Beckwith-Anschreiben

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

.............

Ja. Der Brief sollte selbst den ersten Prüfmechanismus bilden: Behauptung, Werkbeleg und öffentliche Erprobung werden miteinander verbunden. Die Leitung soll Ihre Position nicht einfach glauben, sondern anhand der Anlagen prüfen können.

Vorschlag für die documenta 16

Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde läuft weiter – auch ohne den Millisekunden-Menschen

Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,

seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens und seiner technischen Leistungsfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.

Ausgangspunkt meines Vorschlags ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“. Sie ist ein künstlerisches Maß- und Vergleichsmodell: Überträgt man die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen Tag, erscheint die Gattung Homo erst innerhalb der letzten Minute, Homo sapiens ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Dennoch versucht der Millisekunden-Mensch, die ihm vorausliegenden Existenzbedingungen durch kurzfristige Regelwerke des Kaufens, Verkaufens, Verwertens und gesellschaftlichen Funktionierens zu ersetzen.

Der Mensch hat nicht aufgehört, der Natur zuzuhören. Er hört ihr dort genau zu, wo ihre Gesetzmäßigkeiten technisch oder wirtschaftlich nutzbar sind, und verdrängt ihre Rückmeldungen dort, wo sie die Grenzen und Folgen seiner Erfindungen bezeugen. So werden menschlich geschaffene Rollen, Begriffe und Systeme schließlich wie Naturgegebenheiten behandelt.

Meine künstlerische Antwort darauf ist Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung. Sie will den Menschen nicht überreden. Sie lässt seine Vorstellungen, Tätigkeiten und deren Folgen vor ihm zeugen. Jede menschliche Tätigkeit kann dabei zu einem Kunstwerkprozess werden, wenn sie dargestellt, vergegenständlicht, mit einem Gegenüber verglichen, geprüft, korrigiert und verantwortlich weitergeführt oder losgelassen wird.

Für die documenta 16 schlage ich deshalb das So-Heits-Atelier vor: einen begehbaren Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang. Ausgewählte Schlüsselwerke meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes werden darin zu anwendbaren Versuchsanordnungen. Malbücher und Roter Punkt, Wasser- und Strömungsmodelle, handwerkliches Passungsatelier, Schultafeln, Rollentheater sowie Frage-und-Antwort-Tische führen die Besucher vom Betrachten zum eigenen Tätigwerden.

Das zugrunde liegende Vier-Ebenen-Modell unterscheidet zwischen den physikalisch-materiellen Bedingungen, den Bedingungen des Lebens und der Verletzbarkeit, der menschlichen Symbol-, Rollen- und Geltungswelt sowie einer öffentlichen Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturebene.

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet die digitale Erweiterung. Sie verbindet Werkarchiv, Besucherbeiträge und interaktive Bücher. Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt, sondern als zusätzliches Vergleichs- und Kontrollinstrument.

Das Vorhaben verbindet somit zwei untrennbare Bereiche: die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes als Forschungskunst und dessen gegenwärtige Anwendung durch die Besucher der documenta 16.

Die beigefügten 17 Anlagen dokumentieren Werkgenese, Begriffsgrundlagen, Prüfmodelle, Schlüsselwerke, Besucherdramaturgie und Realisierung. Ich bitte Sie daher nicht, meine Ausgangsthese ungeprüft zu übernehmen. Ich möchte Ihnen ermöglichen, ihre künstlerische Grundlage, ihre innere Konsistenz und ihre praktische Anwendbarkeit anhand des Werkes und der vorgeschlagenen Versuchsanordnungen selbst zu prüfen.

Über die Möglichkeit, diesen Werk- und Prüfzusammenhang mit Ihnen zu erörtern, würde ich mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner

Der Prüfmechanismus liegt damit in einer dreifachen Bewegung:

Behauptung → Werkbeleg → öffentliche Gegenprüfung.

Der Brief formuliert die prüfbare Ausgangsthese. Die 17 Anlagen legen ihre Werkgeschichte, Begriffe und Methoden offen. Das So-Heits-Atelier ermöglicht schließlich die materielle, körperliche und gesellschaftliche Erprobung. Dadurch wird bereits die Bewerbung selbst zu einer Versuchsanordnung Ihrer Forschungskunst.

........

Ja. Entscheidend ist, die Plattform nicht nur als Informationssammlung, sondern als Bestandteil der künstlerischen Methode und als Prüfmechanismus darzustellen.

Die Plattform als Prüf- und Rückkopplungsraum

Meine Plattform Globale Schwarmintelligenz verstehe ich als Kristallisationskern fortlaufender Rückkopplungsprozesse und zugleich als Einladung zur eigenständigen Überprüfung meiner Arbeit. Sie dokumentiert nicht nur mein künstlerisches Lebenswerk und dessen begriffliche Zusammenhänge, sondern bildet selbst einen offenen Forschungs-, Arbeits- und Prüfungsraum.

Auch die Leitung der documenta kann anhand dieser Plattform untersuchen, ob mein Gesamtkonzept verständlich, nachvollziehbar und einzuordnen ist. Dabei stellt sich nicht nur die Frage, ob ein Besucher die einzelnen Inhalte aufnehmen kann, sondern ob er ihre Zusammenhänge erkennt, mit den bereitgestellten Denk- und Prüfwerkzeugen arbeiten und selbst zu weiterführenden Erkenntnissen gelangen kann.

Für eine Bewerbung mag dieses Verfahren ungewöhnlich erscheinen. Es entspricht jedoch dem methodischen Grundprinzip meiner Forschungskunst: Eine künstlerische Konzeption soll nicht allein behauptet oder beschrieben werden, sondern sich der Überprüfung, der Rückkopplung und der praktischen Anwendung öffnen. Die Plattform ist deshalb nicht lediglich eine Anlage zu meiner Bewerbung, sondern bereits ein wesentlicher Bestandteil des vorgeschlagenen künstlerischen Forschungsprozesses.

„Forschungsgrunds“ sollte dabei durch „methodisches Grundprinzip meiner Forschungskunst“ oder „Forschungsgrundsatz“ ersetzt werden. Die erste Formulierung ist präziser und weniger missverständlich.

..

Ich halte diesen Ansatz für stark und in sich konsequent. Die Plattform ist dann nicht bloß ein Archiv, eine Website oder ein zusätzlicher Nachweis, sondern bereits ein Teil des Werkes und seiner Methode. Gerade für eine Forschungskunst ist das überzeugend, weil die Bewerbung nicht nur etwas behauptet, sondern selbst einen Überprüfungsvorgang eröffnet.

Der entscheidende Gedanke liegt darin, dass die documenta-Leitung nicht einfach glauben soll, dass Ihr Konzept funktioniert. Sie kann es anhand der Plattform erproben. Damit wird die Plattform zu einem Rückkopplungsraum: Sie zeigt, ob die Begriffe, Werkzusammenhänge, Objekte und Methoden so angelegt sind, dass ein anderer Mensch einen Zugang findet, Zusammenhänge erkennt und selbst damit weiterarbeiten kann. Die Reaktion des Besuchers wird dadurch nicht nur zur Rezeption, sondern zugleich zu einem Erkenntnismittel über die Tragfähigkeit der Arbeit.

Besonders überzeugend ist, dass dieses Verfahren Ihrer zentralen Kritik an bloßen Statements entspricht. Sie sagen nicht nur, Ihre Arbeit sei offen, partizipativ, überprüfbar und forschend. Sie schaffen eine Struktur, in der diese Behauptungen geprüft werden können. Die Bewerbung enthält dadurch ihren eigenen Prüfmechanismus. Das ist ungewöhnlich, aber nicht willkürlich, sondern methodisch begründet.

Ein Risiko liegt allerdings in der Formulierung, die Leitung könne prüfen, „ob ein Besucher mein gesamtes Konzept versteht“. Das könnte so wirken, als müsse die Plattform bereits das vollständige Werk ohne persönliche Vermittlung erklären können. Bei der Größe und Komplexität Ihres Lebenswerks wäre das ein zu absoluter Anspruch. Wichtiger ist die Frage, ob die Plattform einen nachvollziehbaren Einstieg ermöglicht, Orientierung erzeugt und den Besucher befähigt, die zentralen Zusammenhänge schrittweise zu erschließen. Nicht das sofortige Gesamtverständnis sollte der Maßstab sein, sondern die Arbeitsfähigkeit des Zugangs.

Ebenso würde ich vermeiden, die Plattform als Prüfung des Besuchers erscheinen zu lassen. Nicht der Besucher soll beweisen, ob er intelligent oder verständnisfähig genug ist. Geprüft wird vielmehr die Vermittlungs- und Rückkopplungsfähigkeit des künstlerischen Systems selbst. Missverständnisse, Abbrüche, Fragen und Widersprüche sind dabei keine bloßen Fehler des Betrachters, sondern Forschungsdaten, durch die die Arbeit weiter präzisiert werden kann.

Meine präziseste Zusammenfassung wäre deshalb: Die Plattform Globale Schwarmintelligenz ist der Kristallisationskern Ihres Lebenswerks, weil sich dort Werkspuren, Begriffe, Objekte und Forschungsfragen verdichten. Zugleich ist sie ein offener Rückkopplungs- und Prüfungsraum, in dem sich zeigt, ob diese Zusammenhänge für andere Menschen zugänglich, überprüfbar und weiterführbar werden. Damit ist sie nicht nur Dokumentation einer bereits abgeschlossenen Arbeit, sondern ein aktiver Teil der Forschungskunst selbst.

...

Mein Eindruck nach der direkten Prüfung

Nachdem ich die Startseite und mehrere zentrale Ebenen der Plattform verfolgt habe, ist mein Urteil deutlicher: Ihre Beschreibung der Plattform als Kristallationskern, Rückkopplungsraum und Einladung zur Überprüfung ist sachlich gerechtfertigt. Sie beschreibt die Plattform sogar genauer als die Bezeichnung Website, Archiv oder digitale Dokumentation.

Die Plattform ist ein begehbarer Werk- und Denkzusammenhang. Sie führt von der Ausgangsfrage nach der menschlichen Selbstgefährdung über Ihre Plastische Anthropologie 51:49 und das Vier-Ebenen-Modell bis zu Technē, So-Heits-Gesellschaft, Globalem Dorffest, interaktivem Buch und Globaler Kunsthalle. Auf der Startseite wird bereits verlangt, Fragen, Begriffe, Gewohnheiten und Tätigkeiten daraufhin zu prüfen, was trägt, was zerstört, was repariert und was neu eingeübt werden muss. Erkenntnis soll in Verantwortung, Reparatur und Gemeinsinn überführt werden.

Worum es auf der Plattform tatsächlich geht

Die Plattform beschäftigt sich nicht mit „Schwarmintelligenz“ im üblichen technologischen Sinn. Sie ist die digitale Fortsetzung Ihrer jahrzehntelangen Forschungskunst. Die verschiedenen Werkbereiche – Handwerk, Fotografie, Bildhauerei, Collage, Strömungsforschung, Performance, Theater, öffentliche Aktion und kollektive Kreativität – werden als Werkzeuge einer gemeinsamen Untersuchung zusammengeführt: Wie nimmt der Mensch Wirklichkeit wahr, wie erfindet er Ordnungen, und was bewirken diese Ordnungen anschließend in der körperlichen und materiellen Welt? Die Plattform bezeichnet sich deshalb folgerichtig als digitaler Handlungs-, Vergleichs-, Übungs-, Prüf- und Reparaturraum.

Der zentrale Zugang ist für mich nach der Durchsicht eindeutig:

Nicht zuerst: Wer bin ich? Sondern: Wodurch existiere ich?

Damit verschieben Sie die Aufmerksamkeit von Identität, Selbstbild und gesellschaftlicher Rolle auf Atem, Wasser, Nahrung, Stoffwechsel, Körper, Material, andere Lebewesen, Fürsorge, Zusammenarbeit und die nicht vom Menschen hergestellten Bedingungen des Lebens. Die Leitfrage Ihres gesamten Projektes lautet, weshalb der Mensch trotz Wissen, Vernunft und Gestaltungskraft genau diese Bedingungen zerstört.

Die Plattform als Prüfverfahren

Entscheidend ist, dass die Plattform nicht nur Ihre Antworten verbreiten soll. Sie will ein Verfahren zur Verfügung stellen. Der Besucher folgt den blauen Verknüpfungen wie einer Spur: von einer Frage zu einem Begriff, einer Quelle, einem Bild, einer biografischen Erfahrung, einem Kunstwerk oder einem historischen Projekt und anschließend zurück zur Gegenprüfung. Dieses Spurenlesen soll die Beziehungen zwischen Darstellung, Material, Institution, Tätigkeit und Konsequenz wieder sichtbar machen.

Das E1–E4-Modell bildet dafür die methodische Grundlage. Es unterscheidet physikalisch-chemische Tragbedingungen, lebendige und organismische Abhängigkeiten, symbolische Ordnungen sowie die öffentliche Prüf-, Rückkopplungs- und Reparaturebene. Die Plattform ist damit nicht nur der Ort, an dem das Modell beschrieben wird. Sie soll selbst die vierte Ebene praktisch verkörpern.

Das ist ein wichtiger Unterschied: Sie verlangen vom Besucher nicht einfach, Ihrer Theorie zuzustimmen. Er soll untersuchen können, auf welcher Grundlage eine Aussage beruht, welche Ebenen miteinander vermischt werden, welche Eigenschaften lediglich hineingedacht wurden und welche materiellen Folgen aus einer gesellschaftlichen oder begrifflichen Konstruktion entstehen. Die gemeinsame Schwarmintelligenz besteht deshalb nicht darin, dass alle dieselbe Meinung vertreten. Das Gemeinsame ist das offengelegte Prüfverfahren.

Der Besucher wird vom Rezipienten zum Mitwirkenden

Das interaktive Buch soll den Erkenntnisweg des einzelnen Nutzers dokumentieren. Er kann Ihre Texte, Bilder, Formeln und Vorgaben als Ausgangspunkt verwenden, verändern, ergänzen und daraus einen eigenen Werk- und Erkenntniszusammenhang entwickeln. Die Globale Kunsthalle ist als zukünftiger Ort gedacht, an dem solche Beiträge sichtbar werden. Das Globale Dorffest von 1993 mit den tausend Tischen erscheint dadurch als physischer Vorläufer der digitalen Plattform: Menschen legen ihre Fragen, Erfahrungen und Fähigkeiten auf einen gemeinsamen Tisch und arbeiten an den Verbindungen weiter.

Die Plattform ist damit gleichzeitig:

ein Lebenswerkarchiv, ein digitales Atelier, ein Forschungslabor, ein interaktives Kunstwerk, eine öffentliche Prüfarchitektur und ein noch nicht abgeschlossenes Beteiligungsmodell.

Diese Gleichzeitigkeit ist keine nachträgliche Behauptung. Sie ist in der Struktur der Plattform tatsächlich angelegt.

Was daran für eine documenta-Bewerbung stark ist

Die Bewerbung verweist nicht nur auf ein Konzept, das irgendwann in einer Ausstellung verwirklicht werden könnte. Ein wesentlicher Teil des Werkes ist bereits öffentlich zugänglich und kann benutzt werden. Die documenta-Leitung kann deshalb prüfen, ob sich Ihre Leitfrage, Ihre Werkgenese, Ihre zentralen Begriffe und Ihr methodisches Verfahren aus der Plattform erschließen lassen.

Noch wichtiger: Die Leitung kann beobachten, wo Verständnis entsteht, wo Verbindungen gefunden werden, wo Fragen ausgelöst werden und wo Orientierung verloren geht. Die Reaktion des Besuchers wird damit selbst zur Rückmeldung über die Tragfähigkeit des Werk- und Vermittlungssystems. Genau das entspricht Ihrem Forschungsgrundsatz: Auch die eigene künstlerische Apparatur darf nicht außerhalb der Prüfung stehen.

Die Plattform ist daher kein äußerer Beleg für Ihre Forschungskunst. Sie ist bereits ein Vollzug dieser Forschungskunst.

Die entscheidende Einschränkung

Ich würde dennoch nicht schreiben, die documenta-Leitung könne anhand der Plattform prüfen, „ob ein Besucher das gesamte Konzept versteht“. Das wäre zu absolut. Ihr Lebenswerk ist dafür zu umfangreich, vielschichtig und sprachlich eigenständig.

Außerdem zeigt die gegenwärtige Plattform noch deutlich ihren Werkstattcharakter. Einige Seiten sind sehr lang, enthalten umfangreiche Inhaltsverzeichnisse, ältere und neue Fassungen, Gesprächsspuren mit der KI sowie Wechsel zwischen Ihrer Stimme und Formulierungen wie „du“, „dein Ansatz“ oder „ChatGPT“. Dadurch wird zwar die Entstehung des Denkprozesses sichtbar, aber ein erstmaliger Besucher kann teilweise nicht sicher unterscheiden, was Ihre eigene verbindliche Aussage, was Arbeitsmaterial und was KI-Rückmeldung ist.

Bemerkenswert ist, dass die Plattform dieses Problem bereits selbst benennt: Die Grundlage des Prüfmodells sei vorhanden, aber der vollständige Weg des Nutzers – von der eigenen Frage über die Prüfung bis zur dokumentierten Antwort – müsse noch deutlicher sichtbar und praktisch benutzbar werden. Erst dann werde aus dem Lebenswerkarchiv vollständig eine öffentliche Erkenntniswerkstatt.

Das ist kein Gegenargument gegen Ihr Konzept. Im Gegenteil: Genau daran wird die Rückkopplungsfunktion sichtbar. Auch Orientierungslosigkeit, Missverständnis oder Abbruch sind Ergebnisse der Prüfung. Sie zeigen, wo die Plattform einen zusätzlichen Einstieg, eine klarere Unterscheidung oder eine stärkere Führung benötigt.

Mein abschließendes Urteil

Ihre Plattform ist kein herkömmliches Bewerbungsportfolio und soll auch keines sein. Sie ist ein offenes Ein-Mann-Institut, eine begehbare digitale Collage und ein angelegter öffentlicher Prüf- und Reparaturraum. Kunstwerke, biografische Erfahrungen, Begriffe, wissenschaftliche Bezüge, KI-Gespräche, historische Aktionen und zukünftige Beteiligungsformen werden nicht zu einer glatten Selbstdarstellung vereinheitlicht, sondern als Spuren und Gegenüberstellungen offengelegt.

Die präziseste Aussage für Ihre Bewerbung wäre deshalb inhaltlich:

Die documenta-Leitung soll anhand der Plattform nicht prüfen, ob sie Ihr gesamtes Lebenswerk sofort vollständig versteht. Sie kann prüfen, ob die Plattform einen tragfähigen Zugang eröffnet, ob ihre zentralen Zusammenhänge nachvollziehbar werden, ob ihre Prüfwerkzeuge anwendbar sind und an welchen Stellen weitere Vermittlung erforderlich wird. Damit wird die Rezeption selbst zu einem Bestandteil der Forschung.

Das ist ungewöhnlich für eine Bewerbung. Aber es ist keine formale Eigenwilligkeit, sondern eine folgerichtige Konsequenz Ihrer Forschungskunst

........


So könnte die Passage präziser und erweitert formuliert werden:

Die Zeit läuft. Deshalb lade ich Sie ein, meine Plattform Globale Schwarmintelligenz nicht nur als Dokumentation meines Lebenswerks, sondern bereits als einen zugänglichen Teilbereich dessen zu betreten, was ich auf der documenta spielerisch, forschend und partizipativ vorstellen möchte.

Die Plattform steht Ihnen schon jetzt und später auch den Besucherinnen und Besuchern als Arbeits-, Orientierungs- und Rückkopplungsraum zur Verfügung. Sie eröffnet die Möglichkeit, nicht nur vorhandenes Wissen zu überprüfen, sondern ebenso die eigene gesellschaftliche Position, erlernte Denk- und Verhaltensmuster, Wertvorstellungen, Interessen, Erwartungen und Selbstbilder. Überprüft werden können auch die Maßstäbe, nach denen wir urteilen, die Begriffe, mit denen wir Wirklichkeit ordnen, die Abhängigkeiten, von denen unsere Existenz getragen wird, sowie die Folgen, die aus unseren alltäglichen, beruflichen, politischen, wirtschaftlichen oder künstlerischen Tätigkeiten entstehen.

Dabei geht es nicht um eine Prüfung des Besuchers im herkömmlichen Sinne. Die Plattform lädt vielmehr dazu ein, sich selbst als Teil eines größeren Wirkungszusammenhangs wahrzunehmen: Was weiß ich tatsächlich? Was glaube ich nur zu wissen? Welche Voraussetzungen meines Handelns bleiben unsichtbar? Welche Folgen trage ich mit? Wo wiederhole ich gesellschaftliche Vorgaben, ohne sie zu prüfen? Wo bin ich bereit, meine Position zu korrigieren, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam mit anderen nach tragfähigeren Formen des Handelns zu suchen?

Damit wird der Besucher nicht nur zum Betrachter eines Kunstwerks, sondern zum Mitwirkenden an einem offenen Forschungsprozess. Die Plattform macht einen Teil dieses Prozesses bereits vor einer möglichen Präsentation auf der documenta zugänglich. Sie ermöglicht zugleich zu prüfen, ob die von mir entwickelten Fragen, Denkwerkzeuge und Rückkopplungsformen verständlich, anwendbar und weiterführbar sind.

Der zentrale Zusatz ist: Nicht nur Wissen und gesellschaftliche Position werden überprüft, sondern auch Selbstbild, Gewohnheiten, Maßstäbe, Abhängigkeiten, Tätigkeitsfolgen, Verantwortungsfähigkeit und Bereitschaft zur Korrektur.


Der jetzige Text ist bereits tragfähig. Die wesentliche Veränderung besteht nicht in einer neuen Grundidee, sondern in einer klareren Dramaturgie: Die Plattform sollte nicht erst beiläufig als digitale Erweiterung erscheinen. Sie muss als bereits zugänglicher erster Teil der documenta-Versuchsanordnung hervortreten.

Dabei sollten fünf Gedanken ausdrücklich in das Anschreiben aufgenommen werden:

Die Zeit drängt, deshalb wird nicht nur ein zukünftiges Projekt angekündigt. Die documenta-Leitung wird eingeladen, bereits jetzt einen Teil des vorgeschlagenen Forschungsprozesses zu betreten.

Die Plattform prüft nicht den Besucher. Sie ermöglicht dem Besucher, eigenes Wissen, gesellschaftliche Positionen, Rollen, Gewohnheiten, Wertmaßstäbe, Interessen, Selbstbilder, Abhängigkeiten sowie Tätigkeiten und deren Folgen zu untersuchen. Zugleich wird geprüft, ob Ihre künstlerische Versuchsanordnung einen verständlichen und anwendbaren Zugang eröffnet.

Die Plattform ist nicht nur Werkarchiv und digitale Erweiterung, sondern bereits ein Teil des Werkes, der Methode und der Bewerbung.

Die Bewerbung wird selbst zur Versuchsanordnung:

Ausgangsthese → Werkbeleg → öffentliche Gegenprüfung.

Der persönliche Hinweis auf fehlende Mittel und Kooperationspartner sollte erhalten bleiben, aber kürzer formuliert werden, damit er den künstlerischen Hauptgedanken nicht überlagert.

Überarbeitete Fassung des Anschreibens

Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,

seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner Vernunft und seiner technischen Leistungsfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.

Ausgangspunkt meines Vorschlags ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“. Sie ist ein künstlerisches Maß- und Vergleichsmodell: Überträgt man die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen Tag, erscheint die Gattung Homo erst innerhalb der letzten Minute, Homo sapiens ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Dennoch versucht der Millisekunden-Mensch, die ihm vorausliegenden und ihn tragenden Existenzbedingungen durch kurzfristige Regelwerke des Kaufens, Verkaufens, Verwertens und gesellschaftlichen Funktionierens zu ersetzen.

Der Mensch hat nicht aufgehört, der Natur zuzuhören. Er hört ihr dort sehr genau zu, wo ihre Gesetzmäßigkeiten technisch oder wirtschaftlich nutzbar gemacht werden können. Er verdrängt ihre Rückmeldungen jedoch dort, wo sie die Grenzen und Folgen seiner Erfindungen und Tätigkeiten bezeugen. So werden menschlich geschaffene Rollen, Begriffe, Wertordnungen und gesellschaftliche Systeme schließlich wie unveränderliche Naturgegebenheiten behandelt.

Meine künstlerische Antwort darauf ist Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung.

Sie will den Menschen nicht überreden und ihm keine fertige Weltanschauung vorgeben. Sie lässt seine Vorstellungen, Darstellungen, Tätigkeiten und deren Folgen vor ihm zeugen. Jede menschliche Tätigkeit kann dabei zu einem Kunstwerkprozess werden, wenn sie vergegenständlicht, mit einem Gegenüber verglichen, auf ihre Voraussetzungen und Konsequenzen hin geprüft, korrigiert, verantwortlich weitergeführt oder zum richtigen Zeitpunkt losgelassen wird.

Für die documenta 16 schlage ich deshalb das So-Heits-Atelier vor: einen begehbaren Werk-, Erkenntnis-, Tätigkeits- und Prüfzusammenhang.

Ausgewählte Schlüsselwerke meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes werden darin zu anwendbaren Versuchsanordnungen. Malbücher und Roter Punkt, Wasser- und Strömungsmodelle, Biberdamm und Deichbau, das handwerkliche Passungsatelier, Schultafeln, Vorgabebilder, Rollentheater sowie Frage-und-Antwort-Tische führen die Besucher vom Betrachten zum eigenen Tätigwerden.

Das zugrunde liegende Vier-Ebenen-Modell unterscheidet zwischen den physikalisch-materiellen Bedingungen, den Bedingungen des Lebens und der Verletzbarkeit, der menschlichen Symbol-, Rollen- und Geltungswelt sowie einer öffentlichen Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturebene.

Die Zeit läuft. Deshalb möchte ich Ihnen nicht nur ein zukünftiges Vorhaben beschreiben. Ich lade Sie ein, bereits jetzt einen Teilbereich dessen zu betreten, was ich auf der documenta spielerisch, forschend und partizipativ zur Verfügung stellen möchte.

Meine Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ ist Werkarchiv, digitales Atelier, öffentlicher Forschungsraum und Kristallisationskern fortlaufender Rückkopplungen. Anhand der Plattform können Sie bereits jetzt selbst prüfen, ob die zentralen Fragen, Werkzusammenhänge und künstlerischen Prüfwerkzeuge nachvollziehbar werden, ob ein Zugang zu meinem Gesamtkonzept entsteht und ob ein Besucher mit den bereitgestellten Strukturen arbeiten kann.

Die Plattform steht damit nicht nur der documenta-Leitung, sondern später auch den Besucherinnen und Besuchern als Orientierungs-, Arbeits- und Gegenprüfungsraum zur Verfügung. Sie ermöglicht ihnen, ihr Wissen, ihre gesellschaftliche Position, ihre erlernten Rollen und Gewohnheiten, ihre Wertmaßstäbe, Interessen, Erwartungen und Selbstbilder zu untersuchen. Ebenso können sie prüfen, von welchen körperlichen, materiellen, sozialen und natürlichen Bedingungen ihre Existenz abhängt, welche Folgen aus ihren alltäglichen, beruflichen, wirtschaftlichen, politischen oder künstlerischen Tätigkeiten entstehen und an welchen Stellen Korrektur, Verantwortung oder Reparatur erforderlich werden.

Dabei wird nicht der Besucher im herkömmlichen Sinne geprüft oder bewertet. Geprüft wird vielmehr, ob die künstlerische Versuchsanordnung einen verständlichen, anwendbaren und weiterführenden Erkenntnisprozess ermöglicht. Fragen, Widersprüche, Missverständnisse und Orientierungsprobleme werden dadurch selbst zu Rückmeldungen über die Tragfähigkeit des Werk- und Vermittlungszusammenhangs.

Die Plattform ist deshalb nicht lediglich eine Ergänzung meiner Bewerbung. Sie ist bereits ein Teil des Werkes und seiner Methode. Künstliche Intelligenz wird darin nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt, sondern als zusätzliches Vergleichs-, Strukturierungs- und Kontrollinstrument. Das geplante interaktive Buch soll es den Besuchern ermöglichen, ihren eigenen Erkenntnisweg festzuhalten, zu überprüfen und mit den Beiträgen anderer zu verbinden.

Das Vorhaben verbindet damit zwei untrennbare Bewegungen: die erstmalige zusammenhängende öffentliche Verortung meines Lebenswerkes als Forschungskunst und die gegenwärtige Anwendung seiner Methoden durch die Besucher der documenta 16.

Auch die Bewerbung selbst erhält dadurch den Charakter einer Versuchsanordnung:

Ausgangsthese → Werkbeleg → öffentliche Gegenprüfung.

Der Brief formuliert die prüfbare Ausgangsfrage. Die beigefügten 17 Anlagen legen Werkgenese, Begriffsgrundlagen, Prüfmodelle, Schlüsselwerke, Besucherdramaturgie und Realisierung offen. Die Plattform ermöglicht bereits jetzt eine erste eigenständige Gegenprüfung. Das So-Heits-Atelier würde diesen Vorgang schließlich in einen materiellen, körperlichen und gesellschaftlichen Erfahrungsraum überführen.

Mit 77 Jahren arbeite ich an der Weiterführung und öffentlichen Verortung meines Lebenswerkes weitgehend allein. Das frühere Arbeitskollektiv der Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ steht mir heute nicht mehr zur Verfügung. Darin liegt eine persönliche und strukturelle Paradoxie: Ich habe eine Globale Schwarm-Intelligenz als Modell gemeinsamer Erkenntnis und Verantwortung entwickelt, stehe bei ihrer technischen und institutionellen Weiterführung jedoch selbst ohne ein tragendes Kollektiv und ohne ausreichende finanzielle Mittel da.

Für die Realisierung des interaktiven Buches suche ich derzeit Programmierer sowie Kooperationspartner an Hochschulen und Instituten.

Ich bitte Sie deshalb nicht, meine Ausgangsthese ungeprüft zu übernehmen. Ich lade Sie ausdrücklich ein, sich anhand der Plattform, der Werkbelege und der vorgeschlagenen Versuchsanordnungen selbst ein Bild zu machen und ihre künstlerische Grundlage, ihre innere Konsistenz, ihre Vermittlungsfähigkeit und ihre praktische Anwendbarkeit zu prüfen.

Über die Möglichkeit, diesen Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang mit Ihnen zu erörtern, würde ich mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner

Veränderung der Vorbemerkung zu den Anlagen

Auch in der Vorbemerkung sollte die Plattform als übergreifende Prüfebene eingeführt werden. Sie ist keine achtzehnte Anlage, sondern verbindet die 17 Anlagen miteinander und macht einen Teil ihrer Inhalte schon vor einer Ausstellung zugänglich.

Der bisherige Satz:

Das Vorhaben verbindet zwei Projekte in einem Raumenvironment.

ist etwas zu technisch und trennt zu stark, was eigentlich zusammengehört. Präziser wäre:

Das Vorhaben verbindet zwei untrennbare Bewegungen innerhalb eines gemeinsamen Raumenvironments: die Verortung meines Lebenswerkes als Forschungskunst und die öffentliche Anwendung seiner Methoden im So-Heits-Atelier.

Nach dem ersten Absatz der Vorbemerkung sollte außerdem ergänzt werden:

Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet dabei keine zusätzliche Einzelanlage, sondern eine übergreifende digitale Prüf- und Rückkopplungsebene. Sie verbindet Werkspuren, Begriffe, Versuchsanordnungen und Besucherfragen miteinander und ermöglicht der documenta-Leitung bereits vor einer möglichen Realisierung zu prüfen, ob die dargestellten Zusammenhänge zugänglich, nachvollziehbar und praktisch weiterführbar sind.

Damit stimmen Anschreiben, Anlagen und Plattform methodisch überein. Die documenta-Leitung erhält nicht nur eine Behauptung und umfangreiches Material, sondern wird unmittelbar eingeladen, den von Ihnen behaupteten Prüfmechanismus selbst anzuwenden.

Die Wiederholungen sind entfernt; der gedankliche Zusammenhang zwischen Erdzeit, Lernen, Kunstbegriff, Vier-Ebenen-Modell und konkretem documenta-Vorschlag ist verdichtet.

Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,

seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner Wahrnehmungsfähigkeit und seiner technischen Leistungsfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.

Ausgangspunkt meines Vorschlags ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“. Sie überträgt die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen einzigen Tag und macht dadurch das Verhältnis zwischen planetarer Entwicklung und menschlicher Selbstüberschätzung sichtbar. Homo sapiens erscheint in diesem Maßstab erst ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Die technisch-industrielle Entwicklung der letzten hundert Jahre umfasst lediglich knapp zwei Millisekunden.

Dennoch verhält sich dieser Millisekunden-Mensch, als könne er die ihm vorausliegenden physikalischen, biologischen und planetaren Existenzbedingungen durch seine eigenen kurzfristigen Regelwerke ersetzen.

Die vorausliegenden 23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden stehen für eine planetare Entwicklung, innerhalb deren sich Leben über Milliarden Jahre hinweg durch unmittelbare Rückkopplung mit seinen Existenzbedingungen herausgebildet hat. Funktionieren oder Nichtfunktionieren, Anpassung, Schutz- und Beuteverhalten, Tarnung und Täuschung werden an ihren tatsächlichen Folgen überprüft. Pflanzen und Tiere können ihre Passung an ihre Umwelt nicht lediglich behaupten oder darstellen. Fehlende Passung wird unmittelbar beantwortet.

Der Mensch hat die Mechanismen von Anpassung, Tarnung und Täuschung dagegen in eine gesellschaftliche Als-ob-Welt übertragen. Seine höchste Spezialisierung besteht zunehmend nicht darin, seine Existenzbedingungen zu verstehen, sondern Eigenschaften zuzuschreiben, Werte festzulegen, Rollen zu spielen, sich selbst zu vermarkten und seine Hervorbringungen so überzeugend darzustellen, dass sie wirklicher erscheinen als die Bedingungen, von denen er tatsächlich abhängig bleibt.

Der Markt ist dabei zu einem maßgeblichen Lern-, Trainings- und Rückmeldesystem geworden. Der Mensch lernt mit höchster Genauigkeit zu kaufen, zu verkaufen, zu verwerten, zu konkurrieren und aus Wissen, Fähigkeiten, Rohstoffen, Aufmerksamkeit und schließlich aus dem eigenen Ich Geld zu machen. Verkaufserfolg erscheint als Beweis für Richtigkeit, obwohl er nichts darüber aussagt, ob eine Tätigkeit ihre eigenen Voraussetzungen erhält oder zerstört.

Der Mensch hat nicht aufgehört, der Natur zuzuhören. Er hört ihr dort äußerst genau zu, wo ihre Gesetzmäßigkeiten technisch oder wirtschaftlich nutzbar sind. Er verdrängt ihre Rückmeldungen jedoch dort, wo sie die Grenzen, Schäden und langfristigen Folgen seiner Erfindungen bezeugen.

Hier setzt mein erweiterter Kunstbegriff an. Die Erde und ihre Existenzbedingungen sind keine menschlichen Kunstwerke. Sie waren bereits vorhanden, bevor der Mensch sie wahrnahm, benannte oder deutete. Sobald der Mensch sie jedoch beschreibt, darstellt und bewertet, erzeugt er ein Bild von ihnen. Das Problem beginnt dort, wo er dieses Bild und die von ihm hineingedachten Eigenschaften mit der Wirklichkeit selbst verwechselt.

Den Menschen als Künstler und zugleich als Kunstwerk zu verstehen, ist deshalb keine bloße Aufwertung. Es ist eine Forderung. Als Künstler erzeugt der Mensch Bilder, Begriffe, Rollen, Gegenstände, technische Systeme und gesellschaftliche Ordnungen. Als Kunstwerk wird er zugleich durch seinen Organismus, seine Umwelt, seine Erfahrungen und die übernommenen gesellschaftlichen Regelwerke geformt.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, sich künstlerisches Handwerkszeug anzueignen: genau wahrzunehmen, darzustellen, gegenüberzustellen, zu vergleichen, im Material zu handeln, Widerstände anzuerkennen, Tätigkeitsfolgen zu verfolgen, Vorstellungen zu korrigieren und im richtigen Augenblick loszulassen.

Eine künstlerische Idee entsteht zunächst in der Vorstellung. Dort können ihr beliebige Eigenschaften zugeschrieben werden. Erst im bildnerischen oder darstellerischen Prozess trifft sie auf ein tatsächliches Gegenüber: auf Material, Körper, Raum, Zeit, Widerstand und Verletzbarkeit. Das entstehende Kunstwerk überprüft die Vorstellung des Künstlers. Es wird zum Protokoll seines Lernens und seiner Bereitschaft, sich durch Wirklichkeit korrigieren zu lassen.

Übertragen auf gesellschaftliches Handeln bedeutet dies: Jede menschliche Tätigkeit kann zu einem Kunstwerkprozess werden, wenn sie dargestellt, vergegenständlicht, mit ihren Voraussetzungen und Folgen verglichen, öffentlich geprüft, korrigiert und verantwortlich weitergeführt oder beendet wird.

Meine künstlerische Antwort darauf ist daher Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung. Sie will den Menschen nicht zu einer vorgegebenen Auffassung überreden. Sie schafft Situationen, in denen seine Vorstellungen, Rollen, Tätigkeiten und deren Konsequenzen selbst zu Zeugen werden.

Für die documenta 16 schlage ich das Soheits-Atelier des globalen Dorfes mit dem Teilbereich Globale Schwarmintelligenz vor: einen begehbaren Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang, in dem ausgewählte Schlüsselwerke meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes zu anwendbaren Versuchsanordnungen werden.

Malbücher und Roter-Punkt-Aktionen, Wasser- und Strömungsmodelle, ein handwerkliches Passungsatelier, Schultafeln, Rollentheater sowie Frage-und-Antwort-Tische führen die Besucher vom Betrachten zum eigenen Tätigwerden. Sie werden nicht nur mit meinen Aussagen konfrontiert, sondern erhalten Werkzeuge, um ihre eigenen Interessen, Selbstbilder, Rollen und Überzeugungen zu untersuchen.

Den Prüfrahmen bildet mein Vier-Ebenen-Modell. Es unterscheidet die physikalisch-materiellen Bedingungen des Funktionierens, die Bedingungen des Lebens und der Verletzbarkeit, die menschliche Symbol-, Rollen-, Markt- und Geltungswelt sowie eine öffentliche Ebene der Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur.

Auf diesen vier Ebenen können die Besucher ihr Selbstbild und ihr Existenzverständnis mit den tatsächlichen Bedingungen ihres Funktionierens, ihres Lebens, ihres gesellschaftlichen Handelns und ihrer Korrekturfähigkeit konfrontieren. Sie können überprüfen, ob ihre Interessen, Vorstellungen von Geist, hineingedachten Eigenschaften, Wünsche, Rollen und Selbstdarstellungen den bereits bestehenden physikalischen, biologischen und planetaren Existenzbedingungen entsprechen.

Die Plattform Globale Schwarmintelligenz bildet die digitale Erweiterung dieses Ateliers. Sie verbindet Werkarchiv, interaktive Bücher, Besucherbeiträge und eine offene Prüfarchitektur. Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt, sondern als zusätzliches Vergleichs-, Frage- und Kontrollinstrument.

Das Vorhaben verbindet zwei untrennbare Aufgaben: die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes als Forschungskunst und seine gegenwärtige Anwendung durch die Besucher der documenta 16.

Die beigefügten 17 Anlagen dokumentieren die Werkgenese, die begrifflichen Grundlagen, die Prüfmodelle, ausgewählte Schlüsselwerke, die Besucherdramaturgie und die Möglichkeiten der Realisierung.

Mit 77 Jahren arbeite ich an der Weiterführung und öffentlichen Sichtbarmachung meines Lebenswerkes weitgehend allein. Die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ steht mir als tragendes Arbeitskollektiv nicht mehr zur Verfügung. Darin liegt eine persönliche und strukturelle Paradoxie: Ich habe eine Plattform der Globalen Schwarmintelligenz entwickelt, stehe bei ihrer Fertigstellung jedoch ohne ein entsprechendes Kollektiv und ohne die notwendigen technischen und finanziellen Mittel da. Für das interaktive Buch und die technische Weiterentwicklung suche ich gegenwärtig Programmierer sowie Kooperationspartner aus Hochschulen und Forschungsinstituten.

Ich bitte Sie nicht, meine Ausgangsthese ungeprüft zu übernehmen. Mein Vorschlag besteht vielmehr darin, ihre künstlerische Grundlage, ihre innere Konsistenz und ihre praktische Anwendbarkeit anhand des Werkes und der Versuchsanordnungen öffentlich überprüfen zu lassen.

Über die Möglichkeit, diesen Werk- und Prüfzusammenhang mit Ihnen zu erörtern, würde ich mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner

Für eine besonders knappe Erstbewerbung lässt sich diese Fassung anschließend auf etwa eine Seite konzentrieren.

Hier ist die auf etwa eine Seite verdichtete Erstbewerbung:

Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,

seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens und seiner technischen Leistungsfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.

Ausgangspunkt meines Vorschlags ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“. Sie überträgt die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte auf einen einzigen Tag. Homo sapiens erscheint in diesem Maßstab erst ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht; die technisch-industrielle Entwicklung der letzten hundert Jahre umfasst knapp zwei Millisekunden.

Die vorausliegenden 23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden stehen für eine Entwicklung, in der sich Leben fortwährend durch Funktionieren oder Nichtfunktionieren, Anpassung und unmittelbare Rückkopplung mit seinen Existenzbedingungen herausgebildet hat. Pflanzen und Tiere können ihre Passung an ihre Umwelt nicht nur behaupten oder darstellen. Jede Abweichung wird an ihren tatsächlichen Folgen überprüft.

Der Millisekunden-Mensch dagegen verhält sich, als könne er die physikalischen, biologischen und planetaren Bedingungen seiner Existenz durch kurzfristige gesellschaftliche, wirtschaftliche und technische Regelwerke ersetzen. Seine höchste Spezialisierung besteht zunehmend nicht darin, diese Bedingungen zu verstehen, sondern Eigenschaften zuzuschreiben, Werte festzulegen, Rollen zu spielen, zu kaufen, zu verkaufen und schließlich auch das eigene Ich zu verwerten.

Der Markt ist dadurch zu einem maßgeblichen Lern- und Rückmeldesystem geworden. Was sich verkaufen lässt, gilt als erfolgreich, unabhängig davon, ob die damit verbundenen Tätigkeiten ihre eigenen Voraussetzungen erhalten oder zerstören. Der Mensch hört der Natur dort genau zu, wo ihre Gesetzmäßigkeiten technisch und wirtschaftlich nutzbar sind, verdrängt ihre Rückmeldungen jedoch dort, wo sie die Grenzen und Folgen seiner Erfindungen bezeugen.

Hier setzt meine Forschungskunst an. Den Menschen als Künstler und zugleich als Kunstwerk zu verstehen, ist für mich keine bloße Aufwertung, sondern eine Forderung. Als Künstler erzeugt der Mensch Bilder, Begriffe, Rollen, Gegenstände und gesellschaftliche Ordnungen. Als Kunstwerk wird er zugleich durch seinen Organismus, seine Umwelt, seine Erfahrungen und die von ihm übernommenen Regelwerke geformt.

Kunst beginnt zunächst mit einer Idee, einer Intuition oder einer Vorstellung. Erst in der bildnerischen und darstellerischen Tätigkeit trifft diese Vorstellung auf ein tatsächliches Gegenüber: auf Material, Körper, Raum, Zeit, Widerstand und Verletzbarkeit. Das entstehende Werk überprüft den Künstler und seine hineingedachten Eigenschaften. Es zwingt ihn zum Vergleichen, Korrigieren und schließlich zum Loslassen.

Übertragen auf gesellschaftliches Handeln bedeutet dies: Jede menschliche Tätigkeit kann zu einem Kunstwerkprozess werden, wenn ihre Voraussetzungen, Darstellungen und Folgen sichtbar gemacht, mit einem Gegenüber verglichen, öffentlich geprüft und gegebenenfalls korrigiert werden.

Für die documenta 16 schlage ich deshalb das Soheits-Atelier des globalen Dorfes mit dem Teilbereich Globale Schwarmintelligenz vor. Ausgewählte Schlüsselwerke meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes werden darin zu begehbaren und anwendbaren Versuchsanordnungen. Malbücher und Roter-Punkt-Aktionen, Wasser- und Strömungsmodelle, ein handwerkliches Passungsatelier, Schultafeln, Rollentheater und Frage-und-Antwort-Tische führen die Besucher vom Betrachten zum eigenen Tätigwerden.

Den Prüfrahmen bildet ein Vier-Ebenen-Modell: die physikalisch-materiellen Bedingungen des Funktionierens, die Bedingungen des Lebens und der Verletzbarkeit, die menschliche Symbol-, Rollen-, Markt- und Geltungswelt sowie eine öffentliche Ebene der Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur.

Auf diesen vier Ebenen können die Besucher ihr Selbstbild und ihr Existenzverständnis mit den tatsächlichen Bedingungen ihres Lebens und Handelns konfrontieren. Die digitale Plattform Globale Schwarmintelligenz erweitert diesen Prozess durch Werkarchiv, interaktive Bücher, Besucherbeiträge und den Einsatz künstlicher Intelligenz als Vergleichs- und Kontrollinstrument, nicht als Wahrheitsinstanz.

Ich bitte Sie nicht, meine Ausgangsthese ungeprüft zu übernehmen. Mein Vorschlag besteht darin, ihre künstlerische Grundlage und praktische Anwendbarkeit anhand des Werkes öffentlich überprüfen zu lassen.

Über die Möglichkeit, Ihnen diesen Werk- und Prüfzusammenhang persönlich vorzustellen, würde ich mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner

Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,

seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens und seiner technischen Fähigkeiten seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.

Mein Maßstab ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“: Überträgt man 4,54 Milliarden Jahre Erdgeschichte auf einen Tag, erscheint Homo sapiens erst etwa sechs Sekunden vor Mitternacht. Pflanzen und Tiere haben ihre Kompatibilität mit den physikalischen und biologischen Bedingungen des Planeten über Milliarden Jahre durch Funktionieren oder Nichtfunktionieren entwickelt.

Beim Menschen wird diese Kompatibilität zur künstlerischen Aufgabe. Weil er Eigenschaften in die Wirklichkeit hineindenkt, daraus Vorstellungen, Rollen, Werte, technische Systeme und gesellschaftliche Ordnungen entwickelt und dadurch seine Umwelt verändert, wird er zum Künstler und sein gesamtes Handeln zum Kunstwerk. Dieses Kunstwerk umfasst nicht nur seine beabsichtigten Hervorbringungen, sondern ebenso deren Tätigkeitsfolgen bis hin zur Zerstörung seiner eigenen Existenzgrundlagen.

Meine Forschungskunst macht diesen Zusammenhang bildnerisch, darstellerisch und öffentlich überprüfbar. Für die documenta 16 schlage ich deshalb das Soheits-Atelier des globalen Dorfes mit dem Teilbereich Globale Schwarmintelligenz vor. Ausgewählte Werke meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes werden darin zu begehbaren Versuchsanordnungen, durch die Besucher ihr Selbstbild, ihre Rollen und ihre Vorstellungen mit den tatsächlichen Bedingungen ihres Lebens und Handelns vergleichen können.

Den Prüfrahmen bildet mein Vier-Ebenen-Modell: physikalisches Funktionieren, Leben und Verletzbarkeit, menschliche Symbol- und Geltungswelten sowie Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur.

Ich bitte Sie nicht, meine These zu übernehmen, sondern darum, ihre künstlerische und praktische Tragfähigkeit anhand des Werkes selbst zu prüfen.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner

Die Anrede ist auf das aktuell veröffentlichte künstlerische Team um Naomi Beckwith abgestimmt. Die documenta 16 findet vom 12. Juni bis 19. September 2027 statt; Vermittlung, Interpretation und Programm werden ausdrücklich als elementarer Bestandteil des künstlerischen Konzepts aufgebaut. (documenta)

Forschungskunst als öffentliche Überzeugungs-, Tätigkeits- und Konsequenzprüfung

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,

seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seiner Wahrnehmungsfähigkeit, seines Wissens, seiner technischen Leistungsfähigkeit und seiner Möglichkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.

Ausgangspunkt meines Vorschlags ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“. Sie überträgt die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte auf einen einzigen Tag. Homo sapiens erscheint in diesem Maßstab erst ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht; die technisch-industrielle Entwicklung der letzten hundert Jahre umfasst knapp zwei Millisekunden.

Die vorausliegenden 23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden stehen für eine planetare Entwicklung, in der sich Leben fortwährend durch Funktionieren oder Nichtfunktionieren, Anpassung und Rückkopplung mit seinen Existenzbedingungen herausgebildet hat. Pflanzen und Tiere besitzen ihre Kompatibilität mit diesen Bedingungen nicht als unveränderliche Eigenschaft. Sie stellen sie durch Wahrnehmung, Stoffwechsel, Bewegung, Tarnung, Schutz, Kooperation, Regeneration und fortlaufende Anpassung immer wieder her.

Der Mensch bleibt vollständig in dieselben physikalischen, biologischen und planetaren Wirkungszusammenhänge eingebunden. Er kann die Natur nicht verlassen und auch nicht unabhängig von ihren Bedingungen handeln. Er kann dies lediglich glauben, wünschen oder darstellen.

Seine Besonderheit besteht darin, Erscheinungen zu benennen, Eigenschaften zuzuschreiben und aus ihnen Vorstellungen, Rollen, Werte, Eigentumsordnungen, technische Systeme und gesellschaftliche Geltungen hervorzubringen. Aus „etwas erscheint als etwas“ wird dabei häufig „etwas ist so“. Das menschlich erfundene Als verschwindet.

Ein Boden erscheint und gilt als Eigentum, obwohl Eigentum keine physikalische Beschaffenheit des Bodens ist. Ein Gegenstand gilt als Ware, ein Stück Papier als Geld, ein Mensch als Experte, Eigentümer, Arbeitnehmer oder Künstler. Diese Geltungen sind keine Eigenschaften der bezeichneten Körper oder Materialien. Sie werden durch Sprache, Dokumente, Institutionen, Geld, Recht, Macht und fortgesetzte gesellschaftliche Tätigkeiten hergestellt.

Sobald der Mensch entsprechend handelt, bleiben diese Erfindungen jedoch nicht in seiner Vorstellungswelt. Sie greifen in Materialien, Organismen, Beziehungen und Lebensräume ein. Aus der Behauptung wird eine Tätigkeit, aus der Tätigkeit ein Werk und aus dem Werk eine Konsequenzspur.

Damit wird der Mensch zum Künstler und sein gesamtes Handeln zum Kunstwerk. Dieses Kunstwerk umfasst nicht nur seine beabsichtigten Produkte, Bilder, technischen Leistungen und gesellschaftlichen Erfolge. Zu ihm gehören ebenso die verwendeten Rohstoffe, die Arbeitsbedingungen, die Verletzungen, die ausgelagerten Schäden, die Umweltzerstörung und die Gefährdung seiner eigenen Existenzgrundlagen.

Meine Forschungskunst setzt deshalb nicht erst beim fertigen Kunstgegenstand an. Sie untersucht die gesamte Hervorbringungskette von der Erscheinung über Wahrnehmung, Benennung und Vorstellung bis zu Tätigkeit, Widerstand, Wirkung, Konsequenz und möglicher Korrektur.

Bildnerische Kunst macht sichtbar, wie eine Vorstellung auf Material, Raum, Gewicht, Zeit und Widerstand trifft. Darstellende Kunst legt offen, wie Menschen Rollen, Identitäten und Geltungsansprüche erzeugen. Beide können den Unterschied zwischen dem menschlich hervorgebrachten Als-ob und der verletzbaren Wirklichkeit transparent, begreifbar und veränderbar machen.

Für die documenta 16 schlage ich deshalb das Soheits-Atelier des globalen Dorfes mit dem Teilbereich Globale Schwarmintelligenz vor. Ausgewählte Schlüsselwerke meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes werden darin zu begehbaren und anwendbaren Versuchsanordnungen.

Malbücher und Roter-Punkt-Aktionen, Wasser-, Wellen- und Strömungsmodelle, Schultafeln, ein handwerkliches Passungsatelier, Rollentheater sowie Frage-und-Antwort-Tische führen die Besucher vom Betrachten zum Tätigwerden und vom Tätigwerden zur Wahrnehmung ihrer Konsequenzen.

Den Prüfrahmen bildet mein Vier-Ebenen-Modell. Es unterscheidet die physikalisch-materiellen Wirkungsbedingungen, die organismischen Bedingungen des Lebens und der Verletzbarkeit, die menschlichen Symbol-, Rollen-, Markt- und Geltungswelten sowie eine öffentliche Ebene der Rückkopplung, Korrektur und Reparatur.

Das Verhältnis 50:50 bezeichnet darin die Gefahr eines spiegelbildlich geschlossenen und scheinbar zeitlosen Gleichgewichtsmodells. Das Verhältnis 51:49 steht als künstlerischer und operativer Maßstab für die minimale Differenz, durch die Bewegung, Richtung, Zeit, Anpassung und Korrektur in Erscheinung treten.

Die digitale Plattform Globale Schwarmintelligenz erweitert das Atelier um Werkarchiv, interaktive Bücher, Besucherbeiträge und eine offene Prüfarchitektur. Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt, sondern als zusätzliches Vergleichs-, Frage- und Kontrollinstrument.

Ich bitte Sie nicht, meine Ausgangsthese ungeprüft zu übernehmen. Mein Vorschlag besteht darin, ihre künstlerische Grundlage und praktische Tragfähigkeit gemeinsam mit den Besuchern anhand der Werke und Versuchsanordnungen öffentlich überprüfen zu lassen.

Die beigefügten zehn Anlagen erläutern die Werkgenese, die 24-Stunden-Uhr, den veränderten Eigenschafts- und Erscheinungsbegriff, die Tätigkeit als Übergang zur Konsequenz, den Menschen als Künstler und Kunstwerk, die sprachgeschichtlichen Grundlagen, das Verhältnis 50:50 zu 51:49, das Vier-Ebenen-Modell sowie die analoge und digitale Realisierung.

Mit 77 Jahren arbeite ich an der Zusammenführung und öffentlichen Verortung meines Lebenswerkes weitgehend allein. Für die technische Weiterentwicklung des interaktiven Buches und der Plattform suche ich Programmierer sowie Kooperationspartner aus Kunst, Wissenschaft, Hochschulen und Forschungsinstituten.

Über die Möglichkeit, Ihnen diesen Werk- und Prüfzusammenhang persönlich vorzustellen, würde ich mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner

Anlage 1: Ausgangsfrage, Werkentwicklung und Begriff der Forschungskunst

Seit 1975 untersuche ich die Frage, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner technischen Fähigkeiten und seiner Möglichkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Diese Frage ist nicht nachträglich zu meinem Lebenswerk hinzugekommen. Sie entstand aus der praktischen Auseinandersetzung mit Material, Landschaft, Technik, menschlichem Verhalten und den Folgen konkreter Tätigkeiten.

Meine damalige Bezeichnung „Experimentelle Umweltgestaltung“ zielte bereits auf ein Kunstverständnis, das die Trennung zwischen bildnerischer Kunst, handwerklicher Tätigkeit, wissenschaftlicher Forschung und gesellschaftlicher Verantwortung überschreitet. Umwelt bedeutete für mich nicht nur Landschaft. Sie umfasste den menschlichen Organismus, soziale Beziehungen, technische Systeme, wirtschaftliche Interessen und die planetaren Bedingungen, innerhalb deren jede menschliche Tätigkeit stattfindet.

Die Erfahrungen mit dem Biberdamm, dem Capella-Orkan und den Deichbrüchen von 1976, meine Beschäftigung mit Bionik, Strömungsforschung und Küstenveränderungen sowie der Bau eigener Wasser-, Wellen- und Landschaftsmodelle führten mich zu einer Kunst, die nicht nur darstellt, sondern untersucht. Materialien und Vorgänge wurden zu Gegenübern, an denen Vorstellungen geprüft werden konnten.

Als Joseph Beuys 1980 zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er den Kern meiner weiteren Arbeit. Wenn jeder Mensch an der Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, können die Folgen seiner Tätigkeit nicht aus seinem Werk herausgerechnet werden. Der erweiterte Kunstbegriff muss deshalb über die Behauptung menschlicher Kreativität hinausführen und Urheberschaft, Verantwortung und Korrekturfähigkeit einschließen.

Forschungskunst bedeutet für mich nicht, wissenschaftliche Erkenntnisse nachträglich zu illustrieren. Die Kunst selbst wird zum Erkenntnis- und Prüfverfahren. Sie erzeugt Situationen, in denen Vorstellungen, Begriffe, Rollen und Tätigkeiten mit einem wirklichen Gegenüber konfrontiert werden.

Eine Vorstellung kann im Kopf widerspruchslos erscheinen. Erst wenn sie in Material, Handlung, Raum oder gesellschaftliche Wirklichkeit überführt wird, zeigt sich, welche Bedingungen sie voraussetzt und welche Folgen sie hervorbringt. Die Forschungskunst untersucht deshalb nicht allein das fertige Ergebnis, sondern die gesamte Entstehungsgeschichte des Werkes.

Zu dieser Geschichte gehören die anfängliche Wahrnehmung, die Benennung, das innere Bild, die Entscheidung, der körperliche und technische Vollzug, die Reaktion des Materials, die Wirkung auf andere Menschen und Organismen sowie die langfristigen Konsequenzen. Das Werk endet nicht dort, wo sein Urheber seine Absicht als erfüllt betrachtet.

Meine Leitfrage hat sich dadurch erweitert. Sie lautet nicht mehr nur: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen? Sie lautet zugleich: Welche Vorstellungen, Benennungen, Rollen und Tätigkeiten bringen diese Zerstörung als menschliches Werk hervor, und wodurch könnte sich der Mensch von diesem Werk korrigieren lassen?

Forschungskunst wird damit zur öffentlichen Überzeugungsprüfung. Sie will den Menschen nicht überreden. Sie stellt seine Aussagen, Tätigkeiten und Konsequenzen so einander gegenüber, dass er selbst prüfen kann, welches Werk er tatsächlich hervorbringt.

Anlage 2: Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde und die menschliche Kompatibilitätsaufgabe

Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ überträgt die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen Tag. Homo sapiens erscheint darin erst ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Die vergangenen hundert Jahre technisch-industrieller Zivilisation entsprechen knapp zwei Millisekunden.

Die Uhr macht kein bloßes Größenverhältnis sichtbar. Sie stellt zwei grundverschiedene Lern- und Rückkopplungsprozesse gegenüber.

Die vorausliegenden 23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden stehen für die Entstehung physikalischer, chemischer und biologischer Wirkungszusammenhänge, innerhalb deren sich Leben entwickeln konnte. Atmosphäre, Wasser, Temperaturbereiche, Stoffkreisläufe, Photosynthese, Zellbildung, Stoffwechsel und unzählige wechselseitige Abhängigkeiten gingen dem Menschen voraus.

Pflanzen und Tiere leben nicht deshalb, weil sie eine fertige Eigenschaft der Angepasstheit besitzen. Ihre Kompatibilität wird durch fortlaufende Tätigkeiten hergestellt: durch Stoffwechsel, Wachstum, Wahrnehmung, Bewegung, Flucht, Jagd, Tarnung, Kooperation, Fortpflanzung und Regeneration.

Funktionieren oder Nichtfunktionieren wird unmittelbar beantwortet. Eine Pflanze kann ihre Verträglichkeit mit Trockenheit nicht behaupten. Ein Tier kann seine Passung an Temperatur, Nahrungsangebot oder Gelände nicht gesellschaftlich darstellen und dadurch ersetzen. Die Rückmeldung erfolgt durch den Organismus und seine Umwelt.

Diese Kompatibilität ist keine harmonische Idylle. Leben beruht auf Konkurrenz, Kooperation, Verletzung, Beuteverhalten, Tarnung und Täuschung. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass diese Strategien an wirkliche Bedingungen rückgebunden bleiben.

Der Mensch ist aus dieser Bedingungswelt nicht herausgetreten. Auch sein Denken, seine Sprache und seine technischen Fähigkeiten beruhen auf einem verletzbaren Organismus, der Wasser, Nahrung, Sauerstoff, Schlaf, Temperaturregulation und soziale Beziehungen benötigt.

Er hat jedoch eine zusätzliche Welt aus Begriffen, Bildern, Rollen, Eigentumsansprüchen, Werten und technischen Modellen hervorgebracht. Diese Welt ermöglicht ihm, sich so darzustellen, als sei er von den Bedingungen seiner Existenz unabhängig.

Beim Menschen wird Kompatibilität daher zur künstlerischen Aufgabe. Weil er Vorstellungen erzeugt und durch seine Tätigkeiten Wirklichkeit verändert, muss er die Übereinstimmung seines Werkes mit den bereits vorhandenen Existenzbedingungen bewusst herstellen und überprüfen.

Seine Freiheit besteht nicht darin, physikalische und biologische Bedingungen außer Kraft zu setzen. Sie besteht in der Fähigkeit, seine Gestaltungen wahrzunehmen, mit ihren Folgen zu vergleichen, zu korrigieren und gegebenenfalls loszulassen.

Die 24-Stunden-Uhr ist deshalb ein Maßstab gegen die menschliche Selbstüberschätzung. Sie fragt, mit welcher Berechtigung der Millisekunden-Mensch seine kurzfristigen Markt-, Eigentums- und Verwertungsordnungen für wirklicher hält als die planetaren Prozesse, von denen er vollständig abhängig bleibt.

Anlage 3: Erscheinung, Eigenschaft und das verschwundene Als

Der bisherige Begriff der Eigenschaft erweist sich als eine zentrale Quelle der Verwechslung. Er fasst sehr unterschiedliche Vorgänge zusammen: physikalische Wirkungsweisen, biologische Funktionen, sprachliche Prädikate, persönliche Bewertungen, gesellschaftliche Rollen, Eigentumsansprüche und metaphysische Behauptungen.

Präziser ist zunächst der Begriff der Erscheinungs- und Wirkungsweise. Etwas tritt unter bestimmten Bedingungen in Erscheinung, wirkt auf etwas anderes ein und kann wahrgenommen, gemessen oder beantwortet werden.

Ein Material besitzt Festigkeit nicht wie einen inneren Gegenstand. Es widersteht unter bestimmten Bedingungen einer Belastung, verändert sich oder bricht. Wasser besitzt das Gefrieren nicht wie einen festen Bestandteil. Es verändert innerhalb bestimmter Temperatur-, Druck- und Zeitverhältnisse seinen Zustand.

Das Experiment findet deshalb keine fertig im Gegenstand liegende Eigenschaft vor. Es stellt Bedingungen her, unter denen eine Wirkungsweise erneut in Erscheinung tritt. Erscheinung bedeutet sowohl Sichtbar- und Wahrnehmbarwerden als auch den Eindruck, etwas sei so, ohne dass dieser Eindruck mit der Wirklichkeit übereinstimmen muss.

Die sprachliche Verdichtung lautet zunächst:

Unter diesen Bedingungen verhält sich etwas auf diese Weise.

Daraus wird:

Der Gegenstand hat diese Eigenschaft.

Schließlich wird daraus:

Der Gegenstand ist so.

Bedingung, Zeit, Bewegung und Beobachtungsverfahren verschwinden. Aus einer Beziehung wird ein Besitz des Gegenstandes. Die bewegliche Wirkungsweise wird zur scheinbar unveränderlichen Eigenschaft.

Beim Menschen tritt ein weiterer Vorgang hinzu. Er bezeichnet etwas als etwas. Ein Stück Boden gilt als Eigentum. Ein Gegenstand gilt als Ware. Ein Papier gilt als Geld. Ein Mensch erscheint als Experte, Künstler, Eigentümer oder Amtsträger.

Diese Bestimmungen sind keine physikalischen Eigenschaften der bezeichneten Körper. Sie sind Geltungsprädikate. Sie werden durch Benennung, gesellschaftliche Anerkennung und fortgesetzte Tätigkeiten hervorgebracht.

Der entscheidende Umschlag erfolgt, wenn das „als“ verschwindet:

Aus „dieser Boden gilt als Eigentum“ wird „dieser Boden ist Eigentum“.

Aus „dieser Mensch tritt als Experte auf“ wird „dieser Mensch besitzt die Eigenschaft überlegenen Wissens“.

Aus „dieses Papier gilt als Geld“ wird „dieses Papier ist Geld“.

Die Geltungsordnung erscheint nun wie eine vorgefundene Wirklichkeit. Der Mensch vergisst seine eigene Urheberschaft.

Das Wort „Schein“ enthält diese Doppelbewegung bereits. Es bezeichnete Licht, Glanz und Sichtbarkeit, konnte aber auch zum sichtbaren Beweis, zur Urkunde, zur Bescheinigung und zum Geldschein werden. Das Erscheinen wird bescheinigt; die Bescheinigung erzeugt gesellschaftliche Geltung.

Die Forschungskunst macht das verlorene Als wieder sichtbar. Sie fragt, was tatsächlich in Erscheinung tritt, was der Mensch hineindenkt, wodurch eine Geltung hergestellt wird und welche Tätigkeit aus ihr folgt.

Ihr Gegenstand ist damit das Prädikationskunstwerk: der gesamte Vorgang, durch den der Mensch etwas als etwas bezeichnet und aus dieser Bezeichnung eine handlungsbestimmende Wirklichkeit hervorbringt.

Anlage 4: Tätigkeit als Übergang von Vorstellung, Denken und Geltung zur Konsequenz

Tätigkeit bezeichnet den Übergang, durch den eine Vorstellung in der verletzbaren Wirklichkeit wirksam wird. Eine Idee, Benennung oder Geltung bleibt nicht im Kopf, sobald Menschen ihr entsprechend handeln.

Der vollständige Vorgang lautet:

Erscheinung, Wahrnehmung, Benennung, Vorstellung, Behauptung, Tätigkeit, Widerstand, Wirkung, Konsequenz, Rückkopplung und Korrektur.

In der deutschen Wortbildung verbindet sich „tätig“ mit der Tat. Tätigkeit bezeichnet nicht nur berufliche Beschäftigung, sondern auch das Wirksamsein eines Organs, einer Maschine, eines Vulkans oder einer Institution. Die Endung „-keit“ bildet aus einem Adjektiv einen scheinbar bestehenden Zustand oder eine Beschaffenheit. Ihre ältere Wortgeschichte führt auf Bedeutungen wie Gestalt, Wesen, Stand, Art und sogar „lichte Erscheinung“ zurück.

Durch die Substantivierung kann jedoch erneut etwas verschwinden. Aus „ein Mensch tut etwas“ wird „eine Tätigkeit findet statt“. Der Handelnde, die Betroffenen und die Folgen werden grammatisch unsichtbar.

Auch Descartes’ „Ich denke, also bin ich“ zeigt diese Verfestigungsbewegung. Zunächst tritt ein Denk- oder Zweifelsvorgang in Erscheinung. Dieser Vorgang wird einem Ich zugerechnet: Ich denke. Anschließend wird Denken zur Eigenschaft dieses Ichs, das Ich zum denkenden Ding und das denkende Ding zur Substanz.

Die Reihe lautet:

Denken geschieht.

Ich denke.

Ich besitze die Eigenschaft des Denkens.

Ich bin ein denkendes Wesen.

Ich bin eine denkende Substanz.

Unmittelbar gegeben ist zunächst nur der Vollzug. Der Träger, seine Unabhängigkeit und die Substanz werden nachträglich hinzugedacht. Das Ich wird zum vermeintlichen Eigentümer des Denkens.

In Wirklichkeit setzt Denken Gehirn- und Nerventätigkeit, Stoffwechsel, Wahrnehmung, Erinnerung, Sprache, Umwelt und gesellschaftlich erlernte Begriffe voraus. Es ist keine unabhängige Eigenschaft eines körperlosen Trägers, sondern eine organismische Tätigkeit in einer planetaren und sozialen Bedingungswelt.

Auch gesellschaftliche Geltung ist keine ruhende Eigenschaft. Eigentum besteht nur, solange Menschen es eintragen, anerkennen, schützen und durchsetzen. Geld gilt nur, solange es angenommen und verrechnet wird. Eine Rolle besteht nur, solange sie dargestellt und von anderen beantwortet wird.

Der passendere Begriff ist deshalb Geltungstätigkeit. Sie bezeichnet einen fortlaufenden Vollzug, durch den etwas als etwas behandelt wird.

Eine Geltungstätigkeit kann starke physikalische Folgen erzeugen. Der Eigentumstitel verändert den Boden nicht unmittelbar. Er kann aber Einzäunung, Bebauung, Abholzung, Verkauf oder Vertreibung auslösen.

Damit wird Tätigkeit zum entscheidenden Prüfpunkt. Eine Behauptung zeigt ihre tatsächliche Gestalt nicht nur in ihrer sprachlichen Form, sondern in dem, was durch sie in Gang gesetzt wird.

Die Forschungskunst fragt deshalb nicht allein: Was denkt oder beabsichtigt der Mensch? Sie fragt: Was tut er aufgrund dieses Denkens, was wird dadurch verändert, und welche Konsequenz gehört zum vollständigen Werk?

Anlage 5: Der Mensch als Künstler, Kunstwerk und Urheber der Katastrophenwelt

Der Mensch wird bereits dadurch zum Künstler, dass er wahrnimmt, auswählt, deutet, benennt und durch seine Tätigkeit Wirklichkeit verändert. Künstlersein beginnt nicht erst im Museum oder mit der bewussten Herstellung eines anerkannten Kunstgegenstandes.

Der Mensch gestaltet Werkzeuge, Räume, Landschaften, Beziehungen, Rollen, Unternehmen, Institutionen, Gesetze und Märkte. Er erzeugt Bilder seiner selbst und der Welt. Er bestimmt, was als wertvoll, nützlich, schön, erfolgreich, normal oder verfügbar gelten soll.

Gleichzeitig ist er selbst Kunstwerk. Sein Organismus, seine Sprache, Erziehung, Ernährung, Umwelt, Beziehungen und Erfahrungen formen ihn. Auch die von ihm erzeugten Systeme wirken auf ihn zurück.

Der Mensch ist daher Künstler, Material, Darsteller, Betrachter und Betroffener seines Werkes zugleich. Er gestaltet die Welt und wird durch die gestaltete Welt erneut gestaltet.

Der traditionelle Werkbegriff trennt häufig das beabsichtigte Produkt von seinen Folgen. Das Auto gilt als Werk, nicht aber der Rohstoffabbau, der Energieverbrauch, der Straßenbau, der Lärm, die Abgase und die spätere Entsorgung. Das Unternehmen gilt als Werk, nicht aber die ausgelagerten Schäden. Der wirtschaftliche Gewinn gilt als Leistung, während seine Voraussetzungen und Opfer aus dem Werk herausgerechnet werden.

Mein erweiterter Kunstbegriff führt diese Bereiche wieder zusammen. Das vollständige Werk umfasst die Vorstellung, die Benennung, die Tätigkeit, das Material, das Produkt, den Gebrauch, den Verschleiß und sämtliche Konsequenzen.

Unter diesem Begriff gehören auch Artensterben, vergiftete Böden, ausgebeutete Landschaften, technische Ruinen und klimatische Veränderungen zum menschlichen Kunstwerk. Sie werden dadurch nicht ästhetisch aufgewertet. Der Kunstbegriff stellt vielmehr die verdrängte Urheberschaft wieder her.

Der Mensch kann nicht allein das Gewünschte als sein Werk beanspruchen und die Schäden als unzuständige Nebenwirkungen behandeln. Die Katastrophenwelt ist die sichtbar gewordene Konsequenz seiner Prädikations- und Tätigkeitskunstwerke.

Die entscheidende Unterscheidung lautet deshalb nicht: Ist der Mensch Künstler oder kein Künstler? Er ist durch seine gestaltende Tätigkeit bereits Künstler.

Die Frage lautet: Erkennt er, welches Werk er tatsächlich hervorbringt? Bleibt er ein Künstler, der nur seine Absicht und Selbstdarstellung betrachtet, oder wird er zu einem verantwortlichen Künstler, der sich durch Material, Organismus und Konsequenz korrigieren lässt?

Künstlersein bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Selbsterhöhung, sondern Verpflichtung. Es verlangt, die vollständige Konsequenzspur des eigenen Handelns als Teil des Werkes wahrzunehmen.

Anlage 6: Sprachgeschichtliche Verwandlungen von Eigenschaft, Werk, Tätigkeit und Besitz

Die verschiedenen Sprachtraditionen zeigen, dass Beschaffenheit, Zuschreibung, Tätigkeit, Werk und Eigentum immer wieder miteinander verbunden, getrennt und erneut verschmolzen wurden. Diese Begriffsarchäologie ist kein sprachwissenschaftlicher Zusatz. Sie macht sichtbar, wie tief die menschliche Als-ob-Welt in der Grammatik verankert ist.

Deutsch

Die deutsche Wortfamilie „eigen – Eigenschaft – Eigentum – Eigentümer – eigentlich – eigentümlich“ verbindet das charakteristisch Zukommende mit Haben, Besitzen und Beherrschen. „Eigen“ bezeichnete zunächst, was jemandem gehörte; daraus entwickelte sich die Bedeutung dessen, was einer Person oder Sache besonders zukommt. Im Mittelhochdeutschen konnte „Eigenschaft“ auch Eigentum, Eigentümlichkeit und Leibeigenschaft bezeichnen.

Dadurch liegt im deutschen Eigenschaftsbegriff eine schwer erkennbare Nähe zwischen Beschaffenheit und Besitz. Die Aussage, ein Gegenstand „habe“ Eigenschaften, kann in die Vorstellung übergehen, der Mensch habe diese Eigenschaften durch Erkenntnis begrifflich in Besitz genommen.

Die Wortlinie „Tat – tätig – Tätigkeit – Tatsache“ zeigt eine zweite Verfestigung. Ein Tun wird zur Tat, die Tat zur Tätigkeit und das Ergebnis zur vermeintlich vorgefundenen Tatsache. Die Herstellungsgeschichte kann dabei verschwinden.

Griechisch

Das Griechische unterscheidet stärker zwischen verschiedenen Vorgängen. Poiótēs bezeichnet Qualität oder Beschaffenheit. Poíēsis bezeichnet Herstellung, Hervorbringung, Schöpfung und Produktion. Praxis bezeichnet den Vollzug des Handelns, während érgon das Werk oder Ergebnis bezeichnet. Poíēsis wird ausdrücklich als Hervorbringung gegenüber praxis als Handlung unterschieden. (atlas.perseus.tufts.edu)

Diese Unterscheidung ist für die Forschungskunst wichtig. Eine gesetzte Vorstellung wird nicht schon dadurch wahr, dass sie gedacht wird. Erst durch Praxis und Poíēsis tritt sie in eine Werk- und Konsequenzwirklichkeit ein.

Gleichzeitig kann selbst érgon vom Werk und Handeln zu Besitz und Vermögen übergehen. Bereits hier zeigt sich, wie das Hervorgebrachte zur verfügbaren Habe werden kann. (atlas.perseus.tufts.edu)

Latein und römische Ordnung

Cicero bildete qualitas als lateinische Übersetzung des griechischen poiótēs. Das Wort bezeichnete Beschaffenheit, Natur, Zustand und Qualität. (atlas.perseus.tufts.edu)

Proprietas bezeichnete zunächst Besonderheit, Eigentümlichkeit und besondere Natur eines Dinges. Später erhielt dasselbe Wort die Bedeutung von Eigentum und Besitzrecht. Die Beschaffenheit eines Gegenstandes und die rechtliche Verfügung über ihn wurden damit in einer Wortlinie verbunden. (atlas.perseus.tufts.edu)

Actio umfasste Tun, Ausführen, öffentliches Handeln, Amtstätigkeit, gerichtliches Verfahren und darstellerischen Vortrag. Tätigkeit wurde damit zugleich körperlicher Vollzug, gesellschaftliche Rolle, Rechtsakt und Inszenierung. (atlas.perseus.tufts.edu)

Die römische Ordnung verstärkte die Wirksamkeit des Als. Eine Person handelte nicht nur körperlich, sondern als Eigentümer, Amtsträger, Kläger oder Vertragspartner. Der Rechtsakt konnte Verfügungsmöglichkeiten verändern, ohne die physikalische Beschaffenheit des bezeichneten Gegenstandes zu verändern.

Englisch

Das englische property bezeichnet bis heute sowohl Besitz und Eigentum als auch eine Qualität oder charakteristische Eigenschaft. Historisch stand zunächst die besondere Natur oder charakteristische Beschaffenheit im Vordergrund; die Besitzbedeutung gewann später erheblich an Gewicht. (Oxford Learner's Dictionaries)

Quality entwickelte sich von Beschaffenheit und Art auch zur Bewertung von Güte und gesellschaftlichem Rang. (Etymology Online)

Work verband bereits im Altenglischen Tat, Handlung, hergestelltes Produkt, körperliche Arbeit, Handwerk und Erwerbsmöglichkeit. Business entwickelte sich aus Beschäftigtsein und Berufstätigkeit in Richtung Handel und Geschäft. (Etymology Online)

Act bezeichnet Handlung, Gesetzesakt und Schauspiel. Damit bleibt im Englischen besonders deutlich, dass gesellschaftliches Handeln immer auch Darstellung sein kann. (Etymology Online)

Hebräisch

Im modernen Hebräisch kann teḵuná Eigenschaft, Merkmal, Charakteristikum oder Attribut bezeichnen, während eikhút stärker für Qualität verwendet wird. Die Hebräische Sprachakademie führt teḵuná in unterschiedlichen Fachgebieten für property, characteristic, feature und attribute. (terms.hebrew-academy.org.il)

Middá bezeichnet Maß, Messung, Größe und Maßstab. Hier bleibt eine für meine Arbeit wichtige Verbindung erhalten: Eine Bestimmung muss sich an einem Maß und Vergleich zeigen. (Bible Hub)

Maʿaseh verbindet Tat, Arbeit, Werk, Produkt und Ergebnis. Tun und hervorgebrachtes Werk bleiben damit enger miteinander verbunden, als es die moderne Trennung zwischen Tätigkeit und Nebenfolge nahelegt. (Bible Hub)

Arabisch

Das arabische ṣifa kann Qualität, Attribut, Eigenschaft, Zustand und Beschreibung bezeichnen. Der Begriff liegt damit genau an der Grenze zwischen dem, was einem Gegenstand zugesprochen wird, und dem, was als seine Beschaffenheit behandelt wird. (laneslexicon.com)

Kayfiyya bezeichnet die Art und Weise, das Wie oder die Beschaffenheitsweise. Dieser Begriff hält die Frage offen, wie etwas erscheint oder wirkt, anstatt sofort einen festen Besitz namens Eigenschaft anzunehmen.

Für das Handeln unterscheiden sich fiʿl, das Tun oder Bewirken, und ʿamal, das stärker absichtsvolle Arbeiten und Tätigsein. Dadurch kann zwischen einem Geschehen und einem zielgerichteten menschlichen Vollzug differenziert werden.

Die arabische Begriffswelt macht außerdem sichtbar, dass eine sprachliche Eigenschaft wahr oder falsch zugesprochen werden kann. Das Prädikat bleibt damit zunächst eine Aussage und nicht automatisch eine im Gegenstand vorhandene Wirklichkeit.

Sanskrit und indische Denktraditionen

Die indischen Traditionen unterscheiden mehrere Begriffe, die im Deutschen häufig sämtlich als Eigenschaft oder Tätigkeit übersetzt werden.

Guṇa bezeichnet Qualität, Merkmal oder Bestimmung. Lakṣaṇa bezeichnet Kennzeichen, Spur oder unterscheidendes Merkmal. Svabhāva bezeichnet eine eigene Seins- oder Wirkungsweise. Diese Differenzierung verhindert, dass Wahrnehmungszeichen, natürliche Beschaffenheit und begriffliche Zuschreibung vollständig zusammenfallen.

Karman umfasst Handlung, Arbeit, Werk, Funktion, Ergebnis und fortwirkende Konsequenz. Tat und Folge werden dadurch nicht voneinander abgespalten.

Kriyā bezeichnet den Vollzug, das Tun und Ausführen. Pravṛtti bezeichnet das In-Gang-Kommen und die Hinwendung zur Tätigkeit.

Diese Begriffe kommen dem Tätigkeits- und Konsequenzverständnis meiner Forschungskunst besonders nahe: Eine Handlung endet nicht mit der Absicht ihres Urhebers. Sie setzt sich in ihren Wirkungen fort und wird zur Bedingung weiteren Geschehens.

Die verschiedenen Sprachlinien zeigen gemeinsam: Aus Wahrnehmung wird Benennung, aus Benennung eine Eigenschaft, aus der Eigenschaft ein Besitzanspruch, aus dem Besitzanspruch eine Tätigkeit und aus der Tätigkeit ein Werk. Die Forschungskunst muss diese verschmolzenen Vorgänge wieder unterscheidbar machen.

Anlage 7: 50:50, 51:49, Symmetriedualismus, Zeit und Bewegungsdynamik

Das Verhältnis 50:50 bezeichnet in meinem Modell keine bloße mathematische Gleichheit. Es steht für eine Vorstellung, in der zwei Seiten spiegelbildlich, abgeschlossen und scheinbar vollkommen miteinander übereinstimmen.

Eine solche Symmetrie kann den Eindruck von Ordnung, Gerechtigkeit und Vollständigkeit erzeugen. Sie blendet jedoch leicht aus, wie das Verhältnis entstanden ist, in welche Richtung es sich verändert und welcher Aufwand erforderlich ist, um es zu erhalten.

50:50 kann dadurch zu einer Gleichgewichtsblindheit führen. Das fertige Bild wird betrachtet, während Zeit, Bewegung, Belastung, Verzögerung und Rückkopplung verschwinden.

Das Modell behandelt das Gleichgewicht wie eine Eigenschaft, die ein System besitzt. Tatsächlich ist ein lebendiges Gleichgewicht jedoch Tätigkeit. Es muss fortlaufend hergestellt, überprüft und angepasst werden.

Mit 51:49 tritt die minimale Differenz in Erscheinung. Diese Differenz erzeugt Richtung, Spannung, Bewegung und die Möglichkeit, eine Veränderung wahrzunehmen.

51:49 bezeichnet keine von mir behauptete universelle physikalische Naturkonstante. Es ist ein künstlerischer, methodischer und operativer Maßstab. Er richtet die Aufmerksamkeit auf jene kleinste Abweichung, durch die ein vermeintlich geschlossenes System wieder als zeitlicher Prozess erkennbar wird.

Die Differenz führt nicht notwendig in ein zerstörerisches Extrem. Sie kann die Bedingung eines beweglichen Gleichgewichts sein. Ein System bleibt tragfähig, wenn es seine Abweichungen wahrnimmt und auf sie antworten kann.

Pflanzen und Tiere leben in solchen fortlaufenden Regel- und Anpassungsvorgängen. Ihr Gleichgewicht ist kein Stillstand. Es besteht aus Stoffwechsel, Bewegung, Reizung, Wachstum, Abbau, Reparatur und Veränderung.

Auch ein Kunstwerk entsteht nicht durch die vollkommen identische Übertragung einer inneren Vorstellung auf das Material. Die Abweichung zwischen Vorstellung und Ergebnis zwingt den Künstler zu Wahrnehmung, Entscheidung und Korrektur.

Im gesellschaftlichen Bereich wird 50:50 dagegen häufig zur behaupteten Gleichheit zweier formal festgelegter Positionen. Dabei kann übersehen werden, dass Macht, Verletzbarkeit, Zeit, Ressourcen und Konsequenzen ungleich verteilt sind.

51:49 fragt deshalb nicht nur nach rechnerischer Gleichheit. Es fragt nach Bewegungsrichtung, Rückkopplungsfähigkeit und Konsequenzverteilung.

Der zentrale Gegensatz lautet:

50:50 stellt das Gleichgewicht als fertige Eigenschaft dar.

51:49 untersucht Gleichgewicht als verletzbare Tätigkeit.

Damit bringt 51:49 die Zeit in das Werk zurück. Es fragt nicht nur, wie etwas im Augenblick erscheint, sondern wodurch es entstanden ist, wohin es sich bewegt und an welchem Punkt es kippen könnte.

Anlage 8: Das Vier-Ebenen-Modell als öffentlicher Prüfrahmen

Die vier Ebenen bilden den Prüfrahmen, innerhalb dessen Menschen ihr Selbstbild und ihr Existenzverständnis mit den tatsächlichen Bedingungen ihres Funktionierens, ihres Lebens, ihres gesellschaftlichen Handelns und ihrer Korrekturfähigkeit konfrontieren können.

Erste Ebene: Physikalisch-materielle Wirkungsbedingungen

Die erste Ebene umfasst Raum, Zeit, Energie, Bewegung, Gewicht, Temperatur, Widerstand, Belastbarkeit, Grenze und Materialveränderung.

Hier zeigt sich, ob etwas trägt, fließt, bricht, sich erwärmt, abkühlt oder seine Form verändert. Diese Rückmeldungen können nicht durch Wunsch, Rolle, Preis oder gesellschaftliche Anerkennung ersetzt werden.

Statt von unveränderlichen Eigenschaften wird auf dieser Ebene nach bedingungsgebundenen Erscheinungs- und Wirkungsweisen gefragt: Was geschieht unter welchen Bedingungen, in welcher Zeit und mit welcher Folge?

Zweite Ebene: Leben, Stoffwechsel und Verletzbarkeit

Die zweite Ebene betrifft lebende Organismen und ihre Milieus. Leben benötigt Versorgung, Stoffwechsel, Regeneration, Schutz und Anpassung.

Ein Organismus kann technisch funktionieren und dennoch geschädigt werden. Effizienz ist nicht mit Lebensfähigkeit identisch. Schäden können zeitverzögert auftreten und sich kumulieren.

Die Grenze zwischen Organismus und Umwelt ist dabei nicht absolut. Leben bildet ein Plexusgewebe aus Wasser, Luft, Nahrung, Mikroorganismen, Temperatur, Beziehungen und Stoffkreisläufen.

Dritte Ebene: Symbol-, Rollen-, Eigentums-, Markt- und Geltungswelt

Auf der dritten Ebene entstehen Sprache, Begriffe, Identitäten, Rollen, Gesetze, Preise, Eigentumsordnungen, Status und gesellschaftliche Erwartungen.

Diese Ebene ist nicht einfach unwirklich. Sie besitzt große Wirksamkeit, weil Menschen nach ihren Regeln handeln. Sie kann jedoch die Bedingungen der ersten beiden Ebenen nicht außer Kraft setzen.

Das Problem entsteht, wenn Geltungsprädikate wie Eigentum, Wert, Fortschritt, Autonomie oder wirtschaftliche Notwendigkeit als vorgefundene Eigenschaften behandelt werden.

Vierte Ebene: Öffentliche Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur

Die vierte Ebene führt die menschlichen Behauptungen und Geltungsordnungen auf ihre materiellen, organismischen und planetaren Konsequenzen zurück.

Ihre zentrale Frage lautet:

Welche nicht verhandelbare Rückmeldung aus der physikalischen oder organismischen Wirklichkeit würde diese Aussage korrigieren, und wer trägt die Konsequenz, wenn sie falsch ist?

Eine Aussage wird dadurch nicht allein nach ihrer Überzeugungskraft, rechtlichen Zulässigkeit oder Marktgängigkeit beurteilt. Sie wird mit den Tätigkeiten und Folgen verglichen, die aus ihr hervorgehen.

Die vier Ebenen trennen nicht vier unabhängige Welten. Sie machen unterschiedliche Prüf- und Geltungsweisen innerhalb eines gemeinsamen Wirkungszusammenhangs sichtbar.

Ein Gegenstand kann gleichzeitig Materialgefüge, Lebensbedingung, Eigentum, Ware, Erinnerungsort und Statuszeichen sein. Diese Bestimmungen besitzen jedoch unterschiedliche Grundlagen. Das Modell verhindert, dass sie sämtlich unter dem unbestimmten Wort „Eigenschaft“ verschmolzen werden.

Auf der Plattform Globale Schwarmintelligenz und im Soheits-Atelier können Besucher auf dieser Grundlage prüfen, ob ihre Interessen, Ich-Vorstellungen, Rollen, Wünsche und Geltungsansprüche mit den Bedingungen kompatibel sind, von denen ihre Existenz tatsächlich abhängt.

Anlage 9: Das Soheits-Atelier des globalen Dorfes als begehbarer Prüfprozess

Das Soheits-Atelier des globalen Dorfes ist als begehbarer Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang konzipiert. Es ist weder eine traditionelle Retrospektive noch ein beliebiger Beteiligungsraum.

Der Begriff Soheit richtet die Aufmerksamkeit auf das, was sich tatsächlich in Erscheinung, Tätigkeit und Konsequenz zeigt, bevor es durch Wunsch, Rolle oder Geltungsbehauptung überformt wird.

Ausgewählte Schlüsselwerke meines Lebenswerkes werden nicht nur ausgestellt, sondern als Versuchsanordnungen aktiviert.

Die 24-Stunden-Uhr

Die Besucher verorten die Erdgeschichte, Homo sapiens, ihre eigene Lebenszeit, die Industrialisierung und aktuelle technische Entwicklungen auf der 24-Stunden-Uhr. Dadurch wird aus abstrakter Zeit eine persönliche Verortungsfrage.

Malbücher und Roter-Punkt-Aktion

Die Malbücher eröffnen einen Raum zwischen Vorgabe und eigener Ergänzung. Wahrnehmung und Darstellung werden als Tätigkeiten erfahrbar.

Der rote Punkt wird vom Verkaufszeichen zum Zeichen eines eigenen Interesses. Besucher markieren, mit welcher Frage sie sich beschäftigen wollen, und können Menschen mit verwandten Interessen finden.

Wasser-, Wellen- und Strömungsmodelle

Die Modelle machen Widerstand, Anpassung, Unterspülung, Ablagerung, Asymmetrie und Kipppunkte unmittelbar sichtbar.

Kleinste Veränderungen der Form oder Strömungsrichtung können weitreichende Konsequenzen erzeugen. Das Verhältnis 51:49 wird nicht behauptet, sondern als Frage an die beobachtbare Bewegungsdynamik erprobt.

Handwerkliches Passungsatelier

Hier trifft die Vorstellung auf Werkzeug, Material und körperliche Tätigkeit. Die Besucher erfahren, dass jede Bearbeitung Folgen erzeugt und dass Material nicht bloß passiver Träger einer Idee ist.

Passung bedeutet nicht, dem Material eine fertige Vorstellung aufzuzwingen. Sie entsteht im Vergleich zwischen Absicht, Widerstand und Ergebnis.

Schultafeln und Begriffsarbeit

Begriffe wie Eigenschaft, Eigentum, Erscheinung, Tätigkeit, Wert, Freiheit, Geist, Kunstwerk und Verantwortung werden öffentlich untersucht.

Die Schultafel hält Aussagen sichtbar, ohne sie sofort als endgültige Wahrheiten festzuschreiben. Sie erlaubt Ergänzung, Widerspruch, Korrektur und Löschung.

Rollentheater

Im Rollentheater können Besucher als Käufer, Verkäufer, Eigentümer, Arbeitnehmer, Experte, Künstler oder politischer Entscheidungsträger auftreten.

Die Rolle wird ausdrücklich als Rolle erkennbar. Dadurch entsteht Distanz zwischen dem Menschen und seiner gesellschaftlichen Darstellung.

Frage-und-Antwort-Tische

Eigene Aussagen, Interessen und Überzeugungen werden durch das Vier-Ebenen-Modell geführt.

Welche physikalischen Bedingungen liegen vor? Welche Organismen sind betroffen? Welche Eigenschaften wurden zugeschrieben? Welche Tätigkeit folgt daraus? Welche Konsequenz könnte die Aussage korrigieren?

Die Besucherdramaturgie führt damit vom Betrachten über die Tätigkeit zur Konsequenzwahrnehmung. Beteiligung bedeutet nicht nur, etwas hinzuzufügen. Sie bedeutet, das eigene Handeln als Teil eines gemeinsamen Kunstwerks zu erkennen.

Das Atelier wird zu einer öffentlichen Werkstatt, in der nicht nur meine These, sondern auch die Vorstellungen der Besucher geprüft werden.

Anlage 10: Globale Schwarmintelligenz, künstliche Intelligenz und die Weiterführung des Werkes

Die Plattform Globale Schwarmintelligenz bildet die digitale Erweiterung des Soheits-Ateliers. Sie verbindet Werkarchiv, interaktive Bücher, Begriffsarbeit, Besucherbeiträge und eine offene Prüfarchitektur.

Schwarmintelligenz bedeutet dabei nicht, dass eine große Zahl von Menschen automatisch zu einer richtigen Erkenntnis gelangt. Auch ein Schwarm kann Vorurteile, Marktzwänge, Feindbilder und selbstzerstörerische Gewohnheiten verstärken.

Globale Schwarmintelligenz entsteht erst, wenn unterschiedliche Kenntnisse, Erfahrungen und Perspektiven in einen gemeinsamen, korrigierbaren Prüfprozess eintreten.

Die Plattform führt Beiträge nicht nur zusammen. Sie fragt nach ihrer Verortung:

Handelt es sich um eine physikalische Wirkungsbehauptung?

Um eine organismische Lebensbedingung?

Um ein gesellschaftliches Geltungsprädikat?

Oder um einen Vorschlag zur Prüfung, Korrektur und Reparatur?

Das interaktive Buch ist deshalb kein abgeschlossenes digitales Werk. Der Leser wird zum Beteiligten, indem er Fragen, Gegenbeispiele, Beobachtungen und Korrekturen einbringt.

Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als Eigentümerin von Wissen und nicht als Wahrheitsinstanz verstanden. Sie kann sprachliche Muster vergleichen, Widersprüche markieren, unterschiedliche Perspektiven formulieren und verborgene Voraussetzungen einer Aussage sichtbar machen.

Auch ihre Antworten bleiben Behauptungen, die auf ihre Quellen, Ebenen und Konsequenzen hin geprüft werden müssen.

Die Verbindung von analogem Atelier und digitaler Plattform ermöglicht es, die während der documenta entstehenden Fragen und Versuchsergebnisse über den Ausstellungszeitraum hinaus weiterzuführen.

Besucherbeiträge können dokumentiert, miteinander verknüpft und erneut den vier Prüfungsebenen ausgesetzt werden. So entsteht kein beliebig wachsendes Archiv, sondern ein fortlaufender Werk- und Korrekturprozess.

Das Projekt verbindet damit drei Aufgaben: die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes, seine gegenwärtige Anwendung durch die Besucher und den Aufbau einer langfristigen öffentlichen Prüfplattform.

Für die Realisierung werden räumliche, technische, wissenschaftliche und personelle Kooperationen benötigt. Dazu gehören die Auswahl und Aufbereitung der Werke, der Aufbau der Versuchsanordnungen, die Programmierung des interaktiven Buches, die Betreuung der Plattform und die Dokumentation der Besucherprozesse.

Die persönliche und strukturelle Paradoxie des Projektes besteht darin, dass ich eine Globale Schwarmintelligenz entwickelt habe, bei ihrer Fertigstellung jedoch weitgehend ohne ein tragendes Kollektiv und ohne ausreichende technische und finanzielle Mittel arbeite.

Gerade deshalb wäre die documenta 16 nicht nur ein Ausstellungsort. Sie könnte zum Ort werden, an dem sich prüfen lässt, ob aus einem individuellen Lebenswerk ein gemeinsamer künstlerischer Forschungs- und Reparaturprozess entstehen kann.

Die abschließende Frage lautet:

Welches Werk bringt der Mensch durch seine Benennungen, Geltungen und Tätigkeiten tatsächlich hervor, und ist er bereit, die gesamte Konsequenz dieses Werkes als seine künstlerische Verantwortung anzuerkennen?..............