51:49 und 49:51 als zwei gerichtete Asymmetrien und der spiegelbildliche 50:50-Symmetriedualismus

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

51:49 und 49:51 als zwei gerichtete Asymmetrien

Die Verhältnisse 51:49 und 49:51 verwende ich nicht als naturwissenschaftliche Messwerte einer Zellmembran und nicht als allgemeingültiges Naturgesetz. Sie sind künstlerische Maßfiguren zweier unterschiedlicher gerichteter Asymmetrien.

51:49 bezeichnet eine vorläufige Gewichtung. Eine Seite erhält eine Stimme mehr. Dadurch entstehen Richtung, Tätigkeit und Entscheidung.

49:51 bezeichnet die mögliche korrigierende Gegenrichtung. Eine eingetretene Folge oder eine veränderte Bedingung kann verlangen, dass die bisher nachgeordnete Seite nun die stärkere Gewichtung erhält.

Diese beiden Verhältnisse sind keine bloßen Spiegelbilder einer gleichbleibenden Figur. Zwischen ihnen liegen Zeit, Tätigkeit, Konsequenz, Rückmeldung und Umgewichtung.

Zunächst wird gehandelt. Das Handeln erzeugt Folgen. Diese Folgen wirken auf den Handelnden und auf den Zusammenhang zurück. Dadurch kann sich die notwendige Gewichtung verändern.

Das plastische Verhältnis besteht deshalb nicht in einer dauerhaften Gleichverteilung. Es besteht in der Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen Gewichtungen zu wechseln, ohne den gemeinsamen Zusammenhang zu zerstören.

Die eine Asymmetrie benötigt die Gegenasymmetrie als Korrekturmöglichkeit. Andernfalls kann aus einer vorläufigen Gewichtung eine dauerhafte Einseitigkeit und schließlich eine Herrschaftsordnung von 99:1 entstehen.

Der spiegelbildliche 50:50-Symmetriedualismus

Dem plastischen Verhältnissystem steht der spiegelbildliche 50:50-Symmetriedualismus gegenüber.

Die spiegelbildliche Gleichheit ist eine leistungsfähige mathematische, zeichnerische und konstruktive Grundlage. Auf dem weißen Blatt Papier kann eine Mittellinie gezogen und eine Seite exakt auf die andere übertragen werden. Größen können gleichgesetzt, Bewegungen angehalten und ideale Formen berechnet werden.

Das Problem beginnt nicht mit dieser Rechen- und Vergleichsmethode. Es beginnt dort, wo ihre idealisierte Ordnung zum Grundmodell des Lebendigen, des Menschen oder der Gesellschaft erklärt wird.

Um eine vollkommene 50:50-Gleichheit herzustellen, müssen Zeit, Bewegungsrichtung, Materialwiderstand, unterschiedliche Ausgangsbedingungen, Verletzlichkeit und irreversible Folgen weitgehend aus der Betrachtung herausgenommen oder stillgestellt werden.

Die wirkende Welt besteht dagegen aus Übergängen, Gradienten, Stoffflüssen, Belastungen, Verzögerungen, Verletzungen, Regenerationen und fortwährender Veränderung.

Der Kern des spiegelbildlichen Symmetriedualismus liegt deshalb nicht allein in der geometrischen Spiegelung. Er liegt in einer Wirklichkeitsauffassung, die das Verhältnis durch zwei fertige Seiten, den Prozess durch einen Zustand und die fortwährende Korrektur durch eine vorausgesetzte vollkommene Ordnung ersetzt.

Das ältere Verständnis von symmetria als Angemessenheit, Zusammenmessbarkeit und richtigem Maß zwischen Verschiedenem wird dabei durch das Ideal vollkommener Gleichheit überlagert.

Das richtige Maß verlangt jedoch nicht, dass unterschiedliche Teile gleich groß oder gleichartig sind. Herz, Lunge, Hand, Auge und Gehirn müssen nicht identisch sein. Sie müssen innerhalb eines tragfähigen Zusammenhangs unterschiedliche Funktionen erfüllen.

Plastische symmetria bedeutet daher nicht spiegelbildliche Gleichheit, sondern das richtige, bewegliche und korrigierbare Verhältnis zwischen Verschiedenem.

Auch das ursprüngliche symbolon verweist auf ein solches Verhältnis. Zwei voneinander getrennte, korrespondierende Teile müssen wieder zusammenkommen, damit ihre Beziehung erkennbar wird. Kein Teil besitzt für sich allein die vollständige Beweis- oder Bedeutungsfunktion. Bedeutung entsteht durch das Zusammenpassen unterschiedlicher Teile, nicht durch ihre isolierte Vollkommenheit.

Von der vollkommenen Gleichheit zur einseitigen Ordnung

Die scheinbar vollkommene Gleichheit kann eine verborgene Zielrichtung von 50:50 zu 99:1 enthalten.

Sobald eine Seite festlegt, was als normal, vernünftig, gesetzmäßig, leistungsfähig oder vollkommen gelten soll, wird die andere Seite an diesem Maßstab gemessen.

Aus der vermeintlichen Gleichheit wird eine Bewertungsordnung. Eine Seite verkörpert das Ideal, die andere erscheint als Abweichung.

Der perfekte Mensch, das vollkommene Gesetz, die widerspruchsfreie Institution, der vollkommen funktionierende Markt und die abschließende wissenschaftliche Erklärung folgen derselben Grundfigur.

Das Regelwerk erscheint als richtig und abgeschlossen. Wenn ein Mensch innerhalb seiner Anwendung verletzt wird, wird die Ursache nicht mehr im Regelwerk gesucht. Der Mensch gilt als unpassend, fehlerhaft, unvernünftig oder nicht ausreichend angepasst.

Nicht die Ordnung wird am verletzten Menschen korrigiert, sondern der Mensch soll an die Ordnung angepasst werden.

Die perfekte Gesetzgebung erscheint dann als vollständig, weil sie ihre eigenen Voraussetzungen, Ausnahmen und Verletzungsfolgen außerhalb ihres Maßstabssystems ansiedelt. Die Institution kann formal richtig handeln und dennoch wirklichen Schutz verweigern. Die wirtschaftliche Ordnung kann erfolgreich erscheinen, weil sie die ökologischen und körperlichen Kosten aus ihrer eigenen Erfolgsrechnung auslagert.

Die innere Ordnung bleibt scheinbar vollkommen, weil ihre Folgen von anderen Menschen, Lebensbereichen oder zukünftigen Generationen getragen werden.