Anlage 10 – Verortungskunst, Globales Dorffest und planetarische Öffentlichkeit

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Ereignis und Verortung

Viele meiner Arbeiten besaßen äußerlich die Form von Aktionen, Festen, Werkstätten oder öffentlichen Inszenierungen. Sie konnten deshalb leicht als zeitlich begrenzte Events missverstanden werden. Die Veranstaltung war jedoch nie das Werkziel. Sie war eine Arbeitsform, durch die an einem konkreten Ort materielle, gesellschaftliche und menschliche Zusammenhänge sichtbar und überprüfbar werden sollten.

Eventkunst konzentriert sich auf Augenblick, Sichtbarkeit und Resonanz. Verortungskunst fragt, welche Geschichten, Abhängigkeiten, Konflikte, Rollen und Entwicklungsmöglichkeiten an einem Ort vorhanden sind und was eine künstlerische Intervention langfristig auslöst.

Grenzwerkstatt, Kunsthalle auf Zeit, Demokratiewerkstätten, Globales Dorffest, Bürgerforum und Partizipatorisches Welttheater sind verschiedene Ausprägungen dieser Methode. Die Presse suchte häufig das berichtbare Ereignis, Förderer ein begrenztes Projekt mit Zielgruppe und Ergebnis. Meine Arbeit wollte einen längerfristigen Erkenntnisprozess ermöglichen. So wurde die Aktionsform gesehen, während die Forschungskunst hinter ihr unsichtbar blieb.

Das Globale Dorffest

Das Globale Dorffest am 3. Oktober 1993 am Brandenburger Tor ist ein Schlüsselprojekt. Den Begriff des globalen Dorfes übernahm ich von Marshall McLuhan. Meine Eigenleistung liegt nicht in der Erfindung dieses Begriffs, sondern in seiner künstlerischen Vergegenständlichung als gesellschaftlicher Versuchsanordnung.

Wenige Monate zuvor, am 30. April 1993, hatte CERN die Software des World Wide Web zur freien Nutzung bereitgestellt. Das Globale Dorffest entstand damit an einem historischen Übergang. Die technische Möglichkeit globaler Verbindung wurde öffentlich, während ihre gesellschaftlichen Folgen kaum vorstellbar waren.

Tausend Tapeziertische sollten planetarische Verbindung körperlich und räumlich erfahrbar machen. Tausend Menschen bilden noch eine wahrnehmbare Größenordnung von Einzelnen; Milliarden bleiben eine abstrakte Zahl. Die Tische waren keine Dekoration, sondern Arbeits- und Beziehungsträger. Fragen, Antworten, Speisen, Bilder und Tätigkeiten konnten an ihnen miteinander verbunden werden.

Heute sind Milliarden Menschen technisch vernetzt. Daraus ist keine verantwortliche Weltgesellschaft entstanden. Technische Verbindung ersetzt weder Gemeinsinn noch die Wahrnehmung gegenseitiger Abhängigkeiten. Das Globale Dorffest war deshalb keine frühe Feier des Internets. Es fragte, ob die Menschheit eine Vorstellung ihrer planetarischen Zusammengehörigkeit entwickeln kann, bevor ihre technischen und wirtschaftlichen Tätigkeiten die gemeinsamen Existenzbedingungen zerstören.

Planetarische Öffentlichkeit

Die Globale Schwarm-Intelligenz führt diese Frage weiter. Planetarische Öffentlichkeit darf nicht nur globale Reichweite bedeuten. Sie muss ermöglichen, dass begrenzte Beiträge ihre Voraussetzungen offenlegen, miteinander verglichen und durch Folgen korrigiert werden können.

Das Private behält seine Schutzfunktion. Problematisch wird es, wenn private Verfügung und Vorteil von den Folgen für die gemeinsame Welt abgetrennt werden. Gemeinsinn bedeutet nicht die Auflösung der Person im Kollektiv. Er bedeutet die Fähigkeit, die eigenen Tätigkeiten innerhalb eines Zusammenhangs mitzudenken, den niemand allein besitzt.