2 Grundarchitektur der Wirklichkeit im Projekt: E1–E4
Die Grundarchitektur des Projekts besteht in der strikten Trennung von Zuständigkeiten, weil genau diese Trennung die Bedingung dafür ist, Drift als Drift überhaupt erkennen zu können.
Die vier Ebenen sind keine „Bereiche“ im Sinne von Themenfeldern, sondern Funktionsräume: Jede Ebene beantwortet eine andere Art von Frage und besitzt andere Kriterien dafür, was als gültig gelten darf.
Die Architektur behauptet damit nicht, dass es vier Welten gibt, sondern dass ein und dieselbe Welt nur dann prüfbar beschrieben werden kann, wenn man die Regeln nicht vermischt, nach denen Tragfähigkeit, Lebendkopplung, Geltung und Prüfbetrieb funktionieren.
Aus dieser Perspektive ist Ebenentrennung kein Abstraktionsspiel, sondern eine Voraussetzung von Verantwortlichkeit, weil Verantwortung nur dort entstehen kann, wo Ursache, Folge, Maßstab und Setzung unterscheidbar bleiben.
2.1 E1 Tragfähigkeit, Widerstand, Zeitlichkeit, Irreversibilität
E1 ist die Ebene, in der Wirklichkeit als Widerstand erscheint. Hier gilt, dass jede Tätigkeit eine Konsequenzspur erzeugt, und dass diese Spur nicht dadurch verschwindet, dass man sie anders benennt. Tragfähigkeit ist in diesem Sinn keine Eigenschaft, die man „zuschreibt“, sondern eine Bewährungsform: Entweder trägt ein Übergang, ein Material, eine Konstruktion, ein Boden, ein Körper, oder er trägt nicht. Zeitlichkeit gehört in E1, weil Irreversibilität der Grundmodus ist: Zustände entstehen, werden verändert, kippen, brechen, erschöpfen Ressourcen, und diese Vorgänge lassen sich nicht durch Geltung rückgängig machen. E1 ist daher die letzte Instanz gegen jede Unverletzlichkeitsbehauptung: Wo E1 widerspricht, ist nicht E1 zu korrigieren, sondern die Setzung.
2.2 E2 Stoffwechsel, Versorgung, Rhythmusfenster, Verletzbarkeit, Regeneration
E2 ist die Ebene, in der Wirklichkeit als Abhängigkeit erscheint. Leben ist hier nicht „eine Substanz“, sondern ein Prozess der Kopplung von Organismus und Milieu. Versorgung, Rhythmusfenster, Störung und Erholung sind nicht Zusatzthemen, sondern die Struktur der Fortsetzungsfähigkeit: Ein Lebewesen existiert nur, solange es in Energie- und Stoffflüsse eingebunden bleibt und seine Verletzbarkeit nicht aufhebt, sondern organisiert. Regeneration ist in E2 kein Ideal, sondern eine Bedingung, die Grenzen hat und immer mit Aufwand, Zeit und Risiko verbunden ist. In E2 wird deshalb sichtbar, dass Autonomie nicht Entkopplung bedeutet, sondern Kompetenz in Kopplung. Wo E2 als „niedere Natur“ abgewertet wird, beginnt die Drift, weil der Mensch dann seine eigene Existenzform als Nebensache behandelt.
2.3 E3 Symbolwelten: Sprache, Rollen, Eigentum, Recht, Identität, Autorität
E3 ist die Ebene, in der Wirklichkeit als Geltung erscheint. Sprache, Rollen, Eigentum, Recht, Identität und Autorität sind keine bloßen Illusionen, sondern operative Systeme, die Verhalten koordinieren und Handlungsräume öffnen oder schließen. Ihr Problem ist nicht, dass sie existieren, sondern dass sie zur Ersatzinstanz werden können: E3 kann so geführt werden, als könne Geltung Tragfähigkeit ersetzen, als könne ein Begriff einen Bruch verhindern oder als könne ein Rechtstitel aus Abhängigkeit herauslösen. In E3 entsteht damit die Möglichkeit von Besitznahme durch Begriffe, weil Zuständigkeit nicht nur beschrieben, sondern beansprucht wird. E3 ist im Projekt deshalb nicht der Feind, sondern die Hauptgefahrenzone: Dort entscheidet sich, ob Symbolik rückkoppelnd arbeitet oder immunisierend, ob sie Konsequenzen sichtbar hält oder verdeckt.
2.4 E4 Kopplungsdesign: Verfahren, Rituale, Werkstätten, Prüfprotokolle, Rekalibrierung
E4 ist die Ebene, die darüber entscheidet, ob die Ebenenarchitektur real wirksam wird oder nur auf Papier steht. E4 beschreibt die Verfahren, mit denen Rückkopplung erzwungen, gehalten oder umgangen wird. Werkstätten, Rituale, Mess- und Prüfprotokolle sind hier nicht kulturelles Beiwerk, sondern Designentscheidungen darüber, welche Fehler sichtbar werden, welche Korrekturen möglich sind und welche Selbstbestätigungen verhindert werden. Rekalibrierung ist in E4 der Normalmodus, weil kein System dauerhaft stabil bleibt: Drift ist immer möglich, daher muss der Prüfbetrieb so gebaut sein, dass er Drift erkennt und seine eigenen Setzungen korrigieren kann. In dieser Perspektive ist Kunst selbst ein E4-System, wenn sie als Prüfarchitektur betrieben wird: Sie baut Situationen, in denen Symbolik am Widerstand lernen muss.
2.5 Trägerwirklichkeit, Spurwirklichkeit, Geltungswirklichkeit als drei Zuständigkeitsebenen über dem Raster
Über dem Ebenenraster liegen drei Zuständigkeitstypen, die als Orientierung für jede Szene dienen. Trägerwirklichkeit ist das, was unabhängig von Anerkennung wirkt, also Widerstand, Energieflüsse, Zeitlichkeit, Stoffwechselbedingungen und Bruchlogik. Spurwirklichkeit ist das, was Trägerprozesse als Form hinterlassen oder was durch Handlungen als Fixierung in Trägerprozesse eingetragen wird, etwa eine Flussstruktur im Boden, eine Linie im Sand, ein Negativ in der Fotografie oder ein Abdruck in Gips. Geltungswirklichkeit ist das, was in Symbolordnungen als gültig gehandelt wird, etwa Eigentum, Wahrheit, Heiligkeit, Reinheit, Identität oder rechtliche Zuständigkeit. Drift entsteht dort, wo Spur- oder Geltungswirklichkeit so behandelt werden, als seien sie Trägerwirklichkeit, oder wo Trägerwirklichkeit als bloße Kulisse der Geltung erscheint. Die Aufgabe des Projekts besteht darin, diese Verwechslungen nicht nur zu benennen, sondern als Werk herzustellen, sodass die Rückkopplung sichtbar antwortet.
