4.0 Drift-Kompass und Minimalasymmetrie
Der Drift-Kompass ist das Orientierungsinstrument, das in einem Satz sagt, was „gut läuft“ und was „schief läuft“, ohne dabei moralisch zu argumentieren.
Er unterscheidet drei Optima, die in derselben Welt gleichzeitig verfolgt werden können, aber nicht gleichrangig sind, weil Tragfähigkeit in der Rückkopplungswelt die Prüfseite bleibt. Das Träger-Optimum (E1) und das Lebens-Optimum (E2) definieren, ob ein System über Zeit überhaupt fortsetzungsfähig ist; das Imago-Optimum (E3/E4) beschreibt die Güte der Koordination, also wie gut eine Symbol- und Institutionsordnung Rückkopplung sichtbar macht, Kosten zurechnet und Revision als Normalbetrieb organisiert. Drift bezeichnet den Zustand, in dem Imago-Gewinne als Erfolg zählen, während Träger- und Lebensbedingungen gleichzeitig erodieren, weil Korrekturwege blockiert oder verzögert sind.
4.1 Drei Optima als Kompassrose
Das Träger-Optimum in E1 liegt dort, wo Trägerfunktionen über Zeit im Toleranzfeld stabil bleiben: Widerstände werden nicht wegdefiniert, sondern berücksichtigt; Material- und Energiegrenzen werden nicht überschritten, sondern als Randbedingungen geführt; Versagen wird nicht moralisiert, sondern als Prüfresultat gelesen. „Gut“ heißt hier nicht perfekt, sondern tragfähig: Es trägt, es bricht nicht, und es bleibt über Zeit reparatur- und wartbar.
Das Lebens-Optimum in E2 liegt dort, wo Organismus–Milieu-Kopplung ökonomisch regenerierbar bleibt: Versorgung, Regeneration und Rhythmusfenster werden nicht als Störung der Produktivität behandelt, sondern als Primärbedingungen. „Gut“ heißt hier: Erschöpfung wird früh als Signal erkannt, Wiederherstellbarkeit bleibt möglich, und Kipppunkte werden nicht erst durch irreversiblen Verlust sichtbar.
Das Imago-Optimum in E3/E4 liegt dort, wo Koordination die Prüfungsrichtung schützt: Korrekturwege sind kurz, Fehlerkosten sind sichtbar, Zuständigkeit und Haftung sind nicht flüchtbar, und Revision ist billig, früh und normal. „Gut“ heißt hier: Die Imago-Sphäre bleibt Entwurf und Interface, sie produziert Wirksamkeit, aber sie kann Tragfähigkeit nicht behaupten, ohne den E4-Prüfbetrieb zu passieren.
4.2 Drift als Inversion der Kompassnadel
Drift entsteht nicht dadurch, dass E3 „lügt“, sondern dadurch, dass E3/E4 so gebaut werden, dass Imago-Erfolg als Primärsignal fungiert. Das typische Driftmuster ist die Verwechslung des Imago-Optimums mit Tragfähigkeit: Sichtbarkeit, Anerkennung, Kennzahlen oder Rechtsgeltung werden wie Trägernachweis behandelt. Die Rückkopplungswelt widerspricht nicht sofort, sondern schreibt Kosten: verzögert, verteilt, nichtlinear, schwellenhaft. Genau deshalb ist Drift attraktiv: Im Geltungsraum erscheinen kurzfristige Gewinne, während die Verlustspur erst später, anderswo oder bei anderen Trägern sichtbar wird.
In deiner Terminologie lässt sich Drift als Wechsel der Prüfungsfrage fassen: Statt „Trägt es?“ wird gefragt „Gilt es?“; statt „Wer trägt die Kosten?“ wird gefragt „Wer erhält Anerkennung?“; statt „Unter welchen Bedingungen muss revidiert werden?“ wird gefragt „Wer darf überhaupt kritisieren?“. Sobald diese Umstellung stabil ist, kippt die Imago-Sphäre in den Entkopplungsmodus: Korrektur wird semantisch, sozial oder institutionell zum Angriff, nicht zur Betriebsbedingung.
4.3 Minimalasymmetrie 51:49 als Vorrangregel der Korrektur
Die Minimalasymmetrie 51:49 ist keine numerische Messung der Welt, sondern eine Betriebsregel: Rückmeldung muss leicht überwiegen, damit Korrektur möglich bleibt. Das Überwiegen ist minimal, weil es nicht um Blockade des Handelns geht, sondern um das Einpendeln im Toleranzfeld. Unterhalb dieser Schwelle kippt das System in Selbstbestätigung: Handeln wird so organisiert, dass es seine eigene Rückmeldung wegdrückt; Fehler werden teuer, spät und identitätsgefährlich; Lernen findet nur noch als Bruch statt. Oberhalb dieser Schwelle kippt das System in Lähmung: Alles wird Prüfung, nichts wird Vollzug. 51:49 bezeichnet deshalb genau das stabile Arbeitsfenster zwischen Stillstand und Zerstörung: Handeln ist möglich, aber Korrektur hat Vorrang.
Diese Regel ist die Anti-50:50-Formel gegen den spiegelbildlichen Symmetriedualismus. 50:50 ist hier nicht „Fairness“, sondern die Versuchung, zwei Seiten als gleichrangig zu behandeln: Entwurf und Trägerprüfung, Geltung und Tragfähigkeit, Oberfläche und Wunde. In deinem Modell ist diese Gleichrangigkeit die Driftquelle, weil sie die Richtung der Prüfung neutralisiert. 51:49 baut die Richtung fest ein: Entwurf darf operieren, aber Rückmeldung hat Priorität, sonst wird Entwurf zum Ersatz für Tragen.
4.4 Die Drift-Endform 1:99 als Externalisierungs- und Machtasymmetrie
Die Drift-Endform 1:99 bezeichnet den Extremfall, in dem Korrektur strukturell blockiert bleibt, weil Kosten radikal asymmetrisch verteilt werden. Eine kleine Seite kann entscheiden und Geltung stabilisieren, während die große Seite Kosten trägt, ohne wirksam revidieren zu können. Dieses Verhältnis ist nicht psychologisch, sondern architektonisch: Externalisierung, Zeitverzug, Zurechnungsflucht und Immunisierung sorgen dafür, dass Rückmeldung in der Rückkopplungswelt zwar entsteht, aber im Imago-Raum nicht als zwingende Revisionsinformation ankommt. In der Endform ersetzt Macht die Prüfungsrichtung: Geltung gilt, weil sie gilt, bis E1/E2 den Bruch erzwingen.
4.5 Kompass als Übergang in E4
Der Drift-Kompass ist nicht nur Diagnose, sondern Übergangslogik: Er zeigt, wo E4 ansetzen muss, wenn ein System driftet. Sobald Imago-Signale Träger- und Lebenssignale verdrängen, ist die Gegenmaßnahme nicht „mehr Werte“, sondern mehr Prüfbetrieb: Referenzrahmen, Konsequenzpfad, Zeitprofil, Zurechnung, Revision und Immunisierungstest müssen so gebaut sein, dass Imago-Erfolg seine Vorläufigkeit behält. Der Kompass ist damit die kurze Leseregel, mit der jeder Textblock auf der Plattform eingeordnet wird: Welche Optima werden verfolgt, wo kippt die Prüfungsrichtung, und welcher E4-Eingriff stellt die Minimalasymmetrie der Korrektur wieder her?
