9 Medienmodule: Fotografie, Objektivierung und Anschauungsfilter
Die Medienmodule untersuchen nicht „Bilder“ als Kulturphänomen, sondern Medien als operative Kopplungsmaschinen, die Spurwirklichkeit, Geltungswirklichkeit und Wahrnehmungswirklichkeit miteinander verschalten.
Fotografie und camera obscura sind dabei nicht nur Techniken, sondern Modellgeräte für den Erkenntnisapparat: Sie machen sichtbar, wie aus einem Ereignis ein Objekt wird, wie aus einer lebendigen Intersubjektivität ein Produkt wird und wie aus begrenzter Anschauung eine vermeintliche Totalität konstruiert werden kann. In deinem Vier-Ebenen-Raster sind Medien deshalb besonders kritisch, weil sie E1- und E2-Prozesse real ausführen, aber im Ergebnis häufig als E3-Objekte gelesen werden, die den Eindruck von „Objektivität“ tragen. Der Prüfpunkt lautet stets: Erhöht das Medium Rückkopplung oder ersetzt es Rückkopplung durch eine autoritative Bildform.
9.1 Fotografie als technische Spurverdichtung und als Zeitversatz: Negativ/Positiv, Augenblick, Objektcharakter
Fotografie ist zunächst eine E1/E4-Kopplung: Licht, Optik und Materialchemie führen zu einer Spur, die nicht willkürlich ist, sondern physikalisch erzeugt wird. Als Spurverdichtung konserviert sie ein Ereignis in einer Form, die transportiert, gespeichert und wieder betrachtet werden kann. Genau dadurch entsteht ein Zeitversatz: Das Bild ist hier und jetzt präsent, während das abgebildete Ereignis dort und damals stattgefunden hat. Negativ und Positiv markieren dabei nicht nur einen technischen Prozess, sondern eine epistemische Umkehr: Aus einer Lichtspur wird ein Bildobjekt, das als „Wirklichkeit“ erscheinen kann, obwohl es eine Spurform ist. Der Objektcharakter des Fotos entsteht also aus einer realen Trägeroperation, wird aber im E3-Gebrauch oft als direkte Gegenwart der Sache missverstanden. Damit ist Fotografie ein Leitfall für die Grundfrage des Projekts, weil sie zeigt, wie schnell Spurwirklichkeit in Geltungswirklichkeit kippt: Das Bild wird nicht mehr als Spur gelesen, sondern als Ersatzereignis.
9.2 Intersubjektivität beim Fotografieren und Verschwinden von Subjekten hinter dem Produkt
Beim Fotografieren ist stets ein intersubjektiver Raum beteiligt, selbst wenn er minimal ist. Ein Motiv, insbesondere ein Mensch, ist nicht nur Objekt vor der Linse, sondern Träger von Eigenzeit, Blick, Reaktion und Selbstverhältnis. Der fotografische Akt kann diese Subjektivität jedoch in ein Produkt überführen, in dem die lebendige Gegenwart des Motivs nicht mehr als Gegenwart vorkommt, sondern als Bildform. Zugleich verschwindet auch der Fotograf als Subjekt, weil er sich im Akt hinter das Gerät und hinter das Ergebnis zurückzieht: Das Bild soll sprechen, nicht der Autor. Dadurch entsteht eine doppelte Entsubjektivierung, die im Alltag als Normalität der „Objektivität“ erscheint. Die Technik verstärkt diesen Eindruck, weil sie als E1/E4-Prozess tatsächlich Spuren produziert; das Ergebnis wirkt darum autoritativ, obwohl es eine Auswahl, ein Ausschnitt, eine Perspektive und eine Setzung ist. Das Modul zeigt damit die Produktionsbedingung von scheinbarer Neutralität: Subjekte können hinter Produkten verschwinden, während das Produkt als „reines Abbild“ gilt.
9.3 Subjektwirkung beim Betrachter als Möbius-Kippstelle zwischen Bildobjekt und Ereignis
Das Foto ist ein Objekt, aber es erzeugt beim Betrachter häufig die Wirkung eines Ereignisses. Diese Subjektwirkung ist die Möbius-Kippstelle des Medienmoduls: Das Bild wird als Ding betrachtet und zugleich als lebendige Präsenz erlebt, insbesondere bei Porträts, weil Wahrnehmung Gesicht, Blick und Emotion als unmittelbare Begegnung rekonstruiert. Damit kippt Innen und Außen, Vergangenheit und Gegenwart, Objekt und Subjekt ineinander. Die Unorientierbarkeit entsteht nicht in der Technik, sondern im Zusammenspiel von Spurform und Gehirnfilter: Das Foto ist Spurwirklichkeit, doch die Wahrnehmung produziert Ereigniswirklichkeit. In deinem Raster ist das die Stelle, an der Darstellung Trägerfunktion vortäuschen kann. Die Prüffrage lautet folglich nicht, ob diese Wirkung „falsch“ ist, sondern ob sie als Wirkung erkannt wird oder als Wahrheitstitel missbraucht wird. Drift entsteht dort, wo das Bild aufgrund seiner Subjektwirkung als Beweis für Wirklichkeit gilt, ohne dass seine Setzungen, Auslassungen und Zeitversätze mitgeführt werden.
9.4 Camera obscura als Filtermetapher für begrenztes Blickfeld, Umkehrung und Herrschafts-Anschauungsmodelle
Die camera obscura ist ein Modellgerät, das begrenzte Anschauung in ein scheinbar vollständiges Bild verwandelt und dabei eine entscheidende Operation sichtbar macht: Umkehrung. Das Bild steht kopf, und erst durch zusätzliche Verfahren wird es als „richtig“ interpretiert oder technisch korrigiert. Als Metapher zeigt die camera obscura, dass jede Anschauung durch ein Gehäuse, einen Schlitz, eine Linse und eine Projektionsfläche gefiltert ist, also dass Wahrnehmung immer durch Begrenzungen produziert wird. In gesellschaftlichen Anschauungsmodellen kann diese Filterlogik zur Herrschaftsarchitektur werden: Es wird eine partielle Sicht als Ganze verkauft, und die Umkehrung wird als Wahrheit ausgegeben, indem man die Korrekturhoheit monopolisiert. Der entscheidende Punkt in deinem Projekt liegt darin, dass nicht „Ideologie“ als Inhalt im Vordergrund steht, sondern die E4-Filterprozedur selbst: Wer bestimmt, was in den Kasten kommt, welche Öffnung gilt, welches Bild als aufrecht gilt und welche Abweichung als Störung markiert wird. Die camera obscura liefert damit ein präzises Prüfmodell für die Frage, wie Weltbilder objektiv erscheinen können, obwohl sie aus begrenzten, gelenkten und umkehrenden Kopplungsdesigns hervorgehen.
