Ausgangslage und künstlerischer Forschungsauftrag
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes ist als öffentliche Forschungs- und Arbeitsform zu verstehen, in der ein seit den 1970er-Jahren entwickeltes künstlerisches Lebenswerk nicht retrospektiv ausgestellt, sondern unter gegenwärtigen Bedingungen weitergeführt wird. Ausgangspunkt ist die über Jahrzehnte verfolgte Frage, warum der Mensch trotz seiner Fähigkeit, wahrzunehmen, zu lernen, wissenschaftliche Erkenntnisse hervorzubringen und technische Fehler zu korrigieren, seine eigenen Existenzbedingungen beschädigt und teilweise zerstört. Das So-Heits-Atelier versucht darauf keine neue allgemeingültige Weltanschauung zu setzen. Es richtet den Blick vielmehr auf jene Übergänge, an denen Wahrnehmungen zu Begriffen, Begriffe zu Vorstellungen, Vorstellungen zu gesellschaftlichen Geltungen und diese wiederum zu Tätigkeiten werden. Entscheidend ist dabei die Frage, was zwischen Erfahren, Wahrnehmen, Benennen, Erkennen, Akzeptieren und Handeln geschieht, sodass eine reale Rückmeldung ihre korrigierende Kraft verlieren kann.
Damit verschiebt sich der Gegenstand der Forschung. Das Problem besteht nicht nur darin, dass Wissen fehlt. Die gegenwärtige Zivilisation verfügt über eine enorme Menge an Wissen über Stoffe, Kräfte, Organismen, Krankheiten, technische Systeme, ökologische Zusammenhänge und gesellschaftliche Entwicklungen. Trotzdem können Tätigkeiten fortgesetzt werden, deren schädliche Folgen bekannt sind. Das eigentliche Forschungsproblem liegt deshalb in der gestörten Rückkopplung zwischen Wissen und Tätigkeit. Die So-Heits-Gesellschaft und die daraus hervorgegangene Plattform wurden bereits als Versuch formuliert, jene Selbstimmunisierung offenzulegen, durch die Begriffe, Rollen, Eigentumsordnungen, Freiheitsvorstellungen und Machtformen gegenüber den Folgen ihrer Anwendung geschützt werden. Kunst erhält darin die Aufgabe eines öffentlichen Prüfmittels.
Das So-Heits-Atelier überführt diese Fragestellung in einen konkreten Arbeitsraum. Es soll nicht hauptsächlich erklären, was der Mensch falsch macht, sondern Situationen herstellen, in denen Besucher selbst beobachten können, wie Wirklichkeitsvorstellungen entstehen, welche Grenzen sie ziehen, welche Beziehungen dabei verschwinden und welche Konsequenzen eintreten, sobald nach diesen Vorstellungen gehandelt wird. Das Atelier ist deshalb keine Schule einer fertigen Erkenntnis. Es ist eine Werkstatt der Überzeugungsprüfung.
Werkgeschichte als Forschungsgrundlage
Die Arbeitsweise des So-Heits-Ateliers ist nicht nachträglich aus einer Theorie entwickelt worden. Sie lässt sich in der Geschichte des Lebenswerks verfolgen. Bereits die Experimentelle Umweltgestaltung, die Strömungs- und Deichmodelle, die frühen Malbücher, Vorgabebilder und Formen der Rezeptionskunst zielten darauf, die traditionelle Trennung zwischen Kunstwerk und Betrachter aufzubrechen. Der Rezipient sollte nicht lediglich vor einem abgeschlossenen Objekt stehen, sondern zum Beteiligten an einem Veränderungsprozess werden. Die früheren documenta-Bewerbungen seit 1977 bilden dabei keine Folge voneinander unabhängiger Projekte. In den vorhandenen Werkunterlagen werden sie ausdrücklich als Fortsetzung derselben Forschungskunst beschrieben, die sich von Experimenteller Umweltgestaltung, Malbuch und Vorgabebild über Kollektive Kreativität und Partizipatorisches Welttheater bis zur globalen Handlungsverantwortung entwickelte.
Besonders deutlich wurde dieser Zusammenhang in der Bewerbung zur documenta X von 1996. Das geplante hunderttägige Labor sollte Kunst und Naturwissenschaften in ein neues Wechselverhältnis bringen. Ereignis und Reflexion sollten miteinander verbunden und wissenschaftliche Erkenntnisse über Wahrnehmung und Wirklichkeit in einen praktischen Laborraum überführt werden. Der soziale Raum wurde dabei als veränderbares Vorgabebild verstanden, das durch die Mitwirkung der Besucher fortlaufend umgestaltet werden sollte. Bereits damals lag dem Projekt die Idee zugrunde, Kenntnisse verschiedener Wissenschaftsbereiche nicht nur nebeneinanderzustellen, sondern innerhalb eines gemeinsamen Arbeitszusammenhangs rückzukoppeln. Der Besucher sollte selbst Bestandteil dieser Struktur werden.
Die späteren Projekte führten diese Bewegung weiter. Demokratiewerkstätten, Grenzwerkstatt, Zukunftswerkstatt, Kollektive Kreativität, Globales Dorffest, Entelechie-Museum und Partizipatorisches Welttheater erweiterten die Frage vom einzelnen Kunstwerk auf die gesellschaftliche Gestaltung. Der Astronaut wurde dabei zu einem Bild der menschlichen Paradoxie: Er erscheint in seinem technischen Schutzsystem scheinbar autonom, ist tatsächlich jedoch vollständig von Luft, Energie, Temperatur, Material und funktionierenden technischen Verbindungen abhängig. Die documenta-14-Konzeption formulierte diesen Zusammenhang schließlich ausdrücklich als „Mitmach-Konzept zur globalen Handlungsverantwortlichkeit“. Der Ausstellungsraum sollte zur begehbaren Werkstatt werden, in der Besucher nicht nur rezipieren, sondern selbst an einem gemeinsamen Werk tätig werden.
Das heutige So-Heits-Atelier übernimmt diese Entwicklung, verändert aber einen entscheidenden Punkt. Mitmachen allein genügt nicht. Menschen können sich auch an nichttragfähigen oder zerstörerischen Ordnungen beteiligen. Deshalb muss aus dem Beteiligten ein Mitprüfender werden. Der Besucher soll nicht nur etwas zum Kunstwerk hinzufügen, sondern untersuchen, welche Vorstellung seiner Tätigkeit zugrunde liegt, welche Bedingungen sie voraussetzt und welche Folgen daraus hervorgehen. Damit entwickelt sich die historische Linie vom Betrachter über den Beteiligten und Mitgestalter zum Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit.
Atelier, Werkstatt und So-Heits-Raum
Der Begriff So-Heits-Atelier bezeichnet die künstlerische Gesamtform dieses Unternehmens. Das Atelier ist kein Ort, an dem ausschließlich fertige Werke präsentiert werden. Es ist der Ort des Entwerfens, Erprobens, Verwerfens, Weiterarbeitens und Korrigierens. Gerade deshalb entspricht der Atelierbegriff der bisherigen Werkentwicklung stärker als der neutrale Begriff des Ausstellungsraumes. Das Atelier kann Bildhauerei, Malerei, Fotografie, Theater, Sprache, Collage, Materialversuche, Schultafelarbeit, digitale Prozesse und gesellschaftliche Versuchsanordnungen miteinander verbinden, ohne diese Aktivitäten in eine einzige Fachdisziplin aufzulösen.
Innerhalb des Ateliers befindet sich die So-Heits-Werkstatt. Sie bezeichnet den konkreten Arbeitsmodus. Eine Werkstatt unterscheidet sich von einem bloßen Diskussionsraum dadurch, dass etwas bearbeitet wird und sich die Bearbeitung gegenüber Widerständen bewähren muss. Ein Hammer funktioniert nicht dadurch, dass er als Hammer definiert wird. Ein Spaten muss Kraft übertragen können. Eine Verbindung hält oder bricht. Ein Messwerkzeug besitzt Grenzen seiner Genauigkeit. Diese handwerkliche Grundstruktur wird im So-Heits-Atelier zum Maßstab auch für sogenannte Denkwerkzeuge. Ein Begriff kann nicht allein deshalb als Werkzeug gelten, weil er innerhalb eines theoretischen Systems verwendbar ist. Er müsste erkennen lassen, worauf er angewandt wird, was er unterscheidet, welche Wirklichkeit durch ihn sichtbar oder unsichtbar wird, woran sein Scheitern erkannt werden kann und wie er aufgrund einer Rückmeldung korrigiert werden muss.
Der So-Heits-Raum bezeichnet dagegen nicht einfach den architektonischen Raum innerhalb der documenta. Ein solcher Raum würde durch Wände gerade jene Innen-Außen-Trennung wiederholen, die selbst Gegenstand der Forschung ist. Der So-Heits-Raum bezeichnet in einem umfassenderen Sinn die Plexuswirklichkeit, innerhalb derer Menschen und alle anderen Vorgänge ohnehin stattfinden. Der Mensch steht dieser Wirklichkeit nicht als abgeschlossenes Subjekt gegenüber. Er existiert innerhalb eines bereits vorausliegenden Zusammenhangs aus Atmosphäre, Wasser, Temperatur, Gravitation, Stoffen, Organismen, technischen Systemen, sozialen Beziehungen und zeitlichen Prozessen. Die ältere So-Heits-Konzeption beschreibt den menschlichen Organismus bereits als einen durch vielfältige Toleranzräume regulierten Teilorganismus innerhalb größerer Zusammenhänge.
Der So-Heits-Raum ist deshalb kein Raum, den ein Besucher erst betritt. Er befindet sich bereits darin. Der documenta-Raum bildet lediglich eine künstliche Membran, innerhalb derer bestimmte Beziehungen des ohnehin vorhandenen Plexusraumes sichtbar und bearbeitbar gemacht werden. Daraus ergibt sich eine wesentliche Aussage für das gesamte Projekt: Man kann das So-Heits-Atelier verlassen, den So-Heits-Raum aber nicht. Wer die Ausstellung verlässt, atmet weiter, benutzt Wasser und Energie, bewegt sich durch Eigentumsordnungen, verwendet Geld, übernimmt gesellschaftliche Rollen und erzeugt weiterhin Tätigkeitskonsequenzen. Das Atelier endet an seiner architektonischen Grenze. Die Wirklichkeitsprüfung setzt sich außerhalb fort.
Das plastische Ich innerhalb der Plexuswirklichkeit
Innerhalb dieses Zusammenhangs wird der Mensch nicht als abgeschlossenes Individuum verstanden, das sich selbst besitzt und anschließend Beziehungen zu einer äußeren Welt herstellt. Das plastische Ich entsteht vielmehr innerhalb von Beziehungen und verändert sich fortwährend durch sie. Der Organismus nimmt Stoffe auf, gibt Stoffe ab, reagiert auf Temperatur, benötigt Sauerstoff, altert, lernt, wird verletzt und regeneriert sich. Seine Identität besteht nicht trotz dieser Veränderungen, sondern durch die fortgesetzte Fähigkeit, sich innerhalb wechselnder Bedingungen zu erhalten und anzupassen.
Der Gegensatz zwischen plastischem Ich und Skulpturidentität erhält damit eine konkrete Bedeutung. Die Skulpturidentität behandelt den Menschen so, als besitze er feststehende Eigenschaften, aus denen sein Wesen hervorgehe. Der Mensch wird zum Besitzer seiner selbst, zum autonomen Subjekt, zum Eigentümer, zum Berufsinhaber oder zu einer gesellschaftlichen Rollenfigur. Das plastische Ich fragt dagegen, wodurch dieser Mensch tatsächlich existiert und welche Beziehungen ihn tragen. Eine gesellschaftliche Zuschreibung wird dadurch nicht für wirkungslos erklärt. Eigentum, Geld, Status, Staatsangehörigkeit oder Rollenidentität können erhebliche Tätigkeitskonsequenzen erzeugen. Sie sind aber nicht auf dieselbe Weise Eigenschaften eines Körpers oder eines Bodens wie Masse, Temperatur, chemische Zusammensetzung oder Verletzbarkeit.
Gerade diese Vermischung unterschiedlicher Eigenschaftsformen gehört zu den zentralen Untersuchungsgegenständen des Ateliers. Eine gesellschaftliche Setzung kann grammatisch so erscheinen, als wäre sie eine Eigenschaft der Wirklichkeit selbst. „Dieser Boden gehört mir“ besitzt sprachlich eine ähnliche Festigkeit wie eine Aussage über eine messbare Beschaffenheit des Bodens. Im So-Heits-Atelier wird deshalb untersucht, wann eine zugeschriebene Eigenschaft zum Wirklichkeitssurrogat wird und dadurch andere Beziehungen verdeckt.
Folien, Dingselektion und Lochprozess
Die transparenten Folien sind für diese Untersuchung ein zentrales Arbeitsmittel. Sie erlauben, unterschiedliche Wirklichkeitsebenen sichtbar übereinanderzulegen und anschließend wieder voneinander zu trennen. Eine Landschaft kann zunächst als materieller und lebendiger Zusammenhang betrachtet werden. Anschließend kann eine Eigentumsgrenze darübergelegt werden. Die Grenze besitzt gesellschaftliche Wirksamkeit, verändert aber nicht allein durch ihre Zuschreibung die molekulare oder biologische Beschaffenheit des Bodens. Wird die Folie wieder entfernt, bleibt der vorausliegende Zusammenhang sichtbar. Dasselbe lässt sich mit Begriffen wie Freiheit, Identität, Wert, Rolle oder Besitz untersuchen.
Die Folien sind deshalb nicht Illustrationen einer fertigen Theorie. Sie sind bewegliche Prüfmittel. Eine Zuschreibung kann aufgelegt, verschoben, entfernt oder mit einer anderen Zuschreibung konfrontiert werden. Damit wird eine wesentliche Eigenschaft des Denkens körperlich nachvollziehbar. Der Mensch muss aus komplexen Zusammenhängen Ausschnitte bilden, um sich orientieren zu können. Eine Fotografie erzeugt einen Bildausschnitt, ein Begriff grenzt etwas ab, eine wissenschaftliche Disziplin bestimmt einen Gegenstandsbereich und eine Eigentumsordnung zieht eine gesellschaftliche Grenze. Diese Auswahl ist nicht grundsätzlich falsch. Ohne sie wäre menschliche Orientierung kaum möglich. Problematisch wird sie dort, wo vergessen wird, dass überhaupt ausgewählt wurde.
Hier setzt der Begriff des Lochprozesses an. Der Lochprozess bezeichnet die Veränderung einer Grenze oder Beziehung, durch die ein vorausliegender Zusammenhang geöffnet, ausgeschnitten, unterbrochen oder neu verbunden wird. Das Loch muss dabei nicht negativ sein. Eine Zellmembran benötigt kontrollierte Öffnungen. Erkenntnis benötigt Auswahl. Sprache benötigt Abgrenzung. Entscheidend ist vielmehr, ob die entstandene Grenze rückkopplungsfähig bleibt. Wird ein Ausschnitt zum abgeschlossenen Ding erklärt und verschwinden seine Beziehungen aus der Wahrnehmung, entsteht ein Erkenntnisloch. Wird eine Grenze so geöffnet, dass die tragenden Bedingungen zerstört werden, entsteht ein Verletzungsloch. Wird eine Öffnung dagegen reguliert und auf eintretende Veränderungen rückgekoppelt, kann sie Entwicklung ermöglichen.
Die Membran wird deshalb zu einem wichtigen Vergleichsmodell der Forschungskunst. Sie unterscheidet, ohne vollständig abzuschließen. Sie besitzt eine relative Grenze und ermöglicht gleichzeitig Austausch. Das Atelier selbst kann nach diesem Prinzip verstanden werden. Es bildet eine temporäre künstlerische Membran, in der Material, historische Arbeiten, Besucher, Wissenschaften, Stadt und digitale Plattform miteinander in Austausch treten.
Der Ereignishorizont der Tätigkeit
Der Lochprozess besitzt zugleich eine zeitliche Dimension. Eine Vorstellung allein verändert einen Gegenstand noch nicht auf dieselbe Weise wie eine ausgeführte Handlung. Ich kann mir vorstellen, einen Spaten in den Boden zu stoßen, ohne dass der Boden dadurch umgegraben wird. Erst wenn die Hand den Spaten führt und das Blatt tatsächlich auf den Boden trifft, wird Kraft übertragen und ein vorhandener Zustand verändert. An dieser Schwelle überschreitet die Vorstellung den Ereignishorizont zur Tätigkeitskonsequenz.
Der Ereignishorizont bezeichnet innerhalb der Forschungskunst deshalb nicht den astrophysikalischen Ereignishorizont eines Schwarzen Loches, sondern eine künstlerisch übertragene Grenzvorstellung. Er bezeichnet jene Schwelle, an der aus einer Möglichkeit ein eingetretener Vorgang wird und sich dadurch der Möglichkeitsraum verändert. Die Kugelschreiberspitze kann dafür ein einfaches Modell liefern. Vor der Spitze liegt das noch unbeschriebene Papier. An der Spitze findet der Schreibvorgang statt. Hinter ihr befindet sich bereits das Geschriebene. In jedem Augenblick wird eine mögliche Zukunft in einen geschehenen Zustand überführt.
Genau diese Zeitlichkeit ist für Tätigkeitskonsequenzen entscheidend. Eine Handlung erzeugt ihre Folge nicht allein. Die Konsequenz entsteht aus dem Zusammentreffen von Tätigkeit, Material, Ort, Zeitpunkt und vorausliegendem Zusammenhang. Deshalb kann die gleiche Tätigkeit unter verschiedenen Bedingungen unterschiedliche Folgen besitzen. Zugleich können Folgen zeitlich verzögert eintreten. Eine gegenwärtige Entscheidung kann Konsequenzen erzeugen, die erst Jahrzehnte später deutlich sichtbar werden. Der So-Heits-Raum erweitert deshalb den Ereignishorizont des Besuchers. Er versucht, nicht nur die unmittelbar sichtbare Handlung, sondern deren vorausliegende Bedingungen und nachfolgende Auswirkungen in denselben Prüfzusammenhang einzubeziehen.
Reale Werkzeuge und die Materialbibliothek der Wirklichkeitsprüfung
Die historische Werkentwicklung stellt dafür eine umfangreiche Materialbibliothek bereit. Bei der „Tasse der Realität“ wurde eine Wunschform mit ihrer tatsächlichen Gebrauchsfähigkeit konfrontiert. Eine aus Ton modellierte Tasse kann formal einer Rose entsprechen und gleichzeitig als Trinkgefäß unbrauchbar werden. Der Unterschied zwischen Vorstellung und Funktion wird dabei nicht erklärt, sondern erfahren. In „Auto und Umwelt“ wurde eine ähnliche Prüfung mit einfachen Holzteilen, Rädern und Verbindungen durchgeführt. Eine vorgestellte Form musste sich daran messen lassen, ob das hergestellte Fahrzeug tatsächlich beweglich war. Die Konstruktion antwortete unmittelbar.
Das Wellenbecken zeigt, dass ein lokaler Eingriff sich in einem gemeinsamen Medium fortsetzt. Der Deich macht sichtbar, wie eine zunächst kleine Schwachstelle durch Belastung, Wasser und Zeit vergrößert werden kann, bis ein struktureller Bruch entsteht. Die Tanglandschaft bildet dazu ein Gegenbild einer beweglichen, von ihrem Medium durchdrungenen Form. Der Spaten zeigt die unmittelbare Verbindung zwischen Hand, Werkzeug, Material und Tätigkeitskonsequenz. Die Schultafel macht Aussagen sichtbar, ohne sie dauerhaft festzuschreiben, weil sie wieder gelöscht und verändert werden können. Der rote Punkt markiert nicht nur Zustimmung, sondern kann künftig den Punkt bezeichnen, an dem ein Besucher weiterforschen möchte. Die Frage- und Antworttische verwandeln eine feststehende Aussage in eine zwischenmenschliche Untersuchung. Die Theaterarbeit ermöglicht die Differenz zwischen Darsteller und Rolle, zwischen plastischem Ich und gesellschaftlicher Skulpturidentität, körperlich zu erfahren.
Der Astronaut verdichtet die Abhängigkeitsproblematik. Er erscheint als technisch geschütztes, scheinbar autonomes Wesen, während seine Existenz gerade durch Schläuche, Energieversorgung, Temperaturregulation und andere technische Membranen erhalten wird. Das Feuerkäfig-Bild verschärft diese Paradoxie. Der Mensch befindet sich in einer von ihm hervorgebrachten zerstörerischen Ordnung, trägt einen Schutzanzug, die Tür steht offen, und dennoch verbleibt er innerhalb des Systems. Die offene Tür allein erzeugt noch keine Freiheit. Entscheidend wird, welche Rolle und welche Wirklichkeitsvorstellung den Menschen davon abhält, die vorhandene Öffnung tatsächlich zu benutzen.
Das Gold besitzt in diesem Zusammenhang ebenfalls keine dekorative Funktion. Eine dünne Goldschicht verändert die physikalischen Eigenschaften eines Gegenstandes nur begrenzt, kann aber dessen gesellschaftliche Bewertung radikal verändern. Damit wird die Vergoldung zum Modell für die dritte Ebene. Eine Zuschreibung überlagert einen vorausliegenden Gegenstand und kann anschließend Tätigkeiten auslösen, obwohl sie selbst nicht zur materiellen Beschaffenheit des Gegenstandes gehört. Im Midas-Motiv wird diese Umkehrung besonders deutlich. Die vermeintliche Aufwertung kann die Gebrauchsfähigkeit des Lebendigen zerstören. Gold wird damit zum Diagnosematerial für die Frage, wann Wertsteigerung in Wirklichkeitsverlust umschlägt.
Das Mitmachbuch als bewegliche Werkbank
Das Mitmachbuch bildet die zentrale Arbeitsform des Besuchers. Es ist weder Ausstellungskatalog noch didaktisches Begleitheft. Es ist die bewegliche Werkbank des So-Heits-Ateliers. Der Besucher soll darin nicht zuerst eine vorgegebene Theorie lernen, sondern einen eigenen Zusammenhang untersuchen. Ausgangspunkt kann ein Gegenstand, eine gesellschaftliche Vorstellung, eine persönliche Überzeugung, eine Alltagstätigkeit oder ein Begriff sein. Entscheidend ist, dass der gewählte Zusammenhang nicht bei der ersten Benennung stehen bleibt.
Der Besucher soll beobachten, was er überhaupt ausgewählt hat und welche Beziehungen durch diese Auswahl zunächst unsichtbar geworden sind. Er untersucht, ob die verwendeten Begriffe eine materielle oder lebendige Beschaffenheit beschreiben oder ob sie gesellschaftliche Zuschreibungen enthalten. Anschließend wird gefragt, was geschieht, wenn nach dieser Vorstellung gehandelt wird. Die Konsequenzen sollen soweit wie möglich in räumlicher und zeitlicher Richtung verfolgt werden. Dabei kann sichtbar werden, dass andere Menschen, andere Lebewesen, zukünftige Zeitpunkte oder entfernte Orte von einer Tätigkeit betroffen sind, obwohl sie im ursprünglichen Handlungshorizont nicht vorkamen.
Die Arbeit im Mitmachbuch besteht deshalb aus einem fortgesetzten Öffnen und Rückkoppeln. Eine Vorstellung wird sichtbar gemacht, einer Wirklichkeit gegenübergestellt und anschließend verändert. Fotografien können ausgeschnitten, Folien aufgelegt, Begriffe überschrieben, Aussagen korrigiert und unterschiedliche Wirklichkeitsebenen miteinander verglichen werden. Der Besucher soll dabei nicht zu einer vorgegebenen Antwort gelangen. Er soll lernen, die Herkunft, Reichweite und Folgen seiner eigenen Beschreibung zu untersuchen.
Dadurch erhält auch der Begriff des Mitmachens eine neue Bedeutung. Die entscheidende Forderung an den Besucher lautet nicht: „Beteilige dich.“ Sie lautet: „Prüfe, woran du dich beteiligst.“ Das ist der Übergang von gewöhnlicher Partizipation zur Forschungskunst.
Die vier Ebenen als korrigierbares Prüfsystem
Das Vier-Ebenen-Modell kann dabei als vorläufige Orientierung dienen. Es soll jedoch nicht als neue Ontologie vermittelt werden. Auf einer ersten Ebene können Material, Kraft, Widerstand und physische Veränderungen untersucht werden. Auf einer zweiten Ebene treten Lebensprozesse, Stoffwechsel, Regeneration, Abhängigkeit und Verletzbarkeit hinzu. Die dritte Ebene untersucht die menschlichen Bedeutungs- und Geltungsordnungen, durch die Eigentum, Status, Rollen, Werte und andere gesellschaftliche Wirklichkeiten entstehen. Die vierte Ebene versucht, diese unterschiedlichen Wirkungsbereiche erneut miteinander zu verbinden und danach zu fragen, ob eine Vorstellung beziehungsweise gesellschaftliche Ordnung ihre eigenen Voraussetzungen beschädigt.
Die vierte Ebene besitzt deshalb keine übergeordnete Wahrheit. Sie institutionalisiert die Möglichkeit der Korrektur. Auch das Vier-Ebenen-Modell selbst muss im Atelier angreifbar bleiben. Wenn ein Besucher begründet zeigen kann, dass eine Zuordnung nicht funktioniert oder dass ein bestimmter Zusammenhang durch die vorhandenen Ebenen nicht ausreichend erfasst wird, beginnt nicht das Scheitern des Projektes, sondern der eigentliche Forschungsprozess. Ein Prüfmodell, das nicht selbst geprüft werden kann, würde zu genau jener Skulpturidentität werden, die das So-Heits-Atelier untersucht.
Dasselbe gilt für die Begriffe 51:49, Symmetriedualismus oder 1:99-Herrschaftsdrift. Sie besitzen im Atelier den Status von Versuchsanordnungen. Sie sollen helfen, unterschiedliche Arten von Verhältnissen sichtbar zu machen, dürfen aber nicht als dogmatische Zahlenordnung behandelt werden. Der Maßstab bleibt die Frage, ob der betreffende Begriff tatsächlich etwas erkennbar macht, das sich gegenüber Wirklichkeitsbeziehungen und Tätigkeitskonsequenzen prüfen lässt.
Kunst, Wissenschaft und die gemeinsame Werkbank
Die wissenschaftliche Spezialisierung bildet einen weiteren wesentlichen Untersuchungsgegenstand. Die modernen Wissenschaften haben hochpräzise Werkzeuge entwickelt, indem sie die Wirklichkeit in begrenzte Gegenstandsbereiche aufteilen. Diese Spezialisierung ermöglicht Erkenntnis, erzeugt aber zugleich Zuständigkeitsgrenzen. Die Tätigkeitskonsequenz eines Menschen hält sich jedoch nicht an diese Grenzen. Ein Eingriff in einen Boden kann gleichzeitig physikalische, chemische, biologische, wirtschaftliche, rechtliche und soziale Folgen besitzen. Ein Deichbruch lässt sich aus verschiedenen Fachperspektiven untersuchen, bleibt aber ein gemeinsames Ereignis.
Das So-Heits-Atelier fordert deshalb nicht die Abschaffung der Fachwissenschaften. Ebenso wenig beansprucht die Kunst, eine neue Oberwissenschaft zu werden. Die Kunst kann jedoch eine gemeinsame Werkbank herstellen, an der die getrennten Erkenntnisse wieder auf denselben Wirklichkeitszusammenhang zurückgeführt werden. Gerade darin liegt eine Fortsetzung früherer documenta-Konzepte, in denen bereits unterschiedliche wissenschaftliche Erkenntnisse, Politik, Wirtschaft, Religion, künstlerische Praxis und öffentliche Beteiligung innerhalb eines gemeinsamen Labors verbunden werden sollten.
Der entscheidende Prüfmaßstab wäre dabei nicht, ob jede Disziplin innerhalb ihres eigenen Systems korrekt gearbeitet hat. Gefragt wird vielmehr, ob das gemeinsame hervorgebrachte Werk trägt. Ein technisch perfekt funktionierendes Teil kann Bestandteil einer insgesamt nichttragfähigen Entwicklung sein. Eine wirtschaftlich erfolgreiche Tätigkeit kann ökologische oder soziale Voraussetzungen zerstören, die in ihrer eigenen Erfolgsrechnung nicht erscheinen. Eine rechtlich gültige Ordnung kann biologische und materielle Beziehungen ausblenden. Das So-Heits-Atelier versucht deshalb, die Zwischenräume der Zuständigkeiten sichtbar zu machen.
Die Kunst erhält darin eine besondere Funktion, weil sie unterschiedliche Materialien, Wahrnehmungsformen, räumliche Situationen, Rollen und Erkenntnisweisen zusammenbringen kann, ohne vorher festlegen zu müssen, welcher Wissenschaft das Gesamtproblem gehört. Sie stellt nicht die richtige Antwort bereit, sondern den Raum, in dem die getrennten Antworten wieder an einem gemeinsamen Werk geprüft werden können.
Die So-Heits-Gesellschaft als offener gesellschaftlicher Werkprozess
Auch die ältere Idee der So-Heits-Gesellschaft wird durch diese Entwicklung verändert. Ursprünglich wurde sie als fiktive alternative Gesellschaftsform in eine gedachte prähistorische Vergangenheit auf Kreta verlegt. Durch diese „Vergangenheits-Utopie“ sollte ein Vergleich mit der Gegenwart ermöglicht werden. Das Futur II wurde dabei als Gestaltungsprinzip verwendet, um eine mögliche Zukunft so zu betrachten, als hätte ihre Voraussetzung bereits in der Vergangenheit existiert.
Diese historische Konzeption bleibt Bestandteil des Lebenswerks, muss heute aber nicht mehr als Entwurf einer vermeintlich richtigen Gesellschaft verstanden werden. Das wäre angesichts der inzwischen entwickelten Prüfmethodik sogar widersprüchlich. Die So-Heits-Gesellschaft kann heute als offener gesellschaftlicher Werkprozess verstanden werden. Sie beschreibt keine endgültige Ordnung, sondern die Fähigkeit einer Gesellschaft, ihre eigenen Vorstellungen und Tätigkeiten an den Bedingungen zu prüfen, von denen ihr Fortbestehen abhängt.
Damit verändert sich auch der Gemeinsinn. Er besteht nicht darin, dass alle Menschen dasselbe denken oder sich einer gemeinsamen Ideologie unterordnen. Der Gemeinsinn entsteht aus der Anerkennung, dass unterschiedliche Fähigkeiten und Perspektiven innerhalb eines gemeinsamen Wirkungszusammenhangs stehen. Der ältere Entwurf beschreibt bereits ein Integrationsmodell, das die wechselseitige Abhängigkeit von Lebewesen hervorheben und individuelle Interessen in einen größeren Zusammenhang stellen sollte. Die heutige Plexuswirklichkeit kann diesen Gedanken von einer harmonisierenden Ganzheitsvorstellung lösen. Gemeinschaft bedeutet dann nicht Verschmelzung, sondern rückkopplungsfähige Verschiedenheit.
Der Bezug zu technē erhält hier seine eigentliche Bedeutung. Können wird nicht in erster Linie als persönliche Ware oder Statusmerkmal verstanden. Eine Fähigkeit erhält ihren gesellschaftlichen Sinn dadurch, dass sie innerhalb eines gemeinsamen Werkes eingesetzt wird. Der einzelne Mensch bleibt eigenständig, ist aber nicht unabhängig. Vergleichbar mit einem Instrument innerhalb eines Ensembles kann gerade seine Verschiedenheit notwendig sein, sofern sie in einen Zusammenhang eingebunden bleibt, in dem die Folgen des eigenen Beitrags wahrnehmbar und korrigierbar sind.
Die Werkbiografie als chronistische Gegenprüfung
Das eigene Lebenswerk wird innerhalb des So-Heits-Ateliers nicht als Beweis dafür verwendet, dass frühere Annahmen bereits richtig gewesen seien. Eine solche Behauptung würde der Methode widersprechen. Die Biografie besitzt vielmehr den Charakter eines Langzeitversuchs. Dokumente, Fotografien, Tagebücher, frühere documenta-Bewerbungen, nicht realisierte Projekte, Ablehnungen, Ausstellungen, Aktionen und Werkveränderungen zeigen, was zu bestimmten Zeitpunkten gedacht, vorgeschlagen, durchgeführt, verworfen oder nicht aufgenommen wurde.
Gerade dadurch kann untersucht werden, welche Fragen über Jahrzehnte bestehen geblieben sind, welche Begriffe später verändert werden mussten und welche früheren Versuchsanordnungen unter heutigen Bedingungen eine neue Bedeutung erhalten. Die vorhandenen Unterlagen zeigen beispielsweise, dass bereits die documenta-X-Bewerbung Kunst, Naturwissenschaften, Labor, Rückkopplung und Beteiligung miteinander verbinden wollte. Die späteren Projekte erweiterten diese Fragestellung um globale Vernetzung, gesellschaftliche Rollen und Handlungsverantwortung.
Die Nichtrealisierung eines Projektes beweist nicht seine Richtigkeit. Sie gehört jedoch zur Werkgeschichte. Damit wird auch die institutionelle Nichtanerkennung zu einem untersuchbaren Ereignis. Verortungskunst fragt danach, welche Gedanken an welchem Ort und zu welchem Zeitpunkt auftauchten und ob sie dort einen Resonanz- beziehungsweise Arbeitsraum fanden. Die documenta 16 erhält dadurch eine doppelte Funktion. Sie wäre nicht nur der mögliche Ort einer heutigen Präsentation, sondern zugleich der Ort, an dem die jahrzehntelange Beziehung zwischen dem Werk und der Institution documenta selbst untersucht werden kann.
Die historische Spur dient also nicht der Aussage „Ich hatte recht“, sondern der Frage: Was war bereits vorhanden, was konnte damals noch nicht ausreichend formuliert werden, was hat sich als unbrauchbar erwiesen und welche nicht realisierten Fragestellungen verlangen heute eine erneute Prüfung?
Arbeitsauftrag an die Besucher
Der Besucher des So-Heits-Ateliers erhält deshalb keine fertige gesellschaftliche Lehre. Von ihm wird eine andere Haltung verlangt. Er soll vorübergehend zum Ermittler seiner eigenen Wirklichkeitsannahmen werden. Dabei geht es nicht darum, sämtliche bisherigen Überzeugungen aufzugeben. Es geht darum, sie aus ihrer Selbstverständlichkeit herauszulösen und erneut auf ihre Voraussetzungen zu beziehen.
Eine Vorstellung von Freiheit muss sich daran prüfen lassen, welche Abhängigkeiten des Organismus und der Gesellschaft gleichzeitig bestehen. Eine Eigentumsvorstellung muss unterscheiden können, was gesellschaftliche Vereinbarung und was materielle beziehungsweise lebendige Beschaffenheit des betreffenden Gegenstandes ist. Eine Vorstellung von wirtschaftlichem Erfolg muss die Frage zulassen, welche Kosten oder Verletzungen außerhalb ihres eigenen Berechnungssystems auftreten. Eine Rollenidentität muss danach befragt werden können, ob sie das plastische Ich unterstützt oder dessen Abhängigkeiten verdeckt. Auch wissenschaftliche Kategorien müssen ihre Reichweite kenntlich machen und dürfen nicht so behandelt werden, als könne der jeweilige Fachausschnitt für den gesamten Wirklichkeitszusammenhang stehen.
Der Besucher soll deshalb nicht nur seine Meinung äußern. Er soll seine Meinung in einen Prüfprozess überführen. Er untersucht, wodurch sie entstanden ist, welche Begriffe darin vorkommen, welche Ebene diese Begriffe beschreiben, was bei ihrer Anwendung geschieht und welche Rückmeldungen möglicherweise bislang nicht berücksichtigt wurden. Das Mitmachbuch dokumentiert diesen Weg. Der rote Punkt kann markieren, an welcher Stelle eine Frage offenbleibt und weiterverfolgt werden soll. Andere Besucher können sich an derselben Fragestellung beteiligen, ohne dass daraus eine Mehrheitswahrheit entstehen muss.
Die Globale Schwarm-Intelligenz kann diese Untersuchungen über den lokalen Raum hinaus miteinander verbinden. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, durch eine große Zahl von Stimmen Wahrheit zu erzeugen. Sie kann vielmehr unterschiedliche Prüfwege sichtbar machen, Widersprüche vergleichen und zeigen, an welchen Stellen verschiedene Menschen mit denselben Begriffen zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen. Die Schwarm-Intelligenz wäre damit kein Abstimmungsapparat, sondern ein Kristallisationskern der Rückkopplungen.
Das So-Heits-Atelier als Werkstatt der Zivilisationsfähigkeit
In seiner heutigen Form führt das So-Heits-Atelier damit wesentliche Linien des gesamten Lebenswerks zusammen. Die Experimentelle Umweltgestaltung stellte die Frage nach dem Verhältnis zwischen Mensch, Material und Umwelt. Malbücher und Vorgabebilder öffneten das fertige Bild für den Rezipienten. Die Frage- und Antworttische machten Kommunikation selbst zum Arbeitsmaterial. Das Wellenbecken zeigte fortgesetzte Wirkungen innerhalb eines gemeinsamen Mediums. Demokratiewerkstätten und Grenzwerkstatt untersuchten gesellschaftliche Ordnungen. Das Globale Dorffest erweiterte den öffentlichen Beteiligungsraum. Die Kollektive Kreativität stellte den einzelnen Urheber in einen gemeinschaftlichen Zusammenhang. Das Partizipatorische Welttheater machte die Zivilisation zur Bühne ihrer eigenen Rollen. Der Astronaut zeigte die Paradoxie scheinbarer Autonomie und tatsächlicher Abhängigkeit. Die früheren Internetkonzepte öffneten den lokalen Ausstellungsraum in Richtung globaler Beteiligung. Die So-Heits-Gesellschaft formulierte eine alternative gesellschaftliche Versuchsanordnung. Die Globale Schwarm-Intelligenz entwickelt daraus heute eine vernetzte Prüfplattform.
Das So-Heits-Atelier der documenta wäre der Ort, an dem diese unterschiedlichen Werkphasen nicht nur nebeneinander gezeigt, sondern erstmals als zusammenhängende Forschungsgeschichte der Zivilisationsfähigkeit aktiviert werden könnten. Das historische Material stellt Versuchsanordnungen bereit, die heutige Theorie liefert neue Prüfbegriffe, das Mitmachbuch überträgt sie auf die Besucher und die Plattform ermöglicht eine Weiterarbeit über die documenta hinaus.
Der entscheidende Maßstab ist dabei nicht eine vorgestellte perfekte Gesellschaft. Entscheidend ist die Fähigkeit zur Korrektur. Eine zivilisationsfähige Ordnung müsste ihre eigenen Auswirkungen wahrnehmen können und bereit sein, ihre Vorstellungen zu verändern, wenn diese ihre Tragbedingungen verletzen. Genau darin unterscheidet sich ein Werkzeug von einer Ideologie. Ein Werkzeug lässt sich aufgrund seines Scheiterns verändern oder ersetzen. Eine Ideologie versucht dagegen, ihr Scheitern so zu erklären, dass sie selbst unangetastet bleibt.
Das So-Heits-Atelier untersucht deshalb, wo aus notwendigen Vorstellungen unverletzliche Wirklichkeitssurrogate werden und wie ihre Rückkopplung zur Verletzungswirklichkeit wiederhergestellt werden kann.
Sein Gegenstand ist damit letztlich nicht das einzelne Kunstwerk. Sein Gegenstand ist das vom Menschen hervorgebrachte Zivilisationswerk. Der Mensch ist dessen Mitverursacher und zugleich von seinen Folgen betroffen. Er befindet sich innerhalb des Werkes, das er selbst fortwährend verändert. Genau deshalb kann er nicht bloßer Zuschauer bleiben.
Das So-Heits-Atelier fordert ihn auf, sich als plastisch werdender Mitgestalter eines gemeinsamen, niemals abgeschlossenen Menschenwerks zu begreifen. Die Kunst liefert dafür keine fertige Zukunft. Sie stellt eine Werkstatt bereit, in der Vorstellungen sichtbar gemacht, Tätigkeiten erprobt, Konsequenzen untersucht und Korrekturen vorgenommen werden können. Der So-Heits-Raum ist der größere Plexuszusammenhang, innerhalb dessen dieser Prozess stattfindet. Das Atelier ist seine künstlerische Forschungsform. Die Werkstatt ist seine Verrichtung. Das Mitmachbuch ist seine bewegliche Arbeitsfläche. Die Globale Schwarm-Intelligenz ist seine Möglichkeit der überörtlichen Rückkopplung.
Damit lässt sich der künstlerische Auftrag des So-Heits-Ateliers in einer einzigen Frage verdichten: Wie kann der Mensch lernen, seine eigenen Hervorbringungen so zu prüfen, dass aus Wissen wieder korrigierbares Handeln und aus gesellschaftlicher Gestaltung Zivilisationsfähigkeit entsteht?
Die documenta wäre für diesen Prozess nicht nur ein Ausstellungsort. Sie könnte selbst zum Bestandteil der Versuchsanordnung werden.
Der Gedanke lässt sich noch konsequenter zuspitzen: Nicht Sie bewerben sich nur bei der documenta, sondern Ihre Verortungskunst beginnt zugleich, die documenta selbst zu prüfen. die dringenden Antworten zur Verfügung stellen, die meinen Prophezeiungen zugrunde liegen in der heutigen zeit. Ist das die Zusammenfassung?
Ja – aber noch etwas präziser
Ja. Das ist im Kern die Zusammenfassung, allerdings würde ich sie noch konsequenter formulieren. Bei Ihrer Verortungskunst geht es nicht mehr nur darum, ob die documenta Ihre Arbeit anerkennt und Ihnen einen Ausstellungsort zur Verfügung stellt. Mit der Bewerbung wird die documenta selbst Bestandteil Ihrer Versuchsanordnung. Ihre früheren documenta-Bewerbungen, Projekte, Warnungen, gesellschaftlichen Modelle und nicht realisierten Vorschläge bilden inzwischen eine jahrzehntelange chronistische Spur. An ihr lässt sich prüfen, welche Fragen Sie zu welchem Zeitpunkt gestellt haben, was damals nicht aufgenommen oder nicht verstanden wurde und welche dieser Fragen unter den heutigen planetarischen Bedingungen eine neue Dringlichkeit erhalten. Ihre Biografie wird damit nicht zum Beweis dafür, dass jede frühere Aussage richtig gewesen sei, sondern zum dokumentierten Langzeitversuch einer Forschungskunst, deren Ausgangsfrage über Jahrzehnte dieselbe geblieben ist: Warum zerstört der Mensch trotz seines Wissens und seiner Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen?
Was Sie als Ihre früheren „Prophezeiungen“ bezeichnen, würde ich dabei nicht im mystischen Sinn behandeln, sondern als früh formulierte künstlerische Diagnosen, Warnungen und Zukunftsannahmen, die heute erneut an der eingetretenen Wirklichkeit überprüft werden können. Genau deshalb besitzt die Verortungskunst eine zeitliche Dimension. Eine Aussage wird zu einem bestimmten Zeitpunkt gemacht, findet möglicherweise keinen Ort, bleibt dokumentiert und begegnet Jahrzehnte später einer Wirklichkeit, in der sich ihre Fragestellung verschärft hat. Dann lautet die Prüfung nicht: „Hatte ich damals recht?“, sondern: Was ist seitdem tatsächlich geschehen, welche damaligen Annahmen haben sich bestätigt, welche müssen korrigiert werden und welche Konsequenzen ergeben sich daraus heute?
Damit verändert sich auch die Funktion des So-Heits-Ateliers. Sie wollen der documenta nicht lediglich Ihre Warnungen erneut vortragen. Sie bringen inzwischen die über Jahrzehnte entwickelten Prüfverfahren mit, durch die diese Warnungen untersucht werden können: die Unterscheidung zwischen vorausliegender Wirklichkeit und hineingedachten Eigenschaften, die vier Ebenen, die Tätigkeitskonsequenzen, den Lochprozess, Membran und Plexuswirklichkeit, die 24-Stunden-Uhr und den Millisekunden-Menschen, das plastische Ich gegenüber der Skulpturidentität, die realen handwerklichen Werkzeuge und Materialien, die Folien, das Mitmachbuch und die Globale Schwarm-Intelligenz. Dadurch entsteht etwas anderes als eine weitere gesellschaftskritische Ausstellung. Sie stellen eine Arbeitsgrundlage zur Verfügung, mit der geprüft werden kann, weshalb vorhandenes Wissen seine korrigierende Wirkung verliert und wie gesellschaftliche Vorstellungen wieder an ihre realen Tätigkeitskonsequenzen zurückgebunden werden können.
Die documenta wird damit doppelt angesprochen. Einerseits soll sie prüfen, ob dieses über Jahrzehnte entwickelte Werk heute einen Ort innerhalb der documenta 16 erhalten muss. Andererseits wird sie durch die Verortungskunst selbst gefragt, ob eine Institution, die Gegenwartskunst und mögliche Zukünfte untersucht, bereit ist, ihre eigene Wahrnehmungs-, Auswahl- und Anerkennungsstruktur einer solchen Prüfung auszusetzen. Gerade die früheren Bewerbungen gehören deshalb in das So-Heits-Atelier. Sie zeigen, dass die Beziehung zwischen Ihrem Werk und der documenta selbst bereits eine Geschichte besitzt.
Die stärkste Zusammenfassung würde ich deshalb heute so formulieren:
Das So-Heits-Atelier bewirbt sich nicht nur um einen Platz auf der documenta 16. Es bringt die documenta selbst in einen über fünf Jahrzehnte dauernden Prozess der Verortungskunst ein. Die früheren Bewerbungen, Projekte, Warnungen und nicht realisierten Versuchsanordnungen werden mit der heutigen Wirklichkeit konfrontiert. Dadurch kann geprüft werden, welche damals formulierten Probleme inzwischen eingetreten oder dringlicher geworden sind und welche künstlerischen Prüfverfahren heute zur Verfügung stehen, um nicht nur die Katastrophe zu beschreiben, sondern die Mechanismen sichtbar zu machen, durch die der Mensch sie trotz seines Wissens fortsetzt. Die documenta wird damit vom möglichen Ausstellungsort zum Mitprüfenden einer Forschungskunst, deren Gegenstand letztlich die Zivilisationsfähigkeit des Menschen selbst ist.
Das scheint mir inzwischen tatsächlich die komprimierte Gesamtformel Ihrer documenta-16-Verortungskunst zu sein.
