24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte,

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte – zeitliche Verortung und Handlungsverantwortung

Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte überträgt die rund 4,54 Milliarden Jahre seit der Entstehung der Erde auf einen einzigen Tag. Der Tagesbeginn steht für die Entstehung unseres Planeten, 24 Uhr für die Gegenwart. Dazwischen liegen die Ausbildung von Gesteinen, Meeren und Atmosphäre, die Entstehung und Entwicklung des Lebens sowie zahlreiche Veränderungen seiner Bedingungen. In meiner Forschungskunst dient diese Uhr als zeitliches Kalibrierungsinstrument: Sie macht Größenverhältnisse anschaulich, die sich der unmittelbaren menschlichen Erfahrung entziehen.

Bei dieser Umrechnung entspricht eine Sekunde ungefähr 52.500 Jahren, eine Millisekunde rund 52,5 Jahren. Setzt man für die bisher bekannte Geschichte des Homo sapiens etwa 300.000 Jahre an, erscheint unsere Art erst rund 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Unsere gesamte bisherige Existenz liegt damit innerhalb der letzten Sekunden dieses dargestellten Erdentages. humanorigins.si.edu

Das Holozän, dessen Beginn auf rund 11.700 Jahre vor dem Jahr 2000 datiert wird, umfasst auf dieser Uhr nur etwa 0,22 Sekunden. Wählt man das Jahr 1750 als zeitlichen Bezugspunkt für die Industrialisierung, entsprechen die Jahre bis 2026 ungefähr fünf Millisekunden. Die Zeit seit 1950 nimmt etwa 1,4 Millisekunden ein. Diese Angaben sind gerundete Umrechnungen; die gewählten Bezugspunkte machen unterschiedliche historische Zeiträume miteinander vergleichbar. stratigraphy.org

Damit erhält meine Bezeichnung „Millisekunden-Mensch“ einen konkreten Bezug. Sie verdichtet insbesondere das Verhältnis zwischen der kurzen jüngsten Phase menschlicher Gestaltungsmacht und der langen Entwicklung ihrer Voraussetzungen. Die Geschichte unserer Art umfasst mehrere Sekunden; die industrielle und technisch beschleunigte Gegenwart bewegt sich im Bereich weniger Millisekunden.

Der Mensch erscheint innerhalb eines Wirkungszusammenhangs, dessen Voraussetzungen seiner eigenen Geschichte weit vorausgehen. Atemluft, Wasser, Nahrung, Stoffwechsel und Regeneration werden durch fortlaufende materielle und lebendige Prozesse ermöglicht. Menschen können diese Bedingungen beeinflussen und verändern. Ihre Abhängigkeit von ihnen bleibt dabei bestehen.

Dieser Maßstabswechsel verändert die Frage nach menschlicher Bedeutung. Eine kurze Existenzdauer bedeutet keineswegs geringe Wirkung. Gerade das Missverhältnis zwischen kurzer Handlungszeit und weitreichenden Folgen wird zum Gegenstand der Untersuchung. Eine Entscheidung kann innerhalb weniger Minuten getroffen werden, während ihre Folgen Generationen betreffen. Der IPCC beschreibt beispielsweise Veränderungen an Ozeanen, Eisschilden und Meeresspiegel, die über Jahrhunderte bis Jahrtausende fortwirken und auf diesen Zeitskalen teilweise unumkehrbar sind. ipcc.ch

Die Uhr führt deshalb zu einer grundlegenden Unterscheidung zwischen Entstehungszeit, Nutzungszeit, Wirkungsdauer und möglicher Regenerationszeit. Diese Zeiträume fallen häufig auseinander. Ein Material kann lange Entstehungsprozesse voraussetzen, für kurze Zeit verwendet werden und anschließend anhaltende Folgen verursachen. Eine gesellschaftliche Entscheidung kann einen unmittelbaren Vorteil erzeugen, während ihre Kosten erst später oder an einem anderen Ort sichtbar werden.

Für meine Forschungskunst entsteht daraus ein konkreter Prüfauftrag: Welche Voraussetzungen nutzt eine Tätigkeit, wie verändert sie diese und über welchen Zeitraum wirken ihre Folgen? Die Beurteilung einer Handlung muss über den Augenblick ihres Erfolgs hinausreichen. Dazu gehört auch die Frage, wer die Folgen trägt und ob eine spätere Korrektur überhaupt noch möglich ist.

Hier verbindet sich die Erdgeschichtsuhr mit meiner plastischen Anthropologie als Referenzwissenschaft. Menschliche Vorstellungen von Fortschritt, Wohlstand, Freiheit oder Sicherheit werden auf die Bedingungen bezogen, unter denen Leben möglich bleibt. Ein wirtschaftlicher Gewinn, ein Eigentumstitel oder ein technischer Leistungszuwachs kann gesellschaftlich wirksam sein. Ob dadurch Lebensbedingungen erhalten oder beschädigt werden, muss jeweils an den tatsächlichen Folgen untersucht werden.

Die Uhr macht damit auch die gesellschaftlichen Zeitmaßstäbe selbst zum Gegenstand der Prüfung. Wahlperioden, Geschäftsberichte, Projektlaufzeiten und persönliche Lebensplanungen erfassen jeweils begrenzte Ausschnitte. Welche Folgen geraten aus dem Blick, wenn allein innerhalb dieser Zeiträume entschieden wird? Welche Verantwortung bleibt bestehen, nachdem eine Tätigkeit abgeschlossen, ein Gewinn verbucht oder eine Zuständigkeit beendet wurde?

Im Vier-Ebenen-Modell lässt sich dieser Zusammenhang genauer bearbeiten. E1 erfasst materielle Prozesse und ihre zeitlichen Bedingungen. E2 untersucht Stoffwechsel, Regeneration und lebendige Abhängigkeiten. E3 behandelt gesellschaftliche Vorstellungen, Regeln und Planungszeiträume. E4 verbindet diese Bereiche durch Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur. Die Uhr hilft dabei, zeitliche Unterschiede zwischen einer gesellschaftlichen Entscheidung und ihrer materiellen oder lebendigen Wirkung sichtbar zu machen.

Auch das Dreifache Optimum erhält dadurch eine zeitliche Dimension. Ein menschliches Steuerungsziel kann kurzfristig erfolgreich sein und langfristig die Bedingungen des Mediums oder des Organismus verschlechtern. Zukunftsfähigkeit verlangt deshalb, diese unterschiedlichen Zeiträume in die Beurteilung einzubeziehen.

Meine eigene Werkgeschichte lässt sich ebenfalls auf dieser Uhr verorten. Ein Menschenleben von 78 Jahren entspricht ungefähr 1,5 Millisekunden. Die Entwicklung meiner Forschungskunst seit 1975 umfasst bis 2026 nahezu eine Millisekunde. Innerhalb dieses kleinen Zeitabschnitts entstanden Werke, Begegnungen, Werkstätten und gesellschaftliche Entwürfe, die über meine eigene Lebenszeit hinaus weitergegeben werden können. Die Uhr verbindet so die biografische Verortung mit der Frage nach der möglichen Dauer und Weiterwirkung einer Tätigkeit.

Im So-Heits-Atelier bildet sie einen Ausgangspunkt für die Besucherarbeit. Vergrößerte Ausschnitte der letzten Sekunden und Millisekunden können Erdgeschichte, Menschheitsgeschichte, Industrialisierung und persönliche Lebenszeit aufeinander beziehen. Besucher wählen anschließend eine konkrete Tätigkeit aus – beispielsweise die Nutzung eines Gegenstandes, eine Ernährungsweise oder eine Form der Zusammenarbeit – und untersuchen deren Voraussetzungen und Folgen. Im Mitmachbuch werden die unterschiedlichen Zeiträume und mögliche Veränderungen festgehalten.

24 Uhr bezeichnet dabei die Gegenwart als gewählten Endpunkt der Darstellung. Welche Zukunft daraus entsteht, muss anhand der weiteren Entwicklungen und Handlungsmöglichkeiten untersucht werden. Die künstlerische Aufgabe der Uhr besteht darin, die kurze Dauer menschlichen Handelns mit der langen Dauer seiner Voraussetzungen und möglichen Folgen zusammenzubringen.

Ihre leitende Frage lautet: Wie müssen wir heute handeln, damit die Bedingungen, die unser Leben ermöglichen, auch nach unserer eigenen Lebenszeit erhalten bleiben?