4. Einssein, Zusammengehörigkeit und innewohnendes Weltverständnis

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

4.1 Einssein als reale Zusammengehörigkeit von Lebensbedingungen

Einssein bezeichnet in diesem Zusammenhang keine mystische Verschmelzungsfantasie und auch kein bloß innerliches Gefühl von Einheit, sondern die reale Zusammengehörigkeit von Lebensbedingungen. Gemeint ist damit, dass der Mensch nicht als für sich bestehende Größe verstanden werden kann, die sich nachträglich auf eine Welt bezieht, sondern nur als Teil eines bereits wirksamen Bedingungsgefüges. Atem, Wasser, Nahrung, Temperatur, Mikroorganismen, Boden, Zeit, Energiezufuhr und Stoffwechsel stehen nicht neben dem Menschen als äußere Zusatzbedingungen, sondern bilden den Zusammenhang, in dem er überhaupt erst lebensfähig ist. Einssein meint daher nicht eine gedachte Harmonie, sondern die nicht aufhebbare Tatsache, dass Leben nur im Verbund von Abhängigkeiten, Austauschprozessen und Mitgetragenwerden existiert.

Gerade deshalb hat der Begriff des Einsseins in diesem Werkzusammenhang eine strenge naturgrammatische Bedeutung. Er benennt den Umstand, dass die erste und zweite Ebene nicht getrennte Felder neben einem späteren Subjekt darstellen, sondern die reale Grundwirklichkeit, aus der heraus der Mensch entsteht, handelt und leidet. Einssein ist somit keine zusätzliche spirituelle Deutung des Lebens, sondern die präzise Beschreibung eines Wirklichkeitsverhältnisses: Der Mensch lebt nicht neben den Bedingungen seines Lebens, sondern in ihnen. Alles spätere Denken, Deuten, Entscheiden und Institutionalisieren vollzieht sich innerhalb dieses bereits bestehenden Zusammenhangs. Wo dieses Einssein vergessen wird, beginnt die symbolische Selbstüberschätzung.

4.2 Zusammengehörigkeit als Abhängigkeitstatsache

Zusammengehörigkeit ist in diesem Zusammenhang nicht zuerst ein moralischer Appell, kein bloßes Ideal sozialer Solidarität und auch nicht nur ein pädagogisches Ziel. Zusammengehörigkeit bezeichnet zunächst eine Abhängigkeitstatsache. Das bedeutet: Verschiedene Lebensvollzüge, Organismen, Elemente, Prozesse und Kräfte sind so aufeinander bezogen, dass keines von ihnen isoliert verstanden oder erhalten werden kann. Diese Zusammengehörigkeit ist dem Menschen nicht freigestellt. Er kann sie ignorieren, verdrängen, symbolisch überdecken oder institutionell missachten, aber er kann sie nicht abschaffen.

Damit erhält der Begriff der Zusammengehörigkeit eine besondere Schärfe. Er verweist nicht bloß auf die Gemeinsamkeit von Menschen untereinander, sondern auf die umfassendere Eingebundenheit des Menschen in Stoffwechsel, Mitwelt, planetare Bedingungen und zeitliche Rückwirkungen. Der Mensch hängt nicht nur von anderen Menschen ab, sondern von Luft, Wasser, Boden, Mikroorganismen, Pflanzen, Energieflüssen, Rhythmen und Regenerationsprozessen. Zusammengehörigkeit ist deshalb kein bloß sozialer, sondern ein ontisch-praktischer Begriff. Er bezeichnet das reale Eingelassensein in einen Zusammenhang, dessen Tragschichten vor jeder individuellen oder gesellschaftlichen Selbstbeschreibung liegen.

Darin liegt auch die Differenz zur modernen Freiheitsillusion. Wo Zusammengehörigkeit als bloß äußerliches Netz von Beziehungen begriffen wird, kann das Individuum sich immer noch als letztlich unabhängige Mitte denken. Wo Zusammengehörigkeit aber als Abhängigkeitstatsache verstanden wird, wird sichtbar, dass Unabhängigkeit im starken Sinn eine Fiktion ist. Freiheit erscheint dann nicht mehr als Loslösung von Zusammenhängen, sondern als gekonnte Orientierung innerhalb realer Abhängigkeiten. Zusammengehörigkeit wird so zum Gegenbegriff jeder souveränen Selbsttäuschung.

4.3 Mitwelt, Milieu und stoffwechselhafte Verflochtenheit

Die Begriffe Mitwelt und Milieu sind in diesem Zusammenhang präziser als der unscharf gebrauchte Begriff Umwelt. Mitwelt bezeichnet, dass der Mensch nicht einem Außen gegenübersteht, sondern sich immer schon in einem geteilten Wirklichkeitsraum bewegt, in dem andere Organismen, Stoffe, Kräfte und Bedingungen mitwirksam sind. Milieu verweist darauf, dass Leben immer in einer bestimmten Umgebungsbeschaffenheit stattfindet, die nicht bloß Kulisse, sondern konstitutive Bedingung des Vollzugs ist. Stoffwechselhafte Verflochtenheit schließlich macht sichtbar, dass diese Mitwelt und dieses Milieu nicht bloß Wahrnehmungsrahmen, sondern Austauschzusammenhänge sind. Der Mensch lebt nicht nur in einer Welt, sondern ständig durch Aufnahme, Abgabe, Umwandlung, Verbrauch, Regeneration und Zerfall.

Mitwelt, Milieu und stoffwechselhafte Verflochtenheit gehören deshalb zusammen. Mitwelt betont das relationale Mit-Sein, Milieu die Bedingungsstruktur des Lebensraums, stoffwechselhafte Verflochtenheit den realen Austauschcharakter dieses Zusammenhangs. Erst in dieser dreifachen Bestimmung wird deutlich, was das innewohnende Weltverständnis gegen die moderne Außenweltvorstellung verteidigt. Der Mensch ist nicht Beobachter einer äußeren Natur, sondern selbst Milieuwesen, Mitweltteilnehmer und Stoffwechselvollzug. Er lebt nicht auf einer von ihm getrennten Bühne, sondern in einem Gewebe von Bedingungen, das ihn durchdringt und trägt.

Hier liegt auch die tiefere Verbindung zur Zellmembran, zu Wasser, Kreislauf, Atem und Ernährung, die in Ihrem Werk immer wieder auftaucht. Diese Bilder und Prüfobjekte sind nicht bloße Metaphern, sondern Verdichtungsformen eines Grundgedankens: Leben ist membranisch, durchlässig, grenzgebunden und zugleich austauschabhängig. Es existiert gerade nicht durch absolute Abgeschlossenheit, sondern durch regulierte Offenheit. Milieu und Mitwelt sind daher keine zufälligen Umstände, sondern Ausdruck der Grundverfassung lebendiger Systeme.

4.4 Warum der Mensch der Welt nicht äußerlich gegenübersteht

Der Mensch steht der Welt nicht äußerlich gegenüber, weil er seine Existenzbedingungen weder vorfindet wie ein Zuschauer noch frei setzt wie ein Souverän. Er ist selbst Produkt, Vollzug und Mitträger jener Bedingungen, unter denen er lebt. Atem, Stoffwechsel, Regeneration, Müdigkeit, Hunger, Verletzbarkeit, Zeitbedarf und Rückkopplung sind keine äußerlichen Einschränkungen eines autonomen Wesens, sondern Ausdruck seiner realen Verfasstheit. Schon der Organismus widerlegt die Vorstellung eines äußeren Verhältnisses zur Welt. Er lebt nur im ständigen Austausch, in Durchlässigkeit, in Energieaufnahme, in Grenzsetzung und in Reaktion auf Rückwirkungen. Ein äußerlich zur Welt stehendes Wesen wäre entweder Gott oder ein abstraktes Gedankending, aber kein lebender Mensch.

Diese Einsicht hat weitreichende Folgen. Wenn der Mensch der Welt nicht äußerlich gegenübersteht, dann kann auch Erkenntnis nicht als rein äußerliche Betrachtung verstanden werden. Erkenntnis ist immer schon in Lebensvollzüge eingelassen. Ebenso kann Freiheit nicht als absolute Verfügung über ein äußeres Objektfeld begriffen werden. Und Institutionen können nicht so gebaut werden, als ginge es nur um die Ordnung äußerlicher Verhältnisse zwischen voneinander unabhängigen Einheiten. Überall ist vielmehr mitzudenken, dass der Mensch in den Bedingungen lebt, die er zu ordnen versucht. Er ist nicht vor die Welt gestellt, sondern in sie hineingestellt.

Daraus folgt auch eine Kritik an der Grundmetapher der Moderne, die den Menschen als Zentrum und die Welt als Gegenstand behandelt. Diese Metapher mag für bestimmte technische oder methodische Zwecke brauchbar sein, aber sie wird zerstörerisch, sobald sie anthropologisch verallgemeinert wird. Der Mensch ist eben nicht Subjekt vor Objekt, Innen vor Außen, Geist vor Welt. Er ist ein Verhältniswesen innerhalb eines bereits wirksamen Bedingungsgefüges. Genau deshalb kann er Rückkopplungen nicht abschaffen, sondern nur anerkennen oder verdrängen. Die Welt bleibt nicht draußen; sie geht durch ihn hindurch.

4.5 Die Boykottierung des Innewohnens durch moderne Begriffssysteme

Das innewohnende Weltverständnis wird in der Moderne systematisch durch Begriffssysteme boykottiert, die ursprünglich der Orientierung dienen, dann aber als Tatsachen des Lebens selbst missverstanden werden. Dazu gehören insbesondere Umwelt, Subjekt, Objekt, Innen, Außen, Individuum, Person, Autonomie, Eigentum und Selbstverfügung. Diese Begriffe sind nicht in jedem Gebrauch falsch. Problematisch werden sie dort, wo sie eine symbolische Architektur errichten, in der der Mensch als souveräne Mitte erscheint, der eine äußere Welt gegenübersteht und über die er verfügen könne. Aus einer Hilfsordnung der Beschreibung wird dann eine Ontologie.

Genau hier beginnt die Verdeckung des Innewohnens. Sobald der Mensch sich als Subjekt versteht, dem Objekte gegenüberstehen, verschwindet die stoffwechselhafte Verflochtenheit hinter einer Verfügungsperspektive. Sobald er Innen und Außen als grundlegende Wirklichkeitsstruktur behandelt, erscheint sein Körper als Besitz eines inneren Ichs. Sobald er sich als Individuum versteht, das sich selbst gehört, wird die Eigentumslogik anthropologisch aufgeladen. Die Formel „Ich gehöre mir“ ist die verdichtete Form dieser Boykottierung. Sie setzt voraus, dass der Mensch sich seinem eigenen Leib und seiner Mitwelt äußerlich gegenüberstehen könne. Genau das ist im Rahmen der Naturgrammatik unmöglich.

Die modernen Begriffssysteme boykottieren das Innewohnen also nicht dadurch, dass sie offen gegen das Leben polemisieren, sondern dadurch, dass sie eine Welt der scheinbaren Selbstverständlichkeit aufbauen. In dieser Welt erscheint Autonomie als naturgegeben, Eigentum am Selbst als plausibel, Freiheit als Entkopplung und Welt als Objektfeld. Die reale Zusammengehörigkeit von Lebensbedingungen wird dadurch nicht aufgehoben, aber kulturell überschrieben. Das Ergebnis ist die moderne Entkopplung: Der Mensch lebt weiterhin in Rückkopplung, Stoffwechsel und Abhängigkeit, deutet sich aber in einer Sprache, die so tut, als könne er über diesen Zusammenhang hinaus.

Gerade deshalb ist die Kritik dieser Begriffssysteme kein sprachlicher Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Teil der Prüfarchitektur. Wer das Innewohnen wieder sichtbar machen will, muss die symbolischen Formen angreifen, die es verdecken. Die Plastische Anthropologie 51:49 setzt genau hier an: Sie versucht, die moderne Boykottierung des Einsseins und der Zusammengehörigkeit durch eine Naturgrammatik des Wirklichen, ein referenzgebundenes Verhältnisdenken und eine plastische Schulung von Wahrnehmung und Urteil aufzubrechen.