6. Das Verhältnis-System statt des autonomen Individuums
6.1 Der Mensch als Verhältniswesen
Der Mensch ist im Rahmen der Plastischen Anthropologie 51:49 nicht angemessen als autonomes Individuum zu verstehen, sondern nur als Verhältniswesen. Das heißt: Er ist nicht zuerst eine in sich abgeschlossene Einheit, die nachträglich Beziehungen eingeht, sondern er existiert von Anfang an nur in und durch Verhältnisse. Diese Verhältnisse sind nicht bloß soziale Beziehungen im engen Sinn, sondern umfassen die gesamte Wirklichkeit seines Lebensvollzugs: Stoffwechsel, Atem, Nahrung, Temperatur, Zeit, Verletzbarkeit, Regeneration, Energiezufuhr, Mitwelt, Sprache, Institution, Rückkopplung und Konsequenz. Der Mensch ist deshalb kein selbstursprüngliches Zentrum, sondern ein Knotenpunkt in einem Gefüge von Abhängigkeiten, Austauschprozessen und Bedingungszusammenhängen.
Gerade darin liegt die Grunddifferenz zum modernen Individuumsverständnis. Das autonome Individuum erscheint als für sich bestehende Einheit mit eigener Selbstbegründung, eigener Innenwelt und eigener Verfügungsgewalt. Das Verhältniswesen dagegen besitzt seine Bestimmtheit nur innerhalb realer Zusammenhänge. Es lebt nicht aus einem inneren Kern heraus, der anschließend auf die Welt trifft, sondern es bildet sich in der Auseinandersetzung mit Welt, Mitwelt, Material, Widerstand, Sprache und Rückwirkung. Das Verhältnis geht also der isolierten Einheit logisch und real voraus. Der Mensch ist nicht zuerst Ich und dann in Beziehung, sondern er wird als Ich nur innerhalb von Beziehungs- und Rückkopplungszusammenhängen überhaupt erst bestimmbar.
Damit wird auch die anthropologische Stellung des Menschen anders gefasst. Er ist weder Subjekt über Objekten noch bloße Naturmasse, sondern ein plastisches Zwischenwesen, das sich nur in Kopplung, Unterscheidung, Korrektur und Grenzbezug ausbilden kann. Die Formel Verhältniswesen bedeutet daher nicht bloß, dass der Mensch „auch Beziehungen hat“, sondern dass sein Sein selbst relational verfasst ist. Ohne Verhältnis keine Orientierung, ohne Orientierung keine Handlung, ohne Handlung keine Rückkopplung, ohne Rückkopplung keine Verantwortlichkeit. Das Verhältnis-System ist damit kein Nebengedanke, sondern die eigentliche Grundlogik des Menschseins.
6.2 Freiheit als Orientierungsfähigkeit innerhalb realer Grenzen
Aus diesem Verständnis folgt unmittelbar eine andere Bestimmung von Freiheit. Freiheit ist im Werkzusammenhang nicht als Loslösung von Bedingungen, nicht als absolute Unabhängigkeit und nicht als souveräne Selbstverfügung zu verstehen. Sie ist vielmehr Orientierungsfähigkeit innerhalb realer Grenzen. Freiheit entsteht dort, wo ein Wesen Unterschiede wahrnehmen, Bedingungen einschätzen, Rückmeldungen verarbeiten, Maß halten und in einem gegebenen Möglichkeitsraum verantwortlich handeln kann. Sie ist daher keine Aufhebung von Grenze, sondern eine Form des Könnens im Grenzraum.
Diese Bestimmung verändert den Freiheitsbegriff grundlegend. Die moderne Freiheitsidee tendiert dazu, Freiheit als Unabhängigkeit von Bindungen zu denken. In der Plastischen Anthropologie 51:49 gilt dagegen: Je genauer ein Mensch seine Bedingungen, Grenzen, Risiken und Rückkopplungen wahrnehmen und beachten kann, desto freier wird sein Handeln. Freiheit wächst nicht gegen die Wirklichkeit, sondern mit der Genauigkeit ihrer Anerkennung. Das Schwimmen ist dafür ein einfaches Prüfbeispiel: Der Schwimmer ist nicht frei, indem er das Wasser negiert, sondern indem er sich im Medium orientieren, tragen lassen und zugleich tätig bewegen kann. Freiheit ist also gelingende Kopplung, nicht Entkopplung.
Damit wird auch sichtbar, warum grenzenlose Freiheit eine Täuschung ist. Ein Wesen, das seine Bedingungen ignoriert, verliert nicht nur Maß, sondern auch Urteil. Es wird von seinen verdrängten Rückkopplungen eingeholt. Wirkliche Freiheit ist daher immer begrenzte Freiheit, aber nicht im Sinn bloßer Einschränkung, sondern im Sinn sachgemäßer Wirklichkeitsbindung. Die Grenze ist nicht der Feind der Freiheit, sondern ihre Bedingung. Ohne Grenze keine Orientierung, ohne Orientierung keine verantwortliche Wahl, ohne verantwortliche Wahl keine Freiheit. Der Freiheitsbegriff wird dadurch naturgrammatisch rückgebunden und aus der Sphäre bloßer Behauptung herausgelöst.
6.3 Individualität als sekundäre Formbildung
Innerhalb dieses Verhältnis- und Freiheitsverständnisses erhält auch der Begriff der Individualität eine neue Stellung. Individualität wird nicht geleugnet, aber sie wird nicht als primärer Ausgangspunkt gesetzt. Sie ist eine sekundäre Formbildung. Das bedeutet: Was als individuelles Selbst, als persönliche Eigenart oder als unverwechselbare Gestalt erscheint, entsteht erst aus einem vorausliegenden Prozess von Einbindung, Stoffwechsel, Grenzsetzung, Wahrnehmung, Tätigkeit, Rückkopplung und sprachlicher sowie sozialer Formung. Das Individuelle ist also keine ursprüngliche Monade, sondern eine verdichtete, plastische Form innerhalb eines umfassenderen Zusammenhangs.
Gerade dadurch wird Individualität ernster genommen als in vielen modernen Selbstbeschreibungen. Denn wenn Individualität als ursprüngliche Selbstgegebenheit behandelt wird, bleibt ihr tatsächlicher Hervorgang unsichtbar. Sie erscheint dann wie eine fertige skulpturale Tatsache. Wird sie dagegen als sekundäre Formbildung verstanden, dann wird sichtbar, dass sie an Bedingungen gebunden ist und sich nur in Auseinandersetzung mit Material, Grenze, Mitwelt und Geschichte herausbildet. Individualität ist dann kein Besitz, sondern ein Werden. Sie ist keine abgeschlossene Einheit, sondern eine fragile, rückkopplungsbedürftige Gestalt.
Diese Sicht schützt zugleich vor zwei entgegengesetzten Fehlformen. Sie schützt einerseits vor der Auflösung des Einzelnen in einer bloßen Kollektivität, weil sie die konkrete Gestaltbildung des Einzelnen ernst nimmt. Sie schützt andererseits vor der ideologischen Überhöhung des Individuums, weil sie dessen reale Abhängigkeiten und Hervorbringungsbedingungen sichtbar hält. Individualität ist somit weder Illusion noch Letztbegründung, sondern die spezifische Form, in der ein Verhältniswesen sich unter bestimmten Bedingungen ausbildet. Sie ist plastisch, nicht skulptural. Genau deshalb kann sie auch nur in Rückkopplung, nicht in Selbstabsolutierung tragfähig bleiben.
6.4 Verhältnis-System, Symbiose und Gemeinsinn
Das Verhältnis-System hat nicht nur anthropologische, sondern auch gesellschaftliche Konsequenzen. Wenn der Mensch als Verhältniswesen verstanden wird, dann kann auch Gemeinsinn nicht als nachträgliche moralische Zugabe erscheinen. Er ergibt sich vielmehr aus der Logik der Symbiose und der realen Zusammengehörigkeit. Symbiose meint hier nicht bloß biologische Kooperation im engen Sinn, sondern den umfassenderen Sachverhalt, dass Leben nur im Mitvollzug anderer Bedingungen, Kräfte und Formen möglich ist. Der Mensch lebt nicht nur mit anderen Menschen zusammen, sondern in einer tragenden Mitwelt aus Organismen, Milieus, Stoffflüssen und kulturellen Ordnungen. Gemeinsinn ist daher nicht bloß gute Gesinnung, sondern die kulturell und institutionell ausgearbeitete Form der Einsicht in diese Zusammengehörigkeit.
Im Verhältnis-System wird Gemeinsinn zur Fähigkeit, die eigenen Handlungen, Begriffe und Ansprüche nicht isoliert, sondern in ihren Rückwirkungen auf das Ganze mitzudenken. Er ist die soziale Entsprechung dessen, was auf der Ebene des Organismus als Rückkopplungsfähigkeit erscheint. Gemeinsinn heißt deshalb nicht Aufopferung des Einzelnen, sondern die Einsicht, dass die Tragfähigkeit des Einzelnen von der Tragfähigkeit der Zusammenhänge abhängt, in denen er lebt. Wer nur sich selbst setzt, zerstört am Ende auch die Bedingungen seines eigenen Bestehens. Wer Symbiose erkennt, lernt daher, dass eigenes und gemeinsames Bestehen nicht gegeneinander ausgespielt werden können.
Das Verhältnis-System führt so von der Anthropologie in die Gesellschaftslehre. Es zeigt, dass die moderne Gegenüberstellung von Individuum und Gemeinschaft selbst schon ein Symptom der Entkopplung ist. Wo der Mensch primär als Verhältniswesen verstanden wird, erscheint Gemeinschaft nicht als äußerer Zwang gegenüber einem innerlich freien Individuum, sondern als die notwendige Form, in der die reale Zusammengehörigkeit des Lebens kulturell, institutionell und praktisch beantwortet wird. Gemeinsinn ist dann nicht bloß sozialer Kitt, sondern Ausdruck eines referenzfähigen Welt- und Selbstverständnisses. Genau darin liegt seine zentrale Bedeutung für die Plastische Anthropologie 51:49.
