Aussage zu mir:„ Ich nehme die Soziale Plastik zu ernst“
„Sie nehmen die Soziale Plastik zu ernst“
Der Satz von Joseph Beuys als biografischer und werkgeschichtlicher Schlüssel
Joseph Beuys sagte 1980 in einem persönlichen Gespräch zu mir über meine künstlerische Arbeit, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst. Dieser Satz ist für mein weiteres Werk nicht nebensächlich. Er bezeichnet einen grundlegenden Unterschied zwischen dem erweiterten Kunstbegriff von Beuys und der Richtung, in die ich seine Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“ praktisch, anthropologisch und gesellschaftlich weiterverfolgte.
Ich hatte den Begriff der Sozialen Plastik nicht nur als künstlerische Metapher, politische Vision oder programmatische Erweiterung des Kunstbegriffs aufgenommen. Ich verstand ihn als reale Verpflichtung. Wenn jeder Mensch Künstler ist und die Gesellschaft ein gemeinsames plastisches Werk bildet, dann muss diese Behauptung Konsequenzen für das menschliche Selbstverständnis, für Erziehung, Arbeit, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und für jede alltägliche Tätigkeit haben. Dann genügt es nicht, den Menschen symbolisch zum Künstler zu erklären. Es muss untersucht werden, was er tatsächlich gestaltet, welches künstlerische Handwerkszeug ihm dafür zur Verfügung steht, wodurch dieses Handwerkszeug verschüttet wird und nach welchen Maßstäben die Folgen seiner Gestaltung geprüft werden können.
Gerade diese Konsequenz kann Beuys mit der Bemerkung gemeint haben, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst. Was bei ihm als öffnender, provozierender und befreiender Kunstbegriff wirkte, behandelte ich als eine tatsächlich einzulösende Aufgabe.
Die Begegnung während des Wahlkampfes 1980
Im Jahr 1980 arbeitete ich während des nordrhein-westfälischen Wahlkampfes von Joseph Beuys gemeinsam mit Johannes Stüttgen. In diesem Zusammenhang erklärte ich die Soziale Plastik aus meiner eigenen künstlerischen Erfahrung als „den verschütteten Künstler in uns“.
Damit war nicht gemeint, dass jeder Mensch ohne Weiteres ein professioneller Maler, Bildhauer oder Musiker sei. Gemeint war, dass jeder Mensch bereits in seiner frühen Kindheit über bildnerische, körperliche, rhythmische, spielerische und darstellerische Fähigkeiten verfügt. Das Kind kritzelt, hämmert mit einem Löffel auf einen Topf, spielt mit Wasser, formt Sand, bewegt sich, erfindet Rollen, verändert Gegenstände und verbindet Dinge, die in der Erwachsenenwelt voneinander getrennt werden.
Diese Tätigkeiten sind keine bloßen Vorstufen späterer vernünftiger oder leistungsfähiger Handlungen. In ihnen erprobt der Mensch bereits Linie, Fläche, Rhythmus, Klang, Kraft, Gleichgewicht, Grenze, Wiederholung, Widerstand, Material und Wirkung. Er beginnt mit dem Handwerkszeug von Zeichnung, Musik, Plastik, Theater, Tanz, Architektur und Performance, bevor diese Tätigkeiten in voneinander getrennte Kunstdisziplinen eingeordnet werden.
Der Künstler muss daher nicht erst in den Menschen hineingebracht werden. Er ist bereits vorhanden. Er wird jedoch durch Erziehung, Leistungsdruck, Bewertung, richtige Darstellung, gesellschaftliche Rollen und wirtschaftliche Verwertung verschüttet.
Die Aktion mit Töpfen und Kochlöffeln
Bei den Wahlveranstaltungen forderte ich Menschen dazu auf, wieder mit Kochlöffeln auf Töpfe zu schlagen. Diese Handlung war keine bloße Unterhaltung und keine nebensächliche Begleitaktion. Sie war eine körperliche und akustische Rückführung zu einer frühen, noch nicht vollständig durch Leistung und gesellschaftliche Anerkennung kontrollierten Tätigkeit.
Der Erwachsene sollte nicht etwas Besonderes vorspielen. Er sollte eine elementare Fähigkeit wieder aufnehmen, die ihm in seiner Kindheit selbstverständlich zur Verfügung gestanden hatte. Der Topf war kein Musikinstrument im institutionellen Sinne, und der Teilnehmer musste keine musikalische Ausbildung nachweisen. Dennoch entstanden Klang, Rhythmus, körperliche Bewegung, Aufmerksamkeit, Zusammenspiel und öffentliche Wirkung.
In dieser Handlung lag bereits ein grundlegender Unterschied zu einem rein symbolischen Verständnis der Sozialen Plastik. Der Mensch wurde nicht nur als Künstler bezeichnet. Er sollte in einer konkreten Verrichtung erfahren, dass er formt, klingt, handelt und auf andere einwirkt. Die Soziale Plastik wurde nicht erklärt, sondern praktisch erprobt.
Zugleich berührte diese Aktion meine Kritik am Leistungsbegriff. Der Mensch sollte für einen Augenblick nicht beweisen, wie gut, richtig oder verwertbar er etwas ausführen konnte. Er sollte handeln, wahrnehmen, ausprobieren und sich mit anderen in einen gemeinsamen Vorgang begeben.
Was „zu ernst“ bedeuten konnte
Der Satz, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, kann auf verschiedene Weise verstanden werden. Er kann bedeuten, dass ich aus einem erweiterten Kunstbegriff eine zu umfassende gesellschaftliche Verpflichtung ableitete. Er kann bedeuten, dass ich den spielerischen, offenen, widersprüchlichen und provozierenden Charakter der Beuysschen Kunst zu stark in eine praktisch einzulösende Verantwortung überführte. Er kann auch bedeuten, dass ich den Begriff nicht als künstlerische Setzung stehen ließ, sondern wissen wollte, wie er tatsächlich funktionieren sollte.
Ich fragte nicht nur, ob jeder Mensch Künstler sei. Ich fragte, wodurch er Künstler ist, welches Material er bearbeitet, woran er die Tragfähigkeit seines Werkes erkennt und wer die Folgen einer misslungenen Gestaltung trägt.
Damit verschob sich die Frage von der schöpferischen Möglichkeit zur Verantwortung. Wenn jeder Mensch Künstler ist, dann sind auch Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft, Erziehung, Technik und gesellschaftliche Rollen Ergebnisse menschlicher Gestaltung. Sie sind Bestandteile der Sozialen Plastik. Dann müssen sie wie ein Werk auf ihre Materialien, Verbindungen, Belastungen, Wirkungen und Schäden untersucht werden.
Die Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“ wird unter dieser Voraussetzung nicht nur zu einer Befreiungsformel. Sie wird zu einem Prüfauftrag.
Beuys’ Satz als mögliche Warnung vor der Überlastung der Kunst
Die Bemerkung kann zugleich eine Warnung enthalten haben. Wird der Begriff der Sozialen Plastik zu umfassend belastet, kann Kunst den Anspruch erheben, alle gesellschaftlichen Probleme lösen zu müssen. Der Künstler könnte sich als besonderer Gestalter der gesamten Gesellschaft missverstehen und dadurch erneut in eine überhöhte Schöpferrolle geraten.
Diese Gefahr ist real. Der Mensch ist nicht der Schöpfer der Wirklichkeit. Er erschafft weder Materie noch Schwerkraft, Wasser, Sauerstoff, Stoffwechsel oder die grundlegenden Bedingungen seines Lebens. Auch der Künstler steht nicht außerhalb der Welt, um sie nach seinem Bild zu formen.
Gerade deshalb war die weitere Entwicklung meiner Arbeit darauf gerichtet, den Künstlerbegriff zu begrenzen und zurückzukoppeln. Der Mensch ist Künstler, aber er ist zugleich Material, Körperorganismus, Abhängiger, Mitwirkender und Betroffener. Er gestaltet innerhalb einer Wirklichkeit, die er nicht hergestellt hat und deren Rückwirkungen er nicht vollständig kontrollieren kann.
Die Soziale Plastik darf daher nicht zu einer Vorstellung werden, nach der ein Künstler oder eine Gruppe von Künstlern die Gesellschaft wie eine passive Masse modelliert. Gesellschaftliche Gestaltung muss den Widerstand, die Eigenständigkeit, die Verletzlichkeit und das Nichtwissen der Beteiligten enthalten.
Die Soziale Plastik als ernste materielle Wirklichkeit
Für mich blieb die Soziale Plastik nicht auf Sprache, Denken, Kommunikation und gesellschaftliche Vorstellung beschränkt. Jede gesellschaftliche Form greift in materielle und organismische Zusammenhänge ein.
Eigentum ist eine zugeschriebene und rechtlich bestätigte Beziehung. Es ist keine physikalische Eigenschaft eines Bodens, eines Hauses oder eines Gegenstandes. Dennoch kann Eigentum darüber entscheiden, wer einen Raum betreten, in einer Wohnung leben oder ein Stück Land nutzen darf. Eine zugeschriebene Eigenschaft erzeugt dadurch reale Folgen in der Verletzungswelt.
Geld ist kein Lebensmittel und besitzt keinen Stoffwechsel. Dennoch kann seine gesellschaftliche Geltung darüber entscheiden, ob ein Mensch Nahrung, Wohnraum oder medizinische Versorgung erhält. Eine symbolische Form der Sozialen Plastik wird dadurch zu einer materiellen Macht.
Auch Beruf, Status, Leistung, Person, Staatsangehörigkeit und gesellschaftliche Rolle sind keine biologischen Eigenschaften. Sie werden dargestellt, zugeschrieben und institutionell bestätigt. Trotzdem formen sie Lebensläufe, Körper, Handlungsmöglichkeiten und Abhängigkeiten.
Die Soziale Plastik ernst zu nehmen bedeutet daher, ihre Materialität und ihre Verletzungsfolgen ernst zu nehmen. Die gesellschaftliche Bühnenwelt bleibt nicht folgenlos. Ihre Rollen, Requisiten und als-ob Eigenschaften greifen in die wirkliche Verletzungswelt ein.
Von der Sozialen Plastik zur Plastischen Anthropologie
Aus dieser Ernstnahme entwickelte sich nicht einfach eine weitere Auslegung von Beuys. Es entstand schrittweise eine eigenständige künstlerische Forschungsrichtung, die heute als Plastische Anthropologie 51:49 gefasst wird.
Die Plastische Anthropologie fragt nicht nur, wie Gesellschaft gestaltet werden kann. Sie fragt, was der Mensch ist, der gestaltet, wodurch er selbst geformt wird und wie seine Vorstellungen von sich selbst entstehen. Sie untersucht den Unterschied zwischen vorgefundenen und erfundenen Eigenschaften, zwischen Körperorganismus und Körperbegriff, zwischen realem Vorgang und sprachlicher Zusammenfassung, zwischen Darsteller und Dargestelltem, zwischen Verletzungswelt und Unverletzlichkeitswelt.
Damit wird der Beuyssche Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ nicht verworfen. Er wird auf seine Voraussetzungen und Folgen geprüft.
Der Mensch besitzt künstlerische Fähigkeiten. Er erzeugt Bilder, Begriffe, Rollen, Modelle, Ordnungen und technische Apparaturen. Aber er erzeugt nicht die Wirklichkeit, innerhalb derer dies geschieht. Seine Gestaltung ist von Material, Energie, Körper, Raum, Zeit, anderen Menschen und nicht kontrollierbaren Rückwirkungen abhängig.
Der Mensch ist deshalb kein absoluter Schöpfer. Er ist ein plastisch eingebundener Mitgestalter.
Das fehlende Handwerkszeug der Sozialen Plastik
Wenn jeder Mensch Künstler der Sozialen Plastik ist, stellt sich die Frage nach seinem Handwerkszeug. Ein Bildhauer muss Materialeigenschaften, Werkzeuge, Statik, Gewicht und Bearbeitungsverfahren kennenlernen. Ein Fotograf muss Ausschnitt, Licht, Technik, Standpunkt und Zeitpunkt beherrschen. Ein Schauspieler muss zwischen seiner eigenen Person und der dargestellten Rolle unterscheiden können.
Welche Ausbildung benötigt aber ein Mensch, der an der Gesellschaft als Sozialer Plastik mitwirkt?
Er müsste unterscheiden können, was vorgefunden und was erfunden wurde. Er müsste erkennen, welche Eigenschaften materiell vorhanden und welche nur zugeschrieben sind. Er müsste prüfen, wie Begriffe, Rollen und Institutionen reale Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen erzeugen. Er müsste wahrnehmen können, wann seine Vorstellungen am Materialwiderstand scheitern und wann eine gesellschaftliche Form repariert werden muss.
Genau dieses Handwerkszeug fehlte im erweiterten Kunstbegriff. Die Aussage, jeder Mensch sei Künstler, erklärte noch nicht, wie der Mensch zum verantwortlichen Künstler werden kann.
Meine Arbeit nahm diese Lücke ernst.
Das Vier-Ebenen-Modell als spätes Ergebnis dieser Ernstnahme
Das Vier-Ebenen-Modell kann als spätes Ergebnis dieser seit 1980 weiterverfolgten Frage verstanden werden.
Die erste Ebene bezeichnet die nicht vom Menschen geschaffene physikalische und kosmische Trag-, Verletzungs-, Abhängigkeits- und Konsequenzwirklichkeit. Die zweite Ebene bezeichnet die organismische Wirklichkeit von Atmung, Stoffwechsel, Wahrnehmung, Bewegung, Verletzung, Regeneration und Tod. Die dritte Ebene umfasst die menschlich hervorgebrachten Begriffe, Bilder, Rollen, Werte, Eigentumsordnungen, Geldsysteme, Rechtsformen, Wissenschaftsmodelle, Religionen, Institutionen und Identitäten.
Die vierte Ebene ist die künstlerisch-handwerkliche Tätigkeit des Unterscheidens, Gegenüberstellens, Prüfens, Rückkoppelns und Reparierens.
Die Soziale Plastik findet hauptsächlich auf der dritten Ebene statt, kann aber niemals von der ersten und zweiten Ebene getrennt werden. Gesellschaftliche Vorstellungen und Ordnungen greifen auf wirkliche Materialien, Organismen und Lebensbedingungen zurück. Sie müssen daher an diesen Folgen geprüft werden.
E4 macht aus der allgemeinen Gestaltungsfähigkeit eine ausdrückliche künstlerische Verantwortung. Erst hier wird sichtbar, ob ein gesellschaftliches Kunstwerk trägt oder seine eigenen Lebensbedingungen zerstört.
Die Bedeutung des Zweifels
Zur Ernstnahme der Sozialen Plastik gehört auch der Zweifel. Wenn jeder Mensch Künstler ist, darf seine Gestaltung nicht automatisch als richtig, kreativ oder wertvoll gelten. Auch Täuschung, Ausbeutung, Krieg, Werbung, Finanzspekulation und technische Überwachung sind Ergebnisse menschlicher Gestaltungskraft.
Kreativität allein ist kein Maßstab. Auch das Neue ist nicht automatisch tragfähig.
Der Zweifel verhindert, dass die menschliche Vorstellung mit der Wirklichkeit gleichgesetzt wird. Er fragt, ob das vorgestellte Modell im Material trägt, ob eine soziale Form ihre Versprechen erfüllt und ob ihre Folgen von anderen Menschen, Organismen oder Lebensbedingungen getragen werden müssen.
In diesem Sinne bezeichnet 51:49 eine notwendige Korrektur des souveränen Künstlerverständnisses. Die 51 steht für Setzung, Entwurf, Vorstellung und Tätigkeit. Die 49 bleibt als Widerstand, Nichtwissen, Kritik, Gegenbeispiel, Datenlücke und Reparatur bestehen.
Der Künstler darf die Wirklichkeit nicht zu hundert Prozent seiner Vorstellung unterwerfen. Der Widerstand gehört zum Werk.
Der Mensch als Künstler und Kunstwerk
Die Beuyssche Aussage richtet sich auf den Menschen als Künstler. Meine weitere Arbeit ergänzt diese Perspektive durch den Menschen als Kunstwerk.
Der Mensch gestaltet, aber er wird zugleich gestaltet. Sein Körper, seine Sprache, seine Gewohnheiten, seine Rollen und seine Handlungsmöglichkeiten entstehen in Beziehungen, die er nicht allein bestimmt. Er ist nicht nur Urheber, sondern auch Material und Austragungsort gesellschaftlicher Formung.
Das eigene Menschsein ist deshalb ein offenes Werk. Es ist kein vollständig frei entworfenes Selbstbild. Der Mensch wird geboren, ernährt, erzogen, bezeichnet, eingeordnet, bewertet, verletzt und repariert. Später kann er an diesen Formungen mitarbeiten, sie untersuchen und teilweise verändern.
Künstler seines eigenen Menschseins ist er nicht deshalb, weil er sich beliebig neu erfinden könnte. Er wird dazu, indem er zwischen dem realen Körperorganismus und den ihm zugeschriebenen Rollen, Eigenschaften und Identitäten unterscheiden lernt.
Er erkennt dann, dass er weder eine fertige Skulptur noch ein vollkommen autonomes Individuum ist. Er ist eine lebendige Plastik innerhalb einer umfassenderen Plexuswirklichkeit.
Die Bemerkung von Beuys als Trennung zweier Wege
Der Satz „Sie nehmen die Soziale Plastik zu ernst“ bezeichnet rückblickend eine Weggabelung.
Beuys hatte den Kunstbegriff geöffnet und den Menschen als gesellschaftlichen Gestalter sichtbar gemacht. Meine Arbeit setzte an diesem geöffneten Feld an, wollte aber nicht bei der programmatischen Aussage stehen bleiben.
Ich wollte wissen, was geschieht, wenn die Soziale Plastik tatsächlich zur Grundlage des menschlichen und gesellschaftlichen Handelns gemacht wird. Welche Ausbildung ist notwendig? Welche Fehler treten auf? Welche materiellen Grenzen bestehen? Welche Folgen erzeugen erfundene und hineingedachte Eigenschaften? Wie kann eine Gesellschaft ihre eigene Gestaltung beobachten, überprüfen und reparieren?
Daraus entstand eine andere Gewichtung. Bei Beuys stand die Befreiung des schöpferischen Vermögens im Vordergrund. In meiner Arbeit rückten zunehmend die Abhängigkeit, der Materialwiderstand, die Verletzungsfolge, die Selbsttäuschung, die Gegenüberstellung und die Reparatur in den Mittelpunkt.
Diese Verschiebung ist keine einfache Ablehnung von Beuys. Sie ist eine Konsequenz aus der Ernstnahme seines Ausgangspunktes.
Die Globale Schwarm-Intelligenz als späteste Konsequenz
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die digitale Fortsetzung dieser Entwicklung. Sie versucht, für das gemeinsame Kunstwerk Menschheit eine öffentliche Prüf-, Reparatur- und Rückkopplungsarchitektur zu schaffen.
Der Nutzer wird dort nicht bloß als kreativer Mensch angesprochen. Er soll erkennen können, was er durch seine alltäglichen Tätigkeiten bereits gestaltet, welche gesellschaftlichen Rollen und Zuschreibungen dabei wirksam sind und welche materiellen Folgen daraus entstehen.
Die Plattform übernimmt damit die Beuyssche Erweiterung des Kunstbegriffs, führt sie aber in ein Verfahren über. „Jeder Mensch ist ein Künstler“ wird nicht als fertige Wahrheit ausgerufen. Der Nutzer kann es durch seine eigene Tätigkeit prüfen.
Er bringt eine Erfahrung, eine Frage, einen Widerspruch oder eine Verletzung ein. Diese werden darauf untersucht, was materiell vorgefunden, organismisch erfahren, begrifflich zusammengefasst, hineingedacht, dargestellt, institutionell bestätigt und durch Tätigkeit real verwirklicht wurde.
So wird die Soziale Plastik von einem allgemeinen Gesellschaftsbegriff zu einer konkreten öffentlichen Werkstatt.
Die tiefere Bedeutung des Satzes
Joseph Beuys’ Bemerkung kann heute deshalb als präzise, wenn auch möglicherweise anders gemeinte Beschreibung meines Lebenswerkes gelesen werden: Ich nahm die Soziale Plastik tatsächlich zu ernst, um sie nur als Formel stehen zu lassen.
Ich nahm ernst, dass jeder Mensch bereits gestaltet.
Ich nahm ernst, dass seine Gestaltung nicht nur symbolische, sondern materielle Folgen hervorbringt.
Ich nahm ernst, dass der Künstler in ihm verschüttet werden kann.
Ich nahm ernst, dass eine künstlerische Fähigkeit ohne Handwerkszeug, Maß und Rückkopplung auch zerstörerisch werden kann.
Ich nahm ernst, dass der Mensch zugleich Künstler und Werk, Gestalter und Mitgestalteter, Tätiger und Betroffener ist.
Ich nahm ernst, dass das gemeinsame Kunstwerk Menschheit seine eigenen Existenzbedingungen zerstören kann.
Aus dieser Ernstnahme entstanden die haptische Plastik, die Verrichtungskunst, die Kollektive Kreativität, das Partizipatorische Welttheater, das globale Dorffest, die Unterscheidung von Plastik und Skulpturidentität, das Vier-Ebenen-Modell, 51:49 und schließlich die Globale Schwarm-Intelligenz.
Die Umkehrung des Vorwurfs
„Die Soziale Plastik zu ernst nehmen“ kann wie ein Vorwurf klingen. Im Rückblick bezeichnet der Satz jedoch genau die produktive Spannung, aus der mein Werk hervorgegangen ist.
Die Frage war nicht, ob Beuys recht oder unrecht hatte. Die Frage war, wie weit sich sein Satz verfolgen lässt, wenn er nicht nur als künstlerische Provokation, sondern als reale Behauptung behandelt wird.
Wenn jeder Mensch Künstler ist, muss er sein Handwerkszeug kennenlernen.
Wenn die Gesellschaft eine Soziale Plastik ist, muss sie auf Tragfähigkeit geprüft werden.
Wenn die Menschheit ein gemeinsames Kunstwerk ist, müssen ihre Mitgestalter die Folgen ihres Handelns wahrnehmen können.
Wenn der Mensch selbst Kunstwerk ist, darf er nicht als autonome, fertige Skulptur missverstanden werden.
Und wenn Kunst eine gesellschaftliche Aufgabe besitzt, muss sie nicht nur neue Bilder erzeugen, sondern auch die Verwechslung von Bildern und Wirklichkeit offenlegen.
Die Bemerkung von Joseph Beuys markiert daher nicht das Ende einer Zusammenarbeit mit seinem erweiterten Kunstbegriff. Sie markiert den Anfang einer jahrzehntelangen Prüfung dessen, was geschieht, wenn man die Soziale Plastik wirklich ernst nimmt.
