Anlage 8 – Werkgenese meiner Forschungskunst seit 1975

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Frühe Natur- und Körpererfahrungen

Meine Forschungskunst ist nicht aus einer einzelnen Theorie entstanden. Sie entwickelte sich aus Naturbeobachtung, Handwerk, Fotografie, Bildhauerei, Strömungsforschung, Beteiligung und gesellschaftlicher Tätigkeit.

Ich wurde am 28. September 1948 in Ratzeburg geboren. Meine Kindheit war durch Gartenarbeit, Landwirtschaft, Knicks, Moore, Wasser, Bienen und Vögel geprägt. Natur erschien mir nicht als romantische Landschaft, sondern als Zusammenhang von Boden, Wasser, Pflanzen, Tieren, Nahrung und menschlicher Tätigkeit.

An den Bienenvölkern meines Vaters beobachtete ich, wie aus begrenzten Einzelwahrnehmungen durch Austausch und Rückkopplung eine kollektive Orientierungsfähigkeit entsteht. Darin liegt eine frühe praktische Grundlage der späteren Kollektiven Kreativität und der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.

Handwerk, Fotografie und Werbung

Von 1965 bis 1969 absolvierte ich eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Dort lernte ich Maß, Passung, Toleranz, Materialverhalten, Belastung, Verschleiß, Funktionieren und Nichtfunktionieren als praktische Erkenntniskriterien kennen. Das Material antwortet unabhängig von der Selbstdarstellung seines Bearbeiters. Diese Erfahrung wurde zum grundlegenden Prüfmaßstab meiner Forschungskunst.

Von 1968 bis 1973 arbeitete ich als Fotojournalist, von 1970 bis 1973 leitete ich eine Werbeagentur. Dadurch lernte ich sowohl die beobachtende als auch die wirklichkeitskonstruierende Macht des Bildes kennen. Werbung fügt Gegenständen Eigenschaften wie Freiheit, Erfolg, Schönheit oder Sicherheit hinzu, obwohl diese Eigenschaften nicht materiell in ihnen enthalten sind. Hier wurde die Verwechslung von vorhandener und hineingedachter Eigenschaft praktisch sichtbar.

1972/73 entstanden in Lüneburg das Film-Musical „Die Alte Salzstraße“, ein Galerie- und Kulturbüro sowie die Jugendzeitung „drei mal links – liberal, lustig“. 1973/74 entwickelte ich in Hermannsburg eine szenische Folge zu vorausgesagten menschengemachten Katastrophen und formulierte die Frage: „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“

Kunststudium und Experimentelle Umweltgestaltung

Von 1974 bis 1980 studierte ich Bildhauerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. 1975 war ich Assistent bei Professor Neuenhausen. Studienaufenthalte führten 1975/76 nach Paris und Florenz; seit 1985 folgten regelmäßige Aufenthalte auf Kreta.

1975 begann und 1976 präsentierte ich meinen Studien- und Arbeitsansatz „Experimentelle Umweltgestaltung“. Umwelt verstand ich als Milieu: als Zusammenhang materieller, körperlicher, sozialer, kultureller und symbolischer Bedingungen. Der Ansatz sollte bildnerische, plastische, fotografische, handwerkliche, technische, darstellerische und gesellschaftliche Arbeitsweisen in einem generalistischen Formendenken verbinden.

Es entstanden Wellenbecken, Strömungsversuche, Deichprofile nach dem Vorbild des Biberdamms, Klangbilder, Video-Farbverschiebungen, das Auto als Tötungsinstrument, das asymmetrische Auto, Non-finito-Vorgaben und Versuche mit Hirnstrommessungen.

An der Wellenmaschine wurde der Unterschied zwischen Zeichen und Funktion sichtbar. Ein gezeichneter Kreis ist kein funktionierender Exzenter. Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht. Das Werk stellte Bedingungen her, unter denen das Material selbst auf den Impuls antwortete. Damit wurde das Kunstobjekt zum Prüfobjekt.

Malbücher, Roter Punkt und Tausend-Menschen-Methode

Aus den Vorgabebildern entwickelten sich zwischen 1976 und 1978 das Erwachsenen-, Autobahn-, Telefon- und Fußgängermalbuch, Krickelkrackel-Arbeiten und ein Studio-Malbuch für „3 nach 9“. Die Arbeiten untersuchten Vorgabe, Gehorsam, eigene Spur, Abweichung und vorsprachliche Kommunikation.

Mit dem „Roten Punkt der Mitmenschlichkeit und Kommunikation“ entstand ein sichtbares Zeichen für Begegnungsbereitschaft. Die Tausend-Menschen-Methode ließ viele Menschen mit derselben Vorlage oder Frage arbeiten, ohne ihre Unterschiede aufzulösen. Nicht die einheitliche richtige Antwort, sondern die vergleichbare Vielfalt begrenzter Wahrnehmungen wurde zum Material.

Theater, Schultafel und gesellschaftliche Werkstatt

Zwischen 1980 und 1990 folgten in Hamburg und Berlin Mitmachkonzepte, ein taz-Happening, Aktionen im Arbeitslosenzentrum und an der Volksuni, die Kampnagel-Initiative „Wohnen – Kultur – Arbeiten“, die Tschernobyl-Aktion, die Frage „Was ist Deutschland?“ und Frage-und-Antwort-Tische.

Performances nach dem Soforttheater Augusto Boals, Arbeiten zum Mann im Kleid, Körperempfindungen, Strömungsspiele, der schwarze Kubus in einer dänischen Dünenlandschaft und „Der vergoldete Spaten“ erweiterten die Forschungskunst um körperliche, darstellerische und öffentliche Verfahren.

1989 entstanden die Schultafelbilder „Staumauer“ zum Verhältnis von DDR und BRD. Die Tafeln ermöglichten serielle Darstellung, Korrektur, Überschreibung und Löschung. Erkenntnis erschien nicht als unveränderliches Statement, sondern als sichtbarer Verlauf.

Von 1990 bis 1992 folgten Aktionen zum neuen Deutschland, „Ein Künstler kämpft gegen die Mauer in den Köpfen“, Demokratiewerkstätten, „Farben der Revolution“ und Arbeiten am Runden Tisch.

Schöpfungsgeschichte, Kunsthalle und Kollektive Kreativität

Im Garten im Eiszeittal von Lübeck entstand die „Schöpfungsgeschichte“ mit Tanglandschaft, Abendmahltisch und abgeformten Strömungslandschaften. Organische Wachstums- und Verlaufsformen wurden menschlichen Herrschafts- und Konstruktionsformen gegenübergestellt. Die natürliche Strömung brachte zunächst eine Form hervor, die anschließend handwerklich abgeformt und künstlerisch vergegenständlicht wurde.

1992 gründete ich die „Temporäre Kunsthalle“ in Ratzeburg mit dem Ausstellungszyklus „Sozialer Organismus Katharsis“. Ab 1993 entstanden in Berlin die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, Ausstellungen zu Einheit, Zivilcourage und innerer Mauer, das Globale Dorffest, tausend Tapeziertische, die Fax-Vernetzungs-Patenschaft, die „Partei der Wirklichkeit“, Zukunftswerkstätten und das Konzept des Entelechie-Museums.

Partizipatorisches Welttheater und digitale Weiterführung

Von 2005 bis 2019 entwickelte ich das „Partizipatorische Welttheater“ als reales und digitales Ausstellungsmodell. Besucher sollten Fragen stellen, Antworten geben, Rollen wechseln und sich als plastische Grenzwesen in einer Lebensgemeinschaft aller Lebewesen erkennen.

2013 entstand das „Fest der Grenze“ am Brandenburger Tor, 2015 ein Modul des Partizipatorischen Welttheaters auf Kreta. 2016/17 wurden weitere Kooperations- und documenta-Konzepte entwickelt. 2019 folgte der Vorschlag einer Mitmachskulptur am Brandenburger Tor. Seit 2023 wird das interaktive Buch auf der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ weiterentwickelt.

Die digitale Phase löst die früheren Werke nicht ab. Sie führt Malbücher, Frage-und-Antwort-Systeme, Kollektive Kreativität und Partizipatorisches Welttheater weiter. Die Werkgenese zeigt eine durchgehende Bewegung: vom Bearbeiter einer Vorlage zum beteiligten Rezipienten, vom Mitgestalter zum Mitprüfenden und vom Mitprüfenden zum Forschungskünstler der eigenen Tätigkeit.