Anlage 13 – Die documenta als Verortungskunst und mögliches Opus Magnum
Die documenta als Gesamtzusammenhang
Die documenta ist äußerlich ein zeitlich begrenztes Großereignis. Sie zieht internationales Publikum, Presse, Politik, Förderer und Kunstmarkt an. Würde sie darauf reduziert, verlöre sie ihre historische und künstlerische Bedeutung.
In ihrem anspruchsvollsten Verständnis ist sie eine Verortungskunst der Kunst. Sie fragt, wo Kunst in einer bestimmten geschichtlichen, politischen und erkenntnistheoretischen Situation steht, welche Positionen bislang übersehen wurden und welche neuen Erkenntnismöglichkeiten öffentlich werden müssen.
Eine documenta kann deshalb als opus-magnumartige Gesamtkomposition verstanden werden. Die künstlerische Leitung stellt nicht nur einzelne Werke zusammen. Sie entwickelt einen Zusammenhang aus Künstlern, Lebenswerken, Räumen, Orten, Publikationen, Gesprächen, Vermittlungsformen und gesellschaftlichen Konflikten.
Das eigentliche Werk wäre dann die documenta als vorübergehend hervorgebrachter Denk-, Wahrnehmungs- und Prüfungsraum. Dieses Opus Magnum gehört nicht allein der Leitung. Es entsteht aus dem Verhältnis von kuratorischer Entscheidung, Werk, Ort, Institution und Rezipient.
Die documenta bezeichnet sich offiziell nicht selbst als Opus Magnum. Der Begriff ist meine künstlerische Interpretation. Eine Ausgabe kann nur dann opus-magnumartig werden, wenn ihre Bestandteile einen längerfristig wirksamen Erkenntniszusammenhang hervorbringen.
Event, Markt und Unsichtbarkeit
Das Problem beginnt, wenn Besucherzahlen, mediale Aufmerksamkeit, Prominenz und Spektakel zum hauptsächlichen Maßstab werden. Dann droht die documenta selbst zur Eventkunst zu werden.
Sie beansprucht, neue künstlerische Entwicklungen sichtbar zu machen, sucht Positionen aber zwangsläufig auch innerhalb bestehender Netzwerke, Institutionen, Galerien, Hochschulen und Diskurse. Eine außerhalb dieser Vermittlungssysteme entstandene Arbeit kann unsichtbar bleiben, obwohl sie über Jahrzehnte öffentlich tätig war.
Der Maßstab darf deshalb nicht nur sein, ob ein Werk neu aussieht oder bereits kunstwissenschaftlich legitimiert wurde. Entscheidend ist, ob es eine neue Erkenntnis-, Prüf- oder Gestaltungsmöglichkeit eröffnet. Die verspätete Verortung eines Lebenswerkes kann ebenso gegenwärtig sein wie die Präsentation einer jungen Position, wenn aus ihr eine bislang fehlende Arbeitsform entsteht.
Die institutionelle Gegenprüfung
Meine Forschungskunst richtet eine Frage an die documenta: Genügt es, gesellschaftliche Probleme künstlerisch darzustellen, oder muss Kunst auch Maßstäbe entwickeln, mit denen Vorstellungen, Tätigkeiten und Abhängigkeitskonsequenzen überprüft werden können?
Diese Frage schließt die Institution ein. Auch Auswahlverfahren, Vermittlung, Finanzierung, Sicherheitsregeln und Publikumslenkung sind Gestaltungen. Das So-Heits-Atelier soll die documenta nicht anklagen. Es bietet ihr die Möglichkeit, sich selbst als lernende, korrigierbare Kunstform zu verstehen.
