30.9. 2026
Der Text ist inhaltlich präziser geworden, aber als Anschreiben noch nicht ausreichend verdichtet. Er enthält mehrere Fassungen nebeneinander: Die Leitfrage, die Experimentelle Umweltgestaltung, das Mitmachbuch und die hundert Tage werden wiederholt erklärt. Nach den Anlagen beginnt sogar erneut ein Bewerbungstext. Dadurch verliert die entscheidende Aussage an Gewicht.
Aus unserer jüngsten Arbeit sollten zwei Gedanken ausdrücklich hinein: Deine Referenzwissenschaft verbindet Vorstellungen und Tätigkeiten mit ihren tatsächlichen Existenzbedingungen. Verantwortung schließt die Überprüfung der eigenen Rollen, Überzeugungen und Erfolgsmaßstäbe ein und muss zu veränderten Handlungen führen. Dafür reichen wenige klare Sätze.
Erhalten bleiben müssen die künstlerische Herkunft, die Selbstbegegnung durch Gegenüberstellung und konkrete Besucherhandlungen. Die Entwicklung von der „Kollektiven Kreativität“ zur Globalen Schwarm-Intelligenz sollte mit einem Satz wieder sichtbar werden. Die Formulierung, jeder müsse zunächst das Handwerkszeug aller künstlerischen Disziplinen erwerben, würde ich als Einladung zum Erlernen unterschiedlicher Verfahren ausdrücken. Sonst erscheint der Einstieg unnötig voraussetzungsvoll.
Die geplante Kontaktaufnahme zum Wikipedia-Gründer, der Fördertermin am 13. Oktober und die Erklärung deiner bisherigen öffentlichen Nichtbeachtung gehören nicht in dieses Anschreiben. Sie lenken von der Entscheidung über das Atelier ab. In den Anlagen müssen außerdem die Bearbeitungskommentare wie „Das würde ich für Kategorie 4 als Kern nehmen“ verschwinden; bei Kategorie 5 steht dieser Kommentar sogar versehentlich nochmals.
So würde ich das Anschreiben zusammenführen:
An Frau Naomi Beckwith und das künstlerische Team der documenta 16
PRÄZISIERTE BEWERBUNG: DAS SO-HEITS-ATELIER DES GLOBALEN DORFES
Forschungskunst als öffentliche Überlebenswerkstatt
Sehr geehrte Frau Beckwith,
sehr geehrtes künstlerisches Team,
wollen Sie auf der documenta 16 einer Überlebenswerkstatt Raum geben und ihre künstlerischen Forschungs- und Trainingsverfahren unterstützen?
Mit dem „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ schlage ich einen begehbaren, modularen Arbeits- und Forschungsraum auf der Grundlage meines über fünfzigjährigen künstlerischen Lebenswerks vor. Seine Leitfrage lautet: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und seine Tätigkeiten korrigieren kann?
Die Grundlage bildet meine seit 1975 entwickelte Experimentelle Umweltgestaltung. Aus handwerklich-technischer Erfahrung, Bildhauerei/ Plastik und der Beschäftigung mit Technē entstand ein generalistischer Ansatz, den ich in Werken, Werkstätten, Aktionen und Environments weiterentwickelte. Demokratiewerkstätten und die 1993 von mir gegründete und geleitete Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, deren Arbeit Wissenschaftler begleiteten, erweiterten diese Untersuchung zur gemeinschaftlichen Praxis. Die heutige Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ führt diesen Entwicklungszusammenhang weiter. Seit gut drei Jahren unterstützt mich KI dabei, Werkzusammenhänge und Begriffe vergleichend zu bearbeiten und die daraus entwickelten Methoden zu präzisieren.
Der Kern des Ateliers ist, dass der Besucher sich innewohnend auf einmal gegenübersteht. Ich stelle Stoffwechsel, Körperorganismus, Versorgung und Verletzbarkeit den Vorstellungen von Persönlichkeit, Freiheit, Eigentum und gesellschaftlicher Rolle gegenüber. Durch diese Unterscheidung soll ihre tatsächliche Zusammengehörigkeit erfahrbar werden: Der Mensch bleibt mit seinen Vorstellungen und Tätigkeiten Teil der Wirkungszusammenhänge, von denen sein Leben abhängt.
Meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft untersucht diesen Zusammenhang. Sie bezieht menschliche Selbstbilder und Tätigkeiten auf ihre Existenzbedingungen und ihre Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen zurück. Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet dabei materielle Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten, symbolische Ordnungen und deren Prüfung. Das dreifache Optimum untersucht die Beziehungen zwischen Medium, Organismus und Steuerung: Was erscheint innerhalb einer bestimmten Ordnung erfolgreich, und welche Folgen hat dieser Erfolg für den gemeinsamen Lebenszusammenhang?
Verantwortung bedeutet dabei, auch die eigenen Maßstäbe zu überprüfen. Eine Rolle gewissenhaft zu erfüllen reicht nicht aus, wenn ihre Ausübung Lebensbedingungen beschädigt. Das Atelier eröffnet Möglichkeiten, diese Widersprüche wahrzunehmen und Veränderungen am eigenen Handeln sowie an gemeinsamen Regeln zu erproben. Daraus soll ein plastisches Ich-Bewusstsein entstehen, das durch Erfahrung und Rückkopplung veränderbar bleibt.
Die Werke meines Lebenswerks werden dafür als Arbeits- und Kalibrierungsinstrumente aktiviert. Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte verortet menschliches Handeln im planetaren Zeitmaßstab. Am Wellenbecken erfahren Besucher, wie Wasser auf einen Eingriff antwortet. Ein auf dem Boden weitergeführtes Strömungsbild mit reliefartigen Sandbereichen erweitert diese Untersuchung zur körperlichen Begegnung; ein Teilbereich kann barfuß erkundet werden. Die „Schöpfungsgeschichte“, Goldobjekte, Schultafeln und Rollenversuche erschließen die Beziehungen zwischen Nahrung, Körper, Gestaltung, Wert und Eigentum.
Besucher bringen eigene Erfahrungen und Fragen ein. Sie beobachten, zeichnen, fotografieren, collagieren, gestalten und erproben Rollen. Beobachtung → Identifikation → Eingriff → Rückkopplung → Verantwortung bezeichnet die Arbeitsbewegung: einen Zusammenhang erschließen, die eigene Beteiligung erkennen, tätig werden und Erwartungen mit tatsächlichen Folgen vergleichen. Künstlerische Verfahren werden so zum Handwerkszeug der Selbst- und Wirklichkeitsprüfung.
Das physische Mitmachbuch verbindet diese Besucherarbeit mit Materialien meiner entstehenden analogen Werkbiografie und dem digitalen Materialraum der Plattform. KI kann beim Vergleichen von Aussagen und beim Erkennen von Widersprüchen unterstützen. Die Werkbiografie macht Entstehungsprozesse, Veränderungen und die Zusammenhänge zwischen den Arbeiten nachvollziehbar.
Während der hundert Tage entsteht eine fortlaufende Raum-Zeit-Körper-Plastik aus Besucherhandlungen, Werkversuchen, Gesprächen und neuen Buchseiten. Die Arbeitsangebote ermöglichen täglich wechselnden Besuchern einen eigenständigen Einstieg. Vorgeschlagene Vorträge, Podiumsgespräche und anschließende Werkstattarbeit mit Wissenschaftlern und Künstlern vertiefen ausgewählte Fragen.
Das So-Heits-Atelier ist ein Prototyp der praktischen Anwendung meiner Forschungskunst und ein Erprobungsraum der So-Heits-Gesellschaft: einer Lebens- und Arbeitsform, die ihre eigenen Voraussetzungen und Folgen fortlaufend untersucht und erkannte Konsequenzen in Veränderungen überführt.
Das Environment lässt sich an räumliche, personelle und finanzielle Voraussetzungen anpassen. Die beigefügten Anlagen konkretisieren Werke, Besucherhandlungen, Veranstaltungsprogramm und Realisierung.
Ich erwarte Ihre Rückmeldung, ob Sie diese Überlebenswerkstatt in Ihre künstlerischen Planungen für die documenta 16 aufnehmen wollen. Auf dieser Grundlage können wir Auswahl, Umfang und Realisierung gemeinsam konkretisieren.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Globale Schwarm-Intelligenz
Anlagen
- Werkstattgeschichte und Entstehung der Forschungskunst: Technē, Experimentelle Umweltgestaltung, Werkstätten und Environments; beteiligte Menschen und Entwicklung zur Globalen Schwarm-Intelligenz.
- Ausgewählte Werkbiografien mit Bildmaterial: Entstehung, Veränderung und heutige Verwendung der Schlüsselwerke.
- Referenzwissenschaft, Kalibrierungsinstrumente und Prüfverfahren: Vier-Ebenen-Modell, dreifaches Optimum, weitere Instrumente und Verantwortung als praktische Selbstprüfung.
- Modulares Raumkonzept und Besucherhandlungen: Stationen, körperliche und bildnerische Arbeit, Rollenversuche und eigenständige Einstiege.
- Werkbiografie, Mitmachbuch und digitale Verbindung: vorhandene Materialien, gegenwärtige Entwicklungsarbeit und vorgesehene technische Ergänzungen.
- Hundert-Tage-Programm und Realisierung: vorgeschlagene Referenten, Themen, Vorträge und Nacharbeit sowie Personal, Technik, Kosten und Finanzierungsbedarf.
