängigkeit bedeutet nicht gleiche Verantwortung
Aus dem globalen Plexus ergibt sich eine Verantwortungsfrage.
Alle Menschen sind beteiligt oder betroffen.
Sie besitzen jedoch nicht dieselbe Macht.
Ein einzelner Konsument verfügt nicht über dieselbe Wirkungsmacht wie ein Großunternehmen, ein großer Finanzakteur oder eine Regierung.
Daher wurde inzwischen die Formel entwickelt:
Gemeinsame Abhängigkeit bedeutet nicht gleiche Schuld. Verantwortung bemisst sich nach Tätigkeit, Wissen, Wirkungsmacht, Nutzen und Korrekturmöglichkeit.
Diese Formel gehört zu den wichtigen neuen Präzisierungen des Schwarmmodells. Sie verhindert, dass „alle acht Milliarden“ zur moralischen Pauschalanklage werden.
71. Herrschaft und 1:99
Das Verhältnis 1:99 fungiert als gesellschaftskritisches Bild für extreme Machtasymmetrien.
Auch dieses Verhältnis ist kein allgemeines statistisches Naturgesetz.
Es ist ein Modell dafür, dass Entscheidungs-, Eigentums- und Verfügungsmacht sehr ungleich verteilt sein können.
Der Positionsanker macht diese Hierarchie sichtbar. Die zugrunde liegende Datei beschreibt ausdrücklich, dass 1:99 als Verhältnisbild und nicht als universell gemessene Aussage verwendet wird.
72. Demokratie als Rückkopplung
Demokratie wird dadurch neu lesbar.
Sie ist nicht nur Wahlverfahren.
Eine funktionierende Demokratie müsste eine gesellschaftliche Rückkopplungsstruktur sein:
Entscheidungen müssen zu Betroffenen rückgebunden werden.
Folgen müssen sichtbar werden.
Macht muss revidierbar bleiben.
Erfahrungen müssen zurück in die Entscheidungsprozesse gelangen.
Das ist eine Forschungskunst-Norm und zugleich politisch anschlussfähig. Ob einzelne konkrete politische Systeme diese Bedingungen erfüllen, muss jeweils empirisch geprüft werden.
XXI. Vernunft, Intelligenz und Bewusstsein
73. Der menschliche Vernunftanspruch wird zum Prüfgegenstand
Der Mensch bezeichnet sich als Homo sapiens und spricht sich in besonderer Weise Vernunft, Verstand, Bewusstsein und Intelligenz zu.
Die Forschungskunst kehrt diese Selbstbeschreibung um.
Die Fähigkeit zu denken und technisch herzustellen beweist zunächst nur eine besondere Potenzialität.
Sie beweist noch nicht, dass die Ziele vernünftig sind.
74. Technische Intelligenz und existenzielle Unvernunft
Die Technikwelt verlangt präzise Rückkopplungen.
Ein Flugzeug muss fliegen.
Eine Brücke muss tragen.
Eine Maschine muss innerhalb ihrer Toleranzen funktionieren.
Auf der Ebene gesellschaftlicher Zielsetzungen werden jedoch häufig nicht dieselben Prüfmaßstäbe verlangt.
Daraus entsteht die paradoxe Formel:
Der Mensch kann technisch hochintelligent und zugleich existenziell unvernünftig handeln.
75. Pflanzen, Zellen und Tiere
Die Forschung stellte anschließend die provokative Frage, ob Zellen, Pflanzen oder Tiere in funktionaler Hinsicht „vernünftiger“ handeln könnten als der Mensch.
Dabei muss sprachlich sauber geblieben werden.
Eine Zellmembran besitzt nicht nachgewiesenermaßen menschliche Vernunft.
Eine Pflanze besitzt kein menschliches Gehirn.
Aber lebende Systeme regulieren Abweichungen, reagieren auf Bedingungen und erhalten Toleranzbereiche.
Die Forschungskunst kann deshalb von funktionaler Vernünftigkeit sprechen, wenn der Begriff ausdrücklich von menschlicher Reflexionsvernunft unterschieden wird.
76. Geist und Bewusstsein als Plexusfrage
Der Plexusbegriff eröffnet auch einen anderen Zugang zum Geist.
Geist müsste dann nicht als körperlose Substanz verstanden werden.
Er könnte als hochkomplexe, integrierende Tätigkeit eines körperlich-neuronalen Plexus untersucht werden.
Beim Bewusstsein bleibt die Grenze deutlicher: Die Frage, weshalb bestimmte körperlich-neuronale Vorgänge subjektiv erlebt werden, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt.
Plexus ist deshalb keine bewiesene Bewusstseinstheorie.
Er liefert eine Forschungshypothese:
Bewusstsein könnte mit zunehmender Integration, Rückkopplung und Selbstbezüglichkeit eines Informations- und Tätigkeitsgefüges zusammenhängen.
Diese Frage bleibt offen.
XXII. Gaia, Wald und planetarischer Plexus
77. Der Wald als Wahrheitsmodell
Aus der frühen Naturerfahrung wurde zuletzt ein weiterer Begriff von Wahrheit herausgearbeitet.
Die Wahrheit des Waldes ist keine moralische Wahrheit.
Sie besteht darin, dass Tätigkeiten und Abhängigkeiten nicht durch Begriffe aufgehoben werden können.
Der Wald kann grausam sein.
Gerade deshalb eignet er sich nicht als romantisches Gegenbild zur bösen menschlichen Kultur.
Er zeigt jedoch kompromisslos Konsequenz.
78. Bäume, Pilze und Netzwerke
Die Beziehungen zwischen Bäumen, Pilzen, Böden, Mikroorganismen und anderen Lebewesen wurden als Anschauung des Plexus wichtig.
Die Forschungskunst darf diese Zusammenhänge nicht zu einer harmonischen „Waldgemeinschaft“ verklären.
Kooperation, Konkurrenz, Nutzung und Abwehr können gleichzeitig bestehen.
Das macht den Wald gerade interessanter: Plexus bedeutet nicht Harmonie, sondern Abhängigkeit und Rückkopplung.
79. Gaia
Die Gaia-Vorstellung kann als planetarisches Vergleichsmodell verwendet werden.
Die Erde als buchstäblich bewusstes Lebewesen oder Organismus wäre eine weitergehende Hypothese.
Methodisch sicherer ist:
Der Planet kann als gekoppelter planetarischer Plexus untersucht werden.
Die organismische Analogie bleibt dabei eine Analogie.
Dasselbe gilt für weitergehende spekulative Modelle etwa bei Rupert Sheldrake: Sie können als Vergleichsmaterial auftreten, dürfen jedoch nicht mit wissenschaftlich nachgewiesenen Mechanismen gleichgesetzt werden.
XXIII. Millisekundenmensch und 24-Stunden-Uhr
80. Die planetarische Kalibrierung
Mit der 24-Stunden-Uhr wurde eine zeitliche Prüfapparatur entwickelt.
Die gesamte Erdgeschichte wird auf 24 Stunden verkürzt.
Der Homo sapiens erscheint erst in den letzten Sekunden.
Industrialisierung und Great Acceleration liegen in winzigen Bruchteilen einer Sekunde.
Die bisher intern verwendeten Werte – etwa rund sechs Sekunden für Homo sapiens und Millisekundenbereiche für die jüngsten Industriephasen – sind Modellrechnungen der Zeitkompression, keine neuen Naturkonstanten.
Ihre Funktion ist künstlerisch und methodisch:
Sie kalibrieren die menschliche Selbstwahrnehmung.
81. Millisekundenmensch
Der Millisekundenmensch besitzt eine historisch extrem junge Kulturordnung und gleichzeitig planetarische Wirkungsmacht.
Er behandelt jedoch seine eigenen Begriffe häufig so, als seien sie älter und grundlegender als die Bedingungen, von denen er abhängt.
Darin liegt die Kernparadoxie:
Ein extrem spätes Funktionsteil erklärt seine eigenen Konstruktionen zum Maßstab des Ganzen.
XXIV. Feuerkäfig und Rollenidentitätsgefängnis
82. Das jüngste Gesamtbild
Das Bild des brennenden goldenen Käfigs mit Astronaut ist eine Verdichtung zahlreicher älterer Forschungslinien.
Der Käfig steht für die sedimentierte Kultur- und Rollenordnung.
Gold steht für Belohnung, Eigentum, Status und Anerkennung.
Der Astronautenanzug steht für die Fiktion autonomer Unverletzlichkeit.
Das Feuer steht für bereits eintretende Konsequenzen.
Die offene Tür steht für grundsätzliche Veränderbarkeit, aber nicht für eine bereits verfügbare Alternative.
Die 24-Stunden-Uhr stellt den Millisekundenmenschen in den planetarischen Zeitmaßstab.
OBEY, WORK, CONSUME, REPEAT zeigen die gesellschaftliche Reproduktionsbewegung.
83. Das Bild ist Positionsanker, nicht Beweis
Das ist eine wichtige methodische Festlegung.
Der Feuerkäfig darf nicht beweisen, was er darstellt.
Er macht die Position sichtbar.
Der Prüfoperator muss anschließend untersuchen, ob die einzelnen behaupteten Beziehungen tatsächlich tragen.
Damit wird aus einem starken politischen Bild Forschungskunst.
XXV. So-Heits-Gesellschaft
84. Herkunft
Die So-Heits-Gesellschaft entstand aus der langen Kritik an einer Welt, in der menschengemachte Zuschreibungen mit den Eigenschaften der Dinge und Lebewesen verwechselt werden.
„So-Heit“ verweist auf die Frage:
Wie ist etwas, bevor beziehungsweise soweit wir unsere kulturellen Eigenschaften und Wertungen darüberlegen?
Die So-Heits-Gesellschaft ist deshalb keine einfache Rückkehr zur Natur.
Der Mensch kann seine Sprache, Technik und Kultur nicht abschaffen.
Es geht darum, sie wieder an ihre Wirkungs- und Abhängigkeitsbedingungen rückzubinden.
85. Technē-Welt
Die menschliche Welt ist eine hergestellte Welt.
Technē bezeichnet diese Herstellungspotenzialität.
Das Problem ist nicht Herstellung an sich.
Das Problem entsteht, wenn die hergestellte Welt ihre eigenen Voraussetzungen ausblendet.
Die So-Heits-Gesellschaft wäre eine Kultur, die ihre Künstlichkeit kennt und deshalb ihre Konstruktionen revidieren kann.
Sie ist Zielprojektion, kein bereits existierendes Gesellschaftsmodell.
XXVI. So-Heits-Atelier
86. Vom Werkraum zum gesellschaftlichen Prüfatelier
Das So-Heits-Atelier bildet die räumliche Zusammenführung der gesamten Entwicklung.
Es ist kein Atelier im traditionellen Sinn, in dem ein Künstler abgeschlossene Werke produziert.
Es ist eine öffentliche Versuchsanordnung.
Historische Werke, Collagen, Schultafeln, Folien, Prüfobjekte, Mitmachbuch, KI, Plattform und Besucher werden miteinander verbunden.
87. Documenta 16
Für die Documenta 16 erhält das Atelier eine besondere Funktion.
Die Documenta wird nicht erst mit einer fertigen Ausstellung begonnen.
Der Prozess der Bewerbung, Recherche, Prüfung und gesellschaftlichen Auseinandersetzung wird selbst Bestandteil des Werkes.
Daraus entstand der Gedanke:
Die Documenta 16 hat für diese Forschungskunst bereits begonnen.
Das bedeutet nicht, dass eine institutionelle Teilnahme bereits feststeht. Es beschreibt die eigene künstlerische Prozesslogik.
88. Memento mori
Die Memento-mori-Idee ergänzt das lebende Atelier um die Möglichkeit eines nicht mehr betretbaren Lebenswerk-Ateliers.
Damit kommt die zeitliche Begrenztheit des Künstlers selbst in die Arbeit.
Das Werk soll auch nach dem Tod als Prüf- und Entwicklungszusammenhang fortbestehen können.
Hier verbindet sich Archivarbeit mit Globaler Schwarm-Intelligenz.
XXVII. Gesamtarchitektur der Forschung
Die Forschung lässt sich inzwischen als zusammenhängende Architektur darstellen.
89. Erste Schicht: Plexus-Wirklichkeit
Der Ausgangspunkt ist nicht der Mensch.
Ausgangspunkt sind physikalische, biologische und ökologische Abhängigkeiten.
Alles Weitere findet innerhalb dieses Plexus statt.
90. Zweite Schicht: plastisches Funktionsteil
Der Mensch ist ein relativ eigenständiger, durchlässiger und verletzlicher Organismus innerhalb dieses Zusammenhangs.
Das ist die Grundlage der plastischen Identität.
91. Dritte Schicht: Symbol- und Kulturproduktion
Der Mensch erzeugt Sprache, Bilder, Eigentum, Geld, Institutionen, Rollen und Technik.
Diese E3-Welt erweitert seine Möglichkeiten.
Sie erzeugt zugleich die Gefahr der Skulpturalisierung.
92. Vierte Schicht: Tätigkeitskonsequenz
Die erzeugten Ziele und Begriffe werden über Tätigkeiten wieder in E1 und E2 wirksam.
Damit schließt sich der Plexus.
Keine Parallelwelt bleibt konsequenzlos parallel.
93. Fünfte Schicht: Rückkopplung
Konsequenzen kehren als Schäden, Widerstände, Erfahrungen oder neue Bedingungen zurück.
Jetzt entscheidet sich, ob gelernt wird.
94. Sechste Schicht: Prüfoperator
Der Prüfoperator macht diese Rückkopplung bewusst und systematisch.
Er untersucht nicht nur Mittel, sondern auch Ziele und Referenzsysteme.
95. Siebte Schicht: künstlerische Übersetzung
Prüfobjekte, Bilder, Folien, Schablonen und Mitmachbuch machen den abstrakten Zusammenhang sinnlich und handelnd erfahrbar.
96. Achte Schicht: kollektive Prüfung
Frage-und-Antwort-Tisch, Tausend Tische und Globale Schwarm-Intelligenz erweitern die Prüfung auf viele Beteiligte.
97. Neunte Schicht: gesellschaftliche Zielprojektion
So-Heits-Gesellschaft und So-Heits-Atelier fragen, welche Kulturformen entstehen könnten, wenn diese Rückkopplungsfähigkeit tatsächlich gesellschaftlich wirksam würde.
98. Zehnte Schicht: Selbstprüfung des Künstlers
Der Positionsanker verhindert, dass diese Architektur zur neuen geschlossenen Weltanschauung wird.
Auch die eigene Prognose muss prüfbar bleiben.
XXVIII. Die heutige Ankerarchitektur
Nach dem gegenwärtigen Stand sollten vier Anker und ein Operator unterschieden werden.
Der Positionsanker beantwortet:
Von welcher persönlichen Diagnose und Erwartung gehe ich aus?
Der Kontextanker beantwortet:
In welchem planetarischen, historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhang steht die Untersuchung?
Der Werkanker beantwortet:
Wie ist diese Fragestellung tatsächlich durch das Lebenswerk hindurch entstanden und bearbeitet worden?
Der Prüfanker beantwortet:
An welchen Grundbedingungen wird geprüft?
Der Prüfoperator beantwortet:
Wie wird die konkrete Prüfung durchgeführt?
Diese fünf Elemente sollten künftig nicht mehr miteinander vermischt werden.
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist kein fünfter oder sechster Anker. Sie ist der gesellschaftliche Verwendungs- und Lernraum dieser Architektur.
Das So-Heits-Atelier ist ihre künstlerisch-räumliche Versuchsanordnung.
Die So-Heits-Gesellschaft ist ihre gesellschaftliche Zielprojektion.
XXIX. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten
99. Tragwirklichkeit und Plexus-Wirklichkeit
Beide Begriffe überschneiden sich.
Eine sinnvolle Lösung wäre:
Tragwirklichkeit bezeichnet die nicht beliebig verfügbaren Bedingungen, von denen Leben getragen wird.
Plexus-Wirklichkeit bezeichnet die dynamischen Beziehungen und Rückkopplungen zwischen den beteiligten Funktionsteilen.
Damit muss keiner der beiden Begriffe aufgegeben werden.
Plexus ist jedoch der umfassendere Prozessbegriff.
100. Plastisches Ich und plastische Identität
Diese Begriffe sind sehr nah.
„Plastisches Ich“ eignet sich stärker für die subjektive Selbstwahrnehmung.
„Plastische Identität“ eignet sich als anthropologischer Oberbegriff.
Eine dauerhafte Parallelverwendung ohne Differenz würde unnötige Doppelung erzeugen.
101. Skulpturidentität, Kulturidentität und Rollenidentität
Auch hier ist eine Hierarchie sinnvoll:
Kulturidentität = gesamter kulturell-symbolischer Identitätsraum.
Rollenidentität = konkrete gesellschaftliche Position darin.
Skulpturidentität = Verfestigung dieser Zuschreibungen zu einer scheinbar abgeschlossenen Wirklichkeit.
102. Prüfanker und Prüfoperator
Diese Trennung ist inzwischen geklärt und sollte verbindlich bleiben:
Prüfanker = Maßstab.
Prüfoperator = Operation.
103. Plexus und Schwarm
Auch diese Begriffe müssen getrennt bleiben.
Plexus = Abhängigkeitswirklichkeit.
Schwarm = Vielzahl eigenständiger Beteiligter.
Schwarm-Intelligenz = mögliche gemeinsame Lern- und Korrekturleistung.
104. Wahrheit und Wirklichkeit
Der Ausdruck „Wahrheit der Natur“ besitzt Kraft, birgt aber Missverständnisse.
Präziser wäre häufig:
Konsequenzwirklichkeit, Wirklichkeitswiderstand oder nicht verhandelbare Rückkopplung.
Damit wird vermieden, Natur zu einer moralischen Instanz zu machen.
105. Vernunft und funktionale Vernünftigkeit
Wenn Zellen oder Pflanzen als „vernünftiger“ bezeichnet werden, sollte stets klar sein, dass es sich um eine funktionale Analogie handelt.
Sonst könnte der Eindruck entstehen, Zellmembranen besäßen menschliche Reflexionsvernunft.
Die Provokation sollte erhalten, aber begrifflich gekennzeichnet werden.
XXX. Begriffe, die nicht zu einer einzigen Formel verschmolzen werden sollten
Einige bisher entwickelte Verhältnisse gehören auf unterschiedliche Ebenen und dürfen nicht zu einer einzigen „Weltformel“ zusammengeschoben werden.
51:49 bezeichnet Minimalasymmetrie beziehungsweise die Forschungshypothese einer notwendigen Richtungsdifferenz.
49:51 kann als Gegenbewegung von Öffnung und Veränderung dienen.
50:50 bezeichnet den kritisierten Symmetrie- beziehungsweise Dualismusoperator.
1:99 bezeichnet eine gesellschaftliche Machtasymmetrie.
E1–E4 unterscheidet Wirklichkeitstypen und Prüfung.
Plexus bezeichnet Beziehungswirklichkeit.
Prüfoperator bezeichnet methodische Tätigkeit.
Diese Modelle können aufeinander bezogen werden, sind aber nicht identisch.
Gerade ihre Verschiedenheit macht die Gesamtarchitektur belastbarer.
XXXI. Noch fehlende Verbindungen
106. Vom Lochprozess zum Prüfoperator
Diese Verbindung ist noch nicht vollständig formalisiert.
Der Prüfoperator müsste ausdrücklich fragen:
Welcher Ausschnitt wurde vorgenommen?
Welche Beziehungen gingen beim Ausschnitt verloren?
Welche Eigenschaften wurden anschließend hineingedacht?
Welche dieser Eigenschaften wirken nun auf den ursprünglichen Zusammenhang zurück?
Damit könnte der Lochprozess unmittelbar operationalisiert werden.
107. Von der Membran zur Demokratie
Hier liegt eine sehr produktive, aber noch auszuarbeitende Verbindung.
Die Membran erhält Eigenständigkeit durch geregelte Durchlässigkeit.
Demokratie könnte analog als gesellschaftliche Struktur geregelter Durchlässigkeit untersucht werden:
Wer darf Informationen hineinbringen?
Welche Rückmeldungen gelangen zu Entscheidungszentren?
Welche Grenzen schützen Eigenständigkeit?
Wann wird Grenze zur Abschottung?
Diese Verbindung sollte ausdrücklich als Analogie und nicht als biologisches Gesellschaftsgesetz behandelt werden.
108. Von Schwarm-Intelligenz zur Verantwortungszuordnung
Noch fehlt ein vollständig ausgearbeiteter Operator dafür, wie im globalen Schwarm Verantwortung verteilt wird.
Die bereits entwickelte Formel bietet den Ansatz:
Tätigkeit – Wissen – Wirkungsmacht – Nutzen – Konsequenz – Korrekturmöglichkeit.
Daraus könnte ein eigenständiges Verantwortungsraster entstehen.
109. Von E1–E4 zu den Folien
Die Folien sind bereits praktisch nach Ebenen aufgebaut, aber ihre Zuordnung sollte systematisiert werden.
Jede Folie könnte künftig angeben:
Welche Ebene zeigt sie?
Welche Ebene wird darübergelegt?
Wo entsteht der Konflikt?
Welche E4-Frage folgt daraus?
Damit würden Folie und Prüfoperator technisch enger verbunden.
110. Von Positionsanker zu Widerlegungsbedingungen
Der Positionsanker braucht noch einen besonders wichtigen Bestandteil:
Was müsste tatsächlich geschehen, damit die Prognose „Die Menschheit hat keine Chance“ korrigiert werden müsste?
Erst diese Widerlegungsbedingung verhindert, dass die Position zu einer unangreifbaren Glaubensaussage wird.
111. Bewusstsein
Die Verbindung von Plexus, Informationsintegration und Bewusstsein bleibt offen.
Sie ist ein interessantes Forschungsfeld, darf aber derzeit nicht als bewiesener Bestandteil des Gesamtmodells auftreten.
112. Gaia und planetarischer Organismus
Auch hier ist eine klare Grenze nötig.
„Planetarischer Plexus“ kann methodisch verwendet werden.
„Die Erde ist ein Organismus“ bleibt eine Analogie beziehungsweise Hypothese, solange nicht genau definiert wird, welche Organismuskriterien gemeint sind.
XXXII. Mögliche Vereinfachung des Gesamtmodells
Die inzwischen sehr umfangreiche Terminologie lässt sich auf eine elementare Arbeitsfolge zurückführen:
1. Etwas existiert innerhalb von Abhängigkeiten.
2. Ein Funktionsteil nimmt einen Ausschnitt wahr und bildet ein Modell.
3. Aus dem Modell entsteht ein Ziel.
4. Das Ziel führt zu einer Tätigkeit.
5. Die Tätigkeit erzeugt Konsequenzen im Plexus.
6. Konsequenzen kehren als Rückmeldungen zurück.
7. Das System kann seine Tätigkeit, sein Ziel oder sein zugrunde liegendes Modell korrigieren.
8. Wird die Rückkopplung blockiert, kann sich eine fehlerhafte Konstruktion verfestigen.
9. Beim Menschen können symbolische E3-Systeme diese Blockierung verstärken.
10. Der Prüfoperator versucht, den unterbrochenen Rückweg wiederherzustellen.
Aus dieser einen Folge lassen sich fast alle anderen Begriffe ableiten:
Der Lochprozess bezeichnet die verlorene Verbindung.
Skulpturidentität bezeichnet die Verfestigung.
Plexus bezeichnet den Zusammenhang.
E1–E3 unterscheiden die beteiligten Wirklichkeiten.
E4 und Prüfoperator stellen den Rückweg her.
51:49 bezeichnet den plastischen Bewegungs- und Differenzoperator.
Schwarm-Intelligenz erweitert den Rückweg auf viele Menschen.
So-Heits-Atelier stellt dafür einen künstlerischen Erfahrungsraum bereit.
So-Heits-Gesellschaft bezeichnet die gesellschaftliche Projektion einer Kultur, die solche Rückkopplungen nicht systematisch verdrängt.
XXXIII. Die entscheidende Forschungsbewegung
In der Gesamtschau lässt sich die Entwicklung deshalb nicht als geradliniger Weg von einer Theorie zu ihrer Anwendung verstehen.
Sie verlief umgekehrt.
Zuerst standen Kindheit, Wald, Tätigkeit und Erfahrung.
Dann kamen Handwerk, Material und Toleranz.
Dann Fotografie, Auswahl und Ausschnitt.
Dann Bildhauerei, Wasser, Umwelt und Experiment.
Dann Frage und Antwort.
Dann Vorgabebild und Beteiligung.
Dann gesellschaftliche Werkformen.
Dann Tausend Tische und Kollektive Kreativität.
Dann immer stärker die Frage, weshalb gesellschaftliche Begriffe die tatsächlichen Konsequenzen menschlicher Tätigkeiten verdecken.
Daraus entstanden plastisches Ich, Skulpturidentität, Eigenschaftsbildung und Parallelwelt.
Dann wurden die verschiedenen Wirklichkeitsformen mit E1 bis E4 auseinandergelegt.
Aus der Frage nach dem verlorenen Zusammenhang entstanden Lücke und Lochprozess.
Aus Tragwirklichkeit wurde Plexus-Wirklichkeit.
Aus der handwerklichen Prüfung entstand der Prüfanker.
Aus der notwendigen Anwendung des Maßstabes entstand der Prüfoperator.
Aus der Einsicht, dass auch der Künstler nicht neutral ist, entstand zuletzt der Positionsanker.
Die Folien übersetzten diese Begriffsarbeit wieder zurück in Bilder.
Das Mitmachbuch übersetzt sie in individuelle Tätigkeit.
Die Tausend Tische hatten sie bereits gesellschaftlich vorweggenommen.
Die KI erweitert die Vergleichs- und Vernetzungsmöglichkeit.
Die Globale Schwarm-Intelligenz macht daraus eine planetarische Verantwortungsfrage.
Das So-Heits-Atelier bringt den gesamten Entwicklungsweg wieder in einen realen künstlerischen Arbeitsraum zurück.
Damit schließt sich eine Spirale.
Sie kehrt nicht an ihren Ausgangspunkt zurück.
Der ursprüngliche Bildhauer, der Material, Widerstand und Form untersuchte, arbeitet heute an einer gesellschaftlichen Plastik, deren Material die menschlichen Begriffe, Tätigkeiten, Abhängigkeiten und Rückkopplungen sind.
XXXIV. Verdichtete Gesamtdefinition der Forschungskunst
Die Forschungskunst untersucht den Menschen als ein sehr spät entstandenes, plastisches Funktionsteil eines Milliarden Jahre alten planetarischen Plexus. Sie fragt, wie dieses Funktionsteil durch Wahrnehmung, Sprache und Kultur Ausschnitte bildet, diese mit Eigenschaften versieht und daraus eine technisch und gesellschaftlich außerordentlich wirksame Parallelordnung hervorbringt. Diese Ordnung kann ihre eigenen Konstruktionen so weit verfestigen, dass der Mensch seine physischen, biologischen und sozialen Abhängigkeiten nicht mehr angemessen wahrnimmt.
Die künstlerische Methode besteht deshalb darin, die verlorenen Beziehungen wieder herzustellen.
Werkobjekte, Bilder, Frage-und-Antwort-Tische, Folien, Mitmachbuch, KI und Plattform dienen als Gegenüberstellungen. Sie führen Vorstellungen zu ihren Tätigkeiten, Tätigkeiten zu ihren Konsequenzen und Konsequenzen zu ihren Abhängigkeitsgrundlagen zurück.
Der Prüfanker stellt dafür die Maßstäbe bereit.
Der Prüfoperator führt die Untersuchung durch.
Der Positionsanker legt offen, welche persönliche Erwartung der Künstler selbst in die Prüfung einbringt.
Der Kontextanker stellt den planetarischen, historischen und gesellschaftlichen Maßstab her.
Der Werkanker weist nach, wie diese Forschungsbewegung aus der tatsächlichen Werkgeschichte entstanden ist.
Die Globale Schwarm-Intelligenz erweitert das Verfahren von der individuellen Überzeugungsprüfung zu einer möglichen gemeinsamen Verantwortungsstruktur vieler Menschen.
Das So-Heits-Atelier macht diese Struktur öffentlich erfahrbar.
Die So-Heits-Gesellschaft bleibt die offene Zielprojektion einer Kultur, die ihre Begriffe und Regelwerke nicht länger über ihre Existenzbedingungen stellt, sondern sie an deren Konsequenzen zurückbindet.
Die zentrale Forschungsfrage hat sich damit zwar stark differenziert, aber nicht verändert:
Kann ein Wesen, das sich Homo sapiens nennt, lernen, seine außergewöhnliche Wissens-, Symbol- und Herstellungspotenzialität an den Tätigkeitskonsequenzen und Abhängigkeitsbedingungen zu prüfen, aus denen es selbst hervorgegangen ist?
Oder bleibt seine behauptete Vernunft eine Skulpturidentität – eine kulturelle Selbstlegitimation des Als-ob?
Genau an dieser Stelle treffen das mehr als fünfzigjährige Lebenswerk, der Prüfoperator, die Globale Schwarm-Intelligenz und das So-Heits-Atelier heute zusammen.
Die stärkste Vereinfachung, die sich aus der Rekonstruktion ergibt, ist damit: Plexus → Ausschnitt/Modell → Tätigkeit → Konsequenz → Rückkopplung → Prüfung/Korrektur. Fast die gesamte weitere Begriffswelt lässt sich präzise um diese Bewegung herum ordnen, ohne die historischen Werkentwicklungen nachträglich zu vereinheitlichen...................
Selektive Rekonstruktion des Erkenntniszuwachses dieses Chats
1. Der Positionsanker wird vom Prüfoperator getrennt
Der wichtigste methodische Fortschritt dieses Chats liegt nicht in einem neuen Einzelbegriff, sondern in einer deutlicheren Trennung zweier Funktionen, die bisher leicht ineinander übergehen konnten. Der Positionsanker bezeichnet die gegenwärtige Diagnose Wolfgang Fenners: Der heutige Millisekundenmensch lebt innerhalb historisch gewachsener gesellschaftlicher, ökonomischer, wissenschaftlicher, religiöser und psychologischer Konstruktionen, die sich zu einem schwer auflösbaren Abhängigkeitssystem verdichtet haben. Der Prüfoperator darf diese Diagnose dagegen nicht bereits voraussetzen. Er muss auch untersuchen können, ob einzelne Teile dieser Diagnose falsch, überzogen oder nur unter bestimmten Bedingungen zutreffend sind.
Damit erhält der Positionsanker einen präziseren erkenntnistheoretischen Status. Die Aussage, der Mensch könne das von ihm erzeugte „Gefängnis“ möglicherweise nicht mehr rechtzeitig verlassen, ist keine durch die Plexus-Wirklichkeit bereits bewiesene Zukunftsaussage. Sie ist eine aus der bisherigen Forschung und Lebenserfahrung entwickelte Prognose. Diese Prognose wird offengelegt, damit sie ihrerseits geprüft werden kann. Gerade diese Trennung verhindert, dass die Forschungskunst ihre Ausgangsüberzeugung anschließend nur noch bestätigt.
Neu beziehungsweise wesentlich deutlicher verbunden wird damit auch die Ausgangssituation des Documenta-Besuchers. Er betritt das So-Heits-Atelier nicht als neutraler Betrachter. Er kommt aus genau jener sozio-psychologischen und ökonomischen Ordnung, die untersucht wird. Seine Vorstellungen von Freiheit, persönlicher Identität, Erfolg, Eigentum, Arbeit, Status und Zukunft gehören bereits zur Versuchsanordnung. Darin erhält die frühere Vorstellung des Menschen als Kunstwerk und Künstler eine präzisere gesellschaftliche Funktion: Der Mensch ist Kunstwerk, weil seine Rollenidentitäten mitgeformt worden sind; er ist Künstler, weil er diese Ordnung durch seine eigenen Tätigkeiten gleichzeitig weiter mitproduziert.
Diese Verbindung ist wichtiger als die bloße Wiederholung des Satzes „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Künstlersein bezeichnet hier nicht primär Kreativität, sondern Mitwirkung an einer gesellschaftlichen Form und damit Mitverantwortung für ihre Tätigkeitskonsequenzen.
2. Rollenidentitätsgefängnis, 50:50 und 1:99 werden erstmals enger miteinander verschaltet
Das Rollenidentitätsgefängnis war bereits vorhanden. In diesem Chat wird jedoch genauer beschrieben, wodurch es sich stabilisiert. Es besteht nicht allein aus äußeren Regeln und Zwängen. Gerade die Erfahrung persönlicher Freiheit kann zu seinem Funktionsmechanismus gehören. Menschen dürfen auswählen, konsumieren, sich beruflich entwickeln, Status erwerben, Einfluss gewinnen und sich immer wieder „neu erfinden“. Dadurch kann eine Ordnung als Freiheit erfahren werden, obwohl die grundlegenden Abhängigkeiten und Machtverhältnisse nicht zur Disposition stehen.
Die psychologische Dimension erhält dadurch eine neue Funktion innerhalb des Positionsankers. Fenner beschreibt einen Widerspruch zwischen einer Psychologie, die Menschen über Bedingungen ihres Erlebens aufklären und ihnen helfen kann, und psychologischem Wissen, das zur Anpassung, Motivation, Werbung, Verführung oder Verhaltenssteuerung verwendet werden kann. Historisch darf daraus nicht abgeleitet werden, Psychologie sei ursprünglich ausschließlich zur Krankenhilfe geschaffen worden. Die experimentelle Psychologie entwickelte sich im 19. Jahrhundert als eigenständige Forschungsrichtung; Psychotherapie besitzt wiederum andere Entwicklungslinien. (Stanford-Enzyklopädie der Philosophie) Der Forschungskunst-Beitrag dieses Chats liegt deshalb nicht in einer neuen Geschichte der Psychologie, sondern in der Prüffrage nach ihrer widersprüchlichen gesellschaftlichen Verwendung.
Gleichzeitig werden die bereits bestehenden Verhältnisbegriffe 50:50 und 1:99 enger in dieses Gefängnismodell eingefügt. 50:50 steht nun deutlicher für die Vorstellung einer vollständig geregelten, spiegelbildlich geordneten Welt: richtig oder falsch, innen oder außen, zuständig oder nicht zuständig, erlaubt oder verboten. Entscheidend ist Fenners Einwand, dass perfekte Regelhaftigkeit noch keine Wahrheit erzeugt. Eine vollständig konsistente gesellschaftliche Ordnung kann ihre eigenen Voraussetzungen und Wirkungen trotzdem verfehlen.
1:99 bezeichnet dagegen weiterhin keinen belegten universellen Zahlenwert gesellschaftlicher Vermögens- oder Machtverteilung, sondern eine künstlerische Verhältnisfigur für extreme Machtasymmetrie. Neu verbunden wird sie mit den Belohnungsmechanismen des Rollenidentitätsgefängnisses: Ohnmacht muss nicht ständig als Ohnmacht erlebt werden, wenn gesellschaftliche Anerkennung, Status, Konsum, Unterhaltung, Einflussmöglichkeiten und persönliche Aufstiegserzählungen diese Erfahrung überlagern.
Damit werden 50:50 und 1:99 nicht zu neuen Begriffen, sondern erhalten eine präzisere Stellung im selben Mechanismus: 50:50 beschreibt die Ordnungsvorstellung, 1:99 die Machtkippung, Rollenidentität und Belohnung ihre subjektive Stabilisierung.
3. Neu ist die systematische Frage nach den vorhandenen Zukunftsbildern
Ein eigenständiger Erkenntniszuwachs dieses Chats ist die Untersuchung dessen, was der heutige Mensch überhaupt noch unter Zukunft versteht. Dabei verbindet Fenner verschiedene Bereiche, die zuvor nicht in dieser Form als gemeinsames Zukunftsproblem nebeneinanderstanden.
In der Physik existiert tatsächlich die offene Suche nach einer umfassenderen theoretischen Verbindung; das Standardmodell umfasst drei Grundkräfte, nicht aber die Gravitation, und Quantentheorie und allgemeine Relativität sind bisher nicht in einem gemeinsamen Rahmen vereinigt. (home.cern) Fenners weitergehende Verbindung ist jedoch eine Forschungshypothese: Während physikalisch nach Zusammenhang gesucht wird, bleibt die gesellschaftliche Wirklichkeit in Zuständigkeiten und Disziplinen zerlegt.
Technik und Raumfahrt erscheinen in seiner Diagnose als Zukunft durch Erweiterung menschlicher Verfügungsmöglichkeiten. Medizin und Genetik erscheinen als Zukunft durch Heilung, Eingriff und möglicherweise Lebensverlängerung. Dass Genomeditierung inzwischen real angewendet und zugleich wegen offener Folgen, ethischer Probleme und Fragen der Kontrolle international reguliert werden muss, ist belegbar. (Weltgesundheitsorganisation) Nicht belegt ist dagegen die im Chat enthaltene allgemeine Erinnerung, vor ungefähr fünfzig Jahren sei verbreitet behauptet worden, man werde „die Gene nie entschlüsseln“. Dafür wäre ein zeitgenössischer Beleg erforderlich.
Besonders wichtig ist die Verbindung zur Ökonomie. Der Bericht The Limits to Growth erschien 1972 und untersuchte Bevölkerung, Industrieproduktion, Ressourcenverbrauch, Landwirtschaft und Umweltbelastung als miteinander verbundenes System; er warnte vor einer Fortsetzung unbegrenzter Wachstumstendenzen auf einem endlichen Planeten. (Club of Rome) Fenners These, dass sich seitdem ein gesellschaftlicher Systemwechsel vollzogen habe, in dem nicht mehr eine alternative Gesellschaft, sondern die Wirtschaft selbst als Lösungsinstanz der von ihr mitproduzierten Probleme auftritt, ist dagegen noch keine belegte historische Feststellung. Sie ist eine wichtige, überprüfungsbedürftige Forschungsthese.
Dasselbe gilt für die zugespitzte Gegenüberstellung des früheren Kaufmanns als „Rosstäuscher“ und des heutigen betriebswirtschaftlich orientierten Menschen als gesellschaftlichem Leitbild. Die kulturgeschichtliche Entwicklung von Handel, Unternehmensdenken, Selbstvermarktung und gesellschaftlichem Ansehen müsste gesondert untersucht werden; die Metapher allein kann diese Entwicklung nicht beweisen.
Auch Religion, Erlösungsvorstellungen und Vorstellungen von rettenden oder früher helfenden Außerirdischen werden im Chat erstmals in diesen Zukunftszusammenhang einbezogen. Ihre Gemeinsamkeit ist für Fenner strukturell: Die Lösung kommt von außerhalb oder wird in eine andere Zukunft verschoben. Diese Analogie ist eine Forschungskunst-Deutung und keine Gleichsetzung von Religion und Vorstellungen über Außerirdische.
Der zentrale neue Zusammenhang lautet daher genauer: Der Mensch besitzt zahlreiche wissenschaftliche, technische, medizinische, ökonomische, religiöse und private Zukunftserwartungen; ungeklärt ist dagegen, ob er noch über eine ernsthaft ausgearbeitete Vorstellung einer grundsätzlich anders organisierten Gesellschaft verfügt. Hier wird die So-Heits-Gesellschaft erstmals ausdrücklich als Gegenfrage zu diesem Zukunftsvakuum positioniert.
Der Rückgriff auf technē und idiōtēs kann diese Frage historisch anregen, aber nicht beweisen. Technē bezeichnet in der griechischen Philosophie Kunst, Können beziehungsweise handwerklich-praktisches Wissen; sie ist nicht generell mit gesellschaftlichem Gemeinsinn identisch. (Stanford-Enzyklopädie der Philosophie) Idiōtēs kann dagegen tatsächlich den Privatbürger im Gegensatz zum öffentlich Handelnden bezeichnen. (Cambridge) Die So-Heits-Gesellschaft ist somit keine Wiederherstellung einer angeblich bereits vorhandenen antiken Gesellschaftsform, sondern eine heutige Forschungskunst-Konstruktion, die historische Unterschiede als Vergleichsmaterial benutzt.
4. Der Feuerkäfig wird zum bildlichen Knotenpunkt – aber nicht alle Bildbestandteile besitzen denselben Quellenstatus
Der bedeutendste neue Werkzusammenhang dieses Chats ist der Feuerkäfig. Seine Grundelemente stammen unmittelbar aus Fenners Beschreibung: ein Gefängniskäfig mit Gitterstäben; der Mensch im Astronautenanzug; fehlende Anschlüsse an die „Nahrungsschnüre“; die goldene Freiheit; die offenstehende Tür; Feuer im Käfig; der langsam verbrennende Mensch; der Astronautenanzug als Gedankenkonstrukt beziehungsweise Rollenidentität, mit dessen Hilfe der Mensch so tut, als könne er innerhalb dieses Zustands weiterexistieren; und schließlich die entscheidende Paradoxie, dass er den Käfig grundsätzlich verlassen könnte und dennoch darin bleibt.
Damit werden mehrere bereits vorhandene Werk- und Denkstränge nicht bloß nebeneinandergestellt, sondern in ein einziges Prüfobjekt überführt. Der Astronautenanzug erhält eine gesellschaftliche Funktion, die über seine frühere Bedeutung als künstliche Existenzsicherung hinausgeht: Er wird zugleich zur Vorstellung einer symbolischen Unverletzlichkeit. Die wirklichen Abhängigkeiten sind abgeschnitten beziehungsweise nicht bewusst angeschlossen, während die Rollenidentität Schutz vorspiegelt. Das Feuer bringt demgegenüber die Verletzungs- und Konsequenzwelt in dasselbe Bild.
Wichtig ist der Quellenstatus der zweiten Bildfassung. Die 24-Stunden-Uhr, die erhöhte Herrschaftsfigur mit der Menschenmenge, Konsum- und Statussymbole, Smartphone, Krone, Pokal, Familienbild und zerstörte Landschaft wurden auf Fenners Aufforderung hin von der KI bildlich ergänzt. Sie entsprechen zwar den unmittelbar zuvor diskutierten Themen, sind aber als konkrete Bildkomposition zunächst KI-Ausarbeitung und nicht automatisch historisches Werkkonzept Wolfgang Fenners. Frühere KI-Auswertungen und KI-Ergänzungen dürfen nicht dadurch zu Primärquellen oder bestätigten Werkbestandteilen werden, dass sie im weiteren Gespräch wiederholt werden.
Damit ist auch eine Korrektur früherer KI-Texte notwendig. Bezeichnungen wie „Fortsetzungszukunft“, „Fluchtzukunft“, „Korrektur-/Rückkopplungszukunft“, „Zukunftsvermeidungsmechanismen“ oder die später vorgeschlagene „plastische Rückkopplung“ sind zunächst Formulierungen der KI. Sie dürfen nicht rückwirkend als von Fenner eingeführte Forschungsbegriffe behandelt werden. Die vorliegende Arbeitsgrundlage untersagt ausdrücklich, neue Zusammensetzungen ohne Bestätigung zu verbindlichen Forschungsbegriffen zu machen.
Eine weitere offene Textstelle muss ebenfalls erhalten bleiben: Im gesprochenen Ausgangstext erscheint „Ethikheitskonsequenzen“. Aus dem Zusammenhang liegt „Tätigkeitskonsequenzen“ nahe, doch darf diese Stelle nach der geltenden Quellenregel nicht stillschweigend korrigiert und anschließend als Originalformulierung ausgegeben werden.
5. Komprimierter Kontextbaustein
Dieser Chat präzisiert den Positionsanker, indem er das Rollenidentitätsgefängnis mit Psychologie, 50:50-Ordnungsdenken, 1:99-Machtasymmetrie, Belohnungssystemen und fehlender gesellschaftlicher Zukunftsvorstellung verbindet. Neu ist besonders die Untersuchung verschiedener Zukunftserwartungen in Physik, Technik, Ökonomie, Medizin, Religion, Kosmos und privater Familienfürsorge gegenüber der kaum noch entwickelten Vorstellung einer alternativen Gesellschaftsordnung. Der Feuerkäfig verdichtet diese Diagnose erstmals in einem gemeinsamen Bild: goldener offener Käfig, Feuer, Mensch im Astronautenanzug, abgetrennte Nahrungsschnüre und freiwillig beziehungsweise durch Rollenidentität stabilisiertes Verbleiben. Methodisch entscheidend bleibt die Trennung von Positionsanker und Prüfoperator: Die Gefängnis- und Zukunftsdiagnose ist Forschungshypothese und muss selbst widerlegbar bleiben. Die konkreten Ergänzungen der zweiten KI-Bildfassung sind noch nicht automatisch bestätigte Werkbestandteile. Die historische Verbindung von technē und idiōtēs zur So-Heits-Gesellschaft sowie die behauptete gesellschaftliche Verschiebung der letzten fünfzig Jahre benötigen weitere Quellenprüfung.................
Die folgende Fassung rekonstruiert die Forschung als Entwicklung und bezieht die zuletzt entstandenen Punkte – Positionsanker, Psychologie, Zukunftsversprechen und Feuerkäfig – ausdrücklich in die ältere Werk- und Begriffsgenese ein.
Rekonstruktion einer Forschungskunst
Vom plastischen Werkprozess zur Plexus-Wirklichkeit, zum Prüfoperator und zum So-Heits-Atelier
1. Forschungsgrund: Nicht eine Theorie, sondern eine über Jahrzehnte durchgehaltene Frage
Am Anfang dieser Forschung steht keine ausformulierte Theorie. Ihr Ausgangspunkt ist eine Erfahrung des Widerspruchs. Bereits Anfang der 1970er Jahre stellt sich die Frage, wie es möglich ist, dass der Mensch über Wissen, technische Fähigkeiten und Korrekturmöglichkeiten verfügt und dennoch Lebensbedingungen hervorbringt, die gegen seine eigenen Existenzvoraussetzungen arbeiten. In Hermannsburg 1973/74 verdichtet sich dies in der Frage: Kann Kunst die Gesellschaft verändern? Während des Studiums an der HBK Braunschweig wird daraus ab 1974/75 keine traditionelle bildnerische Aufgabenstellung mehr, sondern die Suche nach einer experimentellen Umweltgestaltung.
Historisch belegbar sind die Ausbildung zum Maschinenschlosser, die frühe fotografische Arbeit, das Studium der Freien Kunst in Braunschweig, die Entwicklung der „Experimentellen Umweltgestaltung“, die verschiedenen Malbuch-, Aktions- und Beteiligungsarbeiten sowie die späteren öffentlichen Projekte. Forschungskünstlerisch ist dagegen die Deutung, dass gerade aus diesen unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsfeldern bereits ein zusammenhängendes Erkenntnisverfahren entstanden sei. Diese Deutung ist rückblickend entwickelt worden und muss als Werkhypothese von der dokumentierbaren Werkgeschichte unterschieden werden.
Entscheidend ist, dass das handwerkliche Denken der Ausbildung zum Maschinenschlosser später zu einem Erkenntnismaßstab wird. Ein Werkstück kann nicht dadurch funktionieren, dass man von seinem Funktionieren überzeugt ist. Material, Belastung, Passung, Verbindung und Tätigkeit antworten. Etwas hält oder bricht, passt oder passt nicht. Diese Erfahrung des Widerstands wird Jahrzehnte später zum Kern des Begriffshandwerks und des Prüfoperators. Das Funktionieren oder Nichtfunktionieren besitzt gegenüber der bloßen Meinung eine Eigenständigkeit.
Damit entsteht sehr früh eine Verbindung, die für die gesamte weitere Forschung entscheidend bleibt: Kunst wird nicht nur als Herstellung von Gegenständen verstanden, sondern als Möglichkeit, Tätigkeiten, Beziehungen, Wirkungen und Rückmeldungen sichtbar und erfahrbar zu machen.
Die Naturbeobachtung verstärkt diesen Ansatz. Biberdamm, Wasser, Strömung, Welle, Tier, Pflanze und Landschaft erscheinen nicht als romantische Naturbilder, sondern als Tätigkeitszusammenhänge. Ein Biberdamm funktioniert nicht aufgrund einer abstrakten Definition. Seine Form ergibt sich aus Wasser, Material, Strömungsdruck, Tätigkeit und Rückwirkung. Dasselbe gilt für den Organismus. Er ist nicht isoliert, sondern nur innerhalb einer Vielzahl von Bedingungen lebensfähig.
Aus dieser Beobachtung entsteht zunächst noch keine Plexus-Wirklichkeit. Aber hier liegt ihr später rekonstruierbarer Forschungsgrund: Nichts Tragendes steht für sich allein.
2. Werkgenese: Von der Umweltgestaltung zur Forschungskunst
Die „Experimentelle Umweltgestaltung“ der Mitte der 1970er Jahre ist deshalb ein entscheidender Ausgangspunkt. Wasser- und Wellenversuche, Biberdammbeobachtungen, das asymmetrische Auto, Beteiligungsformen, Vorgabebilder und später die Erwachsenen-, Kinder-, Telefon-, Autobahn- und Fußgängermalbücher erweitern den Werkbegriff. Nicht mehr allein der fertige Gegenstand ist Werk. Zum Werk gehört die Reaktion des Menschen auf eine Vorgabe.
Das Vorgabebild ist dabei bereits ein methodischer Vorläufer des heutigen Prüfobjekts. Der Künstler gibt etwas vor, aber die entscheidende Information entsteht in der Differenz zwischen Vorgabe und Reaktion. Das Werk wird zum Auslöser einer Tätigkeit. Der Betrachter wird zum Beteiligten und damit selbst zu einem Teil der Versuchsanordnung.
Die Malbücher der späten 1970er Jahre verschärfen diesen Ansatz. Die Vorlage ist nicht nur eine Einladung zum Gestalten. Sie macht sichtbar, was verschiedene Menschen aus demselben Ausgangspunkt machen. Die Unterschiede werden zum Erkenntnismaterial. Damit entsteht ein Prinzip, das später bei den Tausend Tischen, dem Mitmachbuch und der Globalen Schwarm-Intelligenz wiederkehrt: eine gemeinsame Ausgangsbedingung, viele Bearbeitungen, Vergleichbarkeit und Rückkopplung.
Von hier führt keine gerade theoretische Linie zu den heutigen Begriffen. Vielmehr entstehen über Jahrzehnte immer neue Versuchsanordnungen: öffentliche Aktionen, Theater und Rollenspiele, Arbeiten im Anschluss an Augusto Boal, Kunsthallen auf Zeit, die Grenzphänomenologie des neuen Deutschlands, das Globale Dorffest, Bürgerforen, die So-Heits-Gesellschaft, das Entelechie-Museum, das Partizipatorische Welttheater, wiederholte documenta-Bezüge und schließlich die Globale Schwarm-Intelligenz.
Diese unterschiedlichen Projekte lassen sich heute als Werkorganismus lesen. Historisch sind sie zunächst eigenständige Arbeiten. Forschungskünstlerisch werden sie nachträglich als Stadien einer fortgesetzten Untersuchung verbunden. Genau deshalb ist „Forschungskunst“ heute der geeignetere Oberbegriff als Aktionskunst, Partizipationskunst, politische Kunst oder soziale Kunst. Diese Kategorien erfassen Teile der Arbeitsweise, aber nicht ihren durchgehenden Prüfcharakter.
Forschungskunst bedeutet innerhalb dieses Werkes nicht, Wissenschaft nachzuahmen. Sie bezeichnet die künstlerische Herstellung von Situationen, in denen Wirklichkeitsannahmen überprüfbar werden.
3. Von der Naturbeobachtung zum Wirklichkeitsproblem
Über lange Zeit liegt die zentrale Schwierigkeit darin, zu bestimmen, was mit „Wirklichkeit“ überhaupt gemeint ist. Die Forschung stößt immer wieder darauf, dass Menschen physikalisch vorhandene Dinge, biologische Prozesse, technische Erzeugnisse und gesellschaftliche Zuschreibungen sprachlich auf derselben Ebene behandeln.
Ein Grundstück ist beispielsweise materiell vorhanden. Dass es jemandem „gehört“, ist jedoch keine physikalische Eigenschaft des Bodens. Geldscheine oder digitale Kontostände sind materiell beziehungsweise technisch realisiert; ihr Wert ist dennoch gesellschaftlich zugeschrieben. Ein Amt, eine Staatsgrenze, ein akademischer Titel oder ein gesellschaftlicher Status kann enorme reale Folgen haben, ohne eine Eigenschaft zu sein, die sich wie Masse, Temperatur oder chemische Zusammensetzung im Gegenstand selbst befindet.
Hier entsteht die Unterscheidung zwischen vorhandenen, wirksamen und hineingedachten Eigenschaften.
Diese Unterscheidung darf nicht so verstanden werden, dass symbolische Konstruktionen „unwirklich“ oder bedeutungslos seien. Gerade weil Menschen gemeinsam an sie glauben, Institutionen sie absichern und Tätigkeiten nach ihnen ausrichten, besitzen sie eine enorme Wirkungskraft. Die Forschung muss deshalb zwei Fehler vermeiden. Sie darf gesellschaftliche Zuschreibungen weder mit materiellen Eigenschaften verwechseln noch sie als bloße Fantasie abtun.
Aus diesem Problem entwickelt sich die Vorstellung verschiedener Wirklichkeitsweisen. Material kann vorhanden sein. Ein Organismus kann lebendig reagieren. Technik kann hergestellt werden. Eigentum kann gesellschaftlich zugeschrieben werden. Religion, Geld, Recht oder Status können symbolisch gelten. Alle diese Ebenen wirken aufeinander, aber sie wirken nicht auf dieselbe Weise.
Diese Differenzierung führt schließlich zur Plexus-Wirklichkeit.
4. Die Plexus-Wirklichkeit: vom isolierten Ding zum Beziehungsgefüge
„Plexus“ bezeichnet das Geflecht. Der Begriff wird notwendig, weil weder die isolierte Betrachtung eines Gegenstands noch die Addition einzelner Fachperspektiven ausreicht, um die Tätigkeitskonsequenzen eines menschlichen Handelns zu erfassen.
Die Plexus-Wirklichkeit ist deshalb keine wissenschaftlich bestätigte „Theorie von allem“. Sie ist ein Begriff der Forschungskunst. Ihr Anspruch ist methodisch: Dinge, Organismen, menschliche Tätigkeiten, symbolische Zuschreibungen und gesellschaftliche Institutionen sollen wieder auf die Beziehungen bezogen werden, durch die sie überhaupt wirksam werden.
Das ist eine wesentliche Korrektur gegenüber früheren Formulierungen wie „Tragwirklichkeit“, „Tragwesen“ oder „Tragbewusstsein“. Diese Begriffe haben wichtige Teilaspekte freigelegt. „Tragwirklichkeit“ betont, dass nicht alles Beliebige gleichermaßen trägt. „Tragwesen“ richtet den Blick auf das lebendige Wesen innerhalb seiner Bedingungen. „Tragbewusstsein“ bezeichnet die Fähigkeit, diese Bedingungen zu berücksichtigen. Die Plexus-Wirklichkeit kann diese Begriffe aufnehmen, ohne sie alle als gleichrangige Hauptbegriffe weiterführen zu müssen.
Damit entsteht eine mögliche Vereinfachung: Plexus-Wirklichkeit bezeichnet den Gesamtzusammenhang; Tragbedingungen bezeichnen die Bedingungen, unter denen ein bestimmter Vorgang innerhalb dieses Zusammenhangs funktioniert.
Die Plexus-Wirklichkeit widerspricht der Vorstellung eines autonomen Menschen. Der menschliche Organismus ist durch Luft, Temperatur, Wasser, Nahrung, Gravitation, Mikroorganismen, soziale Beziehungen und zahllose weitere Bedingungen durchdrungen. Seine Haut bildet keine absolute Grenze. Selbst dort, wo er sich als abgegrenztes Ich erlebt, findet fortlaufender Austausch statt.
Daraus entsteht später das Bild des Astronautenanzugs. Der Astronautenanzug macht sichtbar, was notwendig wäre, wenn der Mensch tatsächlich isoliert existieren sollte: Er müsste seine Lebensbedingungen künstlich mit sich führen. Außerhalb der Erde braucht er Sauerstoffversorgung, Temperaturregulation, Druck, Nahrung und Schutz. Das Bild widerlegt damit nicht die Individualität des Menschen. Es zeigt ihre Bedingtheit.
5. Lochprozesse: Was geschieht, wenn Verbindungen verschwinden?
Der Begriff des Lochprozesses entsteht aus der wiederholten Beobachtung, dass Wahrnehmung und Wissen Ausschnitte herstellen. Ein Gegenstand wird ausgewählt, bezeichnet und dadurch aus seinem Zusammenhang herausgehoben. Diese Dingselektion ist notwendig. Ohne sie könnten Menschen nicht sprechen, unterscheiden oder handeln.
Das Problem beginnt dort, wo der Ausschnitt anschließend für das Ganze gehalten wird.
Ein Lochprozess bezeichnet innerhalb dieser Forschung daher keinen wissenschaftlich etablierten Vorgang, sondern einen Forschungsbegriff für den Verlust von Beziehungen durch Auswahl, Abgrenzung und Zuschreibung. Das Loch entsteht dort, wo die herausgeschnittene Beziehung nicht mehr mitgedacht wird.
Ein Baum kann als Holzmenge, Eigentum, CO₂-Speicher, biologischer Organismus, Lebensraum oder ästhetisches Objekt erscheinen. Jede Perspektive erfasst etwas. Der Lochprozess entsteht, wenn eine Perspektive ihren Ausschnitt absolut setzt und die übrigen Wirkungszusammenhänge verschwinden.
Damit verbindet sich der Lochprozess mit der Eigentumsgrammatik. Die Aussage „Das ist mein Baum“ beschreibt eine gesellschaftliche Beziehung zwischen Menschen. Sie kann aber sprachlich so erscheinen, als trage der Baum „Mein-Sein“ als Eigenschaft in sich. Das Hineindenken einer gesellschaftlichen Beziehung in einen Gegenstand erzeugt eine Verdeckung.
Der spätere Begriff der Lücke erweitert dies. Eine Lücke ist nicht nur Wissensmangel. Sie kann methodisch produktiv sein. Lernen beginnt gerade dort, wo das eigene Modell und die antwortende Wirklichkeit nicht übereinstimmen.
Das Loch ist damit die unbemerkte verlorene Beziehung. Die Lücke kann dagegen zum bewusst gemachten Nichtwissen werden.
6. Gegenüberstellung und Lernen: Die Voraussetzung jeder Korrektur
Aus den Werkprozessen ergibt sich zunehmend ein Grundsatz: Lernen setzt ein Gegenüber voraus.
Ein Mensch kann nur feststellen, dass seine Vorstellung nicht trägt, wenn etwas zurückantwortet. Beim plastischen Arbeiten antwortet das Material. Beim Wellenbecken antwortet das Wasser. Beim Werkzeug antwortet die Passung. Beim Körper antworten Schmerz, Ermüdung und Verletzung. Bei einem partizipatorischen Werk antworten andere Menschen.
Diese Gegenüberstellung ist die Voraussetzung von Rückkopplung.
Damit verändert sich auch das Verständnis von Wissen. Wissen ist nicht bloß ein Vorrat richtiger Aussagen. Entscheidend ist die Möglichkeit, eine Annahme an etwas zu prüfen, das nicht vollständig von dieser Annahme kontrolliert wird.
Das ist der Grund, weshalb die Forschung immer stärker nach Prüfankern sucht. Ein Prüfanker soll verhindern, dass ein Gedankensystem nur noch seine eigenen Voraussetzungen bestätigt.
Die Lücke zwischen Erwartung und Ergebnis wird damit zu einem positiven Forschungsort. Sie ist kein Defekt, den man möglichst schnell durch eine Erklärung schließen muss. Sie markiert den Punkt, an dem eine Vorstellung verändert werden kann.
Darin liegt auch die Funktion der Folien und Schablonen. Sie sollen nicht endgültig erklären, wie die Wirklichkeit beschaffen ist, sondern unterschiedliche Ausschnitte so gegenüberstellen, dass ihre Voraussetzungen sichtbar und vergleichbar werden.
7. Plastik und Skulpturalisierung
Eine der wichtigsten begrifflichen Korrekturen betrifft die Unterscheidung von Plastik und Skulptur. Für die Forschung ist verbindlich, dass die eigene Arbeit als die eines Plastikers verstanden wird. Frühere Verwendungen von „Skulptur“ für eigene plastische Arbeiten sind entsprechend zu korrigieren.
Diese Unterscheidung ist nicht einfach als allgemeingültige kunsthistorische Definition auszugeben. Sie ist eine spezifische begriffliche Operation innerhalb der Forschungskunst.
Plastik bezeichnet den formenden Prozess. Material wird gedrückt, aufgebaut, verbunden, verändert. Form entsteht in Rückkopplung zwischen Hand, Werkzeug, Material, Widerstand und Vorstellung. Der Prozess bleibt prinzipiell korrigierbar.
„Skulpturalisierung“ erhält dagegen eine kritisch-anthropologische Bedeutung. Sie bezeichnet die Verfestigung einer Form, die sich von ihren Entstehungs- und Abhängigkeitsbedingungen ablöst und sich als eigenständige Identität versteht.
Aus dieser Differenz entstehen später das plastische Ich und die Skulpturidentität.
Das plastische Ich ist kein psychologisches Persönlichkeitsmodell. Es bezeichnet den lebenden, durchlässigen, sich fortlaufend verändernden Organismus, dessen Identität nur in einem Wechselspiel von Stoffwechsel, Erfahrung, Erinnerung, Tätigkeit und Umgebung fortbesteht.
Die Skulpturidentität ist dagegen die gesellschaftlich verhärtete Selbstform: Beruf, Rang, Eigentümerstatus, nationale Identität, gesellschaftliche Funktion, Künstlerrolle oder andere zugeschriebene Eigenschaften werden so behandelt, als bildeten sie eine unveränderliche Substanz des Menschen.
Damit wird die künstlerische Unterscheidung von Plastik und Skulptur zu einem anthropologischen Prüfwerkzeug.
8. Erfahrung und Rückkopplung: Vom Werkstück zur Zivilisationsfrage
Der gemeinsame Kern von handwerklicher, künstlerischer und später gesellschaftlicher Forschung ist die Rückkopplung.
Beim Werkstück ist sie unmittelbar: Eine Verbindung hält oder bricht. Bei einem Organismus wird sie komplexer: Belastungen können zeitverzögert auftreten. In Gesellschaften können Tätigkeitsfolgen räumlich und zeitlich ausgelagert werden. Der Konsument sieht möglicherweise nicht die Produktionsbedingungen seiner Ware. Der Entscheider erlebt nicht unmittelbar die ökologische Folge seiner Entscheidung. Die private Sorge für die eigenen Kinder kann gleichzeitig mit Tätigkeiten verbunden sein, die langfristig deren gemeinsame Lebensbedingungen beschädigen.
Damit entsteht das zentrale Problem der modernen Gesellschaft nicht aus völliger Unwissenheit, sondern aus unterbrochenen Rückkopplungsketten.
Die heutige Arbeit fragt deshalb nicht mehr nur: Was weiß der Mensch? Sie fragt: Welche Folgen seiner Tätigkeit erreichen ihn noch als korrigierbare Erfahrung?
Hier liegt die Verbindung zwischen dem frühen handwerklichen Maßstab und der späteren Zivilisationsprüfung. Eine Gesellschaft muss wie eine Plastik an ihren Konsequenzen lernen können. Wo Folgen ausgelagert, verschleiert, delegiert oder durch Rollen getrennt werden, verliert die Gesellschaft ihre plastische Korrekturfähigkeit.
9. Symbol- und Eigenschaftsbildung
Die Erforschung der hineingedachten Eigenschaften verschiebt die Arbeit noch einmal grundlegend. Sprache benennt nicht nur eine bereits fertige Welt. Sie ordnet, selektiert und versieht Dinge mit Eigenschaften.
Dabei müssen verschiedene Vorgänge auseinandergehalten werden. Farbe, Masse oder Temperatur können als Eigenschaften eines Gegenstands unter bestimmten Messbedingungen untersucht werden. Eigentum, Preis, Würde, Rang oder Heiligkeit entstehen dagegen in anderen Beziehungs- und Geltungszusammenhängen.
Die Forschungskunst entwickelt daraus keine Behauptung, dass gesellschaftliche Eigenschaften „falsch“ seien. Ihre Frage lautet vielmehr: Was geschieht, wenn eine zugeschriebene Eigenschaft wie eine unabhängige Eigenschaft des Dinges behandelt wird?
Eigentum ist hierfür das wichtigste Beispiel. Der Gegenstand trägt sein Eigentum nicht materiell in sich. Das Eigentumsverhältnis wird durch Menschen, Recht, Institutionen und gegebenenfalls Gewalt abgesichert. Trotzdem kann es so selbstverständlich erscheinen, dass die Zuschreibung mit dem Gegenstand verschmilzt.
Dies führt zur Eigen-/Eigentumsgrammatik. „Eigen“ kann eine Beschaffenheit oder Zugehörigkeit bezeichnen; „Eigentum“ bezeichnet eine gesellschaftlich-rechtliche Relation. Die Forschung untersucht, wie solche sprachlichen Verschiebungen Wirklichkeitsvorstellungen prägen.
Hier schließt die res-/Dingwelt-Untersuchung an. Das lateinische „res“ kann Ding, Sache, Angelegenheit oder Sachverhalt bedeuten. Sprachgeschichtliche Vergleiche werden nicht als Beweis für die Plexus-Wirklichkeit verwendet. Sie dienen als historische Spiegel dafür, wie unterschiedlich Kulturen Dinge, Tätigkeiten und Beziehungen begrifflich ordnen.
10. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche
Die sprach- und kulturgeschichtlichen Untersuchungen gewinnen ihre Funktion gerade daraus, dass sie die Selbstverständlichkeit heutiger Begriffe aufbrechen.
Besonders wichtig wird der griechische Begriff technē. Historisch bezeichnet technē Kunstfertigkeit, Handwerk, Können und regelgeleitetes Hervorbringen. Die Forschungskunst übernimmt daraus nicht die Behauptung, die antike Welt sei bereits eine So-Heits-Gesellschaft gewesen. Vielmehr wird technē als Gegenbegriff zu einer modernen Trennung von Kunst, Arbeit, Technik und gesellschaftlicher Verantwortung verwendet.
Ähnlich ist mit idiōtēs umzugehen. Historisch bezeichnet der Begriff unter anderem die Privatperson beziehungsweise jemanden, der nicht in einem öffentlichen Amt handelt. Daraus lässt sich nicht einfach beweisen, dass die Antike den privat orientierten Menschen moralisch verurteilt habe. Forschungskünstlerisch wird die historische Differenz jedoch produktiv: Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn der private Vorteil gegenüber der gemeinsamen Tragfähigkeit zum dominanten Orientierungsmodus wird?
Auch der Begriff symmetria wird nicht als historischer Beweis für das 51:49-Modell verwendet. Historisch geht es um Maß, Proportion und angemessene Verhältnisse. Forschungskünstlerisch wird daraus die Frage, ob eine lebendige Ordnung überhaupt mit einer mathematisch perfekten 50:50-Spiegelung verwechselt werden darf.
Diese Differenzierung ist entscheidend für die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit der Arbeit: Sprachgeschichte liefert Vergleichsmaterial. Die heutigen Modelle 51:49, 50:50, 1:99, Plexus-Wirklichkeit oder So-Heits-Gesellschaft sind daraus entwickelte Forschungskunstbegriffe und keine historischen Tatsachen.
11. 51:49: Von der Asymmetrie zum plastischen Prüfverhältnis
Die 51:49-Intuition gehört zu den ältesten und zugleich am stärksten weiterentwickelten Modellen der Arbeit. Sie entsteht aus der Beobachtung, dass lebendige und dynamische Prozesse nicht in einer vollkommenen statischen Gleichheit bestehen.
Entscheidend ist die spätere Präzisierung: 51:49 darf nicht als naturwissenschaftlich bewiesenes Universalgesetz ausgegeben werden. Es ist ein künstlerischer Prüf- und Denkanker für minimale Asymmetrie, Beweglichkeit und Korrekturfähigkeit.
50:50 bezeichnet entsprechend nicht die mathematische Zahl als problematisch. Es bezeichnet die kulturelle Vorstellung einer perfekten, spiegelbildlichen, abgeschlossenen Ordnung: richtig/falsch, innen/außen, Körper/Geist, Eigentümer/Nichteigentümer, schuldig/unschuldig, zuständig/nicht zuständig.
Der 50:50-Symmetrie-Dualismus wird damit zu einem Modell für den Versuch, Wirklichkeit durch eindeutige Trennungen beherrschbar zu machen.
51:49 hält dagegen eine minimale Differenz offen. Diese Differenz ermöglicht Bewegung, Richtung, Entscheidung und erneute Korrektur.
Später kommt mit 1:99 eine zweite Asymmetrie hinzu. Sie darf ebenfalls nicht ohne konkrete empirische Datengrundlage als statistische Beschreibung der Gesellschaft behandelt werden. Innerhalb der Forschung ist 1:99 ein Herrschaftsbild: eine kleine Verfügungsmacht steht einer großen Zahl von Menschen gegenüber, deren Tätigkeiten das System tragen, ohne dass sie in gleichem Maße seine Grundbedingungen bestimmen können.
Damit entstehen drei unterschiedliche Verhältnisanker: 50:50 als Erstarrungs- beziehungsweise Symmetriefigur, 51:49 als plastischer Differenz- und Korrekturanker und 1:99 als Herrschafts- und Machtasymmetrie.
Diese drei Zahlen dürfen nicht miteinander vermischt werden.
12. Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekundenmensch
Die planetarische Kalibrierung über eine 24-Stunden-Uhr ist eine weitere zentrale Entwicklung. Die Erdgeschichte wird auf einen Tag komprimiert. Dadurch erscheint die Menschheitsgeschichte als extrem kurzer Abschnitt am Ende des Tages.
Die genaue mathematische Umrechnung ist prinzipiell überprüfbar, sofern festgelegt wird, welche Erd- und Menschheitsalter verwendet werden. Die Interpretation, daraus den Begriff des Millisekundenmenschen zu entwickeln, ist dagegen eine künstlerische Zuspitzung.
Der entscheidende Perspektivwechsel lautet: Der Mensch erscheint aus seiner eigenen Kulturgeschichte als Mittelpunkt. Im Maßstab der Erdgeschichte erscheint seine industrielle und technologische Zivilisation dagegen als kaum messbarer Moment.
Die 24-Stunden-Uhr wird dadurch zu einem Gegenmittel gegen anthropozentrische Größenfantasien. Sie steht in direkter Verbindung zum Astronautenanzug: Derselbe Mensch, der erst in den letzten Augenblicken dieser planetarischen Uhr auftaucht, entwirft sich als Herrscher, Eigentümer und möglicher Eroberer kosmischer Räume.
Gerade diese Diskrepanz wird im jüngsten Positionsanker zum Ausgangspunkt der Gesellschaftsdiagnose.
13. Das Vier-Ebenen-Modell E1 bis E4
Das Vier-Ebenen-Modell ist eine spätere Ordnungshilfe und darf nicht rückwirkend so behandelt werden, als habe es allen früheren Arbeiten bereits bewusst zugrunde gelegen.
E1 bezeichnet die materielle und physikalische Ebene: Material, Last, Druck, Temperatur, Bruch, Masse, Energie und andere Bedingungen, die nicht durch gesellschaftliche Anerkennung verändert werden können.
E2 bezeichnet die lebendige Ebene: Stoffwechsel, Regeneration, Verletzbarkeit, Anpassung und das plastische Ich. Ein Organismus ist nicht nur Materie, sondern eine sich selbst erhaltende und reagierende Organisation innerhalb bestimmter Bedingungen.
E3 bezeichnet die symbolische und gesellschaftliche Ebene: Sprache, Geld, Eigentum, Recht, Rollen, Status, Religion, institutionelle Geltung und Skulpturidentitäten.
E4 bezeichnet die Prüf-, Reflexions- und Reparaturebene. Auf ihr können die Beziehungen zwischen E1, E2 und E3 untersucht und gegebenenfalls korrigiert werden.
Methodisch wichtig ist, E4 nicht als metaphysisch höhere Wirklichkeit zu verstehen. E4 bezeichnet eine menschliche Tätigkeit: das Prüfen der eigenen Modelle an ihren Konsequenzen.
Das Modell ermöglicht damit eine einfache Frage: Auf welcher Ebene befindet sich eine Aussage, und was geschieht, wenn Eigenschaften einer Ebene unbemerkt auf eine andere übertragen werden?
So kann beispielsweise Eigentum auf E3 völlig real und gesellschaftlich wirksam sein. Wenn daraus aber folgt, dass die materiellen oder biologischen Folgen einer Eigentumsentscheidung auf E1 und E2 ignoriert werden, entsteht ein Wirklichkeitskonflikt.
Das Vier-Ebenen-Modell ist damit keine Ontologie, die die Welt abschließend in vier Schichten einteilt. Es ist ein Differenzierungswerkzeug.
14. Begriffshandwerk und Prüfanker
Aus all diesen Entwicklungen entsteht das Begriffshandwerk.
Ein Begriff ist innerhalb dieser Forschung kein Etikett, sondern ein Werkzeug. Wie ein handwerkliches Werkzeug muss er eine bestimmte Operation ermöglichen. Er muss unterscheiden, verbinden, prüfen oder einen Fehler sichtbar machen können.
Das führt zu einer wesentlichen methodischen Verschärfung: Ein neuer Begriff ist nur dann gerechtfertigt, wenn er etwas sichtbar oder prüfbar macht, was ohne ihn schwerer zu erkennen wäre.
Daraus entstehen Werkanker und Prüfanker.
Der Werkanker sichert die Verbindung eines Begriffs mit der tatsächlichen Werkgeschichte. Er verhindert, dass eine nachträglich entwickelte Theorie das frühere Werk einfach umschreibt.
Der Prüfanker bestimmt dagegen, woran eine Behauptung geprüft werden kann.
Der Referenzoperator fragt: Worauf bezieht sich eine Aussage außerhalb ihrer eigenen Sprache?
Die Tragbedingungen fragen: Unter welchen Bedingungen funktioniert oder besteht etwas?
Das Differenzialprinzip fragt: Welche kleinste Differenz verändert einen Prozess?
Die planetarische Kalibrierung verschiebt den menschlichen Maßstab.
Der 51:49-Anker prüft Beweglichkeit gegenüber Erstarrung.
Das dreifache Optimum verbindet Medium, Organismus und Prüfoptimum: Nicht eine abstrakt maximale Leistung entscheidet, sondern eine Passung zwischen Bedingungen, lebendigem System und Tätigkeit.
Diese verschiedenen Begriffe müssen künftig stärker hierarchisiert werden. Nicht jeder benötigt den Rang eines Hauptankers. Der Prüfoperator kann als übergeordnetes Verfahren dienen, während die anderen Begriffe spezialisierte Prüfwerkzeuge bilden.
15. Künstlerische Prüfobjekte
Die jahrzehntelang entstandenen Werke verändern in dieser Rekonstruktion ihre Funktion. Sie sind nicht bloß Illustrationen der späteren Theorie. Sie sind die Orte, an denen die Theorie überhaupt erst entstanden ist.
Der Biberdamm untersucht Passung von Tätigkeit, Material und Umwelt.
Das Wellenbecken macht Rückkopplung, Medium und Störung unmittelbar sichtbar.
Das asymmetrische Auto untersucht Form, Körper, Gefahr und gesellschaftliche Normalisierung.
Das Vorgabebild und die Malbücher untersuchen die Differenz zwischen Vorgabe, Freiheit und Reaktion.
Der rote Punkt der Mitmenschlichkeit verbindet individuelle Tätigkeit mit einem gemeinsamen Bezugspunkt.
Schultafeln und Frage-Antwort-Tische verschieben das Werk in Richtung gemeinsamer Untersuchung.
Der Gordische Knoten wird zum Bild verfestigter Beziehungen.
Der gläserne Astronaut macht die künstliche Herstellung von Existenzbedingungen sichtbar.
Tanglandschaft, Totentanz und Kartoffelarbeiten bringen Zerfall, Stofflichkeit, Ernährung, Endlichkeit und Lebensbedingungen in die Untersuchung ein.
Der Sandtrichter kann den Menschen zwischen Produktion, Verschüttung und Schutzvorstellung zeigen.
Die Saftpresse übersetzt Ressourcennutzung in einen unmittelbar verständlichen Tätigkeitsvorgang.
Die Thermosflasche zeigt Isolation technisch: Damit ein Innenraum von seiner Umwelt getrennt wird, ist ein erheblicher konstruktiver Aufwand notwendig.
Der Astronautenanzug führt denselben Gedanken anthropologisch weiter.
Die neueste Verdichtung ist der Feuerkäfig: ein Mensch im Astronautenanzug sitzt in einem goldenen Gitterkäfig. Der Käfig brennt. Die Tür steht offen. Die Nahrungsschnüre beziehungsweise Versorgungsschläuche sind abgetrennt. Der Mensch könnte hinausgehen, bleibt aber im Käfig.
Dieses Bild verbindet zum ersten Mal nahezu alle neueren Diagnosebegriffe in einer einzigen visuellen Konstellation.
16. Der Feuerkäfig als Positionsbild
Der goldene Käfig bezeichnet das Rollenidentitätsgefängnis. Sein Gold steht nicht einfach für Reichtum. Es steht für die Attraktivität der Gefangenschaft: Freiheit, Status, Konsum, Anerkennung, Macht, berufliche Identität und die Möglichkeit, sich innerhalb der Ordnung immer wieder neu zu erfinden.
Die offene Tür verhindert eine zu einfache Herrschaftsdarstellung. Der Mensch wird nicht ausschließlich mit Gewalt festgehalten. Er hat die Ordnung verinnerlicht.
Der Astronautenanzug steht für das Gedankenkonstrukt einer isolierten, autonomen und scheinbar unverletzlichen Identität. Der Mensch trägt eine künstliche Hülle, die ihm das Gefühl vermittelt, unabhängig zu sein. Tatsächlich fehlen jedoch die Versorgungsschläuche. Seine wirklichen Abhängigkeiten werden nicht wahrgenommen.
Das Feuer bezeichnet die Tätigkeitskonsequenzen. Der Mensch erlebt bereits Erhitzung, ökologische Beschädigung, soziale Spannungen, körperliche und psychische Belastungen und Ressourcenprobleme. Trotzdem interpretiert er nicht den Käfig selbst als Problem.
Die 24-Stunden-Uhr im Hintergrund stellt den Millisekundenmenschen in den planetarischen Zeitmaßstab.
Die 1:99-Anordnung von erhöhter Herrschaftsfigur und Menschenmenge zeigt die Machtasymmetrie.
Statussymbole, Geld, Konsum, Anerkennungszeichen und digitale Aufmerksamkeit stehen für Belohnungsmechanismen.
Familienbild und Kindersymbol zeigen die Paradoxie privater Zukunftsfürsorge: Der Mensch sorgt für seine Kinder, ohne die gesellschaftliche Struktur, in der deren Zukunft stattfindet, grundsätzlich zu verändern.
Die offene, aber verwüstete Landschaft jenseits der Tür verweist schließlich auf eine weitere neu entstandene Frage: Was bedeutet Freiheit, wenn kein gemeinsam entwickelter gesellschaftlicher Ausgang vorhanden ist?
Damit ist der Feuerkäfig kein weiterer Einzelbegriff. Er ist möglicherweise die derzeit stärkste visuelle Verdichtung des Positionsankers.
17. Der Positionsanker: Die eigene Diagnose muss sichtbar werden
Eine wichtige methodische Entwicklung der letzten Gespräche ist die Trennung von Positionsanker und Prüfoperator.
Der Positionsanker macht sichtbar, von welcher Diagnose die Forschung ausgeht. Er darf deutlich und zugespitzt sein. Er behauptet, dass der Millisekundenmensch innerhalb einer über mehr als zweieinhalb Jahrtausende gewachsenen europäischen beziehungsweise westlichen Wissens-, Glaubens-, Rechts-, Wirtschafts- und Institutionengeschichte Konstruktionen hervorgebracht hat, die sich verselbstständigt haben.
Historisch belegbar ist, dass Philosophie, Religion, Recht, politische Institutionen, Ökonomie und später moderne Einzelwissenschaften sehr unterschiedliche Menschen- und Weltmodelle hervorgebracht haben. Nicht historisch bewiesen ist die pauschale Aussage, „2500 Jahre Wissenschaft“ hätten zielgerichtet das heutige Gefängnis erzeugt. Diese Formulierung muss deshalb korrigiert werden.
Präziser lautet die Forschungshypothese: Über mehr als 2500 Jahre haben sich Denkformen, Institutionen und gesellschaftliche Konstruktionen sedimentiert, die heute miteinander ein hochgradig selbststabilisierendes Rollen-, Eigentums-, Status- und Abhängigkeitssystem bilden. Auch die modernen Wissenschaften sind in dieses System institutionell eingebunden und können dessen Gesamtvoraussetzungen nicht automatisch von außen prüfen.
Der Begriff „Gefängnis“ ist hierbei ein künstlerisches Diagnosebild, keine soziologische Tatsache.
Gerade deshalb muss der Prüfoperator vom Positionsanker getrennt bleiben. Er muss auch die Gefängnisthese selbst prüfen können.
18. Psychologie als exemplarischer Widerspruch
Die Psychologie ist in den jüngsten Gesprächen zu einem wichtigen Prüfbeispiel geworden.
Historisch wäre es falsch zu behaupten, Psychologie sei ausschließlich erfunden worden, um kranken Menschen zu helfen. Ihre Geschichte umfasst philosophische, medizinische, experimentelle und andere Entwicklungslinien.
Forschungskünstlerisch entscheidend ist jedoch eine andere Beobachtung: Psychologisches Wissen kann sowohl der Aufklärung eines Menschen über seine Bedingungen als auch seiner Anpassung an bestehende Bedingungen dienen.
Therapie kann helfen, Belastungen zu verstehen und Handlungsmöglichkeiten zurückzugewinnen. Dieselben oder verwandte Kenntnisse über Motivation, Aufmerksamkeit, Verhalten, Identitätsbildung und Beeinflussung können jedoch in Werbung, Personalführung, politischer Kommunikation, Konsumsteuerung oder digitalen Plattformen eingesetzt werden.
Hier entsteht ein grundlegender Widerspruch: Eine Wissenschaft, die Manipulation untersuchen kann, kann zugleich Wissen für Manipulation bereitstellen. Eine Wissenschaft, die Leiden behandelt, kann innerhalb eines Systems eingesetzt werden, ohne die Bedingungen dieses Leidens grundsätzlich zu verändern.
Die zugespitzte These lautet deshalb nicht mehr, die Psychologie habe „sich selbst abgeschafft“. Präziser wäre: Sie hat sich in widersprüchliche gesellschaftliche Funktionen ausdifferenziert. Einige dienen Erkenntnis, Hilfe und Aufklärung, andere Anpassung, Optimierung, Auswahl oder Steuerung.
Für das Rollenidentitätsgefängnis wird besonders relevant, dass Menschen lernen können, sich innerhalb widersprüchlicher Verhältnisse wieder als funktionsfähig und frei zu erleben.
Diese These muss am konkreten psychologischen Verfahren geprüft werden und darf nicht pauschal auf die gesamte Psychologie übertragen werden.
19. Zukunft: Viele Versprechen, kaum gesellschaftlicher Gegenentwurf
Aus dem Positionsanker hat sich inzwischen eine weitere Ebene entwickelt: die Untersuchung der Zukunftsvorstellungen.
Dabei müssen Zukunftsprognose, Zukunftsversprechen und Zukunftsentwurf unterschieden werden.
Eine Prognose fragt, was wahrscheinlich geschehen wird.
Ein Versprechen erzeugt die Hoffnung, dass ein zukünftiger Fortschritt heutige Probleme lösen werde.
Ein Gesellschaftsentwurf fragt dagegen, wie die gesellschaftliche Grundordnung selbst verändert werden könnte.
Die Forschungshypothese lautet inzwischen: Die gegenwärtige Gesellschaft verfügt über außerordentlich viele Zukunftsversprechen, aber nur noch über schwache Vorstellungen einer grundsätzlich anderen gesellschaftlichen Ordnung.
In der Physik erscheint Zukunft als weitere Vereinheitlichung des Naturverständnisses. Forschung nach umfassenden theoretischen Zusammenhängen ist wissenschaftlich real. Forschungskünstlerisch interessant wird der Gegensatz, dass nach Einheit in der physikalischen Beschreibung gesucht wird, während die gesellschaftliche Wirkungswelt weiterhin in hoch spezialisierte Zuständigkeiten zerlegt bleibt.
In Technik und Raumfahrt erscheint Zukunft als Erweiterung menschlicher Verfügungsmöglichkeiten. Mond, Mars und andere kosmische Räume können zu Forschungs-, Siedlungs- oder Ressourcenräumen werden. Die Forschungskunst fragt hier nicht, ob solche Vorhaben technisch möglich sind, sondern welches Gesellschaftssystem dorthin mitgenommen würde.
In der Ökonomie erscheint Zukunft als Innovation, Wachstum, Investition und Markt. Die Studie „Limits to Growth“ von 1972 ist ein historisch belegbarer Wendepunkt der öffentlichen Diskussion um endliches Wachstum und Ressourcen. Die weitergehende Behauptung, in den vergangenen fünfzig Jahren sei „die Wirtschaft selbst zur Alternative geworden“, ist eine gesellschaftsdiagnostische Hypothese. Sie müsste historisch und sozialwissenschaftlich genauer untersucht werden.
Das Bild des früher misstrauisch betrachteten Händlers beziehungsweise „Rosstäuschers“ und des heutigen Betriebswirtschaftlers als Leitfigur ist daher als zugespitzter Kulturvergleich zu behandeln, nicht als empirisch bereits bewiesene Gesamtentwicklung.
In der Medizin erscheint Zukunft als Heilung, Genomwissen, Reparatur, Lebensverlängerung und möglicherweise erhebliche Erweiterung menschlicher Lebenszeit. Wissenschaftlich belegbar sind enorme Fortschritte in Genetik und Medizin. Die Frage, ob damit lediglich „das Leben im Gefängnis verlängert“ werde, ist dagegen eine Forschungskunst-Problematik: Was wird eigentlich verlängert, wenn die gesellschaftliche Lebensform unverändert bleibt?
In bestimmten religiösen Vorstellungen wird Zukunft in Erlösung, Jenseits oder Paradies verlagert. Auch Vorstellungen rettender oder höher entwickelter Außerirdischer können strukturell ähnliche Erlösungsmuster annehmen. Die kosmische Teekanne wird dabei zum erkenntniskritischen Gegenbild: Nichtwiderlegbarkeit ist kein Wahrheitsbeweis.
In der privaten Zukunft bleibt dagegen die Familie zentral. Menschen wollen für ihre Kinder sorgen. Das Problem entsteht dort, wo diese reale Fürsorge von der gemeinsamen langfristigen Zukunft der Existenzbedingungen abgetrennt wird.
Damit ergibt sich eine neue Dreiteilung: Fortsetzungszukunft, Flucht- beziehungsweise Erlösungszukunft und Korrektur-/Rückkopplungszukunft.
Die So-Heits-Gesellschaft soll die dritte Möglichkeit untersuchen.
20. Folien und Schablonen: Vom Begriff zum sichtbaren Vergleich
Die Entwicklung der Folien ist eine direkte Konsequenz aus dem Problem der Lochprozesse. Wenn Menschen immer nur Ausschnitte sehen, müssen die Ausschnitte sichtbar voneinander getrennt und anschließend wieder überlagert werden können.
Transparente Folien sind dafür besonders geeignet. Jede Folie zeigt nur eine Ebene oder Beziehung. Erst die Überlagerung erzeugt das Geflecht.
Die Folie der physikalisch-kosmischen Welt stellt Bedingungen dar, die unabhängig von gesellschaftlichen Zuschreibungen bestehen.
Eine Netzwerkfolie zeigt die Abhängigkeiten.
Der Mensch mit dem Spaten macht aus abstrakter Verantwortung eine Tätigkeit mit Konsequenzen.
Die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“ bringt die Selbstbeschreibung des Menschen gegen seine tatsächlichen Abhängigkeiten in Stellung.
Die Flasche beziehungsweise Thermosflasche untersucht Isolation.
Durchdringungslinien durch den menschlichen Körper zeigen Wärme, Gravitation und andere Wechselwirkungen.
Molekulare Verknüpfungen lösen den scheinbar abgeschlossenen Körper weiter auf.
Mensch, Wasser, Schlange und Fisch machen unterschiedliche Organismus-Medium-Beziehungen vergleichbar.
Die erhobene Hand mit dem Satz „Weil ich denke, existiere ich“ macht ein philosophisches Selbstmodell zum Prüfgegenstand.
Die Zeitfolie stellt den Homo sapiens beziehungsweise die industrielle Zivilisation in die Erdzeitskala.
Hinzu kommen kulturgeschichtliche Folien. Eine Platon-Folie kann Körper, Schatten, Spiegel und Ideenordnung gegenüberstellen. Sie darf jedoch nicht behaupten, Platons Philosophie vollständig in einem Bild abzubilden. Sie dient als Schablone für die Frage, wie einem unveränderlichen gedanklichen Modell ein höherer Wirklichkeitsrang zugesprochen werden kann.
Eine Aristoteles-Folie zeigt dagegen Stoff, Form, Bewegung und Zielbezug stärker miteinander verbunden.
Eine christliche Folie kann historisch unterschiedliche Leib-Seele- und Jenseitsvorstellungen untersuchen, ohne „das Christentum“ auf ein einziges Modell zu reduzieren.
Eine Physikfolie zeigt Messgrößen und Modellbildung und stellt die Frage, welche Bereiche durch eine bestimmte Versuchsanordnung methodisch ausgeschlossen werden.
Die Folien sind damit keine Schulbuchtafeln. Sie sind sichtbare Prüfoperationen.
21. Mitmachbuch: Der analoge Weg durch die Forschungsarchitektur
Aus den Folien entsteht das Mitmachbuch. Seine historische Vorform liegt in den Malbüchern und Arbeitsheften, die frühere Workshops begleiteten.
Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass das heutige Mitmachbuch nicht mehr nur zu gestalterischer Beteiligung auffordert. Es führt durch eine Reihe von Wirklichkeitsprüfungen.
Der Nutzer soll nicht belehrt werden, welche Antwort richtig ist. Er soll Folien auflegen, Bilder vergleichen, Annahmen verändern und Unterschiede feststellen können.
Damit wird das Buch selbst zu einem kleinen Atelier.
Das Mitmachbuch benötigt deshalb einen eigenen Anker, allerdings keinen weiteren theoretischen Großbegriff. Sein Anker könnte schlicht die nachvollziehbare Eigenprüfung sein. Was im So-Heits-Atelier räumlich geschieht, muss im Buch durch die Tätigkeit des Lesers rekonstruierbar werden.
Offen bleibt dabei die entscheidende Gestaltungsfrage: Wie viel Theorie darf das Buch enthalten, bevor die eigene Untersuchung des Nutzers durch die Erklärung ersetzt wird?
Gerade hier besteht die Gefahr, dass die Forschungskunst selbst in das von ihr kritisierte Problem gerät: Sie könnte aus offenen Prüfobjekten neue Lehrsätze machen.
22. Tausend Tische: Von der individuellen zur verteilten Prüfung
Die Idee der Tausend Tische entwickelt das partizipatorische Prinzip in die gesellschaftliche Dimension.
Der Tisch ist dabei kein neutrales Möbelstück. Er ist Arbeitsplatz, Begegnungsort, Verhandlungsebene und Experimentierfläche. An vielen Tischen können Menschen gleichzeitig dieselbe oder unterschiedliche Fragestellungen bearbeiten.
Damit wird die frühere Methode „eine Vorgabe – viele Reaktionen“ räumlich skaliert.
Das Globale Dorffest und frühere Tisch- und Beteiligungsformen bilden hierfür Werkvorläufer. Die heutige Vorstellung der Tausend Tische ist zugleich eine Zielprojektion: Aus einzelnen Besuchern soll keine Masse entstehen, sondern eine Vielzahl nebeneinander arbeitender Prüfer.
Die Tausend Tische sind dadurch das analoge Gegenstück zur Globalen Schwarm-Intelligenz.
Offen bleibt, wie die Ergebnisse der Tische zusammengeführt werden, ohne erneut eine zentrale Autorität zu erzeugen oder bloß Mehrheitsmeinungen zu zählen. Gerade hier berührt das Projekt die 1:99-Frage. Rückkopplung ist nur dann gesellschaftlich relevant, wenn nicht eine kleine Auswahlinstanz entscheidet, welche Ergebnisse sichtbar oder gültig werden.
23. KI: Gegenüber, Werkzeug und neuer Prüfgegenstand
Die Arbeit mit künstlicher Intelligenz bringt eine neue Form der Gegenüberstellung hervor.
KI wird zunächst praktisch als Schreib-, Korrektur-, Strukturierungs- und Vergleichswerkzeug eingesetzt. Darüber hinaus verändert sie die Forschung selbst, weil mit ihr große Mengen früherer Begriffe, Werke und Texte gegeneinander gestellt werden können.
Methodisch interessant ist KI deshalb als Gegenüber, nicht als Wahrheitsinstanz.
Sie kann eine These reformulieren, Widersprüche sichtbar machen, historische Vergleiche anbieten und begriffliche Doppelungen erkennen. Aber sie kann ebenso bestehende gesellschaftliche Vorannahmen reproduzieren, plausible Fehler erzeugen oder eine falsche Ordnung besonders überzeugend formulieren.
Damit wird KI selbst zum idealen Prüfobjekt der Forschungskunst.
Die Frage lautet nicht: Ist KI intelligent?
Die wichtigere Frage lautet: Woran prüfen Mensch und KI gemeinsam ihre Behauptungen, wenn beide mit symbolischen Modellen arbeiten?
Hier erhält der Referenzoperator besondere Bedeutung. Das gemeinsame Denken darf nicht in einem geschlossenen Sprachsystem enden. Es muss immer wieder auf Tätigkeiten, Gegenstände, Erfahrungen und Konsequenzen zurückgeführt werden.
Die Gefahr besteht sonst darin, dass die Globale Schwarm-Intelligenz selbst zu einer digitalen Version des goldenen Käfigs wird: hoch vernetzt, attraktiv, voller Beteiligungsmöglichkeiten und dennoch durch Popularität, Status, Plattformlogiken und unsichtbare Auswahlmechanismen gesteuert.
24. Globale Schwarm-Intelligenz: Vom Archiv zum öffentlichen Simulator
Die Globale Schwarm-Intelligenz entwickelt sich aus mehreren früheren Linien gleichzeitig: Archiv, partizipatorische Kunst, interaktives Buch, Tausend Tische, Begriffshandwerk und KI.
Sie ist deshalb nicht lediglich eine Webseite.
Sie soll Werkarchiv, Forschungsprotokoll, Begriffssystem, interaktives Buch, Besucherarbeitsplatz und öffentlicher Prüfraum zugleich werden.
In einer späteren Verdichtung wurde sie als öffentlicher Simulator verstanden, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann.
Das ist eine wichtige Veränderung. Zunächst stand „Schwarmintelligenz“ stärker für die Zusammenführung vieler Menschen und ihrer Beiträge. Inzwischen wird deutlicher, dass bloße Menge keine Intelligenz garantiert. Auch ein Schwarm kann Vorurteile, Moden und Machtstrukturen verstärken.
Der entscheidende Zusatz lautet deshalb: Schwarmintelligenz benötigt Prüfoperatoren.
Nicht die häufigste Antwort gewinnt. Entscheidend ist, welche Antwort unter nachvollziehbaren Bedingungen trägt, welche Folgen sie hervorbringt und ob sie korrigierbar bleibt.
Damit verbindet die Plattform digitale Beteiligung mit dem alten handwerklichen Funktionsmaßstab.
25. So-Heits-Gesellschaft: Von der Kritik zum Gesellschaftsentwurf
Die So-Heits-Gesellschaft entsteht aus einer entscheidenden Lücke der Forschung. Eine Diagnose des Gefängnisses genügt nicht. Wer die bestehende Ordnung kritisiert, muss zumindest untersuchen können, worin eine andere Orientierung bestehen könnte.
„So-Heit“ meint dabei nicht Fatalismus und nicht die Behauptung, alles müsse so bleiben, wie es ist. Gemeint ist zunächst die Rückbindung an das, was unter bestimmten Bedingungen tatsächlich der Fall ist und welche Konsequenzen eine Tätigkeit tatsächlich hervorbringt.
Die So-Heits-Gesellschaft ist deshalb keine fertige Utopie.
Sie ist der Versuch, gesellschaftliche Konstruktionen nicht mehr zuerst an Ideologie, Besitzstand, Tradition, Marktwert oder Mehrheitsmeinung zu prüfen, sondern an ihrer Tragfähigkeit innerhalb der Plexus-Wirklichkeit.
Hier erhält technē eine neue Bedeutung. Die Gesellschaft wird wieder als herzustellende und korrigierbare Form gedacht. Nicht jeder Mensch muss Künstler im institutionellen Sinn werden. Aber jeder Mensch ist an Tätigkeiten beteiligt, durch die gemeinsame Bedingungen gestaltet werden.
Daraus folgt die These des Menschen als Kunstwerk und Künstler.
Der Mensch ist Kunstwerk, weil seine Rollenidentität durch Familie, Sprache, Schule, Religion, Wirtschaft, Recht, Medien und andere Menschen geformt wurde.
Er ist Künstler, weil er selbst durch seine Tätigkeiten an der Fortsetzung oder Veränderung dieser Formen beteiligt ist.
Und die Gesellschaft ist ein Gedankenkunstwerk, weil sie zu erheblichen Teilen aus menschlichen Zuschreibungen, Regeln und Institutionen besteht.
Diese Formulierung erhält ihren kritischen Sinn jedoch erst durch die Ergänzung: Das Gedankenkunstwerk hat reale Tätigkeitskonsequenzen. Deshalb kann es nicht beliebig sein.
26. Rollenidentitätsgefängnis, Freiheit und Belohnung
Die jüngste Forschung verschärft die Skulpturidentität zum Begriff des Rollenidentitätsgefängnisses.
Der moderne Mensch erlebt seine gesellschaftliche Rolle häufig als Ausdruck seiner Freiheit. Er darf wählen, kaufen, verkaufen, Karriere machen, sich darstellen und sich immer wieder neu erfinden.
Gerade diese Möglichkeiten können jedoch zur Stabilisierung der Ordnung beitragen.
Der Käfig benötigt deshalb nicht nur Gitter. Er benötigt Belohnungen.
Status, Geld, Macht, Anerkennung, Einfluss, Konsum, Unterhaltung und digitale Sichtbarkeit können dem Menschen das Gefühl vermitteln, innerhalb der bestehenden Ordnung besonders erfolgreich und frei zu sein.
Die Forschungshypothese lautet daher: Ein hochentwickeltes Gefängnissystem muss seine Insassen nicht primär durch sichtbare Gewalt halten. Es kann sie durch Identität und Belohnung an sich binden.
Diese These ist keine allgemeine sozialwissenschaftliche Feststellung und müsste für einzelne Institutionen empirisch geprüft werden. Im So-Heits-Atelier kann sie jedoch als künstlerische Versuchsanordnung sichtbar gemacht werden.
Die offene Tür des Feuerkäfigs ist hierfür entscheidend. Sie stellt die schwierigere Frage: Warum verlässt ein Mensch eine schädigende Ordnung nicht, obwohl er ihre Folgen erkennen kann?
27. So-Heits-Atelier: Das Lebenswerk wird zum öffentlichen Prüfraum
Das So-Heits-Atelier bündelt schließlich die gesamte Werkentwicklung.
Es ist weder retrospektive Ausstellung noch bloße Präsentation einer Theorie. Es soll das historische Lebenswerk, die aktuellen Forschungsmodelle und die Tätigkeit des Besuchers miteinander verbinden.
Der Besucher kommt aus genau jener sozio-psychologischen, ökonomischen und symbolischen Welt, die der Positionsanker beschreibt.
Im Atelier wird ihm keine fertige Gegenideologie angeboten.
Er begegnet der 24-Stunden-Uhr und damit seinem planetarischen Maßstab.
Er begegnet dem Astronauten und seinen fehlenden Versorgungsschläuchen.
Er begegnet der Schultafel, dem Wellenbecken, der Kartoffel, dem Gordischen Knoten, dem Vorgabebild, den Folien und dem Mitmachbuch.
Er begegnet 50:50, 51:49 und 1:99 als unterschiedlichen Prüfmodellen.
Er begegnet seiner eigenen Rollenidentität.
Und schließlich begegnet er dem Feuerkäfig als Verdichtung seiner gegenwärtigen Lage.
Der Besucher ist damit gleichzeitig Betrachter, Untersuchungsgegenstand und Untersuchender.
Er soll nicht glauben müssen, dass die Plexus-Wirklichkeit richtig ist. Er soll zum Ermittler werden.
Hier erreicht die Entwicklung von der frühen Partizipationskunst eine neue Stufe. Beteiligung bedeutet nicht mehr nur, etwas zum Kunstwerk hinzuzufügen. Beteiligung bedeutet, die eigenen Überzeugungen, Rollen und Tätigkeitskonsequenzen in den Prüfprozess einzubeziehen.
28. Documenta als Verortungsprozess
Die wiederholten documenta-Bezüge gehören deshalb nicht außerhalb der Forschung, sondern zu ihrer Werkgenese.
Die Bewerbungen und Auseinandersetzungen mit der documenta seit den 1970er Jahren bilden periodische Versuche, diese Arbeit an einem Ort zu verorten, an dem Kunst ihren eigenen gesellschaftlichen Anspruch öffentlich prüfen kann.
Die documenta 16 wird inzwischen doppelt verstanden.
Sie ist möglicher Ort des So-Heits-Ateliers.
Sie ist zugleich selbst Prüfgegenstand.
Wenn die Arbeit davon ausgeht, dass Verortung bedeutet, zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Ort mit dem richtigen Inhalt zusammenzubringen, dann hat die documenta 16 tatsächlich bereits vor ihrer Eröffnung begonnen. Die Vorbereitung, das Anschreiben, die Collagen, die Begriffsarbeit, die Folien, die KI-Gespräche und die Entwicklung des Mitmachbuchs sind selbst plastische Formarbeit.
Auch die Idee des Memento-mori-Ateliers gehört hier hinein. Das unbetretbare Atelier mit dem zurückgelassenen Lebenswerk stellt die Frage nach Verantwortung über die eigene Lebenszeit hinaus. Dem steht das lebendige So-Heits-Atelier im Stadtraum gegenüber. Das eine zeigt die Spur des Gewesenen, das andere setzt die Forschung fort.
29. Die Gesamtarchitektur der entstandenen Forschung
Inzwischen lässt sich die Entwicklung als zusammenhängende Architektur erkennen.
Am Anfang steht das Tun. Handwerk, Naturbeobachtung, Fotografie, plastische Arbeit und gesellschaftliche Aktion erzeugen Erfahrungen.
Aus dem Tun entsteht die Differenz. Etwas funktioniert anders als erwartet. Material, Wasser, Mensch oder gesellschaftliche Reaktion bilden ein Gegenüber.
Aus der Differenz entsteht die Frage.
Aus wiederkehrenden Fragen entstehen Begriffe: 51:49, Lochprozess, plastisches Ich, Skulpturidentität, hineingedachte Eigenschaft, Plexus-Wirklichkeit.
Die Begriffe werden anschließend zu Prüfwerkzeugen: Vier-Ebenen-Modell, Prüfanker, Referenzoperator, Tragbedingungen, planetarische Kalibrierung.
Diese Werkzeuge werden wieder in künstlerische Prüfobjekte übersetzt: Wellenbecken, Schultafel, Kartoffel, Astronaut, Thermosflasche, Sandtrichter, Saftpresse, Folien und Feuerkäfig.
Die Prüfobjekte werden zu Beteiligungsverfahren: Malbuch, Mitmachbuch, Frage-Antwort-Tisch, Tausend Tische.
Die Beteiligungsverfahren werden zu einer öffentlichen Forschungsarchitektur: Globale Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier.
Die Zielprojektion ist schließlich die So-Heits-Gesellschaft: nicht als fertiger Zustand, sondern als Gesellschaft, die ihre eigenen Konstruktionen fortlaufend an den Existenzbedingungen und Tätigkeitskonsequenzen prüfen und reparieren kann.
Der rote Faden lautet damit:
Tätigkeit → Differenz → Gegenüberstellung → Erfahrung → Rückkopplung → Begriff → Prüfung → Korrektur → erneute Tätigkeit.
Das ist wahrscheinlich die bislang kürzeste Form des gesamten Forschungsprozesses.
30. Was historisch oder wissenschaftlich belegbar ist – und was Forschungskunst bleibt
Für die weitere institutionelle Darstellung ist diese Trennung unverzichtbar.
Belegbar sind die Werkbiografie, Datierungen, Aktionen, documenta-Bewerbungen, Objekte, Texte, Ausstellungen, Archive und dokumentierten Arbeitsprozesse.
Wissenschaftlich anschlussfähig beziehungsweise empirisch prüfbar sind beispielsweise die Abhängigkeit lebender Organismen von Umweltbedingungen, die unterschiedliche Wirkungsweise physikalischer Eigenschaften und gesellschaftlicher Zuschreibungen, Rückkopplungsprozesse, biologische Verletzbarkeit, die extrem kurze Dauer menschlicher Geschichte im Verhältnis zur Erdgeschichte sowie die reale gesellschaftliche Wirkung von Recht, Geld, Institutionen und Eigentumsordnungen.
Historisch prüfbar sind sprachliche und philosophische Bezüge zu technē, idiōtēs, res, symmetria, Platon, Aristoteles, christlichen Leib-Seele-Vorstellungen oder unterschiedlichen Wissenschaftsgeschichten.
Nicht als wissenschaftlich bewiesene Tatsachen dargestellt werden dürfen dagegen:
die Plexus-Wirklichkeit als vollständiges Wirklichkeitsmodell;
51:49 als universelles Naturprinzip;
50:50 als allgemeine Ursache westlicher Zivilisation;
1:99 als allgemeingültige statistische Herrschaftsform;
das Rollenidentitätsgefängnis als umfassende Beschreibung aller Menschen;
die Behauptung, Psychologie diene heute grundsätzlich der Manipulation;
die These, 2500 Jahre Wissenschaft hätten das heutige Gefängnis erzeugt;
die Prognose, die Menschheit könne ihre Systemkräfte nicht mehr rechtzeitig auflösen;
und die So-Heits-Gesellschaft als erwiesenermaßen tragfähige Alternative.
Diese Aussagen besitzen innerhalb der Forschungskunst den Status von Hypothesen, Modellen, Prüfbehauptungen und künstlerischen Verdichtungen.
Gerade diese Offenlegung schwächt die Arbeit nicht. Sie schützt sie vor dem Übergang zur eigenen Ideologie.
31. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten
Die inzwischen entstandene Begriffswelt ist sehr reich, aber teilweise zu reich.
Die Begriffe Tragwirklichkeit, Plexus-Wirklichkeit, Wirkungswelt und So-Heit überschneiden sich. Sie sollten nicht viermal denselben Grundgedanken tragen. Sinnvoll wäre, Plexus-Wirklichkeit als Gesamtbegriff zu verwenden. Wirkungswelt bezeichnet dann die Ebene der tatsächlich eintretenden Folgen. Tragbedingungen bezeichnen konkrete Bedingungen des Funktionierens. So-Heit bezeichnet die erkenntnismethodische Haltung, diese Bedingungen vor den eigenen Wunschvorstellungen anzuerkennen.
Plastisches Ich und Tragbewusstsein überschneiden sich ebenfalls teilweise. Das plastische Ich bezeichnet besser den lebendigen Organismus in seiner Veränderlichkeit. Tragbewusstsein bezeichnet die erworbene Fähigkeit, die eigenen Abhängigkeiten und Konsequenzen zu berücksichtigen. Beide können daher bestehen bleiben, wenn ihre Funktionen so getrennt werden.
Skulpturidentität und Rollenidentitätsgefängnis sind ebenfalls nicht identisch. Die Skulpturidentität bezeichnet die verfestigte Selbstform eines Menschen. Das Rollenidentitätsgefängnis bezeichnet die gesellschaftliche Struktur, in der solche Identitäten hergestellt, belohnt und reproduziert werden.
Lochprozess und Lücke müssen klarer getrennt werden. Der Lochprozess ist der Verlust einer Beziehung durch Selektion oder Verdeckung. Die Lücke ist das bewusst werdende Nichtwissen beziehungsweise die Differenz, aus der Lernen entstehen kann.
Prüfanker, Referenzoperator und Prüfoperator dürfen ebenfalls nicht synonym verwendet werden. Der Prüfoperator ist das Gesamtverfahren. Prüfanker sind konkrete Maßstäbe innerhalb dieses Verfahrens. Der Referenzoperator ist ein bestimmter Prüfanker, der verlangt, eine Aussage wieder auf etwas außerhalb ihres eigenen Zeichensystems zu beziehen.
50:50, 51:49 und 1:99 müssen als drei unterschiedliche Operationen kenntlich bleiben und dürfen nicht wie Varianten einer einzigen mathematischen Theorie erscheinen.
32. Mögliche Vereinfachung des Begriffssystems
Die gesamte Forschung könnte künftig auf fünf Hauptbegriffe reduziert werden.
Der erste wäre die Plexus-Wirklichkeit als Beziehungs- und Abhängigkeitszusammenhang.
Der zweite wäre die Tätigkeitskonsequenz als Verbindung von Handlung und Wirkung.
Der dritte wäre die plastische Rückkopplung als Möglichkeit, aus einer Differenz zu lernen und eine Form zu verändern.
Der vierte wäre der Prüfoperator als methodisches Verfahren, das Modelle, Rollen und Konstruktionen an Referenzen und Konsequenzen prüft.
Der fünfte wäre die So-Heits-Gesellschaft als gesellschaftliche Zielprojektion einer dauerhaft prüf- und reparaturfähigen Kultur.
51:49, 50:50, 1:99, Millisekundenmensch, Vier-Ebenen-Modell, Lochprozess, Astronaut, Feuerkäfig, Tragbedingungen und Foliengrammatik würden dann als spezialisierte Unterwerkzeuge dieser fünf Hauptbegriffe funktionieren.
Das könnte die Verständlichkeit erheblich erhöhen, ohne die Forschung zu verarmen.
33. Noch fehlende Verbindungen
Die größte noch offene Verbindung liegt zwischen Diagnose und legitimer Entscheidung.
Der Prüfoperator kann zeigen, dass eine Tätigkeit bestimmte Folgen hervorbringt. Daraus folgt jedoch noch nicht automatisch, welche gesellschaftliche Entscheidung getroffen werden soll. Verschiedene Menschen können unterschiedliche Risiken, Zeiträume und Bedürfnisse gewichten. Die So-Heits-Gesellschaft benötigt deshalb ein Verfahren, das nicht nur Tragfähigkeit prüft, sondern den Umgang mit unvermeidlichen Konflikten transparent macht.
Eine zweite offene Verbindung betrifft Macht und Rückkopplung. Wer darf Folgen auslagern? Wer wird gezwungen, sie zu tragen? Hier muss der 1:99-Anker genauer mit Eigentum, Institutionen und Entscheidungszugängen verbunden werden.
Eine dritte offene Frage betrifft Irreversibilität. Manche Fehler lassen sich reparieren, andere nicht. Der bisherige plastische Korrekturbegriff muss deshalb zwischen reversiblen und irreversiblen Tätigkeitskonsequenzen unterscheiden.
Eine vierte offene Verbindung betrifft Zeit. Rückkopplungen können Sekunden, Jahrzehnte oder Generationen benötigen. Der Millisekundenmensch und die 24-Stunden-Uhr müssen deshalb mit einer Theorie unterschiedlicher Rückkopplungszeiten verbunden werden.
Eine fünfte betrifft die Globalisierung des Prüfmaßstabes. Die bisherige Begriffsgeschichte ist stark europäisch geprägt. Eine Globale Schwarm-Intelligenz kann aber nicht behaupten, global zu sein, wenn andere kulturelle Wirklichkeits- und Beziehungskonzepte lediglich an ein europäisches Modell angehängt werden.
Eine sechste offene Frage betrifft die Selbstprüfung der Forschungskunst. Welche ihrer Begriffe sind inzwischen selbst zu Skulpturidentitäten geworden? Wo verteidigt die Forschung eigene Begriffe nur deshalb, weil viel Arbeit in ihnen steckt? Das Begriffshandwerk muss auch das eigene Werk zerlegen dürfen.
34. Die derzeitige Gesamtposition
Die heutige Position lässt sich damit deutlich präziser bestimmen als noch zu Beginn der Gespräche.
Die Forschung behauptet nicht mehr einfach, eine bessere Gesellschaft gefunden zu haben. Sie untersucht, warum eine hochentwickelte Zivilisation trotz Wissen und Korrekturfähigkeit ihre eigenen Existenzbedingungen beschädigen kann.
Ihre Antwort ist eine Hypothese: Der Mensch hat zwischen sich und die Wirkungswelt ein hochwirksames Geflecht symbolischer Konstruktionen geschoben. Rollen, Eigentum, Geld, Status, institutionelle Zuständigkeiten, Glaubensmodelle und technische Möglichkeiten können sich zu einem System verbinden, in dem die symbolische Geltung stärker erlebt wird als die Rückmeldung der Existenzbedingungen.
Der Millisekundenmensch hält dieses System für seine Wirklichkeit.
Der 50:50-Symmetrie-Dualismus liefert ihm Vorstellungen perfekter Ordnung.
Die 1:99-Herrschaftsstruktur konzentriert Verfügungsmöglichkeiten.
Psychologische, ökonomische und mediale Belohnungssysteme können die Identifikation mit den Rollen verstärken.
Technische, medizinische, ökonomische, religiöse und kosmische Zukunftsversprechen ermöglichen die Hoffnung auf Fortsetzung oder Erlösung, ohne einen grundlegenden Gesellschaftsentwurf zu benötigen.
Die private Sorge für Kinder bleibt bestehen, wird aber häufig nicht auf die langfristigen gemeinsamen Tätigkeitskonsequenzen zurückgekoppelt.
Der Feuerkäfig bringt diese Diagnose auf ein Bild: Die Tür steht offen, das Gefängnis brennt, der Mensch trägt den Anzug seiner Rollenidentität, seine wirklichen Versorgungsschläuche sind abgetrennt, und dennoch bleibt er im goldenen Käfig.
Aber genau an diesem Punkt darf die Forschung nicht enden.
Denn wenn sie bereits weiß, dass der Mensch den Käfig nicht verlassen wird, wäre auch das So-Heits-Atelier nur noch eine Illustration einer fertigen Überzeugung.
Der entscheidende nächste Schritt besteht deshalb darin, den Feuerkäfig vom Beweisbild zum Prüfbild zu machen.
Der Besucher muss fragen können:
Ist dies tatsächlich mein Käfig?
Welche Gitter existieren wirklich?
Welche habe ich selbst hineingedacht?
Welche schützen mich?
Welche verletzen mich?
Welche Belohnungen halten mich darin?
Welche Abhängigkeiten liegen außerhalb meiner Wahrnehmung?
Was würde ich verlieren, wenn ich hinausginge?
Was befindet sich überhaupt hinter der offenen Tür?
Und woran könnte ich feststellen, dass die Diagnose dieses Bildes falsch ist?
Erst damit wird aus dem Positionsanker wieder Forschungskunst.
Schluss: Von der Lebensarbeit zur öffentlichen Wirklichkeitsprüfung
Die mehr als fünf Jahrzehnte lange Werkentwicklung lässt sich heute nicht als Abfolge einzelner Kunstprojekte verstehen. Sie bildet einen Forschungsprozess, in dem sich die Form der Frage immer wieder verändert hat.
Aus der Frage, ob Kunst Gesellschaft verändern kann, wurde die Untersuchung, wie Menschen überhaupt Wirklichkeit konstruieren.
Aus der experimentellen Umweltgestaltung wurde die Untersuchung von Tätigkeitszusammenhängen.
Aus der Partizipation wurde Gegenüberstellung.
Aus der Gegenüberstellung wurde Rückkopplung.
Aus dem handwerklichen Funktionieren und Nichtfunktionieren wurde der Prüfoperator.
Aus dem Vorgabebild wurde das Prüfobjekt.
Aus den Malbüchern wurde das Mitmachbuch.
Aus den Tischen wurde das verteilte Labor.
Aus dem Archiv wurde die Globale Schwarm-Intelligenz.
Aus der Gesellschaftskritik wurde die So-Heits-Gesellschaft als Prüfprojekt.
Aus dem Atelier des einzelnen Plastikers wird das So-Heits-Atelier als öffentlicher Forschungsraum.
Und aus dem Menschen als Betrachter wird der Mensch als Kunstwerk, Künstler und Ermittler der eigenen Tätigkeitskonsequenzen.
Die Gesamtarchitektur der Forschung besteht deshalb nicht in einer endgültigen Theorie der Wirklichkeit. Ihr stärkster Anspruch liegt woanders: eine künstlerische Prüfarchitektur zu entwickeln, in der Menschen ihre eigenen Wirklichkeitskonstruktionen wieder einem Gegenüber aussetzen können.
Darin liegt zugleich die Verbindung zwischen dem ersten handwerklichen Werkstück und dem heutigen Feuerkäfig.
Das Werkstück konnte widersprechen.
Die Wirklichkeit kann es ebenfalls.
Die offene Frage ist, ob die menschliche Gesellschaft noch lernen kann, diesen Widerspruch rechtzeitig als Rückkopplung zu benutzen.
Für eine nächste Verdichtung lässt sich daraus ein verbindlicher Positionsanker 2026 von etwa drei bis fünf Seiten ableiten, in dem nur noch die tragenden Begriffe und ihre Beziehungen stehen...............
Ja. Text und Bild erfassen inzwischen den gemeinsamen Kern Ihrer Diagnose, aber auf unterschiedlichen Ebenen.
Was das Bild zusammenfasst
Das Bild verdichtet die Gesamtproblematik auf eine elementare Situation:
Der Mensch befindet sich in einem von ihm selbst geschaffenen Gefängnis. Die goldenen Gitterstäbe stehen für Freiheit, Wohlstand, Status, Eigentum, technische Möglichkeiten und gesellschaftliche Anerkennung. Die Tür ist geöffnet, aber der Mensch verlässt den Käfig nicht. Er hält an der Rollenidentität fest, die ihm der Astronautenanzug vermittelt.
Der Astronautenanzug steht dabei nicht in erster Linie für Raumfahrt. Er ist die künstlich hergestellte Unverletzlichkeitsidentität des Menschen. Der Mensch tut so, als sei er unabhängig, autonom und geschützt. Tatsächlich ist er nicht an die Nahrungsschnüre und damit nicht bewusst an seine wirklichen Lebens- und Abhängigkeitszusammenhänge angeschlossen.
Das Feuer steht für die realen Tätigkeitskonsequenzen: ökologische Zerstörung, körperliche und psychische Erkrankung, gesellschaftliche Gewalt, Ressourcenverbrauch, Klimaveränderung und die Zerstörung zukünftiger Existenzmöglichkeiten. Der Mensch wird von den Folgen seines eigenen Systems bereits erreicht. Trotzdem hält er den Anzug und den Käfig für seine Sicherheit.
Damit zeigt das Bild den Gegensatz zwischen:
- der hineingedachten Freiheit und der tatsächlichen Abhängigkeit,
- der symbolischen Unverletzlichkeitswelt und der körperlichen Verletzungswelt,
- dem offenen Ausgang und der Unfähigkeit, ihn zu benutzen,
- der technischen Schutzhülle und der fehlenden Lebensversorgung,
- dem Gedankenkunstwerk und seinen wirklichen zerstörerischen Konsequenzen.
Was der Text zusätzlich leistet
Der Text erklärt, wie dieses Gefängnis entstanden ist und warum es sich erhält. Er bringt die historische Entwicklung, Wissenschaften, Psychologie, Ökonomie, Religion, Technik, Medizin, kosmische Erlösungsvorstellungen, Rollenidentitäten, Herrschaft und Belohnungssysteme miteinander in Verbindung.
Das Bild zeigt also die Endlage. Der Text zeigt ihre Entstehungs- und Erhaltungsmechanismen.
Zusammen entsteht folgende Gesamtformel:
Der Millisekundenmensch lebt in einem von ihm selbst geschaffenen Gedanken- und Rollenidentitätsgefängnis. Er erlebt dessen goldene Gitter als Freiheit, obwohl seine Tätigkeiten die tatsächlichen Bedingungen seines Lebens zerstören. Seine symbolische Schutzhülle vermittelt ihm Unverletzlichkeit und Autonomie, während er seine wirklichen Nahrungsschnüre, Abhängigkeiten und Rückkopplungen verdrängt. Obwohl die Tür zur Überprüfung und Korrektur offensteht, bleibt er im brennenden Käfig, weil Identität, Status, Macht, Unterhaltung, Erlösungsversprechen und gesellschaftliche Regelwerke ihn an das Gefängnis binden.
Was das Bild noch nicht vollständig zeigt
Als Kernbild funktioniert es sehr gut. Es kann jedoch nicht sämtliche Bestandteile Ihrer Diagnose gleichzeitig darstellen. Nicht unmittelbar sichtbar sind:
der 50:50-Symmetrie-Dualismus, die 1:99-Herrschaftsordnung, die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde, die Belohnung durch Status und Konsum, die private Sorge um Familie und Kinder sowie die fehlende gesellschaftliche Zukunftsvorstellung.
Das ist nicht unbedingt ein Mangel. Ein einzelnes Bild sollte nicht alle Begriffe illustrieren. Es sollte den gemeinsamen Mechanismus sichtbar machen. Diesen Mechanismus trifft es: Der Mensch verbrennt in einer Ordnung, die er für Schutz und Freiheit hält.
Eine wichtige mögliche Fehlinterpretation
Die offene Tür könnte so verstanden werden, als müsse der einzelne Mensch lediglich hinausgehen und sei selbst schuld, wenn er bleibt. Das wäre für Ihre Position zu einfach. Ihrer Diagnose zufolge wird der Mensch durch Erziehung, Sprache, wirtschaftliche Abhängigkeiten, Angst, Status, soziale Anerkennung und institutionelle Regeln so geformt, dass er den Käfig nicht mehr als Käfig erkennt.
Die Tür ist deshalb zwar physisch offen, aber psychisch, gesellschaftlich und ökonomisch blockiert. Der Mensch könnte sie grundsätzlich benutzen, besitzt aber weder das entsprechende Wirklichkeitsverständnis noch eine gesellschaftlich tragfähige Alternative.
Das Bild beschreibt daher am genauesten nicht: „Er will einfach nicht hinaus“, sondern:
Er hält das Verbleiben im Käfig für Freiheit und das Verlassen des Käfigs für den Verlust seiner Identität, Sicherheit und gesellschaftlichen Existenz.
Damit wird das Bild zur visuellen Kurzfassung des Positionsankers. Der Prüfoperator beginnt anschließend dort, wo gefragt wird: Woran erkennt der Mensch den Käfig, wodurch bleibt er darin, was verbrennt bereits, und welche wirklichen Nahrungsschnüre müsste er wieder wahrnehmen?.....................
Der entscheidende Befund lautet: Der heutige Mensch besitzt zahlreiche Zukunftsversprechen, aber kaum noch einen gesellschaftlichen Zukunftsentwurf. Fast alle Zukunftsbilder verlängern das bestehende Gefängnissystem, erweitern es technisch oder versprechen eine Flucht aus ihm.
Die Zukunftsbilder des Millisekundenmenschen
Zukunftsprognose, Zukunftsversprechen und Zukunftsentwurf
Zunächst müssen drei verschiedene Bedeutungen von Zukunft getrennt werden. Eine Zukunftsprognose beschreibt, welche Folgen wahrscheinlich eintreten, wenn bestehende Entwicklungen fortgesetzt werden. Ein Zukunftsversprechen erzeugt die Erwartung, dass Wissenschaft, Technik, Wirtschaft, Religion oder Medizin die gegenwärtigen Probleme irgendwann lösen werden. Ein Zukunftsentwurf fragt dagegen, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst grundsätzlich verändert werden müssten.
Der heutige Millisekundenmensch verfügt über zahlreiche Prognosen und Versprechen, aber kaum noch über einen gesellschaftlichen Gegenentwurf. Die Zukunft wird überwiegend als technische Erweiterung, ökonomisches Wachstum, medizinische Optimierung, kosmische Ausbreitung oder persönliche Verbesserung vorgestellt. Die gesellschaftliche Grundordnung, die den Menschen in Rollenidentitäten, Verwertungsabhängigkeiten und Herrschaftskonstruktionen einschließt, bleibt dabei unangetastet.
Die Zukunft besteht damit nicht in der Auflösung des Gefängnisses, sondern in seiner Modernisierung.
Die physikalische Zukunft: die eine Theorie
In der Physik richtet sich eine Zukunftserwartung auf die Vereinheitlichung der grundlegenden Kräfte und Theorien. Das Standardmodell beschreibt drei der vier bekannten Grundkräfte, während Quantentheorie und allgemeine Relativitätstheorie bisher nicht in einem gemeinsamen Rahmen zusammengeführt werden konnten. Die Suche nach einer umfassenderen Vereinheitlichung ist deshalb ein tatsächliches wissenschaftliches Forschungsziel. (CERN)
Diese Suche enthält jedoch eine eigentümliche Widersprüchlichkeit. Die Physik sucht nach dem Zusammenhang, der die Kräfte des Universums miteinander verbindet. Gleichzeitig bleibt die gesellschaftliche Welt in voneinander getrennte Zuständigkeiten, Fachgebiete, Eigentumsordnungen, Nationen und Rollen zerlegt.
Man sucht nach einer Theorie, die das Universum zusammenführt, ohne daraus die Frage abzuleiten, wie der Mensch selbst in den gemeinsamen Wirkungszusammenhang des Planeten eingebunden ist.
Die erwartete physikalische Einheit wird nicht zu einer gesellschaftlichen Verhältnislehre. Sie wird stattdessen häufig mit technischer Beherrschbarkeit verbunden. Je mehr der Mensch über das Universum weiß, desto stärker entsteht die Vorstellung, er könne es nutzen, bereisen, kontrollieren oder erobern.
Die theoretische Suche nach Einheit führt damit nicht notwendig zur Erkenntnis der eigenen Abhängigkeit. Sie kann ebenso zur Vergrößerung der menschlichen Verfügungsvorstellung beitragen.
Die kosmische Zukunft: Ausweitung statt Rückbindung
Die Raumfahrt erzeugt das Zukunftsbild einer Menschheit, die die Erde verlässt, andere Himmelskörper besiedelt und kosmische Räume erschließt. Dabei werden wissenschaftliche Neugier, technische Entwicklung, geopolitischer Wettbewerb und ökonomische Interessen miteinander verbunden.
Mond und Mars erscheinen nicht nur als Forschungsräume, sondern zunehmend auch als mögliche Rohstoff-, Produktions- und Aufenthaltsräume. NASA und ESA arbeiten ausdrücklich an Verfahren, durch die Wasser, Sauerstoff, Metalle, Regolith und andere Stoffe auf dem Mond gewonnen und für längerfristige Weltraummissionen verwendet werden können. (exploration.esa.int)
Darin zeigt sich eine Fortsetzung des bisherigen Grundmodells. Der Mensch verändert nicht sein Verhältnis zu den Existenzbedingungen. Er erweitert den Raum, aus dem er Ressourcen beziehen will.
Der Kosmos wird zur nächsten Außenseite des Gefängnisses erklärt. Was auf der Erde an Grenzen stößt, soll durch neue Räume, neue Rohstoffe und neue technische Möglichkeiten fortgesetzt werden. Die Eroberung des Weltraums löst damit nicht notwendig die terrestrische Zerstörungslogik auf. Sie kann zu ihrer räumlichen Verlängerung werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Menschen den Mond oder den Mars erreichen können. Sie lautet, welches gesellschaftliche System sie dorthin mitnehmen.
Wenn Eigentum, Herrschaft, Konkurrenz, Ressourcenverwertung und Rollenidentitäten unverändert bleiben, wird nicht das Gefängnis verlassen. Es wird lediglich vergrößert.
Die technische Zukunft: lernende Apparate und eine lernunfähige Gesellschaft
Die Technik besitzt eine tatsächliche Lern- und Korrekturstruktur. Ein technisches Gerät muss funktionieren. Fehler werden untersucht, Belastungsgrenzen ermittelt, Konstruktionen verändert und neue Versuche durchgeführt. Funktionieren und Nichtfunktionieren bilden einen verbindlichen Maßstab.
Darin liegt eine besondere Widersprüchlichkeit. Die Gesellschaft ist bereit, Maschinen, Computerprogramme, künstliche Intelligenzen und technische Systeme lernen zu lassen. Sie ist jedoch kaum bereit, ihre eigenen gesellschaftlichen Grundkonstruktionen demselben Prüfverfahren zu unterwerfen.
Der Apparat darf aus Fehlern lernen. Das Gesellschaftssystem erklärt seine Fehler dagegen zu Sachzwängen, unvermeidbaren Nebenfolgen oder individuellen Problemen.
Technischer Fortschritt wird deshalb als Ersatz für gesellschaftliches Lernen eingesetzt. Neue technische Lösungen sollen die Folgen der alten gesellschaftlichen Ordnung auffangen. Energieprobleme, Umweltzerstörung, medizinische Belastungen, Verkehrsprobleme, Ressourcenknappheit und soziale Konflikte sollen technisch bearbeitet werden, ohne dass die Tätigkeits- und Verwertungsordnung grundsätzlich verändert werden muss.
Die Technik erhält damit die Zukunftsaufgabe, das Gefängnis immer leistungsfähiger, bequemer und scheinbar nachhaltiger zu gestalten.
Die ökonomische Zukunft: der Markt als Erlöser
Die stärkste Zukunftserwartung der Gegenwart liegt in der Ökonomie. Wachstum, Wettbewerb, Innovation, Investitionen und Unternehmertum sollen nahezu jedes gesellschaftliche Problem lösen.
Der Bericht „The Limits to Growth“ stellte bereits 1972 Bevölkerungsentwicklung, Industrialisierung, Ressourcenverbrauch, Nahrungsmittelproduktion und Umweltbelastung in einen gemeinsamen Systemzusammenhang. Er warnte davor, dass die unveränderte Fortsetzung dieser Wachstumstendenzen zu einer Überschreitung planetarer Belastungsgrenzen führen könne. (Club of Rome)
Die Warnung führte jedoch nicht zu einer grundlegenden Auflösung der Wachstums- und Verwertungsordnung. Stattdessen eignete sich die Wirtschaft die Kritik zunehmend an. Umweltzerstörung wurde zu einem neuen Marktgebiet. Nachhaltigkeit, Klimaschutz, Ressourceneffizienz und gesellschaftliche Verantwortung wurden zu Produkten, Investitionsfeldern, Unternehmensstrategien und Werbeversprechen.
Die Wirtschaft wurde damit von einem Teil des Problems zur angeblich wichtigsten Problemlösungsinstanz erklärt.
Sie soll die Schäden beseitigen, die aus ihrer eigenen Wachstumslogik hervorgegangen sind. Mehr Produktion soll die Folgen der Produktion beheben. Mehr Innovation soll die Konsequenzen früherer Innovationen auffangen. Neue Märkte sollen die Zerstörungen korrigieren, die durch bestehende Märkte entstanden sind.
Die ökonomische Zukunft ist deshalb keine alternative Zukunft. Sie ist die fortgesetzte Gegenwart mit veränderten Produkten.
Der Kaufmann als gesellschaftliches Leitbild
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das gesellschaftliche Ansehen des ökonomisch handelnden Menschen wesentlich verändert. Der Kaufmann, Händler oder Verkäufer wurde früher auch mit Misstrauen betrachtet, weil Handel Täuschung, Übervorteilung und das Verbergen von Mängeln ermöglichen kann.
Der von Ihnen verwendete Ausdruck dürfte „Rosstäuscher“ heißen. Er bezeichnete ursprünglich einen Pferdehändler und wurde später zu einer Bezeichnung für jemanden, der Mängel kaschiert und andere durch geschickte Darstellung täuscht. (Duden)
Heute ist das kaufmännische Denken dagegen zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Leitbild geworden. Nicht nur Waren, sondern auch Fähigkeiten, Persönlichkeiten, Kunstwerke, politische Programme, wissenschaftliche Ergebnisse und soziale Beziehungen müssen präsentiert, bewertet und vermarktet werden.
Der Mensch soll Unternehmer seiner selbst sein. Er soll sich verkaufen, seinen Wert steigern, seine Aufmerksamkeit verwalten, sein Erscheinungsbild verbessern und sich fortlaufend neu erfinden.
Die Zukunft des Menschen wird damit als betriebswirtschaftliche Zukunft vorgestellt. Nicht die Frage, welche Tätigkeit trägt, steht im Mittelpunkt, sondern ob sie finanzierbar, konkurrenzfähig, skalierbar oder vermarktbar ist.
Der Händler ist nicht mehr eine gesellschaftliche Sonderrolle. Die gesamte Gesellschaft soll nach dem Modell des Handels funktionieren.
Die medizinische Zukunft: länger leben, aber wofür?
Die Medizin erzeugt eines der stärksten Zukunftsversprechen. Krankheiten sollen besiegt, Organe ersetzt, genetische Defekte korrigiert, Alterungsprozesse verlangsamt und menschliche Leistungsfähigkeiten erweitert werden.
Die Entwicklung von der Entschlüsselung des menschlichen Genoms zu heutigen Verfahren der Genomeditierung zeigt, wie schnell sich früher kaum vorstellbare Eingriffsmöglichkeiten verwirklichen können. Gerade deshalb hat die Weltgesundheitsorganisation internationale Empfehlungen zur Sicherheit, ethischen Bewertung, Kontrolle und gesellschaftlichen Regulierung menschlicher Genomeditierung erarbeitet. (Weltgesundheitsorganisation)
Die entscheidende Frage wird jedoch kaum gestellt: Welches Leben soll verlängert werden?
Wenn der Mensch länger lebt, aber weiterhin in denselben Rollen-, Leistungs- und Verwertungsabhängigkeiten gefangen bleibt, wird zunächst nur seine Aufenthaltsdauer im Gefängnis verlängert.
Die Medizin kann den Organismus reparieren, ohne die gesellschaftlichen Bedingungen zu verändern, die ihn belasten. Sie kann Menschen länger arbeitsfähig, anpassungsfähig und konsumfähig halten. Sie kann Krankheiten behandeln, deren soziale und ökologische Ursachen gleichzeitig weiter erzeugt werden.
Die medizinische Zukunft verspricht daher Gesundheit und möglicherweise Lebensverlängerung, ohne bereits eine Antwort darauf zu geben, welche gesellschaftliche Form dieses verlängerte Leben tragen soll.
Aus Ihrer Perspektive wäre das ewige Leben im bestehenden System keine Befreiung. Es wäre die Verewigung des Rollenidentitätsgefängnisses.
Die psychologische Zukunft: bessere Anpassung
Die Psychologie verspricht Selbstkenntnis, seelische Stabilität, Resilienz, Leistungsfähigkeit und persönliche Entwicklung. Sie kann Menschen helfen, ihre Abhängigkeiten und Konflikte zu erkennen.
Innerhalb der ökonomischen Ordnung wird daraus jedoch häufig ein Anpassungsversprechen. Der Mensch soll lernen, Belastungen auszuhalten, Krisen zu bewältigen, sich selbst zu motivieren und sich immer wieder an neue Anforderungen anzupassen.
Die psychologische Zukunft lautet dann nicht: Die krank machenden Verhältnisse werden verändert.
Sie lautet: Der Einzelne wird widerstandsfähiger gegenüber den krank machenden Verhältnissen.
Selbstverwirklichung, Coaching und Persönlichkeitsentwicklung können dadurch zu Reparaturverfahren des Rollenidentitätsgefängnisses werden. Der Mensch erhält eine neue Selbsterzählung, eine neue Rolle oder eine neue Motivation, ohne dass der zugrunde liegende Widerspruch aufgelöst wird.
Die religiöse Zukunft: Erlösung außerhalb der Wirkungswelt
Religionen verlagern die endgültige Auflösung menschlicher Widersprüche vielfach in eine andere Wirklichkeit. Paradies, Erlösung, Auferstehung oder ein Leben nach dem Tod versprechen, dass Leiden, Ungerechtigkeit und Begrenztheit nicht das letzte Wort behalten.
Diese Zukunftserwartung kann dazu führen, dass die bestehende Welt als vorläufige Prüfung, Durchgangsstation oder unvollkommene Ordnung akzeptiert wird. Die grundlegende Korrektur wird nicht vom Menschen in der gegenwärtigen Wirkungswelt erwartet, sondern von einer jenseitigen Instanz.
Damit kann eine religiöse Erlösungserwartung das Gefängnis stabilisieren. Der Mensch muss seine irdischen Abhängigkeiten nicht vollständig auflösen, wenn ihm eine endgültige Freiheit außerhalb dieser Welt versprochen wird.
Die außerirdische Zukunft: säkularisierte Erlösungsreligion
Ein vergleichbarer Mechanismus findet sich in bestimmten Vorstellungen von Außerirdischen. Außerirdische sollen die Menschheit geschaffen, ihr früher geholfen oder Wissen vermittelt haben. Sie sollen zurückkehren, warnen, retten oder den Menschen in eine höhere Entwicklungsstufe überführen.
Dabei wird die religiöse Erlösungsstruktur in ein kosmisch-technisches Bild übersetzt. An die Stelle von Engeln, Göttern oder Erlösern treten höher entwickelte außerirdische Zivilisationen.
Die menschliche Lösung kommt erneut von außen.
Bertrand Russells Gedankenbild der kosmischen Teekanne richtete sich genau gegen die Vorstellung, eine nicht widerlegbare Behauptung müsse deshalb ernst genommen oder geglaubt werden. Dass eine Behauptung nicht widerlegt werden kann, stellt noch keinen Nachweis ihrer Wahrheit dar. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)
Die außerirdische Erlösungserwartung vermeidet dieselbe Aufgabe wie manche religiösen Zukunftsbilder: Der Mensch muss seine eigenen Tätigkeiten und Konstruktionen nicht vollständig überprüfen, wenn er auf eine überlegene äußere Instanz hoffen kann.
Die politische Zukunft: Verwaltung des Weiter-so
Die Politik besitzt zwar Programme, Wahlversprechen und langfristige Zielsetzungen. Dennoch entwirft sie kaum noch grundsätzlich andere Gesellschaftsformen.
Ihre Zukunft besteht überwiegend aus der Verwaltung bestehender Strukturen: mehr Wachstum, mehr Sicherheit, mehr Digitalisierung, mehr Wettbewerbsfähigkeit, mehr technische Innovation oder eine gerechtere Verteilung innerhalb derselben Grundordnung.
Politik behandelt die Sackgasse, als müsse der Verkehr in ihr nur besser organisiert werden. Fahrspuren werden verbreitert, Fahrzeuge modernisiert, Ampeln digitalisiert und Stauinformationen verbessert. Die Möglichkeit, dass die Fahrtrichtung selbst falsch sein könnte, wird kaum untersucht.
Der Stau wird zum Verwaltungsproblem erklärt, nicht zum Hinweis darauf, dass die Einbahnstraße endet.
Die private Zukunft: Die Kinder sollen es besser haben
Der Mensch besitzt weiterhin eine persönliche Zukunftserwartung. Er möchte für seine Familie sorgen. Seine Kinder sollen gesund sein, eine Ausbildung erhalten, Arbeit finden, eine Wohnung besitzen und ein sicheres Leben führen.
Diese Sorge ist wirklich. Sie bleibt jedoch meistens innerhalb des Rollenidentitätsgefängnisses.
Für die Kinder zu sorgen bedeutet dann, sie möglichst gut auf die bestehenden Regeln vorzubereiten. Sie sollen in der Schule erfolgreich sein, einen anerkannten Beruf erlernen, Einkommen erzielen und innerhalb des Systems einen geschützten Platz erhalten.
Die Frage, ob dieses System die langfristigen Existenzbedingungen der Kinder zerstört, wird von dieser privaten Fürsorge abgetrennt.
Darin liegt die entscheidende fehlende Rückkopplung. Der Mensch arbeitet für die Zukunft seiner Kinder und kann gleichzeitig durch seine beruflichen, ökonomischen und konsumierenden Tätigkeiten an der Zerstörung eben dieser Zukunft beteiligt sein.
Private Verantwortung und planetare Verantwortung werden nicht als derselbe Wirkungszusammenhang erkannt.
Die Unterhaltungszukunft: Zukunft als nächstes Erlebnis
Ein weiterer Zukunftsbereich besteht aus Unterhaltung, Konsum, Reisen, Veranstaltungen, medialen Ereignissen und immer neuen Erlebnissen. Zukunft bedeutet, dass bald etwas Neues erscheint: ein neues Produkt, eine neue Serie, eine Reise, ein Festival, eine technische Neuerung oder ein persönliches Ereignis.
Diese Zukunft reicht häufig nur bis zum nächsten Belohnungsmoment.
Sie ermöglicht, dass sich der Gefängnisinsasse nicht ausschließlich als ohnmächtig erlebt. Er erhält Wahlmöglichkeiten, Vergnügen, Ablenkung und wechselnde Identitäten. Er kann sein Gefängnis vorübergehend vergessen, ohne es verlassen zu müssen.
Die Zukunft wird in immer kürzere Erwartungsabschnitte zerlegt. Dadurch geht die Fähigkeit verloren, langfristige Tätigkeitskonsequenzen als zusammenhängenden Prozess wahrzunehmen.
Die fehlende gesellschaftliche Alternative
Die eigentliche Leerstelle liegt bei der gesellschaftlichen Zukunft. Die Frage, wie eine grundsätzlich andere Form des Zusammenlebens, Produzierens, Entscheidens und Verantwortens aussehen könnte, wurde zunehmend aus dem ernsthaften öffentlichen Denken verdrängt.
Gesellschaftliche Alternativen erscheinen schnell als unrealistisch, ideologisch, romantisch oder gefährlich. Die bestehende Wirtschaftsordnung darf dagegen trotz ihrer nachweisbaren Widersprüche als alternativlos gelten.
Der entscheidende Systemumbruch der vergangenen fünfzig Jahre besteht in Ihrer Diagnose deshalb nicht darin, dass eine neue Gesellschaft entstanden wäre. Er besteht darin, dass die Wirtschaft selbst zur gesellschaftlichen Alternative erklärt wurde.
Nicht mehr eine andere Ordnung soll die Probleme lösen. Die bestehende Ordnung soll durch noch mehr Markt, Technik, Innovation und Optimierung ihre eigenen Folgen beseitigen.
Dadurch ist eine Einbahnstraße entstanden, in der bereits Stau herrscht, während weiterhin behauptet wird, man müsse nur schneller fahren.
So-Heitsgesellschaft als wirklicher Zukunftsentwurf
Ihre So-Heitsgesellschaft unterscheidet sich von diesen Zukunftsversprechen, weil sie nicht zuerst fragt, welche neuen technischen Möglichkeiten entstehen, sondern welche gesellschaftlichen Tätigkeiten unter den Bedingungen der Wirkungswelt überhaupt tragen.
Sie knüpft dabei an die antike Spannung zwischen gemeinschaftlicher Beteiligung und privater Zurückgezogenheit an. Der Begriff technē bezeichnete im antiken Griechisch Können, Kunstfertigkeit, Handwerk und eine regelgeleitete Form des Herstellens. Er bedeutete allerdings nicht automatisch Gemeinsinn. Der Begriff idiōtēs bezeichnete ursprünglich die Privatperson beziehungsweise jemanden, der kein öffentliches Amt ausübte und sich nicht wesentlich am politischen Gemeinwesen beteiligte. (Wikipedia)
Ihre So-Heitsgesellschaft ist deshalb keine einfache Rückkehr in die Antike. Sie verwendet diese Begriffe als Prüfspannung.
Auf der einen Seite steht der Mensch, der sein Können, seine Tätigkeit und seine Erkenntnis in den gemeinsamen Zusammenhang einbringt. Auf der anderen Seite steht der Mensch, der sich auf sein privates Eigentum, seine Rolle und seinen persönlichen Vorteil zurückzieht.
Die So-Heitsgesellschaft würde die Zukunft nicht als Verlängerung des Bestehenden verstehen. Sie würde jede gesellschaftliche Konstruktion daran prüfen, ob sie Leben ermöglicht, Rückkopplungen wahrnimmt, Verletzungen begrenzt und Korrekturen zulässt.
Drei Grundformen heutiger Zukunft
Die vielfältigen Zukunftsbilder lassen sich damit auf drei Grundformen reduzieren.
Die erste Form ist die Fortsetzungszukunft. Die bestehende Ordnung soll durch Wachstum, Digitalisierung, Medizin, Psychologie und bessere Verwaltung weitergeführt werden.
Die zweite Form ist die Fluchtzukunft. Der Mensch hofft auf Erlösung nach dem Tod, Hilfe durch Außerirdische, Auswanderung in den Kosmos oder technische Überwindung seiner körperlichen Grenzen.
Die dritte Form wäre eine Korrektur- und Rückkopplungszukunft. Sie würde nicht das Gefängnis optimieren und nicht aus ihm fliehen, sondern seine Konstruktion untersuchen und verändern.
Diese dritte Form ist in der heutigen Gesellschaft am schwächsten ausgebildet. Genau hier liegt die Aufgabe der So-Heitsgesellschaft und der Plexus-Wirklichkeit.
Die daraus entstehende Zukunftsprognose
Wenn die gegenwärtigen Mechanismen fortgesetzt werden, ergibt sich folgende Prognose: Die Technik wird leistungsfähiger, während die gesellschaftliche Lernfähigkeit weiter abnimmt. Medizinische Eingriffe werden genauer, während die Ursachen vieler Belastungen bestehen bleiben. Der Ressourcenraum wird über die Erde hinaus erweitert, während das Verwertungsprinzip unverändert bleibt. Die Menschen werden psychologisch anpassungsfähiger, während ihre Rollenwidersprüche zunehmen. Unterhaltung und Selbsterfindung werden vielfältiger, während die Erfahrung tatsächlicher Wirksamkeit abnimmt.
Das System wird immer komplizierter und zugleich immer unfähiger, seine Grundrichtung zu verändern.
Daraus folgt nicht zwingend, dass jedes einzelne Zukunftsprojekt scheitern muss. Technik, Medizin und Wissenschaft können tatsächliche Verbesserungen hervorbringen. Die entscheidende Prognose lautet vielmehr, dass diese Verbesserungen die gesellschaftliche Zerstörungsdynamik nicht auflösen, solange sie innerhalb derselben Rollen-, Herrschafts- und Verwertungsordnung eingesetzt werden.
Der Millisekundenmensch besitzt daher viele Vorstellungen von morgen, aber keine gemeinsame Vorstellung davon, wie er seine Tätigkeiten heute auf ihre langfristigen Konsequenzen zurückbeziehen kann.
Seine Zukunftserwartungen sind überwiegend Zukunftsvermeidungsmechanismen.
Was dem Documenta-Besucher gegenübersteht
Der Documenta-Besucher kommt mit diesen Zukunftsbildern in das So-Heits-Atelier. Er glaubt möglicherweise an Technik, Medizin, Wirtschaft, politischen Fortschritt, persönliche Selbstverwirklichung, Spiritualität, kosmische Expansion oder die private Zukunft seiner Kinder.
Im Atelier wird ihm diese Hoffnung nicht einfach genommen. Sie wird auf ihre Voraussetzungen und Konsequenzen geprüft.
Er müsste untersuchen, welche Art von Zukunft ihm jeweils versprochen wird. Verlässt sie tatsächlich die bestehende Ordnung, oder modernisiert sie nur deren Gefängnis? Wer erhält durch dieses Zukunftsbild Macht, Status oder wirtschaftlichen Nutzen? Welche Abhängigkeiten werden unsichtbar gemacht? Welche Folgen werden räumlich, zeitlich oder gesellschaftlich ausgelagert? Und woran wäre zu erkennen, dass diese Zukunft nicht funktioniert?
Dem Besucher steht damit keine bessere Zukunft als Glaubensangebot gegenüber. Ihm steht die Forderung gegenüber, Zukunft als überprüfbaren Rückkopplungsprozess zu begreifen.
Die So-Heitsgesellschaft verspricht nicht, dass alles gut wird. Sie beginnt mit der Frage, ob der Mensch noch in der Lage ist, seine Tätigkeiten zu korrigieren, bevor ihre Konsequenzen unumkehrbar werden.
Die stärkste Verdichtung für den Positionsanker wäre: Der Mensch hat die gesellschaftliche Zukunft abgeschafft und durch technische, ökonomische, medizinische, religiöse und kosmische Fortsetzungs- und Erlösungsversprechen ersetzt..............
Der folgende Text bestimmt den Übergang vom gesellschaftlichen Herkunftsraum des Documenta-Besuchers zu den Werkankern Ihres Ateliers.
Vom Rolleninsassen zum Ermittler des eigenen Kunstwerks
Der Besucher der documenta kommt nicht als unbeschriebenes Individuum in mein Atelier. Er kommt aus einer sozio-psychologischen und ökonomischen Welt, die ihm bereits vorgegeben hat, wie Freiheit, Erfolg, Identität, Normalität, Krankheit, Leistung und gesellschaftliche Zugehörigkeit zu verstehen sind. Er bringt nicht nur persönliche Erfahrungen mit, sondern eine über Jahrhunderte aufgebaute Rollenordnung, deren Regeln er weitgehend verinnerlicht hat.
Er erlebt sich als frei, weil er innerhalb dieser Ordnung auswählen, urteilen, kaufen, verkaufen, zustimmen, ablehnen und sich selbst darstellen kann. Diese Freiheit findet jedoch innerhalb eines bereits konstruierten Gefängnisses statt. Der Besucher darf seine Zelle gestalten, seine Rolle verändern, seine Selbstdarstellung optimieren und zwischen unterschiedlichen Angeboten wählen. Die grundlegenden Abhängigkeiten, unter denen diese Entscheidungen stattfinden, bleiben dabei weitgehend unangetastet.
Das Gefängnis funktioniert gerade deshalb, weil es nicht ständig als Zwang erfahren wird. Es belohnt seine Insassen mit Identität, Status, Anerkennung, Einfluss, Eigentum, Unterhaltung und dem Gefühl persönlicher Besonderheit. Es verspricht ihnen, dass sie sich immer wieder neu erfinden können, solange diese Neuerfindung innerhalb der geltenden Rollen- und Verwertungsordnung stattfindet. Die Möglichkeit, sich als frei, individuell und selbstbestimmt zu erleben, wird damit selbst zu einem Stabilisierungsmittel des Systems.
Diesem Herkunftsraum des Besuchers steht in meinem Atelier keine fertige Gegenideologie gegenüber. Ich biete ihm keine neue Rolle an, in die er lediglich wechseln soll. Das Atelier soll vielmehr zu einem Unterbrechungs-, Prüf- und Rückkopplungsraum werden. In ihm wird sichtbar, dass der Besucher zugleich ein geformtes Kunstwerk, ein mitgestaltender Künstler und ein verletzliches Funktionsteil umfassender Existenzzusammenhänge ist.
Der Besucher als geformtes Kunstwerk
Wenn ich dem Besucher sage, dass er ein Kunstwerk ist, ist dies zunächst keine schmeichelhafte Auszeichnung. Es bedeutet, dass seine Identität nicht einfach natürlich vorhanden ist. Sie ist gestaltet worden. Familie, Erziehung, Schule, Religion, Sprache, Wirtschaft, Recht, Medien, Wissenschaft und gesellschaftliche Erwartungen haben daran mitgearbeitet, aus ihm die Person zu machen, als die er sich selbst erkennt.
Seine Rollenidentität ist eine gesellschaftliche Formgebung. Der Mensch lernt, sich als Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Konsument, Eigentümer, Wähler, Fachmensch, Künstler, Wissenschaftler, Vater, Mutter, Bürger oder Patient zu verstehen. Diese Rollen sind nicht bedeutungslos. Sie ermöglichen Orientierung und Zusammenarbeit. Problematisch werden sie jedoch dort, wo sie mit dem Menschen selbst verwechselt werden und wo ihre Regeln wichtiger werden als die Bedingungen, von denen sein tatsächliches Leben abhängt.
Der Besucher erscheint deshalb als ein Kunstwerk, das sich seiner eigenen Herstellung nur teilweise bewusst ist. Er erlebt die hineingedachten Eigenschaften seiner Rolle als persönliche Wirklichkeit. Er sagt: Ich bin erfolgreich, ich bin gescheitert, ich bin zuständig, ich bin nicht zuständig, ich bin Eigentümer, ich habe Recht, ich bin frei. Dabei erkennt er häufig nicht, dass diese Eigenschaften nur innerhalb einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung gelten. Sie besitzen keine eigenständige physikalische oder biologische Existenz.
Gerade darin liegt die Wirksamkeit des Rollenidentitätsgefängnisses. Die Konstruktion wird nicht mehr als Konstruktion erlebt. Das Gedankenkunstwerk erscheint als Wirklichkeit.
Der Besucher als mitgestaltender Künstler
Der Besucher ist jedoch nicht nur ein von anderen geschaffenes Kunstwerk. Er ist selbst an der fortlaufenden Herstellung dieser Ordnung beteiligt. Durch seine Entscheidungen, Tätigkeiten, Urteile, Käufe, Verkäufe, Bewertungen und Unterlassungen wirkt er an ihr mit. Er übernimmt Regeln, gibt sie weiter, belohnt ihre Einhaltung und sanktioniert ihre Überschreitung.
In diesem Sinne ist er Künstler. Er gestaltet gesellschaftliche Wirklichkeit mit, auch wenn er diese Tätigkeit nicht als künstlerische Arbeit erkennt. Jeder Mensch arbeitet an der sozialen Form, weil jede Tätigkeit Konsequenzen hervorbringt und andere Menschen, Lebewesen, Stoffkreisläufe und zukünftige Möglichkeiten mitprägt.
Die Aussage, jeder Mensch sei ein Künstler, erhält dadurch eine schärfere Bedeutung. Sie bedeutet nicht nur, dass jeder Mensch kreativ sein kann. Sie bedeutet, dass niemand der Mitgestaltung und den Konsequenzen seiner Tätigkeiten entkommt. Der Mensch ist zugleich Material, Formender und Mitverantwortlicher des gesellschaftlichen Kunstwerks.
Damit wird aber auch die Frage unvermeidbar, ob dieses Kunstwerk gelungen ist. Ein gesellschaftliches Kunstwerk kann nicht allein danach beurteilt werden, wie überzeugend es sich darstellt, wie perfekt seine Regeln formuliert sind oder wie stark seine Institutionen erscheinen. Es muss daran geprüft werden, ob seine Formen tragen, Leben ermöglichen, Verletzungen begrenzen, Rückmeldungen aufnehmen und Korrekturen zulassen.
Das Gefängnis als Gedankenkunstwerk
Das heutige gesellschaftliche System kann aus meiner Perspektive als ein umfassendes Gedankenkunstwerk verstanden werden. Es besteht aus Begriffen, Zuschreibungen, Verträgen, Institutionen, Grenzziehungen, Eigentumsordnungen, Geldwerten, Rollen und Geltungsbehauptungen. Diese Konstruktionen wurden vom Menschen geschaffen und werden durch menschliche Tätigkeiten aufrechterhalten.
Als bloßes Gedankenkunstwerk wäre dieses System zunächst nicht gefährlich. Seine zerstörerische Kraft entsteht dadurch, dass seine hineingedachten Eigenschaften mit der Wirkungswelt verwechselt werden. Ein Geldwert, ein Eigentumsrecht, ein Rang, eine Staatsgrenze oder eine Marktentscheidung sind keine Naturgesetze. Dennoch können sie bestimmen, wer Zugang zu Nahrung, Wohnraum, medizinischer Versorgung, Bildung, Land und gesellschaftlicher Teilhabe erhält.
Das Gedankenkunstwerk erzeugt damit materielle Folgen. Es greift in Körper, Landschaften, Lebensräume und Zukunftsmöglichkeiten ein. Es ist erfunden, aber seine Konsequenzen sind wirklich. Genau deshalb kann es nicht mit dem Hinweis verteidigt werden, es handle sich lediglich um eine kulturelle oder gesellschaftliche Ordnung.
Mein Atelier muss diesen Unterschied zwischen gedachter Geltung und tatsächlicher Wirkung sichtbar machen. Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Welche Bedeutung hat eine gesellschaftliche Konstruktion? Die entscheidende Frage lautet: Was richtet sie an?
Der 50:50-Symmetrie-Dualismus als Ordnungsillusion
Ein zentraler Werkanker ist der spiegelbildliche 50:50-Symmetrie-Dualismus. Er steht für die Vorstellung, dass eine vollkommene Ordnung aus zwei klar getrennten, einander gegenüberstehenden Seiten hergestellt werden könne: richtig oder falsch, gut oder böse, innen oder außen, Subjekt oder Objekt, Eigentümer oder Nichteigentümer, schuldig oder unschuldig, zuständig oder unzuständig.
Diese Ordnung erscheint logisch, sauber und beherrschbar. Sie verspricht eindeutige Grenzen, vollkommene Gesetze und widerspruchsfreie Zuständigkeiten. Sie erzeugt den Eindruck, eine Gesellschaft könne durch möglichst vollständige Regelwerke in eine perfekte Form gebracht werden.
Mit der Suche nach Wahrheit oder mit der Prüfung tatsächlicher Wirkungszusammenhänge hat diese spiegelbildliche Ordnung jedoch nur begrenzt zu tun. Sie teilt auf, was in der Wirkungswelt miteinander verflochten bleibt. Sie behandelt Beziehungen, Abhängigkeiten und Übergänge so, als ließen sie sich in klar voneinander getrennte Hälften zerlegen.
Dem 50:50-Symmetrie-Dualismus steht in meiner Arbeit das 51:49-Verhältnis gegenüber. Dieses Verhältnis bezeichnet keine neue mathematische Weltformel, sondern einen Denk- und Prüfanker für lebendige Asymmetrie, Beweglichkeit und fortlaufende Anpassung. Leben befindet sich nicht in vollkommener Gleichheit und nicht in statischer Balance. Es entsteht in Übergängen, Spannungen, Abweichungen, Rückkopplungen und begrenzten Toleranzräumen.
Der 50:50-Symmetrie-Dualismus will Widersprüche durch Trennung beherrschen. Das 51:49-Verhältnis fragt dagegen, wie Unterschiede miteinander in Beziehung bleiben können, ohne dass eine Seite die andere vollständig ausschließt oder beherrscht.
Die Herrschaftskonstruktion von 1 zu 99
Neben der symmetrischen Ordnungsillusion steht eine radikal asymmetrische Herrschaftskonstruktion. Das Verhältnis von 1 zu 99 ist dabei als Verhältnisbild zu verstehen. Es bezeichnet die Konzentration von Verfügungsmacht, Eigentum, institutionellem Einfluss und Entscheidungsmöglichkeiten auf eine kleine Minderheit, während die große Mehrheit zwar an den Folgen beteiligt ist, aber nur begrenzt über die grundlegenden Bedingungen bestimmen kann.
Diese Herrschaftskonstruktion sichert das Gefängnissystem ab und verbirgt sich zugleich in ihm. Macht erscheint nicht immer als offene Gewalt. Sie verteilt sich auf Institutionen, Eigentumsverhältnisse, Fachsprachen, Zugangsbedingungen, Auswahlverfahren und Zuständigkeiten. Dadurch kann niemand allein für das Gesamtsystem verantwortlich gemacht werden, während das System dennoch mit großer Konsequenz weiterarbeitet.
Eigentlich müsste die Erfahrung, in einer solchen Ordnung nur eingeschränkt wirksam zu sein, bei den Beteiligten ein Gefühl von Ohnmacht erzeugen. Stattdessen bietet das System Ersatzformen von Wirksamkeit an. Der Mensch erhält Konsumentscheidungen, Karriereziele, Unterhaltung, digitale Sichtbarkeit und die Möglichkeit, sich innerhalb seiner Rolle aufzuwerten. Er darf Einfluss erleben, ohne die grundlegenden Machtverhältnisse verändern zu können.
Die 1:99-Konstruktion wird daher nicht nur durch Zwang gesichert, sondern durch Beteiligungsillusionen, Belohnungssysteme und Ablenkung.
Belohnung, Ablenkung und Selbsterfindung
Zu den wirksamsten Belohnungssystemen gehören Identität, Status, Macht, Anerkennung und Einflussnahme. Der Mensch erhält das Gefühl, sein Leben selbst zu gestalten, wenn er innerhalb der bestehenden Ordnung aufsteigen, Aufmerksamkeit gewinnen oder sich von anderen unterscheiden kann.
Auch die Forderung, sich immer wieder neu zu erfinden, gehört zu diesem Mechanismus. Sie erscheint als Ausdruck von Freiheit und Kreativität. Tatsächlich kann sie dazu führen, dass der Mensch sich fortlaufend an wechselnde Anforderungen des Marktes und der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit anpasst. Er verändert seine Oberfläche, während die Grundstruktur seines Rollenidentitätsgefängnisses erhalten bleibt.
Unterhaltung und Spaß sind dabei nicht belanglos. Sie können Lebensfreude, Erholung und gemeinschaftliche Erfahrung ermöglichen. Innerhalb des Gefängnissystems können sie jedoch zugleich die Funktion erhalten, Widersprüche zu überdecken und die Aufmerksamkeit von den langfristigen Konsequenzen des eigenen Handelns abzulenken.
Der Mensch soll sich nicht als ohnmächtig erleben. Er soll beschäftigt, unterhalten, bestätigt und gelegentlich ausgezeichnet werden. Die Belohnung ersetzt die Rückkopplung. Statt zu prüfen, ob seine Tätigkeit die eigenen Existenzbedingungen beschädigt, prüft er, ob sie Anerkennung, Einkommen, Status oder Sichtbarkeit erzeugt.
Unverletzlichkeitswelt und Verletzungswelt
Der Rollenidentität liegt die Vorstellung zugrunde, in einer symbolischen Unverletzlichkeitswelt leben zu können. In dieser Welt besitzt der Mensch hineingedachte Eigenschaften, die durch Begriffe und Institutionen geschützt erscheinen. Er hat Rechte, Status, Eigentum, Würde, Zuständigkeiten und Identitäten. Diese Zuschreibungen vermitteln ihm den Eindruck einer stabilen und abgegrenzten Existenz.
Der tatsächliche menschliche Organismus lebt jedoch in einer Verletzungswelt. Er ist abhängig von Luft, Wasser, Nahrung, Temperaturen, Mikroorganismen, sozialen Beziehungen, Stoffkreisläufen und zahllosen Bedingungen, die er nicht selbst herstellen kann. Jede Tätigkeit greift in diese Abhängigkeiten ein und kann Verletzungen hervorrufen.
Die symbolische Unverletzlichkeitswelt kann erklären, warum eine Handlung rechtmäßig, wirtschaftlich notwendig oder institutionell zulässig ist. Sie kann jedoch nicht verhindern, dass diese Handlung körperliche, ökologische oder gesellschaftliche Folgen hervorbringt.
Hier liegt ein entscheidender Werkanker meines Ateliers. Der Besucher muss sich nicht nur als Träger von Rechten, Rollen und Meinungen erkennen, sondern als verletzlichen und verletzenden Organismus. Seine Freiheit endet nicht erst an einem gesellschaftlich gesetzten Verbot. Sie wird bereits durch die Abhängigkeiten begrenzt, ohne die er nicht existieren kann.
Tätigkeit, Konsequenz und Rückkopplung
Dem Rollenidentitätsgefängnis steht deshalb der Anker von Tätigkeit und Konsequenz gegenüber. Nicht die Selbstdarstellung des Menschen, seine Absicht oder seine institutionelle Rechtfertigung entscheidet darüber, was seine Tätigkeit bedeutet. Entscheidend sind die Wirkungen, die sie im Plexus ihrer Abhängigkeiten hervorbringt.
Der Mensch muss lernen, seine Tätigkeit als Rückkopplungsvorgang zu begreifen. Jede Handlung verändert Bedingungen, auf die er selbst und andere wiederum angewiesen sind. Er steht nicht außerhalb der Konsequenzen seines Handelns. Auch dort, wo Folgen zeitlich, räumlich oder sozial ausgelagert werden, bleiben sie Bestandteil derselben Wirkungswelt.
Das heutige System verhindert diese Wahrnehmung, indem es Tätigkeiten auf Zuständigkeiten verteilt. Der Einzelne erfüllt nur seine Aufgabe, das Unternehmen folgt dem Markt, die Politik folgt Sachzwängen, die Wissenschaft erfüllt ihren Forschungsauftrag und der Konsument reagiert auf Angebote. Jeder handelt innerhalb seiner Rolle, während sich niemand für den Gesamtzusammenhang verantwortlich fühlt.
Der Plexus-Anker führt diese getrennten Tätigkeiten wieder zusammen. Er fragt nicht nur, wer formal zuständig ist, sondern welche Wirkungen miteinander verbunden sind.
Die fehlende Zukunftserwartung
Die gesellschaftliche Zukunftserwartung ist weitgehend auf den privaten Nahbereich zusammengeschrumpft. Der Mensch möchte für seine Familie und seine Kinder da sein. Er sorgt für Ausbildung, Einkommen, Wohnung, Gesundheit und persönliche Sicherheit. Diese Fürsorge ist wirklich und notwendig.
Gleichzeitig fehlt häufig die Rückkopplung zur umfassenden Zukunft dieser Kinder. Der Mensch arbeitet für seine Familie innerhalb eines Systems, das möglicherweise gerade die langfristigen Existenzbedingungen dieser Familie beschädigt. Er trennt private Verantwortung und gesellschaftliche Tätigkeit voneinander, obwohl beide in derselben Wirkungswelt stattfinden.
Für die Kinder da zu sein bedeutet dann, ihnen innerhalb des Gefängnisses einen möglichst guten Platz zu sichern. Es bedeutet noch nicht, die Konstruktion des Gefängnisses oder seine langfristigen Konsequenzen zu überprüfen.
Die fehlende Zukunftserwartung zeigt sich darin, dass Zukunft vor allem als Fortsetzung des Bestehenden verstanden wird. Die Kinder sollen dieselben Rollen erfolgreicher übernehmen können. Sie sollen Bildung, Beruf, Einkommen und Sicherheit erhalten. Ob die Bedingungen, unter denen diese Rollen funktionieren, weiterhin tragfähig sein werden, wird nicht mit derselben Konsequenz geprüft.
Der Zukunftsanker meines Ateliers muss deshalb die private Sorge mit der gemeinsamen Wirkungswelt verbinden. Wer für seine Kinder Verantwortung übernimmt, muss auch fragen, welche Welt durch seine gegenwärtigen Tätigkeiten für diese Kinder hergestellt wird.
Was dem Documenta-Besucher gegenübersteht
Dem Besucher steht in meinem Atelier somit kein fertiges Gegenmodell gegenüber, das er nur übernehmen müsste. Ihm steht ein Spiegel seiner gesellschaftlichen Herstellung gegenüber. Er begegnet sich als Rollenidentität, als geformtes Kunstwerk, als Mitgestalter, als Nutznießer, als Gefangener, als Verletzlicher und als möglicher Verursacher von Verletzungen.
Die Werkanker sollen diese unterschiedlichen Ebenen nicht voneinander trennen, sondern in einen gemeinsamen Prüfzusammenhang bringen. Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde relativiert die zeitliche Selbstüberschätzung des Millisekundenmenschen. Der Rollenidentitätsanker macht sichtbar, wie gesellschaftliche Eigenschaften in den Menschen hineingedacht werden. Der 50:50-Anker legt die Illusion perfekter symmetrischer Ordnung offen. Der 1:99-Anker zeigt die verborgene Herrschaftsasymmetrie. Der Belohnungsanker untersucht Identität, Status, Ablenkung und Selbsterfindung als Stabilisierungsmechanismen. Der Verletzungsanker führt aus der symbolischen Unverletzlichkeitswelt in die tatsächliche Abhängigkeitswelt. Der Tätigkeits- und Konsequenzanker stellt die Rückkopplung wieder her. Der Zukunftsanker verbindet die private Verantwortung mit der gemeinsamen Zukunft der Existenzbedingungen.
Der Besucher soll das Atelier deshalb nicht nur als Ausstellung betrachten. Er wird selbst zum Gegenstand der Ausstellung. Gleichzeitig erhält er die Möglichkeit, seine eigene Herstellung und Mitwirkung zu untersuchen. Er wird vom Betrachter zum Ermittler seiner Rollenidentität, seiner Tätigkeiten und ihrer Konsequenzen.
Darin liegt die eigentliche Gegenüberstellung: Auf der einen Seite steht der Mensch, der sich innerhalb eines Gedankenkunstwerks als frei erlebt. Auf der anderen Seite steht der Mensch, der erkennt, dass er als verletzlicher Organismus in einer Wirkungswelt lebt, die sich nicht nach seinen Rollen, Wünschen und Regelwerken richtet.
Erst aus dieser Gegenüberstellung kann eine andere Form des Künstlerseins entstehen. Nicht der Mensch, der sich beliebig selbst erfindet, sondern der Mensch, der seine Formgebung, seine Abhängigkeiten und seine Wirkungen erkennt und an ihrer Korrektur mitarbeitet.
Der nächste Schritt wäre die Zuordnung dieser Werkanker zu konkreten Objekten, Versuchsanordnungen und Besucherhandlungen innerhalb des So-Heits-Ateliers..................
Für den Positionsanker ist die Psychologie ein besonders deutliches Beispiel, weil sich in ihr Hilfe, Anpassung, Kontrolle und Manipulation widersprüchlich überlagern. Historisch sollte allerdings nicht behauptet werden, sie sei ausschließlich zur Heilung kranker Menschen entstanden. Präziser ist: Aus einer Wissenschaft zur Erforschung des menschlichen Erlebens und Verhaltens entwickelten sich unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen, von der Hilfe bis zur Verhaltenssteuerung.
Die Psychologie als Wissenschaft der Anpassung und Verhaltenssteuerung
Die Widersprüchlichkeit des heutigen gesellschaftlichen Systems lässt sich besonders deutlich an der Psychologie erkennen. Sie untersucht das Erleben und Verhalten des Menschen, seine körperlichen und sozialen Abhängigkeiten, seine inneren Konflikte und seine unterschiedlichen Reaktionsmöglichkeiten. In ihren helfenden und therapeutischen Formen kann sie einem Menschen ermöglichen, seine Krankheit, seine Belastungen und seine Einbindung in familiäre, gesellschaftliche und körperliche Zusammenhänge besser zu verstehen.
Die Psychologie hätte damit grundsätzlich die Möglichkeit, den Menschen über die Bedingungen aufzuklären, unter denen seine Wahrnehmung, seine Identität und sein Verhalten entstehen. Sie könnte untersuchen, ob die gesellschaftlichen Rollen, in denen ein Mensch funktionieren soll, mit seinen körperlichen, psychischen und sozialen Existenzbedingungen vereinbar sind. Sie könnte fragen, welche Lebensformen krank machen und welche Strukturen den Menschen zwingen, dauerhafte Widersprüche in sich selbst auszutragen.
Innerhalb der bestehenden gesellschaftlichen und ökonomischen Ordnung hat sich jedoch eine andere Funktion herausgebildet. Psychologische Hilfe bedeutet vielfach nicht mehr, die krank machenden Verhältnisse zu erkennen und zu verändern. Sie bedeutet, den einzelnen Menschen so zu stabilisieren, dass er innerhalb dieser Verhältnisse weiter funktionieren kann. Nicht das Gefängnis der Rollenidentitäten wird untersucht, sondern die Fähigkeit des Einzelnen, sich in diesem Gefängnis als handlungsfähig, erfolgreich und möglichst frei zu erleben.
Der Mensch soll sich mit seiner beruflichen Rolle, seiner Marktrolle, seiner Konsumentenrolle und seinem gesellschaftlichen Status identifizieren. Treten dabei Erschöpfung, Angst, Depression, Überforderung oder Identitätskonflikte auf, werden diese leicht als individuelle Störungen behandelt. Die Frage, ob die gesellschaftliche Rolle selbst widersprüchlich oder krank machend ist, bleibt dabei häufig außerhalb der Untersuchung. Der Einzelne wird therapiert, trainiert oder medikamentös stabilisiert, während das System, das seine Erkrankung mit hervorgebracht haben kann, seine Gültigkeit behält.
Auf diese Weise kann Psychologie zu einer Anpassungswissenschaft werden. Sie hilft dem Menschen, Widersprüche auszuhalten, die nicht in ihm allein entstanden sind. Sie unterstützt ihn dabei, sich selbst zu verändern, während die Bedingungen, unter denen er leiden muss, unverändert bleiben. Das Versprechen persönlicher Freiheit kann dadurch selbst zu einem Bestandteil des Gefängnisses werden. Der Mensch soll sich als frei empfinden, obwohl seine Lebensmöglichkeiten durch ökonomische Abhängigkeiten, gesellschaftliche Erwartungen und vorgegebene Rollen wesentlich bestimmt werden.
Diese Entwicklung geht jedoch noch weiter. Psychologische Erkenntnisse werden nicht nur zur Behandlung und Stabilisierung eingesetzt, sondern auch zur gezielten Beeinflussung menschlichen Verhaltens. Werbung, Konsumforschung, Personalführung, politische Kommunikation, digitale Plattformen und öffentliche Inszenierungen verwenden psychologisches Wissen, um Aufmerksamkeit zu lenken, Bedürfnisse zu erzeugen, Bindungen herzustellen und Entscheidungen vorhersehbar zu machen. Die Wissenschaft, die den Menschen über seine Abhängigkeiten aufklären könnte, liefert damit zugleich die Werkzeuge, durch die diese Abhängigkeiten verstärkt und unsichtbar gemacht werden.
Die Psychologie befindet sich deshalb in einem grundlegenden Widerspruch. Einerseits untersucht sie Manipulation, Suggestion, Gruppendruck, Abhängigkeit und Identitätsbildung. Andererseits werden ihre Erkenntnisse genutzt, um genau diese Mechanismen wirksamer zu gestalten. Sie kann Menschen helfen, Verführungs- und Steuerungsmechanismen zu durchschauen, und sie kann dieselben Mechanismen für wirtschaftliche, politische oder institutionelle Zwecke optimieren.
Damit wird aus einer möglichen Wissenschaft der Aufklärung zugleich eine Wissenschaft der Anpassung und der Verhaltenssteuerung. Sie beseitigt die Rollenidentitäten nicht, sondern kann dazu beitragen, sie zu festigen. Sie untersucht die inneren Konflikte des Menschen, ohne immer zu prüfen, ob diese Konflikte notwendige Folgen der gesellschaftlichen Konstruktionen sind, in denen er leben und funktionieren muss.
Es wäre dennoch zu undifferenziert, von der Psychologie als einem einheitlichen Manipulationsinstrument zu sprechen. Innerhalb der Psychologie gibt es auch kritische, soziale, systemische, humanistische und körperorientierte Ansätze, die gesellschaftliche Bedingungen, Machtverhältnisse und krank machende Strukturen ausdrücklich einbeziehen. Der entscheidende Punkt liegt daher nicht in einer pauschalen Verurteilung der Psychologie, sondern in ihrer institutionellen und ökonomischen Einbindung.
Die Psychologie hat sich nicht vollständig selbst abgeschafft. Sie hat sich vielmehr in widersprüchliche Funktionen aufgespalten. Ein Teil ihrer Arbeit dient der Erkenntnis, Heilung und Aufklärung. Ein anderer Teil dient der Anpassung, Optimierung, Auswahl, Kontrolle und Manipulation. Derselbe Mensch, dem therapeutisch geholfen wird, sich von äußeren Erwartungen zu lösen, wird durch Werbung, Arbeitsorganisation und digitale Verhaltenssteuerung erneut an Rollen, Bedürfnisse und Abhängigkeiten gebunden.
Gerade diese Gleichzeitigkeit gehört zum Positionsanker. Das gesellschaftliche System bekämpft seine eigenen Folgen, ohne deren Ursachen aufzulösen. Es behandelt Krankheiten, die es selbst mit hervorbringt. Es verspricht Freiheit und entwickelt gleichzeitig immer genauere Verfahren zur Steuerung des Verhaltens. Es fordert Individualität, während es den Menschen in standardisierte Rollen, Leistungsprofile und Konsummuster einordnet.
Die Psychologie wird damit zu einem Beispiel dafür, wie Wissenschaft innerhalb des Gefängnissystems ihre ursprüngliche Erkenntnisfunktion verändern kann. Sie verschwindet nicht, sondern erhält eine neue gesellschaftliche Aufgabe. Sie soll den Menschen nicht unbedingt aus seinen Widersprüchen befreien, sondern kann dazu dienen, ihn innerhalb dieser Widersprüche funktionsfähig zu halten.
Der Prüfoperator müsste deshalb auch an die Psychologie die Frage stellen, welchem Zweck ihre jeweilige Tätigkeit tatsächlich dient. Klärt sie den Menschen über seine Abhängigkeiten auf, oder hilft sie ihm nur, sich an diese Abhängigkeiten anzupassen? Macht sie krank machende Strukturen sichtbar, oder verlagert sie deren Folgen in den einzelnen Menschen? Unterstützt sie Selbstbestimmung, oder erzeugt sie lediglich das Empfinden von Selbstbestimmung innerhalb einer fremdbestimmten Rollenordnung?
Die entscheidende Trennung verläuft daher nicht zwischen Psychologie und Nichtpsychologie, sondern zwischen einer Psychologie, die Wirkungszusammenhänge offenlegt, und einer Psychologie, die den Menschen für bestehende Systeme funktionstüchtig macht. Im ersten Fall wird sie zum Bestandteil einer Aufklärung über die Plexus-Wirklichkeit. Im zweiten Fall wird sie zu einem Instrument, das das Gefängnis stabilisiert und dem Gefangenen zugleich vermittelt, er befinde sich in Freiheit...................
Was dem Positionsanker zugrunde liegt
Der Positionsanker muss zunächst offenlegen, von welcher geschichtlichen, erkenntnismäßigen und persönlichen Ausgangslage aus Sie arbeiten. Er ist deshalb weder eine neutrale Theorie noch das Ergebnis des Prüfoperators. Er bezeichnet Ihre begründete Ausgangsdiagnose, einschließlich der Möglichkeit, dass diese Diagnose durch Ihre Erfahrungen, Ihre jahrzehntelange Forschung und Ihre Erwartung eines Scheiterns der Menschheit geprägt ist.
Sein erster Maßstab ist die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde. Der Mensch erscheint darin als Millisekundenmensch: als eine extrem spät entstandene Lebensform, die weder die physikalischen noch die biologischen Bedingungen ihrer Existenz hervorgebracht hat, sich aber dennoch verhält, als könne sie diese Bedingungen durch eigene Begriffe, Gesetze, Eigentumsordnungen, Wirtschaftsmodelle und gesellschaftliche Konstruktionen ersetzen. Der Positionsanker beginnt daher nicht beim menschlichen Selbstbild, sondern bei der zeitlichen und materiellen Vorgängigkeit der Wirklichkeit.
Dem steht eine mehr als 2500 Jahre währende Wissens-, Glaubens-, Herrschafts- und Ordnungsgeschichte gegenüber. Präziser als von „2500 Jahren Wissenschaft“ sollte von einer über 2500 Jahre gewachsenen abendländischen Wissens- und Konstruktionsgeschichte gesprochen werden. Die modernen Einzelwissenschaften existieren noch nicht so lange. Ihnen voraus liegen Philosophie, Religion, Metaphysik, Recht, Staatslehre und ökonomische Ordnungen. Gemeinsam haben diese Bereiche jedoch Denkformen, Institutionen und Abhängigkeiten hervorgebracht, in denen der Mensch sich zunehmend als ein von seinen Existenzbedingungen abgetrenntes, autonom entscheidendes Subjekt verstehen konnte.
Diese Entwicklung ist keine einfache, zentral gesteuerte Verschwörung und auch nicht das Werk einzelner Wissenschaftler. Sie ist eine Sedimentierung von Denkformen und Systemkräften. Begriffe werden zu Institutionen, Institutionen zu Abhängigkeiten und Abhängigkeiten zu scheinbar unveränderlichen Notwendigkeiten. Eigentum, Geld, Markt, Staat, Recht, beruflicher Status, wissenschaftliche Anerkennung, religiöse Glaubensordnungen und gesellschaftliche Rollen greifen ineinander. Dadurch entsteht ein Gefängnis, das keinen einzelnen Gefängniswärter benötigt. Die Beteiligten reproduzieren es, weil ihre gesellschaftliche Existenz, ihre Anerkennung und häufig auch ihre materielle Versorgung von seinem Fortbestand abhängen.
Auch die Wissenschaft steht nicht außerhalb dieses Gefängnisses. Sie kann in ihren jeweiligen Fachgebieten äußerst genau prüfen, messen und korrigieren. Sie lernt in technischen, medizinischen oder naturwissenschaftlichen Einzelfragen aus Funktionieren und Nichtfunktionieren. Gleichzeitig übernimmt sie jedoch vielfach die gesellschaftlichen Voraussetzungen, innerhalb derer geforscht wird, als gegeben. Disziplinäre Trennungen, Spezialisierung, Finanzierung, Karriere, Publikationsordnungen und institutionelle Zuständigkeiten erschweren eine Prüfung des Gesamtsystems. So können Wissenschaften Teile der Wirklichkeit sehr präzise beschreiben, ohne die Konstruktion zu überprüfen, in der diese Erkenntnisse verwendet werden.
Der entscheidende Vorwurf des Positionsankers lautet deshalb nicht, dass alle Wissenschaftler bewusst eine falsche Ideologie vertreten hätten. Er lautet, dass auch die Wissenschaften innerhalb einer sekundären, vom Menschen erzeugten Geltungsordnung arbeiten, deren Grundannahmen sie nur begrenzt zum Gegenstand ihrer eigenen Prüfung machen. Selbst Biologie und Physik führen nicht automatisch zu einer gesellschaftlichen Rückbindung an die Existenzbedingungen. Ihre Erkenntnisse können technisch, militärisch oder wirtschaftlich genutzt werden, während ihre weitergehenden Konsequenzen für das menschliche Selbstverständnis ausgeblendet bleiben.
Immer wieder gab es Wissenschaftler, Künstler und Denker, die solche Grenzüberschreitungen versuchten. Das Problem besteht jedoch darin, dass umfassende Ansätze häufig nicht in die bestehenden Zuständigkeiten passen. Sie können als unwissenschaftlich, spekulativ, fachfremd oder nicht anschlussfähig abgewertet werden. Der Status wissenschaftlicher Anerkennung hängt somit nicht ausschließlich davon ab, ob ein Gedanke trägt, sondern auch davon, ob er in die geltenden Fachgrenzen, Methoden, Institutionen und Machtverhältnisse eingeordnet werden kann. Das Neue wird nicht in jedem Fall bewusst unterdrückt; es wird häufig dadurch unwirksam gemacht, dass ihm kein legitimierter Ort zugewiesen wird.
An diesem Punkt setzt die Plexus-Wirklichkeit an. Sie darf jedoch nicht als eine weitere Überwissenschaft auftreten, die behauptet, alle bisherigen Wissenschaften ersetzen zu können. Sie ist vielmehr der Versuch, die getrennten Bereiche wieder auf ihren gemeinsamen Wirkungs-, Abhängigkeits- und Konsequenzzusammenhang zu beziehen. „Plexus“ bezeichnet dabei das Geflecht, in dem physikalische Bedingungen, lebendige Organismen, menschliche Tätigkeiten, symbolische Konstruktionen, institutionelle Abhängigkeiten und deren Folgen nicht unabhängig voneinander bestehen.
Die Plexus-Wirklichkeit fragt deshalb nicht zuerst, welche Theorie gesellschaftlich gilt, sondern was tatsächlich trägt. Sie prüft, wie menschliche Setzungen in die Wirkungs- und Verletzungswelt eingreifen, welche Konsequenzen sie auslösen, welche Rückmeldungen wahrgenommen oder verdrängt werden und ob Korrektur noch möglich ist. Darin liegt der Übergang vom Positionsanker zum Prüfoperator.
Die notwendige Trennung
Ihre Aussage, dass die Menschheit keine Chance mehr habe zu überleben, gehört in den Positionsanker als persönliche und forschungsbiografisch begründete Prognose. Sie darf dort ausdrücklich ausgesprochen werden. Sie sollte aber nicht als bereits bewiesenes Ergebnis der Plexus-Wirklichkeit oder des Prüfoperators erscheinen.
Der Positionsanker sagt:
Aufgrund meiner bisherigen Beobachtungen, Erfahrungen und Untersuchungen gehe ich davon aus, dass die Menschheit wahrscheinlich nicht mehr in der Lage ist, die von ihr hervorgebrachten Systemkräfte rechtzeitig aufzulösen.
Der Prüfoperator muss dagegen fragen:
Woran wäre erkennbar, dass diese Prognose zutrifft, und welche Vorgänge könnten sie widerlegen?
Damit bleibt der Prüfoperator maßstabsgebunden, aber ergebnisoffen. Er ist nicht neutral im Sinne von gleichgültig. Seine Maßstäbe sind Existenzbedingungen, Abhängigkeiten, Tragfähigkeit, Verletzbarkeit, Tätigkeit, Konsequenz, Rückkopplung, Korrigierbarkeit und Reparaturfähigkeit. Er muss jedoch auch Ihre eigene Position prüfen können. Sonst würde aus der Plexus-Wirklichkeit eine geschlossene Weltanschauung, die nur noch bestätigt, was vorher bereits angenommen wurde.
Vorläufige Formulierung des Positionsankers
Der Positionsanker meiner Arbeit beginnt mit der Einsicht, dass der Mensch eine extrem spät entstandene und vollständig abhängige Lebensform ist. Im Maßstab der 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde erscheint er als Millisekundenmensch. Er hat weder die physikalischen Bedingungen noch die lebendigen Abhängigkeitsverhältnisse hervorgebracht, die seine Existenz ermöglichen. Dennoch hat er innerhalb weniger Jahrtausende gesellschaftliche, religiöse, philosophische, rechtliche, wirtschaftliche und wissenschaftliche Ordnungen geschaffen, in denen seine eigenen Setzungen den Rang einer primären Wirklichkeit erhalten haben.
Diesen Ordnungen liegt eine mehr als 2500 Jahre gewachsene Wissens- und Konstruktionsgeschichte zugrunde. Sie hat den Menschen zunehmend als autonomes Subjekt, Eigentümer, Entscheider, Produzent und Beherrscher seiner Welt entworfen. Aus Begriffen wurden Institutionen, aus Institutionen wurden Abhängigkeiten und aus Abhängigkeiten wurden Systemkräfte, denen sich auch diejenigen unterwerfen müssen, die ihre zerstörerischen Konsequenzen erkennen. Auf diese Weise ist ein Gefängnis entstanden, das nicht von einer einzelnen Macht beherrscht wird, sondern sich durch die Tätigkeiten, Erwartungen, Sicherungsbedürfnisse und Abhängigkeiten seiner Beteiligten fortlaufend selbst reproduziert.
Auch die Wissenschaften stehen nicht außerhalb dieser Entwicklung. Sie besitzen hochentwickelte Verfahren zur Prüfung einzelner Vorgänge, bleiben aber vielfach in disziplinäre, institutionelle und ökonomische Ordnungen eingebunden, deren Voraussetzungen sie nicht als Ganzes überprüfen. Sie können die Gesetzmäßigkeiten der Natur erkennen und technisch nutzen, ohne daraus eine entsprechende Korrektur des menschlichen Selbst- und Gesellschaftsverständnisses abzuleiten. Öffnungen zu umfassenderen Wirklichkeitsmodellen hat es immer wieder gegeben. Sie blieben jedoch häufig vereinzelt, wurden in Fachgebiete zurückgedrängt oder verloren ihre wissenschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung, sobald sie die geltenden Zuständigkeiten und Grundannahmen überschritten.
Meine persönliche Ausgangsdiagnose lautet deshalb, dass die Menschheit möglicherweise nicht mehr in der Lage ist, dieses Gefängnis ihrer eigenen Konstruktionen rechtzeitig zu verlassen. Diese Diagnose ist jedoch kein unantastbares Ergebnis. Sie gehört als offengelegte Erwartungshaltung in den Positionsanker und muss selbst Gegenstand der Prüfung bleiben.
Die Plexus-Wirklichkeit ist mein Versuch, den Menschen, seine Tätigkeiten und seine Konstruktionen wieder in das Geflecht ihrer tatsächlichen Voraussetzungen und Konsequenzen zurückzustellen. Sie beansprucht nicht, über den Einzelwissenschaften zu stehen, sondern stellt eine Prüfarchitektur bereit, durch die getrennte Erkenntnisse auf ihre gemeinsamen Wirkungs-, Abhängigkeits-, Verletzungs- und Rückkopplungszusammenhänge bezogen werden können. Entscheidend ist nicht, was innerhalb einer menschlichen Ordnung gilt, sondern ob diese Ordnung unter den Bedingungen der Wirklichkeit trägt, Leben ermöglicht, Rückmeldungen wahrnimmt und Korrekturen zulässt.................
Ich würde den Gedanken sprachlich verdichten und zugleich die Verbindung zwischen Beuys und deinem eigenen Ansatz deutlicher machen:
Den sozialen Kunstbegriff weiterentwickeln
Mein Ziel ist es, den von Joseph Beuys entwickelten sozialen Kunstbegriff weiterzuführen und gemeinsam mit ihm – über seine damaligen Ansätze hinaus – als etwas Neues zu denken: gleichsam als ein neugeborenes Kind, das aus den alten Disziplinen hervorgeht, sich aber nicht mehr in deren Grenzen einschließen lässt.
Die auf das gesellschaftliche Zusammenleben und auf kollektive Gestaltungsprozesse bezogene Kunst bezeichnete Beuys als Soziale Plastik. Dahinter steht die Vorstellung, dass sich jeder Mensch als ein schöpferisches, die Welt mitbestimmendes und gestaltendes Wesen erkennen kann und soll.
Darauf bezieht sich auch seine häufig umstrittene und zum Teil missverstandene Formel:
„Jeder Mensch ist ein Künstler.“
Damit ist nicht gemeint, dass jeder Mensch Künstler im traditionellen Berufsverständnis sein müsse. Gemeint ist vielmehr, dass jeder Mensch über schöpferische Fähigkeiten verfügt und deshalb am gesellschaftlichen Gestaltungsprozess teilnehmen kann.
Der Mensch ist damit nicht nur Bewohner einer bereits gegebenen Welt. Durch sein Denken, Entscheiden und Handeln wirkt er fortwährend an ihrer Hervorbringung und Veränderung mit.
Gerade darin liegt für mich die entscheidende Weiterführung: Wenn jeder Mensch am kreativen Prozess der Weltgestaltung beteiligt ist, dann ist er auch an den Tätigkeitskonsequenzen dieser Gestaltung beteiligt. Der erweiterte soziale Kunstbegriff muss deshalb über die schöpferische Fähigkeit des Menschen hinaus auch seine Verantwortung innerhalb der Abhängigkeitswelt sichtbar machen.
Die Formel „Jeder Mensch ist ein Künstler“ erhält dadurch eine weitere Konsequenz:
Jeder Mensch gestaltet – und jeder Mensch erzeugt durch sein Gestalten Folgen.
Der soziale Kunstbegriff wird damit zu einem Forschungs- und Prüfbegriff. Es geht nicht allein darum, dass möglichst viele Menschen kreativ an einer gesellschaftlichen Transformation teilnehmen, sondern darum, wahrnehmen und prüfen zu lernen, was wir durch unser Tätigsein tatsächlich hervorbringen und ob diese Gestaltung die Bedingungen des Lebens erhält oder zerstört.
Hier setzt meine Forschungskunst an.
Der entscheidende neue Schritt gegenüber Beuys liegt hier in der Verbindung von Schöpfertum – Tätigkeit – Konsequenz – Abhängigkeit – Prüfung. Dadurch lässt sich dein eigener Kunstbegriff sehr klar von einer bloßen Fortsetzung der Sozialen Plastik unterscheiden..............
Besonderer Erkenntnisbeitrag dieses Chatverlaufs
Der wesentliche Erkenntniszuwachs liegt nicht darin, dass Wolfgang Fenner sich auf Joseph Beuys und dessen erweiterten Kunstbegriff bezieht. Diese Verbindung war bereits früher Bestandteil der eigenen Werkbeschreibung. Neu beziehungsweise deutlich präziser wird hier jedoch die werkgeschichtliche Zwischenstufe zwischen Beuys’ Sozialer Plastik und Fenners eigener räumlicher Arbeit Anfang der 1990er-Jahre.
Der gegenwärtige Chat beschreibt diese Entwicklung in zwei Schritten. Zunächst wird Beuys’ sozialer Kunstbegriff als Ausgangspunkt aufgegriffen: Der Mensch soll sich nicht lediglich als Betrachter von Kunst, sondern als schöpferisch an gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligtes Wesen erkennen. Diese Grundrichtung ist kunsthistorisch belegbar. Das Goethe-Institut beschreibt Beuys’ erweiterten Kunstbegriff ausdrücklich in Verbindung mit der Formel „Jeder Mensch ist ein Künstler“ und mit gesellschaftlicher Transformation; auch die Bundeskunsthalle hebt hervor, dass Beuys das freiheitliche Potenzial der Kunst auf sämtliche Lebensbereiche übertragen wollte. (Goethe-Institut)
Davon zu unterscheiden ist Fenners jetzige Formulierung, den sozialen Kunstbegriff „als ein neugeborenes Kind aus den alten Disziplinen“ weiterzuentwickeln. Diese Formulierung ist im vorliegenden Material eine heutige bildhafte Selbstdeutung. Sie darf nicht rückwirkend Beuys zugeschrieben oder als gemeinsame historische Formulierung ausgegeben werden.
Von der gesellschaftlichen Transformation zum „Ausstellungsorganismus“
Für die Werkentwicklung Anfang der 1990er-Jahre wird nun eine genauere Verbindung sichtbar. Fenner beschreibt die deutsche Einheit rückblickend nicht nur als politisches Ereignis, sondern als Wachstums- und Geburtsprozess. Bereits frühere biografische Angaben verbanden seine Arbeit von 1990 bis 1992 mit Naturprozessen und der deutschen Einheit. Der jetzige Chat präzisiert jedoch die bildnerische Konsequenz: Wachstum, Schwangerschaft, verschiedene Entwicklungsphasen, Absterben und Neubeginn werden als räumliche Organisationsprinzipien einer Ausstellung verstanden.
Für 1993 liegt hierfür bemerkenswerterweise ein zeitgenössischer äußerer Beleg vor. Die taz berichtete am 17. Mai 1993 über „Wolfgang Fenner im Haus der Demokratie“. Sie bezeichnete die Installationsfolge ausdrücklich als eine Reihe von „Ausstellungsorganismen“. Der erste habe am 9. Mai, dem 11. Todestag Robert Havemanns, unter dem Titel „Standortbeziehungen – Zivilcourage“ begonnen. Außerdem wird Fenner mit der Aussage zitiert, seine Arbeit sei eine „Weiterführung des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys“. (taz.de)
Das ist für die Rekonstruktion wichtig: Die Verbindung zu Beuys ist damit für 1993 nicht bloß eine heutige Rückprojektion. Ebenso ist die Organismusvorstellung zeitgenössisch dokumentiert. Allerdings lautet der nachweisbare Begriff in der taz „Ausstellungsorganismus“. Dass Fenner seine damalige Gesamtkonzeption ausdrücklich „sozialer Organismus“ nannte, ist durch die gegenwärtig vorliegende Quelle noch nicht unabhängig belegt. Diese Differenz sollte erhalten bleiben.
Raum, Körper, Wahrnehmung und Besucher
Der stärkste neue Beitrag des jetzigen Chats liegt in der genaueren Beschreibung dessen, was dieser Organismus künstlerisch bedeutete. Er bestand nach Fenners heutiger Darstellung gerade nicht in den einzelnen Objekten und auch nicht in deren Addition. Der Organismus entstand aus ihrem Verhältnis zueinander sowie aus Raum, Zeit, Körper, Wahrnehmung und Bewegung des Besuchers.
Damit wird die Bezeichnung „Raum-Zeit-Körper-Plastik“ methodisch verständlicher. Der Galerieraum erscheint nicht als Behälter für fertige Kunstwerke. Er wird selbst zum plastischen Material. Der Besucher durchquert den dreidimensionalen Raum, wendet sich bestimmten Dingen zu, verändert seine Perspektive und erzeugt dadurch jeweils andere Beziehungen zwischen den wahrgenommenen Elementen.
Besonders konkret wird diese Methode an den Schaufenstern. Die zeitgenössische taz erwähnt tatsächlich auffällige „Schaufensterlandschaften“, beschreibt jedoch nicht die jetzt erläuterte Funktion der Fenster als Grenze zwischen Innen und Außen oder als Analogie zu den menschlichen Sinnen. (taz.de) Diese Bedeutung ist daher vorerst als Fenners heutige werkbiografische Erklärung zu kennzeichnen. Dasselbe gilt für die Beschreibung der gesamten Anordnung als „Fixierbild“, in dem innere und äußere Tatbestände zusammengefügt werden. Gerade diese Begriffe sollten nun in zeitgenössischen Ausstellungskonzepten, Arbeitsbüchern, Fotografien oder Einladungstexten gesucht werden.
Dabei ist eine Korrektur der unmittelbar vorhergehenden KI-Auswertung notwendig. Dort wurde die Arbeit bereits mit späteren Begriffen wie „Abhängigkeitswelt“ und „Plexuswirklichkeit“ verbunden. Eine solche Verbindung kann heute vergleichend untersucht werden; der gegenwärtige Chat belegt jedoch nicht, dass diese späteren Begriffe 1993 bereits die bewusste Konzeption bestimmten. Der neue Gesamtauftrag verlangt gerade diese Trennung zwischen damaliger Aussage, heutiger Werkdeutung und KI-Schlussfolgerung.
Aussage- und Belegstatus
Damit ergibt sich eine ungewöhnlich klare Quellenlage. Historisch belegt sind für Mai 1993 das Haus der Demokratie, die Installationsserie, die Bezeichnung „Ausstellungsorganismus“, „Standortbeziehungen – Zivilcourage“, der Bezug auf Robert Havemann, die Schaufensterlandschaften und vor allem Fenners ausdrückliche Einordnung seiner Arbeit als Weiterführung von Beuys’ erweitertem Kunstbegriff. (taz.de)
Als gegenwärtige Selbstauskunft beziehungsweise rückblickende Werkdeutung sind dagegen zunächst zu behandeln: die deutsche Einheit ausdrücklich als Geburts- und Schwangerschaftsprozess; „sozialer Organismus“ als damalige Eigenbezeichnung; „Raum-Zeit-Körper-Plastik“ als damaliger Konzeptbegriff; die Schaufenster als Analogie der Sinne; das Fixierbild als Verbindung innerer und äußerer Tatbestände sowie die Bestimmung des sozialen Organismus als gesamte mehrdeutige Erfahrung statt als Summe der Objekte. Diese Aussagen sind deshalb nicht weniger relevant, aber ihr historischer Status ist ein anderer. Genau diese Quellenarten sollen nach dem neuen Arbeitsverfahren auseinandergehalten werden.
Komprimierter Kontextbaustein
Der Chat präzisiert eine werkgeschichtliche Übergangsstufe Anfang der 1990er-Jahre: Aus der Weiterführung von Joseph Beuys’ erweitertem Kunstbegriff entwickelt Wolfgang Fenner eine räumliche Organismusvorstellung. Ein zeitgenössischer taz-Bericht vom 17. Mai 1993 bestätigt sowohl die „Ausstellungsorganismen“ im Haus der Demokratie als auch Fenners ausdrückliche Bezeichnung seiner Arbeit als Weiterführung des erweiterten Kunstbegriffs von Beuys. Neu genauer beschrieben wird, dass der Organismus nicht aus der Summe einzelner Objekte bestehen sollte, sondern aus dem Zusammenspiel von Raum, Zeit, Körper, Besucherbewegung, Wahrnehmung und mehrdeutiger Zuordnung. Die Begriffe „sozialer Organismus“, „Raum-Zeit-Körper-Plastik“, Schaufenster als Sinne und „Fixierbild“ sind derzeit vor allem durch Fenners heutige Werkdeutung getragen und sollten an zeitgenössischen Unterlagen weiter geprüft werden. Spätere Begriffe wie Plexuswirklichkeit dürfen nicht rückwirkend als Konzeption von 1993 eingesetzt werden.
