7.0 Schichtenmodell als Tiefenkarte und Querarchitektur
Das Schichtenmodell fungiert als Tiefenkarte, weil es nicht nur „Themenfelder“ ordnet, sondern unterschiedliche Betriebslogiken sichtbar macht, die sich historisch überlagern und im Alltag ineinander verschoben werden.
Seine Leistung besteht darin, Ebenenverwechslungen als strukturellen Fehler zu markieren: Eine Aussage kann in der Imago-Sphäre hoch wirksam sein und zugleich in der Rückkopplungswelt Tragfähigkeit abbauen. Das Schichtenmodell beschreibt daher keine „zweite Realität“, sondern eine wachsende Komplexität von Vermittlungs- und Selektionsmechanismen, in denen sich die Prüfungsrichtung verschieben kann. Die Querarchitektur E1–E4 ist dabei der Prüfausgang: Sie zwingt jede Schicht, ihre Tragfähigkeitsseite (E1/E2), ihre Geltungsseite (E3) und die Durchsetzung der Rückbindung (E4) explizit auszuweisen.
7.1 Erkenntnisinteresse des Schichtenmodells
Das Erkenntnisinteresse ist ein Ausschlussverfahren gegen stillschweigende Gleichsetzungen. „Begriff = Welt“ ist die klassische Reifikationsfalle: Das Modell, der Name oder das Narrativ wird wie das Getragene behandelt. „Norm = Tragfähigkeit“ ist die moralisch-juristische Variante derselben Verwechslung: Setzung wird als Trägernachweis gelesen, obwohl Tragen nur in Widerstand, Zeitverhalten, Kosten- und Reparaturpfaden entschieden wird. „Darstellung = Konsequenz“ ist die mediale Variante: Was sichtbar und plausibel erscheint, gilt als wirksam im Sinn der Rückkopplungswelt, obwohl gerade das Sichtbare die Konsequenzspur überdecken kann. Das Schichtenmodell verhindert diese Gleichsetzungen, indem es jede Aussage zwingt, ihre Betriebsstätte zu benennen: Handelt sie über Tragfähigkeit in der Rückkopplungswelt, oder über Geltung und Koordination in der Imago-Sphäre, oder über den Driftmodus, in dem Geltung die Prüfseite ersetzt?
7.2 Schicht 1: Physikalische Wirkungswelt als Primärraum der Tragfähigkeit
Schicht 1 ist der Primärraum der Tragfähigkeit, weil hier nicht Zustimmung, sondern Widerstand entscheidet. Zeit ist keine Kulisse, sondern Prüfoperator: Tragen zeigt sich als Stabilität über Zeit, Bruch als nicht verhandelbare Grenze. Verletzlichkeit ist keine moralische Kategorie, sondern eine Systemtatsache: Jede Handlung ist Eingriff, jeder Eingriff erzeugt Kostenpfade, und manche Kosten sind irreversibel. Diese Schicht ist der Kern der Rückkopplungswelt im strengen Sinn und entspricht in der Querarchitektur dem Trägerprimat von E1: Es trägt oder es bricht. Wo diese Schicht als „nur Material“ abgewertet wird, wird bereits der Boden für Inversionslogiken bereitet, weil die Prüfinstanz aus dem Deutungsraum entfernt wird.
7.3 Schicht 2: Dingwelt als Stabilisierung von Prozess in Erscheinung
Schicht 2 ist die Zone, in der Prozesse als Dinge erscheinen und damit eine Oberflächenlogik entsteht. Dinge sind nicht „bloß Schein“; sie sind verdichtete Stabilisierung von Prozess, und genau darin liegt ihre Ambivalenz. Einerseits ermöglicht Dinglichkeit Orientierung und Handlungssicherheit; andererseits kann die Form den Prozess verdrängen, der sie trägt. Hier beginnt die kulturell folgenreiche Selektion: Aus Wirklichkeit als Wirkungswelt wird „Realität“ als herausgeschnittener, gerahmter Ausschnitt, der für Erklärung, Besitz, Messung oder Darstellung stabilisiert wird. Diese Stabilisierung ist notwendig, wird aber driftgefährlich, sobald der gerahmte Ausschnitt als das Ganze ausgegeben wird und die Zeitspur der Trägerleistungen verschwindet. Schicht 2 ist damit die Übergangszone, in der Rückkopplungswelt noch gilt, aber Imago-Mechanik vorbereitet wird: Oberfläche wird zum Trägerersatzkandidaten.
7.4 Schicht 3: Symbolische Ordnung als Beginn der Gegen-Materie
Schicht 3 ist der Beginn der Imago-Sphäre als Koordinationsraum: Begriffe, Regeln, Rollen, Recht, Eigentumstitel, Narrative und Anerkennung ermöglichen Skalierung von Handlungsfähigkeit. Diese Schicht ist zivilisatorisch notwendig, weil sie die Koordination von vielen über Zeit und Raum überhaupt erst leistet. Ihr zentrales Risiko ist die Inversion der Prüfungsrichtung: Wenn Geltung als Trägernachweis behandelt wird, kippt der Koordinationsraum in den Driftmodus, den du „Gegen-Materie“ beziehungsweise „Entkopplungsmodus“ nennst. Die Vergoldungslogik ist hier der präzise Operator: Nicht das Getragene wird geprüft, sondern der Glanz der Oberfläche wird zum Ersatzmaßstab. Damit entstehen Systeme, die in E3 stabil wirken, während E1/E2 erodieren. Schicht 3 ist also die erste Schicht, in der „Wirksamkeit“ dauerhaft von „Tragfähigkeit“ ablösbar wird, sofern E4 die Rückbindung nicht erzwingt.
7.5 Schicht 4: Halluzinationswelt
Schicht 4 bezeichnet den Umschlag, bei dem Zeichen nicht mehr als Entwürfe, sondern als erlebte Realität fungieren. Der entscheidende Mechanismus ist nicht „Lüge“, sondern die Ersetzung der Zeitspur: Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit werden zu Primärwerten, während die Konsequenzpfade über Zeit aus dem Erleben und aus den institutionellen Entscheidungsketten herausfallen. Es entsteht Transparenz ohne Zeit: Vieles ist sichtbar, aber nicht mehr rückgekoppelt, weil Zurechnung, Verzögerung, Schwellen und Hysterese nicht mehr als Standard mitgeführt werden. In dieser Schicht wird die Unverletzlichkeitswelt plausibel, weil das Erleben in der Imago-Sphäre sich gegen Korrektur immunisieren kann: Korrektur erscheint als Angriff auf Identität oder Zugehörigkeit, nicht als betriebliche Rückmeldung. Die Halluzinationswelt ist damit kein „Nicht-Sein“, sondern eine stabile Erlebnisform, die den Rücklaufkanal der Korrektur systematisch abschneidet.
7.6 Schicht 5: Eigentumswelt
Schicht 5 ist die Institutionalisierung von Verfügung über Trägerkosten. Eigentum ist hier nicht nur ein Rechtsbegriff, sondern eine Selektionsmaschine: Titel und Verfügung ordnen Zugriff, Ausschluss und Priorität, während Entnahme-, Reparatur- und Abfallpfade aus dem Geltungsraum ausgelagert werden können. Externalisierung wird zum Erfolgscode, wenn Gewinne im Geltungsraum realisiert werden, während Kostenpfade räumlich, zeitlich oder sozial in Schattenhaushalte wandern. In dieser Schicht wird die Driftform 1:99 strukturell plausibel, weil die Kopplung von Entscheidung und Kostenträgerschaft gelockert oder zerstückelt werden kann. Ohne E4-Zwang zur Pfadführung ist Eigentum deshalb ein stabiler Katalysator des Entkopplungsmodus: Es produziert scheinbare Tragfähigkeit durch Titelstabilität.
7.7 Schicht 6: Technische Welt
Schicht 6 ist die Materialisierung und Beschleunigung der Imago-Mechaniken in Infrastrukturen: Interfaces, Metriken, Taktungen, Automatisierungen und standardisierte Protokolle transformieren Koordination in operative Systeme. Technik reduziert erfahrbaren Widerstand, verschiebt Tätigkeiten in Bedienhandlungen und ersetzt lokale Rückmeldung durch Kennzahlen, die wiederum in der Imago-Sphäre verwaltet werden. Damit verstärkt sie die Inversionsgefahr: Was die Metrik zeigt, gilt; was das Interface belohnt, wird getan; was nicht angezeigt wird, existiert im Entscheidungsraum praktisch nicht, selbst wenn es in der Rückkopplungswelt Kosten schreibt. KI tritt hier doppelt auf: als Verstärker des Glanzes (hochplausible Oberflächen, schnelle Geltungsproduktion) und als Differenzinstrument, sofern sie in E4 eingebunden wird, also als Werkzeug, das Ebenentrennung, Pfadführung, Zeitprüfung und Revisionspflicht strikt erzwingt. Schicht 6 ist daher nicht „Ursache“ der Drift, aber ein massiver Driftverstärker, weil sie Rückkopplung aus dem Alltagserleben und aus institutionellen Zurechnungswegen herausbeschleunigen kann.
7.8 Schicht 7: Kulturelle Selbstinterpretation
Schicht 7 ist die Semantik, in der die vorherigen Schichten als „die Welt“ erzählt und gerechtfertigt werden. Hier stabilisiert sich die Entkopplung kulturell, weil die Imago-Sphäre als Primärwirklichkeit interpretiert wird: Erfolg, Freiheit, Effizienz, Identität, Recht und Sichtbarkeit gelten als selbsttragende Größen, während Träger- und Lebensbindung als Hintergrundrauschen erscheint. In dieser Schicht wird kalte Ästhetik zum Normalmodus, weil sie glättet, entlastet und Überblendung belohnt; warme Ästhetik wird zum Rand, weil sie Widerstand, Zeitspur und Fehler sichtbar hält und damit Korrektur erzwingt. Der zentrale Punkt ist: Schicht 7 ist nicht „Ideologie“ im abwertenden Sinn, sondern die kulturelle Betriebsanleitung, die entscheidet, ob eine Gesellschaft Revision als Normalform praktiziert oder als Identitätskrise behandelt.
7.9 Querarchitektur E1–E4 innerhalb der Schichten
Die Querarchitektur E1–E4 ist der Prüfausgang, der quer durch alle Schichten dieselbe Frage erzwingt: Wo wird Tragfähigkeit entschieden, wo wird Geltung erzeugt, und wie kehrt Rückmeldung als Revision zurück? In Schicht 1 und 2 dominiert E1/E2 als harte Prüfseite; hier sind Widerstand, Versorgung, Regeneration, Bruch und Irreversibilität unmittelbar. Ab Schicht 3 entsteht E3 als eigenständige Wirksamkeitszone, die Koordination ermöglicht, aber Tragfähigkeit simulieren kann. Der Übergang in Schicht 4–7 beschreibt nicht „mehr Symbolik“, sondern zunehmende Autonomie der Geltungsproduktion bei abnehmender Sichtbarkeit von Zeit- und Kostenpfaden. E4 ist deshalb nicht ein Zusatzkapitel, sondern die einzige hinreichende Gegenmaßnahme gegen Drift: E4 definiert Protokolle, Zuständigkeiten, Haftung, Pfadführung, Zeitprüfung, Metrikprüfung, Versionierung und Revisionsdurchsetzung so, dass die Imago-Sphäre Koordination leisten kann, ohne zur Gegen-Materie zu verhärten. Der Schichtenblick zeigt damit, dass „Korrektur“ nicht als Appell funktioniert, sondern als Architekturfrage: Ohne E4 bleiben höhere Schichten strukturell fähig, Geltung zu stabilisieren, während E1/E2 abbauen; mit E4 wird die Prüfungsrichtung betriebsfähig gemacht, sodass Wirklichkeit als Wirkungswelt wieder Maß gibt, und „Realität“ als Selektionsprodukt permanent rückgebunden bleibt.
