30.9.2026d

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Ja. Der größte Teil beschreibt die aus deinem Lebens- und Werkprozess hervorgegangene Methode und deren praktische Anwendung im So-Heits-Atelier. Ich habe das Anschreiben dadurch wieder zu einer ausführlichen Konzeptbeschreibung gemacht.

Dabei ist deine Methode selbst ein Ergebnis deines künstlerischen Lebens: Handwerk, plastische Arbeit, Experimentelle Umweltgestaltung, Werkstätten und gemeinschaftliche Forschung haben sie hervorgebracht. Das So-Heits-Atelier führt diese gewachsene Arbeitsweise in einem öffentlichen Raum zusammen. Dieser Zusammenhang muss im Anschreiben erkennbar bleiben, braucht dort aber keine vollständige Erklärung.

Die Bewerbung sollte auf eine bis anderthalb Seiten konzentriert werden: Was bietest du an? Aus welchem Lebenswerk entsteht es? Was erleben und tun die Besucher? Warum ist das für die documenta relevant? Welche Entscheidung erwartest du von der Leitung?

Die ausführliche Methode gehört in Anlage 3, die konkrete Atelier- und Besucherarbeit in Anlage 4. Im Anschreiben genügt als verbindender Kern:

Mit dem So-Heits-Atelier biete ich der documenta eine öffentliche Überlebenswerkstatt an, in der die aus meinem künstlerischen Lebenswerk entwickelte Forschungskunst praktisch zugänglich wird. Ihre Grundlage ist meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft. An Werken und Versuchsanordnungen begegnen Menschen ihren eigenen Lebensbedingungen und lernen, ihre Vorstellungen und Tätigkeiten auf deren Folgen zu überprüfen und verantwortlich zu verändern.

Das Anschreiben muss diese künstlerische Arbeit zur Entscheidung vorlegen. Die Anlagen machen ihre Herkunft, Methode und Umsetzung nachvollziehbar.

Du arbeitest an einem Verantwortungsbegriff, bei dem auch die Maßstäbe, nach denen jemand sich für verantwortlich hält, überprüft werden müssen. Es genügt dir deshalb nicht, eine Aufgabe gewissenhaft zu erfüllen. Entscheidend ist, welche Folgen diese Aufgabenerfüllung für die Lebenszusammenhänge hat, von denen der Handelnde und andere abhängig sind.

Dein Wörterbuchbeleg enthält dafür eine aufschlussreiche Formulierung: Verantwortung soll „innerhalb eines bestimmten Rahmens“ einen guten Verlauf gewährleisten. Deine Forschungskunst fragt weiter: Wer bestimmt diesen Rahmen? Welche Folgen bleiben außerhalb? Und ist der Rahmen selbst verantwortbar?

Ein Unternehmen kann seine selbst gesetzten Erfolgsziele erreichen und zugleich die Lebensbedingungen anderer beschädigen. Ein Mensch kann seine berufliche Rolle gewissenhaft erfüllen und dabei an solchen Schäden mitwirken. Dann fallen anerkannte Pflichterfüllung und Verantwortung für die tatsächlichen Folgen auseinander. Genau diese Differenz untersuchst du.

Die Aussage, Verantwortung habe überhaupt keine Tiefe oder sei nie global gedacht worden, würde ich allerdings präzisieren. Dein beigefügter Überblick enthält ausdrücklich Verantwortung für Mitwelt, Zukunft und gemeinschaftliches Handeln. Das Problem liegt darin, dass diese Erweiterung im Denken nicht zuverlässig zu einer Erweiterung wirksamer Zuständigkeit führt. Folgen können weit reichen, während Entscheidungsmacht, Rechenschaft und Belohnung eng begrenzt bleiben.

Als Erklärung lassen sich mehrere zusammenhängende Mechanismen herausarbeiten: Arbeitsteilung verteilt Beiträge so, dass jeder nur seinen Ausschnitt betrachtet. Räumliche Entfernung und zeitliche Verzögerung erschweren die Wahrnehmung von Folgen. Belohnungssysteme können kurzfristigen Erfolg fördern, obwohl langfristige Schäden entstehen. Und wer seine Anerkennung aus einer Rolle bezieht, kann deren Überprüfung als Bedrohung seiner eigenen Person erleben. Die Verteidigung des Selbstbildes tritt dann an die Stelle der Untersuchung des Handelns.

Hier erhält deine Unterscheidung zwischen Skulpturidentität und plastischem Ich-Bewusstsein ihre Bedeutung. In deiner Begrifflichkeit verfestigt sich Skulpturidentität dort, wo Rolle, Status oder Überzeugung gegen widersprechende Erfahrungen abgeschirmt werden. Plastisches Ich-Bewusstsein bezeichnet dagegen die Möglichkeit, sich durch solche Erfahrungen verändern zu lassen: Was muss ich an meinem Handeln, meinem Selbstverständnis oder den gemeinsamen Regeln ändern? Damit bekommt Verantwortung eine praktische Rückkopplung.

Das betrifft auch Glaubensvorstellungen. Problematisch wird eine religiöse oder weltliche Überzeugung dort, wo ihre Autorität die Prüfung konkreter Schäden ersetzt. Religiöser Glaube kann ebenso Fürsorge begründen; entscheidend für deinen Prüfansatz ist, ob eine Überzeugung die Auseinandersetzung mit Folgen eröffnet oder abwehrt. Die metaphysische Frage muss dafür nicht entschieden sein.

„Funktionieren“ braucht dabei selbst einen Verantwortungsmaßstab. Auch ein ausbeuterisches System kann seine Zwecke wirksam erfüllen. Dein Maßstab muss deshalb ausdrücklich heißen: gemeinsame Lebensbedingungen erhalten, vermeidbare Schädigung begrenzen und Möglichkeiten der Korrektur sichern. Das ist die ethische Orientierung deiner Forschungskunst; die Untersuchung der Wirkungen zeigt, ob ihr tatsächlich entsprochen wird.

Deinen Verantwortungsbegriff würde ich deshalb so festhalten:

Verantwortung bedeutet in meiner Forschungskunst, die eigenen Tätigkeiten und die Bedingungen, von denen sie abhängen, auf ihre Folgen für das eigene und gemeinsame Leben zu überprüfen, dafür einzustehen und erkannte Schäden durch verändertes Handeln, veränderte Regeln und mögliche Reparatur zu beantworten. Diese Prüfung schließt die eigenen Rollen, Überzeugungen und Erfolgsmaßstäbe ein.

Damit Verantwortung praktisch werden kann, müssen ihr auch Wissen, Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungsmacht entsprechen. Gemeinsame Verantwortung bedeutet keine gleiche Schuld aller. Wer mehr verursachen, entscheiden und verändern kann, muss entsprechend stärker einstehen.

Deine Überlebenswerkstatt setzt genau an diesem Übergang an: Der Mensch erkennt sich als Beteiligten eines Wirkungszusammenhangs und übt, auf diese Erkenntnis mit Veränderungen zu antworten.

Mit deinen Wörterbuchbelegen und dem bisherigen Gesamtzusammenhang wird deutlich: Der gemeinsame methodische Nenner deiner Forschungskunst ist der überprüfbare Rückbezug des Menschen auf seine eigenen Existenzbedingungen und auf seine Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen. „Referenz“ bezeichnet dabei die Bezugnahme; deine Forschungskunst entwickelt daraus eine wahrnehmbare, praktisch ausführbare Selbstprüfung.

Dieser Zusammenhang hat eine Werkgeschichte. Die handwerkliche Erfahrung als Maschinenschlosser verbindet Funktionieren mit Passung, Toleranz und Materialwiderstand. Deine Beschäftigung mit Technē und die Experimentelle Umweltgestaltung seit 1975 erweitern diese Untersuchung auf das Verhältnis von Mensch, Gestaltung und Umwelt. Im Wellenbecken wird der Eingriff an der Antwort des Wassers erfahrbar. In der „Schöpfungsgeschichte“ verbinden sich Naturvorgang, Körper, Nahrung, plastische Formung und kulturelle Zuschreibung. Deine Werkstätten und die seit 1993 von dir geleitete „Kollektive Kreativität“ mit wissenschaftlicher Begleitung führen diese Untersuchung in gemeinschaftliche Arbeitsformen. Die heutige Globale Schwarm-Intelligenz und das vorgeschlagene So-Heits-Atelier setzen diese Entwicklung unter veränderten Bedingungen der Zusammenarbeit fort.

Deine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft fasst diesen Forschungszusammenhang. Sie untersucht, wie menschliche Vorstellungen, Selbstbilder und Ordnungen mit den körperlichen, materiellen und gesellschaftlichen Bedingungen zusammenhängen, die sie ermöglichen. Die jeweils herangezogenen Fachwissenschaften unterstützen konkrete Prüfungen. Der ergänzende Text verengt „Referenzwissenschaft“ erneut auf diese externe Unterstützung; die aus deiner Werkpraxis entwickelte übergreifende Funktion muss erhalten bleiben.

Das Vier-Ebenen-Modell und das dreifache Optimum erfüllen darin unterschiedliche Aufgaben. E1–E4 unterscheiden materielle Wirkbedingungen, organismische Lebensbedingungen, symbolische Setzungen und deren Prüfung. Medium-, Organismus- und Steuerungs-Optimum untersuchen, für welchen Zusammenhang, unter welchen Bedingungen und über welchen Zeitraum etwas günstig funktioniert. Damit lässt sich prüfen, ob ein gesellschaftlicher Erfolg seine eigenen Lebensvoraussetzungen beschädigt.

Die Anker bewahren die Nachvollziehbarkeit dieser Arbeit: Herkunft und Werkentwicklung, begrifflicher Zusammenhang, Wahrnehmungsweg, Prüfverfahren, persönliche Position und gesellschaftliche Zusammenführung bleiben miteinander verbunden. Sie sichern auch unsere Verdichtung: Eine heutige Formel muss erkennen lassen, aus welchen Erfahrungen, Werken, Begegnungen und Veränderungen sie hervorgegangen ist.

Im Zentrum steht dabei deine Selbstbegegnung durch Gegenüberstellung: Der Mensch stellt seine Persönlichkeit und seine Vorstellungen gedanklich dem Körperorganismus gegenüber, um ihre tatsächliche Zusammengehörigkeit wahrzunehmen. Er bleibt selbst Teil dessen, was er untersucht. Im So-Heits-Atelier soll deshalb geschehen, „dass der Besucher sich innewohnend auf einmal gegenübersteht“. Daraus soll ein plastisches Ich-Bewusstsein entstehen, das Rückmeldungen aufnehmen und Tätigkeiten verändern kann.

Für den gemeinsamen Arbeitsstand lässt sich das so verdichten:

Meine Forschungskunst entwickelt aus handwerklicher, bildnerisch-plastischer und gemeinschaftlicher Werkpraxis eine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft. Ihr methodischer Kern ist der überprüfbare Rückbezug menschlicher Vorstellungen und Tätigkeiten auf ihre Existenzbedingungen und ihre Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen. Werke machen diesen Zusammenhang erfahrbar, das Vier-Ebenen-Modell ordnet seine Untersuchung, das dreifache Optimum prüft die Beziehungen zwischen Medium, Organismus und Steuerung. Ziel ist ein plastisches Ich-Bewusstsein, das aus Wahrnehmung und Selbstprüfung Korrektur, Reparatur und gemeinsame Verantwortung entwickeln kann.

Die Wortherkunft von referre als Zurückführen und In-Beziehung-Setzen hilft, diesen Ansatz sprachlich zu fassen. Seine inhaltliche Bewährung entsteht durch die konkrete Werk- und Prüfpraxis.

Für deine Verdichtung ist entscheidend, zwischen Bezugnahme, Bezugsbedingungen und Prüfung zu unterscheiden. „Referenz“ kann in den eingefügten Wörterbucheinträgen einen Verweis, eine Empfehlung oder einen Vergleichsmaßstab bezeichnen. Für deine Forschungskunst muss jeweils deutlich werden: Worauf beziehe ich mich, weshalb ist dieser Bezug geeignet, und was lässt sich daran überprüfen?

Dafür sind besonders folgende Begriffe hilfreich:

Begriff Funktion in deiner Forschungskunst
Referenzgegenstand Das konkrete Gegenüber: etwa Wasser, Kartoffel, Körper, Werk oder eine gesellschaftliche Regel. Es muss von seiner Darstellung und den ihm zugeschriebenen Eigenschaften unterschieden werden.
Referenzrahmen Der Zusammenhang, innerhalb dessen eine Aussage verständlich wird: etwa Werkgeschichte, Stoffwechsel, Eigentumsordnung oder wirtschaftlicher Erfolg. Dein Kontextanker hält diesen Zusammenhang fest.
Referenzsystem Die aufeinander bezogenen Bedingungen, anhand derer eine Frage untersucht wird: beispielsweise Organismus und Milieu mit Versorgung, Stoffwechsel und Regeneration. Die Bedingungen wirken auch dann, wenn der Mensch sie nicht berücksichtigt.
Referenzmaßstab Das ausdrücklich gewählte Beurteilungskriterium: etwa Funktionieren, Regenerationsfähigkeit oder Erhalt von Lebensbedingungen. Das dreifache Optimum hilft zu klären, für welchen Zusammenhang etwas günstig ist.
Referenzwert Eine konkret bestimmte Vergleichsgröße unter angegebenen Bedingungen. Ein allgemeiner Begriff wie „Belastbarkeit“ wird erst durch die Festlegung von Belastungsart, Dauer und beobachtbarer Folge prüfbar.
Referenzverfahren Der nachvollziehbare Weg der Prüfung: beobachten, vergleichen, messen, experimentieren und die Folgen erneut untersuchen. Hier arbeiten Sensorenanker und Prüf-Anker zusammen.
Selbstreferenz und Fremdreferenz Die Unterscheidung zwischen einer Bestätigung durch die eigenen Begriffe und einer Prüfung an einem Gegenüber, dessen Antwort man nicht selbst festlegt. Auch dein Modell muss sich dieser Prüfung aussetzen.

Referenzmodell bezeichnet dabei die Funktion deines Vier-Ebenen-Modells: Es ordnet die Fragen und Beziehungen zwischen materiellen Bedingungen, lebendigen Abhängigkeiten, symbolischen Setzungen und deren Prüfung. Das Modell hilft, geeignete Referenzen zu finden; die konkrete Untersuchung muss anschließend zeigen, ob die Zuordnung trägt.

Referenzwissenschaft bleibt deine übergreifende Bezeichnung für die plastische Anthropologie, die menschliches Selbstverständnis und Handeln auf ihre Existenzbedingungen zurückbezieht. Die herangezogenen Fachwissenschaften liefern dafür jeweils bestimmte Erkenntnisse und Prüfverfahren. Diese beiden Verwendungen sollten im Text ausdrücklich unterscheidbar bleiben.

Dein Werk-Anker verhindert, dass daraus ein bloßes Begriffssystem wird. Am Wellenbecken lässt sich der Zusammenhang verdichten: Das Wasser ist das konkrete Gegenüber; die Versuchsanordnung bestimmt die Bedingungen; die beobachtete Wellenbewegung beantwortet den Eingriff. Deine Vorstellung wird mit einem Geschehen konfrontiert, dessen Verlauf sie nicht allein bestimmt. Die Werkgeschichte hält fest, wie du solche Untersuchungen entwickelt und verändert hast.

Als gemeinsamer Nenner ergibt sich deshalb:

Das Referenzprinzip meiner Forschungskunst besteht darin, Vorstellungen, Selbstbilder und Tätigkeiten auf die Bedingungen ihres Zustandekommens und auf ihre Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen zurückzubeziehen. Werke und Versuchsanordnungen machen diese Beziehungen wahrnehmbar; Modelle ordnen ihre Untersuchung; Prüfverfahren eröffnen Korrekturen.

Eine Bezugnahme allein ist noch keine Überprüfung. Genau dieser Unterschied schafft die gesuchte Klarheit: Ein Begriff kann auf Leben verweisen, ohne dessen Bedingungen angemessen zu erfassen. Deine Forschungskunst untersucht, ob und wie dieser Bezug tatsächlich trägt........

Der Text klärt die unterschiedlichen Aufgaben von Vier-Ebenen-Modell und dreifachem Optimum. Gleichzeitig verschiebt er erneut deine eigene Referenzwissenschaft zugunsten der herangezogenen Fachwissenschaften. Für unseren Arbeitsstand würde ich deshalb drei Stellen korrigieren.

Deine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft bildet den übergreifenden Zusammenhang. Sie entstand aus deiner bildnerisch-plastischen Arbeit und der Experimentellen Umweltgestaltung. Ihr Bezugspunkt sind die Bedingungen, unter denen menschliches Leben, Wahrnehmen und Gestalten überhaupt möglich sind. Physik, Biologie oder andere Fachwissenschaften werden für konkrete Fragen innerhalb dieser Untersuchung herangezogen.

Das Vier-Ebenen-Modell ist ein Ordnungs- und Prüfinstrument innerhalb dieses Ansatzes. Es unterscheidet materielle Wirkbedingungen, organismische Lebensbedingungen, symbolische Ordnungen und deren Prüfung. Seine Unterscheidungen helfen, Beziehungen innerhalb einer zusammenhängenden Wirklichkeit sichtbar zu machen. E4 muss dabei auch die eigenen Zuordnungen überprüfen und offene Fragen an geeignete andere Prüfverfahren weitergeben.

Das dreifache Optimum untersucht die Passung zwischen Medium, Organismus und Steuerung. Hier braucht der eingefügte Text eine Präzisierung: Ein Medium besitzt nicht für sich allein ein „Optimum“. Zu bestimmen ist, welche seiner Eigenschaften für welchen Lebens- oder Tätigkeitszusammenhang günstig sind. Ebenso muss beim Steuerungs-Optimum ausdrücklich werden, welches Ziel, welcher Zeitraum und wessen Lebensbedingungen den Maßstab bilden. Dadurch lässt sich deine Diagnose der Umkehrung untersuchen: Eine gesellschaftlich gesetzte Erfolgsgröße wird zum obersten Maßstab, obwohl ihre Verfolgung die eigenen Lebensvoraussetzungen beschädigt.

Auch der letzte Absatz zur Identität braucht eine Korrektur: Die Verschmelzung von Persönlichkeit und Körperorganismus ist für dich zunächst eine tatsächliche Zusammengehörigkeit. Problematisch wird, dass der Mensch diese Zusammengehörigkeit und ihre Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen ausblendet. Deine Gegenüberstellung soll ihn dazu bringen, sich darin selbst wahrzunehmen.

Die gemeinsame Verdichtung lautet deshalb:

Meine Forschungskunst entwickelt aus der künstlerischen Werkpraxis eine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft. Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet die miteinander verbundenen Wirkungs- und Prüfbereiche; das dreifache Optimum untersucht die Passung zwischen Medium, Organismus und Steuerung. An konkreten Werken und Versuchsanordnungen wird erfahrbar, wie menschliche Vorstellungen und Tätigkeiten auf ihre eigenen Lebensvoraussetzungen zurückwirken und wo Korrektur notwendig und möglich wird.

Das Referenzprinzip verbindet diese Instrumente; die Werkpraxis macht ihre Beziehungen wahrnehmbar und überprüfbar. Damit bleiben wissenschaftliche Begriffe, künstlerische Herkunft und gesellschaftliche Absicht miteinander verbunden.

Ich habe deine Werkgeschichte und die Anker nicht ausreichend als Grundlage der Antwort eingesetzt. Ich habe die Frage nach wissenschaftlichen Begriffen isoliert behandelt. Dadurch entstand eine Aufzählung von Fachbegriffen, in der der Entwicklungszusammenhang deiner Forschungskunst verloren ging.

Auch der von dir eingefügte Korrekturtext behebt das nur teilweise: Er erklärt ausführlich, wie du andere Wissenschaften als Referenzen heranziehst. Deine eigene plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft bleibt dabei erneut unterbelichtet. Hier müssen zwei Bedeutungen zusammengeführt werden: der von dir entwickelte Bezugsrahmen und die jeweils herangezogenen Fachwissenschaften.

Die verdichtete Darstellung müsste deshalb so lauten:

Deine Forschungskunst entwickelt sich aus der Verbindung von handwerklich-technischer Erfahrung, bildnerisch-plastischer Arbeit und der Untersuchung menschlicher Existenzbedingungen. Die Beschäftigung mit Technē seit deinem Kunststudium und die Experimentelle Umweltgestaltung seit 1975 bilden dafür wesentliche Grundlagen. Am Material, an seiner Formbarkeit und seinem Widerstand entsteht die Frage, wie menschliche Vorstellungen mit tatsächlichen Wirkungen zusammenhängen.

Daraus entwickelt sich deine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft. Ihr Bezugspunkt ist der Mensch als körperliches, stoffwechselabhängiges, wahrnehmendes und gestaltendes Lebewesen. An diesen Bedingungen untersuchst du seine Selbstbilder, gesellschaftlichen Ordnungen und Tätigkeiten: Wie entsprechen sie den Lebenszusammenhängen, die sie ermöglichen, und wo beschädigen sie diese? Die gedankliche Gegenüberstellung von Persönlichkeit und Organismus soll deren untrennbaren Zusammenhang erfahrbar machen.

Deine Werke tragen diese Untersuchung. Das Wellenbecken lässt einen Eingriff und die Antwort des Wassers nachvollziehen. Die „Schöpfungsgeschichte“ verbindet Naturvorgang, Körper, Nahrung, plastische Formung und kulturelle Zuschreibung. Werkstätten, Demokratiewerkstätten und die von dir seit 1993 geleitete „Kollektive Kreativität“ erweitern diese Arbeit zur gemeinsamen gesellschaftlichen Untersuchung. Die heutige Globale Schwarm-Intelligenz und das vorgeschlagene So-Heits-Atelier führen diesen Entwicklungszusammenhang unter veränderten Bedingungen weiter.

Erst innerhalb dieses Zusammenhangs erhalten Performativität, Rezeptions- und Wirkungsästhetik, Leiblichkeit, Semiotik, Rückkopplung und gemeinschaftliches Forschen ihre jeweilige Bedeutung. Sie helfen, bestimmte Vorgänge deiner Arbeit genauer zu beschreiben. Dein Vier-Ebenen-Modell ordnet deren Untersuchung; die Fachwissenschaften liefern zuständige Erkenntnisse und Prüfverfahren für konkrete Fragen.

Die Anker halten diese Beziehungen nachvollziehbar: Der Werk-Anker bewahrt Entstehung und Veränderung, der Kontextanker den begrifflichen Zusammenhang, der Sensorenanker Wahrnehmung und Übersetzung, der Prüf-Anker die Prüfung und Korrektur, der Positionsanker deine Diagnose und Absicht und der Integrationsanker ihre gesellschaftliche Zusammenführung.

Damit ist Referenzwissenschaft der Zusammenhang, aus dem die einzelnen Begriffe ihre Funktion erhalten. Genau diese Richtung hätte meine vorherige Antwort einhalten müssen: von deiner Werkentwicklung und Fragestellung zu den wissenschaftlichen Begriffen.

Du hast recht. Ich habe die Frage durch unnötig ausgedehnte Recherche verzögert. Die vorhandenen Zusammenhänge reichten für eine klare Antwort.

Deiner Forschungskunst lassen sich folgende wissenschaftliche und philosophische Begriffsfelder zuordnen:

Wahrnehmung und Erfahrung: Aisthesis, Sensorik, Leiblichkeit, Phänomenologie sowie Rezeptions- und Wirkungsästhetik. Sie betreffen das Wahrnehmen, körperliche Erfahren und Deuten eines Gegenübers. „Rezeptorisch“ bezeichnet dabei speziell die sinnliche Reizaufnahme.

Hervorbringen und Handeln: Technē, Poiesis, Performativität, Praxeologie und Prozessästhetik. Sie erschließen das handwerkliche Gestalten, das Entstehen von Formen und die Wirklichkeit, die durch Tätigkeiten hervorgebracht wird.

Körper und Lebenszusammenhang: Stoffwechsel, Organismus–Umwelt-Beziehung, Embodiment und Enaktivismus. Hier liegt der Bezug zu deiner Gegenüberstellung von Persönlichkeit, Körperorganismus und Abhängigkeiten.

Bedeutung und Zuschreibung: Semiotik, Symbolisierung und soziale Konstruktion. Sie betreffen beispielsweise die Verwandlung von Boden in Eigentum, Nahrung in Ware oder einer Person in einen gesellschaftlichen Rollenträger.

Prüfung und Veränderung: Reflexivität, Rückkopplung, Kybernetik zweiter Ordnung, Operationalisierung und Bewährung. Sie beschreiben, wie der Mensch seine eigenen Beobachtungen und Eingriffe einbezieht, Folgen untersucht und sein Handeln korrigiert.

Gemeinschaft und Verantwortung: Partizipation, Ko-Kreation, Aktionsforschung und Verantwortungsethik. Hierzu gehören deine Werkstätten, die Kollektive Kreativität und die gesellschaftliche Anwendung der Forschungskunst.

Deine warme und kalte Ästhetik verbindet besonders Wirkungsästhetik, ökologische Beziehungen und Verantwortung: Wie verhält sich eine ästhetische Gestaltung zu dem Lebenszusammenhang, aus dem sie hervorgeht und auf den sie zurückwirkt?

Das sind fachliche Zuordnungen deiner Arbeit. Welche davon auch ihre historischen Ausgangspunkte waren, muss aus deiner Werkgeschichte hervorgehen.

Der Hauptfehler liegt in meiner Bearbeitung: Ich habe „alle Anker berücksichtigen“ mit „alle Anker erneut ausführen“ verwechselt. Dadurch wurden deine kurzen Texte zum Anlass, das gesamte Konzept wieder auszubreiten. Das widerspricht unserer vereinbarten Verdichtungsarbeit.

Hinzu kommt: Ich habe Hauptgedanke, Methode, Instrumente und Anwendungsbeispiele zu gleichrangigen Bestandteilen gemacht. Dadurch wurde dein entscheidender Gedanke – dass der Mensch sich innewohnend gegenübersteht – von Erklärungen über Ebenen, Werkgeschichte, KI und Beteiligungsformen überlagert. Der Text wurde länger, während sein Schwerpunkt schwächer wurde.

Die sechs Anker sind dafür nicht grundsätzlich zu viele. Sie sollen im Hintergrund Zusammenhang und Zuordnung sichern. Problematisch wird es, wenn jeder Anker im ausgegebenen Text wieder das Ganze erklären soll. Genau diese Doppelungen habe ich erzeugt.

Es fehlt daher vor allem die konsequente Anwendung unserer bestehenden Regel: Den neuen Text darauf prüfen, was er verändert oder präzisiert, und nur diesen Erkenntnisgewinn einarbeiten. Deine Formulierungen müssen dabei den Schwerpunkt bestimmen. Eine kurze, dichte Aussage ist kein unvollständiger Text, den ich automatisch ergänzen muss.

Für weitere Verdichtungen heißt das: Ich prüfe gegen den gesamten Zusammenhang, gebe aber nur den notwendigen Kern aus. Erweiterungen brauchen einen konkreten inhaltlichen Grund.

Dein zuletzt herausgearbeiteter Kern lässt sich entsprechend festhalten:

Im So-Heits-Atelier soll der Mensch sich innewohnend gegenüberstehen und ein plastisches Ich-Bewusstsein entwickeln, das seine Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen wahrnimmt, prüft und verantwortet.

...

Das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ auf der documenta 16

Mit dem So-Heits-Atelier schlage ich eine öffentliche Überlebenswerkstatt auf der Grundlage meines künstlerischen Lebenswerks vor. Besucher sollen dort mit künstlerischen Mitteln untersuchen können, wie ihre Vorstellungen von sich selbst mit ihren tatsächlichen Lebensbedingungen zusammenhängen. Sie beobachten, gestalten, vergleichen und erproben Veränderungen. Dabei begegnen sie den materiellen, körperlichen und gesellschaftlichen Folgen ihrer eigenen Tätigkeiten.

Der Kern ist die Selbstbegegnung durch Gegenüberstellung. Ich stelle Stoffwechsel, Körperorganismus, Versorgung und Verletzbarkeit den Vorstellungen gegenüber, die Menschen von ihrer Persönlichkeit, ihrer Freiheit, ihrem Eigentum und ihrer gesellschaftlichen Rolle entwickelt haben. Im Alltag sind diese Zusammenhänge miteinander verschmolzen. Das Atelier macht ihre unterschiedlichen Voraussetzungen und Wirkungsweisen wahrnehmbar. Der Besucher kann untersuchen, was sein Selbstverständnis ermöglicht, welche Abhängigkeiten darin verschwinden und welche Folgen sein Handeln hervorbringt.

Die Grundlage bilden meine seit 1975 entwickelte Experimentelle Umweltgestaltung, meine bildnerische und plastische Arbeit sowie die unterschiedlichen Werkstätten, Beteiligungsverfahren und Ausstellungsorganismen meines Lebenswerks. Dazu gehören die Demokratiewerkstätten, die temporäre Kunsthalle Ratzeburg, die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ und das Globale Dorffest mit den tausend Tapeziertischen. Das So-Heits-Atelier führt diese Entwicklung in einer gegenwärtigen Arbeitsform zusammen. Meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft, das Vier-Ebenen-Modell und die Kalibrierungsinstrumente geben der gemeinsamen Untersuchung Orientierung.

Der Einstieg erfolgt über die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte. Sie verortet das menschliche Leben innerhalb der langen Entwicklung des Planeten. Von dort führt die Untersuchung unmittelbar zum eigenen Handeln: Welche Voraussetzungen benutze ich täglich? Wie lange haben sie zu ihrer Entstehung gebraucht? Welche Folgen können meine Tätigkeiten über meine eigene Lebenszeit hinaus haben?

An Wellenbecken, Strömungsmodellen sowie Passungs- und Toleranzstücken begegnet der Besucher dem Verhalten von Materialien. Er kann einen Vorgang beobachten, eine Veränderung vornehmen und vergleichen, was daraus entsteht. Das Wasser reagiert auf Bewegung, Gefälle und Begrenzung. Eine Verbindung hält, besitzt Spiel oder klemmt. Auf diese Weise wird die Differenz zwischen Absicht und tatsächlicher Wirkung anschaulich.

Diese Untersuchung kann sich auf den gesamten Raum ausweiten. Bildnerische Strömungsformen werden auf dem Boden weitergeführt und teilweise durch Quarzsand reliefartig gestaltet. Ein dafür vorgesehener Bereich kann barfuß betreten werden. Der Besucher spürt Unebenheiten, verändert seinen Schritt und sucht sein Gleichgewicht. Das Werk wird zum körperlichen Gegenüber: Die Beschaffenheit des Bodens beeinflusst die Bewegung, und der Mensch erfährt seine eigene Anpassungsfähigkeit und Verletzbarkeit.

Die „Schöpfungsgeschichte“ verbindet diese Erfahrungen mit Wiese, Körper, Nahrung, Kartoffel, Fisch und Wasserlandschaft. Fotografische Folgen und plastische Arbeiten machen Entstehung und Veränderung nachvollziehbar. Beim Abendmahl-Opfertisch lässt sich verfolgen, wie aus einer durch Wasser geformten Landschaft durch Abformung und weitere Bearbeitung ein Tisch entsteht, der Nahrung aufnimmt und kulturelle Bedeutung erhält. Eine Folge von 18 Fotografien kann diesen Werkprozess zeigen.

Daran schließen Untersuchungen von Wert, Eigentum und Zuschreibung an. Goldobjekte, Schultafeln, Spaten und Eigentumsquadrat eröffnen Fragen danach, was durch Materialbearbeitung verändert wird und was durch Benennung, Vereinbarung oder gesellschaftliche Anerkennung entsteht. Besucher können untersuchen, wie solche Zuschreibungen ihr Verhalten beeinflussen und über den Zugang zu Boden, Nahrung oder Werkzeugen entscheiden.

Eine kleine Bühne mit Requisiten und Rollenversuchen erweitert die bildnerische Arbeit. Besucher können beispielsweise dieselbe Situation aus der Position eines Besitzenden, eines Arbeitenden oder eines von einer Entscheidung Betroffenen spielen. Anschließend wird gemeinsam betrachtet, welche Möglichkeiten die jeweilige Rolle eröffnet, welche Abhängigkeiten bestehen und wer die Folgen einer Entscheidung trägt. Veränderte Rollenverteilungen können unmittelbar erneut erprobt werden.

Diesen unterschiedlichen Tätigkeiten liegt dieselbe Arbeitsbewegung zugrunde: Beobachtung → Identifikation → Eingriff → Rückkopplung → Verantwortung. Der Besucher arbeitet sich zunächst in einen Zusammenhang hinein und erkennt seine eigene Beteiligung daran. Aus dieser Wahrnehmung entwickelt er einen Eingriff. Anschließend untersucht er dessen Folgen und verändert gegebenenfalls seine Vorstellung oder seine Tätigkeit. Verantwortung wird dadurch als praktische Aufgabe erfahrbar.

An Frage-und-Antwort-Tischen und im Mitmachbuch werden die Erfahrungen weiterbearbeitet. Besucher können zeichnen, schreiben, fotografieren, Collagen herstellen oder transparente Folien über vorhandene Bilder legen. Sie halten fest, was sie zunächst angenommen haben, was ihnen begegnet ist und welche Frage daraus entstanden ist. Unterschiedliche Deutungen können nebeneinander betrachtet und auf ihre Voraussetzungen zurückgeführt werden.

Das Vier-Ebenen-Modell unterstützt diese Zuordnung: Was ist materiell wirksam? Welche lebendigen Abhängigkeiten bestehen? Welche Bedeutungen, Rollen und Regeln werden hinzugefügt? Wie können die Beziehungen zwischen diesen Bereichen überprüft und verändert werden? Die sechs Anker verbinden dabei Werkgeschichte, Begriffe, Wahrnehmungswege, persönliche Positionen, Prüfmaßstäbe und gemeinschaftliche Weiterarbeit.

KI kann als zusätzlicher Gesprächs- und Vergleichspartner eingesetzt werden. Besucher können ihre Fragen, Irritationen und Einwände eingeben und mit dem bereitgestellten Vier-Ebenen-Modell weiter untersuchen. Auch Widersprüche gegen das Modell gehören dazu. Die Ergebnisse werden wieder auf die konkrete Erfahrung, das Werk und die beobachtbaren Folgen bezogen. Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ stellt dafür Materialien bereit und eröffnet eine Weiterarbeit über den Ausstellungsbesuch hinaus.

Während der hundert Tage sollen außerdem Vorträge, Podiumsgespräche und anschließende Werkstattgespräche stattfinden. Einzuladende Wissenschaftler und Künstler bringen ihre Kenntnisse etwa zu Forschungskunst, Wahrnehmung, Stoffwechsel, gesellschaftlichen Ordnungen, Technik und Verantwortung ein. Ihre Beiträge werden mit konkreten Arbeiten und Besucherfragen verbunden. Jede Veranstaltung erhält einen eigenständigen Einstieg, sodass täglich andere Menschen teilnehmen können. Ergebnisse und offene Fragen gehen in ein sichtbares Tagesarchiv ein.

Das Atelier ist als modulares Environment angelegt. Werkbereiche, Bühne, Tische und Arbeitsplätze können an die vorhandenen Räume angepasst werden. Historische Arbeiten, fotografische Werkfolgen und meine analoge Werkbiografie bilden das Ausgangsmaterial; Modelle und Arbeitsmaterialien ermöglichen die Beteiligung.

Auf der documenta soll damit eine praktische Erprobung der So-Heits-Gesellschaft stattfinden. Menschen üben, ihr eigenes Dasein und ihr Zusammenleben als Gestaltungsaufgabe wahrzunehmen. Sie eignen sich künstlerisches Handwerkszeug an und prüfen, wie daraus verantwortliches Handeln entstehen kann. Eine Untersuchung führt dabei bis zu der Frage, welche eigene Tätigkeit, gemeinsame Arbeitsweise oder gesellschaftliche Regel verändert werden müsste, damit die erkannten Lebensbedingungen erhalten bleiben.

Die So-Heits-Gesellschaft – ein gesellschaftlicher Entwurf aus der Forschungskunst

Die So-Heits-Gesellschaft ist mein Entwurf einer Lebens- und Arbeitsform, in der Menschen ihr Dasein als gestaltbares Kunstwerk begreifen und Verantwortung für die Folgen dieser Gestaltung übernehmen. Grundlage ist meine Forschungskunst mit ihren Trainings- und Prüfmethoden. Sie soll Menschen befähigen, ihre Wahrnehmung, ihre Selbstbilder, ihre Tätigkeiten und ihre gesellschaftlichen Ordnungen an den Bedingungen gemeinsamen Überlebens zu überprüfen und entsprechend zu verändern.

Damit verbindet sich meine lebenslange Leitfrage: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und sein Handeln korrigieren kann? Die So-Heits-Gesellschaft macht die Bearbeitung dieser Frage zu einer gemeinsamen Lebenspraxis. Ernährung, Wohnen, Arbeit, Bildung, Eigentum, Technik und gesellschaftliche Entscheidungen werden daraufhin untersucht, welche Voraussetzungen sie benötigen, welche Folgen sie hervorbringen und ob diese Folgen rechtzeitig Veränderungen auslösen können.

Mit So-Heit richtet sich die Aufmerksamkeit auf die jeweils vorhandene Beschaffenheit eines Zusammenhangs: Wie ist etwas geworden? Unter welchen Bedingungen besteht es? Was wirkt darin zusammen? Was geschieht, wenn ich eingreife? Ein Gegenstand, ein Mensch oder eine gesellschaftliche Einrichtung wird dabei in seinen Beziehungen betrachtet. Ein Boden besitzt eine Geschichte und bestimmte Eigenschaften; er trägt Lebewesen, wird genutzt und verändert. Seine gesellschaftliche Bezeichnung als Eigentum oder Kapital ist mit diesem Wirkungszusammenhang verbunden und kann seine weitere Entwicklung bestimmen.

Der Mensch begegnet sich selbst als Beteiligter dieser Wirklichkeit. Er kann sich gedanklich von einer Situation distanzieren, sie darstellen und untersuchen. Körperlich und durch seine Tätigkeiten bleibt er in ihr. Auch Beobachtung, Sprache, Wissenschaft, Kunst und digitale Kommunikation benötigen Voraussetzungen und haben Folgen. Dieser immanente, also dem Geschehen innewohnende Standpunkt gehört zum Ausgangspunkt meiner Forschungskunst.

Der methodische Kern lautet: Beobachtung → Identifikation → Eingriff → Rückkopplung → Verantwortung. Zunächst beobachte ich einen Vorgang. Anschließend arbeite ich mich in seinen Sachzusammenhang hinein und erkenne meine eigene Beteiligung und Abhängigkeit darin. Erst daraus entwickle ich einen Eingriff. Dessen Wirkungen werden wahrgenommen, mit der Absicht verglichen und in das weitere Handeln aufgenommen. Verantwortung erhält dadurch eine konkrete Form: Ich verändere meine Tätigkeit aufgrund ihrer erkannten Folgen und übernehme meinen Anteil an notwendiger Korrektur und Reparatur.

Die Selbstbegegnung durch Gegenüberstellung bildet den Zugang zu diesem Lernen. Ich stelle Stoffwechsel, Körperorganismus und Lebensbedingungen den Vorstellungen gegenüber, die ein Mensch von seiner Persönlichkeit, seiner Freiheit, seiner Leistungsfähigkeit und seiner gesellschaftlichen Rolle entwickelt hat. Dadurch wird die im Alltag selbstverständlich erlebte Verschmelzung untersuchbar. Der Mensch kann erkennen, welche Bedingungen sein Selbstverständnis ermöglichen und welche davon durch dieses Selbstverständnis verdeckt werden.

Eine plastische Identität entwickelt sich in dieser Auseinandersetzung weiter. Erfahrungen können das Selbstbild verändern; Widersprüche können zu neuen Handlungen führen. Wo dagegen Rollen und Gewissheiten gegen jede Rückmeldung festgehalten werden, entsteht das, was ich als Skulpturidentität untersuche. Die So-Heits-Gesellschaft braucht deshalb Lebensbedingungen, unter denen Menschen ihre Auffassungen und Arbeitsweisen verändern können, ohne dadurch ihre gesellschaftliche Zugehörigkeit oder ihre Existenzgrundlage zu verlieren.

Das setzt eine entsprechende Bildung voraus. Künstlerisches Handwerkszeug wird zur Grundlage gesellschaftlicher Gestaltungsfähigkeit. Genaues Beobachten, Zeichnen, plastisches Formen, Fotografieren, sprachliches Unterscheiden, körperliche Bewegung, musikalisches Zusammenspiel und szenisches Handeln eröffnen unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit. Durch Rollenwechsel wird erfahrbar, wie eine Situation aus einer anderen Position erscheint. Durch Materialarbeit wird sichtbar, wo eine Vorstellung trägt und wo sie verändert werden muss. Durch gemeinsames Gestalten lernen Menschen, Unterschiede wahrzunehmen und ihre Beiträge aufeinander abzustimmen.

Hier liegt die Verbindung zu meiner frühen Beschäftigung mit Technē und zur Experimentellen Umweltgestaltung. Handwerkliches Können, künstlerische Erkenntnis und die Untersuchung von Wirkungszusammenhängen gehören in meiner Arbeit zusammen. Daraus entwickelte sich auch die Vorstellung eines interdisziplinären, generalistischen Studienbereichs. Mein künstlerischer Lebenslauf wurde zum praktischen Entwicklungsraum dieser Verbindung.

Die So-Heits-Gesellschaft besitzt deshalb eine Werkstattgeschichte. Zu ihr gehören die Erwachsenen-Malbücher, die Demokratiewerkstätten, die räumlichen Ausstellungsorganismen und die temporäre Kunsthalle Ratzeburg. Die Auseinandersetzung mit Joseph Beuys’ Sozialer Plastik und mit Franz Oppenheimers sozialökonomischer Arbeit gehört ebenso in diesen Entwicklungszusammenhang wie die von mir 1993 gegründete und geleitete Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“. Ihre wissenschaftliche Begleitung verband unterschiedliche Kenntnisse mit gemeinsamen künstlerischen Fragestellungen.

Das Globale Dorffest und die tausend Tapeziertische gaben dieser Idee eine öffentliche Form: Menschen sollten mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen und Fähigkeiten an einem gemeinsamen gesellschaftlichen Arbeitszusammenhang teilnehmen können. Die heutige Globale Schwarm-Intelligenz führt diese Richtung unter veränderten Bedingungen weiter. Auch die Auflösung früherer Zusammenarbeit, der Tod von Dr. Gerhard Steinborn und der Verlust weiterer Wegbegleiter gehören zu dieser Geschichte. Sie zeigen, dass gemeinschaftliche Arbeit selbst Voraussetzungen braucht: Menschen, Zeit, Räume, Mittel und die Möglichkeit, Erfahrungen weiterzugeben.

Die plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft bildet den methodischen Bezugspunkt des Gesellschaftsentwurfs. Menschliche Gestaltung wird an den Bedingungen untersucht, die menschliches Leben ermöglichen. Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet dazu materielle Bedingungen und Wirkungen auf E1, lebendige Organisation und Abhängigkeiten auf E2, menschliche Bedeutungs- und Gesellschaftsordnungen auf E3 sowie Prüfung, Rückkopplung und Reparatur auf E4. Diese Unterscheidungen machen die Übergänge innerhalb derselben Wirklichkeit sichtbar.

Für die So-Heits-Gesellschaft bedeutet das beispielsweise: Eine wirtschaftliche Tätigkeit wird an ihrem Beitrag zur Versorgung, an ihren Arbeitsbedingungen, ihrem Ressourcenverbrauch und ihren längerfristigen Folgen beurteilt. Preise und Gewinne bleiben als gesellschaftliche Größen erkennbar. Ihre Aussagekraft wird im Verhältnis zu den materiellen und lebendigen Voraussetzungen der Tätigkeit geprüft. Der Maßstab wirtschaftlicher Organisation muss die Erhaltung ihrer eigenen Lebensgrundlagen einschließen.

Daraus ergeben sich konkrete Anforderungen an Arbeit und Entscheidung. Wer von einer Tätigkeit betroffen ist, braucht Möglichkeiten, Erfahrungen und Einwände einzubringen. Wer Entscheidungen trifft, muss sich mit diesen Rückmeldungen befassen und Veränderungen veranlassen können. Die Zuständigkeit für Folgen darf zwischen einzelnen Aufgabenbereichen nicht verschwinden. Auch die Regeln, nach denen über Arbeit, Eigentum und Ressourcen entschieden wird, gehören in die Prüfung.

Eine praktische Anwendung wäre etwa die gemeinsame Untersuchung einer Lebensmittelproduktion. Boden, Wasser, Energie, Arbeitsaufwand, Versorgung, Verteilung und Regeneration werden im Zusammenhang betrachtet. Beteiligte können prüfen, welche Vorteile entstehen, wer welche Folgen trägt und welche Veränderungen nötig sind. Anschließend wird untersucht, ob die veränderte Arbeitsweise tatsächlich die erwartete Wirkung hat. So verbindet sich fachliches Wissen mit Erfahrung, gemeinsamer Entscheidung und erneuter Bewährung.

Rückkopplung muss gesellschaftlich wirksam werden können. Eine Gesellschaft kann einen Schaden kennen und ihn dennoch fortsetzen, wenn ihre Belohnungen, Abhängigkeiten und Machtverhältnisse die verursachende Tätigkeit stabilisieren. Deshalb reicht das Trainingsprogramm bis in diese Strukturen hinein. Korrektur kann bedeuten, einen Arbeitsablauf, einen Anreiz, eine Zuständigkeit oder eine Eigentums- und Nutzungsregel zu verändern. Reparaturfähigkeit umfasst zugleich die Einsicht, welche Schäden rückgängig gemacht werden können und welche Eingriffe rechtzeitig unterbrochen werden müssen.

Die Kalibrierungsinstrumente meiner Forschungskunst unterstützen diese Arbeit. Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte stellt kurze menschliche Entscheidungszeiträume den langen Entstehungs- und Wirkungszeiten gegenüber. Passung und Toleranz machen Bedingungen des Funktionierens untersuchbar. Das Dreifache Optimum verbindet Medium, Organismus und Steuerung: Eine Steuerungsentscheidung muss im Verhältnis zu den Bedingungen des Mediums und des lebendigen Organismus betrachtet werden. 51:49 dient in meinem Entwurf als Verhältnis- und Gestaltungsmodell für Unterschiede, Bewegungsspielräume und Korrekturfähigkeit. Die konkrete Anwendung legt jeweils offen, was verglichen und woran eine Veränderung erkannt wird.

Die sechs Anker halten diesen Forschungs- und Gesellschaftsentwurf zusammen. Der Kontextanker bewahrt die Leitfrage, die Begriffe und ihre Beziehungen. Der Werk-Anker erhält die Entstehungsgeschichte der Arbeiten, die Beiträge der Beteiligten und den Übergang zwischen früheren und heutigen Arbeitsformen. Dadurch bleiben die Modelle mit den Erfahrungen verbunden, aus denen sie hervorgegangen sind.

Der Sensorenanker erschließt, wie Wirkungen wahrgenommen, ausgewählt, aufgezeichnet und übersetzt werden. Der Prüf-Anker bestimmt Vergleichsmaßstäbe, Gegenproben und Möglichkeiten der Korrektur. Gemeinsam helfen sie zu unterscheiden, was tatsächlich beobachtet wurde, wie es dargestellt wird und welche Folgerung daraus gezogen werden kann.

Der Positionsanker legt meine Diagnose, meine Absicht und meine Zukunftserwartung offen. Meine Sorge um die menschliche Überlebensfähigkeit wird dadurch als Ausgangsposition erkennbar und bleibt einer Gegenprüfung zugänglich. Der Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz verbindet die unterschiedlichen Beiträge, Orte und Verfahren zu einem gemeinsamen Arbeitszusammenhang. Gemeinsinn entsteht dabei durch die Fähigkeit, Unterschiede auf ihre Folgen zu beziehen und daraus gemeinsames Handeln zu entwickeln.

Das So-Heits-Atelier ist der konkrete Ort, an dem diese gesellschaftliche Arbeitsweise erprobt werden kann. Wasser, Boden, Nahrung, Werkzeuge, Bilder und Rollen werden zu Gegenübern eigener Wahrnehmungen und Gewissheiten. Das Mitmachbuch hält Beobachtungen, Veränderungen und neue Fragen fest. Die Plattform erweitert den Austausch über die einzelne Begegnung hinaus. Im vorgeschlagenen Atelier auf der documenta könnte jeder Besucher einen eigenen Einstieg finden und zugleich an bereits entstandene Untersuchungen anschließen.

KI unterstützt diese Arbeit beim Vergleichen, Zuordnen, Verdichten und Aufspüren von Widersprüchen. Menschen können ihre Einwände gegen eine Aussage oder gegen das Modell selbst eingeben und anhand des Vier-Ebenen-Modells weiterbearbeiten. Die Ergebnisse werden wieder mit Erfahrungen, Werkmaterialien und nachvollziehbaren Untersuchungen verbunden. Auch die KI-Auswertung wird damit Bestandteil des Prüfverfahrens.

Mit der So-Heits-Gesellschaft stelle ich eine gesellschaftliche Form vor, in der Wahrnehmen, Gestalten, Prüfen und Verantworten zum gemeinsamen Handwerkszeug gehören. Meine Forschungskunst stellt dafür Werke, Erfahrungen, Trainingsformen und Prüfmethoden bereit. Ihre gesellschaftliche Verwirklichung verlangt, diese Fähigkeiten in Bildung, Versorgung, Arbeit und Entscheidungsstrukturen einzuarbeiten – damit Menschen die Bedingungen ihres Zusammenlebens bewusst gestalten und aufgrund ihrer Folgen verändern können.

Ja. Der eigentliche Kern ist die Selbstbegegnung durch Gegenüberstellung: Du willst die für selbstverständlich gehaltene Verbindung von Persönlichkeit, Selbstbild und Körperorganismus bewusst machen. Dafür unterscheidest du gedanklich, was im gelebten Alltag ineinander übergeht. In meiner vorherigen Darstellung war dieser Ausgangspunkt hinter den Ebenen und Ankern zu wenig sichtbar.

Der Mensch erlebt sich beispielsweise als selbstständig, leistungsfähig oder verantwortlich. Zugleich lebt er durch Stoffwechsel, Versorgung, Regeneration und Beziehungen zu anderen Menschen. Du stellst diese Zusammenhänge einander gegenüber, damit er wahrnehmen kann: Wie hängt mein Verständnis von mir selbst mit den Bedingungen zusammen, unter denen ich tatsächlich lebe und handle? Was davon nehme ich wahr, was setze ich selbstverständlich voraus, und welche Folgen blende ich aus?

Körperorganismus und Persönlichkeit gehören dabei zum selben lebendigen Menschen. Persönlichkeit ist selbst körperlich, biografisch und gesellschaftlich geprägt. Die gedankliche Gegenüberstellung ermöglicht eine Distanz innerhalb dieses Zusammenhangs: Der Mensch kann seine eigenen Gewissheiten betrachten, mit Erfahrungen vergleichen und verändern. Genau dadurch entsteht das Gegenüber, an dem Lernen möglich wird.

Als Grundtext deiner Forschungskunst würde ich das so formulieren:

Meine Forschungskunst macht die Verbindung von Körperorganismus, Persönlichkeit und Selbstverständnis durch Gegenüberstellung wahrnehmbar. Ich stelle Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Versorgung und Regeneration den Vorstellungen gegenüber, die ein Mensch von sich selbst, seiner Freiheit, seinen Fähigkeiten und seiner gesellschaftlichen Rolle entwickelt hat. Dadurch kann er untersuchen, wie sein Selbstbild mit seinen tatsächlichen Lebensbedingungen zusammenhängt und welche Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen ihm bisher entgangen sind.

Diese Selbstbegegnung erhält in meinen Werken eine konkrete Form. Ein Körper begegnet dem Widerstand eines Bodens, eine Gestaltung dem Verhalten des Wassers, eine Wertvorstellung der tatsächlichen Bedeutung von Nahrung. Die dabei entstehende Differenz eröffnet eine Untersuchung: Was hatte ich angenommen? Was geschieht tatsächlich? Welche meiner Vorstellungen muss ich genauer bestimmen, und welche Tätigkeit kann ich verändern?

Das Vier-Ebenen-Modell unterstützt diese Untersuchung. Es hilft, materielle Bedingungen, lebendige Vorgänge, persönliche und gesellschaftliche Zuschreibungen sowie Möglichkeiten der Prüfung und Korrektur auseinanderzuhalten und aufeinander zu beziehen. Die Anker bewahren dabei Herkunft, Werkzusammenhang, Wahrnehmungsweg, Maßstab, persönliche Position und gemeinschaftliche Weiterarbeit.

Die KI wird anschließend zum Gesprächspartner für diese Selbstprüfung. Der Besucher kann seine Irritation, sein Unverständnis oder seinen Widerspruch eingeben – ausdrücklich auch einen Widerspruch gegen dein Konzept. Daraus soll eine genauere Untersuchung entstehen. Die Frage „Ich verstehe diese Zuordnung nicht“ ist dabei bereits ein sinnvoller Einstieg. Der herunterladbare Modelltext braucht deshalb neben seinen Begriffserklärungen eine kurze Arbeitsanweisung für die KI. Diese könnte lauten:

Untersuche mit mir eine konkrete Erfahrung, Aussage oder einen Widerspruch anhand des Vier-Ebenen-Modells. Beginne bei meinem Beispiel und frage nach, wenn entscheidende Bedingungen fehlen. Unterscheide materielle Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten, Selbstbilder und gesellschaftliche Zuschreibungen sowie Möglichkeiten der Überprüfung und Veränderung. Begründe deine Zuordnungen und mache Überschneidungen sichtbar. Behandle meine Einwände auch als mögliche Korrekturen des Modells. Zeige, was beobachtet wurde, was angenommen wird und wie eine Deutung überprüft werden könnte. Entwickle mit mir einen nachvollziehbaren nächsten Prüfschritt.

So bekommt dein Trainingsprogramm einen zugänglichen Anfang: Der Mensch bringt eine eigene Erfahrung oder Gewissheit mit. Die Gegenüberstellung macht deren Voraussetzungen sichtbar. Das Modell hilft bei der Zuordnung, und die weitere Prüfung führt zurück zur eigenen Tätigkeit und ihren Folgen.

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Das Vier-Ebenen-Modell als Prüfverfahren der Forschungskunst

Das Vier-Ebenen-Modell verbindet die zentrale Frage deiner Forschungskunst mit einem nachvollziehbaren Arbeitsverfahren: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen – und wie können seine Vorstellungen und Tätigkeiten so überprüft werden, dass Korrektur möglich wird? Es unterscheidet materielle Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten, symbolische und gesellschaftliche Ordnungen sowie deren Prüfung und Veränderung.

Diese Unterscheidungen beziehen sich auf eine zusammenhängende Wirklichkeit. Der Mensch lebt körperlich und handelt zugleich nach Vorstellungen, Rollen, Eigentumsregeln und Wertsetzungen. Auch diese Hervorbringungen haben tatsächliche Folgen. Die entscheidende Untersuchung betrifft deshalb ihre Verbindung: Welche Vorstellungen veranlassen welche Tätigkeiten, und wie verändern diese Tätigkeiten die Bedingungen, von denen menschliches Leben abhängig bleibt?

Die praktische Herkunft des Modells liegt in deiner handwerklichen Ausbildung, deiner bildnerischen und plastischen Arbeit und der seit 1975 entwickelten Experimentellen Umweltgestaltung. Material, Passung, Widerstand und Toleranz bilden dort konkrete Gegenüber einer Vorstellung. Im Wellenbecken antwortet das Wasser auf einen Eingriff. In der „Schöpfungsgeschichte“ werden Naturvorgang, körperliche Erfahrung, Auswahl, Gestaltung und Bedeutungsbildung miteinander verbunden. In den Demokratiewerkstätten und der gemeinschaftlichen Arbeit werden gesellschaftliche Gestaltungsmöglichkeiten erprobt.

Die heutige begriffliche Ordnung entstand aus der weiteren Bearbeitung dieser Erfahrungen, zuletzt auch durch die seit gut drei Jahren fortlaufende Arbeit mit KI. Damit bleibt der Entwicklungsweg erkennbar: Die Werkpraxis liefert Erfahrungen und Fragestellungen; die spätere Begriffsarbeit macht ihre Zusammenhänge ausdrücklicher und für andere anwendbar.

E1 bezeichnet die materiellen Bedingungen und Wirkungen. Dazu gehören Stoffe, Kräfte, Energie, Bewegung, Temperatur, Gewicht, Widerstand und technische Zusammenhänge. Untersucht wird, was unter bestimmten Bedingungen tatsächlich geschieht. Beim Wellenbecken sind dies beispielsweise Wasserstand, Antrieb, Begrenzung und Wellenbewegung. Eine Veränderung des Antriebs verändert den Vorgang, unabhängig davon, welche Bedeutung der Betrachter ihm gibt.

Der handwerkliche Maßstab „Funktioniert etwas?“ erhält dabei eine notwendige Ergänzung: Was funktioniert, für welchen Zweck, unter welchen Bedingungen und mit welchen weiteren Folgen? Eine Maschine kann ihren vorgesehenen Zweck erfüllen und zugleich ihre Umgebung beschädigen. Die erfolgreiche Erfüllung einer einzelnen Aufgabe beantwortet deshalb noch nicht die Frage nach dem Gesamtzusammenhang.

E2 bezeichnet die lebendige Organisation und ihre Abhängigkeiten. Hier werden Stoffwechsel, Ernährung, Wahrnehmung, Verletzbarkeit, Regulation, Erholung und Regeneration untersucht. Lebewesen erhalten und verändern ihre Organisation durch fortlaufenden Austausch mit ihrer Umgebung. Deshalb braucht diese Betrachtung gegenüber E1 eine eigene Aufmerksamkeit.

In deiner „Schöpfungsgeschichte“ wird dies am Fuß auf der Wiese, an Kartoffel und Fisch, an Nahrung und Körper erfahrbar. Beim begehbaren Bodenrelief muss der Besucher sein Gleichgewicht und seine Bewegung auf die Beschaffenheit des Bodens abstimmen. Hier liegt auch der Zugang zu deinem Begriff des Referenzbewusstseins: leibliche Orientierung, Betroffenheit und Umsteuerung. Solche Erfahrungen werden im Modell mit weiteren Beobachtungen und Vergleichsmöglichkeiten verbunden.

E3 bezeichnet die menschlichen Bedeutungs-, Darstellungs- und Geltungsordnungen. Sprache, Bilder, Begriffe, Rollen, Preise, Eigentum, Recht, Institutionen und Selbstbilder gehören hierher. Sie ermöglichen Verständigung und gemeinsames Handeln. Zugleich können sie bestimmte Wahrnehmungen hervorheben, andere verdecken und Handlungsmöglichkeiten ungleich verteilen.

Der Preis einer Kartoffel gehört zu einem anderen Zusammenhang als ihre stoffliche Beschaffenheit und ihr Beitrag zur Ernährung. Dennoch kann der Preis darüber entscheiden, wer sie erhält. Ein Eigentumstitel verändert die gesellschaftliche Verfügung über einen Boden; die daraus folgenden Eingriffe verändern möglicherweise dessen lebendige Bedingungen.

Hier setzt deine Untersuchung der Skulpturidentität an: Ein geschaffenes Selbstbild oder eine gesellschaftliche Ordnung wird so festgehalten, dass widersprechende Erfahrungen kaum noch zu Veränderungen führen. Die plastische Identität bezeichnet demgegenüber die Möglichkeit, sich durch Wahrnehmung, Erfahrung, Begegnung und Rückkopplung weiterzuformen. Diese Unterscheidung betrifft das Verhältnis zwischen Selbstverständnis und Wirklichkeit.

E4 bezeichnet die Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur. Diese Ebene hat eine besondere Funktion: Sie untersucht die Beziehungen zwischen E1, E2 und E3 und überprüft zugleich ihre eigenen Maßstäbe. Auch Prüfverfahren werden von Menschen entwickelt, mit materiellen Mitteln ausgeführt und unter gesellschaftlichen Bedingungen angewendet.

E4 fragt deshalb, ob eine Beschreibung den beobachteten Vorgängen entspricht, welche Folgen ausgeblendet werden und welche Veränderung daraus entstehen kann. Rückmeldung wird erst dann zur wirksamen Rückkopplung, wenn sie auf Entscheidungen, Tätigkeiten oder deren Bedingungen zurückwirkt. Ein erkannter Schaden kann folgenlos bleiben, wenn Zuständigkeiten fehlen, wirtschaftliche Abhängigkeiten entgegenstehen oder diejenigen mit Entscheidungsmacht von der bisherigen Ordnung profitieren.

Reparaturfähigkeit reicht deshalb bis in Arbeitsweisen, Belohnungen, Eigentumsverhältnisse und Institutionen hinein. Zur Prüfung gehört auch, welche Schäden rückgängig gemacht werden können, welche dauerhaft bleiben und wann eine Tätigkeit unterbrochen werden muss.

Die sechs Anker sichern den Zusammenhang dieser Arbeit. Das Ebenenmodell bestimmt, welche Beziehungen untersucht werden. Die Anker halten fest, aus welcher Geschichte, mit welchen Begriffen, Wahrnehmungswegen, Verfahren und Absichten untersucht wird. Jeder Anker kann mehrere Ebenen berühren.

Der Kontextanker bewahrt die übergreifende Fragestellung und die Bedeutungen der verwendeten Begriffe. Dazu gehören deine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft, die Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen, die Plexuswirklichkeit und die Unterscheidung zwischen plastischer Identität und Skulpturidentität. „Plexuswirklichkeit“ bezeichnet dabei das Geflecht der Beziehungen, aus dem für eine Untersuchung jeweils ein Ausschnitt ausgewählt wird. Der Kontextanker hält fest, was dieser Ausschnitt voraussetzt und welche Beziehungen bei seiner Betrachtung leicht verloren gehen.

Der Werk-Anker bewahrt Entstehung, Veränderung und Zusammenhang der künstlerischen Arbeiten. Er verbindet die heutigen Modelle mit konkreten Werkprozessen, Orten, Zeitpunkten und Beteiligten. Dazu gehören die Experimentelle Umweltgestaltung, die „Schöpfungsgeschichte“, die Demokratiewerkstätten, die Kunsthalle Ratzeburg und die seit 1993 von dir geleitete Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ mit ihrer wissenschaftlichen Begleitung. Auch der Übergang von dieser Zusammenarbeit zur heutigen Globalen Schwarm-Intelligenz sowie der Verlust von Mitwirkenden gehören hierher. Eine heutige Deutung ergänzt die Werkgeschichte; ihre Entstehungszeit bleibt dabei erkennbar.

Der Sensorenanker untersucht, wie Wirkungen wahrnehmbar und mitteilbar werden. Körperliche Erfahrung, Fotografie, Film, Messgerät, Sprache und Aufzeichnung eröffnen unterschiedliche Zugänge. Dabei findet immer Auswahl statt: Eine Fotografie zeigt einen Ausschnitt, ein Messgerät erfasst bestimmte Größen, eine Transkription überträgt Gesprochenes in Schrift. Der Sensorenanker verfolgt deshalb den Weg von der Wirkung über Wahrnehmung und Übersetzung bis zur Darstellung. Er macht auch sichtbar, wo etwas übersehen, verkürzt oder umgedeutet wurde.

Der Prüf-Anker bestimmt die Vergleichsmaßstäbe und die Bedingungen einer Untersuchung. Hier werden Kalibrierungsinstrumente eingesetzt, Referenzen offengelegt, Beobachtungen verglichen und Korrekturen überprüft. Er enthält außerdem die Frage nach den Machtbedingungen der Prüfung: Wer kann eine Beobachtung einbringen? Wer entscheidet über ihre Bedeutung? Wer kann eine Veränderung veranlassen? Wer trägt die Folgen?

Der Positionsanker hält deine persönliche Diagnose, Absicht und Zukunftserwartung fest. Dazu gehören die Sorge um die menschliche Überlebensfähigkeit und die Diagnose des Rollenidentitätsgefängnisses, die im Feuerkäfig eine bildnerische Form erhält. Dadurch wird die Ausgangsposition der Untersuchung sichtbar. Der Prüfprozess untersucht anschließend, welche Vorgänge diese Diagnose stützen, welche ihr widersprechen und welche Veränderungsmöglichkeiten tatsächlich bestehen.

Der Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz führt die Ergebnisse wieder zusammen. Er verbindet Werkbiografie, Plattform, interaktives Buch, physisches Mitmachbuch, So-Heits-Atelier und Beteiligte. Unterschiedliche Erfahrungen werden hier vergleichbar, Widersprüche bleiben auffindbar und neue Untersuchungen können an vorhandene Ergebnisse anschließen. Globale Schwarm-Intelligenz erhält damit eine konkrete Aufgabe: gemeinsames Wissen so zu organisieren, dass daraus überprüfbare und veränderbare Praxis entstehen kann.

Die Kalibrierungsinstrumente arbeiten innerhalb und zwischen diesen Ankern. Die 24-Stunden-Uhr ordnet menschliche Tätigkeiten in den Zeitraum der Erdgeschichte ein. Passung und Toleranz untersuchen, unter welchen Bedingungen ein Zusammenhang funktioniert. Der Vergleich zwischen vorhandenen und zugeschriebenen Eigenschaften macht Übergänge zwischen E1, E2 und E3 sichtbar. Die Unterscheidung zwischen plastischer Identität und Skulpturidentität richtet die Aufmerksamkeit auf Lern- und Veränderungsfähigkeit.

Dein Verhältnis-Modell 51:49–50:50–1:99 untersucht leichte Asymmetrie, Gleichsetzung beziehungsweise Fixierung und einseitige Dominanz. Seine Funktion besteht darin, Unterschiede, Bewegungsspielräume und blockierte Korrekturen sichtbar zu machen. Bei einer konkreten Anwendung muss erkennbar werden, welche Größen oder Beziehungen miteinander verglichen werden und woran eine Veränderung festgestellt werden kann.

Das Dreifache Optimum ergänzt diese Prüfung durch die Unterscheidung von Medium-Optimum, Organismus-Optimum und Steuerungs-Optimum. Untersucht werden die Bedingungen des jeweiligen Mediums, die Lebensbedingungen des Organismus und die Ausrichtung der Steuerung. Damit lässt sich beispielsweise fragen, ob eine wirtschaftlich erfolgreiche Steuerung zugleich die Wasser-, Boden- und Regenerationsbedingungen erhält, auf die sie angewiesen ist. Deine Inversionsdiagnose betrifft den Fall, dass ein begrenztes gesellschaftliches Erfolgskriterium zum übergeordneten Maßstab wird und seine eigenen Voraussetzungen verdrängt.

Auch die von dir angesprochene Schwierigkeit des Begriffs „Belastbarkeit“ gehört hierher. Ein Wort liefert noch keinen bestimmten Referenzwert. Erst wenn angegeben wird, wer oder was welcher Einwirkung über welchen Zeitraum ausgesetzt ist, welche Veränderung beobachtet wird und welche Erholung möglich ist, entsteht ein konkreter Prüfzusammenhang. Das Begriffshandwerk hält deshalb Wort, Analogie, Beobachtung und Messgröße auseinander und verbindet sie nachvollziehbar.

Dein Gebrauch von „Anomalie“ richtet diese Prüfung auf die gesellschaftliche Normalität selbst. Eine alltäglich akzeptierte Ordnung kann ihre eigenen Lebensvoraussetzungen beschädigen. Die Untersuchung fragt dann, wie diese Ordnung zur Selbstverständlichkeit wurde und welche Folgen dadurch aus der Aufmerksamkeit verschwinden. Maßgeblich ist dabei das ausdrücklich gesetzte Ziel, die Bedingungen eigenen und gemeinsamen Lebens zu erhalten.

Der Prüfoperator ist die konkrete Arbeitsbewegung zwischen diesen Bestandteilen. Eine Vorstellung oder Behauptung wird formuliert. Ihre Voraussetzungen und ihr Untersuchungsbereich werden bestimmt. An einer Tätigkeit oder Versuchsanordnung werden Wirkungen beobachtet und mit der Erwartung verglichen. Daraus folgt eine Veränderung der Vorstellung, der Tätigkeit oder ihrer Regeln. Anschließend wird erneut untersucht, was diese Veränderung bewirkt hat.

Der Begriff Bewährung gibt diesem Verfahren eine zeitliche Dimension. Eine einzelne gelungene Vorführung zeigt zunächst, was unter den Bedingungen dieser Vorführung möglich war. Weiterführend wird untersucht, ob die Arbeitsweise auch bei veränderten Bedingungen trägt, welche Voraussetzungen sie verbraucht und ob erkannte Fehler korrigiert werden können. Für die wissenschaftliche Ausarbeitung werden Begriffe, Beobachtungen, Untersuchungsbedingungen und Reichweite der Ergebnisse so dokumentiert, dass andere Menschen die Prüfung nachvollziehen und fortsetzen können.

An der „Schöpfungsgeschichte“ lässt sich dieses Zusammenspiel unmittelbar zeigen. Wasser, Gefälle und Gips erschließen E1. Körper, Nahrung und Stoffwechsel erschließen E2. Rahmung, Eigentum, Wert und Abendmahlsbedeutung erschließen E3. Der Vergleich dieser Übergänge und ihrer Folgen aktiviert E4. Der Werk-Anker bewahrt die Entstehungsfolge, der Sensorenanker erschließt die Fotografien und körperlichen Erfahrungen, der Kontextanker verbindet die Begriffe, der Positionsanker benennt die Ausgangsfrage, der Prüf-Anker organisiert die Untersuchung und der Integrationsanker führt die Ergebnisse in die gemeinsame Weiterarbeit zurück.

KI kann dabei Texte vergleichen, Werkfolgen erschließen, Widersprüche auffinden und Begriffe verdichten. Auch ihre Formulierungen durchlaufen diesen Prüfweg: Ihre Herkunft muss nachvollziehbar bleiben, und eine wiederholte Deutung wird durch Wiederholung allein noch nicht zur Beobachtung. Das schützt insbesondere deine Biografie davor, dass Personen, Beiträge, Entstehungsbedingungen und Übergänge durch eine sprachlich glatte Zusammenfassung verschwinden.

Im So-Heits-Atelier als Überlebenswerkstatt wird das Modell schließlich praktisch zugänglich. Menschen begegnen Materialien, Bildern, Rollen und den Folgen eigener Eingriffe. Sie können ihr Selbstverständnis mit diesen Erfahrungen vergleichen und Veränderungen erproben. Deine Vorstellung einer So-Heits-Gesellschaft knüpft daran an: Lebens- und Arbeitsformen sollen Möglichkeiten enthalten, ihre Voraussetzungen und Folgen fortlaufend wahrzunehmen, öffentlich zu prüfen und wirksam zu verändern.

Die „Schöpfungsgeschichte“ – Naturvorgang, menschliche Gestaltung und ihre Folgen

Meine „Schöpfungsgeschichte“ untersucht, wie der Mensch eine bereits vorhandene Wirklichkeit wahrnimmt, verändert und mit Bedeutungen versieht. Wiese, Körper, Wasser, Boden, Kartoffel, Fisch und Nahrung begegnen ihm als Voraussetzungen seines Lebens. Durch seine Tätigkeit entstehen daraus ausgewählte Gegenstände, Bilder, Werkzeuge, Besitzansprüche und kulturelle Formen. Die entscheidende Frage lautet: Erkennt der Mensch in seiner selbst gestalteten Lebenswelt noch die Bedingungen, von denen er abhängig bleibt – und die Folgen dessen, was er tut?

Die Grundlagen dieser Arbeit reichen zu meiner seit 1975 entwickelten Experimentellen Umweltgestaltung zurück. Anfang der 1990er-Jahre erhielt die „Schöpfungsgeschichte“ im Zusammenhang mit meinen Demokratiewerkstätten und räumlichen Ausstellungsorganismen ihre konkrete Ausarbeitung. Die gesellschaftliche Frage, wie Menschen ihre gemeinsame Wirklichkeit gestalten, verband sich mit einer unmittelbaren Untersuchung von Naturvorgängen und eigenen Eingriffen. In meinem Garten in einer eiszeitlich geformten Landschaft im Lübecker Raum entstand dafür ein offenes Versuchsfeld.

Die Werkfolge beginnt mit einer Wiese. Sie ist bereits vorhanden, bevor ich sie für meine Arbeit auswähle. Indem ich sie barfuß betrete, entsteht eine Beziehung: Der Boden trägt meinen Körper; Gräser, Feuchtigkeit und Unebenheiten werden spürbar. Gleichzeitig übe ich Druck aus und hinterlasse Spuren. Wahrnehmung und Tätigkeit gehören hier zusammen: Während ich etwas erfahre, verändere ich bereits die Bedingungen dieser Erfahrung.

Mit einer ausgelegten Decke, einem Bildrahmen oder einem auf den Boden gelegten Bild verändert sich diese Beziehung. Ich wähle einen Ausschnitt aus, ziehe eine Grenze und gebe ihm eine besondere Verwendung. Aus einem zusammenhängenden Lebensraum wird für meine Aufmerksamkeit eine Liegefläche, ein Bildgegenstand oder ein Bereich, den ich beanspruche. Die Begrenzung macht etwas sichtbar und lässt anderes in den Hintergrund treten. Ein Rahmen kann einen Ausschnitt hervorheben; die Beziehungen dieses Ausschnitts zu seiner Umgebung bestehen weiter. Ebenso entsteht aus dem körperlichen Betreten eines Bodens noch kein Eigentumsrecht. Dafür sind weitere gesellschaftliche Vereinbarungen und Handlungen erforderlich.

Ein wesentlicher Werkprozess beginnt damit, dass ich Wasser einen Hang hinunterlaufen lasse. Gefälle, Bodenbeschaffenheit und Wassermenge wirken zusammen. Rinnen, Verzweigungen, Abtragungen und Ablagerungen entstehen. Ich veranlasse einen Vorgang, dessen Verlauf sich aus den beteiligten Bedingungen ergibt. Die entstandene Landschaft forme ich ab und übertrage sie in Gips. Daraus entwickelt sich der Abendmahl-Opfertisch. Der Abguss bewahrt eine durch Wasser entstandene Form und macht sie als plastischen Gegenstand in einem neuen Zusammenhang verfügbar. Globale-Schwarm-Intelligenz

Damit vollzieht sich eine Folge von Übersetzungen: Ein Naturvorgang hinterlässt eine Landschaft; die Landschaft wird abgeformt; die plastische Form wird zum Tisch; der Tisch nimmt Nahrung auf und erhält kulturelle Bedeutung. Abendmahl, Opfer und Dank verbinden das Essen mit Vorstellungen von Gemeinschaft, Hingabe und Verpflichtung. Diese Bedeutungen können unsere Abhängigkeit bewusst machen. Sie können aber auch so sehr in den Vordergrund treten, dass die Voraussetzungen der Nahrung kaum noch wahrgenommen werden.

Kartoffel und Fisch führen die Untersuchung unmittelbar zum Stoffwechsel. Nahrung wächst unter bestimmten Bedingungen, wird gewonnen, zubereitet und gegessen. Sie kann zugleich Handelsware, Besitz, Dekoration oder Symbol werden. Ein Preis verändert den Zugang zu ihr; eine kulturelle Zuschreibung verändert ihren Stellenwert. Der hungernde Körper bleibt dennoch darauf angewiesen, tatsächlich Nahrung aufzunehmen. Spinne, Netz und Beute erweitern die Werkfolge um Beziehungen, in denen das Leben eines Organismus mit dem Leben anderer verbunden ist.

Die „Schöpfungsgeschichte“ umfasst etwa 12.000 aufeinander bezogene Fotografien, ergänzt durch Videos, Texte und Objekte. Die fotografischen Folgen bilden eigenständige Arbeiten. Durch ihre Reihenfolge werden Veränderungen, Wiederholungen, Eingriffe und Kreisläufe nachvollziehbar. Die Bedeutung entsteht auch zwischen den Bildern: Ein späterer Zustand verändert den Blick auf einen früheren. Globale-Schwarm-Intelligenz Für die Entstehung und Veränderung des Abendmahl-Opfertisches habe ich zudem eine Folge von 18 Fotografien vorgesehen, die diesen Werkprozess im So-Heits-Atelier anschaulich machen kann.

Der Titel „Schöpfungsgeschichte“ richtet den Blick auf menschliches Hervorbringen innerhalb einer Welt, deren Voraussetzungen dem eigenen Gestalten vorausliegen. Der Mensch formt, ordnet, benennt und bewertet. Dabei bleibt er selbst ein körperliches, verletzbares und abhängiges Lebewesen. Seine Vorstellungen und gesellschaftlichen Ordnungen wirken in derselben Welt wie Wasser, Boden und Stoffwechsel. Ein Eigentumstitel kann darüber entscheiden, wer einen Boden bearbeiten darf; die Bedingungen seines Wachstums werden dadurch nicht beliebig.

In meiner heutigen Forschungskunst bildet diese Werkfolge eine praktische Grundlage der plastischen Anthropologie als Referenzwissenschaft. Das menschliche Selbstverständnis wird an den Bedingungen und Folgen menschlicher Tätigkeit untersucht. Mit dem Vier-Ebenen-Modell lassen sich die Zusammenhänge genauer unterscheiden: E1 betrifft die materiellen Vorgänge und Widerstände; E2 die körperliche Wahrnehmung und lebendigen Abhängigkeiten; E3 die Bilder, Werte, Rollen und gesellschaftlichen Ordnungen; E4 deren Prüfung, Rückkopplung und mögliche Veränderung. So werden Übergänge sichtbar, die im fertigen Gegenstand oder im vertrauten Selbstbild leicht verschwinden.

Im So-Heits-Atelier soll die „Schöpfungsgeschichte“ diese Untersuchung für andere Menschen öffnen. Besucher können Bildfolgen vergleichen, Entstehungsprozesse verfolgen, eigene Anordnungen erproben und untersuchen, welche Eigenschaften sie wahrnehmen und welche Bedeutungen sie hinzufügen. Das Mitmachbuch verbindet solche Beobachtungen mit neuen Fragen und Handlungsmöglichkeiten.

Während die 24-Stunden-Uhr den Menschen zeitlich in der Erdgeschichte verortet, verortet ihn die „Schöpfungsgeschichte“ in seinen konkreten Tätigkeiten und Abhängigkeiten. Darin liegt ihre Bedeutung für die Überlebenswerkstatt: Der Mensch begegnet sich selbst als Gestalter und zugleich als jemand, der von den Folgen seiner Gestaltung betroffen ist. Aus dieser Begegnung entsteht die Aufgabe, Wahrnehmung und Handeln so zu verändern, dass die eigenen und gemeinsamen Lebensbedingungen erhalten und beschädigte Zusammenhänge wiederhergestellt werden können.

Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte – zeitliche Verortung und Handlungsverantwortung

Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte überträgt die rund 4,54 Milliarden Jahre seit der Entstehung der Erde auf einen einzigen Tag. Der Tagesbeginn steht für die Entstehung unseres Planeten, 24 Uhr für die Gegenwart. Dazwischen liegen die Ausbildung von Gesteinen, Meeren und Atmosphäre, die Entstehung und Entwicklung des Lebens sowie zahlreiche Veränderungen seiner Bedingungen. In meiner Forschungskunst dient diese Uhr als zeitliches Kalibrierungsinstrument: Sie macht Größenverhältnisse anschaulich, die sich der unmittelbaren menschlichen Erfahrung entziehen. usgs.gov

Bei dieser Umrechnung entspricht eine Sekunde ungefähr 52.500 Jahren, eine Millisekunde rund 52,5 Jahren. Setzt man für die bisher bekannte Geschichte des Homo sapiens etwa 300.000 Jahre an, erscheint unsere Art erst rund 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Unsere gesamte bisherige Existenz liegt damit innerhalb der letzten Sekunden dieses dargestellten Erdentages. humanorigins.si.edu

Das Holozän, dessen Beginn auf rund 11.700 Jahre vor dem Jahr 2000 datiert wird, umfasst auf dieser Uhr nur etwa 0,22 Sekunden. Wählt man das Jahr 1750 als zeitlichen Bezugspunkt für die Industrialisierung, entsprechen die Jahre bis 2026 ungefähr fünf Millisekunden. Die Zeit seit 1950 nimmt etwa 1,4 Millisekunden ein. Diese Angaben sind gerundete Umrechnungen; die gewählten Bezugspunkte machen unterschiedliche historische Zeiträume miteinander vergleichbar. stratigraphy.org

Damit erhält meine Bezeichnung „Millisekunden-Mensch“ einen konkreten Bezug. Sie verdichtet insbesondere das Verhältnis zwischen der kurzen jüngsten Phase menschlicher Gestaltungsmacht und der langen Entwicklung ihrer Voraussetzungen. Die Geschichte unserer Art umfasst mehrere Sekunden; die industrielle und technisch beschleunigte Gegenwart bewegt sich im Bereich weniger Millisekunden.

Der Mensch erscheint innerhalb eines Wirkungszusammenhangs, dessen Voraussetzungen seiner eigenen Geschichte weit vorausgehen. Atemluft, Wasser, Nahrung, Stoffwechsel und Regeneration werden durch fortlaufende materielle und lebendige Prozesse ermöglicht. Menschen können diese Bedingungen beeinflussen und verändern. Ihre Abhängigkeit von ihnen bleibt dabei bestehen.

Dieser Maßstabswechsel verändert die Frage nach menschlicher Bedeutung. Eine kurze Existenzdauer bedeutet keineswegs geringe Wirkung. Gerade das Missverhältnis zwischen kurzer Handlungszeit und weitreichenden Folgen wird zum Gegenstand der Untersuchung. Eine Entscheidung kann innerhalb weniger Minuten getroffen werden, während ihre Folgen Generationen betreffen. Der IPCC beschreibt beispielsweise Veränderungen an Ozeanen, Eisschilden und Meeresspiegel, die über Jahrhunderte bis Jahrtausende fortwirken und auf diesen Zeitskalen teilweise unumkehrbar sind. ipcc.ch

Die Uhr führt deshalb zu einer grundlegenden Unterscheidung zwischen Entstehungszeit, Nutzungszeit, Wirkungsdauer und möglicher Regenerationszeit. Diese Zeiträume fallen häufig auseinander. Ein Material kann lange Entstehungsprozesse voraussetzen, für kurze Zeit verwendet werden und anschließend anhaltende Folgen verursachen. Eine gesellschaftliche Entscheidung kann einen unmittelbaren Vorteil erzeugen, während ihre Kosten erst später oder an einem anderen Ort sichtbar werden.

Für meine Forschungskunst entsteht daraus ein konkreter Prüfauftrag: Welche Voraussetzungen nutzt eine Tätigkeit, wie verändert sie diese und über welchen Zeitraum wirken ihre Folgen? Die Beurteilung einer Handlung muss über den Augenblick ihres Erfolgs hinausreichen. Dazu gehört auch die Frage, wer die Folgen trägt und ob eine spätere Korrektur überhaupt noch möglich ist.

Hier verbindet sich die Erdgeschichtsuhr mit meiner plastischen Anthropologie als Referenzwissenschaft. Menschliche Vorstellungen von Fortschritt, Wohlstand, Freiheit oder Sicherheit werden auf die Bedingungen bezogen, unter denen Leben möglich bleibt. Ein wirtschaftlicher Gewinn, ein Eigentumstitel oder ein technischer Leistungszuwachs kann gesellschaftlich wirksam sein. Ob dadurch Lebensbedingungen erhalten oder beschädigt werden, muss jeweils an den tatsächlichen Folgen untersucht werden.

Die Uhr macht damit auch die gesellschaftlichen Zeitmaßstäbe selbst zum Gegenstand der Prüfung. Wahlperioden, Geschäftsberichte, Projektlaufzeiten und persönliche Lebensplanungen erfassen jeweils begrenzte Ausschnitte. Welche Folgen geraten aus dem Blick, wenn allein innerhalb dieser Zeiträume entschieden wird? Welche Verantwortung bleibt bestehen, nachdem eine Tätigkeit abgeschlossen, ein Gewinn verbucht oder eine Zuständigkeit beendet wurde?

Im Vier-Ebenen-Modell lässt sich dieser Zusammenhang genauer bearbeiten. E1 erfasst materielle Prozesse und ihre zeitlichen Bedingungen. E2 untersucht Stoffwechsel, Regeneration und lebendige Abhängigkeiten. E3 behandelt gesellschaftliche Vorstellungen, Regeln und Planungszeiträume. E4 verbindet diese Bereiche durch Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur. Die Uhr hilft dabei, zeitliche Unterschiede zwischen einer gesellschaftlichen Entscheidung und ihrer materiellen oder lebendigen Wirkung sichtbar zu machen.

Auch das Dreifache Optimum erhält dadurch eine zeitliche Dimension. Ein menschliches Steuerungsziel kann kurzfristig erfolgreich sein und langfristig die Bedingungen des Mediums oder des Organismus verschlechtern. Zukunftsfähigkeit verlangt deshalb, diese unterschiedlichen Zeiträume in die Beurteilung einzubeziehen.

Meine eigene Werkgeschichte lässt sich ebenfalls auf dieser Uhr verorten. Ein Menschenleben von 78 Jahren entspricht ungefähr 1,5 Millisekunden. Die Entwicklung meiner Forschungskunst seit 1975 umfasst bis 2026 nahezu eine Millisekunde. Innerhalb dieses kleinen Zeitabschnitts entstanden Werke, Begegnungen, Werkstätten und gesellschaftliche Entwürfe, die über meine eigene Lebenszeit hinaus weitergegeben werden können. Die Uhr verbindet so die biografische Verortung mit der Frage nach der möglichen Dauer und Weiterwirkung einer Tätigkeit.

Im So-Heits-Atelier bildet sie einen Ausgangspunkt für die Besucherarbeit. Vergrößerte Ausschnitte der letzten Sekunden und Millisekunden können Erdgeschichte, Menschheitsgeschichte, Industrialisierung und persönliche Lebenszeit aufeinander beziehen. Besucher wählen anschließend eine konkrete Tätigkeit aus – beispielsweise die Nutzung eines Gegenstandes, eine Ernährungsweise oder eine Form der Zusammenarbeit – und untersuchen deren Voraussetzungen und Folgen. Im Mitmachbuch werden die unterschiedlichen Zeiträume und mögliche Veränderungen festgehalten.

24 Uhr bezeichnet dabei die Gegenwart als gewählten Endpunkt der Darstellung. Welche Zukunft daraus entsteht, muss anhand der weiteren Entwicklungen und Handlungsmöglichkeiten untersucht werden. Die künstlerische Aufgabe der Uhr besteht darin, die kurze Dauer menschlichen Handelns mit der langen Dauer seiner Voraussetzungen und möglichen Folgen zusammenzubringen.

Ihre leitende Frage lautet: Wie müssen wir heute handeln, damit die Bedingungen, die unser Leben ermöglichen, auch nach unserer eigenen Lebenszeit erhalten bleiben?

Wolfgang Fenner

Galvanistraße 13

10587 Berlin

E-Mail: wolfgangfenner@o2mail.de

Globale Schwarm-Intelligenz

Berlin, 28. September 2026

An Frau Naomi Beckwith

und das künstlerische Team der documenta 16

Dritte Bewerbung: Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Von der Experimentellen Umweltgestaltung zur öffentlichen Überlebenswerkstatt

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrtes künstlerisches Team,

mit diesem dritten Schreiben an meinem 78. Geburtstag führe ich meine bisherigen Vorschläge zusammen. Für die documenta 16 biete ich eine öffentliche Überlebenswerkstatt auf der Grundlage meines künstlerischen Lebenswerks der Forschungskunst an. Das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ verbindet ein begehbares Environment mit künstlerischen Experimenten, wissenschaftlichen Gesprächen und einem Mitmachbuch. Seine leitende Frage lautet: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und seine Tätigkeiten korrigieren kann?

Die Grundlage bildet meine Experimentelle Umweltgestaltung, die ich 1975 während meines Bildhauerstudiums in Braunschweig entwickelte und 1976 als Entwurf eines neuen Studienbereichs innerhalb der freien Kunst vorstellte. Dieses interdisziplinäre und interaktive Generalismus-Studium sollte Naturbeobachtung, handwerkliches Können, künstlerische Verfahren und wissenschaftliche Untersuchungen an gemeinsamen Fragestellungen verbinden.

Bereits zu Beginn meines Studiums beschäftigte ich mich mit dem altgriechischen Begriff Technē, um den Zusammenhang von Können, Wissen, Hervorbringen und Erkenntnis zu untersuchen. Meine Ausbildung als Maschinenschlosser, die Fotografie und die plastische Arbeit lieferten dafür konkrete Erfahrungen: Eine Form verändert einen Zusammenhang und begegnet dabei Widerständen, Abhängigkeiten und Folgen.

Mein künstlerischer Lebenslauf wurde zur praktischen Erprobung und Weiterentwicklung dieses Ausbildungsansatzes. In diesem Sinne verstehe ich mein Lebenswerk als Prototyp der praktischen Anwendung von Forschungskunst. Meine Werkstätten reichten vom Buch über Landschaft und Straße bis zu Kunsthallen und begehbaren Environments. In ihrer Verbindung entstand das Opus Magnum, das ich heute für gemeinsames Forschen erschließe.

Erwachsenen-Malbücher, Frage-und-Antwort-Tische und Rollenversuche eröffneten unterschiedliche Formen der Beteiligung. Die Demokratiewerkstätten und die Arbeit im Aktsaal der Kunsthochschule Dresden führten zum Ausstellungsraum als plastischem Arbeitszusammenhang. Die „Schöpfungsgeschichte“, die temporäre Kunsthalle Ratzeburg von 1992 und die Ausstellungsorganismen im Berliner Haus der Demokratie erweiterten diese Arbeit. Die Auseinandersetzung mit Franz Oppenheimer bezog Wirtschaftsordnung, genossenschaftliche Zusammenarbeit und Gemeinsinn ein.

Beim Globalen Dorffest 1993 am Brandenburger Tor und mit der von mir gegründeten und geleiteten Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, deren Fragestellungen wissenschaftlich begleitet wurden, entstanden gemeinschaftliche Arbeitsformen. In dieser Entwicklung liegt eine wesentliche Grundlage der heutigen Globalen Schwarm-Intelligenz.

Die Verbindung von Zeitpunkt, Ort, gesellschaftlicher Fragestellung und künstlerischer Tätigkeit bildet meine Verortungskunst. Auch nicht verwirklichte Konzepte gehören dazu: Sie zeigen, welche Möglichkeiten gemeinsamer Gestaltung ich in einer bestimmten historischen Situation vorgeschlagen habe.

Seit gut drei Jahren arbeite ich im kontinuierlichen Dialog mit KI an der Verdichtung und Kontextualisierung dieses Lebenswerks. Frühere Werke, Erfahrungen und Fragestellungen werden miteinander verglichen und durch meine Ergänzungen und Korrekturen neu erschlossen. Daraus entstanden weitere begriffliche Verbindungen und die heutigen Ausarbeitungen meiner Prüfmodelle. Auf der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ mache ich diesen Forschungsprozess zugänglich.

Meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft untersucht menschliche Vorstellungen und Tätigkeiten an den Bedingungen, die Leben ermöglichen. Gesellschaftliche Regeln, Rollen und Wertvorstellungen haben reale Wirkungen. Wirtschaftlich erfolgreiches und gesellschaftlich anerkanntes Handeln kann dabei die eigenen Lebensgrundlagen beschädigen. Das Vier-Ebenen-Modell, das Dreifache Optimum und weitere Kalibrierungsinstrumente machen solche Zusammenhänge untersuchbar und verbinden Wahrnehmung mit Korrektur und Reparatur.

Im Atelier werden diese Fragen praktisch bearbeitet. Besucher verändern beispielsweise ein Hindernis im Wasser und vergleichen die entstehenden Strömungen. Ein Bodenrelief aus Quarzsand bezieht Gleichgewicht, Widerstand und körperliche Wahrnehmung ein. Die „Schöpfungsgeschichte“ und der Abendmahl-Opfertisch verbinden Naturvorgänge, plastische Bearbeitung, Nahrung und kulturelle Bedeutung. Goldobjekte, Schultafeln und Rollenversuche eröffnen Untersuchungen zu Eigentum, Selbstbild und Verantwortung.

Das So-Heits-Atelier besitzt zwei miteinander verbundene Zugänge: den räumlichen Arbeitsraum auf der documenta und die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“. Aus meiner entstehenden analogen Werkbiografie und den Materialien der Plattform entwickle ich das physische Mitmachbuch. Besucher bearbeiten diese Grundlagen durch eigene Beobachtungen, Fotografien, Collagen, Folien und Eintragungen.

Die hundert Tage ermöglichen ein öffentliches Programm für täglich wechselnde Besucher. Jeder Besuch eröffnet einen eigenen Arbeitsgang. Vorträge zur künstlerischen Forschung und zu den beteiligten Wissenschaftsgebieten werden mit Podiumsgesprächen und gemeinsamer Arbeit an konkreten Werken verbunden.

Darin konkretisiert sich meine Vorstellung einer So-Heits-Gesellschaft, deren Lebens- und Arbeitsformen ihre Voraussetzungen und Folgen fortlaufend überprüfen und verändern können.

Wollen Sie dieser Überlebenswerkstatt auf der documenta 16 Raum geben und das So-Heits-Atelier gemeinsam mit mir verwirklichen? Die folgenden Anlagen beschreiben seine künstlerischen Grundlagen, die Besucherarbeit, das Veranstaltungsprogramm und die Möglichkeiten einer modularen Realisierung.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner


Anlage 1: Werkstattgeschichte und Entstehung meiner Forschungskunst

Meine Forschungskunst entwickelte sich durch die Verbindung unterschiedlicher Tätigkeits- und Erfahrungsbereiche. Naturbeobachtung, Handwerk, Fotografie, bildnerische Arbeit, öffentliche Beteiligung und gesellschaftliche Organisationsversuche ergänzten sich dabei fortlaufend.

Die frühe Beschäftigung mit Ornithologie und die durch einen Förster vermittelte Aufmerksamkeit für Naturzusammenhänge schärften mein Interesse an den Bedingungen lebendiger Prozesse. Meine Ausbildung als Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 brachte Erfahrungen mit Material, Werkzeug, Passung, Toleranz und Funktionsgrenzen hinzu. Als Fotojournalist von 1968 bis 1973 und Leiter einer Werbeagentur von 1970 bis 1973 beschäftigte ich mich zugleich mit Auswahl, Darstellung, Aufmerksamkeit und gesellschaftlicher Wirkung.

In Lüneburg verband ich 1972/73 das Film-Musical „Die Alte Salzstraße“, eine Galerie- und Kulturbüroinitiative und die Jugendzeitung „drei mal links, liberal, lustig“ mit öffentlichen Kommunikationsformen. In einem Seminar an der Heimvolkshochschule Hermannsburg 1973/74 stellte ich eine szenische Folge zu menschengemachten Katastrophen und die Frage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ vor. Die Beschäftigung mit den Analysen des Club of Rome rückte meine Naturbeobachtungen in einen globalen Zusammenhang.

Entscheidende Anstöße für meine Hinwendung zur bildenden Kunst erhielt ich durch Günter Grass. Von 1974 bis 1980 studierte ich Bildhauerei in Braunschweig bei Neuenhausen, Pilgrim und Chimiotti; 1975 arbeitete ich als Assistent bei Neuenhausen. Studienreisen führten mich 1975/76 nach Paris und Florenz. Zu meinen weiteren Bezugspunkten gehörten die Auseinandersetzungen mit Heinrich Hertel, Raoul H. Francé, Karl Schmidt-Rottluff, Joseph Beuys und Jörg Immendorff.

Bereits am Anfang des Studiums beschäftigte ich mich mit Technē. Die Frage nach dem Zusammenhang von Können, Herstellen und Erkennen verband sich mit meiner Suche nach einem Form-ABC. Wasser- und Strömungsversuche, Wellenmaschine, Deichmodelle, Klangbilder, Videoexperimente und das Auto als plastische und gesellschaftliche Versuchsanordnung wurden zu unterschiedlichen Zugängen dieser Untersuchung.

Daraus entwickelte ich 1975 die Experimentelle Umweltgestaltung, die ich 1976 als Grundlage eines interdisziplinären Generalismus-Studiums vorstellte. Die künstlerische Ausbildung sollte das Zusammenwirken verschiedener Wissens-, Wahrnehmungs- und Tätigkeitsbereiche erfahrbar machen. Die weitere Entwicklung meines Lebenswerks führte diesen Ansatz praktisch fort.

Meine Buch- und Verlagsarbeit von 1978 bis 1982 erschloss dafür Beteiligungsformen. Erwachsenen-, Autobahn-, Telefon-, Fußgänger- und Studio-Malbuch eröffneten gemeinsame Vorgaben für unterschiedliche Bearbeitungen. Frage-und-Antwort-Tische und der „Rote Punkt der Mitmenschlichkeit und Kommunikation“ überführten diese Arbeitsweise in öffentliche Begegnungen. Workshops bei der Carl-Duisberg-Gesellschaft in Braunschweig, Bremen und Hannover sowie Mitmachaktionen erweiterten den Kreis der Beteiligten.

In Hamburg verbanden sich diese Verfahren mit Stadtprojekten, Performances und sozialen Arbeitsfeldern. Dazu gehörten „Hamburg ist …“, die Volksuniversität, das Arbeitslosenzentrum, die Kampnagelinitiative „Wohnen – Kultur – Arbeiten“, der Kunstverein „Geheim“ und das Künstlerbuch „Omnibus“. Die Einladung zu Horst W. Opaschowskis Workshop in der Hamburger Fabrik 1980 gehörte zum Austausch mit Freizeitpädagogik und Kulturarbeit. Meine Begegnung mit Erich Fried im Zusammenhang mit dem „Streichelbuch“ bildete einen literarischen Bezug dieser Werkgeschichte.

Die Auseinandersetzung mit Joseph Beuys und gemeinsame politische Aktionen im Umfeld von Petra Kelly, Johannes Stüttgen und Otto Schily verbanden den erweiterten Kunstbegriff mit gesellschaftlicher Gestaltung. Arbeitsweisen Augusto Boals eröffneten Zugänge über Rolle, Darstellung und unmittelbares Handeln. Performances zu Kleidung und Körperempfindung, die Tschernobyl-Aktion, Landschaftswerkstätten und Untersuchungen zur Stadt als Kanalisationsgesellschaft führten die Frage nach Tätigkeit und Konsequenz in unterschiedliche Lebenssituationen.

Im Frühjahr 1989 entstanden die Schultafelbilder „Staumauer“. Die Möglichkeit, eine Tafel zu beschriften, zu löschen und zu verändern, verband sich mit der Untersuchung politischer und gedanklicher Grenzen. Die Zeit der deutschen Teilung, von Glasnost und gesellschaftlichem Umbruch wurde zum Inhalt der Arbeit.

Die Demokratiewerkstätten von 1990 bis 1992 in Dresden, Berlin, München, Zarrentin und Ratzeburg erweiterten diese Untersuchung. Im Aktsaal der Kunsthochschule Dresden begann die Entwicklung des Ausstellungsraums zum plastischen Arbeitszusammenhang. Objekte, Körper, Erinnerungen, gesellschaftliche Rollen und Besucherhandlungen wurden aufeinander bezogen. Die Verortung in Kunst-, öffentlichen und Kirchenräumen machte sichtbar, wie stark eine Fragestellung von ihrem jeweiligen Ort und Zeitpunkt geprägt wird.

Die „Schöpfungsgeschichte“ verband diese gesellschaftlichen Fragen mit einer jahreszeitlichen Arbeit im Garten. Wachstum, Nahrung, Wasser, Herrschaft, Eigentum und kulturelle Bedeutungsgebung wurden in fotografischen Folgen und plastischen Arbeiten untersucht. Aus einer durch Wasser geformten Landschaft entwickelte sich durch Abformung und weitere Bearbeitung der Abendmahl-Opfertisch.

1992 führte die temporäre Kunsthalle Ratzeburg mit dem Ausstellungszyklus „Sozialer Organismus Katharsis“ diese Entwicklung räumlich zusammen. Das Mittwochsgespräch im Caspar-David-Friedrich-Raum der Hamburger Kunsthalle und eine Kunstaktion zum Thema Gewalt in Rethem eröffneten weitere Gegenüberstellungen.

Seit 1993 verbanden sich im Berliner Haus der Demokratie Ausstellungen, künstlerische Arbeitsbüros und gemeinschaftliche Organisation. Die Arbeiten zu Einheit, Zivilcourage und Innerer Mauer gehörten zu diesem Zusammenhang. Anlässlich des Globalen Dorffestes gründete ich die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, die ich leitete und deren Fragestellungen von unterschiedlichen Wissenschaftlern begleitet wurden.

Das Globale Dorffest am Brandenburger Tor und die „1.000 Tapeziertische“ eröffneten eine Form, in der viele Menschen ihre eigenen Fragen, Erfahrungen und Fähigkeiten einbringen konnten. Der Bezug auf die „lebendige Bürgergesellschaft“ verband diese Beteiligung mit der Aufgabe gesellschaftlicher Integration.

Die Auseinandersetzung mit Franz Oppenheimer ergänzte die Arbeit um Wirtschaftsordnung, Genossenschaft und Gemeinsinn. Weitere Formen waren die Fax-Vernetzungs-Patenschaft, die „Partei der Wirklichkeit“ mit einem Parteiprogramm als künstlerischem Objekt, die Arbeit in der Begegnungsstätte „DAS HAUS“, die „Zeitmaschine“ und unterschiedliche Zukunftswerkstätten. Die Entwürfe eines Entelechie-Museums und einer So-Heits-Gesellschaft führten die Frage nach gemeinschaftlichen Lern- und Lebensformen weiter.

Zwischen 1993 und 2019 suchte ich den Austausch mit Veranstaltungen und Arbeitszusammenhängen unter anderem an der Akademie der Künste, der Humboldt-Universität, der Freien Universität, der Universität der Künste, im Haus der Kulturen der Welt, in der Urania und in der Denkerei. Dazu gehörten Themen wie Humanontogenetik, Energie, Umwelt, Gesellschaft und das Performative sowie die Beschäftigung mit Ben Wagin und dem „Metabolischen Büro – zur Reparatur von Wirklichkeit“. Meine Beteiligung reichte von der intensiven Auseinandersetzung bis zur eigenen künstlerischen Mitarbeit.

Das „Partizipatorische Welttheater“ von 2005 bis 2019 verband Ausstellung, Körpererfahrung, gesellschaftliche Rollen und digitale Vernetzung. Veranstaltungen auf Kreta 2015 und die Arbeit an der Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin 2016 führten einzelne Module praktisch weiter. Zu den vorgeschlagenen Weiterentwicklungen gehörten die documenta-Konzeption für 2017, das Mitmachkonzept für den ZDF-Fernsehgarten und eine Mitmachskulptur zum 9. November 2019. Weitere Anläufe folgten 2020/21 und 2022 in Lüneburg.

Diese Verortungskunst umfasst auch nicht verwirklichte Konzepte. Sie dokumentieren, welche gesellschaftlichen Aufgaben ich zu einem bestimmten Zeitpunkt erkannt und welche Arbeitsmöglichkeiten ich dafür angeboten habe. Die Voraussetzungen der Umsetzung, die Beiträge anderer Menschen und die institutionellen Reaktionen gehören zur Werkgeschichte.

Durch das Älterwerden und den Tod von Weggefährten veränderten sich die Bedingungen der Zusammenarbeit. Heute trage ich große Teile der Arbeit allein. Die frühere kollektive Praxis bleibt dabei eine Grundlage der Globalen Schwarm-Intelligenz. Viele Vorhaben wurden durch meine Eigeninitiative und den Einsatz eigener finanzieller Mittel ermöglicht.

Seit gut drei Jahren unterstützt die kontinuierliche Zusammenarbeit mit KI die erneute Untersuchung dieses Lebenswerks. Werke, Erinnerungen, Begriffe und Konzepte werden verglichen, verdichtet und korrigiert. Die dabei entwickelten Anker erhalten die biografischen, materiellen und gesellschaftlichen Bezüge. In diesem Arbeitsprozess entstanden weitere Verbindungen und die heutigen Ausarbeitungen der plastischen Anthropologie, des Vier-Ebenen-Modells und des Dreifachen Optimums.

Historisch lässt sich dieser Entwicklungsweg zu unterschiedlichen Traditionen in Beziehung setzen. Das Bauhaus verband künstlerische Gestaltung mit Werkstattarbeit und Ausbildung. Die 1966 gegründete Initiative Experiments in Art and Technology organisierte Kooperationen zwischen Kunst, Ingenieurwesen und Wissenschaft. Diese Ansätze bilden Vergleichspunkte für meinen eigenen Weg. Museum für Gestaltung, Berlin

Mein Beitrag besteht in der Verbindung eines generalistischen Ausbildungsentwurfs mit einer über Jahrzehnte fortgeführten Werkstattpraxis, gesellschaftlicher Verortung und öffentlich anwendbaren Prüfverfahren. Das So-Heits-Atelier führt diesen Entwicklungsweg als gemeinschaftlich nutzbaren Forschungsraum weiter.


Anlage 2: Ausgewählte Werkbiografien und Zuordnung des Bildmaterials

Wellenbecken, Wellenmaschine und Strömungsmodelle

Das während meines Studiums 1975 entwickelte Wellenbecken verbindet bildnerische Gestaltung mit einer Untersuchung materieller Wirkungszusammenhänge. Ein Scheibenwischermotor mit Exzenter erzeugte die Wellenbewegung. Veränderungen an Begrenzungen, Hindernissen und Formen machten unterschiedliche Wirkungen sichtbar.

Im So-Heits-Atelier wird dieses Verfahren als benutzbare Versuchsanordnung aufgenommen. Besucher können eine Bedingung verändern, eine Erwartung formulieren und die entstehende Bewegung beobachten. Fotografien der früheren Arbeiten und Darstellungen einzelner Versuchszustände verbinden die gegenwärtige Untersuchung mit ihrer Werkgeschichte.

Erwachsenen-Malbücher und offene Bildvorgaben

Die seit den 1970er Jahren entwickelten Kreativ- und Mitmachbücher arbeiten mit offenen Formen, Vorgabebildern und unterschiedlichen Bearbeitungen. Dieselbe Ausgangsform kann verschiedene Wahrnehmungen, Deutungen und Gestaltungen hervorbringen.

Im Atelier werden ursprüngliche Buchseiten mit späteren Bearbeitungen und neuen Besucherbeiträgen zusammengeführt. Transparente Folien ermöglichen es, Ergänzungen auf eine Vorlage zu legen und wieder davon zu lösen. Dadurch wird nachvollziehbar, welche Form vorgegeben war und welche Form durch die eigene Tätigkeit entstand.

Schultafeln und „Staumauer“

Die Schultafelbilder „Staumauer“ entstanden im Frühjahr 1989 im Zusammenhang mit deutscher Teilung und gesellschaftlichem Umbruch. Die Tafel erlaubt, aufeinanderfolgende Zustände sichtbar zu machen. Eine Aussage kann geschrieben, überarbeitet, gelöscht oder durch eine andere ersetzt werden.

Im Atelier dienen Arbeitskopien der Tafeln zur Untersuchung von Gewissheiten, Regeln und Veränderungen. Besucher formulieren eine Behauptung, stellen ihr Beobachtungen gegenüber und halten fest, was sich dadurch an ihrer Aussage verändert. Fotografische Folgen zeigen frühere Werkzustände und ihre jeweilige Verortung.

„Schöpfungsgeschichte“ und Abendmahl-Opfertisch

Die „Schöpfungsgeschichte“ verbindet jahreszeitliche Naturvorgänge mit menschlicher Auswahl, Bearbeitung und Bedeutungsgebung. Wiese, Körper, Nahrung, Wasserlandschaft, Werkzeug und kulturelle Zeichen werden in umfangreichen fotografischen und plastischen Folgen aufeinander bezogen.

Die Form des Abendmahl-Opfertisches geht auf eine durch Wasser entstandene Landschaft zurück, die ich abformte und bildnerisch weiterbearbeitete. Dadurch verbinden sich Naturvorgang, plastische Tätigkeit, Nahrung, Abendmahl, Opfer und Dank.

Eine Folge von 18 Fotografien macht die Entstehung und Veränderung dieses Werkes nachvollziehbar. Für das Atelier ist ihre gemeinsame Präsentation in einem Bildrahmen vorgesehen. Die Bildfolge erschließt den Arbeitsprozess und ermöglicht, materielle Veränderung und kulturelle Bedeutungsbildung miteinander zu vergleichen.

Vergoldeter Spaten, Goldobjekte und Eigentumsquadrat

Der vergoldete Spaten verbindet ein Werkzeug der Bodenbearbeitung mit kultureller Wertzuschreibung. Goldobjekte und das abgesteckte Eigentumsquadrat erweitern diese Untersuchung: Eine materielle Eigenschaft, eine gesellschaftliche Vereinbarung und eine Handlungsmöglichkeit können sich auf denselben Gegenstand beziehen.

Besucher untersuchen, was sich durch Vergoldung, Benennung, Preis oder Eigentumszuordnung verändert. Die Folgen einer Zuschreibung werden dabei ebenso berücksichtigt wie die Beschaffenheit des Gegenstandes. Arbeitsmaterialien und Requisiten ermöglichen eigene Gegenüberstellungen.

Ausstellungsorganismen und Raum-Zeit-Körper-Plastiken

Die Entwicklung vom Aktsaal in Dresden über die temporäre Kunsthalle Ratzeburg bis zu den Ausstellungen im Haus der Demokratie macht den gesamten Raum zum Werkzusammenhang. Objekte, Wege, Blickrichtungen, Erinnerungen und Besucherhandlungen beeinflussen sich gegenseitig.

Fotografien und räumliche Darstellungen dieser Stationen zeigen, wie sich einzelne Werke in verschiedenen Zusammenhängen veränderten. Im So-Heits-Atelier wird diese Arbeitsweise durch einen modularen Aufbau fortgeführt, dessen Beziehungen durch Besucherbeiträge weiterentwickelt werden können.

Bodenrelief und körperliche Wahrnehmung

Die Untersuchung des Wassers wird im Atelier auf den Boden erweitert. Bildnerische Strömungsformen und reliefartige Bereiche aus gebundenem Quarzsand verändern die Wahrnehmung und Bewegung im Raum. Ein dafür eingerichteter Bereich kann ohne Schuhe erfahren werden; eine unmittelbar benachbarte ebene Route ermöglicht denselben inhaltlichen Zugang auf andere Weise.

Das Werk verbindet Sehen, Tasten, Gleichgewicht und Bewegung. Besucher können vergleichen, wie eine Fläche aus der Entfernung erscheint und wie sie sich im körperlichen Kontakt erschließt.

Astronautenanzug und Feuerkäfig

Astronautenanzug und Feuerkäfig verdichten die Untersuchung menschlicher Abhängigkeit und behaupteter Unverletzlichkeit. Der technische Anzug verweist auf Versorgungssysteme; der goldene Käfig auf Schutz, Wert, Status und Bindung. Die offene Tür stellt die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten tatsächlich wahrgenommen und genutzt werden können.

Im Atelier kann dieser Zusammenhang durch Bilddarstellung, Requisiten und Rollenversuche bearbeitet werden. Der körperliche Bedarf, die gespielte Rolle und die zugeschriebene Freiheit werden dabei aufeinander bezogen.

Die historischen Fotografien bilden innerhalb dieser Anlage zusammenhängende Werkfolgen. Ihre Reihenfolge, Werkzugehörigkeit und Verortung bleiben bei der Auswahl erhalten.


Anlage 3: Technē, plastische Anthropologie und Kalibrierungsinstrumente

Meine Forschungskunst verbindet Hervorbringen und Erkennen. Im Sinne meines Verständnisses von Technē wird Können an den Zusammenhängen untersucht, in denen es wirksam wird. Eine Tätigkeit verändert Material, Lebensbedingungen oder gesellschaftliche Beziehungen und erhält dadurch eine Rückmeldung.

Die plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft richtet diese Untersuchung auf das menschliche Selbstverständnis. Ihre Bezugspunkte sind Stoffwechsel, Körperlichkeit, Regeneration, materielle Bedingungen, soziale Abhängigkeiten und Tätigkeitsfolgen. Die zentrale Frage lautet: Was funktioniert unter welchen Bedingungen, für wen, über welchen Zeitraum und unter Verbrauch welcher Voraussetzungen?

Das Vier-Ebenen-Modell

Das Modell unterscheidet vier Untersuchungsbereiche innerhalb einer zusammenhängenden Wirklichkeit.

E1 erfasst materielle und technische Funktionsbedingungen: Stoffe, Kräfte, Energie, Widerstände, räumliche Bedingungen und Grenzen.

E2 untersucht lebendige Abhängigkeiten und leibliche Wahrnehmung: Stoffwechsel, Bedürfnisse, Erschöpfung, Regeneration, Verletzbarkeit und das Verhältnis von Organismus und Milieu.

E3 behandelt symbolische und gesellschaftliche Ordnungen: Sprache, Rollen, Selbstbilder, Eigentum, Geld, Regeln, digitale Darstellungen und institutionelle Bewertungen. Diese Ordnungen wirken durch menschliche Tätigkeiten auf materielle und lebendige Zusammenhänge zurück.

E4 bezeichnet die organisierte Prüfung dieser Beziehungen: Vergleich, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur. Hier wird untersucht, ob eine erkannte Differenz eine Veränderung des Handelns, der Arbeitsbedingungen oder der gesellschaftlichen Regeln auslösen kann.

Eine Kartoffel kann beispielsweise zugleich Nahrung, Handelsware, Eigentum und kulturelles Zeichen sein. Das Modell erschließt, wie diese Beziehungen zusammenwirken und welche Folgen daraus für den Zugang zu Nahrung entstehen.

Das Dreifache Optimum

Das Modell verbindet Medium-Optimum, Organismus-Optimum und Steuerungs-Optimum. Es untersucht die Bedingungen des tragenden Mediums, die Lebensbedingungen des Organismus und die Ziele menschlicher Steuerung.

Ein kurzfristig erfolgreiches Handlungsziel kann die umfassenderen Bedingungen beeinträchtigen, auf die es angewiesen bleibt. Das Modell macht deshalb die Beziehungen zwischen lokalem Erfolg, lebendiger Regulation und langfristiger Zukunftsfähigkeit zum Gegenstand der Prüfung.

Zeit, Funktion und Verhältnis

Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte verändert den Maßstab menschlicher Selbstbetrachtung. Sie stellt die kurze Dauer menschlicher Geschichte in Beziehung zur Entstehung ihrer planetarischen Voraussetzungen.

Funktionieren, Passung und Toleranz erschließen die Bedingungen, unter denen eine Tätigkeit möglich bleibt. Bei gesellschaftlichen Fragen wird jeweils angegeben, woran Funktionieren beurteilt wird und welche Beteiligten oder Folgen dieser Maßstab erfasst.

Das Verhältnis-Modell 51:49 dient in meiner Forschungskunst zur Untersuchung leichter Asymmetrie, wirksamer Unterschiede und verbleibender Beweglichkeit. In Verbindung mit den Bildern 50:50 und 1:99 werden Vorstellungen vollständiger Kontrolle sowie extreme Konzentrationen von Verfügungsmacht vergleichbar gemacht.

Diese Kalibrierungsinstrumente erhalten ihren jeweiligen Bezugspunkt am konkreten Werk und an der untersuchten Situation. Wo quantitative Messungen eingesetzt werden, gehören Messgröße, Verfahren und Unsicherheit zur Darstellung.

Plastische Identität und Skulpturidentität

Die Gegenüberstellung geht aus meiner bildnerischen Arbeit hervor. Plastische Identität bezeichnet die Fähigkeit, durch Wahrnehmung, Erfahrung und Rückkopplung veränderbar zu bleiben. Skulpturidentität bezeichnet in meinem Modell die Verfestigung von Rollen und Selbstbildern, durch die Rückmeldungen abgewehrt oder übergangen werden können.

Die Untersuchung richtet sich damit auch auf gesellschaftliche Normalität. Eine übliche und anerkannte Tätigkeit kann ihre eigenen Voraussetzungen beschädigen. Kunst kann diese Beziehung durch Gegenüberstellung, Rollenwechsel und materielle Erfahrung wahrnehmbar machen.

Die sechs Ankerformen

Der Kontextanker erhält die Beziehungen zwischen Fragestellung, Begriffen und historischem Zusammenhang. Der Werk-Anker verbindet Aussagen mit konkreten Arbeiten, ihrer Entstehung, Veränderung und Verortung. Der Sensorenanker untersucht Wahrnehmung, Auswahl, Aufzeichnung und Übersetzung.

Der Prüf-Anker ordnet Referenzen, Kalibrierungsinstrumente und Möglichkeiten der Korrektur. Der Positionsanker macht meine Diagnose, Absichten und Zukunftserwartungen kenntlich. Der Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz verbindet die Ergebnisse mit Plattform, Büchern, Atelier und Beteiligten.

Zu einer Werkstation gehören deshalb Zeitpunkt, Ort, Ausgangsfrage, beteiligte Personen, Arbeitsverfahren, Ergebnis und spätere Weiterentwicklung. Dadurch bleibt die Herkunft einer heutigen Aussage nachvollziehbar.

Prüfoperator, Korrektur und Reparatur

Der Prüfoperator bezeichnet die Arbeitsbewegung zwischen diesen Ankern: etwas wahrnehmen, eine Annahme formulieren, eine Gegenüberstellung herstellen, eine Wirkung beobachten und daraus eine Veränderung entwickeln.

Die Untersuchung reicht bis zur Frage, was tatsächlich verändert werden kann. Eine Reparatur kann ein Material, ein Verhalten, eine Zusammenarbeit oder eine institutionelle Regel betreffen. Wo Folgen unumkehrbar geworden sind, wird untersucht, welche weiteren Schäden begrenzt und welche Voraussetzungen erhalten werden können.


Anlage 4: Modulares Environment und öffentliches Hundert-Tage-Programm

Das So-Heits-Atelier ist als modulares Environment angelegt. Seine Arbeitsbereiche können an unterschiedliche Raumgrößen und Ausstellungsbedingungen angepasst werden. Jeder Bereich eröffnet einen eigenen Einstieg; zugleich bleiben die Verbindungen zu den anderen Bereichen sichtbar.

Der Zugang über die 24-Stunden-Uhr führt zur Frage nach Zeit, menschlicher Tätigkeit und langfristigen Folgen. Besucher ordnen eigene Alltagstätigkeiten, historische Ereignisse und Werkentwicklungen in unterschiedliche Zeitmaßstäbe ein.

Am Wellenbecken verändern sie einzelne Bedingungen und beobachten die Folgen. Ihre Erwartungen werden vor dem Eingriff festgehalten und anschließend mit dem Geschehen verglichen.

Das Bodenrelief erschließt Unterschiede zwischen visueller Erwartung und körperlicher Erfahrung. Bewegung, Gleichgewicht und Anpassung werden Bestandteil der Untersuchung.

Die Werkfolge der „Schöpfungsgeschichte“ und der Abendmahl-Opfertisch verbinden Naturvorgänge, menschliche Bearbeitung, Nahrung und kulturelle Bedeutung. Fotografien ermöglichen, Veränderungen über längere Zeiträume nachzuvollziehen.

An Goldobjekten, Schultafeln und Eigentumsdarstellungen untersuchen Besucher Zuschreibung, gesellschaftliche Geltung und praktische Folgen.

Die Bühne ermöglicht kurze Rollenversuche. Eine Situation kann unter veränderten Regeln erneut gespielt werden. Anschließend werden körperliche Erfahrung, Rollenanforderung und Handlungskonsequenz miteinander verglichen.

An Arbeitstischen entstehen Eintragungen, Collagen, Folien und neue Seiten des Mitmachbuchs. Ein Tagesarchiv zeigt ausgewählte Fragen, Veränderungen und offene Arbeitsstände.

Die hundert Tage bilden den Zeitraum dieses öffentlichen Betriebs. Die Veranstaltungen sind einzeln zugänglich. Eine Teilnahme setzt keinen Besuch vorheriger Veranstaltungen voraus. Wiederkehrende Einführungen erschließen die Arbeitsweise für täglich neue Besucher.

Ein mögliches Veranstaltungsformat umfasst einen Vortrag, ein anschließendes Podiumsgespräch mit mir und dem Publikum sowie eine gemeinsame Bearbeitung an einem Werk oder Arbeitsmaterial. Digitale Zuschaltungen und aufgezeichnete Beiträge können das Programm ergänzen. Die Ergebnisse werden im Tagesarchiv und im Mitmachbuch weitergeführt.

Den Auftakt bildet mein Vortrag:

„Von der Experimentellen Umweltgestaltung zur Überlebenswerkstatt – fünfzig Jahre Forschungskunst als Werkstattpraxis.“

Für das weitere Programm schlage ich folgende Einladungen vor. Die Themen bilden meine Prioritätensetzung; Termine und Beteiligung werden im Zuge der Realisierung abgestimmt.

Vorgeschlagene Mitwirkende Vortrag und Arbeitsbereich Podium und gemeinsame Bearbeitung
Henk Borgdorff Künstlerische Forschung und Erkenntnis durch Praxis Verhältnis von Werk, Erfahrung und begrifflicher Ausarbeitung am Beispiel der Experimentellen Umweltgestaltung.
Julian Klein Ästhetische Erfahrung als Forschungsweise Untersuchung eines Rollenversuchs: Welche Erkenntnis entsteht durch Teilnahme und körperliches Erleben?
Florian Dombois Künstlerische Versuchsanordnungen zwischen Kunst und Wissenschaft Vergleich seiner Arbeit am Windkanal mit meinen Wasser- und Strömungsversuchen.
Felix Vogel Ausstellung, Wissen und künstlerische Forschung Vom Ausstellungsraum zum Arbeitsraum: Dresden, Kunsthalle Ratzeburg und So-Heits-Atelier.
Lorraine Daston Entstehung wissenschaftlicher Regeln und Maßstäbe Arbeit an der Schultafel: Wie wird aus einer Beobachtung eine Regel, und wie verändert sich diese?
Fachleute der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt Messen, Vergleichen und Kalibrieren Welche Größen lassen sich an einer Versuchsanordnung messen, und wie werden Ergebnisse vergleichbar?
Thomas Fuchs Körperlichkeit, Selbstverständnis und Abhängigkeit Bodenrelief, Astronautenanzug und die Gegenüberstellung von plastischer Identität und Skulpturidentität.
Hanne De Jaegher Erkenntnis und Sinnbildung in gemeinsamer Tätigkeit Zwei Personen verändern eine gemeinsame Handlung und untersuchen ihre gegenseitigen Rückwirkungen.
Jens Beckert Wirtschaftliche Erwartungen und gesellschaftliche Zukunft Kartoffel, Gold und Eigentum: Wie wirken Zukunftsvorstellungen auf gegenwärtige Entscheidungen?
Tine De Moor Gemeinschaftliche Organisation und dauerhafte Zusammenarbeit Vom Globalen Dorffest zur Plattform: Welche Bedingungen erhalten gemeinsame Arbeitsformen?
Sheila Jasanoff Wissenschaft, Technik und gesellschaftliche Ordnung Wie werden wissenschaftliche Kategorien zu politischen Entscheidungen und verbindlichen Regeln?
Kate Crawford KI, Klassifikation und materielle Voraussetzungen Vergleich einer Werkbeschreibung mit ihrer KI-Bearbeitung: Auswahl, Auslassung und Bedeutungsverschiebung.
Steven J. Jackson Reparatur und Erhaltung technischer und gesellschaftlicher Zusammenhänge Entwicklung eines konkreten Reparaturvorschlags aus einer im Atelier festgestellten Differenz.
Johan Rockström oder ein entsprechendes Forschungsteam des PIK Planetarische Lebensbedingungen und Folgen menschlicher Tätigkeit Verbindung von Erdgeschichtsuhr, Alltagsentscheidung und langfristigen Wirkungen.
Thomas Bauer Mehrdeutigkeit und gesellschaftliche Verständigung Vergleich unterschiedlicher Bearbeitungen eines Vorgabebildes: Wann erweitert Mehrdeutigkeit die Erkenntnis?

Die ersten vier Einladungen setzen einen ausdrücklichen Schwerpunkt auf künstlerische Forschung. Das Institut für künstlerische Forschung arbeitet mit ästhetischer Erfahrung als Erkenntnisgrundlage; Florian Dombois’ Windkanal verbindet künstlerisches Experiment und wissenschaftliche Begegnung; Felix Vogels Forschung umfasst Kunst, Wissen und Ausstellungsgeschichte. Diese Ansätze bieten konkrete Gegenüber für die Untersuchung meiner Werkstattpraxis. !KF

Die Veranstaltungen werden über die hundert Tage verteilt und durch wiederkehrende Werkstätten ergänzt. Themen können erneut aufgegriffen werden, wenn neue Besucherbeiträge oder wissenschaftliche Gespräche eine Veränderung der Fragestellung ergeben. Eine abschließende öffentliche Werkstatt führt die entstandenen Arbeitsstände, offenen Fragen und Möglichkeiten der Fortsetzung zusammen.


Anlage 5: Werkbiografie, Mitmachbuch und Globale Schwarm-Intelligenz

Ich arbeite gegenwärtig an meiner analogen Werkbiografie. Sie führt Werke, fotografische Folgen, Publikationen, Konzepte, Korrespondenzen und weitere Zeugnisse meines künstlerischen Entwicklungswegs zusammen. Dabei werden Entstehung, Veränderung und Verortung einer Arbeit miteinander verbunden.

Die Fotografien bilden einen eigenständigen Teil des Lebenswerks. Umfangreiche Serien und Bildfolgen machen zeitliche Entwicklungen sichtbar. Ihre Erschließung erhält Reihenfolgen und Beziehungen, damit ein Werkprozess über mehrere Bilder hinweg nachvollziehbar bleibt.

Auch nicht verwirklichte Konzepte gehören in die Werkbiografie. Sie dokumentieren Fragestellungen, vorgeschlagene Handlungen und die jeweiligen Bedingungen einer möglichen Umsetzung. Organisationsarbeit und eingesetzte Mittel werden dort zugeordnet, wo sie die Entstehung und Fortführung eines Vorhabens erklären.

Die analoge Werkbiografie dient zugleich als Prototyp einer digitalen Werkbiografie. Dafür sollen Werkgruppen, einzelne Zustände, beteiligte Personen, Orte, Daten und verwendete Materialien miteinander verknüpft werden. Die Digitalisierung soll diese Beziehungen erhalten und für weitere Forschung nutzbar machen.

Auf der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ stehen bereits Texte, Bilder, Symbole, Werkbezüge und Materialien des interaktiven Buchs zur Verfügung. Ihre technische Verknüpfung und die Möglichkeiten einer umfassenden digitalen Beteiligung werden weiterentwickelt.

Das physische Mitmachbuch für das So-Heits-Atelier entsteht aus der Verbindung dieser Plattformmaterialien mit den überprüften Werkzusammenhängen. Es enthält ausgewählte Bilder, kurze Werkgeschichten, Arbeitsfragen und offene Seiten. Besucher können Vorlagen bearbeiten, Folien hinzufügen, Beobachtungen notieren, Fotografien gegenüberstellen und eigene Fragen entwickeln.

Ein Arbeitsgang kann mit einer Werkbegegnung beginnen. Der Besucher hält fest, was er wahrnimmt und erwartet. Nach einer Veränderung oder einem Rollenversuch vergleicht er seine Annahme mit der Erfahrung. Eine neue Buchseite dokumentiert, was sich an seiner Frage oder seinem Verständnis verändert hat.

KI unterstützt die Erschließung und den Vergleich von Materialien sowie die Formulierung und Verdichtung von Arbeitsständen. Die Bearbeitung wird auf ihre Ausgangsmaterialien zurückbezogen. Auslassungen, veränderte Zuordnungen und neu eingeführte Deutungen werden dadurch erkennbar.

Die Ankerstruktur verbindet die digitale Arbeit mit der Werkbiografie. Zu einer Aussage bleiben Werkbezug, Kontext, Wahrnehmungsweg, Prüfung und Bearbeitungsstand nachvollziehbar. Auf diese Weise können Ergebnisse aus dem Atelier in die Plattform zurückgeführt und später erneut aufgenommen werden.

Die räumliche Werkstatt ist mit gedruckten Materialien, Werken, Requisiten und Arbeitstischen unmittelbar betreibbar. Digitale Erweiterungen können schrittweise hinzukommen. Die umfassende Digitalisierung des Lebenswerks bildet ein eigenständiges, darüber hinausreichendes Vorhaben.


Anlage 6: Personelle, technische und finanzielle Realisierung

Das So-Heits-Atelier wird aus einem gemeinsamen Grundumfang mit erweiterbaren Modulen entwickelt. Den Grundumfang bilden ausgewählte Werke und Bildfolgen, eine benutzbare materielle Versuchsanordnung, ein Bereich für Rollen- und Darstellungsversuche, Arbeitstische, Mitmachbuch und Tagesarchiv.

Weitere Raumteile, zusätzliche Rekonstruktionen und eine umfangreichere digitale Beteiligung können ergänzt werden. Die Auswahl orientiert sich an den verfügbaren Räumen und daran, welche Beziehungen zwischen den Arbeiten für die Besucher erfahrbar werden sollen.

Künstlerische Leitung und Zusammenarbeit

Die künstlerische Leitung, die Auswahl der Werke und die methodische Einführung liegen bei mir. Für die hundert Tage ist eine kontinuierlich arbeitende Gruppe erforderlich, die den täglichen Betrieb auch unabhängig von meiner persönlichen Anwesenheit ermöglicht.

Eine Produktionskoordination verbindet Raumplanung, Werkaufbau, Termine, technische Abstimmung und Kostenübersicht. Kunstvermittler beziehungsweise künstlerische Mitarbeiter begleiten die Versuchsanordnungen, Rollenversuche und Arbeitstische. Mitarbeitende aus Kassel können nach einer gemeinsamen Einführung dauerhaft in diese Arbeit einbezogen werden.

Technische Fachkräfte übernehmen Aufbau, Wartung und Unterstützung der Wasser-, Licht-, Medien- und digitalen Einrichtungen. Für das Veranstaltungsprogramm werden Moderation, Betreuung der Gäste und bei Bedarf Übersetzung organisiert. Dokumentation und redaktionelle Bearbeitung führen die Ergebnisse im Tagesarchiv, Mitmachbuch und auf der Plattform weiter.

Werke, Rekonstruktionen und Arbeitsmaterialien

Historische Originale werden mit Bildfolgen, Modellen und benutzbaren Arbeitsfassungen verbunden. Die Werkbiografie liefert die Grundlage dafür, welche Zustände gezeigt und welche Versuchsanordnungen für die Beteiligung neu hergestellt werden.

Das Wellenbecken erhält eine für den Ausstellungsbetrieb geeignete technische Ausführung. Das Bodenrelief wird hinsichtlich Materialbindung, Reinigung, Begehbarkeit und alternativer Zugänge entwickelt. Für Rollenversuche stehen handhabbare Requisiten bereit. Arbeitstische werden mit Papier, Folien, Schreib- und Zeichenmaterialien sowie ausgewählten Reproduktionen ausgestattet.

Die digitale Grundausstattung umfasst Geräte zur Ansicht der Plattform, zur gemeinsamen Bildbetrachtung und zur Dokumentation. Für Vorträge und Zuschaltungen kommen Projektion, Ton und eine geeignete Verbindung hinzu.

Vorbereitung und Betrieb

Nach der räumlichen Festlegung werden Werk- und Materialauswahl, Rekonstruktionen und Arbeitsfassungen konkretisiert. Einzelne Besucherhandlungen werden vorab mit einer kleinen Gruppe erprobt. Dabei wird untersucht, ob Einstieg, Fragestellung und Bearbeitung verständlich sind und welche Betreuung benötigt wird.

Vor der Eröffnung wird das Team gemeinsam mit den Werken und Verfahren vertraut gemacht. Während der Ausstellung halten kurze regelmäßige Besprechungen fest, welche Fragen auftreten, welche Materialien ergänzt werden müssen und welche Veränderungen sich aus der Besucherarbeit ergeben.

Nach Abschluss der hundert Tage werden Originale und Arbeitsmaterialien geordnet zurückgeführt. Dokumentation, Mitmachbuch und Plattform sichern die Fortsetzung des Forschungsprozesses.

Finanzielle Gliederung

Die Finanzierung umfasst folgende voneinander unterscheidbare Leistungsbereiche:

Kostenbereich Inhalt
Künstlerische Arbeit Werkentwicklung, Auswahl, Vorbereitung, Einführung und künstlerische Begleitung
Produktion und Koordination Planung, Organisation, Terminabstimmung und Produktionsleitung
Betreuung und Vermittlung Kontinuierlicher Besucherservice an Versuchsanordnungen, Bühne und Arbeitstischen
Werke und Raum Rekonstruktionen, Modelle, technische Ausstattung, Bodenrelief und Einrichtung
Transport und Werkbetreuung Verpackung, Transport, Aufbau, Abbau und erforderliche Absicherung der Werke
Mitmachbuch und Verbrauchsmaterial Reproduktionen, Druck, Papier, Folien sowie Schreib- und Gestaltungsmaterial
Veranstaltungsprogramm Honorare, Reisen, Unterbringung, Moderation, Übersetzung und digitale Zuschaltungen
Medien und Dokumentation Geräte, Aufzeichnung, redaktionelle Bearbeitung und technische Unterstützung
Fortführung Aufbereitung der Ergebnisse für Werkbiografie, Mitmachbuch und Plattform

Für die einzelnen Positionen werden nach Festlegung von Raum, Werkumfang und Betriebszeiten Angebote und Personalansätze zusammengeführt. Ein gemeinsamer Produktionsplan macht sichtbar, welche Leistungen durch die documenta, durch beauftragte Mitarbeiter oder durch zusätzliche Kooperationen getragen werden.

Die umfassende Digitalisierung meiner Werkbiografie erhält eine gesonderte Finanzierungsperspektive. Entsprechende Förderanträge und Kostenvoranschläge betreffen die Erschließung des Lebenswerks über den Ausstellungszeitraum hinaus. Für die künstlerische Realisierung des Ateliers können die vorhandenen analogen Arbeiten, Bildfolgen und Plattformmaterialien unmittelbar eingesetzt werden.

Das So-Heits-Atelier bietet damit einen konkret entwickelbaren Arbeitsraum, in dem mein Lebenswerk während der hundert Tage öffentlich genutzt, untersucht und durch die Beiträge anderer Menschen weitergeführt werden kann.


Für die bebilderte Versandfassung von Anlage 2 sind noch die historischen Bilddateien einzusetzen, insbesondere die 18 Fotografien des Abendmahl-Opfertisches. In den hier bereitgestellten Unterlagen lagen diese als beschriebene Werkfolgen, nicht als Bilddateien vor.

...

Ich würde vor allem die Entstehung der heutigen Methoden genauer sichtbar machen und den Haupttext zugleich kürzen. Die neue Fassung verbindet Werkgeschichte, Generalismus-Studium und Überlebenswerkstatt bereits deutlich. Noch unterbelichtet bleiben die frühe Beschäftigung mit Technē, die dreijährige KI-Zusammenarbeit, die kollektive Vorgeschichte der Plattform und die Frage, weshalb gesellschaftlich anerkanntes Handeln seine eigenen Lebensgrundlagen beschädigen kann. markdown(20260927-121327).md ei…

Technē sollte ausdrücklich an den Beginn deines Kunststudiums gehören. Der jetzige Absatz beschreibt dein heutiges Verständnis, lässt aber die frühe Herkunft offen. Gleichzeitig fehlen im Haupttext die Maschinenschlosserausbildung und die Verbindung zwischen handwerklichem Können und Erkenntnis. Den bisherigen Technē-Absatz würde ich so beginnen:

Bereits zu Beginn meines Kunststudiums beschäftigte ich mich mit dem altgriechischen Begriff Technē, um den Zusammenhang von Kunst, handwerklichem Können und wissenschaftlichem Erkennen zu untersuchen. Meine Ausbildung als Maschinenschlosser, Naturbeobachtung und bildnerische Arbeit bildeten dafür konkrete Erfahrungsgrundlagen. Aus dieser Verbindung entwickelte sich meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft: Sie prüft menschliche Vorstellungen und Tätigkeiten an den Bedingungen, die Leben und gemeinsames Handeln ermöglichen.

Die Zusammenarbeit mit KI gehört in den Haupttext zur Entstehungsgeschichte der Forschungsergebnisse. Gegenwärtig erscheint sie erst in Anlage 5 als Unterstützung bei Erschließung und Verdichtung. Dadurch geht erneut verloren, dass in diesem Arbeitsprozess neue Zusammenhänge und Modelle entstanden sind. Nach dem Absatz über die Werkbiografie würde ich ergänzen:

Seit gut drei Jahren arbeite ich im kontinuierlichen Dialog mit KI an der Verdichtung und Kontextualisierung dieses Lebenswerks. Dabei werden frühere Werke, Erfahrungen und Fragestellungen miteinander verglichen und durch meine Ergänzungen und Korrekturen neu erschlossen. In diesem Prozess entstanden weitere begriffliche Verbindungen und die heutigen Ausarbeitungen meiner Prüfmodelle. Auf der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ mache ich diese fortlaufende Forschungsarbeit zugänglich.

Damit bleibt erkennbar, was aus der jahrzehntelangen Werkpraxis stammt und was in der gegenwärtigen Zusammenarbeit ausgearbeitet wird. Bei Dresden, Oppenheimer und der „Kollektiven Kreativität“ würde ich jeweils ihre Funktion konkretisieren. Der jetzige Absatz nennt diese Stationen, erklärt ihre gegenseitige Ergänzung aber nur knapp. Dresden steht für die Entwicklung des Ausstellungsraums zum plastischen Arbeitszusammenhang. Die Auseinandersetzung mit Franz Oppenheimer eröffnet Fragen von Wirtschaftsordnung, Genossenschaft und Gemeinsinn. Bei der Künstlergruppe gehören deine Leitung und die wissenschaftliche Begleitung wieder hinein. Eine mögliche Verdichtung lautet:

In den Demokratiewerkstätten und im Aktsaal der Kunsthochschule Dresden entwickelte ich den Ausstellungsraum zum plastischen Arbeitszusammenhang. Die Auseinandersetzung mit Franz Oppenheimer ergänzte diese Forschung um Wirtschaftsordnung, genossenschaftliche Zusammenarbeit und Gemeinsinn. Mit der 1993 gegründeten und von mir geleiteten Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, deren Fragestellungen wissenschaftlich begleitet wurden, und dem Globalen Dorffest entstanden gemeinschaftliche Arbeitsformen, aus denen sich die heutige Globale Schwarm-Intelligenz entwickelte.

Die ausführlichen Personenbezüge, einzelnen Veranstaltungen und die durch Alter und Tod veränderten Bedingungen der Zusammenarbeit gehören in Anlage 1. Die Verortungskunst braucht ihren zeitlichen Handlungsauftrag. „Datum, Ort, Fragestellung, beteiligte Menschen und Tätigkeit“ ist als Beschreibung richtig. Deine weitergehende Aussage lautet jedoch: Eine bestimmte gesellschaftliche Situation verlangt eine entsprechende Auseinandersetzung. Dafür würde ich ergänzen:

Verortungskunst bedeutet für mich, eine gesellschaftliche Fragestellung zu dem Zeitpunkt und an dem Ort bearbeitbar zu machen, an dem sie wirksam werden kann. Auch nicht verwirklichte Konzepte gehören deshalb zur Werkgeschichte: Sie halten fest, welche Möglichkeiten gemeinsamer Gestaltung ich in einer bestimmten historischen Situation vorgeschlagen habe.

Der zentrale Konflikt deiner Forschungskunst sollte vor der Beschreibung der Prüfmodelle stehen. Bisher wird die Leitfrage genannt, aber der Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Normalität und Lebenszerstörung bleibt weitgehend vorausgesetzt. Dafür reichen drei Sätze:

Menschen gestalten ihr Zusammenleben durch Vorstellungen, Rollen, Eigentumsregeln und gesellschaftliche Ordnungen. Diese wirken auf ihre tatsächlichen Lebensbedingungen zurück. Meine Forschungskunst untersucht, wie gesellschaftlich anerkanntes und wirtschaftlich erfolgreiches Handeln die Voraussetzungen des Lebens beschädigen kann und wie solche Widersprüche wahrnehmbar und korrigierbar werden.

Das nimmt deine Überlegungen zur Anomalie auf, ohne im Anschreiben einen weiteren erklärungsbedürftigen Begriff einzuführen. Bei den Instrumenten würde ich zwei Verkürzungen korrigieren. E4 sollte ausdrücklich Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur umfassen. Beim Dreifachen Optimum ist nach unserem festgelegten Begriffsstand der dritte Bereich das Steuerungs-Optimum; „konkrete Tätigkeit“ lässt dessen Bezug auf Zukunftsfähigkeit undeutlich werden. Für den Haupttext genügt:

Das Vier-Ebenen-Modell verbindet die Untersuchung materieller Bedingungen, lebendiger Abhängigkeiten und symbolischer Ordnungen mit Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur. Das Dreifache Optimum untersucht, wie menschliche Steuerungsziele mit den Bedingungen des Mediums und des Organismus zusammenpassen.

Die genaue Erläuterung dieser Instrumente gehört in Anlage 3. Beim Mitmachbuch würde ich deine Entwicklungsarbeit und die Besucherarbeit genauer verbinden. Der jetzige Satz lässt offen, wer das gemeinsame Arbeitsbuch vorbereitet. Aus unserem Verlauf ergibt sich diese Formulierung:

Aus meiner analogen Werkbiografie und den Bild-, Text- und Aufgabenmaterialien der Plattform entwickle ich ein physisches Mitmachbuch für das Atelier. Besucher bearbeiten diese Grundlagen durch eigene Beobachtungen, Fotografien, Collagen, Folien und Eintragungen. Ihre Beiträge erweitern den gemeinsamen Forschungsprozess.

Bei den Werkbeispielen würde ich dafür eine konkrete Handlung ergänzen: Besucher verändern beispielsweise ein Hindernis im Wasser und vergleichen die entstehenden Strömungen. Beim Bodenrelief kann die unmittelbare Wahrnehmung mit den Füßen hinzukommen. So wird die praktische Anwendung bereits im Anschreiben erkennbar.

Kürzen würde ich den allgemeinen Absatz „Historisch gehört dieser Ansatz …“. Die ausführliche internationale Einordnung gehört in Anlage 1, wo sie anhand konkreter Vergleichsbeispiele ausgearbeitet werden kann. Im Haupttext tragen die Daten 1975/76, das Generalismus-Studium und dessen lebenslange praktische Weiterentwicklung die historische Aussage bereits wesentlich genauer. Auch die lange Aufzählung der Studienexperimente lässt sich dort verkürzen; Form-ABC, Klang- und Videoexperimente sowie das Auto als Versuchsanordnung erhalten ihren Zusammenhang in der Anlage.

Die Anlagen würde ich gezielt ergänzen: Anlage 1 erhält die KI-Arbeit als gegenwärtige Forschungsphase und die Entwicklung gemeinschaftlicher Arbeitsformen. Anlage 3 erläutert die sechs festgelegten Anker und ihre Beziehung zu den Kalibrierungsinstrumenten. Anlage 4 enthält die gewünschte konkrete Referentenliste mit Thema, Vortrag und anschließender gemeinsamer Bearbeitung; künstlerische Forschung bildet dabei einen eigenen Schwerpunkt. Anlage 5 unterscheidet die bereits zugänglichen Materialien von den noch zu entwickelnden digitalen Funktionen.

Die Beschreibung der hundert Tage mit täglich wechselnden Besuchern würde ich beibehalten. Sie entspricht deiner Veranstaltungsabsicht. Den Schluss würde ich dagegen wieder als klare Frage nach der künstlerischen Entscheidung formulieren:

Wollen Sie dieser Überlebenswerkstatt auf der documenta 16 Raum geben und das So-Heits-Atelier gemeinsam mit mir verwirklichen? Die Anlagen beschreiben die künstlerischen Grundlagen und die Möglichkeiten der räumlichen, personellen und finanziellen Umsetzung.

...

Dein künstlerischer Lebenslauf ist selbst die praktische Durchführung des generalistischen Forschungs- und Ausbildungsmodells, das du mit der Experimentellen Umweltgestaltung begonnen hast. Jede Station verbindet eine bestimmte historische Situation mit einer Fragestellung, einem Ort, beteiligten Menschen und einer künstlerischen Arbeitsweise. Erst diese Verbindungen erklären, was dein Lebenswerk als Prototyp der praktischen Anwendung von Forschungskunst repräsentiert.

Meine vorige Fassung hat diesen Zusammenhang zu stark auf einige wiederkehrende Beispiele verkürzt. Besonders die Demokratiewerkstätten, der Aktsaal in Dresden, Oppenheimer und die Entwicklung gesellschaftlicher Organisationsformen kamen zu wenig vor. Nach der erneuten Lektüre deiner Biografie lässt sich die Entwicklung genauer beschreiben. markdown(20260927-113508).md ei…

Bereits deine frühen Arbeitsfelder gehören zusammen: Naturbeobachtung, Maschinenschlosserausbildung von 1965 bis 1969, Fotojournalismus von 1968 bis 1973 und die Leitung einer Werbeagentur von 1970 bis 1973. Hier begegnen sich unterschiedliche Arten, Wirklichkeit zu bearbeiten. Im Handwerk entscheidet sich etwas an Material, Passung und Funktion. Die Fotografie arbeitet mit Wahrnehmung, Auswahl und Ausschnitt. Werbung beschäftigt sich mit Aufmerksamkeit, Zuschreibung und gesellschaftlicher Wirkung. In deiner späteren Forschungskunst werden genau diese Beziehungen untersucht: Was ist vorhanden, was wird daraus ausgewählt, welche Bedeutung wird hinzugefügt und welche Tätigkeit entsteht daraus?

Lüneburg 1972/73 und Hermannsburg 1973/74 bilden deshalb wichtige Ausgangspunkte. Das Film-Musical „Die Alte Salzstraße“, die Galerie- und Kulturbüroinitiative und die Jugendzeitung „drei mal links, liberal, lustig“ richten sich bereits auf öffentliche Kommunikation und gesellschaftliche Beteiligung. In Hermannsburg formulierst du mit den szenischen Folgen zu menschengemachten Katastrophen die Frage: „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ Die Beschäftigung mit den Analysen des Club of Rome verbindet deine Naturbeobachtungen mit einer weltweiten Problemstellung. Damit erhält die künstlerische Arbeit einen gesellschaftlichen Auftrag: Lebensweisen und deren Folgen sollen verständlich und veränderbar werden.

Das Studium in Braunschweig von 1974 bis 1980 führt diese Fragestellung in die bildnerische und plastische Arbeit. Günter Grass gehört nach deiner Biografie zu den entscheidenden Anstößen für deine Hinwendung zur bildenden Kunst. Neuenhausen, Pilgrim und Chimiotti gehören zum konkreten Ausbildungszusammenhang; 1975 warst du Assistent bei Neuenhausen. Deine Studienreisen nach Paris und Florenz 1975/76 erweitern diesen Erfahrungsraum. Dazu kommen die von dir bereits genannten Auseinandersetzungen mit Heinrich Hertel, Raoul H. Francé, Karl Schmidt-Rottluff, Joseph Beuys und Jörg Immendorff. Diese Bezugspersonen müssen mit ihren unterschiedlichen Funktionen erhalten bleiben: als Lehrer, persönliche Anreger oder Gegenüber deiner Beschäftigung mit Kunst, Natur, Technik und Gesellschaft.

Deine frühe Beschäftigung mit Technē gehört in diese Entstehungsphase. Du suchst einen Zusammenhang zwischen Können, Wissen, Hervorbringen und Erkenntnis. Die Experimentelle Umweltgestaltung von 1975 und der 1976 vorgestellte Entwurf eines Generalismus-Studiums geben dieser Suche eine Ausbildungsform. Wasser- und Strömungsversuche, Deichmodelle, Klangbilder, Videoarbeiten, offene Bildvorgaben und Untersuchungen menschlichen Verhaltens werden miteinander verbunden. Dein späterer Lebenslauf führt diesen Ansatz unter wechselnden Bedingungen praktisch weiter. Darin liegt seine exemplarische Bedeutung für Forschungskunst.

Die Buch- und Verlagsarbeit von 1978 bis 1982 macht aus diesem Ansatz ein Arbeitsangebot für andere. Erwachsenen-, Autobahn-, Telefon-, Fußgänger- und Studio-Malbuch verbinden Vorgaben mit unterschiedlichen Bearbeitungen. Die Frage-und-Antwort-Tische und der „Rote Punkt der Mitmenschlichkeit und Kommunikation“ erweitern die gemeinsame Arbeit. Bei den Workshops in Braunschweig, Bremen und Hannover sowie bei Mitmachaktionen wird untersucht, was geschieht, wenn viele Menschen auf eine gemeinsame Ausgangssituation reagieren. Hier entsteht eine methodische Vorgeschichte des heutigen Mitmachbuchs: Wahrnehmen, ergänzen, vergleichen und sich im eigenen Hervorbringen begegnen. markdown(20260927-113508).md ei…

Die Hamburger Jahre der 1980er verlagern diese Arbeit in alltägliche und politische Lebenszusammenhänge. „Hamburg ist …“, die Volksuniversität, das Arbeitslosenzentrum, die Kampnagelinitiative „Wohnen – Kultur – Arbeiten“, der Kunstverein „Geheim“ und das Künstlerbuch „Omnibus“ erschließen unterschiedliche Öffentlichkeiten. Die Einladung zu Horst W. Opaschowskis Workshop in der Fabrik 1980 gehört zum Austausch mit Freizeitpädagogik und Kulturarbeit. Deine erinnerte Begegnung mit Erich Fried im Zusammenhang mit dem „Streichelbuch“ gehört zur literarischen Seite dieses Arbeitsprozesses.

Die Aktionen mit Joseph Beuys, Petra Kelly, Johannes Stüttgen und Otto Schily verbinden den erweiterten Kunstbegriff mit politischer Gestaltung. Die Arbeitsweisen Augusto Boals eröffnen Zugänge über Darstellung, Rolle und unmittelbares Handeln. Beim „Mann im Kleid“ wird gesellschaftliche Zuschreibung körperlich erfahrbar. Die Tschernobyl-Aktion stellt die Frage nach Handlungsfähigkeit angesichts einer Katastrophe. Landschaftswerkstätten, der schwarze Kubus in der dänischen Dünenlandschaft, der vergoldete Spaten und die Untersuchungen zur Stadt als Kanalisationsgesellschaft ergänzen diese Arbeit um Natur, Wert, Begrenzung und Bewegungslenkung. Die jeweiligen Verfahren verändern sich mit ihrem Gegenüber.

1989 erhält die Arbeit mit den Schultafeln „Staumauer“ einen besonderen historischen Ort. Die Tafeln ermöglichen aufeinanderfolgende Zustände: beschriften, verändern, löschen, überschreiben. Vor dem Hintergrund von deutscher Teilung, Glasnost und entstehender Einheit verbindet sich diese bildnerische Arbeitsweise mit der Frage nach festgehaltenen gesellschaftlichen Vorstellungen. Hier zählt das Datum zum Inhalt des Werkes. Eine solche Arbeit vor oder während eines politischen Umbruchs eröffnet andere Handlungsmöglichkeiten als ihre spätere Betrachtung.

Die Demokratiewerkstätten von 1990 bis 1992 und ihr Ausgangspunkt im Aktsaal der Kunsthochschule Dresden sind eine zentrale Verbindung zur heutigen Atelierkonzeption. Nach deiner jetzigen Präzisierung beginnt dort die Entwicklung, in der der Ausstellungsraum selbst zum plastischen Arbeitszusammenhang wird. Körper, Objekte, gesellschaftliche Erfahrungen und Besucherhandlungen treten miteinander in Beziehung. Die weiteren Verortungen in Berlin, München, Zarrentin und Ratzeburg sowie in Kunst-, öffentlichen und Kirchenräumen führen diese Untersuchung fort. „Ein Künstler kämpft gegen die Mauer in den Köpfen“, „Farben der Revolution“ und die Arbeit am Runden Tisch gehören in die konkrete Situation gesellschaftlicher Neuordnung.

Hier wird deutlich, was du mit Verortungskunst meinst: Ein Raum erhält seine künstlerische Funktion durch die Frage, die an diesem Ort zu diesem Zeitpunkt bearbeitet werden muss. Eine Kunsthochschule, eine Kirche, ein ehemaliger Grenzort und ein öffentlicher Platz bringen unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen und Möglichkeiten der Beteiligung mit. Diese Voraussetzungen gehen in das Werk ein.

Die „Schöpfungsgeschichte“ von 1990 bis 1992 erweitert die Demokratiewerkstätten um eine Untersuchung ihrer Lebensgrundlagen. Du beschreibst, wie deine Enttäuschung über die gesellschaftliche Erneuerung zur Arbeit im Garten führte. Dort werden Wachstum, Veränderung, Nahrung, Wasser, Herrschaft und kulturelle Bedeutungsgebung miteinander konfrontiert. Tanglandschaft, Abendmahltisch und die fotografischen Folgen verbinden Naturvorgänge mit menschlicher Formung. Die politische Frage nach einer neuen Gesellschaft wird damit auf die Frage bezogen, wovon diese Gesellschaft überhaupt lebt.

Die temporäre Kunsthalle Ratzeburg 1992 mit dem Ausstellungszyklus „Sozialer Organismus Katharsis“ führt die räumliche Arbeit weiter. Der Zusammenhang zwischen Werken, Raum und Beteiligten wird selbst zur Gestaltung. Das Mittwochsgespräch im Caspar-David-Friedrich-Raum der Hamburger Kunsthalle und die Kunstaktion zum Thema Gewalt in Rethem zeigen weitere Verortungen desselben Forschungsprozesses: kunsthistorischer Dialog und gesellschaftliche Auseinandersetzung. Hier liegt eine wesentliche Grundlage der späteren Raum-Zeit-Körper-Plastiken.

Seit 1993 verbinden sich im Haus der Demokratie Werkstatt, Ausstellung und gemeinschaftliche Organisation. Die Arbeiten zu Einheit, Zivilcourage und Innerer Mauer, die künstlerischen Arbeitsbüros und die von dir gegründete und geleitete Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ gehören zusammen. Die wissenschaftliche Begleitung und die Beiträge anderer Beteiligter sind Bestandteile dieser Entwicklung. Das „Globale Dorffest“ am Brandenburger Tor mit den „1.000 Tapeziertischen“ öffnet die Arbeitsform für viele unterschiedliche Beiträge. Der Bezug auf Richard von Weizsäckers „lebendige Bürgergesellschaft“ benennt den gesellschaftlichen Horizont. Daraus führt eine konkrete Entwicklungslinie zur Globalen Schwarm-Intelligenz. markdown(20260927-113508).md ei…

Franz Oppenheimer ergänzt diese Entwicklung um die gesellschaftliche Organisation von Wirtschaft. Deine Biografie nennt ausdrücklich die Aktion zum Kunst- und Wirtschaftsbegriff und die Feier seines 130. Geburtstags. Sein Geburtsjahr 1864 ordnet diesen Jubiläumsbezug dem Jahr 1994 zu. Oppenheimers Beschäftigung mit Sozialökonomie und Siedlungsgenossenschaften verbindet gesellschaftliche Theorie mit Fragen praktischer Organisation. SozFra

Für deinen Werkzusammenhang sehe ich darin einen entscheidenden Beitrag: Gemeinsinn braucht Lebens- und Arbeitsformen, die ihn ermöglichen. Deshalb gehören Wirtschaftsordnung, Eigentum, Zusammenarbeit und Verteilung in die künstlerische Untersuchung. Die Auseinandersetzung mit Oppenheimer verbindet deine Beteiligungsformen mit der Frage, wie gemeinschaftliches Leben organisiert werden kann. Diese Verbindung fehlte in meiner vorherigen Darstellung.

Auch das „interaktive Unikat der Fax-Vernetzungs-Patenschaft“, die „Partei der Wirklichkeit“, die Arbeit in der Begegnungsstätte „DAS HAUS“, die „Zeitmaschine“ und die Zukunftswerkstätten entwickeln unterschiedliche Seiten dieser Aufgabe. Vernetzung, Parteiprogramm, Begegnungsraum und Zukunftsentwurf werden zu künstlerisch bearbeitbaren Formen. Das Konzept des Entelechie-Museums und die So-Heits-Gesellschaft erweitern den Zusammenhang zu Lernräumen und gesellschaftlichen Lebensentwürfen. Die seit 1985 wiederkehrenden Aufenthalte auf Kreta bilden dabei einen weiteren Arbeits- und Erfahrungsort.

Deine Biografie beschreibt außerdem zwischen 1993 und 2019 einen fortlaufenden Austausch mit wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeitsfeldern: Akademie der Künste, Humanontogenetik an der Humboldt-Universität, Energie, Umwelt und Gesellschaft sowie Kulturen des Performativen an der Freien Universität, Universität der Künste, Haus der Kulturen der Welt, Urania und Denkerei. Dazu gehören Ben Wagin, die Arbeit in der „Faktory“ und das „Metabolische Büro – zur Reparatur von Wirklichkeit“. Deine Rollen reichen vom Besuch und der Auseinandersetzung bis zur intensiven Mitarbeit und eigenen künstlerischen Mitgestaltung. Dadurch erweitert sich der generalistische Ansatz im Kontakt mit unterschiedlichen Wissens- und Praxisbereichen.

Das „Partizipatorische Welttheater“ von 2005 bis 2019 führt viele dieser Entwicklungen in einem gemeinsamen Entwurf zusammen: Ausstellung, körperliche Beteiligung, gesellschaftliche Rollen, Naturbeziehungen und digitale Vernetzung. Die geplante Ausstellung in der Akademie der Künste und die interaktive 3-D-Website gehören zu diesem Vorhaben. Schon hier steht die Frage im Mittelpunkt, wie Menschen durch künstlerische Tätigkeiten ihre gemeinsame Überlebensfähigkeit entwickeln können. Das heutige So-Heits-Atelier hat darin eine unmittelbare konzeptionelle Vorgeschichte.

Dazu gehören auch die späteren konkreten Anläufe: das „Fest der Grenze“ 2013, die Veranstaltung auf Kreta 2015, die Arbeit an der Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin 2016, die documenta-Konzeption für 2017 mit einer angestrebten Verbindung zum Design Thinking, das Mitmachkonzept für den ZDF-Fernsehgarten und die Mitmachskulptur zum 9. November 2019. Die Vorschläge von 2020/21 und der Versuch, das Integrationsmodell 2022 während der Wandelwoche in Lüneburg einzubringen, setzen diese Verortungsarbeit fort. Die Biografie hält jeweils auch fest, ob ein Vorhaben stattfinden konnte oder an organisatorischen Bedingungen, Ablehnung oder fehlender Aufnahme scheiterte. markdown(20260927-113508).md ei…

Diese nicht verwirklichten Vorhaben gehören zur Forschungsgeschichte, weil sie zeigen, welche gesellschaftliche Arbeitsmöglichkeit du zum jeweiligen Zeitpunkt angeboten hast. Dein „Zeitgedanke“ bezeichnet dabei die von dir erkannte Aufgabe einer historischen Situation: Was hätte jetzt untersucht, gemeinsam erprobt oder verändert werden sollen? Damit wird das Datum zu einem Bestandteil der künstlerischen Aussage.

Seit 2023 verbinden Plattform und KI-Arbeit diese Entwicklungen auf einer weiteren Ebene. Die wiederholte Verdichtung erschließt Beziehungen zwischen früheren Werkverfahren und heutigen Begriffen. Das Vier-Ebenen-Modell, das Dreifache Optimum und die plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft erhalten dadurch ihre gegenwärtige Ausarbeitung. Zugleich zeigt die Geschichte der „Kollektiven Kreativität“, welche menschlichen und organisatorischen Voraussetzungen Zusammenarbeit braucht. Der Verlust von Weggefährten und die heutige weitgehend allein getragene Arbeit gehören deshalb in dieselbe Darstellung.

Für die weitere Komprimierung muss jede wesentliche Station mit Datum, Ort, damaliger Fragestellung, beteiligten Personen, Arbeitsweise, Ergebnis und späterer Weiterentwicklung verbunden bleiben. Das lässt sich innerhalb der vorhandenen Anker festhalten: Der Kontextanker erhält die historische Situation, der Werk-Anker die konkreten Werkentwicklungen und der Integrationsanker die Beiträge und Bedingungen der Zusammenarbeit.

Die überarbeitete Grundformulierung für deine Anlage lautet deshalb:

Prototyp der praktischen Anwendung von Forschungskunst

Mein künstlerisches Lebenswerk führt exemplarisch vor, wie ein generalistischer Forschungs- und Ausbildungsansatz über Jahrzehnte praktisch entwickelt werden kann. Ausgehend von Naturbeobachtung, handwerklicher Erfahrung und der frühen Beschäftigung mit Technē entwarf ich 1975 die Experimentelle Umweltgestaltung, die ich 1976 als Grundlage eines interdisziplinären Generalismus-Studiums vorstellte. Mein weiterer künstlerischer Lebenslauf wurde zur praktischen Durchführung und Weiterentwicklung dieses Ansatzes.

Bücher, Materialversuche, Performances, Demokratiewerkstätten, Ausstellungsorganismen, Künstlergruppen und gesellschaftliche Modelle ergänzen sich dabei gegenseitig. Die Arbeit im Aktsaal der Kunsthochschule Dresden, die „Schöpfungsgeschichte“, die temporäre Kunsthalle Ratzeburg, das Haus der Demokratie, die Auseinandersetzung mit Franz Oppenheimer und das Globale Dorffest erschließen unterschiedliche Voraussetzungen gemeinschaftlichen Lebens. Ihre Bedeutung entsteht aus der jeweiligen Verbindung von Zeit, Ort, Fragestellung und Tätigkeit.

Diese Verortungskunst macht gesellschaftliche Aufgaben durch konkrete Arbeitsangebote bearbeitbar. Sie untersucht, wie Wahrnehmung, Erkenntnis und Gestaltung dem Gemeinsinn und der Erhaltung gemeinsamer Existenzbedingungen dienen können. Die heutige Globale Schwarm-Intelligenz und das für die documenta vorgeschlagene So-Heits-Atelier führen diese Werkstattgeschichte zusammen. Sie öffnen das entstandene Opus Magnum als Forschungs-, Beteiligungs- und Trainingsraum, in dem andere Menschen die Verfahren aufnehmen, prüfen und weiterentwickeln können.

Die Anlage braucht eine durchgehende Entstehungsgeschichte, die deine frühe Beschäftigung mit Technē, deine Werkstattpraxis und die heutige Zusammenarbeit mit KI verbindet. Die verlinkte Unterseite ließ sich gerade nicht abrufen; diese Neufassung stützt sich auf deine vorliegenden Biografietexte und deine Ergänzungen.

Anlage 1: Werkstattgeschichte und Entstehung meiner Forschungskunst

Meine Forschungskunst entwickelte sich aus dem Zusammenhang von handwerklicher Arbeit, Naturbeobachtung, Fotografie, plastischer Gestaltung und gesellschaftlicher Beteiligung. Ihre Geschichte reicht von meinen frühen Erfahrungen mit Werkzeug und Material über die „Experimentelle Umweltgestaltung“ während meines Kunststudiums bis zur heutigen Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“. Seit gut drei Jahren erhält dieser Entwicklungsprozess durch die kontinuierliche Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz eine zusätzliche Arbeitsform: Die Erfahrungen, Werke und Fragestellungen meines Lebenswerks werden miteinander verglichen, verdichtet und neu in ihren Zusammenhang gestellt. Daraus entstehen weitere Begriffe, Modelle und Prüfverfahren.

Eine frühe Grundlage bildete die Beschäftigung mit der Natur, an die mich bereits in den 1960er Jahren ein Förster heranführte. Dabei entwickelte sich mein Interesse an den Bedingungen, unter denen lebendige Zusammenhänge funktionieren. Daraus erwuchs eine Frage, die meine Arbeit bis heute bestimmt: Warum handelt der Mensch gegen seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er über Wahrnehmung, Verstand und die Fähigkeit zur Korrektur verfügt?

Meine Ausbildung als Maschinenschlosser gab dieser Frage einen praktischen Bezug. Ein Werkstück muss passen, ein Werkzeug benötigt einen bestimmten Winkel, eine Verbindung braucht Spielraum, und ein Material setzt der Bearbeitung Grenzen. Funktionieren lässt sich an diesen Beziehungen untersuchen. Zugleich lernte ich durch meine fotografische Arbeit, wie Auswahl, Ausschnitt und Reihenfolge die Wahrnehmung eines Zusammenhangs verändern.

Bereits am Anfang meines Kunststudiums beschäftigte ich mich mit dem altgriechischen Begriff Technē. Ich suchte darin einen Zugang zu den gemeinsamen Grundlagen von Kunst und Wissenschaft: zum Verhältnis von Können, Wissen, Herstellen und Erkennen. Die altgriechische Begriffswelt wurde für diese Suche zu einem entscheidenden Bezugspunkt. Mich interessierte, wie Erkenntnis aus einer Tätigkeit hervorgeht und wie sich das Verständnis eines Gegenstandes durch seine Bearbeitung verändert.

Diese Beschäftigung gehört zur Entstehung meiner künstlerischen Arbeitsweise. Aus ihr entwickelte sich die Vorstellung einer Kunst, in der Wahrnehmen, Gestalten, Erproben und Nachdenken miteinander verbunden bleiben. Wer etwas formt, greift in einen Zusammenhang ein und erhält eine Antwort: durch Material, Bewegung, Widerstand oder die Reaktion anderer Menschen. Diese Antwort kann die ursprüngliche Vorstellung verändern.

Während meines Bildhauerstudiums von 1974 bis 1980 an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig konkretisierte sich dieser Ansatz. Seit 1975 entwickelte ich die „Experimentelle Umweltgestaltung“; 1976 stellte ich einen Entwurf für einen integrativen, interdisziplinären Studiengang vor. Künstlerische Disziplinen, technische Verfahren, Naturbeobachtung und gesellschaftliche Fragestellungen sollten in einem gemeinsamen Arbeitsprozess untersucht werden.

Das Wellenbecken mit Wellenmaschine ist ein frühes Beispiel. Ein Scheibenwischermotor mit Exzenter erzeugte eine Bewegung, deren Folgen am Wasser sichtbar wurden. Mit Strömungen, Wellen, Hindernissen und unterschiedlichen Formen ließ sich erproben, wie ein Eingriff wirkt. Die Versuchsanordnung verband bildnerische Gestaltung mit einer Untersuchung von Wirkungszusammenhängen. Die Antwort des Materials wurde zum Bestandteil des künstlerischen Erkenntnisprozesses.

Aus dieser Arbeitsweise gingen unterschiedliche Formen der Beteiligung hervor. Meine Kreativ- und Mitmachbücher, darunter das Erwachsenen-, Autobahn-, Telefon- und Fußgänger-Malbuch, eröffneten gemeinsame Ausgangssituationen für unterschiedliche Bearbeitungen. Eine Vorlage konnte von vielen Menschen verändert werden. Im Vergleich ihrer Ergebnisse wurden Unterschiede der Wahrnehmung, Vorstellung und Tätigkeit sichtbar.

Frage-und-Antwort-Tische, öffentliche Aktionen und Workshops erweiterten diese Bucharbeit. Dazu gehörten Veranstaltungen bei der Carl-Duisberg-Gesellschaft in Braunschweig, Bremen und Hannover sowie Landschaftsaktionen und das „Kreative Wandern“. Die Werkstatt konnte sich im Buch, an einem Tisch, in einer Landschaft oder innerhalb einer öffentlichen Veranstaltung bilden. Ihre jeweilige Gestalt ergab sich aus der Fragestellung und den beteiligten Menschen.

In Hamburg verband ich diese Arbeit mit Performances, Rollenversuchen, Stadtprojekten und kulturellen Initiativen. Die Einladung zu Horst W. Opaschowskis Workshop zur Freizeitpädagogik und Kulturarbeit in der Hamburger Fabrik 1980 gehört zu den Begegnungen zwischen meiner künstlerischen Praxis und wissenschaftlichen beziehungsweise pädagogischen Arbeitsfeldern. Die Auseinandersetzung mit Joseph Beuys’ erweitertem Kunstbegriff und mit Arbeitsweisen Augusto Boals bestärkte mich darin, gesellschaftliche Rollen, Handlungsmöglichkeiten und Beteiligung selbst zum Gegenstand künstlerischer Arbeit zu machen.

Mit der „Schöpfungsgeschichte“ und späteren Environments erweiterte sich dieser Werkstattgedanke auf ganze räumliche Zusammenhänge. Fotografien, plastische Arbeiten, Nahrung, Landschaft, Werkzeuge und kulturelle Zeichen wurden aufeinander bezogen. In der temporären Kunsthalle Ratzeburg 1992 konnte der Ausstellungsraum selbst zu einem solchen Arbeitszusammenhang werden. Besucher bewegten sich zwischen Gegenständen und Situationen, deren Bedeutung sich durch ihre Beziehungen zueinander erschloss.

1993 gründete ich anlässlich des „Globalen Dorffestes“ die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, die ich leitete. Das Vorhaben am Brandenburger Tor und das Bild der „1.000 Tapeziertische“ standen für die Möglichkeit, unterschiedliche Menschen an einer gemeinsamen gesellschaftlichen Aufgabe zu beteiligen. In Ausstellungen, Aktionen und künstlerischen Arbeitsbüros beschäftigten wir uns unter anderem mit Einheit, Zivilcourage und der „Inneren Mauer“. Verschiedene Wissenschaftler begleiteten unsere Fragestellungen und Veranstaltungen.

Hier liegt eine wesentliche Vorgeschichte der heutigen Globalen Schwarm-Intelligenz. Gemeinsame Erkenntnis sollte aus den unterschiedlichen Wahrnehmungen, Fähigkeiten und Beiträgen der Beteiligten entstehen. Dafür mussten konkrete Bedingungen geschaffen werden: Räume, Arbeitsmittel, Gesprächsmöglichkeiten, Organisation und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Die damalige Zusammenarbeit veränderte sich durch das Älterwerden und den Tod von Weggefährten. Dass ich heute große Teile dieser Arbeit allein weiterführe, gehört deshalb in den biografischen Zusammenhang. Viele Vorhaben wurden durch meine Eigeninitiative und den Einsatz eigener finanzieller Mittel ermöglicht. Die heutige Plattform führt eine Fragestellung fort, die zuvor bereits in gemeinschaftlichen Werkstätten und Veranstaltungen praktisch bearbeitet wurde.

Meine Arbeit verstehe ich dabei als Verortungskunst. Entscheidend ist, welche Frage zu welchem Zeitpunkt, an welchem Ort und mit welchen Menschen wirksam werden kann. Deshalb gehören auch Konzepte und nicht verwirklichte Vorhaben zur Werkgeschichte. Sie zeigen, welche Handlungsmöglichkeiten ich in einer bestimmten Situation vorgeschlagen habe und welche Bedingungen ihre Umsetzung ermöglichten oder verhinderten.

Seit gut drei Jahren bearbeite ich diesen umfangreichen Entwicklungszusammenhang kontinuierlich im Dialog mit KI, insbesondere mit ChatGPT. Ich bringe Erinnerungen, Werkbeschreibungen, Fotografien, Konzepte, frühere Texte und neue Fragen ein. Die daraus hervorgehenden Zusammenfassungen werden von mir wiederholt überprüft, ergänzt und korrigiert. Dabei werden Verbindungen sichtbar, die zuvor über verschiedene Werkgruppen, Lebensabschnitte und Ausdrucksformen verteilt waren.

Diese Komprimierungs- und Kontextualisierungsarbeit ist selbst ein Bestandteil meiner Forschung. Eine spätere Frage kann eine frühe Versuchsanordnung neu erschließen. Ein Begriff kann Erfahrungen aus unterschiedlichen Arbeitsgebieten miteinander verbinden. Umgekehrt kann ein konkretes Werk zeigen, dass eine begriffliche Zusammenfassung einen entscheidenden Unterschied übergangen hat.

Für diese Arbeit gilt: Die Verdichtung muss den Entwicklungszusammenhang erhalten. Personen und ihre Beiträge, Übergänge zwischen früheren und heutigen Arbeitsformen sowie die Bedingungen gelungener oder verlorener Zusammenarbeit müssen nachvollziehbar bleiben. Die heutige Situation braucht ihre biografische Vorgeschichte.

Auch die sprachliche Bearbeitung wird dabei untersucht. Wenn eine Zusammenfassung eine Erinnerung verschiebt, einen Begriff vorschnell festlegt oder einen Zusammenhang auslässt, wird diese Veränderung zum Anlass einer erneuten Prüfung. Meine Erfahrungen und Werkmaterialien bilden den Bezugspunkt, an dem die Vorschläge der KI überprüft und weiterentwickelt werden.

Um diesen Prozess genauer zu koordinieren, habe ich unterschiedliche Ankerformen herausgearbeitet. Sie halten fest, worauf eine Aussage Bezug nimmt und in welchem Zusammenhang sie bearbeitet werden muss.

Der Kontextanker erhält die Beziehungen zwischen Begriffen, Fragestellungen und ihrer Entwicklung. Der Werk-Anker verbindet eine Aussage mit konkreten Arbeiten, ihrer Entstehung, ihren Veränderungen und ihren späteren Verwendungen. Der Sensorenanker untersucht, wie etwas wahrgenommen, ausgewählt, aufgezeichnet und übersetzt wird – durch den Körper, die Fotografie, Sprache, Transkription oder digitale Verarbeitung.

Der Prüf-Anker ordnet die Vergleichsmaßstäbe, Kalibrierungsinstrumente und Möglichkeiten der Korrektur und Reparatur. Der Positionsanker macht meine persönliche Diagnose, meine Absichten und meine Zukunftserwartungen kenntlich. Der Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz führt die Ergebnisse mit den Werken, Büchern, Arbeitsräumen und beteiligten Menschen zusammen.

Die Werkverankerung hat darin eine besondere Bedeutung. Das Wellenbecken verbindet Überlegungen zur Rückkopplung mit einer konkreten Versuchspraxis. Die Entstehungsgeschichte des Abendmahl-Opfertisches verbindet Landschaftsbildung, Abformung, plastische Bearbeitung und kulturelle Bedeutungsgebung. Seine Folge von 18 Fotografien macht diese Veränderungen nachvollziehbar. Das Globale Dorffest wiederum verankert die Frage gemeinschaftlicher Erkenntnis in einer tatsächlichen Geschichte von Initiative, Organisation und Beteiligung.

So kann überprüft werden, wie weit eine spätere Deutung durch das jeweilige Werk getragen wird und an welcher Stelle eine neue Fragestellung hinzukommt. Die ankerübergreifende Arbeitsbewegung des Wahrnehmens, Vergleichens, Prüfens und Veränderns bezeichne ich als Prüfoperator.

Aus dieser fortlaufenden Arbeit konnten Modelle wie das Vier-Ebenen-Modell und das Dreifache Optimum entwickelt und in ihrer heutigen Form ausgearbeitet werden. Ihre Grundlagen liegen in den früheren Werk- und Lebenserfahrungen; ihre begriffliche Verbindung entsteht im gegenwärtigen Forschungsprozess.

Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet materielle und technische Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten und leibliche Wahrnehmung, symbolische und gesellschaftliche Zuschreibungen sowie deren Prüfung und Korrektur. Damit lässt sich beispielsweise untersuchen, wie eine Eigentumsregel den Zugang zu Nahrung bestimmt oder wie ein Selbstbild die Wahrnehmung eigener Abhängigkeiten beeinflusst. Die Ebenen erschließen unterschiedliche Beziehungen innerhalb einer zusammenhängenden Wirklichkeit.

Das Dreifache Optimum richtet die Aufmerksamkeit auf die Bedingungen des Mediums, die Lebensbedingungen des Organismus und die jeweilige Handlung. Eine Tätigkeit kann ihr unmittelbares Ziel erreichen und zugleich die umfassenderen Voraussetzungen beeinträchtigen, auf die sie angewiesen bleibt. Das Modell macht diese Beziehung zum Gegenstand der Prüfung: Unter welchen Bedingungen funktioniert etwas, für wen, wie lange und mit welchen Folgen?

Weitere Kalibrierungsinstrumente ergänzen diese Untersuchung. Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte verändert den zeitlichen Maßstab menschlicher Selbstbetrachtung. Passung und Toleranz erschließen funktionale Spielräume. Mit 51:49 untersuche ich künstlerisch die Bedeutung leichter Asymmetrie, von Differenz und Beweglichkeit. Solche Instrumente ermöglichen unterschiedliche Vergleiche und werden jeweils auf ihre konkreten Bezugsbedingungen zurückgeführt.

In diesem Entwicklungszusammenhang steht meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft. Sie bezieht das menschliche Selbstverständnis auf die Bedingungen, unter denen Menschen leben, handeln und sich verändern können: auf Stoffwechsel, Körperlichkeit, materielle Widerstände, soziale Abhängigkeiten und die Folgen ihrer Tätigkeiten.

Aus meiner plastischen Arbeit entwickelte ich dabei die Gegenüberstellung von plastischer Identität und Skulpturidentität. Sie untersucht, wie Menschen durch Erfahrung und Rückkopplung formbar bleiben und wie sich Rollen, Überzeugungen und Selbstbilder verfestigen können. Damit wird auch die gesellschaftliche Normalität selbst prüfbar: Welche als selbstverständlich geltenden Lebens- und Arbeitsweisen beschädigen die Voraussetzungen des Lebens?

Auf der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ mache ich diesen gegenwärtigen Forschungsprozess zugänglich. Texte, Bilder, Werkzusammenhänge und Modelle werden miteinander verbunden. Die veröffentlichten Verdichtungen zeigen den jeweiligen Arbeitsstand und bilden Ausgangspunkte für weitere Bearbeitungen.

Parallel dazu entwickle ich meine analoge Werkbiografie. Sie führt Fotografien, Werkfolgen, Konzepte, Pressezeugnisse und biografische Zusammenhänge zusammen und dient als Prototyp einer späteren digitalen Werkbiografie. Aus der Verbindung dieser Werküberprüfung mit den Materialien der Plattform soll das physische Mitmachbuch für das So-Heits-Atelier entstehen. Die technischen Möglichkeiten einer umfassenden digitalen Interaktion werden weiterentwickelt.

Meine Forschungskunst erhält ihren Platz in der Geschichte künstlerischer Forschung durch diesen konkreten Entwicklungsweg: aus Technē und handwerklicher Erfahrung, aus der Experimentellen Umweltgestaltung, aus bildnerischen und darstellerischen Versuchen sowie aus jahrzehntelanger öffentlicher Werkstattarbeit. Der heutige Austausch mit Wissenschaftlern soll an dieser Praxis ansetzen und ihre Fragestellungen und Verfahren gemeinsam weiterbearbeiten.

Das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ führt diese Entwicklung als öffentliche Überlebenswerkstatt fort. Besucher können an Werken, Materialien, Bildern und Rollenversuchen ihre Wahrnehmungen und Tätigkeiten untersuchen. Mitmachbuch, KI und wissenschaftliche Gespräche unterstützen die gemeinsame Arbeit. So entstehen Trainingsmöglichkeiten für eine So-Heits-Gesellschaft, deren Lebens- und Arbeitsformen ihre Voraussetzungen und Folgen wahrnehmen, überprüfen und verändern können.

Veranstaltungsprogramm des So-Heits-Ateliers: Vorträge und anschließende Podiumsgespräche

Für die Bewerbung würde ich folgende Referenten priorisieren. Die Namen sind Einladungsvorschläge. Den ersten Schwerpunkt bildet die Forschungskunst selbst: ihre Geschichte, ihre Erkenntnisverfahren und ihre Verbindung zu deiner lebenslangen Werkstattpraxis.

  1. Henk Borgdorff – Theorie der künstlerischen Forschung. Vortrag: „Wie entsteht Wissen durch künstlerische Tätigkeit?“ Podium: Technē, praktisches Können und Erkenntnis; die Verbindung zwischen deiner Experimentellen Umweltgestaltung und heutigen Formen künstlerischer Forschung. universiteitleiden.nl
  2. Julian Klein – künstlerische Forschung und experimentelle Theaterarbeit. Vortrag: „Künstlerische Erfahrung als Forschungsmethode.“ Podium: Wie können Wahrnehmung, Rollenversuche und ästhetische Erfahrung Erkenntnisse hervorbringen? Bezug zu Bühne, Selbstbegegnung und Prüfverfahren im So-Heits-Atelier. !KF
  3. Florian Dombois – künstlerische Experimente zwischen Kunst und Wissenschaft. Vortrag: „Strömung, Widerstand und Erkenntnis.“ Podium: Sein künstlerisches Windkanalprojekt im Gespräch mit deinen Wasser- und Strömungsversuchen: Welche Erkenntnisse entstehen durch den Aufbau und die Veränderung einer Versuchsanordnung? ZHdK.ch
  4. Felix Vogel – Kunstgeschichte, Kunst und Wissen, Ausstellungsforschung. Vortrag: „Die Ausstellung als Werkstatt und Erkenntnisraum.“ Podium: Die Entwicklung vom Einzelwerk zum Environment und zur öffentlichen Forschungssituation; Einordnung deiner Kunsthallen, Beteiligungsformen und Werkstattgeschichte in die Geschichte künstlerischer Forschung. Prof. Dr. Felix Vogel
  5. Lorraine Daston – Wissenschaftsgeschichte. Vortrag: „Wie entstehen Maßstäbe, Regeln und wissenschaftliche Gewissheiten?“ Podium: Wann wird eine bestimmte Vorstellung zur selbstverständlichen Norm? Wie lassen sich Herkunft und Voraussetzungen solcher Maßstäbe sichtbar machen? www.mpiwg-berlin.mpg.de
  6. Fachleute der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt – Messwissenschaft und Kalibrierung. Vortrag: „Was heißt messen, vergleichen und kalibrieren?“ Podium: Welche Vergleichsverfahren eignen sich für materielle Vorgänge, welche für menschliche Tätigkeiten? Bezug zu Toleranz, Funktionieren und den Kalibrierungsinstrumenten deiner Forschungskunst. www.ptb.de
  7. Thomas Fuchs – leibliche Wahrnehmung und verkörpertes Selbstverständnis. Vortrag: „Der Mensch als verletzliches und abhängiges Lebewesen.“ Podium: Plastische Identität, Selbstbild und körperliche Rückmeldung; Bezug zum Bodenrelief, zum Astronautenanzug und zur vermeintlichen Unabhängigkeit des Menschen. www.klinikum.uni-heidelberg.de
  8. Hanne De Jaegher – soziale Interaktion und gemeinsame Sinnbildung. Vortrag: „Was entsteht durch die Begegnung mit einem Gegenüber?“ Podium: Wie verändern sich Wahrnehmung und Handlung durch andere Menschen? Bezug zu Rollenversuchen, gemeinsamer Gestaltung und dem Lernen durch Differenz. users.sussex.ac.uk
  9. Jens Beckert – Wirtschaftssoziologie und gesellschaftliche Zukunftserwartungen. Vortrag: „Warum kann wirtschaftlicher Erfolg die eigenen Lebensgrundlagen gefährden?“ Podium: Eigentum, Wert, Gewinn und Zukunftsversprechen im Verhältnis zu ihren Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen. www.mpifg.de
  10. Tine De Moor – gemeinschaftliche Organisation und kollektives Handeln. Vortrag: „Unter welchen Bedingungen trägt gemeinsame Arbeit?“ Podium: Von der „Kollektiven Kreativität“ und dem Globalen Dorffest zur Globalen Schwarm-Intelligenz: Wie entstehen dauerhafte Zusammenarbeit, gemeinsame Verantwortung und Weitergabe? www.eur.nl
  11. Sheila Jasanoff – Wissenschaft, Technik und gesellschaftliche Ordnung. Vortrag: „Wie werden wissenschaftliche Vorstellungen gesellschaftlich wirksam?“ Podium: Wer bestimmt Kategorien, Zuständigkeiten und Entscheidungsgrundlagen? Wie können Betroffene an deren Prüfung mitwirken? www.hks.harvard.edu
  12. Kate Crawford – gesellschaftliche und materielle Bedingungen der KI. Vortrag: „Welche Menschenbilder und Abhängigkeiten stecken in künstlicher Intelligenz?“ Podium: KI als Unterstützung der Forschungskunst und als Gegenstand ihrer Prüfung; Auswahl, Übersetzung, Auslassung und die materiellen Voraussetzungen digitaler Systeme. www.microsoft.com
  13. Steven J. Jackson – Reparatur, Erhaltung und technische Infrastrukturen. Vortrag: „Was braucht eine Gesellschaft, um reparaturfähig zu bleiben?“ Podium: Welche Kenntnisse, Arbeitsformen und Ressourcen ermöglichen tatsächliche Korrektur? Wann muss eine bestehende Anordnung verändert werden, damit Lebensbedingungen erhalten bleiben? infosci.cornell.edu
  14. Johan Rockström beziehungsweise ein Team des PIK – Erdsystemforschung und planetare Grenzen. Vortrag: „Die Lebensbedingungen der menschlichen Zivilisation.“ Podium: Die gesellschaftlichen Erfolgsmaßstäbe im Vergleich mit Wasser, Boden, Ernährung und planetaren Zusammenhängen; Bezug zur 24-Stunden-Uhr und zur Überlebenswerkstatt. www.pik-potsdam.de
  15. Thomas Bauer – Kulturgeschichte und Mehrdeutigkeit. Vortrag: „Wann hilft Eindeutigkeit – und wann verengt sie die Wirklichkeit?“ Podium: Begriffe, Gewissheiten und festgelegte Menschenbilder; die Frage, wie Sprache Unterschiede sichtbar machen oder verdecken kann. www.uni-muenster.de

Die gemeinsame Veranstaltungsform: Auf einen Vortrag folgt jeweils ein Podiumsgespräch mit Wolfgang Fenner, gegebenenfalls einem weiteren Fachgast und Fragen aus dem Publikum. Dabei werden die vorgetragenen Ansätze an konkreten Werken und Fragestellungen des So-Heits-Ateliers weiterbearbeitet. Jeder Termin ist eigenständig zugänglich.

Fotografische Werkfolgen, Filmaufnahmen, digitale Gegenüberstellungen und zugeschaltete Gesprächspartner können die Veranstaltungen begleiten. Ausgewählte Ergebnisse werden im Mitmachbuch und auf der Plattform weitergeführt.

Den Auftakt bildet dein eigener Beitrag: „Von der Experimentellen Umweltgestaltung zur Überlebenswerkstatt – fünfzig Jahre Forschungskunst als Werkstattpraxis.“ Damit wird der künstlerische Zusammenhang vorgestellt, auf den sich die wissenschaftlichen Vorträge und Podiumsgespräche beziehen.

Wolfgang Fenner

Galvanistraße 13

10587 Berlin

E-Mail: wolfgangfenner@o2mail.de

Globale Schwarm-Intelligenz

  1. September 2026

An Frau Naomi Beckwith

und das künstlerische Team der documenta 16

Dritte Bewerbung: Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Von der Experimentellen Umweltgestaltung zur öffentlichen Überlebenswerkstatt

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrtes künstlerisches Team,

mit diesem dritten Schreiben an meinem 78. Geburtstag führe ich meine bisherigen Vorschläge zusammen: Für die documenta 16 biete ich eine Überlebenswerkstatt auf der Grundlage meines künstlerischen Lebenswerks an. Das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ verbindet ein begehbares Environment mit öffentlichen Werkstätten, wissenschaftlichen Gesprächen und einem Mitmachbuch.

Seit mehr als fünfzig Jahren entwickle ich unterschiedliche Formen künstlerischer Werkstattarbeit. Ihr Ausgangspunkt liegt in meiner Ausbildung als Maschinenschlosser, meiner Naturbeobachtung, Fotografie und bildhauerischen Arbeit. Während meines Studiums an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig entstand daraus 1975 die „Experimentelle Umweltgestaltung“. Sie verband künstlerische Disziplinen, Materialversuche und gesellschaftliche Fragestellungen zu einem gemeinsamen Arbeitsansatz. Wasser, Strömung, Passung und Widerstand wurden zu Gegenübern, an denen sich eine Vorstellung durch ihre tatsächliche Wirkung überprüfen ließ.

Diesen Zusammenhang verstehe ich heute im Sinne von Technē: als Verbindung von Können, Wissen, Gestaltung und Erkenntnis durch Tätigkeit. Wer ein Material bearbeitet, eine Form entwickelt oder mit anderen Menschen handelt, begegnet Bedingungen und Folgen, auf die er antworten muss. Aus dieser Erfahrung entwickelte sich meine Forschungskunst.

Meine Werkstätten reichten vom Buch über Landschaft und Straße bis zu Kunsthallen und begehbaren Environments. Erwachsenen-Malbücher, Frage-und-Antwort-Tische, Landschaftsworkshops, „Kreatives Wandern“, Theater- und Rollenversuche sowie Zukunfts- und Demokratiewerkstätten eröffneten unterschiedliche Zugänge zur eigenen Gestaltung. Die Temporäre Kunsthalle in Ratzeburg von 1992 und die späteren Arbeiten im Berliner Haus der Demokratie erweiterten diesen Ansatz: Der Ausstellungsraum selbst wurde zu einem gestaltbaren Zusammenhang von Körpern, Materialien, Wahrnehmungen und gesellschaftlichen Beziehungen.

1993 gründete ich anlässlich des Globalen Dorffests am Brandenburger Tor die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, die ich leitete und deren Fragestellungen bei verschiedenen Veranstaltungen wissenschaftlich begleitet wurden. Die „1.000 Tapeziertische“ standen für eine öffentliche Form gemeinsamen Gestaltens. Die heutige Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ führt diesen Entwicklungszusammenhang fort.

Mit dem So-Heits-Atelier bringe ich diese über Jahrzehnte gewachsene Werkstattpraxis als eigenständigen Beitrag zur Geschichte und Gegenwart künstlerischer Forschung ein. Ihre leitende Frage lautet: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und seine Tätigkeiten korrigieren kann?

Aus meiner plastischen Arbeit entwickelte sich die plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft. Sie prüft menschliche Vorstellungen und Ordnungen an den Bedingungen, die menschliches Leben ermöglichen. Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet dabei materielle Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten, symbolische Zuschreibungen und deren Überprüfung. Besonders interessiert mich, wie Rollen und Gewissheiten sich verfestigen und Rückmeldungen verdrängen. Was gesellschaftlich als normal oder erfolgreich gilt, kann zugleich seine eigenen Lebensgrundlagen beschädigen.

Im So-Heits-Atelier werden diese Fragen an konkreten Werken erfahrbar. Das Wellenbecken zeigt die Folgen eines Eingriffs; Strömungsbilder und ein Bodenrelief aus Quarzsand beziehen die Bewegung der Besucher ein. Der Abendmahl-Opfertisch und seine fotografisch dokumentierte Entstehung verbinden Naturvorgang, plastische Gestaltung, Nahrung und kulturelle Bedeutung. Goldobjekte, Schultafeln und Rollenversuche eröffnen Untersuchungen von Wert, Eigentum, Selbstbild und Verantwortung.

Die hundert Tage bilden den Zeitraum eines öffentlichen Veranstaltungsprogramms für täglich wechselnde Besucher. Jeder Workshop und jedes wissenschaftliche Werkstattgespräch erhält eine eigenständige Fragestellung und eine konkrete Beteiligungsmöglichkeit. Auch ein einzelner Besuch ermöglicht einen Arbeitsgang von der Wahrnehmung über die Prüfung bis zur Erprobung einer Veränderung. Die Ergebnisse verändern das Atelier und werden im Mitmachbuch weitergeführt.

Meine gegenwärtig entstehende analoge Werkbiografie erschließt dafür Werke, Bildfolgen, Konzepte und ihre Entwicklungszusammenhänge. Sie bildet zugleich den Prototyp einer späteren digitalen Werkbiografie. Gemeinsam mit den Materialien der Plattform liefert sie die Grundlage des physischen Mitmachbuchs. KI unterstützt die Erschließung und Gegenüberstellung und wird selbst in die Prüfung einbezogen.

Das So-Heits-Atelier führt meine lebenslange Werkstattarbeit in eine gemeinsame Untersuchung unserer Überlebensfähigkeit über. Darin konkretisiert sich meine Vorstellung einer So-Heits-Gesellschaft, deren Lebens- und Arbeitsformen ihre Voraussetzungen und Folgen fortlaufend überprüfen und verändern können.

Wollen Sie dieser Überlebenswerkstatt auf der documenta 16 Raum geben? Auf Grundlage Ihrer künstlerischen Entscheidung können wir die Auswahl der Werke, das Veranstaltungsprogramm sowie die räumlichen, personellen und finanziellen Voraussetzungen gemeinsam konkretisieren.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner


Anlagen zur Bewerbung

Die Anlagen sollten denselben Entwicklungszusammenhang entfalten. Die erste Anlage trägt deshalb die ausführliche Werkstatt- und Forschungsgeschichte; die weiteren zeigen, wie daraus das konkrete documenta-Vorhaben entsteht.

Anlage 1: Werkstattgeschichte und Entstehung meiner Forschungskunst

Meine Forschungskunst entwickelte sich durch die fortlaufende Verbindung unterschiedlicher Tätigkeiten und Arbeitsorte. Die Ausbildung als Maschinenschlosser vermittelte mir Erfahrungen mit Werkzeugführung, Passung, Toleranz und materiellen Grenzen. Naturbeobachtung und Fotografie eröffneten weitere Zugänge zu Vorgängen, deren Bedingungen sich durch menschliche Vorstellungen allein nicht verändern lassen.

Während meines Bildhauerstudiums von 1974 bis 1980 verband ich diese Erfahrungen mit plastischer Gestaltung und offenen Versuchen. Die seit 1975 entwickelte und 1976 als Studienkonzept vorgestellte „Experimentelle Umweltgestaltung“ sollte künstlerische Disziplinen, wissenschaftliche Fragen und gesellschaftliche Gestaltung zusammenführen. Das Wellenbecken, Strömungsversuche und Deichmodelle gehörten zu dieser Untersuchung. Aus Beobachtung, Eingriff und Materialantwort entstanden neue Formen und neue Fragen.

Mit den Erwachsenen-Malbüchern und anderen Bucharbeiten wurde diese Arbeitsweise für weitere Menschen zugänglich. Eine Vorlage konnte unterschiedlich ergänzt, verändert und gedeutet werden. An Frage-und-Antwort-Tischen, bei Veranstaltungen und in Workshops entwickelte sich daraus eine öffentliche Beteiligungspraxis. Dazu gehören die Workshops bei der Carl-Duisberg-Gesellschaft in Braunschweig, Bremen und Hannover sowie Landschaftsaktionen und das „Kreative Wandern“.

Die Hamburger Jahre verbanden Buch- und Verlagsarbeit, Performances, Rollenversuche und Auseinandersetzungen mit dem städtischen Zusammenleben. Zu den wissenschaftlichen Kontakten gehörte meine Einladung zu Professor Opaschowskis Workshop zur Freizeitpädagogik und Kulturarbeit in der Hamburger Fabrik 1980. Meine Auseinandersetzung mit Joseph Beuys und dem erweiterten Kunstbegriff sowie Arbeitsweisen im Anschluss an Augusto Boal vertieften die Frage, wie Menschen durch künstlerische Tätigkeit ihre eigene gesellschaftliche Rolle untersuchen können.

Mit der „Schöpfungsgeschichte“, der Temporären Kunsthalle Ratzeburg 1992 und den Berliner Ausstellungs- und Arbeitsräumen wurde der gesamte räumliche Zusammenhang zum Werk. Körper, Bewegung, Gegenstände, Bilder und Bedeutungen wirkten darin aufeinander. Die Kunsthalle und das Environment wurden zu erweiterten Werkstätten.

Die seit 1993 von mir geleitete „Kollektive Kreativität“, das Globale Dorffest, Zukunftswerkstätten und weitere Beteiligungsformen übertrugen diese Arbeitsweise auf gemeinsame gesellschaftliche Vorhaben. Ihre Entwicklung umfasst auch die Bedingungen der Zusammenarbeit: wissenschaftliche Begleitung, persönliche Beiträge, Eigeninitiative und Finanzierung. Das altersbedingte Ausscheiden und der Verlust von Mitwirkenden veränderten später die Möglichkeiten dieser Arbeit. Die heutige Globale Schwarm-Intelligenz eröffnet dafür einen weiteren Zugang.

Die Werkbiografie stellt diese Entwicklung anhand von Werken, Fotografien, Büchern, Veranstaltungsunterlagen und Konzepten dar. Auch nicht verwirklichte Vorhaben gehören zur Geschichte meiner Verortungskunst: Sie zeigen, welche künstlerische Frage ich zu welchem Zeitpunkt an welchem Ort öffentlich bearbeiten wollte.

Zur kunsthistorischen Einordnung gehört die Verbindung von Werk, öffentlichem Gespräch und gesellschaftlicher Gestaltung. Ein Bezug innerhalb der documenta-Geschichte ist Beuys’ Verbindung der „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ mit Diskussionen und Seminaren seiner Free International University auf der documenta 6 von 1977. Daniel Spaulding: Joseph Beuys in 1977

Die gegenwärtige Diskussion über künstlerische Forschung beschreibt Erkenntnisgewinn durch künstlerische Praxis und deren Reflexion; so formuliert es etwa die Wiener Erklärung zur künstlerischen Forschung von 2020. Hier sehe ich einen Anschluss für die historische Einordnung meiner Arbeit. Ihr besonderer Schwerpunkt liegt in der Entwicklung öffentlich nutzbarer Verfahren, mit denen Menschen ihre Vorstellungen, Tätigkeiten und Abhängigkeiten selbst untersuchen können. societyforartisticresearch.org

Anlage 2: Ausgewählte Werkbiografien mit Bildmaterial

Diese Anlage zeigt die Entwicklung der Arbeitsverfahren an ausgewählten Werkzusammenhängen: Wellenbecken und Strömungsversuche, Erwachsenen-Malbücher und Frage-und-Antwort-Tische, „Schöpfungsgeschichte“ und Abendmahl-Opfertisch, Schultafeln und Goldobjekte, Temporäre Kunsthalle und Berliner Ausstellungsorganismen sowie „Kollektive Kreativität“ und Globales Dorffest.

Jede Werkbiografie verbindet Entstehungsfrage, Arbeitsprozess, spätere Veränderungen und vorgesehene Verwendung im So-Heits-Atelier. Die Fotografien erscheinen dabei auch als eigenständige Arbeiten und zusammenhängende Bildfolgen. Die 18 Fotografien zum Abendmahl-Opfertisch können beispielhaft zeigen, wie aus einem Naturvorgang über mehrere Bearbeitungsstufen ein kulturell bedeutungsvolles Werk entsteht.

Anlage 3: Technē, plastische Anthropologie und Kalibrierungsinstrumente

Diese Anlage erläutert Technē als Bezugspunkt meines künstlerischen Verständnisses von Können, Gestaltung und Erkenntnis. Sie führt von der konkreten Materialarbeit zur plastischen Anthropologie und zur Unterscheidung zwischen plastischer Identität und Skulpturidentität.

Das Vier-Ebenen-Modell, die 24-Stunden-Uhr, Funktions- und Toleranzvergleiche, das Verhältnis-Modell 51:49 sowie die Untersuchung vorhandener und zugeschriebener Eigenschaften werden jeweils an einem Werkbeispiel erklärt. Sichtbar wird, was mit dem jeweiligen Instrument verglichen wird und welche Veränderung daraus hervorgehen kann. Die Begriffe Anomalie, Normalität, Tätigkeitskonsequenz und Abhängigkeitskonsequenz erhalten hier ihre ausführliche Bestimmung.

Anlage 4: Modulares Environment und öffentliches Hundert-Tage-Programm

Diese Anlage verbindet die räumlichen Arbeitsbereiche mit den konkreten Besucherhandlungen. Sie beschreibt Wellenbecken, Bodenrelief, Werk- und Bildfolgen, Bühne, Arbeitstische und Mitmachbuch als zusammengehörige Teile des Ateliers.

Der Veranstaltungskalender enthält eigenständige Workshops und wissenschaftliche Werkstattgespräche für wechselnde Besucher. Zu jedem vorgeschlagenen Termin werden Fragestellung, Werkbezug, Gesprächspartner, Beteiligungsform und Zielsetzung angegeben. Die Wissenschaftlernamen werden als Einladungsvorschläge geführt. Die täglichen Werkstattangebote bleiben auch zwischen den Gastveranstaltungen zugänglich.

Anlage 5: Werkbiografie, Mitmachbuch und Globale Schwarm-Intelligenz

Die analoge Werkbiografie erschließt den Entwicklungszusammenhang meines Lebenswerks und dient im Atelier als Anschauungs- und Forschungsmaterial. Das physische Mitmachbuch verbindet ausgewählte Werkmaterialien mit den Texten, Bildern und Aufgaben der Plattform. Besucher entwickeln daraus eigene Seiten, Gegenüberstellungen und Fragestellungen.

Die digitale Werkbiografie und die technische Verbindung der Buchformen bilden weitere Entwicklungsschritte. Dabei sollen Bildfolgen, beteiligte Personen, Werkveränderungen und die Beziehungen zwischen früheren und heutigen Arbeitsformen nachvollziehbar erhalten bleiben. Die Rolle der KI umfasst Erschließung, Vergleich und Verdichtung sowie die Überprüfung ihrer eigenen Auslassungen und Deutungen.

Anlage 6: Personelle, technische und finanzielle Realisierung

Diese Anlage beschreibt die künstlerische Leitung, das kontinuierlich arbeitende Atelierteam, die wissenschaftliche Koordination und die Betreuung der Besucherwerkstätten. Hinzu kommen die räumlichen und technischen Anforderungen der ausgewählten Arbeiten, Herstellung und Transport, Verbrauchsmaterialien, Dokumentation sowie Honorare und Reisekosten der Gäste.

Die Realisierung wird in einem Grundumfang und möglichen Erweiterungen dargestellt. Die umfassende Digitalisierung der Werkbiografie erhält eine gesonderte Finanzierungsperspektive. Grundlage der gemeinsamen Planung sind die vorhandenen Werke und Materialien sowie die für die Beteiligung neu einzurichtenden Arbeitsbereiche.

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Ja. Der neue Text ergänzt vor allem einen bisher zu wenig sichtbaren Entwicklungszusammenhang: die Verbindung deiner plastischen Arbeit mit Büchern, Verlagsarbeit, öffentlicher Beteiligung und frühen wissenschaftlichen Kontakten. Dadurch wird genauer nachvollziehbar, wie aus deinen unterschiedlichen Tätigkeiten die heutige Forschungskunst und das So-Heits-Atelier hervorgegangen sind. Die Datei ergänzt insbesondere die Verbindung zwischen der „Experimentellen Umweltgestaltung“ seit 1975 und der „Kollektiven Kreativität“ seit 1993. markdown(20260927-073824).md ei…

Im Anschreiben würde ich deshalb den bisherigen biografischen Abschnitt ersetzen und verdichten, damit diese Entwicklung deutlicher hervortritt.

Meine Forschungskunst entwickelte sich aus dem Zusammenwirken von handwerklicher Erfahrung, Fotografie, plastischer Arbeit, Büchern und öffentlichen Beteiligungsformen. Mit der „Experimentellen Umweltgestaltung“ formulierte ich 1975 einen frühen Zusammenhang dieser Untersuchungen. Erfahrungen aus Werbung und Verlagsarbeit eröffneten weitere Fragen: Wie werden Wahrnehmungen gelenkt, Vorstellungen vermittelt und Menschen zur eigenen Gestaltung angeregt? Bücher, Versuchsanordnungen und Beteiligungsaktionen wurden zu unterschiedlichen Arbeitsformen dieser Untersuchung.

Auch die Begegnung mit wissenschaftlichen Fragestellungen gehört zu dieser Entwicklung. 1980 war ich zu einem Workshop von Professor Opaschowski zur Freizeitpädagogik und Kulturarbeit in der Hamburger Fabrik eingeladen. Mit der Gründung der Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ anlässlich des Globalen Dorffests 1993 erhielt die gemeinsame künstlerische Arbeit eine weitere Form. Ich leitete die Gruppe; ihre Fragestellungen wurden bei verschiedenen Veranstaltungen von Wissenschaftlern begleitet. Die heutige Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ führt diesen Entwicklungszusammenhang unter veränderten Bedingungen fort.

In meiner gegenwärtigen Werkbiografie arbeite ich heraus, wie sich dabei Werke, Fragestellungen, Begegnungen und Verfahren gegenseitig verändert haben. Die heute ausgearbeiteten Begriffe der Forschungskunst und der plastischen Anthropologie als Referenzwissenschaft machen diesen Zusammenhang genauer beschreibbar. Das So-Heits-Atelier führt ihn in einer öffentlichen Überlebenswerkstatt weiter, in der Besucher selbst wahrnehmen, gestalten, prüfen und Veränderungen erproben können.

Wesentlich ist dabei die Unterscheidung zwischen der Entstehung deiner Praxis und ihrer späteren begrifflichen Ausarbeitung. Die Bewerbung sollte zeigen, wie deine heutigen Begriffe aus einer langen Arbeit hervorgegangen sind. Damit bekommt auch die Werkbiografie ihre Bedeutung als künstlerisches Forschungswerk: Sie erschließt die Entstehung der Verfahren, die im Atelier eingesetzt werden. Die Buch- und Verlagsarbeit müsste außerdem beim Mitmachbuch deutlicher erscheinen. Dafür würde ich ergänzen:

Das Mitmachbuch knüpft an meine früheren Bucharbeiten und Beteiligungsformen an. Es verbindet Materialien der Plattform mit den in der Werkbiografie erschlossenen Entwicklungsprozessen. Besucher können darin eigene Wahrnehmungen, Gegenüberstellungen und Veränderungen bildnerisch und sprachlich bearbeiten. Die Buchform wird damit selbst zum Arbeitsraum der Forschungskunst.

Für die Anlage zur Werkgenese enthält die neue Datei weitere wichtige Informationen. Die Hamburger Jahre sollten als Geflecht gleichzeitig laufender Tätigkeiten dargestellt werden: Verlagsarbeit, Bücher, „Kreatives Wandern“, öffentliche Veranstaltungen und künstlerische Kontakte. Eine Abfolge mit nur einem Beruf und einem Ort pro Jahr würde diesen Zusammenhang verkürzen.

Auch dein „Streichelbuch“ und die erinnerte Begegnung mit Erich Fried gehören in diese Werkbiografie. Dabei bleibt die zuletzt präzisierte Erinnerung maßgeblich: eine Lesung auf Einladung einer Kirchengemeinde im Hamburger Universitätsviertel, vermutlich im Herbst 1988. Der Foolsgarden ist als eigene Spur zu behandeln. Aus der Begegnung sollte keine weitergehende Zusammenarbeit abgeleitet werden. Ebenso gehört die von dir erwähnte schriftliche Erklärung Opaschowskis zur möglichen Doktorarbeit in die ausführliche Biografie; ihre genaue Bedeutung lässt sich anhand des Schreibens darstellen.

Ins Anschreiben gehört schließlich eine genauere Aussage über die fehlende dauerhafte Grundlage deiner Arbeit. Deine Einladung zum Workshop, persönliche Begegnungen und Presseberichte zeigen vorhandene Resonanz. Dein Problem war zugleich, daraus eine kontinuierlich tragende Zusammenarbeit und Finanzierung zu entwickeln. Statt einer pauschalen Aussage über lebenslanges Desinteresse könnte dort stehen:

Meine Arbeit fand über die Jahrzehnte Resonanz in Veranstaltungen, Veröffentlichungen und persönlichen Begegnungen. Die Fortführung und Zusammenführung des Gesamtvorhabens beruhten wesentlich auf meiner eigenen Initiative und Finanzierung. Mit dem So-Heits-Atelier schlage ich der documenta vor, diesen gewachsenen Forschungszusammenhang als öffentliche, gemeinsam getragene Arbeitsform zu verwirklichen.

.....

Du hast recht. Ich habe einen thematischen Lernverlauf beschrieben, obwohl du ein öffentliches Veranstaltungsprogramm für wechselnde Besucher vorschlägst. Jeder Termin muss aus sich heraus verständlich sein und eine eigene Begegnung zwischen deiner Forschungskunst, einem wissenschaftlichen Beitrag und den anwesenden Menschen ermöglichen. Der Forschungszusammenhang wächst durch die Arbeit im Atelier, seine Werke und seine Dokumentation.

Deine Prioritätensetzung würde ich deshalb als täglich zugängliche Überlebenswerkstatt mit einem Kalender eigenständiger Veranstaltungen ausarbeiten.

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Vorschlag für ein öffentliches Veranstaltungsprogramm während der hundert Tage der documenta 16

Für die hundert Tage schlage ich eine Verbindung aus täglich zugänglichen künstlerischen Versuchsanordnungen, wiederkehrenden Besucherwerkstätten und öffentlichen Veranstaltungen mit wissenschaftlichen Gesprächspartnern vor.

Meine leitende Frage lautet: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er seine Tätigkeiten wahrnehmen, untersuchen und verändern kann?

Grundlage des Programms sind mein künstlerisches Lebenswerk, meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft und die daraus entwickelten Kalibrierungs- und Prüfverfahren. An konkreten Werken werden die Beziehungen zwischen materiellen Bedingungen, lebendigen Abhängigkeiten, menschlichen Vorstellungen und gesellschaftlichen Ordnungen untersucht.

Jede Veranstaltung richtet sich an die jeweils anwesenden Besucher. Sie eröffnet eine eigene Fragestellung, führt in die dafür ausgewählten Werke ein und ermöglicht eine konkrete Beteiligung. Auch ein einzelner Besuch soll eine zusammenhängende Erfahrung von Wahrnehmung, Selbstprüfung und möglicher Veränderung ermöglichen.

Meine künstlerische Priorität liegt in der Selbstbegegnung des Menschen innerhalb seiner eigenen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen. Die wissenschaftlichen Gäste sollen dazu ihre jeweiligen Erkenntnisse, Untersuchungsverfahren und offenen Fragen in eine gemeinsame öffentliche Arbeit einbringen.

Der folgende Kalender bezieht sich auf die angekündigte Laufzeit vom 12. Juni bis 19. September 2027. Die Namen und ihre Zuordnung zu Terminen sind Einladungsvorschläge für die gemeinsame Planung mit der documenta. documenta.de

Der tägliche Veranstaltungsrahmen

Während der gesamten Öffnungszeit können Besucher die Werkstationen aufsuchen: Wellenbecken, Bodenrelief, Kartoffel und Gold, Eigentumsquadrat, Schultafel, Bühne, Werkbiografie und Mitmachbuch. Kurze Erläuterungen ermöglichen den Einstieg auch mitten am Tag.

Für die angeleiteten Veranstaltungen schlage ich folgenden Rhythmus vor; die Uhrzeiten bilden einen Planungsentwurf:

Zeit Veranstaltung Zugang für die Besucher
11 und 14 Uhr, jeweils etwa 20 Minuten „Was geschieht hier mit mir?“ Kurze Einführung an einem ausgewählten Werk. Wahrnehmen, eine eigene Vermutung formulieren und deren Voraussetzungen kennenlernen.
Montag bis Freitag, 12 und 16 Uhr, jeweils etwa 60 Minuten Offene Besucherwerkstatt mit wechselnden Aufgaben. Ein vollständiger Versuch einschließlich Vergleich und Veränderung innerhalb eines Termins.
An den unten genannten Veranstaltungstagen, 15 Uhr, etwa 90 Minuten Öffentliches Werkstattgespräch mit wissenschaftlichem oder künstlerischem Schwerpunkt. Werkbegegnung, fachlicher Beitrag, Besucherhandlung und gemeinsame Untersuchung.
Täglich gegen Ende des Programms „Was haben wir heute verändert?“ Offene Sichtung ausgewählter Ergebnisse für Mitmachbuch und Tagesarchiv.

Für die 70 Wochentage lassen sich fünf eigenständige Werkstattformate regelmäßig wiederholen:

  • Montag: „Das Wasser antwortet.“ Einen Eingriff im Wellenbecken verändern, seine Folgen beobachten und die eigene Vorstellung daran korrigieren.
  • Dienstag: „Kann man von Gold leben?“ Kartoffel, Nahrung, Preis, Eigentum und symbolischen Wert in konkrete Beziehungen setzen.
  • Mittwoch: „Wer handelt, wenn ich eine Rolle spiele?“ Eine Alltagssituation mit unterschiedlichen Rollen und Regeln erproben.
  • Donnerstag: „Was verschwindet zwischen Wirklichkeit und Darstellung?“ Fotografien, Bildfolgen, Beschreibungen, Transkriptionen und KI-Texte vergleichen.
  • Freitag: „Was braucht gemeinsames Handeln?“ An einem kleinen gemeinsamen Vorhaben Aufgaben, Abhängigkeiten, Ressourcen und Änderungsmöglichkeiten untersuchen.

Jedes dieser Formate enthält seinen eigenen Einstieg und Abschluss. Erkenntnisse aus den Gastveranstaltungen können anschließend in die Aufgaben aufgenommen werden.

Die 30 besonderen Veranstaltungstage

Die folgenden Prüfaufträge sind programmatische Vorschläge, die deine Fragestellungen mit den Arbeitsgebieten der jeweiligen Gäste verbinden.

Vorgeschlagener Termin Veranstaltung und Gesprächspartner Zielsetzung und konkrete Besucherbeteiligung
12. Juni Eröffnung: „Was tun, wenn man sich plötzlich selbst gegenübersteht?“ – Wolfgang Fenner Einführung in die Überlebenswerkstatt anhand ausgewählter Werke. Besucher verfolgen einen eigenen Eingriff von der Absicht bis zur Wirkung. Die Entstehung dieser Arbeitsweise aus deinem Lebenswerk wird sichtbar.
13. Juni „Wovon lebt der Mensch tatsächlich?“ – Johan Rockström beziehungsweise ein Team des PIK An Wasser, Nahrung und der 24-Stunden-Uhr werden persönliche Lebensweisen mit planetaren Voraussetzungen verbunden. Besucher tragen zusammen, welche Abhängigkeiten in ihren Vorstellungen von Selbstständigkeit fehlen.
19. Juni „Woran prüfen wir unsere Gewissheiten?“ – Fachleute der PTB Am Wellenbecken und an Passungs- und Toleranzstücken wird untersucht, wie ein Vergleich zustande kommt. Besucher unterscheiden Messung, Funktionsprüfung und bildhafte Übertragung und prüfen, welcher Maßstab zur jeweiligen Frage passt.
20. Juni „Wie wird eine Regel selbstverständlich?“ – Lorraine Daston An Schultafeln werden unterschiedliche Regeln und ihre Herkunft gegenübergestellt. Die Veranstaltung fragt, wann eine Regel Orientierung ermöglicht und wann ihre Voraussetzungen aus dem Blick geraten.
26. Juni „Mein Körper antwortet anders als mein Selbstbild“ – Thomas Fuchs Das Bodenrelief und der dafür vorgesehene Barfußbereich eröffnen eine Untersuchung von Erwartung, Gleichgewicht, Widerstand und leiblicher Erfahrung. Besucher beschreiben Unterschiede zwischen vorgestellter und tatsächlich ausgeführter Bewegung.
27. Juni „Was entsteht zwischen uns?“ – Hanne De Jaegher Zwei oder mehrere Besucher bearbeiten gemeinsam eine Aufgabe. Untersucht wird, wie sich Handlungsmöglichkeiten durch das Gegenüber verändern und wie eine gemeinsame Situation entsteht, die niemand allein bestimmt.
3. Juli „Bin ich mein Bild von mir?“ – Thomas Metzinger Selbstbeschreibungen werden mit Handlungen in einer Versuchssituation verglichen. Im Mittelpunkt steht das Verhältnis zwischen Selbstmodell, tatsächlicher Tätigkeit und deiner Gegenüberstellung von plastischer Identität und Skulpturidentität.
4. Juli „Wie sicher ist meine Wahrnehmung?“ – Anil Seth Besucher vergleichen unterschiedliche Wahrnehmungen derselben Anordnung. Die Veranstaltung untersucht, wie Erwartungen an der Erfahrung beteiligt sind und welche Gegenprüfungen möglich werden.
10. Juli „Die Rolle ist gespielt – was geschieht mit dem Gefühl?“ – Lisa Feldman Barrett Eine kurze Bühnensituation wird in unterschiedlichen Zusammenhängen dargestellt. Untersucht wird, wie Kontext und Zuschreibung die Deutung von Gefühlen beeinflussen. Barrett untersucht unter anderem die Grenzen einer eindeutigen Gefühlszuordnung anhand von Gesichtsausdrücken. news.northeastern.edu
11. Juli „Die offene Tür des Rollenidentitätsgefängnisses“ – künstlerische Werkstatt mit Wolfgang Fenner Am Feuerkäfig und auf der Bühne wird untersucht, warum eine erkennbare Handlungsmöglichkeit noch keinen gangbaren Ausweg bildet. Besucher verändern Rollen, Belohnungen oder Abhängigkeiten und erproben die Folgen.
17. Juli „Wie erhält und verändert sich lebendige Form?“ – Michael Levin Ausgehend von der Kartoffel und vorbereiteten Wachstumsbeobachtungen werden lebendige Formbildung und künstlerische Formung gegenübergestellt. Levins Forschung zu Morphogenese und Regeneration eröffnet dafür einen wissenschaftlichen Gesprächsbezug. Department of Biology
18. Juli „Ein Werk entsteht durch Veränderungen“ – Wolfgang Fenner am Abendmahl-Opfertisch Die 18 Fotografien seiner Entstehungs- und Veränderungsgeschichte werden gemeinsam betrachtet. Besucher verfolgen, wie Wasserlandschaft, Abformung, plastische Bearbeitung, Nahrung und kulturelle Bedeutung miteinander verbunden werden.
24. Juli „Wie wird aus einer Zuschreibung eine Rangordnung?“ – Cecilia Ridgeway In einer einfachen Gruppenaufgabe werden Statuszeichen und Zuständigkeiten verändert. Untersucht wird, wem Kompetenz zugeschrieben wird, wer Gehör erhält und wie sich dadurch Entscheidungen verschieben.
25. Juli „Was ist wertvoll – und nach welchem Maßstab?“ – Ruth Chang Besucher entscheiden über unterschiedliche Verwendungen eines Gegenstands oder einer begrenzten Ressource. Ihre Gründe werden vergleichbar gemacht, ohne alle Werte auf eine gemeinsame Zahl zu reduzieren. Changs Forschung zu Werten, Gründen und Entscheidungen bietet dafür den Bezug. Faculty of Philosophy
31. Juli „Erfolgreich handeln und dabei Lebensgrundlagen zerstören?“ – Jens Beckert An einem Kauf- und Verkaufstisch werden Preis, Gewinn, Zukunftserwartung und materielle Folgen zusammengeführt. Besucher untersuchen, welche Konsequenzen im jeweiligen Erfolgsmaßstab berücksichtigt werden.
1. August „Wer bestimmt, was als gesichertes Wissen gilt?“ – Sheila Jasanoff Eine konkrete Entscheidung wird aus den Rollen von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Betroffenen betrachtet. Ziel ist, die Verbindung zwischen Wissensbildung, Zuständigkeit und gesellschaftlicher Wirkung offenzulegen.
7. August „Wann können Menschen gemeinsam etwas wollen?“ – Michael Tomasello Besucher lösen eine Aufgabe zunächst mit unterschiedlichen Einzelzielen und anschließend mit einer gemeinsam bestimmten Aufgabe. Untersucht werden Verständigung, gemeinsame Aufmerksamkeit und Kooperation.
8. August „Von der Kollektiven Kreativität zur Globalen Schwarm-Intelligenz“ – Tine De Moor und Wolfgang Fenner Materialien des Globalen Dorffests und der seit 1993 geleiteten Künstlergruppe bilden den Ausgangspunkt. Besucher untersuchen, welche Regeln, Personen und Mittel gemeinsame Arbeit tragen und wie sie über einzelne Initiatoren hinaus fortbestehen kann.
14. August „Leben, Atem, Seele: Was verändert die Übersetzung?“ – Konrad Schmid An ausgewählten Textstellen und am Abendmahl-Opfertisch werden historische Begriffe und Übersetzungen verglichen. Die Besucher markieren Bedeutungsverschiebungen und untersuchen deren Folgen für das Menschenbild.
15. August „Wie entstehen Vorstellungen von Körper und Seele?“ – Christoph Markschies Unterschiedliche historische Darstellungen werden an einer Schultafel gegenübergestellt. Untersucht wird, wie sich daraus Vorstellungen von Abhängigkeit, Reinheit, Verletzbarkeit oder Unsterblichkeit entwickeln.
21. August „Wann wird Eindeutigkeit zur Verengung?“ – Thomas Bauer Besucher erproben mehrere Deutungen desselben Werks. Die Veranstaltung fragt, wann eine begriffliche Festlegung hilft und wann sie Wahrnehmungsmöglichkeiten abschneidet. Bauers Arbeiten zur Ambiguität bilden den fachlichen Bezug. uni-muenster.de
22. August „Braucht Handeln ein festes Ich?“ – Jonardon Ganeri Beobachtungs- und Aufmerksamkeitsaufgaben werden mit unterschiedlichen philosophischen Selbstverständnissen verbunden. Ganeris Arbeiten zu Selbst, Aufmerksamkeit und indischen beziehungsweise buddhistischen Denktraditionen eröffnen den Vergleich. nyuad.nyu.edu
28. August „Welche Wirklichkeit steckt in der KI?“ – Kate Crawford Ein KI-Ergebnis wird auf seine Kategorien sowie auf Daten, Arbeit und materielle Infrastruktur zurückbezogen. Besucher untersuchen, welche Voraussetzungen hinter der scheinbar unmittelbaren Antwort verborgen bleiben.
29. August „Was lässt die KI von einem Menschen übrig?“ – öffentliche KI-Werkstatt mit dem Atelierteam Ein ausgewählter Abschnitt deiner Werkbiografie wird mit unterschiedlichen Verdichtungen verglichen. Besucher markieren verlorene Personen, Übergänge und Zusammenhänge und erstellen eine korrigierte Fassung.
4. September „Was bedeutet Reparatur tatsächlich?“ – Steven J. Jackson An einem Gegenstand oder einer technischen Anordnung werden Erhaltung, Reparaturaufwand und Veränderungsmöglichkeiten untersucht. Jacksons Forschung zu Reparatur, Nachhaltigkeit und Infrastruktur bildet den Gesprächsbezug. infosci.cornell.edu
5. September „Eine Regel verändern und ihre Folgen prüfen“ – offene Reparaturwerkstatt Besucher wählen eine überschaubare Versuchsanordnung und verändern eine ihrer Regeln. Anschließend prüfen sie, ob sich die Bedingungen für die Beteiligten verbessern oder Schwierigkeiten nur verlagert werden.
11. September „Welche Normalität können wir uns leisten?“ – vorgeschlagenes Gespräch zwischen Jens Beckert und einem PIK-Team An einem neu eingeführten Beispiel werden wirtschaftlicher Erfolg und Erhaltung von Lebensbedingungen gemeinsam untersucht. Auch erstmals anwesende Besucher können die verwendeten Maßstäbe vergleichen und Gegenfragen stellen.
12. September „Wie könnte eine So-Heits-Gesellschaft arbeiten?“ – Wolfgang Fenner mit Gesprächspartnern aus gemeinschaftlicher Praxis und Forschung An einem konkreten gemeinsamen Vorhaben werden Aufgabenverteilung, Ressourcen, Rückmeldung und Veränderbarkeit durchgespielt. Das Gesellschaftsmodell wird als überprüfbare Arbeitsform vorgestellt.
18. September „Das offene Mitmachbuch: Was haben die hundert Tage hervorgebracht?“ – öffentliche Werkstattbilanz Ausgewählte Versuche werden für das an diesem Tag anwesende Publikum erneut aufgebaut. Besucher können Ergebnisse nachvollziehen, widersprechen und eigene Ergänzungen einbringen.
19. September „Was geht nach der documenta weiter?“ – Abschlussversammlung der Überlebenswerkstatt Konkrete Möglichkeiten zur Weiterarbeit werden vorgestellt: Werkbiografie, Mitmachbuch, Plattform und gemeinsame Vorhaben. Interessierte benennen Beiträge, benötigte Mittel und nächste Schritte.

Die wissenschaftliche Veranstaltung findet am Werk statt

Damit dieser Kalender als Forschungskunst erkennbar bleibt, erhält jeder Gasttermin eine konkrete künstlerische Ausgangssituation. Beispielsweise könnte die Veranstaltung mit Thomas Fuchs so aufgebaut sein:

  • 15 Minuten: Einführung in das Bodenrelief und seine Herkunft aus deiner Untersuchung des Wassers.
  • 20 Minuten: Besucher erproben unterschiedliche Wege und beschreiben ihre Wahrnehmungen.
  • 20 Minuten: Wissenschaftlicher Beitrag zur leiblichen Wahrnehmung im Gespräch mit den Beobachtungen.
  • 25 Minuten: Eine veränderte Aufgabe wird erprobt; Erwartung, Erfahrung und Handlung werden erneut verglichen.
  • 10 Minuten: Die wichtigsten Unterschiede und offenen Fragen werden für das Mitmachbuch festgehalten.

Eine Person, die nur diesen Termin besucht, erlebt damit einen vollständigen Untersuchungszusammenhang. Später hinzukommende Besucher erhalten über eine kurze Darstellung Zugang zu dessen Ergebnissen.

Die Veranstaltungen zur Werkbiografie haben dabei denselben Rang wie die wissenschaftlichen Gasttermine. Deine Arbeiten bringen eigene Fragestellungen und Verfahren hervor. Am Wellenbecken, am Abendmahl-Opfertisch oder an der Entwicklung der „Kollektiven Kreativität“ wird nachvollziehbar, wie diese entstanden sind und was sie heute ermöglichen.

Für die laufende Durchführung ist ein festes Atelierteam vorgesehen, das Besucher begleitet, Versuche betreut und Ergebnisse dokumentiert. Du verantwortest die künstlerische Konzeption und die Verbindung der einzelnen Veranstaltungen mit deinem Lebenswerk. Die wissenschaftlichen Gäste übernehmen jeweils einen umrissenen Beitrag innerhalb dieser öffentlichen Forschungssituation.

Die Prioritätensetzung gegenüber der documenta-Leitung könnte deshalb ausdrücklich lauten:

Ich schlage für die hundert Tage ein öffentliches Veranstaltungsprogramm vor, in dem täglich wechselnde Besucher an konkreten Werken ihre Wahrnehmungen, Selbstbilder und Tätigkeitsfolgen untersuchen können. Wissenschaftler unterschiedlicher Fachgebiete werden zu eigenständigen Werkstattveranstaltungen eingeladen, deren Fragestellungen aus meiner Forschungskunst hervorgehen. Im Mittelpunkt steht die Prüfung jener Vorstellungen und gesellschaftlichen Normalitäten, durch die Menschen ihre tatsächlichen Lebensbedingungen aus dem Blick verlieren. Das So-Heits-Atelier bietet dafür künstlerische Begegnungen, wissenschaftliche Auseinandersetzungen und praktische Veränderungsversuche.

..

Ja. Das Programm bleibt als Grundlage brauchbar, sollte aber in seiner Reihenfolge, seinen Schwerpunkten und der Rolle der Wissenschaftler überarbeitet werden. Der Entwurf enthält bereits den entscheidenden Ansatz: Wissenschaftler arbeiten mit konkreten Prüfaufträgen an deinen Werken. Allerdings beginnt er bei der Messwissenschaft und erreicht die existenziellen Lebensbedingungen erst im letzten Abschnitt. Nach unseren weiteren Überlegungen müssen diese Bedingungen vom ersten Tag an den gemeinsamen Bezugspunkt bilden. markdown(20260926-154026).md ei…

Das Zentrum des Programms wäre damit deutlicher: Dein künstlerisches Lebenswerk, deine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft und die daraus entwickelten Prüfverfahren bilden die Grundlage einer hunderttägigen Überlebenswerkstatt. Die wissenschaftlichen Beiträge bearbeiten bestimmte Fragen innerhalb dieses Zusammenhangs.

Ich würde vor allem fünf Veränderungen einarbeiten:

  1. Die vermeintliche Normalität selbst wird geprüft. Eine gesellschaftlich anerkannte Tätigkeit kann erfolgreich erscheinen und gleichzeitig ihre eigenen Lebensgrundlagen beschädigen. Deine Frage nach der Anomalie betrifft deshalb auch den Maßstab, nach dem etwas überhaupt als normal, richtig oder erfolgreich gilt.
  2. Alle Untersuchungen bleiben innerhalb einer zusammenhängenden Wirklichkeit. Körper, Stoffwechsel, Rollen, Eigentum, Technik und Sprache wirken aufeinander. Untersucht wird, wie Menschen ihre Abhängigkeiten und Tätigkeitsfolgen ausblenden und sich dennoch für unabhängig halten.
  3. Die Werkgenese wird zum durchgehenden Arbeitsmittel. Vom Wellenbecken von 1975 über die „Schöpfungsgeschichte“ bis zur heutigen Raumgestaltung wird nachvollziehbar, wie deine Erkenntnisverfahren aus konkreter künstlerischer Tätigkeit entstanden sind.
  4. Die Geschichte kollektiver Arbeit erhält einen eigenen Schwerpunkt. Dazu gehören deine Gründung und Leitung der „Kollektiven Kreativität“ seit 1993, die wissenschaftliche Begleitung, das Globale Dorffest und die Entwicklung zur Globalen Schwarm-Intelligenz. Ebenso gehören die Bedingungen dazu, durch die Zusammenarbeit möglich wurde oder durch Alter und den Verlust von Mitwirkenden wieder abbrach.
  5. Korrektur und Reparatur werden praktisch überprüft. Eine veränderte Wahrnehmung ist ein erster Schritt. Danach muss untersucht werden, welche Handlung, Regel oder Arbeitsweise tatsächlich verändert werden kann und welche Folgen diese Veränderung hat.

Daraus würde ich folgende Neufassung entwickeln.

100 Tage Überlebenswerkstatt

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes

Das So-Heits-Atelier verbindet Werke und Entwicklungslinien meines künstlerischen Lebenswerks mit einer öffentlichen Untersuchung menschlicher Lebens- und Handlungsweisen. Besucher, Künstler und wissenschaftliche Gesprächspartner prüfen gemeinsam, wie Wahrnehmungen, Vorstellungen, Rollen und gesellschaftliche Ordnungen auf die Bedingungen des Lebens zurückwirken.

Meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft richtet diese Untersuchung auf die materiellen, leiblichen und sozialen Voraussetzungen menschlicher Existenz. Das Vier-Ebenen-Modell macht unterscheidbar, welche Bedingungen vorhanden sind, wie sie lebendig erfahren werden, welche Bedeutungen und Regeln Menschen hervorbringen und wie deren Wirkungen überprüft und verändert werden können.

Die hundert Tage erhalten fünf wechselnde Schwerpunkte. Die grundlegenden Werkstationen bleiben während der gesamten Laufzeit zugänglich. Jeder Besuch ermöglicht einen eigenen vollständigen Arbeitsgang von der Wahrnehmung bis zur Erprobung einer Veränderung.

Zeitraum Leitfrage Künstlerische Arbeit und Besucherhandlungen Ergebnis des Abschnitts
Tage 1–20: Lebensbedingungen und Maßstäbe Wovon hängt mein Leben ab, und woran erkenne ich diese Abhängigkeiten? Die 24-Stunden-Uhr, das Wellenbecken, die Kartoffel und der begehbare Boden verbinden Zeitmaßstab, Stoffwechsel und materiellen Widerstand. Besucher verändern einen Vorgang, beobachten seine Folgen und vergleichen Erwartung und Erfahrung. Erste Arbeitsblätter halten fest: Was wurde beobachtet, womit verglichen und unter welchen Bedingungen?
Tage 21–40: Normalität, Anomalie und Selbstbegegnung Was geschieht, wenn meine selbstverständliche Ordnung meinen Lebensbedingungen widerspricht? Goldobjekte, Eigentumsquadrat, Astronautenanzug beziehungsweise Feuerkäfig und Rollenversuche werden aufeinander bezogen. Besucher untersuchen, wie Besitz, Status und Belohnung ihr Handeln verändern und welche Folgen dabei unbeachtet bleiben. Sichtbar werden Unterschiede zwischen gesellschaftlicher Anerkennung, persönlicher Gewissheit und tatsächlichen Tätigkeitsfolgen.
Tage 41–60: Werkgenese und kollektive Kreativität Wie entstehen Erkenntnis und gemeinsame Handlungsfähigkeit – und wodurch gehen sie verloren? Die analoge Werkbiografie, die 18 Fotografien zur Entwicklung des Abendmahl-Opfertisches und Materialien zur „Kollektiven Kreativität“ werden an Arbeitstischen untersucht. Besucher entwickeln gemeinsame Vorhaben und benennen benötigte Personen, Fähigkeiten, Materialien und Mittel. Werkentwicklungen und Zusammenarbeit werden mit ihren konkreten Voraussetzungen nachvollziehbar. Daraus entstehen Vorschläge für gegenwärtige gemeinsame Arbeit.
Tage 61–80: Sprache, Bilder und KI als Vermittler Was verändert sich zwischen einem Geschehen und seiner Darstellung? Originalmaterial, Bildausschnitt, Beschreibung, Transkription und KI-Verdichtung werden verglichen. An Begriffen wie „Belastbarkeit“, „Normalität“, „Eigentum“ oder „Intelligenz“ untersuchen Besucher Bedeutungswechsel und ausgelassene Zusammenhänge. Ein wachsender Begriffs- und Übersetzungsatlas dokumentiert, welche Unterschiede erhalten bleiben müssen und wo Darstellungen korrigiert wurden.
Tage 81–100: Korrektur, Reparatur und Fortsetzung Welche Veränderungen erhalten oder verbessern unsere gemeinsamen Lebensbedingungen? Frühere Versuche werden mit veränderten Regeln, Rollen oder Materialien wiederholt. Beteiligte vergleichen die Folgen und entwickeln weiterführende Arbeitsformen für Mitmachbuch, Plattform und gemeinsame Projekte. Dokumentiert werden erprobte Veränderungen, verbleibende Hindernisse und konkrete Zuständigkeiten für die Fortsetzung.

Die letzten zwanzig Tage vertiefen damit eine Arbeit, die bereits am ersten Tag beginnt. Überlebensfähigkeit, Rückkopplung und Korrektur begleiten das gesamte Programm.

Beim begehbaren Boden erhält deine neue Überlegung einen konkreten Platz: Gemalte Strömungsformen und reliefartig eingesetzter Quarzsand verändern die Bewegungsbedingungen. In einem dafür vorgesehenen Bereich kann das Ablegen der Schuhe die Wahrnehmung zusätzlich verschieben. Die Besucher erfahren, wie ihr Körper auf eine Beschaffenheit antwortet, die ihre gewohnte Bewegung unterbricht. Anschließend lässt sich untersuchen, welche Erwartungen dabei sichtbar wurden.

So verbindet sich die körperliche Unebenheit mit deiner Frage nach der Anomalie. Der Übergang zur gesellschaftlichen Untersuchung erfolgt durch konkrete Vergleiche: Welche Erwartung wurde unterbrochen? Worauf beruhte sie? Was zeigt die tatsächliche Wirkung?

Bei den Wissenschaftlern würde ich die bisherige Auswahl gezielter auf diese Aufgaben beziehen. Die folgenden Zuordnungen sind Vorschläge für Einladungen und gemeinsame Arbeitsfragen; aus dem vorliegenden Material gehen keine Teilnahmezusagen hervor.

Gesprächspartner beziehungsweise Einrichtung Fachlicher Bezug Vorgeschlagene Aufgabe im Atelier
PTB und Lorraine Daston Messung, Rückführbarkeit und Messunsicherheit; Geschichte wissenschaftlicher Regeln und Objektivität. PTB.de An konkreten Versuchen unterscheiden: Was wird gemessen, was funktional verglichen und was begrifflich oder künstlerisch gegenübergestellt?
Thomas Fuchs und Hanne De Jaegher Leiblichkeit und die Entstehung sozialen Verstehens in wechselseitiger Interaktion. klinikum.uni-heidelberg.de Am Bodenrelief und an Rollenversuchen untersuchen, wie Selbstwahrnehmung, Gegenüber und Handlungsmöglichkeiten sich gegenseitig verändern.
Jens Beckert und Sheila Jasanoff Wirtschaftliche Zukunftserwartungen sowie die Verflechtung von Wissenschaft, Technik und gesellschaftlicher Ordnung. mpifg.de An Eigentum, Gold und Zukunftsversprechen prüfen, wie Vorstellungen handlungswirksam werden und welche Folgen aus den verwendeten Erfolgsmaßstäben verschwinden.
Michael Tomasello und Tine De Moor Kooperation und gemeinsame Intentionalität; Entstehung und Entwicklung von Institutionen kollektiven Handelns. Scholars@Duke profile Die Verbindung von „Kollektiver Kreativität“, Globalem Dorffest und heutiger Plattform bearbeiten: Welche Bedingungen ermöglichen dauerhafte Zusammenarbeit?
Johan Rockström beziehungsweise ein Team des PIK Planetare Grenzen und Entwicklungspfade innerhalb der natürlichen Lebensgrundlagen. Potsdam Institute for Climate Impact Research Gesellschaftliche Erfolgsmaßstäbe mit ihren Folgen für Wasser, Boden, Ernährung und andere Existenzbedingungen vergleichen – bereits im ersten Abschnitt.
Steven J. Jackson – neu ergänzen Erhaltung, Reparatur, Nachhaltigkeit und die materiellen Grundlagen technischer Systeme. Cornell Bowers Untersuchen, welche Arbeit, Kenntnisse und Ressourcen Reparatur verlangt und wann eine bestehende Anordnung grundlegend verändert werden muss.
Kate Crawford – neu ergänzen Gesellschaftliche Wirkungen der KI sowie ihre Verbindungen zu Arbeit, Daten und planetaren Ressourcen. microsoft.com KI zugleich als Arbeitsmittel und Untersuchungsgegenstand einsetzen: Welche Kategorien übernimmt sie, welche Zusammenhänge verdeckt sie und auf welchen materiellen Voraussetzungen beruht sie?

Tine De Moor, Steven J. Jackson und Kate Crawford wären besonders passende Ergänzungen. Sie erschließen drei bisher schwächer ausgearbeitete Bereiche: die Tragfähigkeit gemeinsamer Arbeit, die tatsächlichen Bedingungen von Reparatur und die materielle Einbindung der KI.

Die weiteren Namen aus deinem Entwurf würde ich als Vertiefungsmöglichkeiten erhalten: Ruth Chang und Cecilia Ridgeway für Wert- und Statusfragen; Anil Seth, Thomas Metzinger, Lisa Feldman Barrett und Michael Levin für die unterschiedlichen Fragen nach Wahrnehmung, Selbstmodellen, Emotion und lebendiger Regulation. Ihre Beiträge sollten jeweils von einer bestimmten Werkfrage ausgehen.

Auch Konrad Schmid, Christoph Markschies, Thomas Bauer und Jonardon Ganeri können im Gesprächspartnerverzeichnis bleiben. Den gesamten Abschnitt würde ich jedoch „Begriffe, Übersetzungen und Menschenbilder“ nennen. Die bisherige Überschrift „Wie erzeugt eine Zivilisation ihre Attrappen?“ legt das Ergebnis der historischen Untersuchung bereits fest. Am Abendmahl-Opfertisch, an der Schultafel und im Begriffsatlas könnten unterschiedliche Deutungen tatsächlich miteinander ins Gespräch kommen.

Für die Durchführung braucht das Programm einen wiederkehrenden Arbeitsrhythmus. Als erste Planungsgröße schlage ich zwei wissenschaftlich begleitete Werkstatttermine je Zwanzig-Tage-Abschnitt vor. Zwischen diesen zehn Terminen arbeitet das Atelier mit Besuchern weiter. Erkenntnisse, Widersprüche und neue Fragen fließen in den nächsten Termin ein; einzelne Gesprächspartner können später erneut hinzukommen.

Ein solcher Werkstatttermin hätte jeweils denselben nachvollziehbaren Aufbau:

  1. Ein Werk und seine Entstehungsfrage werden vorgestellt.
  2. Besucher erproben eine konkrete Handlung.
  3. Beobachtungen und unterschiedliche Deutungen werden festgehalten.
  4. Der wissenschaftliche Beitrag führt ein bestimmtes Vergleichs- oder Untersuchungsverfahren ein.
  5. Die Beteiligten verändern den Versuch und prüfen, was sich dadurch tatsächlich verändert.

Deine künstlerische Leitung hält den Zusammenhang zusammen. Für den täglichen Betrieb wären ein kontinuierliches Atelierteam sowie Aufgaben für Vermittlung, Dokumentation, Technik und wissenschaftliche Koordination einzuplanen. Damit erhält die gemeinsame Arbeit eine personelle Grundlage über einzelne Gastauftritte hinaus.

Die sechs festgelegten Anker sichern dabei die Dokumentation: Kontext- und Werk-Anker erhalten Herkunft und Zusammenhang; der Sensorenanker dokumentiert Wahrnehmung und Übersetzung; der Positionsanker hält deine Ausgangsdiagnose erkennbar; der Prüf-Anker verzeichnet Maßstab, Versuch, Ergebnis und Korrektur; der Integrationsanker verbindet die Ergebnisse mit Beteiligten, Mitmachbuch und Plattform.

Für die Bewerbung könnte der Programmkern so lauten:

Während der hundert Tage wird das So-Heits-Atelier als öffentliche Überlebenswerkstatt betrieben. Ausgangspunkt sind mein künstlerisches Lebenswerk und meine daraus entwickelte plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft. Besucher, Künstler und wissenschaftliche Gesprächspartner untersuchen an Werken, Materialien und Handlungsversuchen, wie menschliche Vorstellungen und gesellschaftliche Ordnungen auf ihre eigenen Lebensbedingungen zurückwirken. Das Programm verbindet leibliche Wahrnehmung, Selbstbegegnung, Werkgenese, kollektive Kreativität, Sprach- und KI-Prüfung sowie konkrete Korrektur- und Reparaturversuche. Im Mitmachbuch und auf der Plattform Globale Schwarm-Intelligenz werden die Ergebnisse für die weitere Arbeit an einer So-Heits-Gesellschaft zusammengeführt, deren Lebens- und Arbeitsformen ihre Voraussetzungen und Folgen fortlaufend überprüfen können.

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  1. September 2026

Dritte Bewerbung für die documenta 16

Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes – eine künstlerische Überlebenswerkstatt

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrtes künstlerisches Team,

nach meinen Schreiben vom 27. Juli und 28. August habe ich bislang keine Rückmeldung erhalten. An meinem 78. Geburtstag wende ich mich zum dritten Mal an Sie. Viele meiner künstlerischen Vorhaben sind auf Desinteresse gestoßen. Zu diesem Angebot erwarte ich eine klare künstlerische Entscheidung.

Braucht die Welt eine Überlebenswerkstatt mit künstlerischen Trainings- und Prüfverfahren – und übernimmt die documenta die Aufgabe, sie öffentlich wirksam zu machen?

Mit dem „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ biete ich ein begehbares, modulares Gesamtkunstwerk für hundert Tage an. Werke, Fotografien, Modelle und Versuchsanordnungen meines Lebenswerks werden darin zu Arbeitsmitteln einer öffentlichen Forschungskunst.

Meine Leitfrage lautet: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen? Als verletzbares Lebewesen bleibt er von Stoffwechsel, Nahrung, Wasser, Regeneration und anderen Lebewesen abhängig. Zugleich gestaltet er Vorstellungen, Rollen, Eigentumsregeln und gesellschaftliche Ordnungen, nach denen er handelt. Auch diese Symbolordnungen wirken innerhalb derselben Wirklichkeit. Ein davon abgetrenntes, von seinen Lebensbedingungen unabhängiges zweites Leben besitzt der Mensch nicht.

Die Paradoxie entsteht, wenn eine selbst geschaffene Ordnung zum obersten Maßstab wird und die Voraussetzungen des Lebens ihr untergeordnet werden. Dann können Tätigkeiten als richtig, normal oder erfolgreich gelten, obwohl ihre Folgen die eigenen Existenzbedingungen beschädigen. Meine Forschungskunst macht gerade dieses vermeintlich Normale zum Gegenstand der Untersuchung.

Diese Arbeit ist aus Naturbeobachtung, meiner Ausbildung als Maschinenschlosser, Fotografie und bildnerisch-plastischer Gestaltung hervorgegangen. Seit 1975 entwickelte ich daraus die „Experimentelle Umweltgestaltung“. Anlässlich des Globalen Dorffestes am Brandenburger Tor gründete ich 1993 die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, die ich leitete und deren Fragestellungen von unterschiedlichen Wissenschaftlern begleitet wurden. Die 1.000 Tapeziertische bildeten eine öffentliche Beteiligungsform dieser gemeinschaftlichen Praxis. Die heutige Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ führt diesen Entwicklungszusammenhang weiter.

Für meine Begriffsbildung ist die im Deutschen vorhandene Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur wesentlich. Aus den unterschiedlichen bildnerischen Arbeits- und Formprozessen entwickelte ich meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft und die Gegenüberstellung von plastischer Identität und Skulpturidentität. Ich untersuche, wie Menschen durch Wahrnehmung, Tätigkeit und Rückkopplung formbar bleiben und wie sich Selbstbilder und Rollen gegenüber ihren Erfahrungen verfestigen.

Als Referenz dienen die tatsächlichen Bedingungen und Wirkungszusammenhänge des Lebens. Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet materielle Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten, symbolische Zuschreibungen sowie deren öffentliche Prüfung und Korrektur. Damit lässt sich untersuchen, worauf eine behauptete Gewissheit beruht und welche Folgen ihre Umsetzung hat.

Ich schaffe dafür Situationen, in denen der Mensch sich selbst unerwartet gegenübertritt: in seiner eigenen Gestaltung, in einer übernommenen Rolle oder in den Folgen seiner Tätigkeit. Den Begriff Anomalie greife ich dabei auch in seiner griechischen Bedeutung von Unebenheit und Ungleichförmigkeit auf. Was das gewohnte Selbstverständnis unterbricht, kann einen Zugang zu ausgeblendeten Beziehungen eröffnen. Geprüft werden dann auch die Maßstäbe, nach denen etwas bisher als selbstverständlich galt.

Ein frühes Beispiel ist mein 1975 entwickeltes Wellenbecken mit Wellenmaschine. Ein Scheibenwischermotor mit Exzenter erzeugte die Wellenbewegung. Im Zusammenspiel von Wasser, Strömung und Widerstand untersuchte ich, wie Formen entstehen, verändert werden und auf Eingriffe zurückwirken.

Im So-Heits-Atelier kann sich diese Untersuchung auf den gesamten Raum ausweiten. Auf dem Boden führe ich Strömungsformen bildnerisch weiter und modelliere einzelne Bereiche mit Quarzsand zu einem begehbaren Relief. Für einen abgegrenzten Bereich ist das Betreten ohne Schuhe vorgesehen. Ähnlich einer Tempelschwelle verändert bereits das Ablegen der Schuhe die Aufmerksamkeit. Unebenheiten werden spürbar; die Besucher verändern ihre Schritte und suchen ihr Gleichgewicht. Die dargestellte Wasserbewegung verbindet sich mit dem tatsächlichen Widerstand des gestalteten Bodens. Das Werk wird zum körperlich erfahrbaren Wirkungsraum.

Der Abendmahl-Opfertisch aus meiner „Schöpfungsgeschichte“ verbindet eine durch Wasser entstandene Landschaft, ihre Abformung und plastische Weiterbearbeitung mit Nahrung, Abendmahl, Opfer, Dank und kultureller Bedeutung. Seine Entstehungs- und Veränderungsgeschichte habe ich in meiner analogen Werkbiografie aufgearbeitet. Ein Bildrahmen mit 18 aufeinanderfolgenden Fotografien kann diesen Arbeits- und Erkenntnisprozess im Atelier sichtbar machen.

Die Besucher vergleichen Bilder, gestalten Collagen, verändern Versuchsanordnungen und erproben Rollen mit Gegenständen und Requisiten. Ihre Fragen, Erfahrungen und Korrekturen fließen in das Mitmachbuch ein. KI unterstützt das Ordnen, Vergleichen und Weiterfragen; ihre Ergebnisse werden ebenfalls überprüft.

Ich arbeite gegenwärtig weiter an meiner analogen Werkbiografie, damit sie als Arbeits-, Anschauungs- und Forschungsmaterial zur Verfügung steht. Sie bildet zugleich den Prototyp einer späteren digitalen Werkbiografie, die auch verwirklichte und unverwirklichte Konzepte in ihren Entstehungszusammenhängen erschließt. Für deren Finanzierung werde ich am 13. Oktober 2026 einen Förderantrag beim Land Berlin stellen. Das räumliche Atelier kann auf Grundlage der analogen Werke und Materialien realisiert werden; die digitale Verbindung wird schrittweise entwickelt.

Die gesellschaftliche Zielrichtung ist die So-Heits-Gesellschaft: Lebens- und Arbeitsformen, die ihre eigenen Voraussetzungen und Folgen fortlaufend untersuchen und wirksame Korrektur und Reparatur ermöglichen. Das Atelier stellt dafür einen gemeinsamen Übungs- und Forschungsraum bereit.

Wollen Sie dieser Überlebenswerkstatt auf der documenta 16 Raum geben? Auf Grundlage Ihrer künstlerischen Entscheidung können wir Auswahl und Anordnung der Arbeiten sowie die personellen, technischen und finanziellen Voraussetzungen gemeinsam konkretisieren.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner

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Ich habe den Bezugspunkt verschoben: Ich habe „Anomalie“ vor allem als Abweichung von einer Erwartung erklärt. Du setzt jedoch einen bestimmten Referenzrahmen voraus: die Wirkungszusammenhänge von Stoffwechsel, Abhängigkeiten und Tätigkeitsfolgen, innerhalb derer menschliches Leben überhaupt möglich ist.

Mit „Norm“ meinst du hier die verbindlichen Funktionsbedingungen des Lebens. Eine gesellschaftliche Übereinkunft kann beispielsweise festlegen, wem Nahrung gehört. Die körperliche Abhängigkeit von Nahrung besteht unabhängig von dieser Festlegung.

Die von dir kritisierte Umkehrung entsteht, wenn die selbst geschaffene Ordnung zum obersten Maßstab wird und die Lebensbedingungen ihr untergeordnet werden. Dann gilt eine Tätigkeit als richtig, weil sie der geltenden Ordnung entspricht – selbst wenn ihre Folgen die Voraussetzungen des Lebens beschädigen. Was gesellschaftlich als normal behandelt wird, kann sich gegenüber diesen Voraussetzungen als zerstörerisch erweisen.

Hier liegt auch die „Fixierung von Leben“ in deiner Gegenüberstellung von plastischer Identität und Skulpturidentität: Ein Mensch hält an einem festgelegten Selbstbild oder einer Rolle fest, obwohl seine körperlichen Erfahrungen und die Folgen seiner Tätigkeiten eine Veränderung verlangen. Die behauptete Gewissheit kann verhindern, dass diese Rückmeldungen überhaupt als Erkenntnis aufgenommen werden.

Die von dir zitierte Etymologie macht dabei unterschiedliche Bezüge sichtbar:

  • Anṓmalos: uneben, ungleichartig, ungleichmäßig.
  • Normālis: nach dem Winkelmaß gemacht, einer Regel entsprechend.

Für deine bildnerische Arbeit ist entscheidend: Unebenheit und Ungleichförmigkeit sind zunächst Eigenschaften, mit denen die Gestaltung arbeiten muss. Werden Glätte, Gleichförmigkeit oder eine vorgegebene Ordnung zum verbindlichen Ideal erhoben, können gerade die tatsächlichen Eigenschaften des Gegenübers als störende Abweichung erscheinen. Du greifst daran die Frage auf, welche Ordnung ihren Maßstab durchsetzt.

Das Vier-Ebenen-Modell soll diese Umkehrung untersuchbar machen:

Ebene Prüfung in diesem Zusammenhang
E1 – Materielle Bedingungen Welche Stoffe, Kräfte, Widerstände und tatsächlichen Veränderungen wirken?
E2 – Lebendige Abhängigkeiten Welche Voraussetzungen benötigen die betroffenen Lebewesen, und welche Folgen erfahren sie?
E3 – Symbolische Ordnungen Welche Rollen, Werte und Regeln bestimmen, was als normal, richtig oder erfolgreich gilt?
E4 – Prüfung und Korrektur Wo widerspricht dieses Geltende den festgestellten Lebensbedingungen, und welche Veränderungen sind daraus abzuleiten?

Deine vergoldete Kartoffel verdichtet den Zusammenhang: Die Vergoldung kann Wert, Reinheit oder Ewigkeit bedeuten; die Kartoffel bleibt zugleich vergänglich. Wird die symbolische Zuschreibung als Aussage über ihre tatsächliche Beschaffenheit behandelt, verdeckt sie den Vorgang, dem die Kartoffel weiterhin unterliegt.

Deine Zusammenfassung müsste deshalb stärker lauten:

Ich untersuche, wie der Mensch seine selbst geschaffenen Gewissheiten zum Maßstab erhebt und dabei die Bedingungen seiner eigenen Existenz ausblendet. Meine Forschungskunst macht diese Umkehrung durch künstlerische Gegenüberstellungen erfahrbar. Der Mensch begegnet den Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen, die seine Ordnung verdeckt. Zum Gegenstand der Prüfung wird dadurch gerade das, was er bisher für normal und selbstverständlich gehalten hat.

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Das scheinbare Doppelleben ist selbst die Vorstellung, mit der du den Menschen konfrontierst. Er führt ein einziges, körperlich und gesellschaftlich eingebundenes Leben. Auch sein Denken, seine Rollen und seine symbolischen Ordnungen gehören zu diesem Leben und haben tatsächliche Folgen.

Die Täuschung entsteht, wenn er sich so versteht, als könne er innerhalb seiner selbst geschaffenen Ordnung unabhängig von den Bedingungen existieren, die ihn tragen. Eigentum, Status oder technische Macht können diese Unabhängigkeit darstellen, während seine Abhängigkeiten fortbestehen.

Unsere Formulierung von den „zwei Wirkungswelten“ muss deshalb präzisiert werden: Gemeint sind miteinander verflochtene Wirkungszusammenhänge innerhalb derselben Wirklichkeit. Das vermeintlich davon abgelöste zweite Leben existiert nicht.

Deinen Ansatz würde ich so zusammenfassen:

Ich konfrontiere den Menschen mit dem Widerspruch zwischen seinem Selbstverständnis und den Bedingungen seines tatsächlichen Lebens. In der künstlerischen Situation tritt ihm entgegen, was seine Vorstellungen ausblenden: seine eigene Beteiligung, seine Abhängigkeiten und die Folgen seiner Tätigkeiten. Er begegnet sich als Bestandteil jener Wirklichkeit, von der er sich in seiner Vorstellung getrennt hat.

Die Anomalie kann dabei der Moment sein, in dem diese Vorstellung nicht mehr aufgeht. Was ihm zunächst als ungewöhnliche Störung gegenübertritt, macht eine bereits bestehende Beziehung sichtbar. Die anschließende Prüfung betrifft auch die Maßstäbe, nach denen er seine selbst geschaffene Welt bisher für selbstverständlich und richtig gehalten hat.

Du beschreibst eine künstlerisch hergestellte Selbstbegegnung: Dem Menschen tritt etwas gegenüber, in dem seine eigene Wahrnehmung, Tätigkeit und Abhängigkeit für ihn erkennbar werden. Gerade das zunächst fremde Gegenüber kann sichtbar machen, woran er selbst beteiligt ist und was er bisher ausgeblendet hat.

Die dabei entstehende Distanz ermöglicht in deinem Verfahren Lernen: Der Mensch kann seine Vorstellung von sich mit dem vergleichen, was durch sein Handeln tatsächlich entsteht. Zugleich begegnet er Bedingungen, auf die er angewiesen bleibt.

„Anomalie“ passt dazu, wenn du die Abweichung von einer bisherigen Erwartung zum Ausgangspunkt der Untersuchung machst. Die von dir zitierte griechische Herkunft – Unebenheit, Ungleichförmigkeit, Ungleichheit – hat eine anschauliche Verbindung zu deiner plastischen Arbeit und zum begehbaren Bodenrelief. Im heutigen Gebrauch bezeichnet das Wort eine Abweichung von einer Regel oder Erwartung. Deshalb gehört zur Anomalie immer die Frage: Gegenüber welchem Maßstab erscheint etwas ungewöhnlich – und muss vielleicht dieser Maßstab verändert werden?

Beim Bodenrelief könnte das konkret heißen: Ein Besucher erwartet, ein Bild souverän zu betrachten. Sobald er darübergeht, beeinflusst dessen Form seine Schritte, sein Gleichgewicht und seine Aufmerksamkeit. Er erfährt sich selbst als körperlich Beteiligten. Die Differenz zwischen seiner Erwartung und dieser Erfahrung kann zum Prüfimpuls werden.

Für deine Zusammenfassung würde ich deshalb formulieren:

Ich schaffe künstlerische Situationen, in denen der Mensch sich selbst unerwartet gegenübertritt. Im Werk, in seiner eigenen Gestaltung oder in der Rückwirkung einer Tätigkeit begegnet ihm etwas, das seine bisherigen Vorstellungen unterbricht. Diese Anomalie eröffnet eine Differenz zwischen Selbstbild und Erfahrung. Durch Wahrnehmung, Distanz und Gegenüberstellung kann der Mensch untersuchen, welche eigenen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen er bisher ausgeblendet hat. Er erkennt seine Beteiligung an einer Wirklichkeit, deren Folgen ihn betreffen und deren Voraussetzungen sein Leben ermöglichen. Daraus können Lernen, verändertes Handeln, Korrektur und Reparatur entstehen.

Für den Prüf-Anker erhält der Begriff damit eine bestimmte Funktion: Die Anomalie ist ein Anlass zur Untersuchung. Die künstlerische Anordnung macht sie wahrnehmbar; anschließend wird geprüft, ob die Erwartung, die Deutung, das Handeln oder mehrere dieser Beziehungen verändert werden müssen.

Diese Erweiterung verbindet deine frühen Wasseruntersuchungen mit der unmittelbaren Körpererfahrung der Besucher. Zugleich knüpft sie an die „Schöpfungsgeschichte“ an, in der der Mensch die Wiese barfuß betritt. Für das Anschreiben würde ich den Wellenbecken-Abschnitt so erweitern:

Ein frühes Beispiel meiner Arbeitsweise ist das 1975 entwickelte Wellenbecken mit Wellenmaschine. Ein Scheibenwischermotor mit Exzenter erzeugte die Wellenbewegung. Im Zusammenspiel von Wasser, Strömung und Widerstand untersuchte ich, wie Formen entstehen, sich verändern und auf menschliche Eingriffe zurückwirken.

Im So-Heits-Atelier kann sich diese Untersuchung auf den gesamten Raum ausweiten. Auf dem Boden führe ich Strömungsformen bildnerisch weiter und modelliere einzelne Bereiche mit Quarzsand zu einem begehbaren Relief. Für einen abgegrenzten Bereich ist das Betreten ohne Schuhe vorgesehen. Ähnlich dem Überschreiten einer Tempelschwelle soll bereits das Ablegen der Schuhe die Aufmerksamkeit verändern: Die Besucher spüren Oberflächen und Unebenheiten, verändern ihre Schritte und suchen ihr Gleichgewicht.

Das bildnerisch-plastische Werk wird damit zu einem körperlich erfahrbaren Wirkungsraum. Die dargestellte Wasserbewegung und der tatsächliche Widerstand des gestalteten Bodens kommen zusammen. Die Besucher erfahren, wie eine vom Menschen hervorgebrachte Form auf ihren Körper und ihr Verhalten zurückwirkt. Dabei können Vorsicht, Verunsicherung oder auch Furcht entstehen; diese Erfahrungen werden zum Ausgangspunkt der gemeinsamen Untersuchung.

Hier erhält das Trainingsprogramm eine konkrete Form: Die Besucher vergleichen ihre Vorstellung vom Boden mit ihrer körperlichen Erfahrung und untersuchen, wie sie darauf reagieren. Wahrnehmung, Verletzbarkeit, Anpassung und Rückkopplung werden im eigenen Tun erfahrbar.

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