Anlagen 21.7.2026
Aus dem kurzen Anschreiben entsteht folgende vertiefende Anlagenstruktur:
Anlagenübersicht
- Ausgangsfrage und Entwicklung der Forschungskunst
- Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde
- Pflanzen, Tiere und die Kompatibilität mit den Existenzbedingungen
- Beim Menschen wird Kompatibilität zur künstlerischen Aufgabe
- Der Mensch als Künstler
- Der Mensch als Kunstwerk
- Hineingedachte Eigenschaften und die menschliche Als-ob-Welt
- Unverletzlichkeitswelt und Verletzungswelt
- Lernen braucht ein Gegenüber
- Der Markt als Trainings- und Rückmeldesystem
- Die Katastrophenwelt als Teil des menschlichen Kunstwerks
- Bildnerische Kunst als Erkenntnis- und Prüfverfahren
- Darstellende Kunst und die Offenlegung des Als-ob
- Das Vier-Ebenen-Modell als Prüfrahmen
- Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
- Das Soheits-Atelier des globalen Dorfes
- Globale Schwarmintelligenz als digitale Erweiterung
- Besucherdramaturgie und Beteiligung
- Künstlerisches Handwerkszeug als gesellschaftliche Grundfähigkeit
- Die Forderung des erweiterten Kunstbegriffs
Anlage 1: Ausgangsfrage und Entwicklung der Forschungskunst
Seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst die Frage, warum der Mensch trotz seiner Wahrnehmungsfähigkeit, seines Wissens und seiner technischen Leistungsfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Diese Frage richtet sich nicht nur auf einzelne politische, wirtschaftliche oder ökologische Fehlentwicklungen. Sie betrifft das menschliche Existenzverständnis selbst.
Der Mensch verfügt über die Fähigkeit, sich und seine Umwelt zu beobachten, Erfahrungen zu speichern, Modelle zu entwickeln, Folgen vorauszuberechnen und Fehler zu korrigieren. Trotzdem bringt er Systeme hervor, die seine körperlichen, gesellschaftlichen und planetaren Voraussetzungen beschädigen. Forschungskunst bedeutet für mich deshalb, die Trennung zwischen Wissen und Handeln, Vorstellung und Wirklichkeit sowie beabsichtigtem Werk und tatsächlichen Tätigkeitsfolgen künstlerisch zu untersuchen.
Die Kunst dient dabei nicht der nachträglichen Illustration wissenschaftlicher Erkenntnisse. Sie wird selbst zum Forschungs- und Prüfverfahren. Sie stellt Vorstellungen, Begriffe, Rollen, Materialien und Handlungen so gegenüber, dass ihre Voraussetzungen, Widersprüche und Konsequenzen wahrnehmbar werden.
Anlage 2: Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde
Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ ist ein künstlerisches Maß- und Vergleichsmodell. Sie überträgt die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen einzigen Tag. In diesem Maßstab erscheint Homo sapiens erst ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Die technisch-industrielle Entwicklung der vergangenen hundert Jahre umfasst knapp zwei Millisekunden.
Diese Verdichtung macht ein grundlegendes Missverhältnis sichtbar. Der Mensch lebt innerhalb von Existenzbedingungen, die sich über Milliarden Jahre herausgebildet haben. Dennoch behandelt er seine erst seit wenigen Millisekunden bestehenden wirtschaftlichen, technischen und gesellschaftlichen Ordnungen so, als besäßen sie eine größere Gültigkeit als die physikalischen und biologischen Bedingungen des Planeten.
Die Uhr ist deshalb kein bloßes Schaubild. Sie ist ein Prüfmaßstab für das menschliche Selbstverständnis. Sie konfrontiert die kurze Zeit menschlicher Zivilisation mit der Dauer und Komplexität jener Prozesse, von denen das menschliche Leben vollständig abhängig bleibt.
Anlage 3: Pflanzen, Tiere und die Kompatibilität mit den Existenzbedingungen
Pflanzen und Tiere leben in unmittelbarer Kompatibilität mit den funktionierenden Eigenschaften und Existenzbedingungen des Planeten Erde. Ihre Lebensformen, Wahrnehmungsweisen und Verhaltensmöglichkeiten haben sich in fortwährender Rückkopplung mit ihrer Umwelt entwickelt.
Diese Kompatibilität ist kein harmonischer oder konfliktfreier Zustand. Sie beruht auf einem ununterbrochenen Prozess von Funktionieren und Nichtfunktionieren, Anpassung, Konkurrenz, Kooperation, Schutz, Beuteverhalten, Tarnung und Täuschung. Jede Abweichung wird an ihren tatsächlichen Folgen überprüft. Eine Pflanze oder ein Tier kann seine Passung an die Umwelt nicht lediglich behaupten, durch einen Begriff ersetzen oder gesellschaftlich anerkennen lassen.
Über Milliarden Jahre vollzieht sich dadurch ein umfassendes Überlebenstraining. Die Rückmeldung der Wirklichkeit ist nicht verhandelbar. Wo eine Anpassung nicht trägt, wird sie korrigiert oder die betreffende Lebensform kann unter den gegebenen Bedingungen nicht bestehen.
Anlage 4: Beim Menschen wird Kompatibilität zur künstlerischen Aufgabe
Auch der Mensch bleibt körperlich, biologisch und planetarisch vollständig in diese Existenzbedingungen eingebunden. Er kann die Natur nicht verlassen und auch nicht unabhängig von ihren Bedingungen handeln. Er kann lediglich glauben, dies zu können, es wünschen oder sich so verhalten, als ob es möglich wäre.
Im Unterschied zu Pflanzen und Tieren entwickelt der Mensch jedoch Begriffe, innere Bilder, technische Modelle, Rollen, Wertordnungen und gesellschaftliche Systeme. Er gestaltet nicht nur innerhalb seiner Umwelt, sondern erzeugt Vorstellungen darüber, was die Wirklichkeit sei und welche Eigenschaften Menschen, Dingen und Verhältnissen zukommen sollen.
Damit wird die notwendige Kompatibilität mit den Existenzbedingungen zur künstlerischen Aufgabe. Der Mensch muss sein Wahrnehmen, Denken, Darstellen und Handeln mit einer Wirklichkeit in Beziehung setzen, die er nicht selbst geschaffen hat. Seine Freiheit besteht nicht darin, diese Bedingungen außer Kraft zu setzen, sondern darin, seine Gestaltungen innerhalb ihrer Grenzen verantwortlich zu entwickeln.
Anlage 5: Der Mensch als Künstler
Der Mensch wird zum Künstler, sobald er wahrnimmt, auswählt, deutet, kombiniert, Eigenschaften zuschreibt und durch seine Tätigkeiten Wirklichkeit verändert. Künstlersein beginnt daher nicht erst in einer Institution der Kunst und auch nicht erst mit der bewussten Herstellung eines anerkannten Kunstgegenstandes.
Der Mensch ist Künstler, wenn er ein Werkzeug herstellt, eine Wohnung einrichtet, eine Rolle entwickelt, ein Unternehmen gründet, ein Gesetz formuliert, einen Preis festsetzt, eine Landschaft verändert oder ein Bild seiner selbst erzeugt. Überall entstehen Formen, Ordnungen und Wirkungen, die ohne seine Vorstellungen und Tätigkeiten nicht vorhanden wären.
Dieser erweiterte Kunstbegriff ist keine allgemeine ästhetische Aufwertung menschlichen Handelns. Er bezeichnet Urheberschaft. Wer gestaltet, bringt ein Werk hervor. Damit entsteht zugleich die Frage, ob der Mensch auch die Voraussetzungen und Folgen seines Werkes als zu diesem Werk gehörig anerkennt.
Anlage 6: Der Mensch als Kunstwerk
Der Mensch ist nicht nur Künstler, sondern zugleich Kunstwerk. Er gestaltet sich nicht aus sich selbst heraus. Sein Organismus, seine genetischen Voraussetzungen, seine Ernährung, seine Beziehungen, seine Sprache, seine Erziehung, seine Lebensräume und seine gesellschaftlichen Erfahrungen formen ihn fortwährend.
Auch seine eigenen Tätigkeiten wirken auf ihn zurück. Die Rollen, technischen Systeme und gesellschaftlichen Ordnungen, die er hervorbringt, verändern seine Wahrnehmung, seine Bedürfnisse, seine Bewegungsmöglichkeiten und sein Selbstverständnis. Der Mensch wird deshalb durch sein Werk selbst weitergeformt.
Der Begriff des Menschen als Kunstwerk bezeichnet somit keine abgeschlossene Gestalt. Der Mensch ist ein verletzbarer, unabgeschlossener und rückgekoppelter Entstehungsprozess. Sein Werkverständnis muss einschließen, dass er zugleich Urheber, Material, Ausführender, Betroffener und Träger der Folgen seiner eigenen Gestaltung ist.
Anlage 7: Hineingedachte Eigenschaften und die menschliche Als-ob-Welt
Der Mensch versieht die Wirklichkeit mit Eigenschaften, die nicht als physikalische oder biologische Eigenschaften in den Dingen selbst vorhanden sind. Er denkt Wert, Eigentum, Status, Verfügbarkeit, Fortschritt, Unabhängigkeit, Macht oder gesellschaftliche Bedeutung in Menschen, Gegenstände und Verhältnisse hinein.
Diese Zuschreibungen sind nicht wirkungslos. Sie werden durch Sprache, Geld, Verträge, Institutionen, Gesetze und gesellschaftliche Anerkennung stabilisiert. Dadurch können hineingedachte Eigenschaften reale Tätigkeiten auslösen und tiefgreifende materielle Konsequenzen erzeugen.
Ein Grundstück besitzt beispielsweise nicht von sich aus die physikalische Eigenschaft, einer bestimmten Person zu gehören. Dennoch entscheidet die gesellschaftlich anerkannte Zuschreibung des Eigentums darüber, wer es betreten, nutzen, verkaufen, bebauen oder zerstören darf. Eine gedachte Eigenschaft wird damit zur Grundlage wirklicher Eingriffe.
Die menschliche Als-ob-Welt entsteht dort, wo solche Zuschreibungen behandelt werden, als seien sie unveränderbare Eigenschaften der Wirklichkeit. Der Mensch handelt dann so, als könne eine gesellschaftliche Vereinbarung die materiellen und biologischen Konsequenzen seines Handelns bestimmen oder außer Kraft setzen.
Anlage 8: Unverletzlichkeitswelt und Verletzungswelt
Ideen, Fantasien, Inspirationen, Begriffe und innere Bilder entstehen zunächst in einer Vorstellungswelt. Dort können Eigenschaften, Zusammenhänge und Wirkungen beliebig hineingedacht werden. Diese innere Welt erscheint unverletzlich, weil das vorgestellte Modell noch keinem materiellen Widerstand ausgesetzt ist.
Erst durch die Tätigkeit gelangt die Vorstellung in die Verletzungswelt. Sie trifft auf Material, Gewicht, Raum, Körper, Energie, Zeit, Begrenzung und Widerstand. Jede Handlung verändert etwas und erzeugt Konsequenzen. Das Material antwortet durch Verformung, Spannung, Bruch, Verschleiß oder Verlust.
Der entscheidende Lernprozess entsteht im Vergleich zwischen beiden Welten. Die innere Vorstellung muss mit dem tatsächlich entstehenden Werk und seinen Folgen konfrontiert werden. Der Mensch kann an seiner ursprünglichen Idee festhalten, sie gegen die Wirklichkeit durchsetzen oder sich durch das Gegenüber korrigieren lassen.
Die existenzielle Gefahr beginnt dort, wo der Mensch die Eigenschaften seiner inneren Unverletzlichkeitswelt auf die verletzbare Wirklichkeit überträgt und so handelt, als seien Organismen, Landschaften und planetare Systeme unbegrenzt verfügbar oder reparierbar.
Anlage 9: Lernen braucht ein Gegenüber
Lernen setzt einen Unterschied voraus. Es benötigt ein Gegenüber, ein Modell, einen Maßstab oder ein Referenzsystem, an dem Wahrnehmungen, Vorstellungen und Tätigkeiten verglichen werden können. Ohne Abweichung und Rückmeldung entsteht kein Lernen, sondern lediglich Wiederholung und Bestätigung.
In der bildnerischen Kunst wird das entstehende Werk zum Gegenüber des Künstlers. Die ursprüngliche Vorstellung trifft auf die Eigenschaften des Materials. Der Künstler muss fortwährend vergleichen, korrigieren, neu entscheiden und erkennen, wann ein weiterer Eingriff das Werk verbessert oder beschädigt.
Auch gesellschaftliche Lernprozesse beruhen auf Gegenüberstellungen. Entscheidend ist jedoch, welches Modell als maßgeblich gilt. Wenn Markt, Preis, Konkurrenz und Anerkennung die wichtigsten Rückmeldesysteme bilden, trainiert der Mensch vor allem seine Anpassung an deren Anforderungen.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht nur, ob der Mensch lernt, sondern woran er lernt. Lernt er, seine Existenzbedingungen zu verstehen und zu erhalten, oder lernt er vor allem, wie sich Menschen, Fähigkeiten, Dinge und Naturbedingungen wirtschaftlich verwerten lassen?
Anlage 10: Der Markt als Trainings- und Rückmeldesystem
Der Markt ist zu einem der präzisesten gesellschaftlichen Trainingssysteme des Menschen geworden. Er lehrt, Nachfrage zu erkennen, Angebote zu entwickeln, Preise auszuhandeln, Konkurrenz zu beobachten, Aufmerksamkeit zu gewinnen und Produkte möglichst erfolgreich zu verkaufen.
Der Mensch trainiert dabei nicht nur die Verwertung äußerer Gegenstände. Er lernt, auch seine Zeit, seine Fähigkeiten, sein Wissen, sein Auftreten, seine Beziehungen und sein eigenes Ich als wirtschaftlich verwertbare Einheiten darzustellen. Er muss sich anbieten, spezialisieren, unterscheiden und seinen gesellschaftlichen Nutzen überzeugend präsentieren.
Geld wird dadurch zu einem dominierenden Rückmeldungssystem. Was sich verkauft, erscheint als erfolgreich und damit häufig auch als richtig. Der wirtschaftliche Erfolg sagt jedoch nichts darüber aus, ob ein Produkt oder eine Tätigkeit mit den langfristigen Existenzbedingungen vereinbar ist.
Der Markt überprüft in erster Linie die Verkäuflichkeit. Die physikalischen, biologischen und planetaren Folgen bleiben häufig außerhalb des unmittelbaren Geschäfts und werden auf andere Menschen, Lebensräume oder zukünftige Generationen verlagert.
Anlage 11: Die Katastrophenwelt als Teil des menschlichen Kunstwerks
Wenn der Mensch durch seine Vorstellungen und Tätigkeiten zum Künstler wird, gehören nicht nur seine beabsichtigten Produkte zu seinem Kunstwerk. Auch unbeabsichtigte Folgen, ausgelagerte Schäden, unterlassene Korrekturen und langfristige Konsequenzen sind Bestandteile des tatsächlich hervorgebrachten Werkes.
Umweltzerstörung, Artenverlust, vergiftete Böden, technische Ruinen, ausgebeutete Landschaften und klimatische Veränderungen sind deshalb nicht außerhalb des menschlichen Werkes entstanden. Sie sind Konsequenzspuren menschlicher Vorstellungen, Entscheidungen und Tätigkeiten.
Dies bedeutet nicht, Katastrophen ästhetisch aufzuwerten oder sie im herkömmlichen Sinne zu Kunst zu erklären. Der Begriff Kunstwerk dient hier dazu, Urheberschaft und Verantwortung sichtbar zu machen. Der Mensch kann den wirtschaftlichen Gewinn als sein Werk anerkennen und zugleich die entstehenden Schäden als bloße Nebenwirkungen abspalten.
Das vollständige Kunstwerk umfasst jedoch die Idee, das verwendete Material, den Herstellungsprozess, das Produkt, seine Nutzung, seinen Verschleiß und sämtliche sozialen, körperlichen und planetaren Folgen. Erst diese Erweiterung macht die tatsächliche Gestalt des Werkes erkennbar.
Anlage 12: Bildnerische Kunst als Erkenntnis- und Prüfverfahren
Die bildnerische Kunst überführt Vorstellungen in Material, Form, Farbe, Oberfläche, Gewicht, Raum und Zeit. Dadurch wird eine innere Idee zu einem sichtbaren und verletzbaren Gegenüber.
Das Material besitzt eigene Eigenschaften. Es kann nicht beliebig behandelt werden, ohne zu reagieren. Es widersetzt sich, verformt sich, trägt, bricht oder verändert seine Erscheinung. Der Künstler muss lernen, diese Rückmeldungen wahrzunehmen und seine Vorstellung entsprechend weiterzuentwickeln.
Bildnerisches Handwerkszeug bedeutet deshalb mehr als die Beherrschung einer Technik. Es umfasst genaues Sehen, Unterscheiden, Vergleichen, Proportionieren, Eingreifen, Zurücknehmen und Loslassen. Das entstehende Werk zeigt, in welchem Verhältnis die Vorstellung des Künstlers zu den Eigenschaften des Materials steht.
Auf gesellschaftliche und ökologische Prozesse übertragen, kann die bildnerische Kunst unsichtbare Konsequenzen vergegenständlichen. Materialströme, Energieverbrauch, Abhängigkeiten und Zerstörungsspuren können eine Form erhalten und dadurch als Bestandteile des menschlichen Werkes wahrgenommen werden.
Anlage 13: Darstellende Kunst und die Offenlegung des Als-ob
Die darstellende Kunst untersucht den Menschen als Träger von Rollen, Verhaltensmustern, Erwartungen und Selbstbildern. Im Theater wird ausdrücklich sichtbar, dass ein Mensch etwas darstellt und dabei eine Rolle, Sprache, Haltung oder Identität annimmt.
Im gesellschaftlichen Alltag bleibt diese Darstellung häufig unerkannt. Der Mensch behandelt seine Rolle als Arbeitnehmer, Käufer, Eigentümer, Experte, Politiker oder Künstler so, als sei sie seine unmittelbare und natürliche Identität. Das erlernte Verhalten erscheint als authentisches Ich.
Die darstellende Kunst kann diese Verwechslung transparent machen. Sie zeigt, wie Unabhängigkeit, Wissen, Kompetenz, Macht oder Sicherheit gespielt und gesellschaftlich bestätigt werden. Sie macht wahrnehmbar, dass auch das tägliche gesellschaftliche Funktionieren auf eingeübten Rollen und Als-ob-Strukturen beruht.
Das Rollentheater meiner Forschungskunst schafft deshalb Distanz zwischen dem Menschen und seiner Darstellung. Erst wenn er seine Rolle als Rolle erkennen kann, entsteht die Möglichkeit, ihre Voraussetzungen und Tätigkeitsfolgen zu überprüfen und sie gegebenenfalls zu verändern.
Anlage 14: Das Vier-Ebenen-Modell als Prüfrahmen
Die vier Ebenen bilden den Prüfrahmen, innerhalb dessen der Mensch sein Selbstbild und sein Existenzverständnis mit den tatsächlichen Bedingungen seines Funktionierens, seines Lebens, seines gesellschaftlichen Handelns und seiner Fähigkeit zur Korrektur konfrontieren kann.
Die erste Ebene betrifft die physikalisch-materiellen Bedingungen. Hier geht es um Raum, Energie, Gewicht, Widerstand, Grenze, Belastbarkeit und die unmittelbaren Folgen einer Tätigkeit. Entscheidend ist, ob etwas unter den gegebenen Bedingungen funktioniert oder nicht funktioniert.
Die zweite Ebene betrifft Leben, Organismus, Stoffwechsel, Regeneration und Verletzbarkeit. Ein lebender Organismus kann nicht nur technisch funktionieren. Er ist auf ein bestimmtes Milieu, auf Versorgung, Schutz, Erholung und die Erhaltung seiner Lebensbedingungen angewiesen.
Die dritte Ebene umfasst die menschlichen Symbol-, Rollen-, Eigentums-, Markt- und Geltungswelten. Hier entstehen Begriffe, Werte, Gesetze, Identitäten, gesellschaftliche Positionen und hineingedachte Eigenschaften. Diese Ebene besitzt große Gestaltungskraft, kann jedoch die Bedingungen der ersten beiden Ebenen nicht außer Kraft setzen.
Die vierte Ebene ist die Ebene der öffentlichen Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur. Auf ihr werden die Aussagen und Gestaltungen der dritten Ebene mit ihren materiellen, körperlichen und planetaren Folgen verglichen.
Anlage 15: Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung will den Menschen nicht durch eine neue Weltanschauung ersetzen oder zu einer vorgegebenen Überzeugung überreden. Sie schafft einen Raum, in dem Überzeugungen dargestellt, vergegenständlicht und an ihren Voraussetzungen und Folgen überprüft werden können.
Eine Überzeugung wird dabei nicht allein nach ihrer sprachlichen Geschlossenheit oder gesellschaftlichen Anerkennung beurteilt. Entscheidend ist, welche Tätigkeiten aus ihr hervorgehen, welche Konsequenzen sie erzeugt und welche Rückmeldung sie korrigieren könnte.
Die Besucher sollen deshalb nicht nur Aussagen betrachten, sondern selbst vergleichen, handeln, entscheiden und beobachten. Ihre eigenen Interessen, Wünsche, Rollen, Begriffe und Selbstbilder werden zum Ausgangsmaterial eines künstlerischen Prüfprozesses.
Die öffentliche Prüfung verwandelt den unbewusst gestaltenden Menschen nicht erst in einen Künstler. Sie macht sichtbar, dass er bereits Künstler ist und für die vollständige Gestalt seines Werkes Verantwortung trägt.
Anlage 16: Das Soheits-Atelier des globalen Dorfes
Für die documenta 16 schlage ich das „Soheits-Atelier des globalen Dorfes“ als begehbaren Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang vor. Das Atelier ist kein abgeschlossener Ausstellungsraum, in dem fertige Werke ausschließlich betrachtet werden. Es ist ein Arbeitsraum, in dem Betrachten, Darstellen, Herstellen, Vergleichen und Prüfen miteinander verbunden werden.
Ausgewählte Schlüsselwerke meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes werden darin zu Versuchsanordnungen. Malbücher und Roter-Punkt-Aktionen eröffnen persönliche und gemeinsame Interessenräume. Wasser- und Strömungsmodelle machen Anpassung, Widerstand, Unterspülung und Rückkopplung sichtbar. Das handwerkliche Passungsatelier untersucht die Beziehung zwischen Vorstellung, Werkzeug, Material und Ergebnis.
Schultafeln dienen der öffentlichen Begriffsarbeit. Im Rollentheater können gesellschaftliche Identitäten und Geltungsansprüche als Darstellungen erkannt werden. Frage-und-Antwort-Tische führen unterschiedliche Erfahrungen und Überzeugungen in einen überprüfbaren Zusammenhang.
Das Atelier macht die documenta damit nicht nur zu einem Ort der Präsentation, sondern zu einem Ort der gemeinsamen künstlerischen Forschung.
Anlage 17: Globale Schwarmintelligenz als digitale Erweiterung
Die Plattform „Globale Schwarmintelligenz“ bildet die digitale Erweiterung des Soheits-Ateliers. Sie verbindet mein Werkarchiv, interaktive Bücher, Besucherbeiträge, Begriffsarbeit und unterschiedliche Prüfmodelle.
Die Plattform soll keinen abgeschlossenen Wissensbestand präsentieren. Sie ist als offener Arbeits- und Vergleichsraum angelegt, in dem Menschen ihre Fragen, Beobachtungen und Erfahrungen einbringen und mit anderen Perspektiven sowie den vier Prüfungsebenen verbinden können.
Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als Wahrheitsinstanz verstanden. Sie dient als zusätzliches Instrument, um Begriffe zu vergleichen, Widersprüche aufzuspüren, alternative Formulierungen zu entwickeln und verborgene Voraussetzungen von Aussagen sichtbar zu machen. Auch ihre Antworten müssen überprüfbar und korrigierbar bleiben.
Die Verbindung von analogem Atelier und digitaler Plattform ermöglicht es, die während der documenta entstehenden Fragen und Ergebnisse weiterzuführen. Das Werk bleibt dadurch offen, ohne beliebig zu werden. Seine Offenheit erhält eine Prüfstruktur.
Anlage 18: Besucherdramaturgie und Beteiligung
Die Besucher treten nicht als bloße Empfänger einer fertigen künstlerischen Aussage in das Atelier ein. Sie beginnen mit ihren eigenen Fragen, Interessen, Vorstellungen und Überzeugungen.
Im ersten Schritt werden diese sichtbar gemacht. Im zweiten Schritt werden sie einer bildnerischen, materiellen oder darstellerischen Situation gegenübergestellt. Im dritten Schritt werden die entstehenden Tätigkeitsfolgen beobachtet und mit den ursprünglichen Erwartungen verglichen.
Das Vier-Ebenen-Modell ermöglicht anschließend eine genauere Einordnung. Welche Aussage betrifft eine physikalische Bedingung? Welche Folgen entstehen für einen lebenden Organismus? Welche Eigenschaften wurden lediglich gesellschaftlich zugeschrieben? Welche Rückmeldung könnte zu einer Korrektur führen?
Die Beteiligung besteht somit nicht nur im Mitmachen. Sie führt vom persönlichen Ausdruck über die Gegenüberstellung zur überprüfbaren Verantwortung.
Anlage 19: Künstlerisches Handwerkszeug als gesellschaftliche Grundfähigkeit
Wenn jeder Mensch durch seine Vorstellungen und Tätigkeiten Wirklichkeit gestaltet, muss künstlerisches Handwerkszeug als gesellschaftliche Grundfähigkeit verstanden werden.
Dazu gehören bildnerische Fähigkeiten wie genaues Wahrnehmen, Vergleichen, Proportionieren, Materialerfahrung und das Erkennen von Widerständen. Ebenso notwendig sind darstellerische Fähigkeiten: Rollen erkennen, Perspektiven wechseln, Selbstbilder darstellen und den Unterschied zwischen Person und gesellschaftlicher Funktion wahrnehmen.
Hinzu kommt die Fähigkeit, ein Werk loszulassen. Loslassen bedeutet, anzuerkennen, dass eine Hervorbringung eine eigene Wirklichkeit und Konsequenzspur entwickelt, die nicht vollständig durch die ursprüngliche Absicht kontrolliert werden kann.
Künstlerisches Handwerkszeug befähigt den Menschen dadurch nicht nur zum Hervorbringen, sondern zum Prüfen seiner Hervorbringungen. Erst diese Verbindung macht aus Gestaltung eine verantwortliche Tätigkeit.
Anlage 20: Die Forderung des erweiterten Kunstbegriffs
Der Satz, dass jeder Mensch Künstler ist, darf nicht bei einer allgemeinen Behauptung menschlicher Kreativität stehen bleiben. Er enthält eine weitreichende Forderung.
Wenn jeder Mensch durch seine Vorstellungen, Entscheidungen und Tätigkeiten an der Gestaltung der gemeinsamen Wirklichkeit beteiligt ist, muss er auch die Folgen dieser Gestaltung als Bestandteile seines Werkes anerkennen. Er kann sich nicht nur auf seine Absicht, seinen Auftrag oder seinen unmittelbaren Vorteil berufen.
Der erweiterte Kunstbegriff verbindet Freiheit mit Verantwortung. Er verlangt, die hineingedachten Eigenschaften von den tatsächlich wirksamen Eigenschaften zu unterscheiden, die eigene Darstellung zu erkennen, ein Gegenüber zuzulassen und sich durch Folgen korrigieren zu lassen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob der Mensch Künstler ist. Er ist es durch seine gestaltende Tätigkeit bereits. Die Frage lautet, ob er sein Künstlersein erkennt und bereit ist, das vollständige Kunstwerk seiner Zivilisation einschließlich der Katastrophen, Verletzungen und zerstörten Existenzbedingungen als sein Werk wahrzunehmen und zu verändern.
Diese Anlagen können dem kurzen Anschreiben vollständig beigefügt oder für eine Bewerbung auf etwa zehn zentrale Anlagen zusammengezogen werden.
Zehn zentrale Anlagen für die Bewerbung
- Ausgangsfrage, Werkentwicklung und Begriff der Forschungskunst Zusammenführung der bisherigen Anlagen 1 und 15.
- Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde als künstlerischer Prüfmaßstab Grundlage des zeitlichen Vergleichs zwischen Erdgeschichte, Homo sapiens und technisch-industrieller Zivilisation.
- Pflanzen, Tiere und die planetaren Bedingungen des Funktionierens Zusammenführung der bisherigen Anlagen 3 und 4: Anpassungsdynamik, Rückkopplung und die beim Menschen zur künstlerischen Aufgabe werdende Kompatibilität.
- Der Mensch als Künstler, Kunstwerk und Urheber seiner Tätigkeitsfolgen Zusammenführung der bisherigen Anlagen 5, 6 und 11. Dazu gehören auch Umweltzerstörung und Katastrophenwelt als Bestandteile des menschlichen Gesamtwerkes.
- Hineingedachte Eigenschaften, Unverletzlichkeitswelt und gesellschaftliches Als-ob Zusammenführung der bisherigen Anlagen 7 und 8: Vorstellung, Begriff, Selbstbild, Eigentum, Wert, Rolle und ihre Konfrontation mit der verletzbaren Wirklichkeit.
- Lernen, Markt und Verwertung des eigenen Ichs Zusammenführung der bisherigen Anlagen 9 und 10: Lernen als Vergleichsprozess und der Markt als dominierendes Trainings- und Rückmeldesystem.
- Bildnerische und darstellende Kunst als Erkenntnis- und Prüfverfahren Zusammenführung der bisherigen Anlagen 12, 13 und 19: Materialwiderstand, Rollenbewusstsein, Gegenüberstellung, Korrektur und Loslassen.
- Das Vier-Ebenen-Modell als öffentlicher Prüfrahmen Physikalisch-materielle Bedingungen, Leben und Verletzbarkeit, Symbol-, Rollen- und Geltungswelt sowie Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur.
- Das Soheits-Atelier des globalen Dorfes: Werke, Versuchsanordnungen und Besucherdramaturgie Zusammenführung der bisherigen Anlagen 16 und 18: räumliche Konzeption, Schlüsselwerke, Beteiligung und Weg vom Betrachten zum eigenen Tätigwerden.
- Globale Schwarmintelligenz und die Forderung des erweiterten Kunstbegriffs Zusammenführung der bisherigen Anlagen 17 und 20: digitale Erweiterung, interaktives Buch, künstliche Intelligenz als Vergleichsinstrument und Verantwortung des Menschen für sein gesamtes Werk.
Die zehn Anlagen sind so angelegt, dass jede einzeln lesbar bleibt und zugleich auf den gemeinsamen Werk- und Prüfzusammenhang verweist.
Anlage 1: Ausgangsfrage, Werkentwicklung und Begriff der Forschungskunst
Seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst die Frage, warum der Mensch trotz seiner Wahrnehmungsfähigkeit, seines Wissens, seiner technischen Leistungsfähigkeit und seiner Möglichkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Diese Frage bildet keinen nachträglich formulierten theoretischen Überbau meines Lebenswerkes. Sie entstand aus der praktischen künstlerischen Auseinandersetzung mit Material, Landschaft, Technik, gesellschaftlichen Rollen, menschlichen Verhaltensweisen und den Folgen konkreter Tätigkeiten.
Bereits meine damalige Bezeichnung „Experimentelle Umweltgestaltung“ zielte auf ein Kunstverständnis, das die Trennung zwischen künstlerischer Arbeit, wissenschaftlicher Forschung, handwerklicher Tätigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung infrage stellte. Umwelt war dabei nicht nur die sichtbare Landschaft. Sie umfasste den menschlichen Organismus, soziale Beziehungen, technische Systeme, wirtschaftliche Interessen, politische Regelwerke und die planetaren Bedingungen, innerhalb deren jede menschliche Tätigkeit stattfindet.
Forschungskunst bedeutet für mich deshalb nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse nachträglich künstlerisch zu illustrieren. Die Kunst selbst wird zum Verfahren der Erkenntnis. Sie stellt Vorstellungen, Begriffe, Materialien, Rollen und Tätigkeiten einander gegenüber. Sie erzeugt ein wahrnehmbares Gegenüber, an dem überprüft werden kann, ob eine Behauptung, ein Selbstbild oder ein gesellschaftliches Regelwerk mit seinen tatsächlichen Voraussetzungen und Folgen übereinstimmt.
Der Ausgangspunkt ist dabei immer eine Frage, eine Beobachtung, ein Zweifel oder eine Irritation. Daraus entsteht zunächst eine innere Vorstellung. Diese Vorstellung wird durch Zeichnung, Fotografie, Plastik, Modell, Schultafel, Performance, Theater, Sprache oder eine konkrete Versuchsanordnung vergegenständlicht. Erst in diesem Übergang von der Vorstellung zur Tätigkeit zeigt sich, welche Eigenschaften tatsächlich vorhanden sind und welche der Mensch lediglich in die Wirklichkeit hineingedacht hat.
Meine Forschungskunst untersucht deshalb nicht nur fertige Kunstgegenstände. Sie untersucht den gesamten Entstehungsprozess menschlicher Wirklichkeit: von der Idee über die Darstellung und Tätigkeit bis zu den materiellen, körperlichen, gesellschaftlichen und planetaren Konsequenzen. Das Werk endet nicht dort, wo der Künstler, Produzent, Politiker, Unternehmer oder Käufer seine Absicht als erfüllt betrachtet. Zum vollständigen Werk gehören auch die unbeabsichtigten Folgen, die ausgelagerten Schäden und die unterlassenen Korrekturen.
Die zentrale Frage lautet damit nicht nur: Was ist Kunst? Sie lautet auch: Wo beginnt menschliche Gestaltung, was bringt sie hervor, und wer übernimmt Verantwortung für das tatsächlich entstandene Werk? Forschungskunst wird auf diese Weise zur öffentlichen Überzeugungsprüfung. Sie verlangt nicht, eine These ungeprüft zu übernehmen. Sie schafft Situationen, in denen Vorstellungen und Tätigkeiten selbst vor ihren Voraussetzungen und Folgen Zeugnis ablegen müssen.
Anlage 2: Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde als künstlerischer Prüfmaßstab
Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ ist ein künstlerisches Maß- und Vergleichsmodell. Sie überträgt die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen einzigen Tag. Durch diese Verdichtung werden Zeitverhältnisse wahrnehmbar, die sich der menschlichen Alltagserfahrung gewöhnlich entziehen.
In diesem Maßstab erscheint Homo sapiens erst ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Die technisch-industrielle Entwicklung der vergangenen hundert Jahre umfasst knapp zwei Millisekunden. Die Welt, in der der heutige Mensch lebt und die er häufig für selbstverständlich, dauerhaft oder überlegen hält, entstand damit innerhalb eines kaum wahrnehmbaren Bruchteils der planetaren Entwicklung.
Die 24-Stunden-Uhr macht das Missverhältnis zwischen der Dauer der existenziellen Voraussetzungen und der Kürze der menschlichen Selbstermächtigung sichtbar. Die physikalischen, chemischen und biologischen Bedingungen, auf denen das menschliche Leben beruht, wurden nicht vom Menschen erfunden. Atmosphäre, Wasser, Temperaturbereiche, Stoffkreisläufe, Schwerkraft, Bodenbildung, Photosynthese, Zellstrukturen und die vielfältigen Wechselwirkungen des Lebens gingen dem Menschen voraus.
Trotzdem behandelt der Millisekunden-Mensch seine eigenen wirtschaftlichen, technischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Regelwerke häufig so, als könnten sie die Geltung dieser vorausliegenden Existenzbedingungen ersetzen. Wachstum, Eigentum, Profit, Preis, politische Zuständigkeit oder technische Machbarkeit werden zu entscheidenden Maßstäben erhoben, während die langfristige Tragfähigkeit der Tätigkeiten in den Hintergrund tritt.
Die Uhr ist deshalb kein neutrales Informationsdiagramm. Sie ist ein künstlerischer Prüfmaßstab für das menschliche Existenzverständnis. Sie stellt die Frage, mit welcher Berechtigung ein Wesen, das erst in den letzten Sekunden erscheint, seine millisekundenkurzen Regelwerke über die Bedingungen stellt, die seine Existenz überhaupt ermöglichen.
Die 24-Stunden-Uhr konfrontiert zwei unterschiedliche Zeit- und Lernsysteme. Auf der einen Seite stehen Milliarden Jahre physikalischer und biologischer Rückkopplung. Auf der anderen Seite steht eine sehr kurze Zivilisationsphase, die ihre eigenen Erfindungen beschleunigt, spezialisiert und globalisiert, ohne deren Konsequenzen im gleichen Maßstab wahrzunehmen.
Als künstlerische Versuchsanordnung kann die Uhr räumlich, bildnerisch, performativ und digital umgesetzt werden. Besucher können ihre eigene Lebenszeit, die Geschichte bestimmter Erfindungen, die Industrialisierung oder die sogenannte Große Beschleunigung in dieses Verhältnis eintragen. Dadurch wird aus abstrakter Erdgeschichte eine persönliche und gesellschaftliche Verortungsfrage: An welcher Stelle dieser Uhr stehe ich, welche Regelwerke bestimme ich mit, und welche vorausliegenden Bedingungen erkenne ich als nicht verhandelbar an?
Anlage 3: Pflanzen, Tiere und die planetaren Bedingungen des Funktionierens
Pflanzen und Tiere leben in unmittelbarer Abhängigkeit von den funktionierenden Eigenschaften und Existenzbedingungen des Planeten Erde. Sie können diese Bedingungen nicht durch Begriffe, Gesetze, Geld oder gesellschaftliche Vereinbarungen ersetzen. Ihre Lebensformen werden fortwährend daran überprüft, ob sie unter den gegebenen Bedingungen funktionieren oder nicht funktionieren.
Diese Kompatibilität ist nicht als romantische Harmonie zu verstehen. Die Natur ist keine konfliktfreie Friedensordnung. Leben vollzieht sich in Konkurrenz und Kooperation, in Beute- und Schutzverhalten, in Wachstum und Abbau, in Anpassung, Tarnung, Täuschung und wechselseitiger Abhängigkeit. Entscheidend ist jedoch, dass diese Strategien unmittelbar an die tatsächlichen Bedingungen der Umwelt rückgebunden bleiben.
Eine Pflanze kann nicht behaupten, mit Trockenheit kompatibel zu sein, wenn ihre Stoffwechsel- und Speichermechanismen dafür nicht ausreichen. Ein Tier kann seine Passung an Temperatur, Nahrung, Gelände oder Feinde nicht gesellschaftlich darstellen und dadurch ersetzen. Fehlende Kompatibilität wird durch reale Folgen beantwortet. Das Funktionieren oder Nichtfunktionieren ist nicht verhandelbar.
Über Milliarden Jahre hinweg vollzieht sich dadurch ein umfassendes Überlebenstraining. Jede Lebensform ist Ergebnis unzähliger Rückkopplungen zwischen Organismus und Umwelt. Körperbau, Sinnesorgane, Fortpflanzung, Stoffwechsel, Bewegungsformen und Verhaltensweisen sind keine frei erfundenen Eigenschaften. Sie haben sich innerhalb konkreter planetarer Bedingungen herausgebildet.
Auch Tarnung und Täuschung besitzen hier eine andere Funktion als in der menschlichen Gesellschaft. Bei Pflanzen und Tieren bleiben sie an begrenzte Überlebenssituationen gebunden. Sie dienen dem Schutz, dem Beutefang, der Fortpflanzung oder der Vermeidung von Konkurrenz. Sie können die physikalischen und biologischen Folgen des Handelns nicht dauerhaft außer Kraft setzen.
Beim Menschen werden diese natürlichen Mechanismen in symbolische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Systeme übertragen. Er erzeugt Werbung, Marken, Rollen, Eigentumsansprüche, politische Inszenierungen und Selbstbilder. Die Darstellung kann sich dabei immer weiter von den tatsächlichen Eigenschaften und Folgen entfernen.
Die Gegenüberstellung von Pflanzen, Tieren und Menschen soll nicht bedeuten, dass der Mensch zur Rückkehr in einen vermeintlich ursprünglichen Naturzustand aufgefordert wird. Sie dient der Erkenntnis, dass auch er ein verletzbarer Organismus innerhalb derselben planetaren Bedingungswelt bleibt. Seine besondere Fähigkeit zur Vorstellung und Gestaltung entbindet ihn nicht von dieser Wirklichkeit. Sie erhöht vielmehr seine Verantwortung.
Die künstlerische Aufgabe besteht deshalb darin, die unterschiedlichen Rückkopplungsformen sichtbar zu machen. Wie reagiert ein Material? Wie reagiert ein Organismus? Wie reagiert ein Ökosystem? Und wie lange kann der Mensch diese Rückmeldungen sprachlich, wirtschaftlich oder politisch umdeuten, bevor das Nichtfunktionieren nicht mehr verdeckt werden kann?
Anlage 4: Der Mensch als Künstler, Kunstwerk und Urheber seiner Tätigkeitsfolgen
Der Mensch wird bereits dadurch zum Künstler, dass er wahrnimmt, deutet, auswählt, Eigenschaften zuschreibt, Vorstellungen entwickelt und durch seine Tätigkeiten Wirklichkeit verändert. Künstlersein beginnt damit nicht erst im Museum, in der Kunsthochschule oder bei der bewussten Herstellung eines anerkannten Kunstgegenstandes. Es beginnt mit der menschlichen Fähigkeit, etwas hervorzubringen, das ohne seine Vorstellung und Tätigkeit nicht entstanden wäre.
Der Mensch gestaltet Gegenstände, Werkzeuge, Räume, Beziehungen, Rollen, Institutionen, Gesetze, Märkte, Städte und Landschaften. Er erzeugt Bilder seiner selbst und der Welt. Er bestimmt, was als wertvoll, nützlich, schön, erfolgreich, normal oder verfügbar gelten soll. In diesem umfassenden Sinne arbeitet er fortwährend an einem menschlichen Weltkunstwerk.
Zugleich ist der Mensch selbst Kunstwerk. Er ist nicht der souveräne Schöpfer seiner eigenen Existenz. Sein Organismus, seine genetischen Voraussetzungen, seine Sprache, seine Erziehung, seine Beziehungen, seine Nahrung, seine Wohnbedingungen und seine gesellschaftlichen Erfahrungen formen ihn. Auch die von ihm selbst hervorgebrachten Systeme wirken auf ihn zurück und verändern seine Wahrnehmung, seine Bedürfnisse und sein Verhalten.
Der Mensch ist daher gleichzeitig Künstler, Material, Darsteller, Betrachter und Betroffener seines Werkes. Er gestaltet die Welt und wird durch die gestaltete Welt erneut gestaltet. Diese Rückkopplung hebt die verbreitete Vorstellung auf, der Mensch könne außerhalb seines Werkes stehen und nur dessen beabsichtigte Ergebnisse als seine Leistung anerkennen.
Zum vollständigen Kunstwerk gehören nicht nur das geplante Produkt, der sichtbare Gegenstand oder der wirtschaftliche Erfolg. Dazu gehören ebenso die verwendeten Rohstoffe, die Arbeitsbedingungen, die Energieverbräuche, die Abfälle, die Verletzungen, die sozialen Folgen und die Veränderungen der Lebensräume.
Unter diesem erweiterten Kunstbegriff gehören deshalb auch Umweltzerstörung, Artensterben, vergiftete Böden, technische Ruinen und klimatische Veränderungen zum menschlichen Werk. Sie sind nicht Kunstwerke, weil sie ästhetisch gelungen oder wünschenswert wären. Sie gehören zum Werk, weil sie durch menschliche Vorstellungen, Entscheidungen, Tätigkeiten und unterlassene Korrekturen hervorgebracht wurden.
Der Kunstbegriff dient hier der Wiederherstellung von Urheberschaft. Der Mensch kann nicht nur den Gewinn, die Erfindung oder das sichtbare Produkt als sein Werk beanspruchen und die Schäden als zufällige Nebenwirkung auslagern. Das Kunstwerk umfasst die gesamte Konsequenzspur.
Damit verändert sich auch die Bedeutung des Satzes „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Er bezeichnet nicht nur Kreativität oder individuelle Ausdrucksfähigkeit. Er formuliert eine Verpflichtung. Wer gestaltet, muss erkennen, was er hervorbringt. Wer ein Werk erzeugt, muss dessen tatsächliche Gestalt einschließlich der Tätigkeitsfolgen wahrnehmen, prüfen und verantworten.
Anlage 5: Hineingedachte Eigenschaften, Unverletzlichkeitswelt und gesellschaftliches Als-ob
Der Mensch lebt nicht nur in einer physikalischen und biologischen Wirklichkeit. Er erzeugt zugleich eine Welt aus Begriffen, Bedeutungen, Rollen, Werten und Zuschreibungen. Diese geistige und gesellschaftliche Welt besitzt eine große Gestaltungskraft, beruht jedoch vielfach auf Eigenschaften, die nicht in den Gegenständen oder Menschen selbst vorhanden sind.
Eigentum ist beispielsweise keine physikalische Eigenschaft eines Bodens. Geldwert ist keine stoffliche Eigenschaft eines Gegenstandes. Status, Würde, Karriere, Nation, Autorität oder Marktbedeutung sind keine Eigenschaften, die sich unabhängig von menschlicher Anerkennung messen lassen. Sie werden in die Wirklichkeit hineingedacht und durch Sprache, Verträge, Gesetze, Institutionen und gesellschaftliche Übung stabilisiert.
Diese hineingedachten Eigenschaften bleiben jedoch nicht folgenlos. Ein Eigentumstitel kann darüber entscheiden, wer einen Boden nutzen, bebauen, verkaufen oder zerstören darf. Eine Preisfestsetzung kann bestimmen, welche Materialien abgebaut, welche Arbeitskräfte eingesetzt und welche Landschaften verändert werden. Das Hineingedachte wird zur Ursache wirklicher Tätigkeiten.
Die menschliche Vorstellung entsteht zunächst in einer Unverletzlichkeitswelt. In der Idee können Zusammenhänge vollständig, widerspruchslos und beherrschbar erscheinen. Ein Geschäftsmodell kann unbegrenztes Wachstum versprechen. Eine technische Erfindung kann als Lösung erscheinen. Ein Mensch kann sich als unabhängig, autonom oder unverletzlich vorstellen.
Erst in der Verletzungswelt trifft diese Vorstellung auf Material, Körper, Widerstand, Energie, Zeit, Begrenzung und irreversible Folgen. Dort zeigt sich, ob das vorgestellte Modell tatsächlich trägt. Die Verletzungswelt antwortet nicht auf die Überzeugungskraft der Darstellung, sondern auf die reale Tätigkeit.
Das gesellschaftliche Als-ob entsteht, wenn der Mensch seine hineingedachten Eigenschaften so behandelt, als seien sie wirkliche Eigenschaften der Welt. Er verhält sich so, als könne Eigentum den Boden vor ökologischer Rückwirkung schützen, Geld eine zerstörte Lebensgrundlage ersetzen oder technischer Fortschritt jede Grenze nachträglich überwinden.
Auch das Ich kann zu einer solchen Als-ob-Konstruktion werden. Der Mensch stellt sich als autonom, kompetent, erfolgreich, unverletzlich oder vollständig selbstbestimmt dar. Dabei bleibt sein Organismus von Wasser, Nahrung, Schlaf, Klima, Beziehungen und gesellschaftlicher Unterstützung abhängig.
Die Forschungskunst macht diesen Unterschied zwischen hineingedachter und tatsächlich wirksamer Eigenschaft sichtbar. Sie fragt nicht nur, was der Mensch denkt oder behauptet, sondern welche Rückmeldung seine Aussage korrigieren könnte. Dadurch wird die unsichtbare Konstruktion zu einem wahrnehmbaren Gegenstand der Prüfung.
Anlage 6: Lernen, Markt und Verwertung des eigenen Ichs
Lernen setzt einen Vergleich voraus. Es benötigt ein Gegenüber, ein Modell, einen Maßstab oder ein Referenzsystem, an dem Unterschiede wahrgenommen und Handlungen angepasst werden können. Ohne Rückmeldung entsteht kein Lernen, sondern lediglich Wiederholung, Gewöhnung oder Selbstbestätigung.
In der Kunst bildet das entstehende Werk ein solches Gegenüber. Der Künstler vergleicht seine Vorstellung mit dem Material und dem sichtbaren Ergebnis. Er lernt durch Widerstand, Abweichung, Gelingen und Misslingen. Seine Tätigkeit wird durch das Werk selbst korrigiert.
Auch wirtschaftliches Handeln beruht auf Lernen. Der Mensch beobachtet Nachfrage, Preise, Konkurrenz, Aufmerksamkeit und Verkaufserfolg. Er trainiert, wie Produkte angeboten, Eigenschaften dargestellt und Bedürfnisse erzeugt werden können. Der Markt wird damit zu einem hochentwickelten gesellschaftlichen Lern- und Rückmeldesystem.
Dieses Lernsystem bewertet jedoch vor allem Verkäuflichkeit und wirtschaftlichen Ertrag. Was sich verkauft, erscheint als erfolgreich. Ob das Produkt seine eigenen materiellen, sozialen und ökologischen Voraussetzungen erhält, ist nicht notwendig Bestandteil dieser Rückmeldung.
Der Mensch hat sich global mit außerordentlicher Genauigkeit auf Kaufen, Verkaufen, Handeln, Bewerten und Verwerten spezialisiert. Er verwandelt Boden in Eigentum, Lebenszeit in Arbeitszeit, Aufmerksamkeit in Marktwert, Fähigkeiten in Qualifikationen und Bedürfnisse in Nachfrage.
Schließlich wird auch das eigene Ich zum Produkt. Der Mensch muss sich darstellen, anbieten, unterscheiden und vermarkten. Er trainiert Auftreten, Belastbarkeit, Kompetenz, Flexibilität und Einzigartigkeit. Nicht nur die Tätigkeit, sondern die gesamte Person wird in ein verwertbares Angebot übersetzt.
Lernen führt unter diesen Bedingungen zum Geldmachen, weil Geld zum dominierenden Rückmeldemaßstab geworden ist. Der Mensch lernt nicht vorrangig, seine Abhängigkeiten und Existenzbedingungen zu verstehen. Er lernt, wie sich Wissen, Natur, Beziehungen, Fähigkeiten und Selbstdarstellungen wirtschaftlich nutzen lassen.
Der Markt ist jedoch nur ein Teil der Wirklichkeit. Seine Rückmeldungen können anzeigen, ob etwas nachgefragt oder profitabel ist. Sie können nicht entscheiden, ob ein Organismus gesund bleibt, ein Ökosystem regenerationsfähig ist oder eine Tätigkeit langfristig planetarisch tragfähig bleibt.
Die Forschungskunst erweitert deshalb das Gegenüber des Lernens. Markt, Preis und gesellschaftliche Anerkennung werden mit Materialfolgen, Verletzbarkeit und planetaren Bedingungen konfrontiert. Die entscheidende Frage lautet nicht nur: Funktioniert das Geschäft? Sie lautet: Was funktioniert für wen, wie lange und auf Kosten welcher Existenzgrundlagen?
Anlage 7: Bildnerische und darstellende Kunst als Erkenntnis- und Prüfverfahren
Die Kunst beginnt häufig mit einer Idee, einer Fantasie, einer Inspiration, einer Intuition oder einem Begriff. Daraus entsteht eine Vorstellung dessen, was hervorgebracht werden könnte. Diese Vorstellung bildet ein inneres Modell und ein zunächst gedachtes Gegenüber.
In der bildnerischen Kunst wird dieses Modell in Material, Form, Farbe, Raum, Gewicht und Oberfläche überführt. Dabei trifft die Vorstellung auf Eigenschaften, die nicht beliebig veränderbar sind. Stein, Holz, Wasser, Sand, Metall, Papier oder Farbe antworten durch Widerstand, Tragfähigkeit, Verformung, Bruch, Fluss oder Trocknung.
Das entstehende Kunstwerk wird dadurch selbst zum Gegenüber des Künstlers. Es stimmt niemals vollständig mit der ursprünglichen Vorstellung überein. Der Künstler muss vergleichen, reagieren, korrigieren und entscheiden, ob er seine Idee dem Material aufzwingt oder sich durch dessen Rückmeldung verändern lässt.
Zum künstlerischen Handwerkszeug gehört deshalb nicht nur die technische Beherrschung eines Materials. Es gehören genaues Wahrnehmen, Unterscheiden, Proportionieren, Eingreifen, Zurücknehmen und das Loslassen im richtigen Augenblick dazu. Der Künstler muss anerkennen, dass das Werk eine eigene Wirklichkeit entwickelt.
Die darstellende Kunst untersucht einen anderen Bereich menschlicher Gestaltung. Sie macht sichtbar, wie Menschen Rollen einnehmen, Haltungen erzeugen, Eigenschaften darstellen und Erwartungen erfüllen. Im Theater ist erkennbar, dass ein Mensch spielt. Im gesellschaftlichen Alltag wird dieselbe Rollentätigkeit häufig mit dem authentischen Ich verwechselt.
Der Arbeitnehmer, Käufer, Eigentümer, Experte, Politiker oder Künstler stellt eine bestimmte gesellschaftliche Funktion dar. Er verwendet Sprache, Kleidung, Gestik, Statuszeichen und erlernte Verhaltensformen. Die Darstellung kann Kompetenz, Sicherheit, Macht oder Unabhängigkeit erzeugen, auch wenn die tatsächlichen Voraussetzungen dafür fehlen.
Darstellende Kunst kann das gesellschaftliche Als-ob offenlegen. Sie schafft Distanz zwischen Person und Rolle. Der Mensch kann sich selbst beim Darstellen beobachten und erkennen, welche Erwartungen, Befehle und Geltungsansprüche sein Verhalten bestimmen.
Bildnerische und darstellende Kunst ergänzen einander. Die bildnerische Kunst konfrontiert die Vorstellung mit Material und Verletzbarkeit. Die darstellende Kunst konfrontiert das Selbstbild mit Rolle, Inszenierung und gesellschaftlicher Erwartung. Beide machen sichtbar, wie hineingedachte Eigenschaften in Tätigkeiten und Folgen übergehen.
Damit werden die Künste zu Erkenntnis- und Prüfverfahren. Sie können die menschliche Selbsttäuschung nicht nur beschreiben, sondern in eine konkrete Situation überführen. Was sonst unsichtbar bleibt, erhält eine Form, ein Gegenüber und eine überprüfbare Konsequenz.
Anlage 8: Das Vier-Ebenen-Modell als öffentlicher Prüfrahmen
Die vier Ebenen bilden einen Prüfrahmen, innerhalb dessen der Mensch sein Selbstbild und sein Existenzverständnis mit den tatsächlichen Bedingungen seines Funktionierens, seines Lebens, seines gesellschaftlichen Handelns und seiner Fähigkeit zur Korrektur konfrontieren kann.
Die erste Ebene betrifft die physikalisch-materielle Wirklichkeit. Hier gelten Gewicht, Widerstand, Energie, Bewegung, Temperatur, Raum, Zeit, Belastbarkeit und Grenze. Eine Konstruktion trägt oder sie trägt nicht. Ein Material bricht, fließt, erhitzt sich oder verändert sich. Diese Rückmeldungen lassen sich nicht dauerhaft durch gesellschaftliche Anerkennung ersetzen.
Die zweite Ebene betrifft die Bedingungen des Lebens. Organismen benötigen ein bestimmtes Milieu, Wasser, Nahrung, Sauerstoff, Regeneration, Schutz und Zeit. Sie sind verletzbar und können Schäden nicht unbegrenzt kompensieren. Technisches Funktionieren und biologisches Weiterleben sind deshalb nicht identisch.
Die ersten beiden Ebenen beruhen auf planetaren Referenzsystemen. Kein Organismus ist ein vollständig abgeschlossenes Einzelwesen. Leben entsteht in einem Plexus aus Stoffwechsel, Atmosphäre, Wasser, Mikroorganismen, Nahrungsketten und wechselseitigen Abhängigkeiten.
Die dritte Ebene umfasst die menschliche Symbol-, Rollen-, Eigentums-, Markt- und Geltungswelt. Hier entstehen Begriffe, Werte, Gesetze, Preise, Identitäten, Zuständigkeiten und gesellschaftliche Positionen. Diese Ebene ist für menschliche Kooperation unverzichtbar, kann jedoch die Bedingungen der ersten beiden Ebenen nicht außer Kraft setzen.
Das Problem entsteht, wenn die dritte Ebene ihre eigenen Zuschreibungen für wirklicher hält als die materiellen und biologischen Voraussetzungen. Ein wirtschaftlich erfolgreiches Produkt kann körperlich oder ökologisch schädlich sein. Eine rechtlich erlaubte Tätigkeit kann planetarisch nicht tragfähig sein. Eine gesellschaftlich anerkannte Rolle kann die Verletzbarkeit des Menschen verdecken.
Die vierte Ebene ist die Ebene der öffentlichen Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur. Sie stellt die Aussagen und Regelwerke der dritten Ebene den Rückmeldungen der ersten beiden Ebenen gegenüber. Sie fragt, welche nicht verhandelbare Rückmeldung eine Überzeugung korrigieren könnte und wer die Konsequenzen trägt, wenn sie falsch ist.
Die vier Ebenen bilden keine bloße Theorie. Sie sind eine anwendbare Prüfarchitektur. Besucher können eine Aussage, einen Gegenstand, einen Wunsch, ein Selbstbild oder eine gesellschaftliche Tätigkeit durch diese Ebenen führen. Dadurch wird erkennbar, wo eine materielle Eigenschaft, eine biologische Bedingung oder nur eine gesellschaftliche Zuschreibung vorliegt.
Auf der Plattform Globale Schwarmintelligenz und im Soheits-Atelier können Menschen auf dieser Grundlage überprüfen, ob ihre Interessen, Vorstellungen von Geist, hineingedachten Eigenschaften, Wünsche, Selbstbilder und Rollenverständnisse den bereits bestehenden physikalischen, biologischen und planetaren Existenzbedingungen entsprechen.
Anlage 9: Das Soheits-Atelier des globalen Dorfes – Werke, Versuchsanordnungen und Besucherdramaturgie
Das „Soheits-Atelier des globalen Dorfes“ ist als begehbarer Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang konzipiert. Es ist weder eine traditionelle Retrospektive noch ein bloßer partizipativer Aktionsraum. Es verbindet die Verortung meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes mit einer gegenwärtigen Anwendung durch die Besucher.
Der Begriff Soheit bezeichnet die Frage nach dem, was tatsächlich so ist, bevor es durch Wunsch, Rolle, Eigentumsanspruch oder gesellschaftliche Darstellung überformt wird. Das Atelier untersucht deshalb nicht nur, was Menschen behaupten oder zeigen, sondern welche Bedingungen, Tätigkeiten und Konsequenzen ihrer Darstellung zugrunde liegen.
Ausgewählte Schlüsselwerke werden zu anwendbaren Versuchsanordnungen. Die Malbücher öffnen einen Raum, in dem Wahrnehmung, Erinnerung, Erfahrung und eigene Ergänzung miteinander verbunden werden. Sie behandeln den Besucher nicht als Konsumenten eines abgeschlossenen Werkes, sondern als Mitwirkenden an einem offenen Erkenntnisprozess.
Die Roter-Punkt-Aktion ermöglicht es den Besuchern, ein eigenes Interesse oder eine Frage sichtbar zu markieren. Der rote Punkt ist dabei kein Zeichen des Verkaufs, sondern ein Zeichen der Beteiligung. Besucher können erkennen, welche anderen Menschen sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen, und daraus Gesprächs- und Arbeitszusammenhänge entwickeln.
Wasser-, Wellen- und Strömungsmodelle machen Rückkopplung unmittelbar erfahrbar. Sie zeigen, wie kleinste Veränderungen von Form, Geschwindigkeit, Material oder Widerstand unterschiedliche Wirkungen hervorbringen. Unterspülung, Ablagerung, Stabilität und Kipppunkte werden nicht nur erklärt, sondern sichtbar und körperlich nachvollziehbar.
Das handwerkliche Passungsatelier untersucht die Beziehung zwischen Vorstellung, Werkzeug, Material und Ergebnis. Besucher erfahren, dass eine Idee nicht unmittelbar Wirklichkeit wird. Sie muss sich an Materialeigenschaften, körperlichen Fähigkeiten und den Folgen jedes Eingriffs bewähren.
Schultafeln dienen der öffentlichen Begriffsarbeit. Begriffe wie Eigentum, Freiheit, Geist, Wert, Funktionieren, Kunstwerk oder Verantwortung können gemeinsam untersucht und ihren materiellen sowie gesellschaftlichen Voraussetzungen gegenübergestellt werden.
Im Rollentheater werden gesellschaftliche Identitäten und Darstellungen sichtbar. Besucher können Rollen einnehmen, wechseln und beobachten, wie Sprache, Status, Erwartung und Selbstbild das Verhalten bestimmen. Das scheinbar authentische Ich wird als erlernte und veränderbare Darstellung erfahrbar.
Frage-und-Antwort-Tische führen persönliche Überzeugungen in den Vier-Ebenen-Prüfrahmen. Eine Aussage wird nicht bewertet, weil sie politisch erwünscht oder unerwünscht ist. Sie wird daraufhin untersucht, welche Eigenschaften vorausgesetzt werden, welche Tätigkeiten daraus folgen und welche Rückmeldung eine Korrektur erzwingen würde.
Die Besucherdramaturgie führt damit vom Betrachten zum Tätigwerden, vom Tätigwerden zum Vergleich und vom Vergleich zur Verantwortung. Beteiligung bedeutet nicht nur, etwas hinzuzufügen. Sie bedeutet, die eigene Gestaltung und deren Folgen als Teil eines gemeinsamen Werkes wahrzunehmen.
Anlage 10: Globale Schwarmintelligenz und die Forderung des erweiterten Kunstbegriffs
Die Plattform „Globale Schwarmintelligenz“ bildet die digitale Erweiterung des Soheits-Ateliers. Sie verbindet Werkarchiv, interaktive Bücher, Begriffsarbeit, Besucherbeiträge und eine offene Prüfarchitektur.
Die Plattform versteht Schwarmintelligenz nicht als automatische Weisheit einer großen Zahl von Menschen. Auch ein Schwarm kann Vorurteile, Irrtümer und zerstörerische Gewohnheiten verstärken. Globale Schwarmintelligenz entsteht erst dort, wo unterschiedliche Erfahrungen, Kenntnisse und Perspektiven in einen gemeinsamen Prüfprozess eintreten.
Die Beiträge werden deshalb nicht nur gesammelt. Sie können den vier Ebenen zugeordnet, mit anderen Aussagen verglichen und auf ihre Voraussetzungen und Konsequenzen hin untersucht werden. Die Plattform soll sichtbar machen, wo Übereinstimmung besteht, wo Widersprüche auftreten und welche Fragen ungeklärt bleiben.
Das interaktive Buch ist kein abgeschlossenes digitales Werk, das lediglich gelesen wird. Es ist ein Mitmach- und Prüfungsbuch. Der Leser wird zum Beteiligten, indem er eigene Beobachtungen, Fragen, Gegenbeispiele und Korrekturen einbringt. Dadurch wird das Buch zu einem fortlaufenden gesellschaftlichen Kunstwerk.
Künstliche Intelligenz wird in diesem Zusammenhang nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt. Sie dient als zusätzliches Vergleichs- und Kontrollinstrument. Sie kann Begriffe gegenüberstellen, Widersprüche markieren, unterschiedliche Perspektiven formulieren und verborgene Voraussetzungen einer Aussage sichtbar machen. Auch ihre Antworten bleiben Teil der öffentlichen Prüfung.
Die Verbindung zwischen documenta und digitaler Plattform ermöglicht es, die im Atelier entstehenden Beiträge über die Ausstellungsdauer hinaus weiterzuführen. Fragen, Versuchsergebnisse, Begriffsarbeiten und Besucherbeiträge können dokumentiert, miteinander verknüpft und erneut überprüft werden.
Der erweiterte Kunstbegriff erhält dadurch eine konkrete gesellschaftliche Form. Jeder Mensch ist Künstler, weil er durch seine Vorstellungen und Tätigkeiten an der Gestaltung der Wirklichkeit beteiligt ist. Jeder Mensch ist zugleich Kunstwerk, weil er durch seine Lebensbedingungen, Beziehungen und die Folgen des gemeinsamen Handelns geformt wird.
Daraus folgt eine Verpflichtung. Künstlersein bedeutet nicht nur, frei gestalten zu dürfen. Es bedeutet, die vollständige Gestalt des eigenen Werkes wahrzunehmen. Dazu gehören nicht nur Absicht, Produkt und Erfolg, sondern ebenso Verletzung, Zerstörung, Abhängigkeit und unterlassene Korrektur.
Die zentrale Forderung lautet deshalb: Der Mensch muss lernen, seine gesellschaftlichen und technischen Hervorbringungen mit den bereits existierenden physikalischen, biologischen und planetaren Bedingungen zu vergleichen. Er muss unterscheiden, welche Eigenschaften tatsächlich vorhanden und welche nur hineingedacht sind.
Die Kunst kann diesen Vorgang transparent, begreifbar und veränderbar machen. Sie verwandelt abstrakte Überzeugungen in sichtbare Formen, Rollen, Materialien und Konsequenzspuren. Sie schafft das Gegenüber, das Lernen ermöglicht.
Das Ziel der Globalen Schwarmintelligenz ist daher nicht die Herstellung einer neuen geschlossenen Weltanschauung. Sie soll einen öffentlichen Raum schaffen, in dem der Mensch sein eigenes Künstlersein, sein Kunstwerkverständnis und die Tragfähigkeit seiner Zivilisation überprüfen kann.
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur: Was ist Kunst? Sie lautet: Welches Werk bringt der Mensch durch sein Denken und Handeln tatsächlich hervor, und ist er bereit, für die gesamte Konsequenz dieses Werkes Verantwortung zu übernehmen?
Diese Fassung kann als vollständiger zehnteiliger Anlagensatz verwendet und anschließend noch mit konkreten Werkabbildungen, Jahreszahlen und Raumskizzen ergänzt werden.
