6.0 Eigentum, Verfügung und Schattenhaushalte

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Eigentum als Selektionsmaschine der Imago-Sphäre

Eigentum wird in dieser Architektur nicht zuerst als moralisch oder juristisch „gutes“ oder „schlechtes“ Prinzip behandelt, sondern als ein zentraler Operator der Imago-Sphäre: ein Titel- und Zurechnungsmechanismus, der Sichtbarkeit, Zugriff, Ausschluss und Prioritäten organisiert. Eigentum erzeugt operative Wirksamkeit, weil es Handlungen auslöst und Handlungsräume sperrt oder öffnet, ohne dass damit schon gesagt ist, ob diese Handlungen in der Rückkopplungswelt tragfähig sind. Genau deshalb gehört Eigentum in E3 als Koordinationsform, aber zugleich an die harte Rückbindungsforderung von E4: Solange Entnahme-, Pflege-, Reparatur- und Abfallpfade nicht sichtbar, zurechenbar und revisionspflichtig geführt werden, produziert Eigentum systematisch den Driftmodus, in dem Geltung Tragfähigkeit behauptet.

In der Driftperspektive ist Eigentum eine hochwirksame Selektionsmaschine: Es definiert, was als „mein“ gilt, wer entscheiden darf, wer Kosten tragen muss oder gerade nicht tragen muss, und welche Kosten aus dem Entscheidungsraum verschwinden können. Eigentum ist damit kein Randthema, sondern eine der Hauptstellen, an denen die Prüfungsrichtung kippt: Aus Trägerprüfung wird Titelprüfung; aus Tragfähigkeit wird Legitimität; aus Korrektur wird Konflikt um Status und Zugehörigkeit.

Verfügungssprache und Besitzillusion als Inversionskern

Die Besitzillusion ist die sprachliche und institutionelle Form der Unverletzlichkeitswelt im Feld der Verfügung. Sie entsteht, wenn Verfügungssprache so gesprochen wird, als könne sie Trägerrealität ersetzen. Besonders sichtbar wird das an der Figur „Ich besitze meinen Körper“ oder „ich verfüge über mich selbst“. In deinem Ebenenschema ist das eine präzise Ebenenverwechslung: In E2 existiert der Organismus als Kopplungssystem mit Versorgung, Regeneration, Rhythmusfenstern und Verletzbarkeit; Verfügung ist hier niemals absolut, sondern immer nur innerhalb von Bedingungen möglich. Wird dennoch so gesprochen, als sei Verfügung grenzenlos, dann operiert die Imago-Sphäre im Entkopplungsmodus: Geltungssätze überdecken die Rückkopplungszwänge, bis Erschöpfung, Krankheit oder irreversible Schäden als E2-Urteil auftreten.

Damit wird Eigentum als allgemeine „Verfügungsform“ zur Kulturtechnik der Inversion: Es erlaubt, Träger- und Lebensbindung durch Titel- und Rechtebindung zu ersetzen, sofern E4 die Rückkopplungspflicht nicht erzwingt. Wo diese Pflicht fehlt, wird aus dem Titel eine Schein-Trägerschaft: Der Titel „trägt“ sozial, während die Rückkopplungswelt Kosten schreibt.

Schattenhaushalte als unsichtbare Konsequenzpfade

Schattenhaushalte sind die systematische Unsichtbarkeit von Entnahme- und Abfallpfaden im Geltungsraum. Sie entstehen, wenn ein Eigentums- oder Verfügungsakt als „abgeschlossen“ gilt, obwohl seine Trägerkosten räumlich ausgelagert, zeitlich verzögert oder institutionell zerlegt werden. In der Rückkopplungswelt existieren Entnahme, Verbrauch, Verschleiß, Reparatur und Abfall immer als vollständiger Pfad; in der Imago-Sphäre kann derselbe Vorgang als sauberer Erfolg erscheinen, weil die Kosten nicht dort sichtbar werden, wo entschieden und bewertet wird. Der Schattenhaushalt ist damit keine Nebenfolge, sondern der Normalmechanismus, über den die Driftform 1:99 stabilisiert wird: Wer entscheidet, sieht die Kosten nicht; wer die Kosten trägt, entscheidet nicht.

Zeitverzug ist dabei nicht bloß „später“, sondern eine aktive Driftressource. Je länger die Verzögerung zwischen Verfügung und Konsequenz, desto leichter kann die Imago-Sphäre die Pfade rhetorisch, metrisch oder institutionell umcodieren. Hysterese und Irreversibilität markieren die Grenze dieser Strategie: Ab einem Kipppunkt kann der Geltungsraum weiter „funktionieren“, während die Rückkopplungswelt den Rückweg schließt.

Begriffliche Festlegung: Wirklichkeit und Realität in diesem Kapitel

Für dieses Kapitel wird die Zuordnung festgeschrieben, die du vorgeschlagen hast, um Containerwörter zu entgiften. „Wirklichkeit“ wird als Wirkungswelt geführt, also als Rückkopplungswelt von E1/E2: das Feld, in dem Widerstand, Zeitverhalten, Versorgung, Erschöpfung, Reparatur, Bruch und Irreversibilität urteilen. „Realität“ wird nicht als „das Eigentliche“ verwendet, sondern als Selektionsprodukt: als herausgeschnittener, gerahmter Ausschnitt, der in der Imago-Sphäre als „die Realität“ gesetzt wird, weil er durch Titel, Modelle, Metriken oder Deutungen stabilisiert ist. Damit ist „Realität“ in der Regel ein Koordinationsobjekt, das jederzeit wieder gegen Wirklichkeit geprüft werden muss, statt mit ihr verwechselt zu werden.

E4 als Gegenmittel: Entnahme- und Abfallspurpflicht, Zurechnung, Revision

Wenn Eigentum die Selektionsmaschine ist, muss E4 an dieser Stelle die Rückkopplung erzwingen, sonst bleibt die Architektur nur Diagnose. Der Kernstandard lautet: Kein Verfügungs- oder Eigentumstitel gilt als „sauber“, solange Entnahme- und Abfallpfade nicht als Konsequenzpfad geführt sind. Das bedeutet, dass jede Verfügung in der Plattformlogik zwingend als Pfadbeschreibung erscheinen muss, die mindestens Trägerbedingungen (E1), Lebensbedingungen (E2), Zeitverlauf (Verzögerung, Schwellen, Hysterese), Kostenträgerschaft und Rücklaufkanal der Korrektur ausweist. Eigentum wird damit nicht abgeschafft, sondern in eine öffentliche Kalibrierpraxis überführt: Titel bleiben möglich, aber sie bleiben revisionspflichtig, sobald die Rückkopplungsseite Abweichung signalisiert.

Zurechnung und Haftung sind hier keine moralischen Verschärfungen, sondern die technische Bedingung, damit Rückmeldung wirksam wird. Ohne eindeutig benannte Kostenträger und ohne durchsetzbare Revisionszuständigkeit bleibt Rückkopplung bloße Information, die der Geltungsraum ignorieren kann. E4 muss deshalb nicht „mehr Daten“ fordern, sondern einen Minimalzwang implementieren: Wer über Entnahme entscheidet, kann die Abfall- und Reparaturspur nicht aus dem Entscheidungsraum entfernen, und wer den Nutzen privat abschöpft, kann die Folgekosten nicht als fremdes Hintergrundrauschen behandeln.

Prüfdiagnose: Woran Eigentum in Entkopplungsmodus kippt

Ein Eigentumsregime kippt in Entkopplungsmodus, wenn es drei Symptome zugleich produziert: erstens Titelstabilität ohne Trägernachweis, also Geltung als Ersatz für Tragfähigkeit; zweitens Schattenhaushalte, also unsichtbare Entnahme- und Abfallpfade; drittens Revisionsblockade, also fehlende Widerlegungsbedingungen, fehlende Zuständigkeit oder fehlende Durchsetzungskanäle. In dieser Kombination wird Eigentum zur Unverletzlichkeitsmaschine: Korrektur erscheint als Angriff auf Identität, Status oder Recht, statt als normale Betriebsinformation eines verletzlichen Systems. Genau hier ist der Anschluss an dein Gesamtziel eindeutig: Verantwortung wird als Fähigkeit ausgebildet, diese Kippstelle zu erkennen und Korrektur wieder billig, früh und normal zu machen; Gemeinsinn ist die soziale Form derselben Fähigkeit, sobald die Pfade öffentlich vergleichbar und revisionswirksam geführt werden.