3 Driftbegriff, Kalibrierung und Entkopplung
Der Driftbegriff ist im Gesamtwerk kein moralischer Vorwurf und keine Diagnose individueller „Fehler“, sondern eine Betriebsbeschreibung: Systeme können in eine Richtung laufen, obwohl alle Beteiligten subjektiv korrekt handeln, weil die Zuständigkeiten falsch angeordnet sind oder weil Rückkopplung durch Geltung ersetzt wurde.
Drift bezeichnet damit die Differenz zwischen dem, was ein System behauptet zu tun, und dem, was es aufgrund seiner inneren Regeln tatsächlich produziert.
Die zentrale These lautet, dass moderne Symbolwelten besonders driftanfällig sind, weil sie Stabilität aus Selbstlegitimation gewinnen können, während Tragfähigkeit und Stoffwechsel als „bloße“ Randbedingungen behandelt werden. Kalibrierung wird deshalb zur Schlüsseloperation: Sie ist nicht „Optimierung“, sondern die fortlaufende Rückbindung von Setzungen an Widerstand und Abhängigkeit. Entkopplung ist der Name für den Zustand, in dem diese Rückbindung nicht mehr stattfindet oder nur noch als rhetorisches Alibi existiert.
3.1 Drift als Richtungseffekt und systematische Abweichung, nicht als „kleiner Fehler“
Drift bedeutet hier, dass Abweichung nicht zufällig streut, sondern eine Richtung besitzt. Ein kleiner Messfehler wäre korrigierbar, weil er um einen stabilen Maßstab herum schwankt; Drift hingegen ist die Verschiebung des Maßstabs selbst oder die dauerhafte Verzerrung der Rückkopplung. Dadurch kann ein System scheinbar funktionieren, ja sogar immer perfekter wirken, während es sich real immer weiter von Tragfähigkeit und Lebensbedingungen entfernt. Der wesentliche Punkt ist, dass Drift nicht an einer einzelnen falschen Entscheidung hängt, sondern an einer wiederholten Struktur: Wenn Geltung systematisch Vorrang erhält, wird die Abweichung fortgesetzt und verstärkt. In dieser Perspektive ist Drift eine zeitliche Form von Entfremdung, weil das System seine eigenen Folgen nicht mehr als eigene Folgen erkennt, sondern als äußere Störungen, die es mit noch mehr Geltung beantwortet.
3.2 Entkalibrierung als Normalform der Symbolwelt, wenn E3/E4 E1/E2 ersetzen
Entkalibrierung bezeichnet den Zustand, in dem Symbolordnungen nicht mehr an Trägerbedingungen rückgebunden werden, sondern sich selbst als Maßstab setzen. Sie wird zur Normalform, sobald E3 und E4 nicht mehr als sekundäre Zuständigkeiten begriffen werden, sondern als primäre Wirklichkeit. Dann gelten Rechtstitel, Identitätsbehauptungen, ökonomische Kennzahlen oder ideologische Programme als „realer“ als Tragfähigkeit und Stoffwechsel, weil sie schneller entschieden, kommuniziert und sanktioniert werden können. In diesem Zustand ist E1/E2 nicht verschwunden, aber unsichtbar gemacht: Konsequenzen treten nur noch als Krisen auf, die man entweder symbolisch umdeutet oder technisch verwaltet, ohne die Geltungsordnung anzutasten, die sie hervorbringt. Der Driftmechanismus besteht darin, dass E3/E4 ihre eigenen Kosten externalisieren können, während E1/E2 die Rechnung in Form von Bruch, Erschöpfung oder Verletzung ausstellen.
3.3 Wettbewerb als Ersatzklarheit und Abgrenzung als Scheinkriterium von Wahrheit
Wo Rückkopplung ausbleibt, entsteht das Bedürfnis nach Klarheit dennoch. In driftenden Symbolwelten wird Klarheit dann häufig nicht durch Tragfähigkeit gewonnen, sondern durch Positionierung. Wettbewerb ersetzt Prüfung, Abgrenzung ersetzt Maßstab, und die Stabilität einer Aussage wird mit ihrer Durchsetzungsfähigkeit verwechselt. So kann ein System „klarer“ erscheinen, je mehr es sich polarisiert, weil jede Seite ihre eigene Geltung intern verdichtet, während die gemeinsame Rückbindung an E1/E2 schwächer wird. Wahrheit wird dann nicht als Bewährung am Widerstand verstanden, sondern als Sieg im Diskurs oder als Signatur einer Autorität. Das ist im Werk-Anker keine bloße Kulturkritik, sondern eine präzise E3/E4-Funktion: Abgrenzung wird zur Prozedur, die Rückkopplung ersetzt, und genau dadurch wird Entkalibrierung stabilisiert.
3.4 Konsequenzpfade als Kernformat zur Sichtbarmachung von Haftung und Verantwortlichkeit
Konsequenzpfade sind das zentrale Format, um Drift in eine prüfbare Darstellung zu überführen. Ein Konsequenzpfad verfolgt nicht Meinungen, sondern Wirkungsfolgen: Er zeigt, welche Handlung oder Setzung welche Spur erzeugt, welche Abhängigkeiten dadurch berührt werden, welche Kosten externalisiert werden und an welcher Stelle eine Rückkopplung hätte greifen müssen. In diesem Format wird Haftung sichtbar, weil klar wird, wer oder was als Maßstab gesetzt wurde und wer oder was die Folgen trägt. Verantwortlichkeit entsteht im Werk-Anker nicht durch moralische Appelle, sondern durch die Wiederherstellung von Zuordnung: Wenn Ursache, Folge, Maßstab und Setzung getrennt und in ihrer Kopplung gezeigt werden, kann ein System rekonstruiert und umgebaut werden. Konsequenzpfade sind damit die praktische Brücke zwischen Ebenentheorie und Werkbetrieb: Sie machen die Rückbindung operativ, indem sie Entkopplung als Verlauf darstellen, nicht als abstraktes Urteil.
