Anlage 9 – Gesellschaftliche Versuchsanordnungen und chronistische Werkspur

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Gesellschaft nicht nur darstellen, sondern untersuchen

Aus den frühen Arbeiten entwickelten sich Kollektive Kreativität, Demokratiewerkstätten, Grenzwerkstatt, Kunsthalle auf Zeit, Entelechie-Museum, Bürgerforum, Globales Dorffest, Partizipatorisches Welttheater und Globale Schwarm-Intelligenz.

Diese Projekte behandelten Gesellschaft nicht nur als Thema. Sie stellten Situationen her, in denen Rollen, Beteiligungsformen, Regeln, Entscheidungen und Wirklichkeitsentwürfe praktisch untersucht werden konnten. Die Teilnahme der Rezipienten war nie bloße Aktivierung oder Unterhaltung. Sie sollte zeigen, wie Menschen mit Vorgaben umgehen, welche Rollen sie übernehmen, wie sie Fragen formulieren und wie aus begrenzten Wahrnehmungen ein gemeinsamer Prüfzusammenhang entstehen kann.

Eine Versuchsanordnung ist keine neutrale Umgebung. Schon die Auswahl eines Raumes, eines Materials, einer Frage oder einer Regel setzt Bedingungen. Forschungskunst muss diese Anordnung selbst sichtbar und veränderbar halten. Sie darf ihre Regie nicht als Naturgesetz tarnen.

Die documenta-Bewerbungen als Werkspur

Meine acht documenta-Bewerbungen zwischen 1977 und 2017 sind keine voneinander unabhängigen Projektvorschläge. Sie bilden eine chronistische Werkspur. Die Entwicklung führt von Experimenteller Umweltgestaltung und Malbüchern über Rezeptionskunst, Entelechie-Museum und So-Heits-Gesellschaft zum Partizipatorischen Welttheater und zur Globalen Schwarm-Intelligenz.

Zur Werkspur gehören auch Anträge, Korrespondenzen, Kostenaufstellungen, Presseberichte, Ablehnungen, Missverständnisse und gescheiterte Kooperationen. Diese Materialien sind nicht nur Dokumente persönlicher Enttäuschung. Sie zeigen, wie Institutionen auf fachübergreifende, partizipative und schwer einzuordnende Kunstformen reagieren.

Die institutionellen Hindernisse werden damit selbst zu Werkmaterial. An ihnen werden Zuständigkeiten, Förderlogiken, Sicherheitsbedürfnisse und Rezeptionsgrenzen sichtbar. Daraus soll kein pauschaler Vorwurf gegen einzelne Personen entstehen. Sichtbar werden soll der strukturelle Widerspruch, dass ein öffentlich vorhandenes Werk über Jahrzehnte kuratorisch unsichtbar bleiben kann.

Die Erinnerung an eine Mitteilung über die Aufnahme einer frühen Arbeit in das documenta-Archiv ist bislang nicht durch das Originalschreiben gesichert. Auch die Zuordnung früher Kontakte zu Manfred Schneckenburger, Rudi Fuchs oder Jan Hoet muss anhand vorhandener Dokumente weiter geprüft werden. In einer einreichungsfähigen Fassung dürfen diese Erinnerungen daher nur als offene Archivfrage, nicht als bewiesene Tatsache erscheinen.

Die weibliche und griechisch-kretische Werkspur

In früheren documenta-Konzeptionen entwickelte sich eine weibliche und griechisch-kretische Werkspur. Geburtshöhle, Gebärmutter, Omphalos, Labyrinth, Ariadnefaden und archetypische Hochzeit sind keine mythologischen Dekorationen.

Die Geburt zeigt, dass kein Mensch sich selbst hervorbringt. Der Omphalos verweist auf die Nabelverbindung zu einer Herkunft, die der Einzelne nicht geschaffen hat. Das Labyrinth bezeichnet die Schwierigkeit menschlicher Orientierung; der Ariadnefaden eine Beziehungslinie, die durch die Verirrung führen kann.

Der gläserne Astronaut bildet das Gegenbild. Er erscheint technisch autonom und ist zugleich vollständig von Luft, Temperatur, Energie, Material und einer funktionierenden Hülle abhängig. Geburtshöhle und Astronaut stellen zwei Menschenbilder gegenüber: den körperlich rückgebundenen und den technisch abgeschirmten Menschen.

Diese Werkspur verbindet Körper, Herkunft, Abhängigkeit, Geschlechterrollen, Technik und Orientierung. Sie gehört in das So-Heits-Atelier, weil sie die unbewiesene Selbstkonstruktion des autonomen Individuums körperlich und bildhaft infrage stellt.