Anlage 7 – Soziale Plastik, 24-Stunden-Uhr und Millisekunden-Mensch
Das Kunst-, Maß- und Vergleichsmodell
Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ ist ein von mir künstlerisch ausgestaltetes Maß- und Vergleichsmodell, keine wörtliche Chronologie und keine Behauptung, die allgemeine Methode der Erdzeitskalierung erfunden zu haben. Überträgt man die rund 4,54 Milliarden Jahre umfassende Erdgeschichte proportional auf vierundzwanzig Stunden, entspricht eine Stunde ungefähr 189 Millionen Jahren, eine Minute rund 3,15 Millionen Jahren und eine Sekunde etwa 52.500 Jahren.
Die Gattung Homo tritt auf dieser Skala erst innerhalb der letzten Minute auf. Homo sapiens erscheint ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Die technisch-industrielle und digitale Zivilisation beansprucht nur einen winzigen Bruchteil der letzten Sekunde. „Millisekunden-Mensch“ bezeichnet deshalb nicht die biologische Dauer der Menschheit, sondern die extreme Kürze der Zivilisationsform, die sich dennoch zur maßgeblichen Gestalterin des Planeten erklärt.
Die vorausgehenden 23 Stunden und 59 Minuten stehen für die lange physikalische, geologische und biologische Entstehungs- und Anpassungsgeschichte, in die der Mensch im äußersten Schlussabschnitt eintritt. Diese Prozesse enden nicht mit seinem Auftreten. Sie wirken weiter und bestimmen sein Funktionieren oder Nichtfunktionieren.
Zwei Anpassungsverständnisse
Lebendige Anpassung bedeutet nicht freiwillige Unterordnung unter eine Autorität. Sie bezeichnet das Verhältnis zwischen Organismen und ihren veränderlichen Lebensbedingungen. Kein Lebewesen kann sich beliebig an alles anpassen. Anpassungsfähigkeit existiert innerhalb von Grenzen, Kosten, Zeiträumen und Rückkopplungen.
Das gesellschaftliche Anpassungsverständnis des Millisekunden-Menschen richtet sich dagegen häufig auf Preise, Märkte, Rollen, Karriere, Konsum und technische Systeme. Der Mensch passt seinen Körper dem Arbeitsrhythmus, seine Aufmerksamkeit der Werbung und sein Verhalten dem Geschäftsmodell an. Anschließend erklärt er diese Anpassung zur Freiheit oder Selbstverwirklichung.
Er glaubt, sich durch Tarnungs- und Täuschungsmechanismen vor der 24-Stunden-Uhr verbergen zu können. Doch atmosphärische, stoffliche, körperliche und ökologische Rückmeldungen lassen sich nur verzögern, verlagern oder auf andere abwälzen. Sie lassen sich nicht durch ein Statement aufheben.
Tragwirklichkeit statt Naturgesetz-Romantik
Die lange Erdgeschichte ist kein harmonisches Ideal und kein Beweis einer moralisch guten Natur. Sie zeigt jedoch, dass Organismen und Systeme nur innerhalb bestimmter Bedingungen fortbestehen. Kein gesellschaftliches Regelwerk kann Schwerkraft, Stoffwechsel, Wasserbedarf, Regenerationszeiten oder endliche Materialmengen außer Kraft setzen.
Der Mensch kann Eigentum, Preise, Märkte und Rechte erfinden. Er kann nicht beschließen, dass verbrauchter Boden sich sofort erneuert, dass Abfall verschwindet oder dass ein verletzter Körper grenzenlos leistungsfähig bleibt. Die falsche Rangordnung muss deshalb umgekehrt werden: Nicht die Erde hat ihre Bedingungen den menschlichen Entwürfen anzupassen. Menschliche Entwürfe müssen ihre Tragfähigkeit innerhalb der gemeinsamen Existenzbedingungen beweisen.
Acht Milliarden Tätigkeitszentren
Heute beteiligen sich mehr als acht Milliarden Menschen an der Formung planetarischer Wirklichkeit. Das bedeutet nicht, dass alle dieselbe Macht, Verantwortung oder Verursachung besitzen. Eigentum, Ressourcenverbrauch und Entscheidungsmacht sind extrem ungleich verteilt. Dennoch ist jeder Mensch in Tätigkeits-, Rollen- und Folgenzusammenhänge eingebunden.
Soziale Plastik zu Ende gedacht bedeutet deshalb nicht nur, Gesellschaft nach menschlichen Vorstellungen zu gestalten. Sie verlangt eine öffentliche Prüfung, ob diese Gestaltungen innerhalb der vorausliegenden Wirklichkeit tragen. Die Leitfrage lautet nicht: Welche Zukunft können wir uns vorstellen? Sie lautet zusätzlich: Welche dieser Vorstellungen übersteht die Gegenprobe ihrer materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Folgen?
