Anlage 11 – Tragwirklichkeit, Funktionieren und Vier-Ebenen-Prüfmodell

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Tragwirklichkeit

Tragwirklichkeit oder Plexuswirklichkeit bezeichnet die Gesamtheit der Bedingungen, Beziehungen und Rückkopplungen, durch die Leben tatsächlich getragen wird. Nicht jede gesellschaftlich anerkannte Realität ist bereits Tragwirklichkeit.

Technik lernt durch Maß, Abweichung und Korrektur. Ein Werkstück passt oder passt nicht. Eine Konstruktion trägt oder bricht. Material lässt sich nicht dauerhaft durch eine bessere Erzählung von seinem Verhalten abbringen. Gesellschaft, Recht, Wirtschaft und Politik können Schäden dagegen umbenennen, auslagern oder verwalten. Sie lernen häufig nicht durch Tragfähigkeit, sondern durch Macht, Markt, Mehrheit und erst spät durch Krise.

Meine Forschungskunst überträgt den handwerklichen Prüfmaßstab nicht mechanisch auf Gesellschaft. Menschen und Gemeinschaften sind keine Maschinen. Sie fragt vielmehr, wie gesellschaftliche Tätigkeiten wieder an überprüfbare Voraussetzungen und Folgen gebunden werden können.

Die vier Ebenen

Die erste Ebene, E1, ist die physikalisch-chemische Tragwirklichkeit: Raum, Zeit, Energie, Schwerkraft, Material, Wasser, Boden, Atmosphäre, Temperatur, Kräfte und Widerstände. Diese Bedingungen können beschrieben und technisch genutzt, aber nicht durch gesellschaftliche Geltung aufgehoben werden.

Die zweite Ebene, E2, ist die lebendige und organismische Tragwirklichkeit: Körper, Stoffwechsel, Atmung, Ernährung, Verletzbarkeit, Fortpflanzung, Regeneration und Beziehungen lebender Systeme. Hier entscheidet sich, ob eine Tätigkeit Leben trägt, schädigt oder zerstört.

Die dritte Ebene, E3, ist die menschliche Symbol-, Rollen- und Geltungswelt: Sprache, Eigentum, Geld, Markt, Recht, Institution, Status, Identität, Glaubenssystem und technisches Selbstbild. Diese Ebene ist für Zusammenarbeit unverzichtbar. Sie bleibt aber eine menschliche Hervorbringung und darf ihre Geltung nicht mit den Eigenschaften von E1 und E2 verwechseln.

Die vierte Ebene, E4, ist die öffentliche Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturebene. Sie untersucht, welche Voraussetzungen E3 beansprucht, welche Folgen seine Hervorbringungen in E1 und E2 auslösen und wie Regeln, Tätigkeiten und Konstruktionen verändert werden müssen.

E4 ist keine übergeordnete Wahrheitsbehörde. Sie ist eine offene Architektur der Gegenprüfung. Fachwissen, Erfahrung, Kunst, Handwerk, Betroffene, Materialien und Messungen müssen miteinander in Beziehung treten können. Auch die Kriterien von E4 bleiben überprüfbar.

Funktionieren und Nichtfunktionieren

Funktionieren darf nicht auf den unmittelbaren Auftrag eines Systems begrenzt werden. Eine Maschine kann ihren Auftrag erfüllen und größere Lebenszusammenhänge beschädigen. Ein Geschäftsmodell kann Gewinn erzeugen und seine materiellen Grundlagen zerstören. Eine Rolle kann organisatorisch funktionieren und den Menschen körperlich oder psychisch schädigen.

Die Frage „Funktioniert es?“ muss deshalb ergänzt werden: Für wen? Wozu? Wie lange? Auf wessen Kosten? Innerhalb welcher Ebene? Unter welchen ausgelagerten Voraussetzungen? Welche Folgen werden räumlich oder zeitlich verschoben?

Synergie bezeichnet ein Zusammenwirken, das mehr Tragfähigkeit hervorbringt. Dysergie bezeichnet ein Zusammenwirken, in dem funktionierende Einzelbereiche gemeinsam zerstörerische Folgen erzeugen. Die moderne Zivilisation kann technisch hochfunktional und als Gesamtzusammenhang dysergisch sein.

Überzeugungsprüfung

Das Ziel ist keine Überzeugungsarbeit im Sinne der Überredung. Forschungskunst überzeugt nicht den Menschen – sie lässt seine Tätigkeiten und deren Folgen vor ihm zeugen. Deshalb lautet ihre Aufgabe: künstlerische Erkenntnis-, Zeugnis-, Prüf- und Urteilsarbeit.

Der Besucher ist dabei nicht Prüfling einer fertigen Lehre. Er ist Mitprüfender. Er bringt seine Überzeugungen, Rollen und Erfahrungen ein, stellt sie dar und konfrontiert sie mit anderen Perspektiven sowie mit materiellen und körperlichen Rückmeldungen.

Nichtwissen bleibt sichtbar. Kein Mensch und keine Disziplin überblickt sämtliche Folgen. Nichtwissen darf aber nicht zum Freispruch werden. Es verlangt vorsichtigere Versuche, Beobachtung, Rückkopplung, Reparatur und die Bereitschaft, eine erfolgreiche Teilfunktion zugunsten des tragfähigeren Gesamtzusammenhangs zu verändern.