Ausgangslage: Eine Natur als einzige Existenzbedingung
Der leitende Ausgangspunkt bleibt, dass es nur eine Natur gibt und damit nur eine Existenzbedingung.
Eine „zweite Existenzwelt“ im Sinne einer eigenständigen Sphäre, in der Geltung, Ordnung und Handlungsfolgen von den Rückwirkungen der einen Natur abgekoppelt wären, ist keine reale Verdopplung der Welt, sondern eine kulturelle Konstruktion. Sie entsteht dort, wo Modelle, Begriffe, Normen und technische Herstellungsregime so behandelt werden, als könnten sie eine autonome Wirklichkeit etablieren, die nicht mehr an dieselben Konsequenzketten gebunden ist wie das, was sie beschreiben und hervorbringen.
Der Symmetriedualismus 50:50 als Ordnungsphantasma der perfekten Form
In Ihrer Diagnose verdichtet sich diese Abkopplung historisch zum spiegelbildlichen Symmetriedualismus 50:50. Er ist nicht bloß ein formales Ideal, sondern ein Zivilisationsprogramm: Ordnung wird als perfekte, spiegelgleiche Form gedacht, die im Prinzip vollständig sein soll, während die reale Natur als störendes Außen erscheint, das man abgrenzt, diszipliniert, beherrscht oder in Repräsentationen übersetzt. In der langen Linie idealistischer Form- und Ordnungsvorstellungen (beginnend bei platonischen Leitbildern der Idealität und Reinheit) verschiebt sich damit der Maßstab von Bewährung in Rückkopplung hin zu Selbstlegitimation durch formale Konsistenz. Das erklärt, warum „Kritik“ in der Zivilisationsgeschichte häufig nicht den Kern der Ordnungsvorstellung angreift, sondern als interne Systemroutine funktioniert: Man kritisiert innerhalb des Rahmens, der die Trennung zwischen symbolischer Geltungswelt und Naturfolgenwelt stabil hält.
51:49 als plastisches Prüf- und Ordnungsprinzip
Dem setzen Sie 51:49 als Verhältnislehre und plastisches Referenzsystem entgegen, nicht als zweite Welt, sondern als Maßstab innerhalb der einen Natur. „Plastisch“ meint dabei, dass Ordnung nicht als perfekte Form vorgegeben wird, sondern in Rückkopplung entsteht: als fortlaufende Justierung zwischen Tätigkeit, Widerstand und Konsequenz. Der entscheidende Punkt ist die minimale Asymmetrie als Realitätskriterium. Wo 50:50 die Deckungsgleichheit behauptet und damit Entkopplung begünstigt, markiert 51:49 die Nicht-Deckungsgleichheit als notwendigen Prüfraum, in dem Irrtum, Korrektur, Lernen und Begrenzung überhaupt erst sichtbar werden.
Universelle Kontexturalisierung als Methode
Ihr Aufklärungskonzept zielt deshalb auf eine universelle Kontexturalisierung: Nicht einzelne Disziplinen sollen addiert werden, sondern ihre Geltungsansprüche sollen in eine gemeinsame Prüfarchitektur zurückgebunden werden. Der Kern ist methodisch, nicht dekorativ-metaphysisch: Jede Aussage, jede Theorie, jede Norm und jede technische Herstellung muss sich daran messen lassen, welche Konsequenzen sie in der einen Natur erzeugt und welche Abhängigkeiten sie voraussetzt. Damit wird „Ganzheit“ nicht als romantische Totalität oder als bloßes Systembild verstanden, sondern als konsequenzgebundene Verknüpfung von Teilbereichen, die sich wechselseitig korrigieren können.
Tätigkeit–Konsequenz und Abhängigkeit–Konsequenz als Rückkopplungslogik
Der operative Kern Ihrer Referenzwissenschaft ist die Unterscheidung und Kopplung zweier Konsequenzlinien: Tätigkeit–Konsequenz und Abhängigkeit–Konsequenz. Damit wird Natur nicht als intentionaler Akteur gedeutet; Natur „will“ nichts und „beabsichtigt“ nichts. Was als „Bestätigung“ erscheint, ist die Unausweichlichkeit der Rückkopplung, also die Tatsache, dass Handlungen Folgen haben und dass Abhängigkeiten Folgen haben, auch wenn sie kulturell überdeckt, externalisiert oder zeitlich verschoben werden. Genau hier verorten Sie die eskalierenden Krisen- und Katastrophenlagen als Verdichtungen nicht eingelöster Rückkopplungen: nicht als Botschaften, sondern als Konsequenzdruck.
Mikro- und Makrowelt: Anspruch einer „Weltformel“ als Grenzbegriff
In Ihrer Zuspitzung wird 51:49 nicht nur als Ordnungsprinzip der Lebens- und Sozialwelt, sondern als universales „Betriebssystem“ verstanden, das Mikro- und Makrowelt in einer gemeinsamen Logik zusammenführt. Der Anspruch lautet, dass eine solche Verhältnislogik die Bedingungen erfüllen könnte, die man in der Physik mit dem Wunsch nach einer Weltformel verbindet: eine konsistente Zusammenfassung von Naturbedingungen über Skalen hinweg, ohne auf spiegelbildliche 50:50-Setzungen als Grundfigur angewiesen zu sein. Zugleich markieren Sie eine Differenz in der Wissenschaftsgeschichte: Während große Teile der klassischen Begriffsbildung und Gesetzesauffassung durch Symmetrieideale, Perfektionsannahmen und glättende Idealisationen geprägt seien, habe ausgerechnet die Quantenphysik den Bruch mit naiver Objektivitäts- und Abbildlogik bereits erzwungen, indem Messung, Kontext und Nicht-Determinierbarkeit die einfache 50:50-Ordnung unterlaufen.
Ignorieren, Sakralisierung und Zerlegung als Abwehrform
Sie beschreiben die Reaktion der Institutionen – Wissenschaftsbetrieb, Presse, einzelne Akteursgruppen – als eine Mischung aus Ignorieren, Totschweigen, Stigmatisieren und systematischem Zerlegen. In Ihrer Begrifflichkeit wird das Neue dabei nicht selten als „Sakrileg“ markiert: nicht weil es empirisch widerlegt wäre, sondern weil es die impliziten Selbstverständlichkeiten verletzt, durch die Geltung verteilt wird. Zerlegung wird dann zur Neutralisierungstechnik: Man behandelt das Referenzsystem nicht als Prüfarchitektur, sondern als Sammlung isolierter Thesen, die man einzeln kritisieren, relativieren oder in Spezialdebatten absorbieren kann. Dadurch bleibt der Kern unadressiert, nämlich die Forderung, Geltung wieder strikt an Rückkopplungsbewährung zu binden.
Wissenschaftlicher Status: Von der These zur prüfbaren Referenz
Wenn 51:49 als Referenzwissenschaft auftreten soll, entscheidet sich sein wissenschaftlicher Status daran, ob die Methode nicht nur interpretativ integriert, sondern prüfbar diszipliniert. Der starke Anspruch einer skalenübergreifenden „Weltformel“ lässt sich wissenschaftlich nur halten, wenn aus der Verhältnislogik Kriterien folgen, die zwischen konkurrierenden Ordnungsprinzipien unterscheiden, und wenn diese Kriterien in Experiment, Technikfolgen, Modellbildung und Krisendiagnostik nicht nachträglich passend gemacht, sondern vorab als Prüfregeln formuliert werden. In Ihrer Perspektive ist genau das der Unterschied zur 50:50-Selbstlegitimation: Nicht das System erklärt sich selbst für gültig, sondern es wird im Widerstand der einen Natur über Tätigkeit–Konsequenz und Abhängigkeit–Konsequenz fortlaufend verifiziert oder korrigiert.
Zeitdiagnose: Rückkopplungsdruck statt Diskurslösung
Ihre Gesamtthese ist damit eine Aufklärungskritik im strengen Sinn: Solange die Zivilisation an der Verdopplungsillusion festhält und den Symmetriedualismus 50:50 als kulturelle Komfortform reproduziert, wird sie Kritik bevorzugt als Stilmittel verwenden, ohne den Geltungskern zu verändern. Die Umstellung auf ein plastisches Referenzsystem erfolgt dann nicht primär durch Zustimmung, sondern durch Rückkopplungsdruck, weil die eine Natur die Entkopplung nicht „moralisch“ sanktioniert, sondern praktisch begrenzt. In dieser Logik sind eskalierende Krisen keine Beweise im rhetorischen Sinn, sondern die zunehmende Unmöglichkeit, die Konsequenzketten weiter auszublenden.
