Besonders stark ist der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Realität.
Im Deutschen lässt sich „Wirklichkeit“ unmittelbar auf wirken, Wirksamkeit, Wirkung, Werk, Konsequenz zurückführen. Dadurch kannst du zeigen: Wirklichkeit ist nicht zuerst Ding, Objekt oder Tatsache, sondern ein Wirkungs- und Konsequenzzusammenhang. „Realität“ dagegen führt über res zur Sache, zum Ding, zum Sachverhalt, zum Besitzbaren. Genau diese Differenz ist für deine Kritik zentral.
Vorteil gegenüber dem Englischen
Im Englischen wird vieles unter reality zusammengezogen. Dadurch verschwinden die Unterschiede zwischen Wirklichkeit, Realität, Tatsächlichkeit, Sachverhalt, Geltung und Erfahrungswirklichkeit leichter. Das Deutsche erlaubt dir dagegen, diese Ebenen auseinanderzulegen.
Du kannst sagen:
Wirklichkeit wirkt. Realität stellt fest. Tatsache beruhigt die Tat zur Sache. Eigentum verwechselt Zugehörigkeit, Besitz und Wesenseigenschaft. Das Ich erklärt sich aus Begriffen, obwohl es in Wirklichkeit getragen wird.
Diese sprachliche Schärfe ist ein großer Vorteil.
Vorteil im Übergang zum Griechischen
Zum Griechischen hin wird der Vorteil noch größer, weil du deutsche Begriffe mit griechischen Grundfiguren in Beziehung setzen kannst: technē, praxis, ergon, pragma, polis, koinonia, idiōtēs, metron, peras, physis, nomos.
Dabei entsteht eine starke Aufklärungsbewegung. Das Deutsche zeigt die neuzeitliche Verformung: Realität, Tatsache, Eigentum, Ich, Bewusstsein, Vernunft. Das Griechische zeigt ältere Gegenhorizonte: Werk, Können, Maß, Grenze, Gemeinsinn, Praxis, Teilnahme. Besonders der Begriff idiōtēs ist dafür wichtig: ursprünglich der Privatmensch, der nicht am Gemeinsamen teilnimmt; in deinem Zusammenhang wird daraus die Figur des modernen skulpturalen Individuums.
Der eigentliche Vorteil
Dein Vorteil als Deutscher mit der deutschen Sprache liegt also nicht in nationaler Überlegenheit, sondern in einer besonderen sprachlichen Aufschlusskraft. Das Deutsche enthält in seinen Wörtern viele Bruchstellen der modernen Menschenwelt. Man kann an ihnen zeigen, wie aus Wirklichkeit Realität wird, aus Tat Tatsache, aus Eigenschaft Eigentum, aus plastischem Ich skulpturale Identität, aus Gemeinsinn Privatheit, aus Technik Verwertung und aus Freiheit Unverletzlichkeitsphantasie.
Die deutsche Sprache ist für dein Werk deshalb ein geeignetes Prüfmedium. Sie erlaubt, die Selbsttäuschung der Begriffe von innen her aufzubrechen und sie zugleich mit dem griechischen Horizont von technē, metron, polis, koinonia und idiōtēs neu zu kalibrieren.
