5 Verhältnissystem der Ordnung: 51:49 gegen 50:50
Das Verhältnissystem ist im Projekt keine numerische Metaphysik, sondern eine Regel zur Stabilisierung von Zuständigkeiten. Es beantwortet die Frage, was passiert, wenn Symbolik und Trägerbedingungen in Konflikt geraten, also wenn Geltung Anspruch erhebt, Tragfähigkeit zu überstimmen.
Genau an dieser Stelle entstehen in der modernen Zivilisationsform die entscheidenden Driftpfade:
Es wird so getan, als seien zwei Ordnungsprinzipien gleichrangig, obwohl sie in ihrer Wirksamkeit völlig verschieden sind. 51:49 ist die Minimalregel, die diese Verwechslung verhindert, indem sie eine asymmetrische Priorität einführt. 50:50 ist die Gegenform, in der Gleichrangigkeit behauptet wird und dadurch die Kante, die fürs Prüfen nötig ist, im Betrieb verschwindet.
Der Sinn der Gegenüberstellung liegt darin, eine präzise Stopp-Regel zu erhalten: Wo Gleichrangigkeit behauptet wird, muss gefragt werden, ob die Behauptung Rückkopplung stärkt oder enthaftet.
5.1 51:49 als Minimalasymmetrie, Prioritäts- und Haftungsregel zugunsten von E1/E2
51:49 bezeichnet die kleinste Asymmetrie, die genügt, um Priorität herzustellen, ohne Symbolik zu eliminieren. „Minimal“ ist entscheidend, weil es nicht um Dominanz durch Gewalt geht, sondern um eine strukturelle Sicherung: Wenn E3/E4 sich mit E1/E2 auf eine Stufe stellen, wird Rückkopplung verhandelbar; wenn E1/E2 prinzipiell priorisiert werden, bleibt Rückkopplung unaufhebbar. 51:49 ist daher eine Prioritätsregel, weil im Konfliktfall Tragfähigkeit und Stoffwechsel nicht durch Geltung überstimmt werden dürfen. Zugleich ist es eine Haftungsregel, weil jede Setzung, die in E3/E4 vorgenommen wird, ihre Kosten und Konsequenzen an E1/E2 zurückbinden muss. 51:49 bedeutet in der Praxis: Keine symbolische Lösung gilt, wenn sie die Trägerseite entlastet, indem sie Folgen delegiert, verdeckt oder in Ersatzwelten verschiebt.
5.2 51:49 als Geltungs-Referenzsystem für E3/E4, das Symbolik zulässt, aber nicht souverän werden lässt
Als Geltungs-Referenzsystem regelt 51:49, unter welchen Bedingungen E3 und E4 legitim sind. Es gibt E3/E4 nicht „recht“ im Sinne eines Privilegs, sondern ordnet sie als sekundäre Gestaltungsräume, die nur in Rückbindung operieren dürfen. Symbolik ist damit nicht verboten, sondern gebunden: Sie darf markieren, orientieren, motivieren, ordnen, erzählen und entwerfen, aber sie darf nicht die Funktion übernehmen, Widerstand und Abhängigkeit aufzuheben. E4 erhält in dieser Perspektive eine klare Aufgabe: Es muss Prozeduren liefern, die verhindern, dass E3 souverän wird. Souveränität wäre hier die Fähigkeit, sich selbst zu legitimieren und die Trägerseite als nachgeordnet zu behandeln. 51:49 verhindert genau das, weil es die Rückkopplung zur unaufhebbaren Prüfbedingung macht. Der entscheidende Nutzen besteht darin, dass die Unterscheidung zwischen rückkoppelnder Symbolik und immunisierender Symbolik operational wird: Man kann nicht mehr nur behaupten, „es sei Sinn“, sondern muss zeigen, wie Sinn haftet.
5.3 50:50-Symmetriedualismus als Perfektionsgrammatik, die Rückkopplung als Störung behandelt
Der 50:50-Symmetriedualismus ist im Projekt der Name für eine Perfektionsgrammatik, die Gleichrangigkeit oder Spiegelbarkeit zwischen Geltung und Wirklichkeit behauptet. In dieser Grammatik erscheint die ideale Form als primär, und Widerstand wird als Abweichung von der Form interpretiert, nicht als Maßstab. Rückkopplung wird dadurch zur Störung, weil sie die Perfektion relativiert: Sie zeigt Grenzen, Kosten, Verletzbarkeit und Zeit. Damit entsteht ein struktureller Anreiz, Rückkopplung nicht als Lernsignal, sondern als Defekt zu behandeln, den man durch noch mehr Ordnung, noch mehr Setzung, noch mehr Regel oder noch mehr symbolische Reinheit kompensiert. Der Symmetriedualismus wirkt deshalb driftfördernd, weil er die Ebenentrennung unterläuft: E3/E4 dürfen so erscheinen, als könnten sie E1/E2 spiegeln oder ersetzen, und genau diese Ersetzung wird dann als „höhere Wahrheit“ oder „höhere Ordnung“ verkauft.
5.4 Driftpfad 50:50 → 1:99 als Betriebswirkung von Gleichrangigkeitsbehauptungen in der Praxis
Der Driftpfad von 50:50 zu 1:99 beschreibt die typische Betriebswirkung, dass aus einer behaupteten Gleichrangigkeit faktisch eine extreme Schieflage wird. Der Mechanismus liegt nicht in einer bewussten Verschwörung, sondern in einer strukturellen Überlegenheit: Geltung produziert schnelle Stabilität, weil sie über Sprache, Normen, Sanktionen und Zugehörigkeit operiert; Tragfähigkeit produziert langsame, aber harte Stabilität, weil sie über Zeit, Material, Erschöpfung und Bruch operiert. Wenn beide als gleichrangig behandelt werden, gewinnt kurzfristig die schnelle Seite, und die langsame Seite erscheint als „späteres Problem“. Damit verschiebt sich die gesamte Ordnung dahin, dass fast alles über Geltung entschieden wird, während Rückkopplung nur noch als Krisenereignis auftaucht. In dieser Lage wird die symbolische Welt faktisch zur 99-Seite, weil sie Entscheidungen, Legitimation und Ressourcenverteilung dominiert, während die Trägerseite zur 1-Seite degradiert wird, die zwar real entscheidet, aber politisch, kulturell und subjektiv kaum noch als Maßstab anerkannt wird. 51:49 ist die Gegenregel, weil sie diesen Mechanismus früh stoppt: Sie verhindert, dass „später“ als Entlastungsform funktioniert, indem sie Haftung im Jetzt erzwingt.
