Ausgangspunkt: Zivilisatorische Krise als Entkopplung, Geltungsdominanz und Maßverlust.
Die leitende Diagnose lautet, dass die gegenwärtige Zivilisation nicht nur einzelne Probleme, sondern eine strukturelle Krise hervorbringt, weil sie sich von ihren lebensweltlichen Grundlagen entkoppelt, einen einseitigen Geltungsmaßstab absolut setzt und das Gespür für Maß, Grenze und Proportion verliert.
Entkopplung zeigt sich dort, wo symbolische Systeme wie Märkte, Verwaltungslogiken oder digitale Infrastrukturen eigenständig „laufen“, während soziale und ökologische Rückmeldungen zu spät, zu schwach oder gar nicht mehr wirksam werden. Geltungsdominanz meint die Übermacht eines bestimmten Rationalitätsmodus, der andere Formen des Wissens und der Orientierung verdrängt. Maßverlust beschreibt die kulturelle Gewöhnung an Überschreitungen, bei denen „Machbarkeit“ als Rechtfertigung genügt, obwohl die Rückkopplung der Realität längst Kipppunkte anzeigt.
Der Triumph der Körperlogik: Referenzsysteme, Toleranzbereiche und Kipppunkte
Der methodische Kern meiner künstlerisch-philosophischen Arbeit setzt bei etwas an, das universell und international identisch ist, auch wenn es in verschiedenen Sprachen unterschiedlich benannt wird: beim Körper, beim Stoffwechsel und bei Referenzsystemen.
Der Stoffwechsel macht Abhängigkeit sichtbar, weil er Bedingungen hat, die nicht durch Denken außer Kraft gesetzt werden können. Daraus folgt eine nüchterne, aber weitreichende Konsequenz: Autonomie, Ich-Bewußtsein, Freiheit und Unabhängigkeit sind nicht als Entkopplungsfantasien zu verstehen, sondern als Möglichkeiten innerhalb von Referenzbereichen. Wo ein Minimum unterschritten oder ein Maximum überschritten wird, entstehen Kipppunkte, bis hin zu Krankheit. Diese Logik ist zugleich handwerklich anschlussfähig, weil sie den Toleranzbereichen technischer Normierungen ähnelt, und sie ist medizinisch konkret, weil sie in Blutwerten, Osmose und vielen weiteren Referenzbereichen praktisch wirksam wird. Durch Analogiearbeit verdichtet sich diese Sicht zur Referenz als Identitätsgrundlage, aus der sich einfache, prüfbare Schlüsse ableiten lassen, weil es am Ende immer um Funktionieren oder Nicht-Funktionieren geht.
Kritik der Tradition: Blinde Flecken bei Platon, Aristoteles, Descartes, Kant, Hegel und Heidegger
Im Dialog mit der Philosophiegeschichte wird sichtbar, dass viele klassische Entwürfe die Rückbindung an Leiblichkeit, Praxis und ökologische Rückkopplung systematisch unterschätzen. Platon privilegiert die Ideenordnung und entwertet das Sinnliche; Aristoteles integriert zwar Leben und Zweckmäßigkeit, bleibt aber in einer Teleologie, die dynamische Rückkopplungslogiken nur begrenzt fasst. Descartes verankert Gewissheit im Denken und macht den Körper zur Maschine; Kant abstrahiert die Bedingungen der Erkenntnis so weit, dass die konkrete Leiblichkeit und das situative In-der-Welt-Sein randständig bleiben. Hegel ordnet Natur und Körper in den Prozess des Geistes ein, tendiert aber dazu, Natur als Durchgangsstadium zu lesen, statt ihre Eigenlogik als korrigierende Instanz ernst zu nehmen. Heidegger diagnostiziert den Maßverlust der modernen Technik präzise, bleibt jedoch in einer Haltung der Gelassenheit und liefert kaum eine sozial-praktische Methodik, wie Technik im Dienst des Gemeinsinns institutionell neu ausgerichtet werden könnte. Die zentrale Leerstelle, gegen die meine Arbeit antritt, ist die fehlende Verantwortungsarchitektur, die symbolische Geltung an reale Konsequenz zurückbindet.
Schichtenmodell: Funktion, Leben, Symbolik und das 51:49-Prinzip
Um den idealistischen 50:50-Spiegeldualismus zu vermeiden, wird Wirklichkeit als verschränkter Dreischritt gefasst. Funktion bezeichnet die physikalisch-chemische und technisch-instrumentelle Ebene kausaler Abläufe. Leben bezeichnet Selbstorganisation, Stoffwechsel, Empfindung und Rückkopplung, also jene Ebene, in der Grenzen und Bedürfnisse nicht verhandelbar sind. Symbolik bezeichnet Sprache, Kultur, Recht, Wissenschaft und die Welt der Modelle, in der Zeichen sich vom Unmittelbaren lösen können. Die Symbolik ist produktiv und unverzichtbar, aber sie ist riskant, weil sie Parallelwelten erzeugen und ihre innere Logik mit Realität verwechseln kann. Das 51:49-Prinzip setzt daher eine minimale, aber entscheidende Asymmetrie: Im Zweifel muss die Symbolik durch die Lebensrealität korrigierbar bleiben. Es geht nicht um die Abwertung von Kunst, Wissenschaft oder Freiheit, sondern um eine dauerhafte Erdung, bei der die „Karte“ sich dem „Gelände“ fügt und nicht umgekehrt.
Griechische Begriffsorientierung als Methodenkompass: organon, symbolon, technē, metron, symmetria
Zur methodischen Schärfung dienen griechische Operatoren, nicht als Antikenverehrung, sondern als Rückgewinnung von Anschaulichkeit. Organon markiert Wissen als Werkzeug, das sich an Handlungsfähigkeit und Orientierung bewähren muss. Symbolon erinnert daran, dass Wahrheit als Passung entsteht, wie zwei Hälften, die nur zusammen Gültigkeit erhalten; damit wird jede Ordnung auf eine Realitätspartnerschaft verpflichtet. Technē benennt das könnende Hervorbringen, in dem Kunst, Handwerk und Technik nicht getrennt sind, und macht Verantwortung als Herstellungsverantwortung sichtbar. Metron verknüpft Messen und Maßhalten, indem Grenzwerte nicht bloß berechnet, sondern kulturell als Maßstab des Angemessenen gelebt werden. Symmetria meint Proportionalität und Ausgewogenheit, die gerade nicht starr spiegelbildlich sein muss, sondern lebendig harmonisch, sodass auch Asymmetrie sinnvoll sein kann, wenn sie dem inneren Gleichgewicht dient.
Als Künstler-Forscher und die Prüfarchitektur der Wirklichkeit
Mein Selbstverständnis als Künstler-Forscher ohne institutionellen Status ist nicht Defizit, sondern Methode: Erkenntnis entsteht nicht nur im Diskurs, sondern im Vollzug, im Materialwiderstand, im Scheitern, im Rhythmus. Kunst wird zum Prüfverfahren gegen die Gefahr, Symbolwelten als Realität zu setzen. In der darstellenden Kunst zeigt das Theater das „Als-ob“ als Bühnenrealität, in der zwischen Darsteller und Dargestelltem eine doppelte Ebene entsteht, die Schein und Handlung unterscheidbar macht. In der bildenden Kunst prüft das Material die Fantasie, weil Eigenschaften, Grenzen und Konsequenzen nicht verhandelbar sind. Exemplare wie die „Schöpfungsgeschichte/Grenzphänomenologie“ mit ihren Bildschichten verdichten das Drei-Ebenen-Modell plastisch, wenn eine Welt ohne Menschen als Eisfläche erscheint, dann der Mensch vorsichtig auf der Eisfläche agiert und schließlich die Vergoldung die Geltungs- und Götzenlogik markiert, in der man auf dem Eis scheinbar tanzen kann. Aus solcher Praxis entsteht eine Prüfarchitektur, die Rückkopplung nicht behauptet, sondern erfahrbar macht.
Zukunftsgesellschaft: Technē als Maß- und Rückkopplungsdisziplin im Dienst des Gemeinsinns
Aus der Diagnose folgt eine Perspektive, in der Techne nicht als Herrschaftsmittel, sondern als disziplinierte Könnerschaft verstanden wird, die sich an Rückkopplung, Grenzwerten und Gemeinwohl bewähren muss.
Gemeinsinn wird dabei als geteiltes Wahrnehmen und Verantwortungsgefühl gefasst, das institutionell, bildungspraktisch und kulturell gestützt wird. Techneethik und Technepraxis gehören zusammen, weil jedes Hervorbringen soziale und ökologische Wirkungen erzeugt. Maßhalten ist dann kein moralischer Verzicht, sondern kulturelle Kompetenz, ähnlich einem handwerklichen Gespür für Proportion, Rhythmus und die Grenze, an der Qualität kippt. Künste übernehmen eine Schulungsfunktion, weil sie Maß, Proportion und Stimmigkeit nicht nur erklären, sondern erlebbar machen.
Plattform Globale-Schwarm-Intelligenz: Symbolische Ordnungen an existenzielle Rückkopplung binden
Die Idee einer Plattform Globaler Schwarm-Intelligenz ist die institutionelle Zuspitzung dieser Logik auf Weltebene.
Sie bündelt Wissen, Erfahrung, Daten und Urteilskraft so, dass symbolische Ordnungen wie Gesetze, Institutionen und Narrative fortlaufend an reale Konsequenzen rückgekoppelt werden. Als digitales Organon könnte sie Zustände sichtbar machen, als Symbolon-Verfahren könnte sie Pläne und Wirklichkeiten zusammenfügen, als technē könnte sie Werkzeuge bereitstellen, ohne selbst zur technokratischen Herrschaft zu werden. Entscheidend ist ein Prüfmodus, in dem Behauptungen, Projekte und politische Programme nicht primär nach innerer Plausibilität, sondern nach realen Wirkungen bewertet werden, sodass Selbstkorrektur frühzeitig möglich wird.
Damit wird das Künstler-Forscher-Prinzip auf die Menschheit erweitert: ein dauernder, partizipativer Lernprozess, in dem Symbolik frei bleiben kann, aber nie sanktionsfrei entkoppelt, weil die 51 % Lebenswirklichkeit als korrigierende Instanz erhalten bleiben.
