9. Die Doppelung des Ich-Bewusstseins
9.1 Das erste, referenzgebundene Ich-Bewusstsein
Die Plastische Anthropologie 51:49 geht davon aus, dass im Menschen nicht nur eine einzige Form von Ich-Bewusstsein wirksam ist. Die erste Form des Ich-Bewusstseins ist referenzgebunden. Sie entsteht nicht aus bloßer Selbstsetzung, nicht aus Sprache allein und nicht aus einer inneren Behauptung des Ichs, sondern aus der realen Eingebundenheit des Menschen in Stoffwechsel, Mitwelt, Grenze, Rückwirkung und Konsequenz. Dieses erste Ich-Bewusstsein ist leiblich, stoffwechselhaft und widerstandsgebunden. Es bildet sich dort, wo der Mensch sich nicht bloß denkt, sondern an Widerstand gerät, Abhängigkeiten erfährt, Folgen aushalten muss und nur innerhalb bestimmter Bedingungen handlungsfähig bleibt.
Dieses erste Ich ist daher nicht abstrakt. Es ist das Ich des Organismus im Referenzsystem. Es erfährt sich an Hunger und Sättigung, Müdigkeit und Regeneration, Belastung und Erholung, Schmerz und Verletzbarkeit, Atemnot und Erleichterung, Gelingen und Scheitern. Es entsteht durch Tätigkeitskonsequenzen und Abhängigkeitskonsequenzen. In diesem Sinn wird es dem Menschen zugemutet. Es ist nicht frei erfunden, sondern real rückgekoppelt. Gerade deshalb besitzt es eine höhere Wirklichkeitsnähe als jede spätere symbolische Selbstbeschreibung. Es ist das Ich, das sich in Grenze, Bedürftigkeit, Stoffwechsel, Zeitbedarf und Nichtbeliebigkeit ausbildet.
Man könnte sagen: Dieses erste Ich-Bewusstsein ist das ursprüngliche Referenzbewusstsein des Menschen. Es weiß nicht zuerst in Begriffen, sondern in Rückmeldungen. Es ist an das Wirkliche angeschlossen, weil es nicht außerhalb von dessen Konsequenzen treten kann. Es lebt aus Einssein und Zusammengehörigkeit, nicht aus Distanz und Verfügung. Deshalb ist es für den Werkzusammenhang das lebensfähige Grund-Ich. Nicht weil es romantisch, ursprünglich oder unschuldig wäre, sondern weil es an die Bedingungen des Lebens gebunden bleibt.
9.2 Das zweite, symbolische Ich-Bewusstsein
Neben diesem ersten, referenzgebundenen Ich-Bewusstsein bildet sich im Menschen eine zweite Form des Ichs aus. Dieses zweite Ich-Bewusstsein entsteht auf der dritten Ebene, also in Sprache, Rolle, Recht, Eigentumsform, Institution, Erzählung, kultureller Selbstbeschreibung und Geltung. Es ist das symbolische Ich. Es kann über sich sprechen, sich beschreiben, sich rechtfertigen, sich abgrenzen, sich Rollen zuschreiben, Rechte beanspruchen und sich in Geschichten und Bildern stabilisieren. Dieses zweite Ich ist daher unverzichtbar, weil der Mensch ohne Symbolbildung kein reflektiertes Selbstverhältnis entwickeln könnte.
Gerade in dieser Unverzichtbarkeit liegt jedoch seine Gefahr. Das zweite Ich hat die Tendenz, sich von seinen realen Tragschichten zu lösen. Es lebt in Begriffen, Selbstzuschreibungen, Eigentumslogiken, Autonomievorstellungen und symbolischen Identitäten. Es kann dadurch den Eindruck gewinnen, seine Wirklichkeit bereits in sich selbst zu tragen. Es erscheint dann als ein Ich, das sich selbst gehört, über sich verfügt, sich selbst begründet und der Welt als souveräne Mitte gegenübersteht. Hier beginnt die moderne Selbsttäuschung. Denn dieses symbolische Ich verdankt sich zwar real weiterhin dem ersten Ich und den Ebenen des Funktionierens und Lebens, beginnt aber so zu tun, als sei es der eigentliche Ursprung des Menschen.
Das zweite Ich ist deshalb nicht einfach falsch. Es ist notwendig, aber gefährdet. Es ermöglicht Sprache, Urteil, Rechenschaft, Institution und Verantwortung, kann aber zugleich in Selbstabsolutierung umschlagen. Es ist das Ich der Geltungswelt. Seine Wahrheit hängt daran, ob es an die erste und zweite Ebene rückgebunden bleibt oder sich von ihnen entkoppelt. Sobald die Rückbindung schwach wird, erzeugt es jene Scheinwirklichkeit, in der Begriffe wie Individuum, Person, Autonomie, Freiheit oder Eigentum so behandelt werden, als seien sie selbst schon Lebenswirklichkeit.
9.3 Überlagerung des ersten Ichs durch das zweite
Der zentrale Grundfehler der Moderne liegt nicht darin, dass das zweite Ich überhaupt entsteht, sondern darin, dass es das erste überlagert. Die symbolische Selbstbeschreibung tritt dann an die Stelle des referenzgebundenen Selbstverhältnisses. Das zweite Ich hält sich für das eigentliche Ich und interpretiert das erste nur noch als Material, Körper, Ressource oder nachgeordneten Träger. Genau hier beginnt die innere Spaltung des modernen Menschen.
Diese Überlagerung geschieht nicht abrupt, sondern schrittweise. Sprache verfestigt Rollen. Rollen stabilisieren Rechte. Rechte befestigen Eigentumsformen. Eigentumsformen verstärken die Verfügung über den Körper. Daraus wächst das Bild eines Ichs, das mit sich selbst machen könne, was es wolle. Die Formel „Ich gehöre mir“ ist die verdichtete Gestalt dieser Überlagerung. Sie setzt voraus, dass ein inneres, symbolisches Ich seinem eigenen Leib, seinem Stoffwechsel und seinen Bedingungen äußerlich gegenüberstehen könne. Genau das aber ist naturgrammatisch unmöglich. Das zweite Ich kann das erste sprachlich dominieren, institutionell disziplinieren und kulturell überformen, aber es kann es nie real ersetzen.
In dieser Überlagerung entstehen Herrschafts-Ich, Waren-Selbst, Selbstoptimierungszwang und Eigentumsillusion. Das symbolische Ich macht das referenzgebundene Ich zu seinem Objekt. Es behandelt den Körper als Besitz, die Fähigkeiten als verwertbare Bestände, die Zeit als Ressource und die Mitwelt als äußeres Feld der Verfügung. Damit schlägt die ursprünglich notwendige Symbolbildung in Entkopplung um. Das zweite Ich wird skulptural: gesetzt, verhärtet, aus sich selbst legitimiert. Das erste Ich bleibt dagegen plastisch: widerstandsgebunden, verletzlich, korrekturfähig und lernbedürftig. Die Überlagerung des ersten durch das zweite ist daher der anthropologische Kern der modernen Fehlentwicklung.
9.4 Tätigkeitskonsequenzen und Abhängigkeitskonsequenzen
Um diese Doppelung präzise zu verstehen, muss zwischen Tätigkeitskonsequenzen und Abhängigkeitskonsequenzen unterschieden werden. Tätigkeitskonsequenzen sind die Folgen dessen, was der Mensch tut. Sie entstehen aus Handlungen, Eingriffen, Entscheidungen, Hervorbringungen, Unterlassungen und technischen oder institutionellen Setzungen. Wer handelt, erzeugt Wirkungen. Diese Wirkungen betreffen nicht nur die äußere Welt, sondern kehren auf den Handelnden zurück. In jedem Werk, in jeder Institution, in jeder Entscheidung und in jeder kulturellen Praxis wirken Tätigkeitskonsequenzen mit.
Abhängigkeitskonsequenzen reichen tiefer. Sie entstehen nicht erst aus konkreten Handlungen, sondern aus dem Umstand, dass der Mensch überhaupt nur innerhalb von Bedingungen existiert. Er kann nicht ohne Atem, Wasser, Nahrung, Regeneration, Temperatur, Mikroorganismen, Zeit und Mitwelt leben. Er trägt die Folgen seiner Abhängigkeit ständig in sich, auch dann, wenn er gerade nicht aktiv handelt. Müdigkeit, Erschöpfung, Krankheit, Regenerationsbedarf, Stoffwechselstörung oder Verletzbarkeit sind Ausdruck solcher Abhängigkeitskonsequenzen. Sie erinnern daran, dass der Mensch nie nur Täter, sondern immer auch Getragener und Gefährdeter ist.
Die Doppelung des Ich-Bewusstseins lässt sich deshalb so fassen: Das erste Ich lebt in beiden Konsequenzformen zugleich. Es erfährt sich in dem, was es tut, und in dem, wovon es abhängt. Das zweite Ich dagegen neigt dazu, beide Formen auseinanderzureißen. Es beansprucht die Tätigkeit als Ausdruck seiner Freiheit, blendet aber die Abhängigkeit aus. Oder es verlagert die Folgen seiner Tätigkeit räumlich, zeitlich oder institutionell, um sich als von ihnen unberührt zu erleben. Genau dadurch entsteht jene moderne Entkopplung, in der das symbolische Ich glaubt, handeln zu können, ohne die realen Rückwirkungen und Abhängigkeiten als zu sich gehörig anzuerkennen.
9.5 Warum Rückkopplungen nie wirklich aufgehoben werden können
Die entscheidende Pointe des gesamten Zusammenhangs liegt darin, dass Rückkopplungen nie wirklich aufgehoben werden können. Sie können verdrängt, verzögert, ausgelagert, institutionell verschoben, technisch abgepuffert oder symbolisch umgeschrieben werden, aber sie verschwinden nicht. Der Mensch kann die Folgen seiner Tätigkeiten zeitweise überdecken, er kann die Bedingungen seines Lebens durch Technik teilweise abschirmen, er kann durch Eigentumsformen, Rechtstitel, Geld, Macht oder Ideologie den Eindruck erzeugen, unabhängig zu sein. Aber all dies ändert nichts daran, dass erste und zweite Ebene weiterwirken.
Der Mensch kann den Atem nicht selbst herstellen. Er kann den Stoffwechsel nicht souverän begründen. Er kann Verletzbarkeit nicht abschaffen, sondern nur zeitweise kaschieren, organisieren oder technisch abfangen. Auch technische Abschirmung bleibt an Versorgung, Energie und Ersatzstoffe gebunden. Gerade darin liegt der Sinn vieler Ihrer Prüfobjekte: Astronautenanzug, Flugzeug, Eisfläche, Schiff oder Kartoffel zeigen, dass Abschirmung, Geltung oder symbolische Aufladung reale Rückkopplungen nicht beseitigen, sondern höchstens überblenden. Irgendwann kehrt die Wirklichkeit zurück.
Deshalb ist jede Form symbolischer Selbstermächtigung endlich korrigierbar. Die Korrektur muss nicht sofort eintreten. Sie kann lange verzögert, auf andere abgeschoben oder institutionell abgesichert sein. Aber die Naturgrammatik bleibt wirksam. Rückkopplungen kehren als Erschöpfung, Krankheit, Klimafolge, sozialer Zerfall, institutionelles Versagen, Verlust von Regeneration, Kipppunkt oder Katastrophe wieder. Genau deshalb ist das erste Ich nicht bloß eine psychologische Option, sondern der reale Grund des Lebensvollzugs. Und genau deshalb ist die Rückbindung des zweiten Ichs an das erste keine moralische Empfehlung, sondern eine Bedingung von Tragfähigkeit.
Die Doppelung des Ich-Bewusstseins ist somit kein bloßes Theoriestück, sondern der Angelpunkt des gesamten Werkzusammenhangs. Sie erklärt, warum der Mensch zugleich wirklichkeitsgebunden und wirklichkeitsvergessen sein kann, warum er in Rückkopplung lebt und sich doch als unabhängig deutet, warum er seine Bedingungen nie aufheben und sie doch symbolisch boykottieren kann. Aus dieser Spannung entsteht die Dramatik der Moderne. Aus ihrer Aufarbeitung ergibt sich die Notwendigkeit der Plastischen Anthropologie 51:49.
