Anlage 17 – Raumenvironment, Besucherdramaturgie, Material und Unterstützungsbedarf

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Zwei Bereiche eines Gesamtwerks

Das documenta-Vorhaben verbindet zwei untrennbare Bereiche. Der erste macht die mehr als fünfzigjährige Werkgenese anhand ausgewählter Originale, Arbeitsmodelle, Kunsttagebücher, Aktionen, documenta-Bewerbungen und gesellschaftlicher Versuchsanordnungen sichtbar.

Der zweite Bereich überführt die Methoden in das gegenwärtige So-Heits-Atelier. Das Lebenswerk wird nicht nur rückblickend gezeigt, sondern als gesellschaftliche Erkenntnis-, Prüf- und Reparaturtätigkeit weitergeführt.

Das Raumenvironment darf nicht versuchen, sämtliche Werke gleichzeitig auszustellen. Dadurch entstünde eine documenta innerhalb der documenta. Benötigt wird eine begrenzte Auswahl von Schlüsselwerken, an denen Entwicklung, Methode und heutige Anwendbarkeit des gesamten Werkorganismus nachvollziehbar werden.

Besucherdramaturgie

Der Besucher kommt nicht voraussetzungslos. Er betritt die Ausstellung aus einer Welt des Kaufens, Verkaufens, Bewertens, Funktionierens, Rollenspielens und Darstellens. Diese Welt bildet für ihn keine äußere Theorie. Sie ist Teil seiner Identität, Integrität und Wahrhaftigkeit. Er darf deshalb nicht als bereits aufgeklärter oder schuldiger Mensch behandelt werden.

Die erste Bewegung macht seine Herkunftswelt sichtbar. Fußgängermalbuch und roter Punkt fragen, mit welchen Interessen, Rollen und Sicherheiten er eintritt.

Die zweite Bewegung konfrontiert ihn mit einem Widerspruch. Eine Darstellung funktioniert nicht wie das dargestellte Wasser; ein technisch funktionierendes System kann im Lebenszusammenhang schädlich sein; eine gesellschaftlich gültige Rolle kann den Organismus verletzen. Diese Konfrontation darf Irritation und Widerstand auslösen.

Die dritte Bewegung erschließt die Werkbiografie. Der Besucher erkennt, dass die Methode nicht für die documenta erfunden wurde, sondern aus jahrzehntelanger Naturbeobachtung, Handwerk, Fotografie, Kunst und gesellschaftlicher Tätigkeit hervorgegangen ist.

Die vierte Bewegung führt zum eigenen Tätigwerden. Aus äußerer Kritik wird eine persönliche Forschungsfrage. Der Besucher baut, zeichnet, spielt eine Rolle, vergleicht, korrigiert und dokumentiert.

Die fünfte Bewegung erprobt eine neue Prüfgewohnheit. Der Besucher verbindet sein Ergebnis mit anderen Menschen, dem Vier-Ebenen-Modell, dem Werkarchiv und gegebenenfalls einer KI-Auswertung. Er verlässt das Atelier nicht mit einer neuen fertigen Wahrheit, sondern mit einer erprobten Fähigkeit zur Gegenprüfung.

Räumliche Folge

Die räumliche Bewegung beginnt beim Fußgängermalbuch und der Roten-Punkt-Aktion. Danach folgen Malbuch- und Vorgabenatelier, Strömungs- und Funktionslabor, Opfer- oder Maltisch, Passungsatelier, Schultafel, Rollen- und Menschenbildraum, gesellschaftliche Tische, Werkarchiv und digitale Weiterführung.

Die Stationen sollen nicht als linearer Lehrpfad erzwungen werden. Der rote Punkt ermöglicht eigene Wege und Begegnungen. Dennoch muss die räumliche Gestaltung den Übergang von der Rollen- und Warenwelt zur körperlichen, materiellen und öffentlichen Gegenprüfung lesbar machen.

Schlüsselwerke und vorhandenes Material

Nach bisherigem Stand sind ungefähr 350 Werke und Werkgruppen, mehr als sechshundert Kunsttagebücher sowie ein umfangreiches Archiv mit etwa 12.000 Fotografien, Videos und Dokumentationen vorhanden. Hinzu kommen Materialien aus ungefähr zweihundert Aktionen und Performances, acht documenta-Bewerbungen, Modelle, Plastiken, Collagen, Zeichnungen und die digitale Plattform. Diese Bestandszahlen müssen vor der endgültigen Einreichung inventarisch bestätigt werden.

Unverzichtbare Werkgruppen für die Auswahl sind die Malbücher und der Rote Punkt, Wellen- und Strömungsmodelle, Biberdamm und Deichprofile, Opfer- oder Maltisch, Passungsobjekte, asymmetrisches Auto, Schultafeln, Frage-und-Antwort-Tische und Dokumentationen der gesellschaftlichen Versuchsanordnungen.

Vertiefend gehören „Schöpfungsgeschichte“, Eigentums- und Preisarbeiten, „Natur ist der erste Eigentümer“, schwarzer Kubus, Geburtshöhle, gläserner Astronaut, Grenzwerkstatt, Temporäre Kunsthalle, Globales Dorffest und Partizipatorisches Welttheater dazu.

Realisierung und Kooperation

Benötigt werden Sichtung, Inventarisierung, konservatorische Prüfung, kuratorische Auswahl, Herstellung funktionsfähiger Rekonstruktionen, räumliche Planung, Werkstatt- und Theaterbegleitung, Dokumentation, Programmierung, Gestaltung, Übersetzung, Rechteklärung und langfristige digitale Archivierung.

Für den Atelierbetrieb werden fachkundige Mitarbeiter für Wasser- und Strömungsmodelle, handwerkliche Stationen, Theater, Besucherbegleitung, Barrierefreiheit und digitale Erfassung benötigt. Für das interaktive Buch werden Programmierer, Informationsgestalter und Kooperationspartner aus Hochschulen, Instituten, Archiven und Werkstätten gebraucht.

Mit 77 Jahren arbeite ich an der Weiterführung meines Lebenswerkes weitgehend allein. Die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ steht mir als tragendes Arbeitskollektiv nicht mehr zur Verfügung. Darin liegt eine persönliche und strukturelle Paradoxie: Ich habe eine „Globale Schwarm-Intelligenz“ entwickelt und stehe bei ihrer Fertigstellung selbst ohne ein tragendes Kollektiv sowie ohne die notwendigen technischen und finanziellen Mittel da.

Ziel des Gesamtvorhabens

Ziel ist es, den Menschen vom Knipser und Pfuscher zum Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit werden zu lassen. Er soll seine Wahrnehmungen, Rollen, Begriffe, Darstellungen und Systeme vergegenständlichen, vergleichen und an Voraussetzungen sowie Abhängigkeitskonsequenzen prüfen.

Die documenta 16 könnte mein Lebenswerk damit nicht nur erstmals angemessen verorten. Sie könnte seine künstlerischen Handwerkszeuge öffentlich verfügbar machen. Forschungskunst würde nicht nur gezeigt, sondern als gemeinsame Erkenntnis-, Zeugnis-, Prüf-, Korrektur- und Reparaturtätigkeit angewendet.

Die äußerste Verdichtung lautet:

Der Mensch wurde nicht unabhängig von der Natur. Er erfand Begriffe, Rollen und Systeme, durch die seine Abhängigkeit unsichtbar werden konnte. Forschungskunst macht diese Abhängigkeit und ihre Tätigkeitsfolgen wieder wahrnehmbar, vergleichbar und korrigierbar.