29.9.2026

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

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An Frau Naomi Beckwith

und das künstlerische Team der documenta 16

PRÄZISIERTE BEWERBUNG FÜR DIE DOCUMENTA 16

DAS SO-HEITS-ATELIER DES GLOBALEN DORFES

Forschungskunst als öffentliche Überlebenswerkstatt und Verortungskunst der Gegenwart

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrtes künstlerisches Team,

mit dem So-Heits-Atelier des globalen Dorfes schlage ich für die documenta 16 einen begehbaren und modularen Forschungsraum vor, der aus mehr als fünfzig Jahren künstlerischer Arbeit hervorgegangen ist. Seine Leitfrage lautet:

Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und seine Tätigkeiten korrigieren kann?

Das So-Heits-Atelier ist als Verortungskunst gedacht. Der Ort ist die documenta 16, der Zeitpunkt ihre Gegenwart. Untersuchungsgegenstand ist der heutige Mensch selbst: seine Vorstellungen von Persönlichkeit, Freiheit, Eigentum, Fortschritt und Verantwortung sowie deren Verhältnis zu den materiellen, organismischen und planetarischen Bedingungen, von denen er abhängig bleibt.

Der Kern des Kunstwerks ist die Selbstbegegnung durch Gegenüberstellung. Körperorganismus, Stoffwechsel, Versorgung und Verletzbarkeit werden den gesellschaftlich und symbolisch gebildeten Vorstellungen von Persönlichkeit, Rolle, Eigentum und Freiheit gegenübergestellt. Diese im alltäglichen Selbstverständnis miteinander verschmolzenen Bereiche werden nicht tatsächlich getrennt, sondern vorübergehend unterscheidbar gemacht, damit ihre unterschiedlichen Bedingungen und Folgen wahrnehmbar werden.

Meine Hauptthese lautet:

Organismus und Persönlichkeit müssen unterscheidbar werden, damit ihre Verschmelzung und ihre Folgen erkennbar bleiben.

Das Atelier macht diese Untersuchung praktisch erfahrbar. Werke und Verfahren meines Lebenswerks werden nicht nur als historische Arbeiten gezeigt, sondern erneut zu künstlerischen Arbeits- und Prüfmitteln. Wasser und Strömung, Sand, Schultafeln, Goldobjekte, Rollenversuche, Fotografien, Collagen und Mitmachbücher stellen Vorstellungen ihren materiellen und gesellschaftlichen Wirkungen gegenüber.

Ein zentraler Maßstab ist die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte. Wird die Erdgeschichte auf einen Tag verdichtet, erscheint Homo sapiens erst in den letzten ungefähr sechs Sekunden. Im So-Heits-Atelier wird dieser Maßstab bis auf den einzelnen Besucher heruntergerechnet. Seine gesamte bisherige Lebenszeit entspricht auf dieser Skala nur ungefähr einem Millisekundenbereich. Damit entsteht eine unmittelbare Verortungsfrage: Welche Stellung und welche Wirkung hat ein so kurzzeitig existierender Mensch innerhalb eines planetarischen Zusammenhangs von Milliarden Jahren?

Von hier führt das Atelier zur Verantwortungsfrage. Verantwortung verstehe ich nicht nur als nachträgliches Einstehen für eine Handlung oder als Erfüllung einer gesellschaftlichen Rolle. Verantwortung bedeutet, die eigenen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen in die eigene Selbstprüfung zurückkehren zu lassen. Entscheidend ist, ob erkannte Folgen das weitere Handeln verändern können.

Der Besucher wird deshalb selbst Bestandteil des Kunstwerks. Er untersucht seine eigene Position: Wovon bin ich abhängig? Welche Rollen und Vorstellungen bestimmen mein Handeln? Was besitze ich? Worüber kann ich entscheiden? Welche Wirkungen gehen von meinen Tätigkeiten aus? Welche davon nehme ich wahr, welche bleiben außerhalb meines bisherigen Selbstbildes?

Diese Selbstverortung wird im Mitmachbuch weitergeführt. Besucher schreiben, zeichnen, fotografieren, collagieren, kombinieren transparente Folien, verändern Vorgaben und vergleichen ihre Vorstellungen mit den entstehenden Ergebnissen. Das Buch wird damit zu einem fortlaufenden Protokoll unterschiedlicher Selbst- und Weltverortungen während der documenta.

Meine seit 1975 entwickelte Experimentelle Umweltgestaltung bildet die praktische Grundlage dieses Vorgehens. Mein Lebenswerk entwickelte sich dabei zunehmend von einzelnen Kunstwerken zu Beteiligungs-, Wahrnehmungs- und Prüfverfahren. Das So-Heits-Atelier führt diese Entwicklung in einen öffentlichen Forschungsraum über.

Während der hundert Tage verändert sich dieser Raum durch Besucherhandlungen, Werkversuche, Gespräche und neue Seiten des Mitmachbuches fortlaufend. Daraus entsteht eine Raum-Zeit-Körper-Plastik. Der Atelierbetrieb selbst ist das tragende Kunstwerk; Vorträge, Fachgespräche und digitale Erweiterungen können es ergänzen.

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ verbindet den realen Arbeitsraum mit meinem Werkverzeichnis und dem digitalen Forschungsraum. Sie ermöglicht, Fragestellungen und Ergebnisse über den Zeitraum der documenta hinaus weiterzuführen.

Das So-Heits-Atelier ist damit weder nur Ausstellung noch Unterricht noch theoretisches Modell. Es ist eine öffentliche Versuchsanordnung der Forschungskunst, in der die documenta selbst zum Ort einer gegenwärtigen Selbstprüfung wird:

Wie beschreibt der Mensch sich selbst, worauf gründet er diese Selbstbeschreibung, welche Abhängigkeiten und Tätigkeitsfolgen bleiben darin unsichtbar – und ist er bereit, erkannte Konsequenzen in sein weiteres Handeln zurückkehren zu lassen?

Ich möchte dieses So-Heits-Atelier gemeinsam mit der documenta 16 als öffentliche Überlebenswerkstatt und Verortungskunst der Gegenwart verwirklichen.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner