Anlage 5 – Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich, Skulpturidentität und Statement-Gesellschaft

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Das gespaltene Selbstverständnis

Der Mensch wird häufig so beschrieben, als bestehe er aus zwei nur unzureichend verbundenen Bereichen. Auf der einen Seite steht der Körperorganismus mit seinen Tätigkeiten und Abhängigkeitskonsequenzen. Auf der anderen Seite stehen Name, Rolle, Eigentum, Beruf, Status, Freiheit, Identität und öffentliche Selbstdarstellung. Beide Bereiche werden miteinander verschmolzen, als seien gesellschaftliche Zuschreibungen körperliche Eigenschaften.

Das Kopplungs-Ich bezeichnet den verletzbaren, stoffwechselnden und auf Beziehungen angewiesenen Menschen. Es ist an Luft, Wasser, Nahrung, Temperatur, Schlaf, Bewegung, Zuwendung und Regeneration gebunden. Seine Existenz hängt von Zusammenhängen ab, die es nicht selbst geschaffen hat.

Das Geltungs-Ich entsteht in der Symbol-, Rollen- und Anerkennungswelt. Es definiert sich über Leistung, Status, Eigentum, Anspruch, Profil und öffentliche Aussage. Beide Ebenen gehören zur menschlichen Wirklichkeit. Gefährlich wird ihr Verhältnis, wenn das Geltungs-Ich seine gesellschaftlichen Konstruktionen für grundlegender hält als die Bedingungen des Kopplungs-Ichs.

Person, Individuum und Rollenmaske

Der Begriff der Person führt historisch auch zur Rolle und Maske. Das Individuum bezeichnete das Unteilbare, wird aber in der neuzeitlichen Gesellschaft zunehmend als abgesondertes Einzelwesen verstanden. Der Mensch tritt als Konsument, Kunde, Produzent, Hersteller, Händler, Arbeitnehmer, Eigentümer, Patient, Experte oder Funktionsträger auf.

Diese Rollen sind nicht bloßer Schein. Sie organisieren Tätigkeiten und besitzen reale Folgen. Sie sind aber nicht der ganze Mensch. Der Mensch kann eine Rolle so vollständig übernehmen, dass er nicht mehr erkennt, wie ihre Regeln seine Wahrnehmung, seine Sprache und seine Entscheidungen bestimmen. Er spielt eine Rolle, ohne noch zu wissen, dass er spielt.

Das Theater besitzt deshalb in meiner Forschungskunst eine Erkenntnisfunktion. Der Darsteller kann die Rolle unterbrechen, wechseln und aus einer anderen Perspektive betrachten. Dadurch wird die Differenz zwischen Organismus, Person, Rollenidentität, Bühne, Regie und Requisitenwelt körperlich erfahrbar.

Skulpturidentität und plastisches Ich

Skulpturidentität bezeichnet eine durch Abgrenzung, Festlegung und Wegnahme verfestigte Rollenfigur. Sie sagt: Ich gehöre mir, ich bin frei, ich bestimme allein über mich. Diese Aussagen können wichtige Schutzrechte ausdrücken. Als vollständige Beschreibung des Menschen bleiben sie jedoch unbewiesene Selbstlegitimationen, weil kein Mensch sich selbst gezeugt, seinen Körper allein hervorgebracht oder seine Lebensbedingungen unabhängig geschaffen hat.

Das plastische Ich erkennt dagegen, dass es fortwährend geformt wird und selbst formt. Es ist nicht eigenschaftslos und nicht willenlos. Seine Selbstständigkeit entsteht gerade aus dem bewussteren Umgang mit Beziehungen, Abhängigkeiten und Folgen.

Ware, Kunde und Hersteller

Die Rollenwelt enthält widersprüchliche Identitäten. Derselbe Mensch ist Produzent und Produkt, Hersteller und Ware, Käufer und Verkaufender. Seine Arbeitskraft, Aufmerksamkeit, Gesundheit, Kreativität, Sexualität, Daten und Selbstdarstellung können verwertet werden. Der „Kunde“ gilt als kundig, obwohl er über Herstellung, Materialherkunft und Folgen eines Produkts oft wenig weiß.

Die Ware ist kein Ding an sich. Sie ist ein hervorgebrachter Gegenstand oder eine Leistung in einer gesellschaftlichen Tausch- und Preisbeziehung. Wird der Warencharakter mit dem Wesen des Gegenstands oder Menschen verwechselt, verschwindet der Herstellungs-, Abhängigkeits- und Folgenzusammenhang hinter dem Preis.

Auch das historische neutrale „das Mensch“, das später regional abwertend für Frauen oder sozial niedriger gestellte Personen gebraucht wurde, ist kein Beweis für das Wesen des Menschen. Es zeigt vielmehr, wie Sprache Personen gesellschaftlich einordnet und entwürdigen kann. Grammatisches Geschlecht ist kein philosophischer Beweis. Die Bedeutungsverschiebung gehört jedoch zur Untersuchung der sprachlichen Skulpturierung von Rollenidentitäten.

Statement-Gesellschaft und Verletzungswelt

Die Verletzungswelt ist die materielle und lebendige Wirklichkeit, in der Tätigkeiten tatsächliche Folgen haben. Körper können erkranken, Menschen verletzt, Böden unfruchtbar und Gewässer verschmutzt werden. Die scheinbare Unverletzungswelt besteht aus Begriffen, Verträgen, Preisen, Modellen, Rollen und digitalen Darstellungen, in denen Entscheidungen gefällt werden können, ohne dass der Entscheidende die Folgen unmittelbar am eigenen Körper erfährt.

Arbeitsteilung vergrößert diese Entfernung. Der Käufer sieht die Herstellung nicht. Der Eigentümer trägt die Langzeitfolgen einer Nutzung möglicherweise nicht. Der Entscheidungsträger erlebt die Verletzung nicht. Tätigkeit und Konsequenz fallen auseinander.

In der Statement-Gesellschaft wird die Bezeichnung wichtiger als die überprüfbare Tätigkeit. Unternehmen erklären sich für nachhaltig, Institutionen für offen, Menschen für authentisch und Politik für verantwortlich. Das Statement ermöglicht Haltung ohne Verantwortung und Identität ohne Prüfung.

Forschungskunst führt Aussage, Darstellung, Tätigkeit und Folge wieder zusammen. Sie prüft keine Person auf moralische Reinheit. Sie macht sichtbar, wie eine Rollenidentität entsteht, was sie ermöglicht, was sie verdeckt und welche Verletzungen durch sie organisiert oder verdrängt werden.