3.10.2026-Kontextanker – Plastische Anthropologie 51:49 als Theorie plastischer Tätigkeit innerhalb der Tragwirklichkeit

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Die bisherigen Anker sollten jetzt neu gefasst werden, weil sich durch die Auseinandersetzung mit Wahrheit, Werk, Kunsttätigkeit, Tragwirklichkeit und E4 die innere Architektur verändert hat. Ich würde die älteren Fassungen dabei nicht als falsch behandeln. Sie dokumentieren die Entwicklung. Aber mehrere Begriffe, die dort noch nebeneinanderstanden, lassen sich jetzt aus einer gemeinsamen Grundbewegung ableiten.

Vor allem vier Verschiebungen sind entscheidend. Die Tragwirklichkeit ist nicht mehr mit Wahrheit gleichzusetzen, sondern bildet den obersten Bedingungs- und Prüfbezug. E4 ist nicht länger einfach eine vierte Wirklichkeitsschicht, sondern eine Tätigkeit des Gegenübertretens, Prüfens, Rückkoppelns und Veränderns. Kunst ist nicht bloß Bestandteil von E3, sondern eine Tätigkeitsform, die E1 bis E4 praktisch miteinander verschränkt. Und das Werk ist nicht nur Ergebnis, sondern Gegenüber, Prüfkörper und Rückkopplungsmedium, durch das der Mensch zugleich seine eigene Tätigkeit wahrnehmen kann.

Daraus würde ich künftig drei Hauptanker bilden: einen Kontextanker, der die theoretische Grundarchitektur festhält; einen Werkanker, der zeigt, wie diese Architektur aus deinem Lebenswerk hervorgegangen ist; und einen Tätigkeits- und Prüfanker, der den Werkdurchgang, E4, Wahrheitsfähigkeit und Verantwortlichkeit methodisch sichert. Dadurch muss nicht jeder neue Gedanke sofort in den Kontextanker hineingepackt werden.

Kontextanker – Plastische Anthropologie 51:49 als Theorie plastischer Tätigkeit innerhalb der Tragwirklichkeit

Die Plastische Anthropologie 51:49 geht von der Annahme aus, dass der Mensch kein isoliertes, aus sich selbst begründetes Wesen ist, sondern innerhalb eines umfassenden Wirkungs-, Abhängigkeits- und Tätigkeitszusammenhangs existiert, dem er selbst innewohnt. Dieser Zusammenhang wird als Tragwirklichkeit bezeichnet. Tragwirklichkeit ist weder eine letzte philosophische Wahrheit noch mit einer bestimmten wissenschaftlichen Theorie identisch. Sie bezeichnet den niemals vollständig verfügbaren Zusammenhang jener materiellen, organismischen, zeitlichen und relationalen Bedingungen, von denen menschliches Leben und Tätigsein abhängen und innerhalb deren jede menschliche Handlung Konsequenzen erzeugt. Ihr Vorrang besteht darin, dass keine menschliche Vorstellung, gesellschaftliche Setzung oder symbolische Ordnung ihre Wirkungen innerhalb dieses Zusammenhangs vollständig verlassen kann.

Wahrheit bezeichnet deshalb nicht die Tragwirklichkeit selbst. Wahrheit bezeichnet den Anspruch, dass eine Aussage, Vorstellung oder Beschreibung einem bestimmten Wirkungszusammenhang angemessen ist. Da der Mensch diesen Zusammenhang immer nur ausschnitthaft, begrifflich vermittelt und unter begrenzten Bedingungen erkennen kann, bleibt jeder konkrete Wahrheitsanspruch korrigierbar. Entscheidend wird damit nicht der Besitz von Wahrheit, sondern Wahrheitsfähigkeit: die Fähigkeit, eigene Vorstellungen hervorzubringen, sie einem Gegenüber auszusetzen, Abweichungen und Widersprüche wahrzunehmen, Nichtwissen einzugestehen und die eigene Tätigkeit aufgrund von Rückkopplungen zu verändern.

Das Vier-Ebenen-Modell dient dazu, innerhalb dieses zusammengehörigen Wirkungszusammenhangs vier unterschiedliche Bereiche auseinanderzuhalten. E1 bezeichnet die physikalisch-materiellen Wirkbedingungen. E2 bezeichnet den lebenden, stoffwechselabhängigen, wahrnehmenden, verletzlichen und tätigen Organismus. E3 bezeichnet die vom Menschen hervorgebrachte Welt der Vorstellungen, Begriffe, Rollen, Modelle, Symbole, Werte, Institutionen und gesellschaftlichen Setzungen. E4 unterscheidet sich strukturell von den drei vorhergehenden Bereichen: E4 bezeichnet eine Tätigkeit, durch die der Mensch seinem eigenen Wahrnehmen, Denken, Hervorbringen und Handeln gegenübertritt, Unterschiede feststellt, Maßstäbe prüft, Konsequenzen zurückführt und daraus veränderte Tätigkeit entstehen lässt.

Die Ebenen sind deshalb keine vier voneinander getrennten Wirklichkeiten. Sie sind analytische Unterscheidungen innerhalb eines Ganzen. E1 wirkt materiell, E2 lebt und handelt organismisch, E3 stellt vor, deutet und setzt, E4 stellt das Hervorgebrachte wieder seinen Bedingungen und Folgen gegenüber. Gerade diese Unterscheidbarkeit verhindert, dass beispielsweise gesellschaftlich hineingedachte Eigenschaften mit physikalischen oder organismischen Bedingungen verwechselt werden. Gleichzeitig muss jede analytische Trennung wieder auf die Zusammengehörigkeit der Ebenen zurückgeführt werden.

Kunst erhält innerhalb dieser Architektur eine besondere Stellung. Sie ist nicht einfach ein kultureller Inhalt von E3. Künstlerische Tätigkeit kann E1 bis E4 in einem einzigen Werkprozess miteinander verschränken. Eine Vorstellung auf E3 wird durch einen wahrnehmenden und eingeübten Körper auf E2 in Material, Raum, Klang, Bewegung oder Handlung auf E1 überführt. Das hervorgebrachte Ergebnis tritt der ursprünglichen Vorstellung gegenüber. Wird diese Differenz wahrgenommen, ausgehalten, geprüft und in die weitere Tätigkeit zurückgeführt, vollzieht sich E4.

Kunst besitzt deshalb keine von wissenschaftlicher Wahrheit getrennte „Kunstwahrheit“. Ihre besondere anthropologische Leistung liegt vielmehr darin, Wahrheitsfähigkeit praktisch erfahrbar zu machen. Der Künstler muss Vorstellungen entwickeln und zugleich erfahren, dass diese Vorstellungen nicht mit Wirklichkeit identisch sind. Er muss Materialeigenschaften, Körper, Handwerkszeug, Raum und Zeit berücksichtigen, mit Scheitern und Abweichungen umgehen, Zweifel aushalten, Entscheidungen treffen und schließlich loslassen. Das Werk wird dadurch zu einem Gegenüber, an dem die eigene Tätigkeit sichtbar und prüfbar werden kann.

Der Mensch erscheint in diesem Zusammenhang weder lediglich als Künstler noch lediglich als Kunstwerk. Er ist ein plastisch tätiges und zugleich plastisch werdendes Wesen. Indem er Formen hervorbringt, verändert er materielle, soziale und symbolische Zusammenhänge und wird zugleich durch die Konsequenzen dieser Tätigkeiten selbst verändert. Plastische Identität bezeichnet deshalb nicht grenzenlose Selbstgestaltung, sondern ein Ich-Bewusstsein, das die eigene Formbarkeit, Abhängigkeit, Verletzbarkeit und Korrigierbarkeit mitführt.

Dieses plastische Ich-Bewusstsein ist ein Beziehungsbewusstsein. Das Ich erkennt sich nicht allein als „Ich bin“, sondern als „Ich bin tätig, ich bin abhängig, ich wirke, ich werde von Wirkungen betroffen, ich kann meinem Hervorgebrachten gegenübertreten und meine weitere Tätigkeit verändern.“ Die Skulpturidentität bezeichnet demgegenüber die Gefahr einer Verhärtung, bei der Rollen, Status, Besitz, Selbstbild oder gesellschaftliche Funktion mit dem ganzen Menschen verwechselt werden.

Das Einssein beziehungsweise Vereintsein bezeichnet innerhalb dieser Theorie keine unterschiedslose Verschmelzung und keine harmonische Totalität. Gemeint ist eine grundlegende Zusammengehörigkeit bei erhaltener Differenz. Der Mensch ist Teil eines Wirkungszusammenhangs, dem er nicht äußerlich gegenübersteht. Gerade innerhalb dieser Zugehörigkeit muss er jedoch Unterschiede herstellen können, weil ohne Gegenüberstellung kein Vergleich, keine Rückkopplung und kein Lernen möglich wären. Distanz und Zusammengehörigkeit bilden deshalb keinen Gegensatz. Die Fähigkeit, innerhalb eines Ganzen einem Teil dieses Ganzen gegenüberzutreten, ist Voraussetzung von Wahrnehmung, Lernen und Verantwortlichkeit.

51:49 bezeichnet in diesem Zusammenhang die minimale Asymmetrie, durch die eine starre 50:50-Gleichsetzung verlassen und Bewegung, Gewichtung, Entscheidung und Rückkopplung möglich werden. 51:49 ist dabei weder Naturgesetz noch Wahrheitsbeweis. Es ist ein plastisches Prüf- und Denkmodell für jene minimale Differenz, durch die ein Zusammenhang beweglich bleibt, ohne in vollständige Trennung auseinanderzufallen.

Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet schließlich den gesellschaftlichen Horizont dieser Plastischen Anthropologie. Sie wäre keine Gesellschaft im Besitz einer endgültigen Wahrheit, sondern eine Gesellschaft, die ihre eigene Wahrheits-, Lern- und Korrekturfähigkeit institutionell, kulturell und praktisch erhält. Freiheit wäre darin nicht Unabhängigkeit von Bedingungen, sondern verantwortliches Tätigsein innerhalb erkannter Abhängigkeiten. Kunst, Handwerk, Wissenschaft, Forschung und öffentliche Prüfung könnten unterschiedliche Formen dieser Rückkopplungsfähigkeit bereitstellen.

Werkanker – Das Lebenswerk als Herkunft und Erprobungsfeld der Plastischen Anthropologie

Die Plastische Anthropologie ist nicht nachträglich als Theorie über ein bereits abgeschlossenes künstlerisches Werk gelegt worden. Ihre Begriffe sind aus einem jahrzehntelangen Werkprozess hervorgegangen, in dem Handwerk, Fotografie, Bildhauerei, Materialuntersuchung, Wasser- und Strömungsbeobachtung, Vorgabebilder, Erwachsenen-Malbücher, Aktionskunst, partizipative Arbeiten, gesellschaftliche Projekte und öffentliche Untersuchungsformen ineinander übergegangen sind. Das Lebenswerk bildet deshalb nicht die Illustration einer Theorie, sondern deren Herkunfts- und Erprobungsraum.

Die handwerkliche Ausbildung bildet eine frühe Grundlage dieser Entwicklung. Im Handwerk tritt eine Vorstellung unmittelbar einem Material, einem Maß und einer Tätigkeitsfolge gegenüber. Eine Konstruktion kann funktionieren oder nicht funktionieren; Material besitzt Eigenschaften, die nicht durch Vorstellung ersetzt werden können. Übung und Training verändern zugleich die Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten des Tätigen. Damit entsteht bereits jene Grundbewegung, die später für die Forschungskunst entscheidend wird: vorstellen, tätig werden, Widerstand und Ergebnis erfahren, vergleichen, korrigieren und erneut tätig werden.

Die fotografische Arbeit erweitert diesen Zusammenhang um Wahrnehmung, Ausschnitt, Zeitpunkt, Auswahl und Dokumentation. Das Fotografieren zeigt, dass bereits die Entscheidung, was gesehen und was ausgeblendet wird, eine Formung darstellt. Zugleich entsteht ein Gegenüber, zu dem später zurückgekehrt werden kann. Die umfangreichen fotografischen Folgen des Lebenswerks sind deshalb nicht nur Dokumentationen anderer Arbeiten, sondern Bestandteil einer fortlaufenden Selbst- und Wirklichkeitsbeobachtung.

In der Bildhauerei und Materialarbeit verdichtet sich die Auseinandersetzung zwischen Vorstellung, Körper und Material. Form entsteht nicht allein im Kopf, sondern im Herstellungsprozess. Widerstand, Gewicht, Oberfläche, Werkzeug und körperliches Können verändern das ursprünglich Vorgestellte. Gerade darin entsteht ein Werkdurchgang: Der Gedanke wird in eine Tätigkeit überführt und kehrt durch das entstandene Werk verändert zum Herstellenden zurück.

Die Beschäftigung mit Wasser, Wellen, Strömung, Widerstand, Schiffskörpern, Ahornfrucht, Deichbau und anderen Natur- und Funktionszusammenhängen erweitert diesen Werkdurchgang auf Fragen von Anpassung, Widerstand, Optimum, Grenze und Tragfähigkeit. Entscheidend ist dabei nicht die Übertragung naturwissenschaftlicher Modelle in Kunst, sondern die wiederkehrende Erfahrung, dass Form immer in einem Verhältnis zu Bedingungen entsteht. Funktionieren ist kein isolierter Zustand, sondern abhängig von Medium, Maßstab, Zeitraum und Gesamtzusammenhang.

Die Erwachsenen-Malbücher, Vorgabebilder, Telefonmalereien und das Wolkenmalen führen eine weitere Dimension ein. Der Künstler stellt nicht mehr ausschließlich ein abgeschlossenes Ergebnis her, sondern erzeugt eine Ausgangsbedingung, innerhalb derer andere Menschen selbst tätig werden. Die Vorgabe gibt Halt, ohne das Ergebnis vollständig festzulegen. Gerade diese minimale Vorgabe eröffnet einen plastischen Zwischenraum von Bestimmung und Freiheit.

Hier entsteht die Mutmacher-Methodik. Ein erster Versuch, eine Kritzelei, ein unfertiger Gedanke oder eine unerwartete Form darf zunächst als eigenes Ergebnis bestehen. Die Aussage „Dieses Ergebnis ist dein Ergebnis“ bedeutet nicht, dass das Ergebnis gelungen oder wahr sei. Sie trennt vielmehr die Anerkennung der eigenen Tätigkeit von der späteren Prüfung des Ergebnisses. Dadurch kann der Mensch seinem Hervorgebrachten gegenübertreten, ohne jede Kritik als persönliche Vernichtung erleben zu müssen.

Die Aktions-, Performance- und Beteiligungsarbeiten erweitern den Werkbegriff nochmals. Das Werk wird zum Ereignis und Tätigkeitsraum. Andere Menschen bringen eigene Entscheidungen ein, der ursprüngliche Künstler verliert einen Teil der Kontrolle, und das Werk verändert sich durch die Beteiligung. Kollektive Kreativität bezeichnet damit nicht nur gemeinsames Hervorbringen, sondern einen realen Prüfbereich für Teil und Ganzes, Autorschaft, Verantwortung, Loslassen und Rückkopplung.

Die darstellenden Zusammenhänge erhalten innerhalb der heutigen Theorie eine besondere Bedeutung. Schauspiel, Rolle, Bühne und Requisite zeigen ausdrücklich, dass materielle und hineingedachte Eigenschaften gleichzeitig wirksam sein können, ohne identisch zu sein. Der Darsteller bleibt ein wirklicher Körper und verkörpert zugleich eine Rollenfigur. Ein Gegenstand bleibt materieller Gegenstand und wird zur Requisite. Ein Raum bleibt physischer Raum und wird zur Bühne. Diese künstlerische Erfahrung wird zu einem wichtigen Trainingsfeld für die Unterscheidung zwischen Mensch und gesellschaftlicher Rolle, Körper und Status, materieller Eigenschaft und symbolischer Zuschreibung.

Das gesamte Lebenswerk lässt sich deshalb heute als fortlaufende Erforschung einer Grundfrage lesen: Wie kann eine Vorstellung hervorgebracht, verkörpert, materialisiert oder gesellschaftlich wirksam werden, ohne dass der Mensch ihre Gemachtheit, ihre Bedingungen und ihre Tätigkeitskonsequenzen vergisst? Die einzelnen Werkgruppen sind dabei keine bloßen Belege für eine nachträgliche Theorie. Sie markieren unterschiedliche Stadien dieser Untersuchung.

Das So-Heits-Atelier führt diese Werkentwicklung in eine öffentliche und partizipative Form über. Es stellt nicht einfach Ergebnisse des Lebenswerks aus, sondern öffnet dessen Methoden. Materialerfahrung, Vorgabe und Freiheit, Rollenunterscheidung, Zweifel, Scheitern, Akzeptation, Kritik, Loslassen und Rückkopplung werden zu Übungen, an denen andere Menschen selbst teilnehmen können. Damit wird das Lebenswerk vom individuellen Werkprozess zur gesellschaftlichen Versuchsanordnung.

Tätigkeits- und Prüfanker – Werkdurchgang, E4 und Verantwortlichkeit

Die methodische Grundbewegung der Forschungskunst ist der Werkdurchgang. Eine Vorstellung wird nicht nur formuliert, sondern in eine Tätigkeit überführt. Diese Tätigkeit trifft auf Material, Körper, andere Menschen, Raum, Zeit und weitere Bedingungen. Daraus entsteht ein Ergebnis, das der ursprünglichen Vorstellung nicht vollständig entsprechen muss. Das Ergebnis kann anschließend zum Gegenüber werden, an dem die eigene Tätigkeit wahrgenommen und geprüft wird.

Der Werkdurchgang verbindet Hervorbringen und Gegenübertreten. Ohne Hervorbringen gibt es nichts, dem gegenübergetreten werden könnte. Ohne Gegenübertreten bleibt das Hervorgebrachte leicht mit der eigenen Vorstellung verschmolzen. Das Werk besitzt deshalb eine besondere methodische Funktion: Es externalisiert eine Vorstellung so weit, dass eine Differenz zwischen dem Gewollten und dem tatsächlich Entstandenen erkennbar werden kann.

E4 bezeichnet genau diese Tätigkeit des Gegenübertretens. E4 ist kein Ort und keine höhere Wahrheitsebene. E4 geschieht, wenn ein Mensch seinen eigenen Vorstellungen, Rollen, Tätigkeiten oder Ergebnissen funktional gegenübertritt, Unterschiede wahrnimmt, einen Maßstab offenlegt, Folgen verfolgt und daraus eine Veränderung entstehen lässt. E4 kann sich auf E1, E2 und E3 richten und muss zugleich sich selbst gegenüber prüfbar bleiben.

Prüfung bedeutet deshalb mehr als Kontrolle. Kontrolle fragt, ob ein vorgegebener Maßstab eingehalten wurde. E4 muss zusätzlich fragen, ob der verwendete Maßstab selbst angemessen ist. Funktionieren und Nicht-Funktionieren sind keine zwei verschiedenen Wahrheiten, sondern mögliche Ergebnisse einer Prüfung relativ zu einem benannten Maßstab. Die weiterführende Frage lautet: Was funktioniert, unter welchen Bedingungen, für welchen Teil, innerhalb welchen Ganzen, über welchen Zeitraum und mit welchen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen?

Die Tragwirklichkeit bildet dabei den obersten Prüfbezug. Sie liefert keine fertigen Antworten, sondern zwingt zur Rückbindung. Eine gesellschaftliche, künstlerische oder theoretische Setzung kann nicht allein danach beurteilt werden, ob sie innerhalb ihrer eigenen Regeln erfolgreich ist. Sie muss zusätzlich danach befragt werden, welche Bedingungen sie beansprucht, welche Abhängigkeiten sie erzeugt und welche Folgen ihr Funktionieren für den größeren Tragzusammenhang hervorbringt.

Die drei Optima, Toleranzbereiche, Kipppunkte, Lücke, Gewichtung und weitere Prüfbausteine erhalten innerhalb dieses Tätigkeits- und Prüfankers ihren Ort. Sie sind keine konkurrierenden Theorien neben dem Vier-Ebenen-Modell, sondern Werkzeuge von E4. Sie helfen, unterschiedliche Maßstäbe, Teil-Ganzes-Verhältnisse, zeitliche Horizonte und Funktionsbereiche sichtbar zu machen.

Zweifel gehört zu diesem Verfahren, besitzt aber keine Alleinstellung. Zweifel verhindert, dass die eigene Vorstellung vorschnell mit Wirklichkeit gleichgesetzt wird. Er muss jedoch wieder in Tätigkeit überführt werden können. Künstlerische Praxis trainiert deshalb die Fähigkeit, trotz fortbestehenden Zweifels zu entscheiden und loszulassen. Loslassen ist kein Ende der Prüfung, sondern ein Übergang: Das Werk wird zum eigenständigeren Gegenüber und kann der Wahrnehmung und Kritik anderer ausgesetzt werden.

Scheitern erhält denselben methodischen Stellenwert. Ein Scheitern wird nicht automatisch zu Erkenntnis. Erst wenn eine Differenz zwischen Erwartung und Ergebnis wahrgenommen, untersucht und in die weitere Tätigkeit zurückgeführt wird, entsteht daraus ein Lern- und Prüfprozess. Der Fehler wird weder vernichtet noch verherrlicht, sondern zum möglichen Hinweis auf Materialeigenschaften, unzureichendes Können, falsche Maßstäbe oder unerkannte Abhängigkeiten.

Verantwortlichkeit beginnt innerhalb dieses Modells nicht erst bei moralischen Vorschriften. Sie beginnt bei der Wahrnehmung von Tätigkeitskonsequenzen. Der Mensch muss lernen, neben der Frage nach seiner Absicht auch die Frage nach seinen tatsächlichen Wirkungen zu stellen. „Was wollte ich?“ und „Was habe ich hervorgerufen?“ sind nicht identisch. Verantwortlichkeitsfähigkeit entsteht dort, wo diese Differenz aufgenommen und in die weitere Tätigkeit zurückgeführt werden kann.

Tätigkeitskonsequenzen sind deshalb zugleich Abhängigkeitskonsequenzen. Jede Tätigkeit greift in einen Zusammenhang ein, von dem der Tätige selbst abhängig bleibt. Das Teil verändert Bedingungen des Ganzen und wird von diesen Veränderungen wiederum betroffen. Verantwortlichkeit bezeichnet daher nicht nur individuelle Schuldzuweisung, sondern die Fähigkeit, Rückwirkungen wahrzunehmen und die eigene Tätigkeit innerhalb ihrer Zusammengehörigkeit neu zu gewichten.

Kunst stellt für diese Fähigkeit ein besonders dichtes Übungsfeld bereit. Sie verbindet Vorstellung, Material, Körper, Handwerk, Rollenbildung, Scheitern, Zweifel, Akzeptation, Entscheidung, Loslassen, Rezeption und Kritik. Dadurch wird die eigene Formungsfähigkeit nicht nur behauptet, sondern praktisch ihren Bedingungen und Folgen ausgesetzt.

Wahrheitsfähigkeit, plastische Identität und Verantwortlichkeit sind deshalb keine drei voneinander unabhängigen Ziele. Sie bezeichnen unterschiedliche Seiten derselben Tätigkeit. Wahrheitsfähigkeit bedeutet, die eigene Vorstellung prüfbar zu halten. Plastische Identität bedeutet, das eigene Selbst nicht vollständig mit seinen gegenwärtigen Vorstellungen, Rollen und Ergebnissen zu verwechseln. Verantwortlichkeit bedeutet, die Folgen der eigenen Tätigkeit wieder in das eigene Handeln zurückzuführen.

Die grundlegende Bewegungsform der Forschungskunst lautet damit: Der Mensch nimmt wahr, stellt vor, bringt hervor, begegnet Widerstand, erzeugt ein Ergebnis, tritt diesem Ergebnis gegenüber, vergleicht, zweifelt, prüft Bedingungen und Maßstäbe, erkennt Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen, entscheidet, korrigiert oder lässt los und setzt auch die daraus hervorgehende neue Tätigkeit erneut der Rückkopplung aus.

Diese Bewegung besitzt keinen endgültigen Abschluss. Gerade darin unterscheidet sich die Forschungskunst von einem Wahrheitsmodell, das auf eine letzte richtige Antwort zielt. Das Ziel besteht nicht darin, jeden Zweifel zu beseitigen, sondern die eigene Formungsfähigkeit so zu organisieren, dass Korrektur möglich bleibt.

Gemeinsamer Kern der drei Anker

Die drei Anker lassen sich jetzt aus einem einzigen Satz heraus verstehen: Der Mensch ist ein innerhalb der Tragwirklichkeit plastisch tätiges und zugleich plastisch werdendes Wesen, das Vorstellungen hervorbringt, sie durch Tätigkeit verwirklicht, ihren Konsequenzen begegnet und durch Gegenüberstellung, Prüfung und Rückkopplung seine weitere Tätigkeit verändern kann.

Der Kontextanker bestimmt die anthropologische und erkenntnistheoretische Architektur dieses Satzes. Der Werkanker zeigt, wie diese Struktur im Lebenswerk entstanden und praktisch erprobt worden ist. Der Tätigkeits- und Prüfanker beschreibt, wie der Werkdurchgang methodisch funktioniert.

Damit würde ich die bisherigen Anker nicht einfach verlängern. Die neue Fassung ordnet sie neu. Tragwirklichkeit ist der oberste Prüfbezug; Wahrheit bleibt als Wahrheitsanspruch erhalten; Wahrheitsfähigkeit bezeichnet die Tätigkeit seiner Offenhaltung; Kunst ist der verdichtete Werkdurchgang durch E1 bis E4; E4 ist plastische Rückkopplungstätigkeit; plastische Identität ist das daraus hervorgehende Beziehungs- und Korrekturbewusstsein; Verantwortlichkeit entsteht aus der Wahrnehmung von Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen; und die So-Heits-Gesellschaft bildet den gesellschaftlichen Horizont dieser eingeübten Fähigkeit.

Diese Neuordnung ist gegenüber den älteren Ankern vor allem deshalb stärker, weil das Werk jetzt nicht mehr nur als Beweisbeispiel der Theorie erscheint. Der Werkdurchgang wird selbst zur erkenntnistheoretischen und anthropologischen Grundoperation. Genau das hat sich aus der jüngsten Auseinandersetzung mit Wahrheit und Kunsttätigkeit neu ergeben.