6 Werkmodule der Alltäglichkeit: Küchen-, Boden- und Körperproben

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Die Werkmodule der Alltäglichkeit sind die grundlegenden Prüfstände, weil sie ohne theoretische Vorleistung zeigen, wie Trägerbedingungen und Symbolsetzungen miteinander in Konflikt geraten.

Alltäglichkeit bedeutet hier nicht „banal“, sondern methodisch günstig: Küche, Boden und Körper sind Orte, an denen E1 und E2 unausweichlich wirksam sind, während E3 und E4 ständig versuchen, diese Wirksamkeit zu rahmen, zu überdecken oder umzudeuten.

Die Module sind so gebaut, dass sie den Übergang vom Handeln zur Konsequenz und von der Konsequenz zur Deutung nachvollziehbar machen. Damit bilden sie das didaktische Rückgrat der Gesamtarchitektur, weil sie den Nutzer unmittelbar an Rückkopplung binden und zugleich die Stellen zeigen, an denen Verdrehungen entstehen.

6.1 Kartoffelprobe als warm/kalt Ästhetik und als plastische versus skulpturale Identitätsform

Die Kartoffelprobe ist das Minimalmodul für die Unterscheidung zwischen einer Ästhetik der Fortsetzungsfähigkeit und einer Ästhetik der Objektform. Wird eine Kartoffel in die Erde gelegt, wird sie in den Bereich von E1 und E2 zurückgesetzt: Bodenwiderstand, Feuchte, Temperatur, Zeit und Stoffwechselprozesse bestimmen, ob aus dem Einsetzen eine Vermehrung oder ein Scheitern entsteht. Diese Szene trägt „warme Ästhetik“, weil das Schöne nicht als Oberfläche, sondern als Prozess erscheint, der in Abhängigkeit und Konsequenz steht. Wird dieselbe Kartoffel in eine Aluminiumschale gelegt und dekorativ arrangiert, entsteht eine Objektordnung, in der E3 und E4 dominieren: Form, Präsentation, Anmutung, „saubere“ Distanz zum Boden. Der Fäulnisprozess läuft dennoch, und genau darin liegt die Prüfleistung: E1/E2 schreiben sich in die E3-Setzung zurück. Plastische Identität bezeichnet hier die Prozessidentität, die nur durch Fortsetzungsfähigkeit in der Zeit existiert; skulpturale Identität bezeichnet die Objektidentität, die primär durch Setzung und Rahmung stabilisiert wird. Drift entsteht, wenn skulpturale Identität so geführt wird, als könne sie die plastische Prozessbindung ersetzen.

6.2 Spatenprobe und Vergoldungsprobe als Besitznahme- und Unverletzlichkeitsillusion an der Berührungsstelle

Die Spatenprobe macht die entscheidende Kontaktzone sichtbar, an der Handlung in Materie eingreift. Der Spaten ist Werkzeug der Bodenbearbeitung, also ein E4-Objekt, das E1-Widerstand und E2-Bodenleben berührt. Wird Griff und Schneide vergoldet, wird eine symbolische Eigenschaftseinheit in die Berührungsstelle eingebaut: Reinheit, Wert, Ewigkeit, „Höherwertigkeit“ werden nicht nur gezeigt, sondern sollen die Berührung semantisch umcodieren. Die zentrale Wirkung liegt nicht in der Chemie des Goldes, sondern in der Verschiebung von Zuständigkeit: Die Berührung mit dem Mutterboden kann als Besitznahme erscheinen, als Adlung, als Unantastbarkeit oder als privilegierter Zugriff. Damit wird Unverletzlichkeit suggeriert, obwohl E1 und E2 weiterhin gelten. Die Probe zeigt, wie leicht Eigentum und Autorität als Eigenschaften von Kontaktstellen konstruiert werden können und wie schnell dadurch eine Handlung, die ursprünglich in Abhängigkeit und Konsequenz steht, in eine Geltungsoperation kippt.

6.3 Eisfläche, Vergoldung, Tanzbarkeit als Demonstration von Symbolübertragung auf Trägerbedingungen

Die Eisflächenprobe ist ein besonders klares Modul, weil sie die Differenz zwischen physikalischer Eigenschaft und symbolischer Umcodierung drastisch zeigt. Eis ist in E1 eine Tragfähigkeits- und Reibungsfrage, in E2 eine Frage von Risiko, Temperatur und Körperregulation. Die vorsichtige Bewegung auf Eis ist bereits eine kalibrierte Kopplungsleistung: Man verhält sich nicht nach Wunsch, sondern nach Widerstand. Wird eine Eisfläche vergoldet, wird die symbolische Eigenschaft des Goldes auf eine Trägerbedingung projiziert, sodass sich die Wahrnehmung und das Verhalten verschieben können. Der Prüfpunkt ist nicht, ob man „tanzen darf“, sondern ob das Werk sichtbar macht, dass Tanzbarkeit eine symbolische Einladung ist, während Tragfähigkeit und Glätte als E1-Bedingungen unverändert bleiben. Das Modul demonstriert damit exemplarisch die Driftgefahr jeder Symbolübertragung: Sie kann Verhalten enthemmen, ohne die Trägerseite zu verändern.

6.4 Wiese, Decke, Kulturbildung und Verfaulen als Setzungsprobe von Innen/Außen und Verdrängung

Die Wiese-und-Decke-Szene ist ein Modul für die Erzeugung von Innen und Außen durch Setzung. Die Decke markiert eine Zone, in der Kultur stattfindet: Sitzen, Essen, Gespräch, Identität, Zugehörigkeit. Unter der Decke laufen jedoch Prozesse weiter, die nicht in der symbolischen Szene auftauchen: Feuchte, Druck, Zersetzung, Verfaulen, Veränderung der Mikroverhältnisse. Das Modul zeigt damit eine alltägliche Form von Verdrängung, die nicht psychologisch beginnt, sondern räumlich-operativ: Innen wird als „sauber“ und kontrolliert konstruiert, während Außen als „Natur“ oder „bloße Materie“ abgewertet wird. Der Prüfwert liegt darin, dass die Trägerseite die Setzung kommentiert, ohne zu sprechen: Der Boden verändert sich. Drift entsteht, wenn das Innen so geführt wird, als sei es unabhängig von dem, was es unten unterdrückt, und wenn diese Unterdrückung als Normalität der Ordnung erscheint.

6.5 1 m² Eigentum im nassen Sand als Spur-Geltungs-Konflikt und Löschbarkeit durch Medium und Zeit

Das Quadrat von 1 m² im nassen Sand ist die elementare Kollision zwischen Spurwirklichkeit und Geltungswirklichkeit. Als Spur ist die Linie real, aber sie ist an Medium und Zeit gebunden: Wellen, Strömung, Versickerung und Umverteilung löschen oder deformieren sie. Als Eigentum ist das Quadrat eine Geltungsbehauptung, die erst durch institutionelle Kopplungsarchitekturen stabilisiert werden kann. Das Modul zeigt, dass Eigentum nicht aus der Spur folgt, sondern dass es eine E3-Setzung ist, die E4-Prozeduren benötigt, um gegen E1/E2 zu bestehen. Die Löschbarkeit ist nicht nur ein physisches Ereignis, sondern der sichtbare Kommentar der Trägerwelt zu einer Geltungsoperation. Drift entsteht, wenn die Geltung so geführt wird, als könne sie ihre eigene Trägerbasis ignorieren, und wenn aus einer löschbaren Spur ein ontologischer Anspruch gemacht wird, der sich selbst als „Realität“ ausgibt.