Anlage 2 – Der Mensch als Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz
Vom Fotografieren zum Knipsen
Der gemeinsame Nenner meiner Forschungskunst ist die Diagnose, dass der Mensch zum Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz geworden ist. Er gestaltet die Welt, ohne das Material seiner eigenen Existenz und die Gesamtfolgen seiner Eingriffe ausreichend zu kennen.
In der Fotografie besteht ein Unterschied zwischen Fotografieren und Knipsen. Fotografieren verlangt Wahrnehmung, Erfahrung und Kenntnis des Mediums. Licht, Zeit, Ausschnitt, Perspektive, Bewegung, Schärfe, Technik und beabsichtigter Ausdruck müssen aufeinander bezogen werden. Der Fotograf weiß, dass das Bild eine hergestellte Darstellung und nicht die Wirklichkeit selbst ist.
Der Knipser löst aus. Das Gerät kann trotzdem ein Bild erzeugen. Ein zufällig brauchbares Ergebnis beweist jedoch nicht die Fähigkeit, ein Ergebnis nachvollziehbar herzustellen, zu prüfen und zu korrigieren. Der Knipser kann zudem vergessen, dass Kamera, Ausschnitt und Zeitpunkt bereits entschieden haben, was sichtbar wird und was unsichtbar bleibt.
Übertragen auf die Zivilisationsgeschichte löst der Mensch fortwährend technische, wirtschaftliche, politische und kulturelle Prozesse aus. Er erzeugt Märkte, Eigentumsordnungen, Institutionen, Rollen und Selbstbilder und behandelt diese Hervorbringungen anschließend wie Eigenschaften der Wirklichkeit. Er knipst Bilder von Freiheit, Autonomie, Sicherheit, Fortschritt und Erfolg und hält die gesellschaftliche Anerkennung dieser Bilder für den Beweis ihrer Tragfähigkeit.
Pfusch als handwerklicher Prüfbegriff
Der Begriff des Pfuschens fügt einen handwerklichen Maßstab hinzu. Pfusch entsteht, wenn Maße nicht stimmen, Materialien falsch eingesetzt, Toleranzen missachtet, Verbindungen schlecht hergestellt oder Belastungsgrenzen ignoriert werden. Eine gepfuschte Konstruktion kann äußerlich fertig und überzeugend erscheinen. Ihr Mangel wird oft erst unter Belastung sichtbar.
Der zivilisatorische Pfusch liegt nicht notwendig in der technischen Einzelleistung. Ein Motor kann funktionieren, eine Fabrik produzieren und eine digitale Plattform Daten verarbeiten. Der Pfusch entsteht, wenn diese Einzelleistungen nicht auf ihre Auswirkungen innerhalb der materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Abhängigkeiten geprüft werden. Technische Machbarkeit wird mit umfassender Tragfähigkeit verwechselt, wirtschaftliche Verwertbarkeit mit Qualität und rechtliche Verfügung mit tatsächlicher Hervorbringung.
Der Mensch entwickelt äußerste Genauigkeit beim Kaufen, Verkaufen, Handeln, Bewerten und Sichern von Vorteilen. Preise, Renditen und Marktwerte werden bis in kleinste Einheiten berechnet. Gegenüber seinem eigenen Körperorganismus und den Bedingungen, von denen er lebt, bleibt er dagegen häufig unkundig. Er kennt den Preis eines Produkts, aber nicht dessen Stoff- und Folgenzusammenhang. Er kennt Besitzgrenzen, aber nicht die Belastungsgrenzen von Boden, Wasser, Körper und Gemeinschaft.
Der Körper als erstes Referenzsystem
Der Körper müsste das erste Referenzsystem des Menschen sein. Atmung, Hunger, Erschöpfung, Schmerz, Krankheit, Beziehung und Regeneration zeigen, dass Leben innerhalb von Toleranzräumen funktioniert. Der Mensch behandelt diese Rückmeldungen jedoch oft nur als Störungen seiner gesellschaftlichen Leistungsfähigkeit. Er entwirft sich als Maschine, obwohl gerade Maschinen nur funktionieren, weil Maße, Toleranzen, Wartung und Materialgrenzen berücksichtigt werden.
Der Mensch ist keine Maschine ohne Toleranzräume. Er ist ein lebendiger Stoffwechsel- und Beziehungsorganismus. Seine Anpassungsfähigkeit ist groß, aber nicht grenzenlos. Wenn er die gesellschaftliche Rolle über den Körper stellt, entsteht eine Existenzform, in der der Organismus die Folgen einer symbolischen Ordnung austragen muss, die sich selbst für unabhängig erklärt.
Die Begriffe Knipser und Pfuscher richten sich nicht als Beschimpfung gegen einzelne Menschen. Sie benennen eine gesellschaftlich erzeugte Arbeitsweise, an der Künstler, Wissenschaftler, Institutionen, Konsumenten und Entscheidungsträger beteiligt sind. Auch meine eigene Tätigkeit bleibt davon nicht ausgenommen. Forschungskunst muss deshalb ihre eigenen Modelle denselben Zweifeln und Prüfungen aussetzen.
Ihr Ziel ist der Übergang vom Knipser und Pfuscher zum Forschungskünstler der eigenen Tätigkeit: wahrnehmen, darstellen, herstellen, erproben, vergleichen, korrigieren, reparieren und zum richtigen Zeitpunkt verantwortlich loslassen.
