Anlage 15 – Die So-Heits-Gesellschaft und das konkrete So-Heits-Atelier
So-Heit als offene Gesellschaftsform
Die So-Heits-Gesellschaft ist keine fertige Utopie und keine neue Heilsordnung. Sie bezeichnet eine Gesellschaft, die ihre Begriffe, Rollen, Regeln und Tätigkeiten fortwährend an Voraussetzungen und Folgen prüft.
So-Heit bedeutet in meinem Gebrauch, einen Menschen, Gegenstand oder Lebenszusammenhang nicht ausschließlich nach zugeschriebenem Preis, Status, Nutzen oder Eigentum zu behandeln. Wahrgenommen werden müssen auch seine vorhandenen Eigenschaften, Bedürfnisse, Abhängigkeiten und Beziehungen.
Die historische technē-Welt bildet dafür einen Bezugspunkt: Wissen, Können, Herstellen und Verantwortung sollen wieder zusammenfinden. Das Ziel ist keine Rückkehr in eine antike Gesellschaft. Die So-Heits-Gesellschaft wäre eine zukünftige, globale Gemeinsinnsform, in der Kunst nicht Dekoration der Gesellschaft, sondern allgemeine Erkenntnis-, Darstellungs-, Prüf- und Reparaturfähigkeit ist.
Das Atelier als Werkorganismus
Das So-Heits-Atelier ist keine verkleinerte Retrospektive und keine Sammlung unabhängiger Workshops. Jede Station verbindet drei Bestandteile: eine historische Werkspur, ein gegenwärtig funktionsfähiges Arbeitsmodell und eine Tätigkeit des Besuchers.
Die Werkspur belegt, wie die Methode entstand. Das Arbeitsmodell macht sie anwendbar. Die Besuchertätigkeit erzeugt eine neue Erfahrung, die dokumentiert, verglichen und in die Globale Schwarm-Intelligenz eingebracht werden kann.
Eintritt: Fußgängermalbuch und Roter Punkt
Das Fußgängermalbuch beziehungsweise Laberello bildet den Eintritt. Jeder Besucher erhält einen roten Punkt. Dieser Punkt ist keine Verkaufsmarkierung, sondern Zeichen der Mitmenschlichkeit und Kommunikation.
Der Besucher kennzeichnet auf einer gemeinsamen Karte das Interesse, mit dem er sich beschäftigen möchte: Körper und Lebensbedingungen, Wasser und Natur, Arbeit und Handwerk, Rolle und Identität, Eigentum und Ware, Technik und künstliche Intelligenz oder Gemeinschaft und Zukunft. Er kann mit seinem Namen oder einem eigenen Zeichen unterschreiben.
Menschen mit gleichen oder ergänzenden Fragen können einander finden. Am Ende wird festgehalten, welcher Tätigkeit der Besucher nachging, wem er begegnete und ob sich seine Ausgangsfrage verändert hat. Der rote Punkt verbindet Eintritt, Beziehung, Tätigkeit und Ergebnis.
Malbuch- und Vorgabenatelier
Erwachsenen-, Autobahn-, Telefon-, Fußgänger- und Studio-Malbuch sowie Krickelkrackel-Arbeiten stellen vorhandene Formen bereit. Besucher können folgen, ausfüllen, verändern, überschreiben oder die Vorgabe verlassen.
Untersucht wird nicht, wer das schönste Bild herstellt. Sichtbar werden Sicherheit, Gehorsam, Abweichung, eigene Spur und Formbildung. Viele Bearbeitungen derselben Vorlage werden miteinander verglichen. Die Tausend-Menschen-Methode wird erneut angewendet: Unterschiedlichkeit erscheint nicht als Fehler, sondern als Erkenntnismaterial.
Strömungs- und Funktionslabor
Wellenbecken, Strömungsmodelle, Deichprofile und Biberdamm bilden den materiellen Kern. Besucher bauen mit Ästen, Steinen, Sand und Lehm Widerstände in einer kontrollierten Wasserlandschaft. Das Wasser antwortet unmittelbar. Es erzeugt Druck, sucht Durchgänge und verändert das Material.
Eine starre Abdichtung kann das Problem verlagern. Ein beweglicher Widerstand muss Strömung aufnehmen, umlenken und teilweise durchlassen. Funktionieren und Nichtfunktionieren, Synergie, Dysergie, Toleranz und 51:49 werden materiell erfahrbar.
Der Besucher kann zunächst eine Welle oder einen Wirbel zeichnen und anschließend die tatsächliche Bewegung beobachten. So wird der Satz „Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht“ unmittelbar verständlich.
Opfer- oder Maltisch und Körperlandschaft
Der aus einer natürlichen Strömungslandschaft entwickelte Opfer- oder Maltisch verbindet Wasser, Landschaft, Nahrung, Körper, Ritual und Verwertung. Die Strömung brachte zunächst eine Form hervor. Diese wurde abgeformt und handwerklich vergegenständlicht. Das Werk zeigt, dass die Form nicht allein aus einem menschlichen Entwurf entstand.
Der Tisch macht sichtbar, dass Nahrung aus Boden, Wasser, Pflanzen, Tieren und Stoffwechselzusammenhängen hervorgeht. Einfache Modelle von Durchlässigkeit und Osmose übertragen äußere Strömungsbeziehungen auf den Körperorganismus. Leben funktioniert weder in vollständiger Abschottung noch in vollständiger Grenzenlosigkeit.
Handwerkliches Passungsatelier
Besucher messen, verbinden, formen, abtragen, belasten und korrigieren Materialien. Sie erfahren Maß, Passung, Toleranz, Werkzeuggebrauch und Reparatur.
Ein Tisch oder Stuhl erscheint dem Konsumenten als Ware und Preis. Der Herstellende begegnet ihm als Material-, Arbeits- und Funktionszusammenhang. Der Wechsel vom Konsumenten zum Herstellenden verändert die Wahrnehmung des Gegenstandes.
Modelle des asymmetrischen Autos und des Autos als Tötungsinstrument zeigen, dass Symmetrie nicht automatisch Funktion und technische Funktion nicht automatisch gesellschaftliche Tragfähigkeit bedeutet.
Schultafel und veränderbares Denken
Die Schultafelarbeiten, besonders „Staumauer“, begleiten den Prozess. Fragen, Widersprüche und vorläufige Ergebnisse können eingetragen, gelöscht, korrigiert und neu geordnet werden.
Die Schultafel widerspricht dem unveränderlichen Statement. Sie macht sichtbar, dass Erkenntnis ein Verlauf ist und dass eine Korrektur keine Niederlage, sondern eine Fähigkeit sein kann.
Rollen- und Menschenbildatelier
Das Soforttheater nach Augusto Boal und meine früheren Rollenperformances bilden einen veränderbaren Bühnenraum. Besucher übernehmen Rollen als Konsument, Eigentümer, Arbeitnehmer, Patient, Experte, Betroffener oder Vertreter einer Institution. Szenen können unterbrochen und aus anderen Rollen fortgesetzt werden.
Dadurch wird erfahrbar, dass die gesellschaftliche Rolle nicht der ganze Mensch ist. Geburtshöhle, Omphalos, Labyrinth, Ariadnefaden und gläserner Astronaut vertiefen diesen Bereich. Der geborene, verletzbare und abhängige Mensch wird dem scheinbar autonomen technischen Menschen gegenübergestellt.
Frage-und-Antwort-Raum
Frage-und-Antwort-Tische, Demokratiewerkstätten, Kollektive Kreativität und Globales Dorffest bilden das Vorbild für einen modularen Gesprächsraum.
Die durch die roten Punkte sichtbaren Interessen führen Menschen an gemeinsamen Tischen zusammen. Ein Besucher stellt eine Frage, ein anderer antwortet aus seiner Erfahrung. Weitere Beteiligte untersuchen Begriffe, Voraussetzungen, Gegenbeispiele und mögliche Folgen.
Das Gespräch bleibt nicht bei Meinungen stehen. Es wird mit Bildern, Gegenständen, Rollenwechseln oder handwerklichen Versuchen verbunden. So entsteht eine öffentliche Überzeugungsprüfung.
Werkarchiv und Rolle des Künstlers
Das Archiv wird nicht als vollständige Retrospektive aufgebaut. Es belegt, wann und in welchem Werk die jeweils angewendete Methode entstand. Originale werden gezeigt, wo Zustand, Sicherheit und Raum es erlauben. Wo die Funktion entscheidend ist, werden Arbeitsmodelle oder Rekonstruktionen benötigt.
Meine Aufgabe besteht nicht darin, eine fertige Lehre zu verkünden. Ich eröffne Versuchsanordnungen, führe in ihre Werkgeschichte ein, stelle Fragen und verbinde neue Ergebnisse mit den vorhandenen Spuren. Auch meine eigenen Begriffe und Modelle bleiben prüfbar.
