Anlage 1 – Ausgangsfrage und notwendige Verortung meines Lebenswerkes
Die Ausgangsfrage
Seit mehr als fünfzig Jahren untersuche ich in meiner Forschungskunst eine Frage, die durch die wachsenden planetarischen Krisen immer dringlicher wird: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, lernen, gestalten und die Folgen seines Handelns erkennen kann?
Der Mensch kann Katastrophen technisch genau untersuchen. In Maschinenbau, Medizin, Statik, Verkehr oder Luftfahrt werden Fehler analysiert, Maße korrigiert, Materialien geprüft und Sicherheitsverfahren verändert. Ein Werkstück passt oder passt nicht. Eine Konstruktion trägt oder bricht. Eine Behandlung wirkt, schadet oder muss angepasst werden. Innerhalb solcher Spezialbereiche hat der Mensch eine weitreichende Lernfähigkeit entwickelt.
Gleichzeitig kann er wissen, dass eine Tätigkeit Böden, Wasser, Klima, Körper oder Gemeinschaft beschädigt, und sie dennoch innerhalb seiner gesellschaftlichen Rolle als erfolgreich, rentabel, rechtmäßig oder alternativlos behandeln. Er kann die Folgen sprachlich anerkennen, ohne sein Tätigwerden zu verändern. Hier liegt die Zivilisationsparadoxie: Die technische Genauigkeit wächst, während der gemeinsame Maßstab für die Tragfähigkeit der gesellschaftlichen Gesamtentwicklung fehlt.
Meine Forschungskunst untersucht deshalb nicht nur, was ein Mensch weiß, glaubt, beabsichtigt oder behauptet. Sie untersucht den Übergang von der Vorstellung in die Tätigkeit und von der Tätigkeit in ihre Abhängigkeitskonsequenzen. Wahrnehmung, Begriff, Darstellung, Material, Handlung und Folge müssen wieder in einen gemeinsamen Prüfzusammenhang gebracht werden.
Forschungskunst als eigenständige Arbeitsweise
Ich bezeichne mich als forschenden Künstler und Handwerker, nicht als Wissenschaftler. Meine Arbeit beansprucht weder eine akademische Universalwissenschaft noch eine letzte Wahrheit. Sie stellt künstlerische Kontroll-, Vergleichs- und Prüfverfahren her, in denen unterschiedliche Wissensformen, Materialien, körperliche Erfahrungen, gesellschaftliche Rollen und Tätigkeitsfolgen einander begegnen können.
Diese Verfahren wurden meinen Werken nicht nachträglich als Theorie hinzugefügt. Sie sind in Fotografien, Plastiken, Bildern, Wellenbecken, Strömungsversuchen, Deichprofilen, Malbüchern, Schultafeln, Theaterformen, Aktionen, Tischen, Environments, Demokratiewerkstätten und digitalen Verknüpfungsmodellen praktisch angelegt. Das Werk ist nicht nur das fertige Objekt. Zum Werk gehören die Fragestellung, das Gegenüber, der Versuch, das Scheitern, die Korrektur, der Rezipient und die Verantwortung für das, was durch die Tätigkeit ausgelöst wird.
Forschungskunst beginnt mit dem Eingeständnis des Nichtwissens. Sie braucht ein Gegenüber, das nicht vollständig durch die eigene Vorstellung ersetzt werden kann: Wasser, Material, Körper, ein anderer Mensch, eine Geschichte oder eine widersprechende Erfahrung. Dieses Gegenüber ermöglicht Vergleich und Lernen. Wo nur noch die eigene Behauptung gilt, endet Forschung und beginnt Selbstbestätigung.
Die Notwendigkeit der Verortung
Mein Lebenswerk entstand zwischen Kunst, Handwerk, Naturbeobachtung, Technik, gesellschaftlicher Untersuchung, Beteiligung und öffentlicher Tätigkeit. Für einen auf das verkäufliche Einzelwerk ausgerichteten Kunstbetrieb war es häufig zu gesellschaftlich, handwerklich, prozessbezogen und fachübergreifend. Für wissenschaftliche Institutionen war es zu künstlerisch, biografisch und nicht an eine einzelne Fachzuständigkeit gebunden.
Diese Zwischenstellung ist kein Defizit, sondern Gegenstand der Arbeit. Meine Forschungskunst untersucht gerade jene Zusammenhänge, die durch Spezialisierung getrennt werden: Begriff und Wirklichkeit, Rolle und Mensch, Preis und Qualität, Eigentum und Existenzbedingung, technische Leistung und gesellschaftliche Tragfähigkeit, Absicht und Folge.
Die Bewerbung bei der documenta 16 ist deshalb nicht nur der Vorschlag für ein neues Projekt. Sie soll ein über fünf Jahrzehnte entstandenes Lebenswerk erstmals als zusammenhängenden Werkorganismus verorten. Ich verstehe mich dabei als Wegbereiter einer Forschungskunst, deren internationale kunstgeschichtliche Einordnung nicht von mir allein behauptet, sondern anhand der vorhandenen Werkspur geprüft werden soll.
Die documenta könnte dieses Werk nicht nur zeigen. Sie könnte seine Verfahren öffentlich anwendbar machen. Darin liegt der Übergang von der retrospektiven Verortung zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Tätigkeit.
